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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Fünftes Buch

Erstes Kapitel.
Ernste Fragen, die mancher überschlagen wird.

Den Druck der schwülen Luft fühlte ein jeder, aber ein Höhenrauch schien die schwarzen Wolken noch zu verbergen. Es wetterleuchtete auch schon, nur wirkten die elektrischen Zückungen verschieden. Ängstlich vor dem Ausbruch flatternde Vögel gewahrte man nicht. Es waren Männer im Lande und in der Hauptstadt, welche bang der nächsten Entwickelung entgegensahen, um so banger, als das Gewitter so lange sich hingezogen. Kluge und ernste Männer, welche fürchteten, daß es in einem entsetzlichen Schlage sich entlade, ein Wolkenbruch, die Saat eines Jahrhunderts fortspülend; aber sie schwiegen, sie bargen den düstern Ernst in ihrer Brust. Wäre es doch zum Verbrechen geworden, durch eine Kassandrastimme den Mut der Mutigen zu dämpfen! Seltsam, es sollen gerade die Feuergeister gewesen sein, dieselben, die vorhin keinen Anlaß versäumt, zum Kriege anzuspornen, welche jetzt mit banger Ahnung dem Unvermeidlichen entgegensahen! Sahen sie ringsumher nur blutige Sümpfe, wo der Funke erstickt, oder trauten sie dem eigenen Feuerstoffe nicht?

Dagegen waren es die, welche bis dahin ihren Sinn vor dem Ernst des Augenblicks verschlossen hatten, vor denen er jetzt, ein geharnischter Riese, stand. Geflattert waren sie wie der Schmetterling, in ihrem Dünkel mit dem Überwältigenden spielend, jetzt Bewunderung für das Meteor des Tages, jetzt kalt abwägende Richter, Gleichgültigkeit heuchelnd vor dem Ungeheuersten, was seit einem Jahrtausend geschehen, um ungestört zu bleiben in der süßen Gewohnheit, nicht mehr und weiter zu denken, als ihrer Behaglichkeit zusagte. Und nun waren sie aus ihrem Taumel der Sicherheit, aus ihrem Dünkel, ihrer Täuschung erwacht; es war anders geworden. Das Schauspiel, was ihnen auf den fernen Brettern zu ihrer Unterhaltung aufgeführt schien, ward Ernst, die Darsteller schlossen sich zu eisernen Phalangen, über die Rampen rückten sie heran, um die düpierten Zuschauer zu erdrücken. Die immer zum Frieden geredet, die Napoleons großen Sinn, seine Bewunderung für Preußen im Munde geführt, die da gepredigt, das geht uns nichts an, an uns wird er sich nicht vergreifen, auch ihnen waren plötzlich die Schuppen von den Augen gefallen, und nun sprudelte und tobte es. Tausende von Stimmen, eine wollte die andre überschreien, die am lautesten, heftigsten, welche am leichtsinnigsten der Zeichen gespottet. Da kam es denn wohl, daß sie am ernstesten und unverdrossen um Einlaß gepocht zur unerläßlichen Tat, jetzt von dem Troß zurückgestoßen waren, und den Spott hinnehmen mußten, sie seien nicht zur rechten Zeit entschlossen.

Noch lag ein offizieller Schleier über der nächsten Zukunft, aber er war so durchlöchert, daß, wer nur das Auge aufriß, durchsah. In Paris war der Rheinbund gestiftet und Preußen war nicht dazu geladen, ja, es hatte noch nichts davon erfahren. Die Fürsten, welche an der Leimrute saßen, auffliegen konnten sie nicht mehr, aber frei mit ihren Füßen flattern, und der Großmütige hatte sie dafür entschädigt mit den Beutestücken in seinem Netze, mit den freien Städten, den Gütern der Stifte, Klöster, der Reichsritterschaft, mit der Souveränität im eignen Lande. Frei, von niemand behindert, durften sie mit den Flügeln die schlagen, die darunter ein Recht hatten auf Schutz. Ihre Rechte, die besiegelt standen in allen Verträgen, waren durch einen Federstrich ausgelöscht. Und die duftende Zeitungsphrase des »Moniteurs« sagte: Des Kaisers Absichten hätten sich hier wie immer mit den wahren Interessen Deutschlands übereinstimmend gezeigt. – Und wohin sollten sie schreien, wohin hilfeflehend die Arme strecken? Der Kaiser hatte die römische Kaiserwürde niedergelegt, da er außerstande sei, seine beschworenen Pflichten gegen das Reich zu erfüllen. Wo war das Reich, wo das deutsche Volk! Österreich, des langen, ehrenwerten Kampfes müde, hatte sich in sein Schneckenhaus gezogen, das halbe Reich hing im Netz des Eroberers, und nur Preußen stand allein im Winkel, ohne den Mut, ohne den Beruf, ohne die Mittel.

Das fühlte jeder in Preußen. Wenn eine Überzeugung auf dem trocknen Boden aufschießt, von dem wir reden, so haben Spötter behauptet, daß sie wie ein Unkraut, das die Wolken säen, plötzlich die Felder überwuchert oder wie ein Heidebrand über Berge und Täler sich ergießt. Dann ist kein Widerstand mehr. Aber jeder Fanatismus berührt in der Regel nur gewisse Kreise, nur die an der Straße Wohnenden, die auf den Höhen Sichtbaren. Die in den tiefen Niederungen nur sich selbst leben, unbekümmert um, was nicht ihre nächste Sorge angeht, berührt er nur selten. Aber der Fall war hier. Des Herzogs von Enghien Aufhebung und Füsillade hatte nur die politisch Denkenden und Fühlenden getroffen, was gehn den guten Bürger Staatsakte an! Darum haben sich die zu kümmern, die dazu geboren sind oder dafür bezahlt werden. Aber daß er den Buchhändler Palm in Braunau erschießen lassen, berührte das Gefühl des Menschen, sogar den Gedanken des Bürgers. War Palm nicht ein Bürger, eingeschrieben in die Bürgerrolle, der ruhig seinem Verdienste nachgegangen und ruhig seine Abgaben gezahlt hatte? Was ging ihn die Schrift an, die er verlegt, und noch dazu starb er den Heldentod, weil er den nicht nennen wollte, dem er sein Wort gegeben, zu schweigen! Das konnte jedem »passieren«! Ist ein guter Bürger da, um den Heldentod zu sterben! Es war ein Brand, der durch alle Glieder ging, vom Wirbel bis zur Zeh. Die Entrüstung fand keine Worte dafür, und je gebundener die Meinung in dem andern gefesselten Deutschland war, so lauter sprach sie sich in Preußen aus. Man fühlte, was Freiheit war, und fing an zu begreifen, daß sie ein Gut, ein heiliges Menschenrecht ist. Zur Unterstützung der Familie des ermordeten Mannes wurden überall im Lande reiche Sammlungen veranstaltet, und die Regierung schritt nicht ein, weder aus Furcht vor dem Kaiser, noch wegen unbefugten Kollektierens.

Es war Leben im Lande; aber man sah es der prasselnden, ängstlichen Geschäftigkeit an, daß die Übung fehlte. Wie jene Bürgerfrau beim großen Brande der Petrikirche die Borsdorfer Äpfel sauber in Papier wickelte, während das Silberzeug auf der Diele zerstreut lag, griff man nach dem Entfernten und ließ das Nächste liegen. Fast ein halbes Jahrhundert war vergangen, seit Preußen einen Krieg um sein alles geführt! Feinde ringsum, und der Geist verkörperte sich zur wahrhaft rettenden Tat. Ringsum sahen sie jetzt ja keine Feinde, und der Geist fehlte zur Tat, weil – man ihn noch nicht suchte.

So sah es in den Bürgerhäusern aus. Es wird sich ja schon alles machen, auch ohne uns, war das Trostwort. Wie es in den Palästen der Großen, in den Hotels der Minister aussah?

In dem des neuen Ministers saß in dem Zimmer, das wir schon kennen, Walter van Asten am Schreibtisch. Aber die Flügeltüren waren zu dem nebenanstoßenden Audienzsaal geöffnet, wo der Regierungsrat von Fuchsius auf und ab ging. Zuweilen blätterte er in Schriften, zuweilen trat er zu dem neuen Sekretär, um Bemerkungen mit ihm zu wechseln. Er wartete auf eine Audienz und hatte schon lange gewartet, der Minister war in den obern Zimmern mit dem jungen Bovillard. Walter war bei einer Arbeit, aber er ließ oft selbst die Feder ruhen, und das gelegentliche Gespräch mit dem Rate schien ihm keine unangenehme Unterbrechung.

»Sie haben sich da einen gefährlichen Rivalen zugeführt«, sagte der Rat. »Sie beschäftigt er mit Berichten über sein Papiergeld, und Herrn von Bovillard schließt er in seinen Intimis das Herz auf«

»Das war die ihm zugedachte Stellung«, entgegnete Walter, die Feder weglegend, und stand auf »Wir sind Jugendfreunde, die Verhältnisse haben darin nichts geändert, und wenn sie es hätten, was kommt es jetzt darauf an, wo der der Beste ist – der handeln kann!«

»Wer handeln kann!« rief Fuchsius mit einem wehmütigen Lächeln. »Welche bittere Erfahrungen stehen Ihnen hier noch bevor!«

»Deren Herr von Fuchsius enthoben ist, weil er freiwillig seine Stellung aufgab.«

»Das soll eine Spitze sein, lieber Asten, aber sie verwundet mich nicht. – Ich bin dennoch freiwillig abgetreten und zu meiner juristischen Karriere zurückgekehrt, trotz alledem, was Sie das Gegenteil zu glauben berechtigt.«

»Ich setze voraus«, sagte Walter und reichte ihm die Hand, »daß Sie nach dem, was zwischen uns darüber verhandelt ist, in mir keine persönliche Ranküne mehr vermuten. Sie wäre jetzt ein Verbrechen.«

Der Rat drückte die gebotene Hand. »Ich bin keinen Augenblick in Zweifel über Ihre Intentionen, und eben darum tun Sie mir leid. Sie werden das Meer der Täuschungen von vorn an ausschlürfen. – Zugeben will ich Ihnen übrigens, daß jener Umstand vielleicht der äußere Anlaß war, aber der Entschluß datiert von länger. Der Gedanke, daß Seine Exzellenz von jetzt ab meine Arbeiten mit einer Reserve von Mißtrauen kontrollieren dürfte, änderte meine bisherige Stellung zu ihm; indessen, wertester Freund, was sind Stellungen, wo alles Schattenbilder sind in einer laterna magica, wir alle Tropfen in einem Meer. – Sie einer, Bovillard, der Freiherr selbst, alle, alle, die das Bessere wollen.«

»Wer sich verloren gibt, ist verloren«, entgegnete Walter.

»Wir sind künstlich isoliert, ja, umgürtet von Gräben, Wasser, Sandwällen, und unser Feuer droht in sich selbst sich zu verzehren. Das ist Ihre, das ist vieler Ansicht. Aber wer berechnet die Macht des Feuers, wo ringsum trockene Stoffe lagern! Mag, einmal entzündet, es nicht zu einer Lohe aufschlagen, die über Deutschland sich ergießt. Mag sie nicht Europa in Flammen setzen!«

»Und was dann! – Ich redete nicht davon. – Der Krieg liegt, ein so wüstes, trostloses, verworrenes Bild vor mir wie der Friede. – Ihr wollt das Volk wecken, einen Nationalkrieg entzünden – die Idee liegt doch dunkel im Hintergrunde?«

»Und Sie teilen sie nicht?«

»Ich habe sie geteilt – aber das ist vorüber. Einen Sturm wollen Sie loslassen, und was weht er auf? – Staub. Mehr nicht. Das Ferment, was Kreuzzüge möglich machte, ist ausgegangen. Auch die Französische Revolution könnte sich nicht wiederholen. Ja, trockene Stoffe liegen die Hülle und Fülle um uns her, aber es ist Schlacke, Asche. Sie müßten es doch erfahren haben, lieber Asten. Was hat Ihre ästhetische Schule gewirkt? Es ward vielen, die noch warmes Blut haben, etwas heißer zumute als gewöhnlich. Sie hatten Visionen, phantasierten, aber über die reale Welt hinaus. Und nun – wo ist's in die Nation eingedrungen, wo ins Herzblut, wo ist neues großes Geschaffenes, das weiterzündet und weckt? – Die Völker sind ein farbloses Dekokt geworden, eine träge, weiche, schwammige Masse, der der übersprudelnde Enthusiasmus, die Exzesse der Furcht und Dummheit die elastische Kraft ordentlich chemisch abgezapft haben. Wo ist etwas Ureigenes, Schaffendes zurückgeblieben von den Säulen des Herkules bis zur Mongolei? Dies tote, willenlose Residuum ehemaliger Kraft, nur dann und wann aufsprudelnd in einer Fuselbegeisterung, nimmt jeden Eindruck an, die Farbe, den Stempel jedes Siegers. Jetzt ist's der Korse, der ihn ihr aufdrückt. An seine Weltherrschaft glaube ich nicht, auch er wird fallen, aber noch nicht. Das Ungeheuer bläst noch mit vollem Atem. Was nun das Volk vorher elektrisieren, seine Kraft vom Wirbel bis zur Zeh nervös aufregen, um es in seinen feuerschnaubenden Rachen zu treiben! Wenn es Krieg sein muß, warum nicht das alte, vertrocknete, knarrende Gestell ihm entgegenhalten! Kracht und bricht es, so zerschmettert er nur, was ohnedem verlorengehen muß.«

»Und an diesem Gestell, mein Herr, standen noch vorgestern einige bewundernd!«

»Zwischen vorgestern und heut liegt gestern, und von gestern zu heut ist eine Kluft. Auch die Lebendigen reiten heute schnell.«

»Drei Fürsten haben diesen Bau aufgerichtet, größere kannte ihre Zeit nicht, und ein treues Volk hat mehr als hundert Jahre in unsäglicher Aufopferung, in rührendem und felsenfestem Vertrauen mitgearbeitet.«

»Wäre das Werk schon so ganz morsch, so vom Boden gelöst, so die Fundamente verfault!«

Der Rat senkte schweigend den Kopf.

»Und wenn dem so ist, so laßt es fallen«, fuhr Walter auf »Der Grund und Boden ist noch da, auf dem es stand, das Holz, aus dem es gezimmert, das Eisen, das ihm Klammern und Nägel gab. Die Arme sind noch kräftig, die Fäuste markig, die Schultersehnen zäh und dauerhaltig. Es ist ein dauerhaltiges Geschlecht, auf dessen Schultern sich die Hohenzollern zu Kriegsfürsten erhoben, und noch verspüren wir nichts davon, daß die Träger der Last überdrüssig wurden. War der Geist des großen Königs nur das Produkt einer Zeit, die nicht mehr ist, so muß ein anderer Geist sich erheben. Und hören Sie nicht den Geist? Braust er nicht daher wie das Wehen der Luft, das dem Gewitter voraufgeht! Es kommt eben nur darauf an, ihm die Richtung zu geben, daß er nicht spielend vorüberführt, daß er ins Mark dringt.«

»Und das ist ein Prozeß, nicht schwerer und nicht leichter, als die Quadratur des Zirkels finden.«

»Weil ihn noch niemand versucht.«

»Vergessen Sie doch nicht die Zöpfe, und vor den Zöpfen waren Perücken, und der Puderstaub, den sie ausgestreut, liegt dem Volke auf der Lunge. Sie glauben es zu kennen, weil Sie es an schönen Sommerabenden bei der Promenade vor seinen Türen tanzen sahen. Lernen Sie es kennen wie ich, durch die Administrationsakten. Steigen Sie mit dem Akzisevisitator, mit dem Steuerrevisor ins Heiligtum ihrer Häuslichkeit und sehen unter der dicken Schale hausbackener Ehrlichkeit die versessene Dummheit, den Trotz und die spekulierende Pfiffigkeit. Gelingt es Ihnen, da ins Mark hinein die patriotischen Gefühle zu schauern, dann erkläre ich Sie für einen Zauberer. Der Korporalstock, mein Freund, ist der Zauberstock, der aus den Bauerlümmeln adrette Soldaten macht. Sie können nicht dafür, sie wissen's nicht anders. Und weil es etwas besser bei uns war als draußen, halten sie es für das Vollkommenste. Der Schuh drückt auch sie, aber sie gehen von dem alten Leisten nicht ab. Väter und Großväter ließen ja danach arbeiten, und sie haben auch gelebt. In dies dumpfe Dämmerleben wirft die alte Glorie einen etwas poetischen Schein. Item, sie sind zufrieden, sie hoffen, daß es so bleibt, sie geben ihre Söhne her, es zu verteidigen, weil es so hergebracht ist, weil sie müssen, sie stehen auch vielleicht selbst auf, wenn es ihnen befohlen wird. Sie werden vivat schreien und sich nach Schuldigkeit schlagen. Das ist aber auch alles. Mehr fordern sie nicht. Sie werden sich über die Gesichter wundern, wenn die Herren mit ihren Reorganisationsprojekten hervortreten. Ich rede gar nicht von den Berechtigten, die Zeter schreien müssen, weil es ihnen ins Fleisch schneidet, auch der große vernünftige Pöbel, der dabei profitiert! Ach, wie mächtig ist die träge Gewohnheit. Wie werden sie die Köpfe zusammenstecken : Es ging doch sonst! Es ist doch immer so gegangen! Warum soll es denn nun mit einemmal anders werden. Man weiß, was man hat, man weiß aber nicht, was man kriegt. – Wir sind nun mal von sinnender Natur und unsre sinnenden und träumenden Spekulationen schön wie der Regenbogen, aber fußen sowenig als er auf der realen Erde. – Da hören Sie nur, wie man schon in Entsetzen über Ihre Tresorscheine die Köpfe schüttelt. Papiergeld ist etwas noch nicht Dagewesenes. Damit ist für sie der ganze Kredit des Staates erschüttert. Das steht freilich da nicht in Ihrem schönen Programm.«

Als der Rat eine Bewegung machte nach dem Papier, was auf dem Schreibtisch lag, hatte Walter schnell den Bogen umgedeckt. Er hatte vorhin still die Miene verzogen, als Fuchsius von den Arbeiten gesprochen, welche der Minister ihm aufgelastet, denn es war eine andre Arbeit, mit der er beschäftigt war, und er mußte Gründe haben, weshalb der Rat sie nicht sehen sollte. Fuchsius stand auf, Walter aber ging einige Schritte auf und ab, indem er ihn doch mit einer Bewegung zum Bleiben einlud. Das Lächeln auf des Rates Lippen mochte der Betrachtung gelten, wie bald jemand im Amte die Miene ändert. Es war allerdings nicht mehr der sinnende Gelehrte, der an die Dinge außer seinem Ideenkreise nur vorsichtig tastet, ein anderes Gefühl sprach sich in einem andern Wesen, einer andern Haltung aus, als er jetzt stehenblieb:

»Sie erkennen die Krisis. Sie wissen wie wir, daß die Versäumnis damals uns jetzt eine Notwendigkeit aufdringt. Wir handeln nicht mehr frei, wir müssen handeln, wenn wir nicht wie ehrlose Feiglinge uns in den Staub werfen, den Sieger bitten wollen: Tritt uns auf den Nacken, wir haben's verdient. Fordern Sie das? Selbst unter diesen blasierten, verluderten, albernen Menschen geht ein stiller Schauer des Entsetzens. Sie ahnen, was sie ihrer Geschichte, den Namen ihrer Väter und ihrer Fürsten im Grabe schuldig sind. – Und wenn es so ist, kein Preuße ist, den es nicht durchzuckt: jetzt muß es sein! wenn es sich um Sein und Nichtsein handelt; sollen wir losschlagen mit einem gebundenen Arm, wo ein Schnitt den andern frei macht! Ist das preußisch gehandelt, im Sinn des Großen Kurfürsten, der vom Rheine flog mit einer Handvoll Männer und die Schweden schlug gegen alle Regeln der alten Taktik! Oder im Sinne Friedrichs, der schöpfte, wo keiner vor ihm Quellen sah! Wäre denn damit alles erschöpft? – Sie haben nur ihren Nachfolgern den Weg gezeigt, wie der Geist immer neue finden muß, wenn die Natur sich verschließt. – Erlahmt sind die Völker, aber sind sie schon entnervte, kraftlose Greise? – Unseres nicht. Wer hat es denn auf die Probe gestellt? Ja, es taumelt noch in einem großen Traumdasein, von einer Glorie geblendet, die nicht in sein Mark drang. Kennen wir dies Mark, wissen Sie, welches Gewicht es schwingt, wenn wir dem Blute freie Strömung geben! – Die Massen, ja, sie sind träg, verdrossen, nachhinkend. Ein Tor oder ein Verbrecher, wer den Funken hineinschleudert und brennen läßt, wie es kommt. Nein, er muß als Wächter dabeistehen. Sie taumeln zuerst denen nach, die sie fuhren; dann lernen sie schreiten, ihnen folgen. Endlich gehen sie auch wohl eine Strecke vorwärts ohne Führer. So ist's in der Welt seit ihrem Beginn. Aus den schlechtesten Soldaten, aus den Neapolitanern, hat Bonaparte feuerfeste Krieger gemacht. Und der gute, feste, grobkörnige Teig, der uns vorliegt, ihn sollen wir nicht zu formen versuchen, wenn Gott uns Männer schickt, die Einsicht haben! Wenn wir Stahl und Feuerstein haben, sollen wir nicht Funken schlagen; wenn wir ein Volk haben, das sein Vaterland liebt, sollen wir es nicht aufrufen, nicht elektrisieren, sein alles einzusetzen, wo es sein alles gilt.«

Der Rat seufzte mit einem wehmütigen Blick auf den Redner, während er doch mit wachsender Teilnahme seiner Rede zugehört zu haben schien.

»Leben Sie wohl, van Asten«, sprach er, ihm die Hand reichend. »Ich weiß auch, wie glücklich Illusionen machen.«

»Und Sie halten es für unrecht, mich zu wecken; wer nie geträumt hat, nicht träumen kann, dem geb ich kein Recht dazu. Aber von Ihnen fordere ich es als Pflicht. Fürchten Sie nicht, daß ich wie der Nachtwandler vom Dache stürze.«

»Männer fordern Sie, Männer von Einsicht. Und Sie glauben, der Rechte ist da. Sind Männer der Einsicht auch Männer der Tat? Einsicht hatten viele. Was halfen sie, wenn sie die Achseln zuckten, weil sie sich zu schwach fühlten. Aber dieser, den Sie meinen, und die wenigen mit ihm, die ihn verstehen, fühlt den Beruf! Das ist Ihre Antwort. Er fühlt sich auch stark, ins Rad zu greifen; mit eisernen Besen, Karsten, Schaufeln will er den Schlamm auskehren und aus den Gebirgen Waldbäche in die verschlammten Kanäle leiten. Zugegeben diese Herkuleskraft; ist, wo des Feindes Hammer schon am Außentore kracht, Zeit dazu, die Garnison neu zu organisieren?«

»Die Not lehrt nicht allein beten, sie lehrt uns auch die Zeit ergreifen. Wenn sie zehn, zwanzig Jahre vergeudet, um so schwerer wiegt, um so kostbarer ist der Augenblick, und der ein Verschwender, ein Verräter, der ihn ungenutzt verstreichen läßt. Sie kennen den ersten Sturm, den er gewagt. Er blitzte ab, werden Sie entgegnen. Aber er ward nicht abgeschlagen. Als der König das Memorial zurückgab, nahm man uns da etwa die Waffen? Gab man ihm die Entlassung? Er ward nur ungnädig aufgenommen, weil sie der Gedanke aus der bequemen Ruhe störte. Der Gedanke ward seitdem stärker, die Bundesgenossen wuchsen, und aus der Ruhe haben andere den Monarchen gerissen. Es ist eine Zeit der Unruhe, und er muß dessen Hand fassen, der den Boden unter ihm fest macht.«

»So will er es wirklich noch einmal wagen! Ich sage Ihnen, die Kabinettsräte sprengt er nicht. Er springt eher selbst.«

»Gefahr kommt nicht in Anschlag, wo es nur einen Weg gibt. Sie schätzen die Menschen ab nach den langen Jahren der Schlaffheit; warum müssen sie dieselben bleiben, wenn der Sturm sie packt! Verjüngt sich denn nicht die Natur; wenn Äcker durch lange Jahre brachlagen, ist ihre Tragkraft dann nicht eine neue? Wenn die Stadt brennt, Überschwemmung die Deiche gebrochen hat, entwickelt sich nicht eine Kraft, eine Energie, die man nie erwartet hatte! Haben wir nicht Beispiele, daß die Mutlosesten ins Feuer stürzen, über glühende Balken klettern, um ihre Teuren zu retten. Ja, der Rettungsmut wird zum Fieber, sie stürzen um Gleichgültige in die Flammen. Das trauen Sie einem Volke nicht mehr zu, wenn es das Vaterland gilt! Aber nein, wir sind einig. Das Volk ist eine Masse, die Färbung und Form, Tätigkeit und Trieb nur von den wenigen empfängt, die sich ihm geweiht haben. Sie wie ich verachten das Gesindel, das so lange die Brut des Adlers in Käfigen fütterte, ihr die Flügel verschnitt, wenn sie aufflatterte, sie streichelte: Überhebe dich nicht, der Weg zur Sonne ist zu weit für dich. Diese stoßen wir fort. Ihr Mißtrauen jetzt trifft die wenigen, die es wagen. Nein, Herr von Fuchsius, es trifft weiter. Ihr Mißtrauen spritzt sein Gift über die Natur hinaus, die wir sehen, in die Natur, die wir nur ahnen. In ihr herrscht ein ewiges Maß, das der mächtigste Frevler nicht überschreitet. Das Glück wie das Verbrechen hat sein Ziel; so die Schmach, das Elend. Es muß eine Erhebung, eine Erlösung geben für ein gedrücktes Volk, wenn es eine sittliche Weltordnung gibt.«

»Und wie viele Völker gingen unter, um nie wieder aufzustehen.«

»Ist Deutschland schon Byzanz? Ist's Preußen? Im Volke unten sind noch Erzstufen, die im rechten Schmelzofen ein Glockenmetall geben. Die zu suchen ist unsere heilige Pflicht; und daß schlechte Verwalter dies ergiebige Bergwerk unverantwortlich verwüstet, doppelte Aufgabe für uns, das Versäumte nachzuholen.«

Der Regierungsrat saß in Gedanken versunken, den Kopf im Arm:

»Ist denn eine sittliche Weltordnung! – Diese Geschichte, die das Weltgericht sein soll, was ist sie denn, wenn wir sie mikroskopisch betrachten! In ihren großen Phasen ein wohlaufgezogenes Uhrwerk, aber wir zu klein für diese Messungen, Infusorien, Schaumteile, die die Woge über das ungeheure Rad gießt. Auf die das Los fiel, geboren zu werden, während das Wasser stieg, schwärmen im Morgenrotsgefühl der Titanen; die aber geboren wurden, um zu sterben, wenn es überschlägt, wurden Threnodisten oder Stoiker. Da liegt der Kern.«

Walter entgegnete: »Wen die Geburt an großen Scheidestunden auf die Welt gesetzt, sei geboren, auch groß zu fühlen.«

»Oh, geben Sie mir wieder die Götterfunken, die Fichte, Schiller uns ins Blut hauchten! Nur muß man nicht Spezialgeschichte studieren, nicht Akten lesen. Da sinkt Ihre ideale Gerechtigkeit ins Reich der wesenlosen Schatten! Ja, mein Freund, die furchtbare Nemesis ist da, die auf ihrer Mühle alles Geschaffene wieder zermalmt und Maß für Maß übt, aber bilden Sie sich nicht ein, daß es einem der Geschädigten zugut kommt. Bonapartes Arm zerdrückt das Regiment jener kleinen Gewaltigen, die Ludwigs Wolkenperücke auf den hohlen Schädel drückten und auch ausrufend ›l'etat c'est moi!‹ die Majestät des deutschen Königtums verhöhnten, mit ihren Mätressen das Mark des Landes verpraßten und seine Söhne geknebelt nach Amerika verkauften. Der Gott der Gerechtigkeit hat die blutigen Tränen, die Schmerzenslieder der gefangenen Sänger erhört; aber die Rache trifft die Kinder der Schuldigen. Ruft sie die ins Leben, deren Gebeine im heißen Afrika bleichen? Und unter den Lebendigen! Die Gewaltigen ziehen aus mit ihren Geldsäcken, die Kinder der Mätressen, vom Mark des Landes gefüttert, sind große reiche Herren geworden, und die Untertanen, das Volk – bekommt einer nur einen Heller wieder? Nein, es muß von neuem steuern und steuern, um die Nemesis zu bezahlen und die neuen Gewaltigen groß und reich zu machen. Seine Marschälle, Brüder werden Fürsten, Könige; wir bleiben, was wir waren, die Masse, aus der man den Saft preßt. Auch diese neuen, ja, auch sie wird die Nemesis ereilen, auch Bonaparte wird übers Rad geschleudert werden, aber erst, wenn wir längst modern, und was unsre Kinder vom Raube zurückerhalten werden – nun, das kümmert Sie und mich nicht. Wir haben ja keine Kinder.«

»Aber einen Glauben habe ich«, entgegnete Walter, »daß in dieser Fäulnis noch gesunde Stämme sind. Grade aus diesem abgestorbenen Elend im Reiche erheben sich die Größen unseres nächsten Vaterlandes.«

»Was ist Größe! Sie werden nun in unsern Archiven blättern. Ach, wenn Sie in den Korrespondenzen, den wenigen Zeugnissen der Zeitgenossen lesen, die man klugerweise daselbst vor der Fackel der Geschichte bewahrte, ach, Sie werden so viel Perücken und Schlafröcke sehen, daß Ihnen die großen Männer darüber verschwinden. Wie viele Wunder, wie vieler Heroismus, wieviel Unbegreifliches wird Ihnen sehr begreiflich und ordinär erscheinen. Die Glas Wasser, die umgestoßenen Schokoladentassen, Liebster, sind es nicht allein, die über Königreiche, Dynastien und Völkerglück entschieden haben, der ewige Faden der Gemeinheiten und Niederträchtigkeiten zieht sich durch die Weltgeschichte. Mückenstiche, eine schlaflose Nacht, eine schlechte Verdauung haben auch über die Impulse derer entschieden, die auf der Menschheit Höhen wandelten; so wenigstens admirieren wir sie. Wie mögen sie in jenen Regionen über uns lächeln! – Wo unsrer Fäulnis Sitz ist, darüber sind unsere Freunde einig. Aber worauf brüsten wir uns noch, und wenn wir die Teile unter das Mikroskop bringen, auch da schillernde Verwesung! Wie stolz sind wir auf unsre unparteiische Justiz, und der pfiffige Müller Arnold kochte noch vergnügt seine Klöße von dem abgestrichenen Mehl, als die Präsidenten schon vor den Rekommandationen der Lichtenau sich bückten und zitterten, wenn einer, den sie abgewiesen, an sie appellierte. Für welches Wunderwerk galt Friedrichs Kontrolle, sein großes Auge sah ja alles, zählte die Groschen; schlagen Sie aber die großen Baurechnungen nach und sehen, wie grob er doch betrogen ward! Unsre stolzen Großen am Hofe, wie viele danken ihre Grafentitel nicht dem Könige, dem Kammerdiener Rietz! Wie manche ihre Titel, Güter, Orden der Laune des Augenblicks, einem schönen Frauenblick! Wie kamen wir denn zu Haugwitz, wie zu –, zu –, zu – Ward ihr Wert auf der Staatswaage abgewogen?«

»Wie kamen wir zu dem, den Sie und ich gleich verehren, ein geharnischter Geist, der durch diese Misere schreitet?«

»Und wie Hamlets geharnischter Vater in die Versenkung fallen wird. Und das, ehe Hamlet Mut bekommt. – Der Freiherr wird sich nicht, ich sage es Ihnen, er kann sich nicht halten. Solange er seine Pfeile nicht losschoß, fürchtete, darum schonte man ihn. Wenn er den Köcher entleert hat, wird man ihm ein Bein stellen. Er wird zu schroff drauflosgehen, und unvermerkt sitzt er in der Schlinge. Da wird er haspeln, poltern, um sich schlagen, das Dekorum verletzen, die Fäden des Gewebes sind aber zu weit gesponnen, es umstrickt ihn. – Er drückt, wie einer jener kolossalen Granitblöcke, die aus einer Sündflut auf unsrer Ebene zurückblieben, den Sand nieder, aber der Sand erhebt sich nicht zu ihm, und er befruchtet ihn nicht. Man klopft und zersprengt diese Steine. Unser Sand bleibt Sand. Und endlich – er ist ein feuersprudelnder Riese, aber – warum läßt er Bovillard oben seine sturmschnaubenden Reformationsaufsätze niederschreiben, und Sie beschäftigt er wie einen Rechenknecht? – Weil Sie bürgerlich sind, teuerster van Asten; wenn er Bovillard unter den Arm faßt, mit ihm auf und ab geht, sind es immer Staatsgeschäfte, von denen sein Auge leuchtet, was die Lippe so angenehm bewegt? Ihn interessiert ebenso der reine keltische Ursprung der Familie Bovillard, die neue Fabel, mit der Bovillards Vater die Zirkel amüsiert, vom Haus oder Gau oder Clan Cerisé oder Cerison, wobei ich gar nicht in Abrede stellen will, daß ein in der Deszendenz so heruntergekommener Adel guttut, seine Aszendenz bis zu den Zimbern hinaufzuführen und seine Schläfen mit Druidenkränzen zu umwinden. – Ein großer Mann muß sich auch amüsieren, und neben der Notwendigkeit für andre muß jeder auch für sich leben.«

»Und wofür leben Sie jetzt?«

»Für die Verbrecherwelt. Die Wahrheit, die ich in der Psychologie des Staates nicht fand, suche ich in der der Gefängnisse. Es ist eigentlich derselbe Stempel, nur ursprünglicher, frischer. Das Schillersche Weltgericht finde ich hier viel konziser, konkreter. Die Kreise eines Verbrechers, klein fangen sie an, um rasch größer zu werden, bis er noch schneller seine Katastrophe erreicht; dann verengen sie sich wieder, immer rascher, bis sie zur Schlinge werden. Dort sehen wir nur Stückwerk, hier Totalitäten.«

»Aber nichts, was das Gefühl erhebt.«

»Wie aus dem unscheinbaren Keim eine ganze Verbrecherlaufbahn entspringt, wie die erste Unterlassungssünde, die Scham darüber, das Streben, es zu verbergen, ebensooft als der Kitzel der Lust das Individuum weitertreibt, gäbe das keine Anschauungen, Belehrung, ja Erhebung? Da! in der großen Geschichte vertuscht man es, wie aus dem Kleinen das Ungeheure sich ballt, hier ist kein Grund dazu, die Diplomaten und Historiker fehlen, die das Schlechte schön malen, dem Albernen einen tiefen Sinn unterlegen. Die Natur gibt sich, wie sie ist, und versucht's ein Verbrecher, durch Lügen sich einen bessern Schein zu geben, so braucht man ihn nur fortlügen zu lassen, er verstrickt sich mit jedem Worte tiefer, unlösbar, und die Wahrheit fällt wie der reife Apfel vom Baume. Und wenn mitten aus der Verworfenheit ein schöner, menschlicher Zug wie ein Licht aus bessern Welten vorschießt, da kann dem Kriminalisten eine Träne ins Auge treten, und er kann den Verbrecher lieben, den er verdammen muß. Ja, Teuerster, der Sprung aus der Politik in die Kriminalistik ist für mich zur Rettung geworden aus einer Welt der Verwesung, über der der gleißende Schein immer mehr reißt, in eine Naturwelt, wo es noch chaotisch daliegt, unschön, meinethalben ekelhaft, aber es ist die grelle Naturwahrheit, die der Mensch bessern, veredeln sollte, gewiß, es war seine Aufgabe, aber er hat sie verpfuscht. Jetzt begreife ich die Völkerwanderung. Die Barbaren, welche die römische Kulturwelt mit ihren Keulen niederschlugen, waren nicht etwa rohe Engel aus dem Paradiese, auch unter ihnen grassierten Laster, Blutsünde und Greuel aller Art, aber sie waren der frische Abdruck des gigantischen Menschengeschlechts.«

»Den finden Sie doch nicht unter Ihren Verbrechern in den Vogteien? Ich konnte sie immer nur als den Abdruck unserer Sittenverderbnis betrachten.«

»Nun, so studiere ich in ihnen das Schattenspiel unser selbst.«

»Aber wo unter hundert Fällen neunundneunzig nur die Verwechselung des Mein und Dein zum Gegenstand haben.«

Fuchsius sah ihn lächelnd an: »Ist das nicht die große Frage, die alles regiert! Nur daß die Groben für andre, die Feinen für sich einen Mantel darüberhängen. Von meinen Verbrechern wollen die wenigsten sich selbst täuschen, es ist daher viel leichter, die Bemäntelung abzureißen und der Sache auf den Grund zu kommen. Übrigens versichere ich Sie, daß ich die interessantesten Studien vorhabe. Wir stimmen darin, wenn Sie in der Verbrecherwelt nur einen andern Abklatsch der höhern Stände erblicken. So zergliedere, arrangiere ich sie mir; ich finde die Erklärung für vieles, was oben im Licht geschieht, in meinem Schattenreich. Ich dringe in manchen intrikaten Dingen bis in die Familien, auch in recht angesehene, und finde immer den Abdruck desselben Stempels. Die Zerlassenheit, das laxe Wesen, die Maximen, Prinzipien dringen von oben nach unten durch wie eine ätzende Säure. Hier verschenkt man freilich nicht Staatsgüter, die Hunderttausende wert sind, zur Erinnerung für gute Kompanieschaft bei einer Orgie, noch schwarze Adlerorden an Roués für eine Galanterie, man gibt am Sterbebette eines Monarchen keinen Judaskuß seiner Mätresse, um eine letzte Gnadenbezeugung und um sie desto sicherer zu machen, damit, wenn er die Augen geschlossen, man sie auf die Wache schickt. Noch trifft man auf vornehme Damen, die, wenn die Sünde sie verläßt, doch von der Sünde nicht lassen können und unbescholtene Töchter guter Familien in ihre Zauberkreise verlocken, nicht aus Eigennutz, rein aus Vergnügen, und noch weniger verstehen meine Schelme, Betrüger, Galgenvögel darüber den Schleier von Philosophie und Humanität zu breiten, aber – Sie werden vielleicht nächstens Dinge sehen, die Sie nicht erwarten, und die Gesellschaft wird die Augen aufreißen. Leben Sie wohl – Exzellenz verkehrt mir zu lange mit Herrn von Bovillard.«

»Sie scheinen wichtigen Entdeckungen auf der Spur.«

Fuchsius nickte.

»Dann müßten Sie eilen. Mich dünkt, das große Ungeheuer Krieg verschlingt die kleinen.«

»Falsch geschlossen, Herr van Asten. Die Kriminalistik hat die Beständigkeit vor der Politik voraus. Wer auch siegt, das Jagdrecht der Justiz und Polizei auf die gemeinen Verbrecher bleibt unangetastet. Spitzbuben, Räuber und Giftmischer liefern die Kriegführenden sich mit gegenseitiger Courtoisie aus, und der Strick ist der sicherste Orden für den, der eine Expektanz darauf erwarb.«

Der Rat schien doch noch etwas sagen zu wollen, als er den Türgriff langsam aufdrückte, Walter kam ihm zu Hilfe. Wenn er aus seiner Wissenschaft ihm etwas mitteilen könne, möge er kommandieren; er glaube nicht zu versichern nötig zu haben, daß er auf seine volle Verschwiegenheit rechnen könne.

»Fand in letzter Zeit eine Kommunikation zwischen dem Minister und dem Legationsrat Wandel statt?«

»Ich glaube es positiv verneinen zu können.«

Der Rat schien zufrieden. »Sie selbst kamen nie mit ihm in nähere Berührung?«

»In keine andere, als welche die gesellschaftlichen Beziehungen im Hause der Geheimrätin Lupinus mit sich brachten.«

»Mit der schien er in Relation zu stehen –«

»Welche das Geklätsch zu andern machte, als sie vielleicht waren. Sprach man doch auch, daß die Geheimrätin sich scheiden lassen und ihn heiraten wolle. Da, soviel mir bekannt, ihre Verbindung seit dem Tode des Geheimrats sich gelöst hat, so war auch das gewiß ein falsches Gerücht.«

»Um so mehr, als jetzt verlautet, daß Herr von Wandel auf Freiersfüßen bei der reichen Braunbiegler aus und ein geht.«

»In der Tat?«

Der Rat faßte freundlich Walters Hand, und mit demselben Tone sagte er: »Herr van Asten, verzeihen Sie die Indiskretion, an der Börse meint man, daß Ihres Herrn Vaters Angelegenheiten schlimm stehen. Er hat sich in einer Spekulation verrechnet –«

»Und wird hoffentlich, wenn sie fehlschlägt, der Mann sein, der seinen ehrlichen Namen mit dem Letzten, was er besitzt, löst.«

»Daran zweifle ich nicht und wünsche ihm, daß er ohne dieses Opfer sich aus der Klemme zieht. Aber er steht in Geschäftsverkehr mit Wandel, er hat Wechsel von ihm, er hat Mittel gefunden, während man glaubte, daß Wandel auf Prolongation dringen werde, ihn zu bestimmen, daß er diese Wechsel in andere auf kürzere Sicht umschrieb. Schon das ist merkwürdig. Noch auffälliger, daß, während man Ursach hatte, an des Legationsrats Verlegenheit zu glauben, dieser aus Mitteln, die man nicht kennt, Ihren Vater prompt befriedigt hat.«

»Man dürfte doch auch bei den Gerichten wissen, was in der Stadt ein lautes Geheimnis ist, daß Herr von Wandel mit diplomatischen Ambassaden in vertrauten Relationen steht.«

»Pah!« sagte der Rat. »Spione hier werden nicht mehr teuer bezahlt, seit man die Geheimnisse wohlfeiler hat. Soviel haben wir heraus: was seine politischen Mysterien anlangt, ist er ein Windbeutel, nur mit der Russin steht er noch in einer Verbindung. Sie ist keine Verschwenderin und bezahlt ihn mit der Münze, die er bringt. Mit Versprechungen löst man aber nicht Wechsel von zehn- und zwanzigtausend Talern. Ich will, mein teuerster Herr, nicht hoffen, daß Ihr Vater sich näher mit ihm einließ.«

»Sie erschrecken mich –«

»Wenn Sie für Ihren Vater einstehen, gewiß ohne Grund. Aber – warnen Sie ihn, soweit ein Sohn es darf, der zugleich seine Pflichten kennt gegen den Staat und die Gerechtigkeit.« – Er zog Walter an sich, und die Hand am Munde sprach er ihm ins Ohr: »Ich habe den dringendsten Verdacht, daß dieser Herr von Wandel –«

In dem Augenblicke hörte man starke Fußtritte auf der Treppe.

»Der Minister!«

»Und sehr ungnädig«, sagte Fuchsius, die Tür öffnend. »Die Audienz ist ungünstig ausgefallen. – Schade, daß Bovillard nicht Ihr Rival ist, er wird unfreundlich entlassen, und ich habe nicht Lust, den Zornerguß Seiner Exzellenz auf mich zu laden. – Von dem Bewußten ein andermal. Bis dahin Verschwiegenheit.«

Der Rat war durch das Audienzzimmer nach der andern Ausgangstür geeilt, ehe der Minister in jenes eingetreten war.

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