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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.
Gewetzte Degen.

Der Lärm war ein wirres Stimmenmeer, unterbrochen von schallendem Gelächter. Ein schärferes Ohr hätte das Klirren von Stahl herausgehört, aber die Fenster, die ringsum von Neugierigen aufgeschlagen wurden, ließen es nicht zu. Auch der Minister öffnete einen Flügel:

»Wahrscheinlich wieder ein Theaterfurore!«

»Die Schick spielt heut die Elisabeth und die Unzelmann die Maria Stuart«, bemerkte Walter. »Man sprach davon, daß es unter ihren Anhängern einen Skandal geben könne.«

Der Minister blickte hinaus. »Ich sehe Uniformen, wenn ich nicht irre, Gendarmen. – Der Lärm kommt näher.«

Das Gelächter war jetzt mit lebhaften Hussas, Bravos und einem schrillen Pfeifen untermischt.

»Etwa noch eine Schlittenfahrt! Daß Gott erbarm, diese Menschen lernen nichts.«

Eine Menschenmasse wälzte sich auf die Straße zu, und die klappenden Hacken auf dem Pflaster deuteten auf ein Laufen. Eine Art Verfolgung mußte sein, aber die Verfolgten, wie immer Straßenjungen voran, jauchzten zugleich wie in einem Triumphgesang.

»Die Sache wird ernsthafter. Sie möchten sich umsehn, Asten, was es gibt.«

Die Dienerschaft unten hatte sich schon umgesehen und der Haushofmeister kam eben mit einem Rapport herauf, der von den Ausrufungen, die man jetzt deutlich von der Straße hörte, unterstützt ward.

Es war allerdings ein Straßenskandal, doch ernsterer Art. Viele junge Gendarmen und Garde du Corps waren von einem lustigen Gelage in Charlottenburg spät zurückgekehrt. Der Wein sollte in Strömen geflossen sein. Gläser klangen, zerbrachen, einige waren sogar durch die Fenster geflogen. Es galt aber weder der Schick noch der Unzelmann, sondern den Franzosen und Napoleon. Man hatte sich in einen Harnisch getrunken, gesungen und votiert. Beim weiten Wege durch den nächtlichen Tiergarten war der Rausch nicht verraucht, vielleicht hatte der Anblick der Viktoria auf dem Brandenburger Tore ihn noch erhöht. Die Kühnsten vorauf waren als Sieger durchgesprengt. Wo es beschlossen worden, ob hier erst oder schon in Charlottenburg, weiß man nicht. Plötzlich war man abgesessen und nach dem Hotel des französischen Gesandten gezogen. Der eigentliche Hergang ward verschieden erzählt, man hatte Ursache, die Sache zu vertuschen. Ob man Spottweisen angestimmt, was man schrie, welche Reden man sich gegen den Bevollmächtigten des französischen Kaisers erlaubt, blieb unausgemacht, aber junge Offiziere hatten ihre Säbel gezogen und auf den Treppenstufen zum Hotel gewetzt. Es konnte im Dunkeln geschehen. Weder die Sterne am Himmel noch die spärliche Straßenbeleuchtung machten die Übermütigen kenntlich. Aber plötzlich, wie durch einen Zauberschlag, wurde es im Hotel hell. Die Fenster, von denen man die Läden fortriß, glänzten von so schnell angezündeten Kerzen, daß die Vermutung wenigstens da war, der Ambassadeur habe, wie von allem, auch von diesem Impromptu Witterung gehabt. Symbol für Symbol. Wir kündigen den Frieden, rief der Klang; ich nehme die Kündigung an, antwortete der Lichterschein. Übrigens blieb es totenstill im Haus, kein Kopf zeigte sich an den Fenstern.

Die älteren und besonneneren Offiziere waren bei dieser unheimlichen Manifestation zurückgesprungen und hüllten sich in ihre Mäntel. Nur einige jüngere, in denen der Wein glühte, waren durch den Lichtschein, auch wohl durch die Akklamationen des Straßenpublikums, das sich in immer dichteren Scharen sammelte, noch mehr entzündet. Aber während ihre geschwungenen Pallasche funkelten, vernahmen andere schon deutlich Hufschlag und in der Scheide klirrende Säbel. War auch hier ein Verrat, eine Denunziation, eine geheime Sympathie im Spiele? Die Tatsache war, im Gouvernementsgebäude mußte der Feldmarschall Möllendorf, oder wer ihn vertrat, wach gewesen sein, denn Husaren und Polizeidiener sprengten heran, um dem Unfug zu steuern, die Täter zu ergreifen.

Der Lärm wuchs. Die sympathisierenden Zuschauer bildeten noch einen Wall gegen die andringende Polizeimacht. Unter den besonnenen Teilnehmern an dem Abenteuer war die Gewissensfrage, ob sie für ihre Person sich ins Dunkel salvieren und die jüngern Unbesonnenen, die nichts von der Gefahr ahnten, ihrem Schicksal überlassen sollten, oder ob ihre Pflicht erheische, sie mit ihnen zu teilen? Bei einem Rittmeister, den mittleren Jahren näher als denen der Jugend, war der Entschluß schnell zum Durchbruch gekommen, denn aus dem Dunkel der Bäume, wo er sich den Mantel schon fest umgeknöpft, sprang er plötzlich zurück, umfaßte einen jüngern Offizier, der eben mit seiner Degenspitze eine Scheibe im Fenster des Erdgeschosses berührte – in welcher Absicht, wußte der junge Mensch nachher selbst nicht – und mit den Worten: »Fritz, bist du toll?« schleuderte oder riß der starke Mann ihn zurück. Fritz schrie Worte, die vor jedem Gericht als Landesverrat gelten mußten, der Rittmeister küßte sie ihm von den Lippen: »Ja, Fritz, wenn's losgeht, schlagen wir ihn miteinander tot. Du nicht allein, Fritz, Respekt, ich bin dein Onkel, dein Chef, ich schlage mit. Aber jetzt, Order pariert! – Mäuschenstill!« Damit hatte er den eigenen Mantel losgerissen und um die Schultern des Neffen geknüpft. Der Neffe parierte auch, er schulterte, ein Gliedermann, aber in der Hand den blanken Degen. – »Platz! Platz« riefen die Polizeimänner. – »Retten Sie sich!« riefen viele Stimmen aus den Gruppen; die Gruppen machten diesmal Partei mit Offizieren und Junkern, deren Übermut so oft doch ihre lauten Äußerungen des Unwillens hervorgerufen hatte. Der Rittmeister hatte rasch den Pallasch seinem Neffen aus der Hand gerissen, und ebenso rasch hatten wohlmeinende Bürger den jungen Offizier untergefaßt und ins Gedränge geführt. Er war gerettet, aber sein Retter – in der leuchtenden Uniform, den blanken Degen in der Hand!

»Da steht er!« rief der Kommandierende der Patrouille und meinte wohl damit denjenigen, den die Reiter schon von fern gesehen mit der Degenspitze an den Fenstern klirren. »Platz! Platz!« Der Platz aber war grade das, was fehlte, und wo er noch war, trat die hilfreiche Straßenjugend ein, ihn zu versperren. Es war von je in ihrer Art, die Polizei zu necken, und wir verschwören nicht, daß sie der Patrouille falsche Weisung gab, um ihren Eifer vom gesuchten Ziele abzulenken.

Aber auch der Rittmeister fühlte sich plötzlich von einem Manne unter den Arm gefaßt und fortgerissen.

»Eilen Sie, schnell dort um die Ecke!« rief eine ihm nicht unbekannte Stimme.

Als sie um die Ecke waren und der Offizier einen Augenblick Atem schöpfte, erkannte er wohl in dem Dienstbeflissenen den Sohn seines Freundes van Asten, der nur einen andern ihm früher erzeigten Dienst vergolten hatte; es überkamen ihn aber andre Empfindungen als die des Dankgefühls, indem er den Schweiß von der Stirn wischte.

»Ein Offizier darf doch nicht Reißaus nehmen!«

»Nicht vor dem Feinde«, entgegnete Walter, »aber vor einem Skandal. Schnell fort, bester Herr von Dohleneck.«

Der Herr von Dohleneck, der, wenn auch nicht soviel als sein Neffe, doch auch viel des süßen Weines getrunken hatte, erhob den blanken Degen in die Luft: »Stehen oder fallen!«

»Gegen die Franzosen, Rittmeister, nicht gegen die Polizei.«

Er zog ihn weiter. Aber der Rittmeister blieb wieder stehen. Er lehnte sich an einen Brunnen.

»Das ist ja eine verfluchte Geschichte –«

»Die noch übler werden kann. Eine Verhöhnung des Gesandten, eine Verletzung des Völkerrechtes. Um Gottes willen, kommen Sie, schnell – weiter. – Werfen Sie den Degen fort!«

»Ein Stier von Dohleneck seinen Degen fortwerfen! – Wer sagt das!«

»Es ist ja nicht Ihr Degen. Ein fremder Pallasch, den Sie einem Ruhestörer aus der Hand rissen. Ihr Degen steckt ruhig in der Scheide. – Ich will's bezeugen, wenn's zum Schlimmsten kommt. Sie wollten nur Ordnung herstellen, Sie haben Ihren Degen nicht gewetzt. – Aber es darf nicht zum Schlimmen kommen. Es könnte sehr schlimm werden, außerordentlich schlimm, Herr von Dohleneck.«

Der Herr von Dohleneck hatte den eisernen Schwengel des Brunnens mit dem Arm umfaßt, in dessen Hand der blanke Degen hing, während er mit der andern sich wie ein Irrer immerfort über die Stirn strich. Ein Meer von Gedanken mochte auftauchen; oder versenkte sich sein Sinn in den Kessel des Brunnens, und stieg in ihm der begreifliche Wunsch auf, daß die kühlen Quellwasser ihn und seine Gedanken überrieselten!

»Hol mich der und jener, das ist grade eine Geschichte wie damals bei der Schlittenfahrt –«

»Schlimmer«, drängte Walter; »damals profanierten Sie Luther, der es Ihnen gewiß vergeben hat, heut Bonaparte, der es nie vergibt, nicht Ihnen, nicht uns, nicht dem Könige.«

»Der König auch nicht!« rief der Rittmeister. »Ach Gott, ich bin ja Katharina von Bora.«

»Besinnen Sie sich.«

»Nein – richtig – ich war nur ihr Kammermädchen. Das ist alles eins. Wenn er's erfährt, bin ich kassiert.«

»Teuerster Herr von Dohleneck, ich wünschte, die Weihe der Kraft überkäme Sie und Sie beschleunigten Ihre Schritte.«

Dabei blickte sich Walter um, ob nicht irgendwo eine Haustür sich öffne, in die er seinen Begleiter schieben könnte. Aber es war eine ruhige Straße, man hatte mit der Bürgerglocke geschlossen. Nur an den erhellten obern Fenstern blickten Neugierige heraus. Es war nicht der aufsteigende Weingeist, der schwarze Bilder vor Dohlenecks Hirn malte. Jene berüchtigte Schlittenfahrt der Gendarmenoffiziere, in der sie Luther, Katharina von Bora und deren Klosterkonviktualinnen in sehr frivoler Nebenbedeutung dargestellt, ein Ereignis, das ganz Berlin in Aufruhr gebracht, hatte den langmütigsten König aufs empfindlichste gereizt: sein eigener Wille war diesmal durchgedrungen, und wenn die Täter auch nicht so gestraft wurden, wie er für angemessen hielt, wurden doch die Urheber des Unfugs gestraft, seit langer Zeit ein Ereignis, was noch mehr überraschte, noch mehr von sich sprechen machte als der tolle Streich selbst. Es brauchte nicht der Erklärung, die man versucht hatte, daß dieser oder jener Minister oder ihre Frauen eine Pike gegen einen oder den andern der Offiziere gehabt, es war der religiöse Sinn des Monarchen, der die Profanationen rächte. Man wußte auch schon, daß er derartige Kränkungen nicht vergaß, und die, welche damals der Strafe entgangen waren, blieben doch in seinem vortrefflichen Gedächtnis notiert.

Alles das wußte der Rittmeister von Dohleneck; oder vielmehr, es trat jetzt vor seine Seele, wie ein Zauberkünstler auf schwarzem Grunde plötzlich die bunten Bilder der Erinnerung vor dem Auge aufrollen läßt. Der Wein, der zur Taube, zum Tiger, zum Bären verwandelt, war der Magier. Es war in dem Rittmeister alles klar. Aber es stand keine Träne in seinem Auge, er sprang nicht auf zu einem wilden Satze, er brummte auch nicht mit geschlossenen Zähnen. Der Wein übt noch eine vierte Macht, er senkt die süße Schwermut über die Seele eines Opfers, die Schwermut, welche auch über den Glücklichen wie ein feuchter Nebel sich lagert, Balsam der heißen Brust.

Der Rittmeister von Dohleneck wollte einmal Philosophie studieren. Wir zweifeln, daß er den Vorsatz ausgeführt hat, aber in seiner Brust mußte sich etwas von dem Stoizismus regen, der in großen Katastrophen den Schwachen stark, den Gedankenlosen zum Denker macht. Er blieb plötzlich auf dem Damme stehen, unbekümmert um den bekümmerten Blick, den Walter nach dem andern Ende der Straße richtete. Auch von hier kam eine Patrouille ihnen entgegen. Er drückte die freie Hand an die Brust:

»Wozu strampeln gegen das, was man nicht ändert! Das Fatum! Nun weiß ich's. – Ob's der Teufel ist, das weiß ich nicht, aber es ist was, worüber ein ehrlicher Kerl nicht weg kann. Man möchte nicht, aber es packt einen – Schulden, Liebe, Skandale – der Strick sitzt fest, eh man ihn merkt, und nun will ich hängen. Ein Stier von Dohleneck flieht nicht. Mögen sie mich fangen und braten, hier bin ich. 's ist nun mal so.«

»Aber wollen Sie auf die Festung, derweil Ihre Kameraden die Franzosen schlagen? – Rittmeister von Dohleneck, jetzt sich gefangen geben, jetzt sich kassieren lassen, wo der Krieg vor der Tür steht – Sie haben ihn erklärt – jetzt, jetzt, bedenken Sie, Ihre Offiziersehre steht auf dem Spiel – jetzt ist es Ihre Pflicht und Schuldigkeit, Sie müssen sich Ihrer Ehre, dem Staate retten – Sie müssen –«

Dohleneck schien es einzusehen – das Fatum hatte ihn wieder umgeworfen. Er mußte sich retten – aber wie?

Da rollte eine Equipage vorüber, von links und rechts, von beiden Seiten der Straße zeigten sich berittene Piketts. Das »Halt!«, welches Walter dem Kutscher zurief, hatte eine glückliche Wirkung. Das war ein Moment. Im zweiten hatte er den Kutschenschlag aufgerissen. Es saß nur eine Dame darin. Walter rief hinein: »Wer Sie auch sind, es gilt, einen Verfolgten zu retten. Kein Widerspruch, kein Laut!«

Man wird sich nicht wundern, wenn die Dame, trotz des kategorischen Befehls, ihm nicht ganz nachkam, denn welche Dame in gleicher Lage mit der Baronin Eitelbach erschräke nicht, wenn auf solche Anmeldung ein Offizier mit blankem Degen ohne ein Wort, ohne einen Laut zu ihr in den Wagen springt. Sie schrie auf: »Herr Jesus, was ist das!« – Das folgende: »Er bringt mich um!« erstickte aber schon auf ihren Lippen, als von denen des Offiziers unter einem schweren Seufzer zuerst ein Fluch hervorbrach, dann die Worte: »Ich kann nicht dafür!« Sie mochte die Stimme früher erkannt haben als den Mann, der auf den Rücksitz – halb sank er hin, halb warf er sich. Der Degen rollte aus seiner Hand. Die Baronin fing ihn auf; er warf scharf – natürlich, er war gewetzt, und an den Sandsteinstufen des französischen Gesandten! – und sie verwundete ihre Finger. – Nach, Hause – das schicken wir hier vorauf – kam sie, die Hand umwunden mit ihrem Batisttuch. Ob sie sich selbst verbunden, ob der Rittmeister den Chirurg gespielt, darüber schweigen unsere beglaubigten Nachrichten,

Das war der zweite Moment gewesen. Im dritten hatte Walter den Wagenschlag zugeworfen und dem Kutscher zugerufen: »Nun zugefahren, was das Zeug hält!« Der Kutscher gehorchte pünktlicher als seine Herrin dem kategorischen Befehl, und der Wagen kam unangefochten durch das Polizeipikett.

Nicht so ganz unangefochten kam Walter selbst davon. Das Husarenpikett, welches eben um die Ecke schwenkte, als der Wagen abfuhr, schien Miene zu machen, ihm nachzusetzen. Der Kommandierende, welcher unsern Freund zu kennen schien, salutierte ihm schon von fern leicht mit dem Säbel, um die Frage einzuleiten, ob nicht ein Militär in die Kutsche gesprungen sei.

»Der Schlag ward geöffnet«, entgegnete Walter, »und die darin sitzende Dame nahm, wenn ich nicht irre, einen Bekannten auf«

»Ein Offizier mit blankem Degen?«

»Der Degen, wenn ich recht verstand, war mit den Fensterscheiben des Herrn von Laforest in Berührung gekommen.«

»Kornett Wolfskehl«, rief der eine Husarenoffizier. »Sagt ich's nicht!«

»Ich lasse mich nicht täuschen«, erwiderte der Kommandierende, »das war Dohlenecks Statur. Sie müssen ihn ja kennen, Herr van Asten?«

»Sollte der Rittmeister so jugendlicher Tollheit zugänglich sein! Es war zu dunkel. Aber, meine Herren, da entsinne ich mich ja, der Rittmeister war heut zu Exzellenz Schulenburg auf eine Lomberpartie eingeladen, Exzellenz Blüchers wegen. War Lombard oder Herr Crelinger der vierte, darüber bin ich nicht recht gewiß, aber – warten Sie – es wird mir gleich einfallen –«

Der Kommandierende lächelte: »Wir danken für den Avis.«

»Kornett Wolfskehl wird wohl zu fangen sein«, meinte der zweite.

Die Husaren sprengten ihrer voraufgeeilten Patrouille nach. Wir verschwören nicht, daß in ihrer Verhandlung mit dem Ministerialsekretär nicht die wohlmeinende Absicht mitgespielt hat, dem Verfolgten Zeit zu lassen.

Der Wagen der Baronin Eitelbach entging glücklich der Polizei und den Husaren, und als er vor dem Hause der Madam Braunbiegler hielt, war nichts Gefährliches passiert, als daß eine Scheibe im Kutschenschlage – wahrscheinlich durch einen zufälligen Ellenbogenstoß – entzweigegangen war. Auch hatte sich seltsamerweise ein Fußgänger, nach einer Verständigung mit dem Kutscher, zu ihm auf den Bock gesetzt. Dieser war, schneller als der Kutscher herabgesprungen, bereits verschwunden, als letzterer sich langsam heruntermachte, um, in Ermangelung eines Bedienten, den Wagen zu öffnen. Ehe das geschah, hatte sich aber die Wagentür gegenüber schon von selbst geöffnet und der Rittmeister war nach einem langen, zärtlichen Kuß auf die Hand der Baronin entschlüpft.

Die Eitelbach war nie so langsam als heute die Treppe zu einer Gesellschaft hinaufgestiegen. Auch im Vorzimmer hatte sie noch so viel mit ihrer Toilette zu tun. Ein Glück, daß die große Gesellschaft, welche sich noch spät bei der Braunbiegler versammelt, mit andern Dingen beschäftigt war, um auf ihre Verlegenheit achtgeben zu können. Diese Verlegenheit hätte sich eigentlich noch um ein Bedeutendes steigern müssen, als die Wirtin ihr mit dem Bedauern entgegenkam, daß sie ihre Hand an der Fensterscheibe verwundet habe, sie hoffe, es werde doch nicht üble Folgen haben. Die Wirtin hatte nicht Zeit, ihr Erröten zu bemerken, sie hatte überhaupt in dem Gewirr nicht Zeit für einen einzelnen Gast. Auch andere, die an ihr vorüberstreiften, beklagten die schöne Hand. »Es wird aber gewiß nichts auf sich haben.« Wußte denn jeder nicht nur die Tatsache, sondern schon das Märchen, was sie sich künstlich zurechtgelegt, um die Wahrheit verbergen zu dürfen? – Von wem hatten sie's erfahren? – Gott sei Dank, daß sie wenigstens das nicht gehört, von dem nichts wußten, was – es war das erste Geheimnis, was sie unter ihrer pochenden Brust verbarg. Die Brust blutete vielleicht heftiger als die Hand.

In solchen Stimmungen kann eine große Gesellschaft, wo keiner Zeit und Raum hat, auf den andern achtzugeben, zur Wohltat für ein geängstetes Gemüt werden. Ein Hofmann hätte es eine gemischte genannt, sie bestand mehr aus den Optimaten des Reichtums als der Geburt. Der Reichtum hing von den Decken als Kronleuchter, Armleuchter, Festons, Seiden- und Damastgardinen; er lastete in den Aufsätzen der Nischen und Ecktische, in den Teppichen auf dem Boden, vor allem auf und an der Wirtin. Zum Schildern ist nicht mehr Zeit. Die Juwelen, Ketten, Ringe, Aufsätze, die Madam Braunbiegler vom Wirbel bis zum Gürtel, von den Schultern bis zu den Fingerspitzen trug, waren in Berlin sprichwörtlich. Reichtum, überall, wohin man sah, nicht ausgebreitet, sondern aufgeschichtet, lastend, prahlerisch, ohne Geschmack. In solchen Kreisen pflegt die Unterhaltung der Lebendigen, der Hauch, der über eine Gesellschaft hinfliegen soll, den Widerschein und Abdruck des Apparates anzunehmen.

Der Patriotismus hier war anderer Schattierung als der, welcher den Scheiben des französischen Gesandten gedroht. Das große Ereignis, welches die Straßen, die höheren Kreise heut abend in Bewegung versetzt, die diplomatischen in Entsetzen, hatte weniger Wirkung hervorgebracht. Man betrachtete den Krieg als etwas Ausgemachtes, Notwendiges, die Dehors desselben kümmerten die Anwesenden weniger. Nur die jüngern Leute versuchten in einer Nebenstube am Klavier die sechs neuen, eben erschienenen Kriegslieder, komponiert von Helwig, zu singen. Allgemeinsten Beifall erntete aber das Kriegslied der Preußen von Karl Müchler, komponiert von Mappes: »Endlich tönt der Ruf der Lust!«

Aber es war ein anderer, näherliegender Gegenstand, der die praktischen Leute beschäftigte. Gestern war eine Frage entschieden, die schon wochenlang die Gemüter beschäftigt hatte: ob die Infanteristen Mäntel haben müßten? Es war eine Frage gewesen, so wichtig, so ernst behandelt und so lebhaft als irgendeine, welche zuweilen als Riesenschlange durch alle Gesellschaften in Berlin, von den Spitzen der Türme bis in die Winkel der Kellerwohnungen sich gewunden und dort ihre Streiter gefunden hat. Fragen wie die, ob das neue Jahrhundert um Mitternacht zu 1800 oder zu 1801 gefeiert werden müsse, ob Fleck oder Iffland ein größerer Schauspieler, Friedrich oder Napoleon ein größerer Feldherr gewesen?

Es war eine ungeheure Neuerung, das gestand sich jeder, vielen schien sie gefährlich, weil den Franzosen nachgebildet. Ja, ein Husar, ohne Mantel gedacht, war kein Husar mehr; aber was blieb er noch, wenn auch Musketiere, Füsiliere, Grenadiere Mäntel erhielten! Der Unterschied von Kavallerie und Infanterie schien über den Haufen geworfen, ein so unübersehbarer Eingriff in die bestehende Ordnung, als heute vielen eine Gemeindeordnung bedünkt, die den Unterschied von Stadt und Land aufhebt. Friedrich hatte mit einer Infanterie ohne Mäntel gesiegt, er mußte doch wissen, warum es so besser war. Ein guter Soldat muß nicht frieren, wenn sein König befiehlt, daß er warm ist. Aber die Neuerer hatten eingewandt, daß auch der Infanterist ein Mensch ist, und daß jeder Mensch friert, wenn es kalt ist, daß der Regen den einen durchnäßt wie den andern, daß der Krieg seit Friedrich eine andere Fasson angenommen, daß Napoleon die Winterkantonierungen nicht mehr respektiere, daß er seine Feinde zu Winterfeldzügen nötigte.

Die Mäntelpartei hatte gesiegt. Gestern hatte ein Erlaß der Geheimen Oberfinanz-, Kriegs- und Domänendirektion das Publikum davon avertiert: »Wie Seine Majestät der König schon längst darauf Bedacht genommen, daß der Soldat im Kriege nicht frieren dürfe, und wie es Seiner Majestät Wunsch sei, daß alle seine braven Krieger eine wärmere Winterkleidung erhielten, namentlich die Infanterie Mäntel mit Ärmeln, die Kavallerie wollene Unterhosen. Da aber selbige aus allgemeinen Mitteln zu beschaffen in gegenwärtiger Zeit auf mannigfache Schwierigkeiten stoße, so werde die Bereitwilligkeit der Nation angerufen, das Unternehmen des geliebten Landesvaters zu unterstützen und ihren warmen Patriotismus durch die Tat zu bewähren.«

Mäntel! war das Losungswort durch die Stadt, im Zivil, während das Militär nur Krieg wollte, mit oder ohne Mäntel. Zum erstenmal war das Publikum aufgerufen, ein großes Werk des Allgemeinwohls zu unterstützen, ja, die Initiative war ihm in die Hand gegeben. Wen darf es wundern, wenn es umher brauste und schwirrte, eine Tätigkeit sich entwickelte, die sich selbst hemmte und verwirrte. Der Staat hatte bisher für alles gesorgt, nun sollte der Bürger nicht allein für sich, auch für den Staat sorgen! Kommissionen und Ausschüsse zu bilden, wo sollte man gelernt haben, was sich jetzt von selbst macht! Der Magistrat, der es in die Hand genommen, fand dafür kein ander Mittel, als eine Subskription, die von Stadtverordneten Haus für Haus umhergetragen werden sollte. Das war ein langer Weg. Aber nun fühlte sich jeder berufen, auf seine Hand es in die Hand zu nehmen; die Nähterinnen und die Geheimrätinnen, auf den Kanzeln und in den Werkstuben, im Theater und in den Weinhäusern, auch in andern Häusern, es war überall nur ein Wort, überall wollte man helfen, noch lieber Ratschläge geben, wie man helfen könne.

In der Gesellschaft der Braunbiegler hatte die Sache noch eine andere Seite. Auf dem Konto Debet stand Patriotismus und Tuch. Was Madam Braunbiegler gezeichnet, konnte man auf ihrem strahlenden Gesichte fast in Zahlen lesen. Die Dame selbst wog mit ihrem treffenden Blicke die Gäste ab; auch sie las auf jedem Gesichte, wieviel ist der Mann wert? Wieviel hätte er zeichnen müssen? Wieviel hat er zu wenig gezeichnet? Wieviel zuviel, um sich höherzustellen? Endlich – wie tief stehen sie alle unter dir?

Ihr zunächst mußte der Baron Eitelbach stehen. War er doch ihr Kompagnon! – Aber er stand nicht, er ging, er flankierte mit seinem strahlenden Gesicht durch die Gruppen.

»Was sagen Sie nun dazu, Kapellmeister? Haben die Deutschen keinen Patriotismus nicht, Herr Righini?«

»C'est étonnant!« erwiderte der Angeredete. »Selbst meine Waschfrau präsentierte mir einen Subskriptionszettel.«

»Pfui! Das finde ich eigentlich abscheulich. Wenn die Populace sich erst mit etwas befaßt, dann, muß ich gestehen, faß ich's ungern noch an!«

»Der Geist der Zeit!« sagte ein Dritter.

»Was ist das?« fragte der Baron.

»Ein Buch, was eben erschienen ist«, bemerkte ein vierter, »von einem gewissen Moritz Arndt. Es macht viel Aufsehen.«

»Mir unbekannt!« sagte der Baron und ließ seine Lorgnette umherblitzen.

Der vorige bemerkte, daß der eben neu ausgegebene »Preußische Staatsanzeiger« auf das Buch aufmerksam mache.

»Was steht denn in den Zeitungen? Ich habe wirklich nicht Zeit, sie zu lesen.«

»Der Kaiser Napoleon ist in Mainz angekommen. Sie schreiben, er sähe magerer und blasser aus als sonst, übrigens in vollkommener Gesundheit.«

»Gar nichts Interessantes?«

»In Neapel ist der berüchtigte Räuberhauptmann Fra Diavolo in Ketten eingebracht worden. Er ist wahrscheinlich jetzt schon erschossen.«

»Ah! Kompagnon von Rinaldo Rinaldini, Abällino, Righini et cetera.« Der Baron legte mit anmutiger Schalkheit seine Hand auf die Schulter des Kapellmeisters. »Der Wahrheit die Ehre, Ihr Vaterland liefert uns immer die interessantesten Räuberhauptleute, stupende Kapellmeister und die schönsten Sängerinnen. Apropos, wie heißt denn die, die in Paris jetzt Furore macht?«

»Catalani – man schreibt eben, daß der Kaiser ihr eine Pension von 1200 Francs ausgesetzt hat.«

»Hab's gelesen – ja, ich hab's selbst gelesen. Man muß die Künste protegieren, das ist nobel. – Die Schmalz sang auch admirabel, muß man ihr lassen – ah, eine Kunst und eine Stimme! Ist jetzt in Italien. Wenn sie nur hübscher wäre! Es geht nichts über Kunst, sag ich Ihnen. – Neulich: ›Beschämte Eifersucht‹! – Was geht mich das Stück an? – Aber die Mebus! Zum Küssen, sag ich Ihnen. – Und Mattausch – ist nicht mein Mann – aber die Damen – göttlich! göttlich! und die Tücher vor den Augen. – Iffland kam gar nicht gegen ihn auf. ›Berlin sah seinen Iffland wieder‹, steht's in der Zeitung – ja, 's steht manches in der Zeitung, was doch nicht so ist. Aber Iffland, à la bonne heure, halten Sie ihn nicht auch für einen denkenden Künstler, Herr Generalstabsarzt?«

Der Angeredete verneigte sich nur schweigend.

»Sehn Sie, das hab ich immer gesagt, wo Iffland nicht spricht, weiß man sogar, was er denkt. Apropos, wissen Sie denn von der Eigensatz? – Geht nach Wien –«

Der Zusatz ward nur hinter der Hand einem der Glücklichen ins Ohr geflüstert. Der Baron beglückte längst andre Gruppen mit seiner erheiternden Gegenwart, als das stille Gelächter im Kreise, den er verlassen, den Umlauf machte.

»Apropos, ma belle!« rief der witzige Baron, als er seine Gattin zu Gesicht bekam, »was ist denn das für ein Kutschenfensterscheibengestoße? Denkst du, Glas kostet kein Geld? Werde die Türen mit Brettern vernageln lassen, profit tout clair! Dann sieht auch keiner, mit wem du drinsitzest.«

»Du weißt –?« Ihre weißen Perlenzähne starrten ihn an.

»Ziert sich, weil er ihr den schönen Arm küssen will, und stößt dabei die Scheibe ein.«

Ihre Perlenzähne verschlossen sich, aber ihre schönen Augen wurden größer. »Mir schenkt man reinen Wein.«

Jetzt erst platzte das »Um Gottes willen, wer?« heraus.

»Wer anders als der Legationsrat! Was war's denn nun, daß er zu dir in die Kutsche sprang? Muß man sich darum so haben!«

»Der Legationsrat?«

»Ist ein gescheiter Mann und wird nicht plaudern.«

»Du kannst ihn ja aber nicht ausstehn.«

»Man kann viele nicht ausstehn, ma chère, und trinkt doch mit ihnen Brüderschaft.«

In sprachlosem Erstaunen sah die Baronin ihn an.

»Ma chère, verstehe mich. Die Sache ist ganz simpel. Wandel reitet mit Achten vorgespannt ins Herz der Braunbiegler. – Wenn's zum Klappen kommt, wird sie – den Teufel – so dumm sein und einschlagen. Aber 's ist doch die Möglichkeit, wer kennt die Weiberherzen. – Und ein solcher Kompagnon ins Geschäft, na, da gratuliere ich! Also –«

»Was denn?«

»Ums kurz und klein zu machen, laß dir von ihm die Cour machen, soviel er Lust hat, und wenn er zu dir in den Wagen springt, schrei nicht auf.«

»Der Legationsrat!« Weiter wußte die schöne Frau nichts zu sagen, denn der Legationsrat stand vor ihnen. Es ging zur Tafel. Der Baron legt den Arm seiner Frau in den des Rates: »Sie schmachtet nach Ihrer Unterhaltung. Sein Sie liebenswürdig, soviel Sie können, es wird niemand eifersüchtig –«

In sich lachend, setzte er hinzu: »– Außer wer es soll!«

Das Opfer ging neben dem, dem sie geopfert schien. So roh, widerwärtig war ihr Gatte ihr nie vorgekommen. Wandel ging im würdigsten Ernst. Er sprach Gleichgültiges, unbefangen. So war er bei Tisch der liebenswürdigste Nachbar, aber sein Gespräch, seine Erzählungen waren für alle, sie mußten jeden interessieren. Der Baron hatte seine Absicht nicht erreicht, die Braunbiegler ward nicht eifersüchtig, die Baronin aber saß auf Kohlen.

Nachher kam ein Moment, um mit Wandel, in eine Fensternische von den Aufbrechenden zurückgedrängt, unbemerkt ein kurzes Gespräch zu pflegen.

»Um Gottes willen, was ist das?«

Wandel antwortete, mit der Quaste der Gardine spielend, als unterhalte er sich mit seiner Dame über irgendeine Trivialität:

»Sein Sie unbesorgt. – Ich bin, ich bleibe der Wächter Ihrer Ehre – der Kutscher ist von mir gewonnen; es wird noch alles gut werden, wenn Sie sich nicht selbst verraten.«

»Mein Gott, Herr von Wandel, wie komme ich dazu!«

»Still! Ich beschwöre Sie, nur keine Emotion! Sie haben sich beherrscht, ich habe Sie bewundert. Fahren Sie so fort. In meiner Brust ruht Ihr Geheimnis wie im Schoß der Erde – vertrauen Sie mir –«

»Aber, lieber Gott, wenn ich's recht bedenke, was ist es denn eigentlich –«

»Denken Sie nicht, um Gottes willen, denken Sie jetzt nicht. Dem Reinen ist alles rein, aber – wer ist vor diesen rein? Ein Rendezvous in der Kutsche – bei Nachtzeit – Ihre verwundete Hand! die zerschlagene Scheibe – die Lüge! Oh, verzeihen Sie, ich rede nur, was diese reden würden. Gräßlich, wenn Auguste morgen der Gegenstand des Stadtgesprächs – Nein, nimmermehr! Denken Sie nicht, Sie sind in Agitation – lassen Sie jetzt andre für sich denken, die ruhiger sind, die wenigstens ruhiger scheinen«, setzte er seufzend hinzu.

Sie reichte ihm bewegt die Hand: »Sie meinen es gut.«

»Gnädige Frau«, sagte er, respektvoll zurücktretend, »mancher ist doch besser, als man glaubt.«

»Charmant!« sagte der hinzutretende Baron, um seine Frau fortzuführen. »Kontinuieren Sie, Herr Legationsrat, noch bin ich nicht eifersüchtig. Aber was nicht ist, kann noch werden.«

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