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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.
Nur eine Kleinigkeit.

Es war schon Nacht, als Walter mit seinen Erkundigungen in das Hotel des Ministers zurückkehrte.

Es waren inzwischen noch mehr Nachrichten eingegangen, geeignet, die ernste Stimmung des Staatsmannes zu erhöhen. Seine Gereiztheit hatte aber einer klaren Ruhe Platz gemacht, gleich wie das Dunstgewölk draußen einem sternenklaren Himmel, das Geräusch des Abends einer tiefen Stille gewichen war. Nur aus entfernten Gärten und Tabagien schallte noch eine dumpfe Musik.

Depeschen wichtigen Inhalts waren dem Minister kommuniziert worden: Napoleon hatte endlich offiziell dem Berliner Kabinett die Stiftung des Rheinbundes notifiziert mit einer formellen Aufforderung, dieser Konföderation zum Wohle des gesamten Deutschlands beizutreten. Ein bittrerer diplomatischer Hohn ließ sich kaum denken. Eben als Laforest von seiner Meldung zurückgekehrt, hatte er die Serenade der Gendarmen empfangen!

»Das ist ein reiner Zufall!« war Walters Meinung.

»Wenn nun die ganze Weltgeschichte Zufälligkeiten wären, die unser grübelnder Verstand zu einer Kette von Notwendigkeiten verschlingt!«

Walter meinte, daß Laforest zu verständig sei, eine Insulte trunkener Jünglinge anders zu betrachten, als sie war.

»Gewiß«, hatte der Freiherr erwidert, »Napoleon wird um dieser Albernheit willen keine Stunde früher losschlagen, als seine Absicht ist. Aber eben, weil wir und er noch nicht gerüstet sind, weil wir beide die Maske der Freundlichkeit noch nicht abwerfen dürfen, zu welchen Lügen zwingt uns abermals die Unbesonnenheit! Man muß die jungen Leute härter strafen als nötig. Hardenberg muß wieder mit süßschwellenden Lippen Beteuerungen unserer freundschaftlichen Gesinnung machen. Das ist der Fluch unserer Gedankenlosigkeit«, setzte er hinzu, »des Allesgehenlassens, daß sich Zustände, Stimmungen entwickeln, die naturgemäß heraus müssen; wir ließen sie zu, wir nährten sie sogar, und wenn es zur Explosion kommt, erschrecken wir, stehen ratlos und möchten mit Keulen das Kind zurückschlagen, das aus der Mutter Leibe will.«

Der Minister stand wie immer am offenen Fenster. Atmete er die frische Herbstluft ein oder verfolgte sein Auge das sternenbesäete Firmament? Zuweilen schien er auf die Blaseinstrumente zu horchen, deren Töne der Luftzug aus entfernten Tabagien und Gärten herantrug. Es war immer der Dessauer Marsch.

»Der Alte Dessauer sang ja auch wohl die Kirchenlieder nach der Weise! – Es ist alles hier eine Weise. Das ist's, was den Mut dämpft!«

Walter meinte, in Ansichten sei doch eine Musterkarte vorhanden.

»Nein, die Uniform ist ins Blut gedrungen. Das ist's! Das ist das Übel. Ein König war einmal ein Wüterich der Sitte, da wurde das Volk puritanisch, ein anderer ein Freidenker, da wurden sie Freigeister. Dann Libertins, zur Abwechselung Träumer, magnetisch verzückt, Geisterseher. Aus Überdruß auch wieder tugendhaft, häuslich. Sie wären Enzyklopädisten, Freimaurer, bureaukratisch fischblütige Jakobiner geworden, wenn Mencken länger gelebt und Beyme nicht in die Stricke der andern gefallen wäre! – Und was das Übelste vom Übel, sie halten diese Virtuosität des Nachspringens noch für Bravour und Tugend.«

»Und hat nicht diese Virtuosität oder Tugend unsern Staat zu dem gemacht, was er ist?«

»Respekt vor dem Geschlecht, junger Freund! Die großen Männer waren es, die Riesengeister, von jenen Bergen stammend, auf denen auch der Hohenstaufen in die Wolken sah.«

Auch die Stammburg des Ministers schaute von einem Berge in die Wolken. Der Minister mußte den lächelnden Zug um seine Augen verstanden haben; es lag wieder etwas wegwerfende Härte in seinem Ton:

»Sie können nicht dafür, daß Sie es nicht begreifen. Ihre ganze Erziehung, die Bildung hier ist daran schuld. – Es war ein Experiment, wie es in der Weltgeschichte noch nicht einmal vorgekommen. Daß eine Dynastie, ein Fürstengeschlecht, ein Volk machte! Zusammengeleimt widerstrebende Teile mit seinem Blute. Ich sage Ihnen, ich habe den höchsten Respekt vor diesem Blute. Welche Eisenteile, welche Elastizität, welche Attraktionskraft, Klarheit muß die Schöpferin Natur da einmal in ihrer übermütigen Laune hineingegossen haben! Aber wenn ein Volk, wenn Stämme, wenn die Natur selbst darüber untergingen, dann erlaube ich mir wenigstens eine Träne an ihrem Grabe.«

Nach einer Pause hub er wieder an: »Ich sage Ihnen, ohne Aristokratie ist kein Leben in der Natur, kein Fortschritt in der Menschheit. Die Weltgeschichte wäre ein mongolisch-chinesischer Brei, ohne Halt, Erhebung, tragische Größe. Wenn man die Kirchtürme abbricht und die Schornsteine höher mauert, die Berge planiert und mit Schubkarren Hügel aufführt, ist das Ersatz? Was wäre der Erdball ohne sein Granitgerippe, das ihn zusammenhält gegen Orkane und Fluten, Wälle gegen Sonnenbrand und Steppensand! Wo entspringen die Flüsse? In dem ewigen Schnee, der auf ihren Firnen lagert. Die Menschennatur ist nicht anders. Hab ich eine Stimme wie die Catalani? Sind Sie schön wie Adonis? Können wir's uns geben? Sie würden mich, ich Sie einen Tor nennen, wenn wir danach trachteten. Wohin hat die Gleichmacherei der Jakobiner geführt! Frankreich seufzt unter einem neuen Marschallsadel; so dünn plattiertes Gold es sei, das Volk muß es von seinem Schweiße hergeben, wie es die Säckel der Direktoren füllen, die Guillotinen mit seinem Gelde bauen mußte! Ist der alte Adel darum tot? Er lauert nur und läßt seine Nägel wachsen, ums wieder an sich zu scharren, wenn die Gelegenheit kommt. Das die Wirkung der Impetuosen.«

»Hier liegt aber vor uns die Arbeit eines Jahrhunderts, und darüber. Wir sehen nicht mehr die Arbeit, nur das fertige Werk.«

»Ist es fertig?« – Er schüttelte den Kopf – »Was wäre der schönste Gliederbau wert, dem der Kopf fehlte? – Man fingt an, auf Friedrich zu schmälen. Man hat unrecht, auch der wackere Arndt irrt. Was er als Sünde des Individuums züchtigt, war nur der Instinkt des Blutes, es war die wunderbare Aufgabe der Dynastie, die Naturen und ihre Summitäten zu ertöten, um aus sich heraus allein das Werk zu erschaffen. Wär's ihnen gelungen, gelingt es ihnen, dann sind sie im Recht; es war eine Mission, eine Aufgabe von Gott, aber –«

Das plötzliche Verstummen des Ministers war nicht von den Zeichen begleitet, welche den Willen, ein Gespräch abzubrechen, andeuten. Er wollte Widerspruch. Walter aber lenkte es von einer Seite ab, von der er wußte, daß sie für den Freiherrn immer empfindlich war. Er lenkte es auf die Fragen hin: ob denn die großen Reorganisationspläne des Staatsmannes gerade in dem kritischen Augenblicke an der Zeit seien?

»Jetzt oder nie!« fiel der Freiherr ein. »Preußens Geschichte laß ich als eine seltene Rarität unberührt. Wir empfingen das Werk mit dem Stempel, den seine Schöpfer darauf gedrückt. Diese Schöpfer sind tot. Und wenn sie als Geister aus ihren Grüften um uns schwebten, sie könnten uns doch nicht zuflüstern, was wir tun müssen, denn ihre Kenntnis ist aus ihrer Zeit. Wir müssen aus der schöpfen, die ist. Ein stolzes Orlogschiff schaukelt im stürmischen Meere. Seine Kapitäne und Steuerleute sind gestorben, ihre Papiere verloren, selbst die Traditionen, wohin es steuern müsse, sind es. Was soll man tun? Die Hände in den Schoß legen, es den Winden überlassen, wohin sie treiben? – Ja, dann verdienten sie, Mann und Maus, elendiglich auf dem Wrack umzukommen. – Nein, das Volk wird zusammentreten, beraten, die Tüchtigsten aus sich, die Erfahrensten, die Kühnsten auswählen, sie in die Masten schicken, ihnen das Steuer in die Hand geben, und, mit Gott, sie werden tun, was an ihnen ist, sich und das Fahrzeug zu retten. – Ein solches Schiff ist Preußen, ein solcher Augenblick ist dieser. – Jetzt gilt es, das Volk aufrufen, jetzt oder nie. Erwacht, erwägt, was es euch ist, dies Vaterland, ob es wert, daß ihr alles daran setzt, alles, nicht nur Gut und Blut, auch die Gewöhnung, das eingeschrumpfte Dasein, den Stolz. Sie müssen neu geboren, sie müssen wieder Kinder werden, um der Gnade empfänglich.«

»Und wenn das Volk den Ruf nicht hörte!«

»So haben wir gerufen, und der Schall vibriert fort durch die Luft – er weckt nach uns, andre werden uns hören, wenn wir längst untergegangen.«

Der Freiherr ging wieder in Gedanken versunken auf und ab. Er blickte noch einmal zum Fenster hinaus, und das Sternenlicht schien wieder seine Ruhe und Klarheit auf das charakterfeste Gesicht des Mannes gehaucht zu haben, als er zurückkehrend sich Walter gegenüber am Tische niedersetzte.

»Wir dürfen uns nicht in Empfindungen verlieren, es drängt. Nehmen Sie wieder die Feder –«

Walter schrieb – hingeworfene Sätze, die von den Lippen des Ministers wie ein immer lebendigerer Quell sprudelten.

»Gedenken Exzellenz auch dieses Memorial durch die Hand der Königin an die höchste Stelle zu befördern?«

»Ja, die Königin – wenn sie –!« Die Gedanken flogen, sie drängten und überstürzten sich, konvulsivisch, wie die Bewegungen der Lippen.

»Und warum es uns verhehlen, was eine nur zu sichere Ahnung uns sagt! Auch dieser Versuch wird scheitern! Zu einem Titus in Tagen des Friedens war er geboren. Die Zeit forderte einen Sulla. Dieser bürgerliche Gerechtigkeitssinn reicht aus in Zeiten, wo das Rechte aufhört. Daß es da ein höheres gibt, was der geweihte Priester aus den Wolken greifen muß, wer darf ihn tadeln, daß ihn Gott zu diesem Glauben nicht geweiht. Er hat eine Scheu vor außerordentlichen Schritten – es wird ad acta gelegt werden wie das andere. – Sollen wir darum nicht unsre Pflicht tun? – Wir werden Napoleon unterliegen.«

»Seiner Übermacht?«

»Nein, unsrer Unmacht! Unserm Dünkel, der den im Sturm und Donner neu schaffenden Gott nicht sieht. – Schreiben Sie weiter –«

»Und mit dieser Vorahnung –«

»Vorbewußtsein«, korrigierte der Minister, »will ich ihnen einen Spiegel hinhalten. Desto besser, wenn sie ihn im Zorn zerschlagen, weil sie so häßlich drin aussehen. Wenn die Zuchtrute des Herrn über sie kommt, lernen die Völker beten. Mit Gebet allein aber, mit dem Insichgehn ist's nicht getan, sie sollen aus sich herausgehn. An Verstand hat's nicht gefehlt, aber an Mut, ihn auszuprägen. Wir werden nicht ernten, aber säen wollen wir. Der Krieg wird die Saat zerstampfen, aber ein Körnlein geht doch auf.«

Es war lange nach Mitternacht, als Walter die Feder niederlegte. Es war nicht ungewöhnlich, daß der Minister nach gallichten Ergüssen seiner Heftigkeit selbst die Gescholtenen zur Widerrede aufforderte. Zur Ruhe zurückgekehrt, hörte er sie auch ruhig an. Walter glaubte, daß er in mehreren Punkten die Wirklichkeit schwärzer gemalt, als sie sei.

»Das ist nur der Fluch jeder Parteistellung. Im Eifer fliegen wir über das Maß hinaus, in der Anschuldigung wie in der Verteidigung. Es läßt sich nicht anders tun, der redlichste Wille wird untertan dem Zwecke. Götter sind wir nicht, und der Allmächtige wird wissen, warum er uns nicht Engelsseelen gab. – Übrigens, solcher Liederlichkeit ist auch Gift ein Heilmittel. Heim braucht jetzt Arsenik, wenn das kalte Fieber absolut nicht weichen will.«

Walter legte aufstehend die Papiere zusammen. Die Sitzung war geschlossen.

»Warum schaudern Sie? – Ich bin jetzt heiter.«

»Ich fragte mich nur, noch ergriffen von Ihrer Darstellung, ob denn noch schlimmere Zustände möglich sind!«

»Wenn – Gottes Zornrute nicht dreinfährt, ja. Er allein kann helfen, das bekenne ich hier vor Ihnen in Demut. Wenn keine Blitze niederzucken, kein Gewitter diese faule Luft reinigt, so helfen alle unsere Vorschläge nichts. Dies in liederlicher Humanität aufgepäppelte Lottergeschlecht ist zu nichts Urkräftigem mehr tüchtig. Im glücklichsten Fall würden sie unsere Pläne wie ein neues Spielzeug hinnehmen, das solange amüsiert, als es neu ist. Die Blasiertheit ist weder der Begeisterung noch der Entrüstung fähig. Das ihr Fluch. Im Drang nach Unterhaltung spielen sie mit allem, was ihnen hingeworfen wird, sie flattern aber auch in jedes Netz, das die Arglist ihnen stellt. Wissen Sie, welche Netze, wer sie ihnen einst stellt? Die Herrschaft dieser frivolen Schwätzer, gedankenlosen Roués ist recht geeignet, den Boden zu anderer Saat weich zu machen. Ein Ekel muß doch am Ende die bessere Natur überkommen, auch die nichts Besseres weiß. Sie stürzt sich dann aus Verzweiflung in das erste beste, was ihr vorgehalten wird. Die Versuche der Wöllner und Bischoffwerder kamen nur zu früh, zu ungeschickt. Darauf ließ man die Romantiker los; junge Genies, von denen ich gern glauben will, daß sie in ihrem taumelnden Übermut selbst nicht wußten, an welchen Fäden sie flatterten. Diese Fäden sind abgerissen, aber der Knäuel ist noch da. Wer sieht voraus, wann er wieder neue Fäden auswirft. Friedrich, in seiner großen Schöpferkraft schwelgend, vergaß, daß es noch einen Schöpfer außer ihm, über ihm, gab. Das muß sich rächen. Den ewigen Gott haben sie zum sentimentalen Großpapa im Schlafrock gemacht. Gott läßt sein nicht spotten. Das wird, das muß einen Umschlag geben. Der kann fürchterlich werden. Den Gott am Kreuze wollen diese nicht mehr anbeten, es können andere kommen, die fordern, daß wir das Kreuz ohne den Gott anbeten. Wie nun, wenn ein langer Friede wieder die Gemüter in frivole Ruhe, in läppischen Dünkel auf die Taten ihrer Väter eingewiegt hat, wenn da diese Mächte wieder ihre Netze spinnen! – Nun, junger Freund, denken Sie sich dann diese von heut, so gedankenlos wirtschaftend mit dem Gut des Vaterlandes, so die Traditionen vergeudend, den Staat von Ehr und Ansehen, durch Jahrhunderte von den großen Hohenzollern gesammelt, großsprecherisch und kleinkrämerisch, mit einem Fassungsvermögen, das nicht über heut hinausgeht, und denken Sie diese Verwalter noch, den Mantel der Tugend und Religiosität sich umhängend, und dann fragen Sie sich selbst, ob es nicht noch schlimmer werden kann, als es ist?«

»Es ist Geisterstunde!«

»Und Sie meinen, ich sähe Gespenster. Möglich. Aber Rom vergißt nie die Fesseln, die es der Welt geschmiedet, und zweimal wurden sie von Deutschland aus gebrochen. Auf dieser Sandscholle ruht eine wunderbare Mission – Genug davon! – Wenn ich ihn weniger haßte, ich könnte ihn lieben, diesen Napoleon. Ein fürchterlicher Arzt, treibt er die Krankheit mit Skorpionengeißeln zur Krisis. – Aber was dann kommt – die Genesung, wie sie ausschlägt!«

»›Man muß auf die großen Beispiele der Geschichte zurückblicken und Vertrauen auf die Vorsehung haben‹, schrieben Exzellenz neulich an den Freiherrn von Vincke.«

»Was hielte uns sonst aufrecht! – Aber diese Vorsehung ließ Reiche und Nationen vom Erdball verschwinden, um andern Platz zu machen – sie ließ auch einen langen byzantinischen Todeskampf zu.«

»Was Gott walte«, rief Walter, »daß diese Agonie von Deutschland fern sei.«

»Amen!« sagte der Minister.

Draußen klirrten Schleppsäbel auf dem Pflaster, junge Offiziere, von einem verspäteten Zechgelage heimkehrend, gingen lachend und singend vorüber. Es war eine unangenehme Störung in der Feierstunde des Gespräches, in der stillen Feier der Nacht.

»Es sind Teilnehmer an der Bravade von heute darunter«, sagte Walter, der sich dem Fenster genähert hatte. »Sie sind des Erfolges sicher.«

Der Minister legte seine Hand auf Walters Schulter: »Und welchen andern, mein Freund, hätte diese Bravade gehabt, wenn ein Jahr früher! Damals hätte es zünden müssen. Damals, als das Pulver gestreut lag. Laforest hätte seine Pässe fordern müssen, es ging nicht anders. Hardenberg hätte sie ihm auf der Stelle zugesandt – der Sturm war los, die Schleusen gebrochen, und die Sonne von Austerlitz wäre anders untergegangen! Warum trieb der Champagner ihr Blut nicht durch die Adern! – Warum da nicht? Warum zu spät? Das sind Fragen, die unsere Philosophie aus ihren Angeln heben.«

Der Ministerialsekretär war schon aus der Tür, als er ihn wieder zurückrief

»Ich wollte Sie nur um einen kleinen Dienst bitten, klein für Sie, groß für mich. Es liegt mir viel, sehr viel daran, daß Bovillard Zutritt bei Hofe erhält. Gerade jetzt, wenn das Memorial eingeht. – Er wird eigensinnig bleiben. – Tun Sie mir da den Gefallen und gehn zu dem schönen Mädchen, ich meine seine Braut. Stellen Sie ihr die Sache ernstlich vor, daß ihr eigen Glück davon abhängt, seine definitive Plazierung. Wenn sie um Audienz bei der Königin bittet, wenn sie das Sentiment, ihre eigene Herzenslage schildert, wird es ihr nicht schwer werden, auch Luisens Herz zu rühren. Die Lafontaineschen Romane spuken da noch immer. Ein Familienjammer ist außerordentlich wirksam. Sie kann ja auch einfließen lassen, daß nur auf diese Weise die Abneigung des alten Bovillard zu bewältigen ist.«

Walter schwieg: »Liegt denn Euer Exzellenz so – überaus viel an –«

»An Kleinigkeiten«, fiel ihm der Freiherr ins Wort. »Die Kieselsteine, die in ein Räderwerk, der Staub, der in eine Taschenuhr fällt, soll der Müller und der Uhrmacher sie liegenlassen, weil er der Vortrefflichkeit seiner Maschinen vertraut? Ja, Lieber, der Staatsmann, der auf die Kleinigkeiten nicht zu achten brauchte, wäre größer, als je einer in der Welt es war. Sie sind da, um unsern Scharfsinn wachzuhalten, und der sie nicht ergreift, wo sie ihm günstig sind, versündigt sich vor dem, der sie ihm in die Hände spielte. Also morgen schon womöglich.«

»Exzellenz, wie komme ich dazu?«

»Sie waren ja ihr Lehrer. Einige Schmeichelworte, einige Autorität. Einem so beredten Lehrer schlägt eine Schülerin nichts ab.«

»Exzellenz, diese Aufgabe –«

»Kostet Sie Überwindung. Desto ehrenwerter. Haben Sie vielleicht selbst einmal – zu tief in die schönen Augen geblickt? – Um so schöner noch Ihre Aufgabe. Wir sind alle zur Entsagung geboren.«

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