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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
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Zweites Kapitel.
Ein treuer Diener seines Herrn.

Der Minister war aufgeregt. Auf und ab gehend ließ er seinen Getreuen über den Grund nicht lange im unklaren. Ihm war es darum zu tun, dem jungen Bovillard eine offizielle Stellung zu geben, die ihm einen Zutritt bei Hofe verschaffe. Bis gestern hatte man ihm Hoffnung gemacht, heut war Bovillard durch Vertraute insinuiert worden, daß er, um der Person des Ministers einen abschläglichen Bescheid zu ersparen, lieber freiwillig zurückstehen möchte.

»Exzellenz' Feinde also auch da geschäftig!«

»Diesmal sind sie unschuldig.«

»Hätte mein Freund selbst eine Unbesonnenheit –«

Ein »Freilich! wer denn sonst!« sprudelte von den Lippen und verbot dem Sekretär fortzufahren.

»Warum hat er nicht wie ein Kartäuser gelebt, warum hat er tolle Streiche gemacht, warum hat er im Parterre den Regenschirm aufgespannt, als die Tränen um den Jammer der Eulalia aus den Logen flossen.«

Also der Zorn war Ironie. Walter ließ eine Bemerkung fallen, daß für Jugendsünden die Zeit das beste Heilmittel sei. Der Freiherr war noch nicht in der versöhnlichen Laune. »Jede Sünde rächt sich«, rief er und schien seine Schritte zu verdoppeln, aber die Gedanken waren weit darüber fortgeflogen.

»Warum hat er nicht Komödie gespielt wie die andern? Warum sich nicht mit Tugend und Anstand geschminkt! War das so schwer! Brauchte nur seinen trefflichen Vater zu imitieren.«

»Geheimrat Bovillard ist mir in der Tat unbegreiflich. Wiegt ihm die Gunst, die Euer Exzellenz seinem Sohne schenken, das Glück desselben auf! Ihm wäre es doch ein Leichtes, Haugwitz und die andern umzustimmen.«

»Was kümmern mich die! Die Königin will ihn nicht.«

»Die Königin! – Sie ist doch sonst nicht so streng in ihrem Umgang.«

»Wenn sie's wäre! – Freilich, sie müßte drei Viertel des Hofes fortjagen. – Nun hat sie sich auf diesen gesetzt. Man hat ihn ihr als den Ausbund von frecher Sittenlosigkeit geschildert. Sie betrachtet es als einen Hohn, einen Kavalier von dem Rufe in ihre Antichambres zu bringen. Sie haßt auch wohl im Sohn den Vater. Kurzum, Weiberphantasien sind einmal nicht zu berechnen.«

Eine Pause trat ein. Die Stirn des Staatsmanns schien heller zu werden, der neue Beamte hatte seinen Vorgesetzten wenigstens so weit studiert, um zu wissen, wann es an der Zeit sei zu Einwendungen, wann zu Vorstellungen. Eine geschickt angebrachte Schmeichelei verträgt auch der gradeste Ehrenmann. Er hob damit an, seines Freundes gute Eigenschaften gegen seine Schattenseiten abzuwägen. Seine Kenntnisse, seine Begabung, seinen feurigen Willen für das Vaterland konnte er mit mehr Wärme und Bewußtsein ans Licht stellen. Er ging diplomatisch darauf über zu dem glücklichen Blick, der diese Vorzüge erkannt, ihnen den richtigen Wirkungskreis angewiesen, Talente, die ohnedem wahrscheinlich untergegangen waren; Talente, die aber, richtig genutzt, gerade so, wie der Minister beabsichtigte, noch günstiger wirken könnten. Ein junger Mann von Stande, von der persönlichen Begabung, jetzt, wo es alles gelte, unter die Puppen und Schranzen gestellt, könne viele üble Einflüsse am Hofe paralysieren. Wenn sein schönes Auge die verwüsteten Hofleute lange anblicke, habe er oft bemerkt, daß sie den Blick nicht aushielten. Auch der Einfluß, den er auf Frauen übe, sei nicht zu gering anzuschlagen. Vielleicht, daß selbst Ihre Majestät, wenn sie sich überzeugt, daß Bovillard besser als sein Ruf sei, ihm eine Stütze sein und in ihm am Hofe eine Stütze finden werde gegen die Schalheit und Feigheit der Blasierten. Endlich, schloß er, daß, wenn kein anderes Hindernis augenblicklich im Wege stehe, es dem Minister selbst ein leichtes sein werde, die Königin, die ihn so gern höre, auf andere Gedanken zu bringen.

Auch jener Minister, der ihn einst nach Karlsbad wies, würde es eine gute Elaboration genannt haben, um so mehr, als Walter nur die eigenen Ansichten des Freiherrn in seinem Vortrage verschmolz. Aber der Schluß traf nicht das Rechte.

»Ich nicht. Ich grade kann, darf darin nichts tun. Ihre Majestät ist empfänglich für Ideen; mit Personalien darf ich ihr nicht kommen.«

Ein Ausruf des Sekretärs protestierte dagegen.

»Frauen, mein Lieber, wollen besonders behandelt sein, auch die ausgezeichnetsten. In ihren Vorurteilen gegen Personen gehorchen sie dem Impulse. Sie käme mir wohl mit dem Spruch des Dichters von dem, was sich schickt: ›Da frage nur bei edlen Frauen nach!‹ Und sie hätte recht. Schöne Seelen werden nicht durch Gründe, nur durch eine schöne Regung überwunden. Wenn er nicht darauf eingehen will, was ich ihm sagte, so ist es nichts.«

»Es stände in Bovillards Wissen?«

»Seine Braut ist die schöne Person, die neulich die Geschichte mit Ihrer Majestät hatte. Ich weiß es bestimmt, die Königin ist, wie hohe Personen sind, für das Mädchen enthusiasmiert; wenn er den Vorteil benutzte –«

Der Minister hielt inne; nicht, weil er die Röte auf Walters Gesicht bemerkte, sondern weil er selbst etwas von Erröten fühlte. Ein ernster Staatsmann darf auch die Intrige spielen lassen, weil leider keine Staatskunst ohne sie bestanden hat, aber schon der Schein ist gefährlich, daß er im Ernst sich in ihr Spiel verliert. Der Minister griff nach den Skripturen auf dem Tisch und schien von der Lektüre absorbiert, während Walter mit einem wehmütigen Lächeln einer Erinnerung nachhing.

 

Der Vorfall, auf den der Freiherr angespielt, war eine bekannte Stadtgeschichte, die vor einigen Tagen sich ereignet. Wir müssen mit unseren Lesern aus dem Hotel des Ministers einen Seitensprung nach einem öffentlichen Ball tun, den eine Korporation zu Ehren der Majestäten veranstaltet hatte. Die Königin Luise hatte das schöne Mädchen bemerkt, und ein Diensttuender mochte aus Unkenntnis eine mißverstandene Vorstellung gemacht haben, als sie im Vorübergehen die Frage an Adelheid gerichtet: »Was sind Sie für eine Geborne?« Die Baronin Eitelbach, welche neben Adelheid gestanden, wollte, erschrocken, dem jungen Mädchen zu Hilfe kommen, und hatte die historisch gewordene Antwort gegeben: »Ach, Ihre Majestät verzeihen, sie ist gar keine Geborne.« – Nur die Gegenwart der Königin hatte ein Gelächter zurückgehalten, was wie ein Gewitterschauer auf den Gesichtern der Umstehenden drohte. Ihre ganze Huld und Majestät hatte die Fürstin zusammengenommen, um jene strafenden Worte zu sprechen, die ebenfalls in die Geschichte übergegangen sind und nach verschiedenen Berichten am wahrscheinlichsten so lauteten: »Ei, Frau Baronin, Ihre naiv satirische Antwort sollte gewiß das junge Mädchen nicht kränken. Von Geburt wenigstens sind alle Menschen ohne Ausnahme gleich. Ist es auch ermunternd und erhebend, von Eltern und Vorfahren abzustammen, die sich durch Verdienste und Tugenden auszeichneten, und wer wollte den Wert nicht anerkennen und sich nicht selbst geehrt fühlen durch die Ehre, aus einer guten Familie zu sein! Aber gottlob, das gilt für alle Stände gleich, und aus den untersten sind die größten Wohltäter des Menschengeschlechts hervorgegangen. Stand und Würden kann man erben, aber innere persönliche Würdigkeit, worauf am Ende doch alles ankommt, muß jeder sich selbst erwerben. Der Weg dahin ist die Selbstbeherrschung, und ich bin überzeugt, wenn ich in den Zügen des jungen Mädchens lese, daß ihre Seele diesen Weg längst gefunden hat. – Ihnen, liebe Baronin, danke ich, daß Sie mir Gelegenheit gaben, den Anwesenden meine Meinung darüber zu sagen. Es ist die Meinung, welche auch im Herzen meines Gatten, des Königs, lebt.« Der strafende Blick der Königin, der leichthin über die Reihen flog, hatte sich in den huldvollsten verwandelt, als er Adelheid wiedertraf. Sie wechselte einige Worte mit ihr, die nur die wenigsten hörten, aber beider Augen verrieten den Sinn. Mit dem gnädigsten Nicken war sie vorübergeschwebt. Die Szene hatte sich im Augenblick verwandelt. Die mokanten Mienen von vorhin waren zu langen Gesichtern geworden. Das junge Mädchen war noch eben als Eindringling in diese Kreise betrachtet und gemieden worden; fast isoliert hatte sie neben der Eitelbach gesessen, kein Tänzer sich ihr genaht! Welche Urteile waren hinter ihrem Rücken gefällt worden! Ach, selbst ihre Jugendgeschichte hatte man hervorgezogen. – Ist das die! hatten zwei Hofdamen sich erschreckt angeblickt, mit dem Versuch, über die Erinnerung zu erröten, der indes unter dem dicken Karmin erstickt war. Einige begriffen nicht, was denn den Ruf ihrer Schönheit gemacht. Andre hatten gemeint, es komme eben nur auf den Ruf an, und in wieviel Häusern sie gewesen: und nirgend ausgehalten! Da war es doch klar, daß sie selbst daran schuld sei. Einige hatten sich gewundert, andere es schon schockant gefunden, daß man sie diesen Zirkeln aufdringe. – Man muß eine russische Fürstin sein, um sich das erlauben zu dürfen! – Aber bei der Fürstin muß sie wohl auch schon auf der Kippe stehen, sonst würde sie ihren Schützling nicht von der Eitelbach chaperonieren lassen. Was läßt sich die gute Baronin nicht aufbinden! – Eine Zuhörerin konnte schon fragen, ob denn Adelheid schon aus dem Hause ihrer Eltern verstoßen gewesen, als sie in dem der Obristin eine Zuflucht gesucht.

Und nun, wie Nebel bei einem Sonnenblick, war alles anders geworden. Woltmann berichtet von der Königin Luise, daß, wenn sie mit Häßlichen gesprochen, auch diese allmählich den Umstehenden schön gedünkt; solchen Zauber strahlte die Fülle ihrer Anmut aus. Eine ähnliche Magie hatte Luise hier geübt. – »Nein, wie schön sie ist!« hörte die Eitelbach jetzt hinter sich flüstern. »Welcher Anstand!« – »Es ist etwas Gebornes darin!« – Die Eitelbach war ohne Neid; mit Vergnügen sah sie die Lorgnetten auf ihren Schützling gerichtet. Sie lächelte die Dame an, die sich an ihren Arm hing: »Nein, liebste Baronin, was müssen Sie für eine Freude haben, einen solchen Engel zu bemuttern! Aber sie ist auch der besten Obhut anvertraut.« – Damen und Herren ließen sich Adelheid vorstellen. Ihre Antworten entzückten. – Da, um das Glück vollständig zu machen, hatte sich auch der König ihr genähert. Auch er sprach gnädig; freundlich sah er zum schönen Mädchen nieder, man hörte durch das Geräusch huldvolle Worte: »viel von gehört haben – sehr freuen – einen braven Vater haben. –« Auch die jüngeren Prinzen waren herangetreten, der König scherzte mit ihnen. Ein Scherz von den gewichtigsten Folgen. Bald durchflog die Säle die Neuigkeit: die Prinzen tanzen mit der Alltag.

Sie war der Stern des Abends. Sie blieb der Gegenstand des Gesprächs in den Equipagen, die nach Hause rollten. Über ihre Schönheit war nur eine Stimme. Nur etwas zu ernst! Aber die Holdseligkeit der Königin hatte ihr auch davon angehaucht. Welche naive, frappante Antworten sie gegeben! Wie hatte sie den jungen Prinzen August auf eine etwas kecke Frage anlaufen lassen! Aber wie hatte der ältere Bruder, Prinz Louis, sich benommen? – Eine solche spirituelle Schönheit mußte doch auf den galantesten Ritter wirken. – Er war an ihr vorübergegangen. – Unmöglich! hieß es; aber viele versicherten es. Der unglückliche Prinz sieht jetzt nur Gespenster! Die Aussicht auf den Krieg schüttelt in ihm wie ein kaltes Fieber. – Aber nein, er war zurückgekehrt, er hatte mit ihr Worte gewechselt. Es klang unglaublich, was der Lauscher gehört. Er hatte sie wehmütig angeblickt, wie Hamlet Ophelien: »Was wollen Sie in dieser Atmosphäre? Die ist nur für kranke Seelen.« – Und sie, was hatte sie geantwortet? »Gnädigster Herr, ich meinte, wer gesund ist, bringe Lebensluft in jede Atmosphäre mit.« – Unbegreiflich fanden es viele – ein simples Bürgermädchen, die Tochter von dem alten Geheimrat Alltag! Er wird wohl nun geadelt werden, meinten einige. Andre schüttelten schlau den Kopf: Wer weiß denn, ob er ihr Vater ist! Eine Dame fand in Adelheids Gesicht Züge, die an den vorigen König erinnerten.

Als der Kammerherr von St. Real der Fürstin Gargazin in einem entfernten Zimmer die erste Nachricht mit den Worten hinterbracht: »Sa fortune est faite!« hatte sie lächelnd geantwortet: »Wissen Sie nicht von dem Schatzgräber, der niemals reich ward, weil er alles gefundene Gold als Messing verkaufte?« Es mußte also doch eine Verstimmung, wenigstens eine Gleichgültigkeit zwischen der Prinzessin und ihrer Pflegetochter eingetreten sein. »Sie haben sich gut amüsiert? Das freut mich«, sagte sie beim Einsteigen in den Wagen. »Die Königin wird Sie rufen lassen. Ich weiß nicht, was Ihre Majestät mit Ihnen beabsichtigt, ich empfehle Ihnen auch nicht, das Eisen zu schmieden, solange es heiß ist, denn Sie sind ein Sonntagskind, und es fügt sich alles anders, als man es dachte. Der Hof sagt, Ihr Glück ist gemacht, die Stadt wird es nachplaudern, ich warne Sie auch nicht vor dem Neide – ich schaudre nur vor dem, was die Menschen Glück nennen. Der große Schiller hat ein schönes Gedicht geschrieben, aber sein glücklicher Polykrates war doch ein Tor. Warum warf er den Ring ins Meer, dessen Anschauen ihm täglich Freude machte? Das Verhängnis wandte er nicht ab, wer aber brachte ihm die verlornen Augenblicke zurück, als der Schimmer des Diamanten ihn entzückt!«

Drei Tage lang sprach man am Hofe, sieben in der Stadt, nur von der schönen Adelheid. Dann waren andre Gegenstände gekommen. Die Königin hatte sie nicht rufen lassen, die Königin hatte an anderes zu denken. Die Fürstin mochte noch an anderes denken, sie sagte nichts, aber wenn sie Adelheid sah, schien ihr lächelnder Blick zu sprechen: wenn eine Königin vergaß, uns rufen zu lassen, so wäre es an uns, sie anzurufen, damit sie sich unsrer wieder erinnere. Zur Diplomatin ist sie nicht geboren.

 

Der Minister mochte das und seine letzte Bemerkung längst vergessen haben, indem er mit der Schrift sich auf das Kanapee geworfen und mit dem Daumennagel Zeichen am Rande machte, als er auch das Papier sinken ließ.

»Was wollte denn Fuchsius?«

»Sein Anliegen hat er mir nicht mitgeteilt.«

»Er ist wie ein Trüffelhund auf Malefikanten. Als ob es darauf jetzt ankäme, einen Dieb und Betrüger mehr ins Zuchthaus zu liefern. Was sagte er sonst?«

»Er sieht trüb.«

Der Minister schien in dem Zustande der Erschöpfung, wo man lieber hört als spricht; eine indirekte Aufforderung an Walter, zu sprechen. Er mochte die unausgesprochene Absicht des Staatsmannes treffen, als er in Kürze die Ansichten des Regierungsrates referierte. Ganz wider Erwarten fiel der Zuhörer mit der Bemerkung ein: »Und hat er nicht recht?«

»Ich, Exzellenz, habe mir den Glauben an eine sittliche Weltordnung bewahrt.«

»Auch nachdem Sie das Gesindel von nahe gesehen haben? Das ist viel!«

Der Freiherr mußte tief erschüttert sein. So hatte der neue Sekretär ihn noch nicht gesehen. Es war aber zugleich eine weiche Stimmung, die ihm Hoffnung machte, mit Vorschlägen, die er in petto hatte, durchzudringen.

»Lesen Sie also!« sprach der Minister.

Walter nahm das Papier, welches jener auf das Kanapee fallen lassen. Der Minister schüttelte mit dem Kopf

»Zuvor die Hauptpassus, die wir aus dem vorigen Memorial heraushoben. Man muß sich diese erst vergegenwärtigen. Es wird nicht mehr alles für heut passen.«

Walter griff nach einem andern Heft und las:

»Bedrohte Selbständigkeit – Unwille der Nation über den Verlust ihres alten, wohlerworbenen Ruhmes.«

Der Minister schüttelte den Kopf: »Dies bleibt nun weg. Wüster Lärm genug.«

Walter las weiter: »Affilierung der Kabinettsregierung mit Haugwitz. An den Ministern haftet die Verantwortlichkeit für das, was sie nicht beschlossen, vor dem Publikum.«

»Öffentliche Meinung!« korrigierte der Minister. »Weiter.«

»Man schämt sich einer Stelle, deren Schatten man nur besitzt.«

»Habe ich das im April geschrieben?« Seine Lippen warfen sich zu einem höhnischen Lächeln. – »Illusionen! Wenn sich einige geschämt haben, jetzt haben sie sich anders besonnen. Das bleibt weg.«

Walter fuhr fort: »Das Ehrgefühl der Beamten wird unter einer solchen Regierung unterdrückt, ihr Pflichtgefühl abgestumpft. – Subalterne gehorchen nur noch halb, sie suchen ihr Heil bei den Götzen des Tages.«

»Das bleibt. Das hat gewirkt, es kann noch wirken. Für die Reputation ihres Beamtenheeres haben sie noch einiges Tendre. Weiter!«

»Der Monarch lebt in völliger Abgeschiedenheit von seinen Ministern. Von allem, was geschieht, erhält er nur einseitige Eindrücke durch das Organ seiner Kabinettsräte.«

»Sie halten inne. Haben Sie da Bedenken?«

»Könnten wir nicht die Person des Monarchen aus der Sache lassen?«

»Wir leben nicht in England. – Wir leben in Preußen, wo der Monarch mit dem Volke identisch ist. Es scheint eine Anomalie, aber es ist eine Wahrheit. Wehe ihm und dem Volke, wenn es nur ein Schein werden könnte. Wo ein Fürst diese abnorme Stellung hat, wo der Kopf sich eins fühlt mit dem Körper, muß er auch das vertragen können, was die andern Glieder. Preußens König ist sowenig ein Kaiser Karl und König Artus, die als Pagoden dasitzen, drei Köpfe höher als ihre Tafelrunde, als er ein Fürst ist, dem die Konstitution ein glänzendes Altenteil angewiesen hat. Er ist nur der er ist, indem er eine Partikel seines Volkes ist. Exzeptionell, ja, ja, durchaus exzeptionell, aber so ist's. Wir dürfen's nie aus dem Auge lassen. Er muß empfinden wie wir – das Streicheln und die Schläge. Man muß ihn anfassen können, schütteln ein wenig, ein derbes Wort sagen. Verträgt er es nicht – doch weiter, weiter!«

»Exzellenz, einen jungen Eichbaum schüttele ich, aber eine Sinnpflanze –«

»Es ist keine Zeit für Sinnpflanzen, wenn der Samum weht. Man muß ihn schütteln. – Übrigens vergessen Sie nicht, das Gefühl für das Rechte hat er von seinen Ahnen geerbt. Er steht über den Parteien. Das ist allerdings eine Eigenschaft, die jeder König haben müßte, da aber nicht jeder König sie hat, Respekt vor dem, der sie – und in solchem Umgange – sich bewahrt hat. Eine große moralische und intellektuelle Kraft hätte Europa noch nach dem Tage von Austerlitz gerettet. Diese Kraft fehlte. Ich kann dem, dem sie die Natur versagte, sowenig Vorwürfe machen, als Sie mich anklagen können, nicht Newton zu sein.«

»Weiter!«

»Nun folgen die subjektiven Gründe. ›Wer hat dies unbedingte königliche Vertrauen? Beyme und Lombard, von ihnen ganz abhängig Haugwitz. Jener – guter Jurist ward übermütig, absprechend, korrumpiert – Verbindung mit Lombard untergrub seine Sittenreinheit – gemeine Aufgeblasenheit seiner –‹«

Der Minister wehrte mit der Hand. »Die Frauen mögen jetzt fortbleiben.«

»Wahrscheinlich auch die folgende Charakteristik: ›Physisch und moralisch gleich gelähmt und abgestumpft. Seine Kenntnisse französische Schöngeisterei. Ernsthafte Wissenschaften haben diesen frivolen Menschen nie beschäftigt, frühzeitige Teilnahme an den Orgien der Rietzschen Familie sein moralisches Gefühl erstickt.‹ Soll das auch bleiben?«

»Weiter!«

»›In den unreinen und schwachen Händen eines französischen Dichterlings von niederer Herkunft, eines Roués, der seine Zeit im Umgang mit leeren Menschen, mit Spiel und Polissonnerien vergeudet, ist die Leitung der diplomatischen Verhältnisse, und in einer Periode, die in der neuern Staatengeschichte nicht ihresgleichen findet.‹ Auch das?«

»Ist's nicht wahr?«

»Aber wozu der Vorwurf niederer Herkunft?«

»Das verstehn Sie nicht.« Der Minister war aufgesprungen. »Brüstet er sich nicht selbst bei jeder Gelegenheit, daß er der Sohn eines Perückenmachers ist! Ein Skandal! eine Verworfenheit ohnegleichen. – Ja, wenn sie den Adel nicht systematisch zu Lakaien depraviert hätten, es stände anders. – Ihnen geschieht recht. – Laß sie an der Frucht ihrer Schuld nagen.«

»Das folgende, persönlich gegen den Minister Gerichtete ist schon so oft gesagt –«

»Kann aber nicht oft genug wiederholt werden.«

Walter las mit Zaudern: »Sein Leben eine ununterbrochene Folge von Verschobenheiten oder Äußerungen von Verderbtheiten. Sein Urteil seicht und unkräftig, sein Betragen süßlich und geschmeidig. – Als Gelehrter Phantast – dann Mystiker aus Liederlichkeit – Geisterseher aus Mode – Herrnhuter aus Bequemlichkeit – verschwendet die dem Staat gehörige Zeit am Lombertisch. Abgestumpfter Wollüstling, gebrandmarkt im Publikum mit dem Namen eines listigen Verräters seiner täglichen Gesellschafter und eines Mannes ohne Wahrheit und Wahrhaftigkeit.«

Walter hielt inne und blickte auf den Minister.

»War's eine zu schwere Aufgabe für Ihre Feder?«

»Ich frage mich nur, ob dieser persönliche Angriff notwendig ist?«

»Man muß Personen ändern, wenn man Maßregeln ändern will, habe ich Ihnen diktiert. Man muß die Personen niederschlagen, daß sie das Aufstehen vergessen, wenn sie, zur Vordertreppe hinabgeworfen, auf der Hintertreppe immer wiederkommen. Man muß sie zertreten, töten, vernichten, wenn mit ihnen die Maßregeln unmöglich sind. Schonung aus Mitleid wird Verbrechen.«

»Wenn wir auf den Erfolg rechnen können! Seine Majestät erwiderten auf das erste Memorial, worin Exzellenz auf Änderung des Kabinetts drangen: Sie wünschen nur, daß man Ihnen Beweise der Verräterei dieser Leute gäbe, so würden Sie keinen Anstand nehmen, sie zu entfernen. Die Beweise – sagt wenigstens das Publikum – liegen seitdem zutage – und –«

»Es bleibt alles, wie es gewesen. – Und das, Herr, soll uns bestimmen, nicht unsre Pflicht zu tun? Nicht zu rütteln an den faulen Ästen, solange wir Mark in den Gliedern haben, nicht zu schreien, rufen, warnen, solange wir Atem haben und man uns nicht den Mund verbindet. Wie?«

»Ich schweige in Ehrerbietung vor Eurer Exzellenz gerechter Entrüstung.«

»Nein, Sie sollen sprechen, Ihre Meinung sagen, dazu sind Sie hier; darum ließ ich mich in das Gespräch mit Ihnen ein. – Sie meinen, auch diese Denkschrift wird ohne Wirkung bleiben?«

»Man weiß, daß auch der alte General Blücher deshalb vergebens an den König geschrieben hat.«

»Und jetzt werden diese Denkschriften die Prinzen Wilhelm, Heinrich, Louis Ferdinand, Rüchel und ich unterzeichnen. Damit keiner meiner Freunde mir vorwirft, daß sie in der Hitze und Galle aufs Papier geworfen ist, wird Johannes Müller sie vor der Unterschrift überarbeiten. Wenn solche Namen zusammenklingen, solche Männer die Arme verschlingen, solche Gründe ihm ins Ohr donnern, über welche Zaubermacht müßten diese Wichte gebieten, wenn er widerstehen kann. – Hier ist Müllers Konzept. Er schließt: ›Dieses Kabinett, welches nach und nach zwischen Eure Majestät und das Ministerium sich eingedrungen hat, daß jedermann weiß, was bei uns geschieht, geschehe nur und allein durch die drei oder vier Männer, hat, besonders in Staatssachen, alles und jedes Vertrauen längst eingebüßt. Ja, Majestät, die öffentliche Stimme redet fürchterlich deutlich und bestimmt von Bestechung.‹«

»So wird er Ihnen entgegnen: Beweist es! Exzellenz, dies eine Wort kann alles verderben. Können wir, kann irgendeiner den Beweis führen? Ja, die Hand aufs Herz, kann einer dieser Hochgestellten und Gefeierten vor Gott die Beteuerung aussprechen: ›Ich bin fest überzeugt, daß französisches Geld in ihren Taschen klimpert!‹ Haben wir nicht vielmehr die moralische Überzeugung, daß sie mehr aus Indolanz, Eitelkeit, Dünkel, aus eigener Überhebung, aus Schlaffheit und Faulheit im Denken sich gegen das Verland versündigen, als daß sie wirklich Verbrecher sind!«

Der Minister machte, die Hände auf dem Rücken, die Augen niederschlagend, wieder seine Zimmerpromenade:

»Sie mögen recht haben, Gott hat sie nicht in seinem Zorn erschaffen, nur in seinem Mißmut: daß, zu unserer Beschämung, auch solches Gewürm herumkriechen muß.«

»Vermöge ihrer zwei Beine müssen sie doch aufrecht gehen, und aufrecht gehend müssen sie die Augen aufschlagen, sie müssen sehen, was vor ihnen ist. In Augenblicken, wo sie aus ihrem wüsten Taumel erwachen, müssen sie auch an den Richterspruch der Nachwelt denken.«

»Was kümmert dies Gesindel die Nachwelt! Den Bauch vollschlagen, die Taschen gefüllt, soweit es die Honnettität erlaubt, das heißt die Rücksicht vor den Leuten, mit denen sie mal Lomber spielen können, und nach ihnen die Sündflut!«

»Das Gefühl für Schimpf und Schande –«

»Prallt von den bunten Blechschilden ab, vorausgesetzt, daß sie mit Gehalt, Pensionen, Güterschenkungen gefüttert sind.«

»Exzellenz, Lombard sprudelt und spricht jetzt nur Krieg, Lucchesini erklärt laut und offen, es ginge nicht anders, Haugwitz läßt den Kopf hängen –«

»Weil sie sich vorm Pöbel fürchten.«

»Kann der Strahl nicht auch in ihnen gezündet haben?«

»Noch ein Optimist! Da walte Gott. Pack sie am Kragen und schmeiß sie zur Tür hinaus, so kommen sie zur Hintertür wieder hereingetänzelt und fragen mit einem süßen Händedruck, es sei doch wohl nicht ernst gemeint gewesen? Wirf ihnen einen Schurken ins Gesicht, so lächeln sie über den liebenswürdigen Scherz. Was ist ein Fußtritt in einen Plunderhaufen! Sie wollen Minister bleiben, Geheimräte, weiter nichts, und sie haben recht. Was wären sie, wenn sie es nicht sind!«

»Und wenn dann doch eine innere Röte der Scham –«

»Wenn die einmal herauskommt, treten sie vor den Spiegel und liebäugeln mit sich wie der Pharisäer. Werfen sich in die Brust, denn was sie vor sich sehen, ist ja ein treuer Diener ihres Königs. Das ist der rechte bequeme Bettelmantel für diese Menschen. Wenn sie etwas Dummes und Schlechtes gemacht, was sie vor Gott und den Menschen und sich selbst nicht rechtfertigen können, haben sie es nur als treue Diener ihres Herrn getan. Alles für ihren König! Mag Land und Volk darüber untergehen, wenn sie nur hinter der Decke der treuen Dienerschaft salviert sind. Scham in diesen Lakaienseelen! Die sich nicht schämen, ihre eigenen Fehler und Sünden dem aufzupacken, als dessen Götzendiener sie sich anstellen! Den, den sie als das strahlende Abbild göttlicher Majestät anpreisen, als Kratzbürste zu brauchen, an der ihr Schmutz kleben bleibt! – Oh, dies Gezücht schämt sich auch nicht, wenn es umschlägt, die Achseln zu zucken und mit den Augen zu zwinkern: Er wollte ja nicht anders, wir konnten nichts tun! Wer seine eigene Menschwürde opfert, dem ist nichts heilig, er opfert alles, zuletzt den Götzen selbst, wenn ein mächtigerer da ist.«

Walter sagte nach einer Pause: »Sind Eure Exzellenz überzeugt, daß Haugwitz auf seiner Reise ohne Instruktionen gehandelt hat?«

Der Minister faßte leicht seinen Rockzipfel: »Ein König, mein Lieber, ist ein Mensch, und ein Mensch noch nicht ein Chamäleon, wenn die Meinungen in ihm schwanken. Die Friedrich und Joseph, die Ludwig und Karle der Vorzeit sind Ausnahmen. Die Mehrzahl der Fürsten sind Menschen wie wir. Das Gute und das Böse, das Richtige und das Falsche rolliert in ihnen wie in einem Glücksrad. Da ist es Pflicht der gewissenhaften Räte, den Augenblick ergreifen, wo das Gute und Richtige oben liegt. Da müssen sie das Rad stillehalten, sie müssen es, sage ich, auf die Gefahr hin, daß es sie ergreift und zerdrückt. Trauen sie sich das nicht zu, sollen sie in der Schreibstube bleiben, oder ihrem Ehrgeiz mit Kammerherrnschlüsseln genügen lassen. – Wer so dreist ist, da oben stehen zu wollen, hat vor Gott, vor dem Volke, vor seinem König selber die Pflicht, ihm dreist ins Gesicht zu sehen. Nicht seine guten Launen soll er belauschen, um Gefälliges sich und anderen zu wirken, seine ernsten Augenblicke soll er ihm abstehlen, und wollen sie entfliehen, soll er sie festhalten mit eisernem Händedruck, er darf die Runzeln des Unmuts nicht sehen, er soll den sprudelnden Zorn nicht achten. Es ist ein anderer Zeuge dann über ihm, über beiden steht ein anderer König, vor dem der Purpur und die Staatsweisheit Plunder sind. – Und dringt er absolut nicht durch, soll er vor seinem Könige sich neigen und sprechen: ›Nimm das Amt zurück, das noch rein ist in meinen Händen! Wehe dem, der ein leichter Gewissen hat, es zu beflecken.‹ Das ist ein wahrhaft treuer Diener. Die armen Könige, die keine Männer finden, nur treue Diener, wie diese hier!« setzte der Minister mit gedämpfter Stimme hinzu und trat, die Arme unterschlagend, ans Fenster. – »Die armen Könige!« wiederholte er, »ich könnte sie bedauern. Solche treue Diener waren es, die die Throne unterhöhlt, Dynastien gestürzt. Ein arglistiger, böser Staatsmann hinterläßt Flecke; die kann man auswaschen, ausbeizen. Ein Chamäleon, das von jedem Regenbogenstrahl der königlichen Laune durchschauen ist, und ihn in Reskripten und Gesetzen austräufen läßt in alle Adern des Landes und Volks, dem Flüchtigen den Stempel der Autorität aufdrückend, der verdirbt die Völker und die Monarchien. Ich sagen Ihnen –«

Ein Geräusch in der Ferne unterbrach ihn, zugleich brachte der Diener Licht. Es war Abend geworden.

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