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Gutenberg > Willibald Alexis >

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Siebzehntes Kapitel.
Ein volles Bekenntnis.

Im Hause der Fürstin hatte sich seit jenem Gesellschaftsabend vieles ereignet, von dem wir nicht Zeuge waren; es drückte sich auf den Physiognomien ab. Adelheid war heut beim Teetisch eine Hebe; sie ging nicht, sie schwebte. Sie schien fortwährend zu singen. Man hörte es nicht, aber man fühlte es. Ihr Gesicht hatte einen andern Ausdruck.

Der Legationsrat bemerkte es gegen die Fürstin.

»Ei!« sagte die Gargazin mit einem besondern Blick. »Ich glaubte, dafür hätten Sie keine Augen?«

»Für die Schönheit!«

»Nur für die, welche Sie zergliedern können. Adelheid gibt das den Reiz, was Sie nicht lieben, die Harmonie der Seligkeit.«

»Ein Nebelbild!«

Wandel blickte dabei scharf, aber ruhig auf Louis Bovillard, der, in sich versunken, im Fauteuil saß, und die Teetasse mit einem verstohlenen Kuß auf die Hand hinnahm, welche sie ihm reichte. Die beiden hätten das Gespräch kaum gehört, auch wenn es laut geführt worden. Wer sich aber wundert, den Legationsrat auch in dem kleinen Kreise zu erblicken, in dem Louis Bovillard ihm gegenübersitzt, dem sagen wir, daß in der Stadt ein Gerücht umlief, daß zwei Kavaliere neulich in der Jungfernheide ihre Pistolen versucht; es sei kein Blut geflossen, aber einige dürre Zweige wären abgefallen. Was ging Louis der Legationsrat noch an; auch der Legationsrat hatte an anderes zu denken. Er war heut nur auf eine Viertelstunde gelegentlich angesprochen, nachdem die Familie aus dem Tiergarten zurückgekehrt.

»Was geht Sie das an!« replizierte die Fürstin, ihre Stickerei wieder vornehmend.

»Alles Leben ist ein Traum!« rief der Legationsrat nach einer Pause.

Die Fürstin hielt die Nadel an: »Fallen Sie nicht aus der Rolle, Herr von Wandel?«

»Welcher?«

»Die Sie die Güte haben, vor sich selbst aufzuführen. Apropos, ich bemerke, Sie fangen an, wenig zu essen und vom Glase nur zu nippen. Das ist für Berlin zu spät, man kennt Sie einmal als Gutschmecker. Sparen Sie sich die Rolle des Saint-Germain für Sibirien. Sie können sich dort mit einem Schamanenzauberer assoziieren. Vielleicht kommen Sie in einer ganz neuen Inkarnation nach Europa zurück.«

Wandel bewunderte die Laune der Fürstin und die Farben ihrer Stickerei. Sie stieß halb mutwillig seine Hand fort.

»Mir ist immer bange, wenn Sie etwas anfassen, daß die Farbe ausgeht. Haben Sie nicht wieder eine chemische Tinktur an der Hand kleben?«

»Erlaucht vergessen, daß die Chemie die schönsten Farbestoffe präpariert.«

»Bis sie nicht die Schminke erfindet, die einen Toten lebendig macht, geb ich nichts auf Ihre Wissenschaft.«

»Sie fordern zuviel. Den Schein des Lebens herzustellen gilt doch für das höchste –«

»Was sie geleistet hat«, fiel die Fürstin ein, »und eben darum hasse ich sie. Eine scheinbare Tugend, ein scheinbarer Reichtum, ein anscheinend blühender Staat und alles übertünchte Gräber – durch Ihre Chemie. – Was fixieren Sie Adelheids Freund?«

Wandel senkte die Augen – »Hippokratische Züge.«

»Qu'importe! Schmeckt der Blumenhonig den Schmetterlingen darum weniger süß, weil sie nur ein Schmetterlingsleben führen?«

»Der Schmetterling weiß freilich nicht, wie lang sein Lebensfaden ihm zugemessen ist, aber« – der Legationsrat beugte sich näher der Fürstin –, »aber, ich kann Ihnen nicht verhehlen, man begreift meine erlauchte Freundin nicht. Sie begünstigen das Verhältnis und tun nichts, ihm eine Zukunft zu sichern.« – »Was heißt Zukunft?«

»Der alte Bovillard stellt sich auf die Hinterfüße. Seit er die Flasche alten Weins, die seinen provenzalischen Adel enthält, entkorkt, ist der Duft ihm ins Gehirn gestiegen. Er will nichts für seinen Sohn tun. Mamsell Alltags Vater ist ebenso närrisch von seiner neuen Würde benommen. Am Hofe hat man noch einen Degout gegen den jungen Wüstling. Wenn niemand etwas für sie tut! Verschaffen Erlaucht ihm bei Ihrer Legation eine Stellung, und er – ich meine, er ist vernünftig genug geworden, um zu wissen, was der Begriff Vaterland wert ist.«

»Haben Sie für nichts anderes zu sorgen?« sagte die Fürstin, wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt.

Der Legationsrat griff gedankenlos nach dem Hut. Es kam zwischen Seufzen und Gähnen heraus: »Wenn man nur nicht soviel Gefälligkeiten übernommen hätte!«

»Und sich nicht so rücksichtslos für seine Freunde und Freundinnen opferte!« fiel die Gargazin ein.

»Spotten Sie nur! Mir wird der Kopf zuweilen wüst.«

»Dafür haben Sie ja Arkana zur Hand.«

»Die larmoyante Liebelei des Rittmeisters und der Baronin ennuyiert die Freunde.«

»Les Georges Dandins l'ont voulu.«

»Nun soll ich die Platoniker wieder auseinanderbringen oder vielmehr aneinander. Man wünscht ein Gezänk, wobei sie sich in die Haare gerieten, einen Eklat, einen coup de main, eine Pulverexplosion.«

»Ich auch«, sagte die Fürstin. »Die Luft wird unerträglich schwer.«

»Der Mann, der Baron, ist zu gar nichts zu gebrauchen. Das ist das Schlimme.«

»Die Baronin scheinen Sie seit einiger Zeit wirklich in Affektion genommen zu haben.«

»Ich?«

»Pardon! Ich vergaß, daß Sie keine Affektionen haben. Gehen Sie morgen wieder zur Lupinus?«

»Die unglückliche Frau bedarf des Trostes.«

»Der Mann wohl nicht?«

»Er ist in Momenten so glücklich. Er kann sich über das Geringste, was seinen Phantasien schmeichelt, wie ein Kind freuen. Ein alter Einband, eine neue Lesart, die er entdeckt zu haben glaubt. Auch meine erlauchte Freundin würde ihre Lust daran haben, denn man kann sagen, es schwebt gewissermaßen schon die Glorie der Erlösung um seine Stirn. Lange wird er es nicht machen. Da ist es denn Pflicht seiner Freunde, was sie vermögen, die letzten Augenblicke ihm zu versüßen.«

»Die Luft im Krankenhause soll abscheulich sein. Nehmen Sie sich in acht.«

»Die Geheimrätin ist zu eifrig in ihrer Pflege, zu exzentrisch, um immer die gehörige Vorsicht zu beobachten. Sie erinnern sich, bei dem Jean-Paul-Feste, wie Adelheid beinahe verbrannt wäre.«

Die Fürstin sah über die Arbeit starr vor sich hin. »Es ist etwas eigenes, das Kapitel von Sympathien und Antipathien.«

»Von den Sympathien haben wir das corpus delicti vor uns«, lächelte Wandel, auf das Liebespaar blickend.

»Aber die Antipathien haben etwas Monströses«, sagte die Gargazin, »weil wir sie mit allem Verstande uns nicht zu erklären wissen. Gibt es einen Gegensatz zum Magnet, einen Stein, der abstößt?«

»Feuer und Wasser mischen sich nicht.«

»Das ist es nicht, was ich meine. Das eine löscht doch, das andere durchglüht das andere. Aber wer erklärt diese innere Seelen- und Körperangst, die ein vernünftiges Wesen oft vom ersten Erblicken an gegen das andere empfindet, den angebornen Widerwillen, den geheimen Schauder, wo gar kein vernünftiger Grund da ist?«

»Doch vielleicht der Kitzel zu Paradoxien! Das häßlich zu finden, was andere entzückt, fordert der Widerspruchsgeist von selbst auf, der gerade begabten Naturen eigen ist.«

»Warum fürchtet sich Haugwitz vor Ihnen?«

Wandel schien etwas betroffen. Er wollte von dem Unglück sprechen, von geheimen Feinden verredet zu werden, wo ein Ehrenmann sich nicht verteidigen kann, weil ihm die Anklage selbst unbekannt blieb. Das war es nicht, was die Fürstin meinte.

»Warum hat Louis' Vater einen angeborenen Widerwillen gegen die Lupinus? Ich weiß, er hat diese Antipathie. Er kann sie weder sich noch andern erklären. Solch eine magische Scheu zieht sich durchs Leben, unzertrennbar von unsrer Persönlichkeit, wie wir von unserm Schatten. Was ist das nun? Ich, von meinem Standpunkte, könnte es mir deuten; aber ich wünschte Ihre Ansicht zu kennen. Sie Rationalist, Ihre Wissenschaft muß wenigstens vor sich selbst alles zurechtlegen können, was in der Natur erscheint.«

Wandel hub an von den sich anziehenden und den sich abstoßenden Kräften, von den Stoffen, die als Wäremeableiter dienen, er ging zur Elektrizität über und stand beim Blitzableiter, ohne daß wir wissen, wie weit er sich in die Wolken, und von ihnen herab wieder in die psychische Welt versenkt hätte, als ihn die Fürstin abermals unterbrach. Möglich, daß er nicht ohne Absicht in die Doktrin sich verlor, weil er wußte, daß die Fürstin nie aufgelegt war, Vorlesungen anzuhören, und er in dem Augenblicke noch weniger, sie zu halten.

»Warum ist sie auch mir zuwider?«

»Zwei Sonnen vertragen sich nicht am Himmel, pflegte man zu sagen. Aber von Rivalität kann nicht mehr die Rede sein, wo die eine unterging.«

»Wenn ich Ihnen auch zugestände, daß ein solches Gefühl einmal da war, das ist es nicht. Es ist etwas anderes. Ich kann mit ihr Komödie spielen, aber nachher überfröstelt es mich, wie jemand zumute sein muß, der erfährt, daß er mit einem von der Pest infizierten Hände geschüttelt. Nach jenem letzten Abend erschien sie mir im Traum. Ihre kostbaren Kleider fielen in Lumpen, eines nach dem andern, ihr vom Leibe. Ich schrie auf, ich floh vor dem scheußlichen Gerippe. Ich war plötzlich aus dem Bette, und es stand noch immer vor mir, ja, es dauerte eine Weile, als ich schon die Augen mit Gewalt aufgerissen hatte, bis es in den Boden versank. Was ist das? Erklären Sie's mir.«

»Vielleicht die polarische Attraktionskraft der Gegensätze. Wir träumen des Gegenteil von dem, was wir fühlten, dachten, erlebten, liebten. Das ist der Inhalt der Traumbücher. Die Geheimrätin ist immer sehr gewählt gekleidet, sie spricht und denkt ebenso, alles Rohe und Nackte überkleidend.«

»Darum schien sie mir roh, nackt, scheußlich. – Wandel, ich möchte Sie einmal im Traum sehen.«

Der Haushofmeister war schon eine Weile nähergetreten, als er sich jetzt über den Stuhl der Fürstin neigte und einige Worte ihr ins Ohr flüsterte. Die Fürstin ließ die Arbeit sinken, sie stützte den Kopf im Arm. Die verbissenen Lippen sprachen von einer unangenehmen Nachricht. Der Haushofmeister flüsterte sie auch dem Legationsrat zu: »Er ist eben verschieden!« – »Le pauvre diable!« sprach Wandel, die Achseln zuckend. »Hat er noch viel gelitten? Ich meine, hat er noch wie neulich phantasiert?« – »Er warf sich noch einige Male unruhig, kreuzte sich, wiederholte den Namen der Fürstin, japste ein paarmal auf, als wollte er etwas sagen. Solchen Kutscher kriegen wir nicht wieder!« hatte der Haushofmeister erwidert.

»Warum mußte auch jetzt grade diese Störung kommen?« sagte der Legationsrat und beugte sich über den Lehnsessel der Fürstin.

»Wissen Sie, teuerste Freundin, mich schaudert doch zuweilen vor der Leibeigenschaft.«

Sie blickte verwundert zu ihm auf

»Ihre beredte Verteidigung hat mich allerdings von der Naturnotwendigkeit des Instituts überzeugt. Ich erkenne, welche unaussprechliche Wohltat sie für diese Geschöpfe, Familien, ja diese ganzen Völkerschaften ist, die sich über ihre Naturdumpfheit nicht erheben mögen. Ja, es ist ein berauschendes Gefühl für die von Gott dazu Erwählten, für diese Armen, Verlassenen, Urteilsunfähigen ihr alles zu sein, Vater, Mutter und Vormund, für sie zu fühlen und zu denken, die Sorge für unser eigen Wohl hintanzusetzen, um für Hunderte und Tausende von Seelen zu sorgen, welche die Vorsehung in unsre Hand legte. Von dieser Seite erscheint auch mir die Institution eine wunderbare, heilsame, aber der Exzeß der Gefühle von der andern Seite hat doch etwas Bedenkliches.«

Sie verstand ihn nicht.

»Was hat diesem Menschen den Tod gebracht, nachdem er in der Genesung so fortgeschritten, der Arzt hatte zuversichtlich seine völlige Heilung versprochen, als die Angst, Gewissensbisse kann man sagen, daß er so lange nutzlos liegen mußte, ohne die Güte seiner Herrin durch seine Dienste erwidern zu können. Wie durchzuckte es ihn, als er hörte, daß Euer Erlaucht einen Berliner Kutscher interimistisch angenommen. Er biß sich in die Lippen und ballte die Hand, daß ein anderer, ein Fremder, seine geliebte Herrin fahren sollte. Wir verbargen es Ihnen, er sprang nachher heimlich auf, kleidete sich an, und war schon auf dem Wege nach dem Stall. Wir kamen noch zur rechten Zeit. Als man ihn wieder ins Bett brachte, überfiel ihn der Paroxysmus; er phantasierte nur von Peitsche und Pferden, er umklammerte seine Kopfkissen, wie man einen erwürgt, und nannte es Christian. Nenne man es Eifersucht, Brotneid, es war etwas Edleres, meine ich, aber von da ab gab der Doktor die Hoffnung auf. Es tut mir leid, von einem Toten es zu sagen, aber der Mensch hat sich selbst umgebracht. Ein Selbstmord aus Pflichtgefühl. Diese Exzesse des Gefühls, Sie mögen mich darum tadeln, aber ich kann sie nicht gutheißen. Etwas Egoismus ist jeder Kreatur notwendig, oder sie hört auf zu existieren. Selbsterhaltungstrieb und einige vernünftige Überlegung wären Sie auch Ihren Leibeigenen einzuimpfen ihnen und sich selbst schuldig.«

Die Fürstin warf ihm einen dankbaren Blick zu. Es gibt Momente, wo ein Kluger von einer groben, handgreiflichen Lüge angenehmer berührt ist, als von einer feinen, die wie ein lauer Abendwind sich als Wahrheit in sein Herz zu schmeicheln sucht. Ihr zweiter Blick war auf die andern gerichtet; aber sie waren schon verschwunden. Es war ihr lieb. »Adelheid darf nichts davon erfahren«, sprach sie, zum Haushofmeister sich umwendend.

»Sie sind nun ganz d'accord, wie Sie es wünschen?« warf der Legationsrat hin.

»Heut im Tiergarten scheint die letzte Scheidewand gefallen.«

»Welche?«

»Die Affektion für ihren Lehrer. Sie haben recht, Wandel, es gibt auch Exzesse einer geistigen Leibeigenschaft.«

»Ich hielt diese für überwunden seit jenem Abend.«

»Das Bekenntnis der Liebe stöhnte noch immer unter den Fußklammern des Gewissens. Was der Mensch sich selbst quälen kann! Sie hat ihm bekannt, wen sie um seinetwillen geopfert, das hat einige Tränen, Schluchzen, platonische Herzschläge verursacht, denn die Rivalen waren Freunde, aber sie sind auf gutem Wege.«

Des Haushofmeisters Verbeugung war eine Frage, welche die Fürstin verstand.

»Wollen Sie mit mir – den guten Pawlowitsch sehen?« fragte die Fürstin den Legationsrat.

Wandel schien ungewiß, welche Antwort sie erwartete: »Man hat es der Geheimrätin Lupinus verdacht, daß sie die Leiche ihres Dieners wie die eines Familiengliedes pflegte und schmückte. Es ist hierorts nicht Sitte.«

»Man muß sich in die des Ortes fügen«, sagte befriedigt und laut die Fürstin und richtete den Blick nach oben. »Ich werde den treuen Pawlowitsch noch oft sehen. Der irdischen Qualen enthoben, schwebt sein verklärter Geist in die Räume des Lichtes. Ob es da Hohe und Niedere, ob Herren und Leibeigene gibt, ob wir alle wie Atome in der Seligkeit verschmelzen, die nichts Gesondertes duldet, alle Akkorde in dem großen Halleluja, Glockentöne in der ewigen Harmonie!«

Sie sprach es, sich selbst anregend, mit silberreiner Stimme. Aus dem andern Zimmer respondierte das Klavier, in Phantasien, die der Stimmung entsprachen; ein ernster Grundton wie das Wogen des Meeres, aber wie Schaumwellen spritzte die Freude dann und wann auf. Es war Adelheid.

Wandel hatte, um der Stimmung auch zu entsprechen, die Hände vor sich gefaltet. Als die Fürstin es bemerkte, trat sie an ihn und riß seinen Arm zurück. »Das sollen Sie nicht. Sie können gehen.«

Er schien einen andern Befehl erwartet zu haben, aber mit einer spitzen Stimme wiederholte sie: »Gute Nacht, Herr von Wandel, ich will im Thomas a Kempis lesen. Die Lektüre interessiert Sie nicht.«

Als der Legationsrat langsam die Hintertreppe hinunter über den Hof ging, sah er auf dem Balkon, der nach dem Garten führte, Louis Bovillard auf einer Bank ruhend. Unter Myrten- und Orangenstöcken schien er, den Kopf im Arme, auf die Töne im Zimmer zu lauschen. Oder auch nicht. Als der helle Mondenstrahl, hinter einer Wolke vorkommend, auf sein Gesicht fiel, wäre der Beobachter vor dem finsteren Ausdruck erschrocken, wenn es in Wandels Art gelegen hätte, zu erschrecken. Er dachte, mit einem schlauen Blick auf den dunkeln Garten, wohin eine leichte Treppe vom Balkon führte, ›das ist ja ein betrübter Anfang zu einer Wonneszene‹, als mit einem letzten Aufschlag das Spiel endete und der Klavierdeckel zufiel. Wandel empfand so wenig ein Interesse, das zu belauschen, was auf dem Balkon vorgehen würde, als für die Penseen der Fürstin bei der Lektüre des Thomas a Kempis oder bei den Gedanken, die über das Buch hinwegflogen. »Groß ist Salomo!« sprach er, die Hoftür hinter sich zudrückend. »Unter der Sonne geschieht nichts Neues. Und das Mirakel ist nur, daß sie um dasselbe Elend immer wieder von vorn anfangen!«

Nur die Nachtvögel hörten das Liebesgeflüster unter den Myrten und Orangen. Da Mond begleitete es durch die Laubengänge des Gartens. Er lächelte nicht, er seufzte nicht; auch er hörte ja nur, was er durch Tausende und Tausende von Jahren gehört. Er kennt die stille Sprache des sanften Händedrucks, was der Atemzug sagt, was die Locke spricht, die sich auf die Schulter senkt, wofür der Hauch aus der tiefen Brust keine Worte findet. Der Mond kennt alle Sprachen der Welt von Anbeginn und weiß, daß keine ausreicht, um den Gefühlen der Liebenden Worte zu geben, nachdem sie alles gesungen und gesagt, was sich singen und sagen läßt.

Es waren keine Mondscheinsgedanken, die durch die verschlungenen Hände und Arme von Herz zu Herz vibrierten. Es waren aber auch nicht Stürme, nicht Blitze, die aus Vulkanen zucken. Die Liebenden schwebten auf den geglätteten Wogen, wie abendlich ein Nachen über den spiegelglatten Fluß zum Ufer schwebt. Aber vorher, als die Sonne noch hoch stand am Himmel, hat der Kahn, unter Gesang und Rudergeplätscher, mit Wind, Sonnenbrand und der bewegten Flut gekämpft. Davon ruhen sie jetzt aus, schweigend, es ist eine Stille, dem Verständnis, der Erinnerung geweiht. In den einsamen Gängen des Tiergartens erst hatte Louis erfahren, wem er sein Schönstes geraubt. Es war eine Gewitterwolke am klaren Horizonte; aber der dunkle Schatten, der auf seine Stirn fiel, zeigte die Gegend ringsum nur um so lachender. Welche Bekenntnisse entlockte er der Geliebten! Darum ihre Kälte, Scheu; und nun hatte ein Wort sie freigegeben, alles gelöst, sie wollte ihm alles geben, was sie so lange ihm vorenthalten. Und was hatte er denn dem Freunde geraubt? Sein Schönstes, ja, aber nicht sein alles. Hatte nicht Adelheid gestern einen Brief empfangen von Walter, einen freundlich heiteren, eine Urkunde war es, worin er das ihm anvertraute köstliche Gut, wie er es nannte, der Eigentümerin zur freien Disposition zurückstellte. Mit welchem Scharfsinn hatte er auseinandergesetzt, daß er nie ein Recht darauf gehabt, daß es höchste Undankbarkeit sei, was die Dankbarkeit im überströmenden Gefühl des Augenblicks auf den Altar legt, als verfallen anzunehmen, als unwiderrufliches Eigentum. Hatte er nicht klar auseinandergesetzt, daß er nicht die Eigenschaften besitze, um Adelheid so glücklich zu machen, wie sie verdiene, dahin, in die glänzenden Höhen sie zu führen, wozu ihre Schönheit, Natur, die sichtliche Fügung des Himmels sie bestimmt. Er sei ein stiller, sinnender Mann, sie berufen, zu glänzen. Sein Verdienst wäre vielleicht, daß dieser Glanz ein echter werden müsse, daß er sie gehütet vor dem Flitter und Schimmer, daß er die Hochgefühle einer deutschen Jungfrau in ihr geweckt; darauf sei er stolz; aber hatte er sich nicht zugleich angeklagt, daß er diese Überzeugung gewaltsam unterdrückt, daß er solange sich getäuscht, daß er, schon mit dem Bewußtsein, wie ihre Liebe nur Achtung sei, ein Pflichtopfer, sich fort und fort getäuscht, es könnten doch andre Gefühle für ihn zum Durchbruch kommen, und daß nicht ein freies Opfer von seiner Seite, sondern erst ein Zufall, ein Impuls des Momentes, die lange Kette des Truges gesprengt habe? Und hatte er nicht endlich versichert, auch er fühle sich jetzt frei, glücklich, sie dürfe um ihn nicht sorgen, denn er sei nun zurückgegeben der heiligen, ernsten, höchsten Pflicht des Mannes, ganz seinem Vaterland zu leben.

Mit Begeisterung hatte Adelheid den Brief vorgelesen, dort auf der unter Brombeeren und Hagebutten versteckten Birkenbank, während der Wagen der Fürstin langsam auf der Chaussee auf und ab rollte. »Nun bist du doch zufrieden«, hatte sie gesprochen und mit der Hand die Falten aus seiner Stirn geglättet. Er hatte geschwiegen, und seine Zufriedenheit in einem Kuß auf ihren Arm gehaucht. – Jetzt fuhr sie wieder mit der Hand über seine Stirn: »Kalt und feucht! Die Abendluft könnte dir schaden!«

Die Nachtvögel zeigten ihnen den Weg. Sie flatterten, an die hellen Scheiben der Glastür die Köpfe stoßend. Trüb brannte das Licht im kleinen Gartenzimmer. Sie hatten sich noch so viel ohne Zeugen zu sagen. Es war still im Hause, nur aus dem Souterrain tönte dumpfes Geflüster der Leute, die Fürstin saß in ihrem Armstuhl und hörte über den Thomas a Kempis nicht, wie Adelheid durch die Tür blickte. Aber als sie zurückkehrte, hörte auch Louis nicht ihr Kommen. In sich zusammengesunken, saß er auf dem kleinen Kanapee. Es war nicht die Erwartung, von der der Dichter gesungen.

Erst ihr Arm, der sich sanft um seinen Nacken schlang, erweckte ihn.

»Noch immer – Walter! Ist das recht!« sprach sie.

»Der ist glücklich!« seufzte Louis.

»Glücklich!« Sie blickte ihn vorwurfsvoll an.

»Ist's die Lerche nicht, die in den Morgennebeln nach der Sonne steigt. Ist's der Träumer nicht, der die ganze Menschheit an die Brust schließen möchte! Ich möchte sie lieber erwürgen!«

»Sprich nicht so. Das ist der Rest deiner Krankheit.«

»Vielleicht ein anderer Rest!« – Er blickte starr vor sich nieder. »Bin ich nicht ein Feuerbrand, bestimmt, was er anrührt, zu zerstören! Sie hatten's mir verhehlt, aber ich erfuhr es, als ich geboren ward, hab ich meine Mutter umgebracht. Der Zerstörungstrieb war die Mitgift an meiner Wiege, und hat sie nicht in meinem Leben lustig gewuchert! Meinen Vater – doch davon still. Ich ward ein wüster Mensch auf der Universität, nicht so ganz schlecht als andere, aber indem ich gegen die Schlechten losging, ward ich ein Störenfried unter den Guten. Die Guten sagen, um das Leben gutzumachen, muß man sich vertragen lernen, auch mit dem Schlechten. Ich habe es nie gelernt. – Ich habe ins Leben gerast. Ich wollte niemand vernichten, und wie viele habe ich zertreten. Kennst du denn mein Leben, Adelheid? Soll ich das alles herausziehen aus dem Sumpfe, denn zwischen uns muß Wahrheit sein. Wie sie mich aus den Häusern gestoßen, auf der Straße mir auswichen, mit den Fingern auf mich gezeigt, bis –« – »Bis du dich selbst aufrafftest!«

»Nein, bis auch ich dich ins Verderben riß – damals – bis ich auch den einzigen, den treusten, wahrsten Freund nun um sein Heiligtum betrügen muß. Was ich berühre, opfere ich. Soll ich es hinnehmen, wie die Götter der Alten an dem rauchenden Blut der ihnen geschlachteten Menschen sich weideten! Was ist's denn in mir, frage ich, dies düster glühende Auge, das Zucken meiner Lippen, der nie gestillte Durst meiner Seele, daß mir das Beste, Köstlichste aufbewahrt ist! – Nun ich siech bin, trostlos hinter mir, trostlos vor mir, willst du blühendes, junges, reines Leben dich an den morschen Stamm ranken, ich soll, muß dich zerstören, weil du mein bist. – Ja, Walter hat recht, nicht für ihn, aber du bist auch nicht für mich.«

»Für wen denn?« sprach sie, und der Ernst, der aus Louis' Worten hauchte, schien plötzlich auf sie übergegangen. Aber Louis' Ernst war ein düsterer, ihre Worte waren ein sonorer Metallklang. Er hatte es nicht gesehen, wie sie in krampfhafter Erschütterung den Arm von seiner Schulter zurückgezogen hatte und das Gesicht mit beiden Händen bedeckte. So setzte sie sich in die andere Ecke des Sofas, und eine Pause trat ein.

»Weinst du? Habe ich dich gekränkt, Adelheid?«

»Ich weine nicht«, sagte sie im selben Tone, »und du kannst mich nicht beleidigen. Ich dachte nur über mein Schicksal nach, und – bei deinen Worten brach es heraus, ach, von so lange her! Louis, das Schicksal schleudert mich ja in deine Arme. Was würde ich denn, was bin ich? Oh, mein Gott, es ist schrecklich, wenn die Binde so mit einemmal von den Augen fällt!«

»Du bist die gefeierte –«

»Puppe von – ich weiß nicht wie vielen. War ich denn nicht herausgerissen aus dem Schoß meiner Familie, dem Glück, der Bildung, für die ich geboren war, haben sie nicht alle an mir gearbeitet, mich zu erziehen, der eine so, der andere so, um aus mir zu machen, was ich nicht war, um mich zuzustutzen zu etwas, sie wußten selbst nicht was, aber ihr Ziel haben sie alle erreicht, die vielen Künstler, ich bin wie der Vogel, den man aus dem Neste nahm und buntes Gefieder ihm anklebte. Die, denen das Gefieder gehört, erkennen ihn doch nicht an, sie spotten still über den Eindringling, aber zu den Seinen darf er auch nicht zurück. Er gehört da nicht mehr hin.«

»Welche Phantasien, meine Adelheid!«

»Ich sehe nun zu klar, und nur zu lange ließ ich mich von der süßen, eitlen Gewohnheit einschläfern, daß ich die Augen nicht aufschlug, daß ich die Stimme nicht hörte, die im Innern immer deutlicher rief. Jenes abscheuliche Weib – oh, sie war noch die Beste, sie wollte mich nur einfach verderben; da war ich unschuldig; wie der Vogel, der aus dem Nest flattert, fiel ich in das Netz, das sie ausgespannt. Aber die andre, oh, mein Geliebter, ich fühle das Gift, das sie in meine Adern spritzte, es schleicht noch jetzt, es zehrt noch.«

»Die Geheimrätin wollte dir wohl!«

»Sie will, sie kann niemand wohlwollen, glaube es mir, Louis. Sie hat kein Herz; darum wird ihr unwohl, wo ein Herz warm schlägt. Ich las von einem Gespenstertier, das nachts sich auf die Schlafenden legt und das Blut ihnen aussaugt. Sie saugt auch das Blut aus mit ihren spitzen Reden, ihren spitzen Blicken. Ich wäre schlecht geworden, Louis, das fühle ich, ich ward schon eine andere, wie ein in Eis getauchtes Tuch warf sie's um die Brust, wenn edlere Empfindungen aufzuckten.«

»Was wollte sie mit dir?«

»Martern will sie, sie muß martern, was glücklicher ist. Sie konnte den Kanarienvogel quälen, wenn er zu lustig schmetterte; sie beneidete das arme Ding im Käfig, sie marterte ihre Domestiken, ihren Mann, sich selbst auch, wenn sie sich ertappte, daß sie lebhafter gewesen, als sie scheinen wollte. Oh, Liebster, es ist entsetzlich, wenn ich daran denke, ein Traum, und mich schaudert, er ist vielleicht noch gräßlicher, als ich zu träumen wagte!«

»Und alle Welt bewundert sie.«

»Die Welt hat recht. Diese Frau und dieser Mann dazu –«

»Welcher?«

»Der Legationsrat. – Sie sind beide – hohl, verrate mich nicht, Louis, ausgehöhlte Gespenster. Sie haben alles menschliche Gefühl aus sich gesogen, gepreßt. – ›Man muß die Empfindungen und Regungen, die uns stören, aus sich herausdestillieren‹, hörte ich ihn einmal sagen, und das haben sie, sie haben daraus präpariert die schöne Glätte, den glänzenden Firnis, den die Welt bewundert.«

»Mein Gott, woher kam dir die Erkenntnis?«

»Weiß ich's? Sie hielten mich für das Schoßkind, das man ausputzt, in den Armen schaukelt, mit Glanz und Süßigkeiten nährt, von dem man alles Unangenehme fernhält, auch die Gedanken – und die Gedanken kamen doch, von selbst – ich war unaussprechlich unglücklich!«

»Dich mißhandelt?«

Sie nickte: »Es waren unsichtbare, feine Geißelschläge, die Luft fühlte sie kaum. Wie ein feiner, ätzender Staub auf die Lunge geworfen.«

»Und du mußtest es dulden?«

»Wie schließt man das Auge vor dem Zucken des Blitzes, das blaue Licht schießt durch die geschlossenen Lider. – Ich mußte es dulden, ohne ihr entfliehen zu können, und es war mir auch nicht erlaubt zu klagen. Und ich mußte immer lügen – lügen von unermeßlicher Dankbarkeit; wenn ich es nicht ausgehalten, wäre ja das Urteil der Welt über mich zusammengebrochen –«

Er warf, die Hände faltend, sein Gesicht in ihren Schoß: »Und daran war ich schuld!«

»Nein, klage dich nicht an. Es war eine Kette von Bestimmungen. Aber untergegangen wäre ich in der Lüge, das fühle ich. Je größer sie ward, so kälter schlug's mir ans Herz.«

»Gott sei Dank, eine Frau, die warm fühlt, nahm dich zu sich.«

Adelheid war aufgestanden. Sie schüttelte den Kopf. Eine hohe Röte überzog ihr Gesicht, als sie sich zu ihm umwandte, die Hände sanft auf seine Schultern legte und seine Augen küßte:

»Laß uns davon nicht sprechen, Liebster.«

»Du zweifelst an der Güte der Fürstin?«

»Meine Augen wurden geöffnet, wunderbar klar liegt es vor mir; Blicke, um die mich niemand beneiden darf. Das ist die entsetzliche Schule der Lupinus. Nein, mein Geliebter, laß uns davon schweigen.«

»Auch hier nicht glücklich?«

»Ich werde glücklich, denn ich werde wieder ich selbst.«

Er blickte sie fragend an.

»Bin ich denn mehr, als ich fort war! Da wollte man den seltenen Vogel in ein Bauer sperren, dort flatterte ich an einer unsichtbaren Kette, hier läßt man mich frei fliegen, weil man weiß, ich kann nicht entfliehen. Ich habe ja kein Haus, wohin. Eine Leibeigene bin ich, nichts anders als die da unten auf den Bänken schlafen müssen. Jeden braucht man, wozu er gut ist, und solange er dazu gut ist. Mich staffiert man aus mit allem Glanze, solange es sich lohnt. Wenn ich nicht mehr hübsch bin, nicht mehr singen, Musik machen, nicht mehr tanzen kann, nicht mehr muntere Antworten gebe, nicht mehr die Herzen entzücke, dann wirft man mich fort wie jedes andre unnütze Werkzeug. Sie hat so wenig ein Herz für mich als die Lupinus. Und die andern! Sehe ich denn nicht, wie man mich abschätzt? Gehöre ich zu diesen Erwählten? Fühle ich nicht unter ihren Komplimenten und schmeichelnden Reden heraus, was ich ihnen bin, was ich ihnen wäre ohne den geliehenen Lüster? Rümpfen diese vornehmen Damen nicht die Nase, wenn ihre Töchter mich einladen, mich mit ihren Freundschaftsversicherungen überschütten? Zittern die Mütter nicht, wenn die Söhne mir zuviel Aufmerksamkeit erwiesen? Nahte sich mir denn mit ernster Absicht in der langen Zeit nur ein edler Mann aus diesen Kreisen? Herr von Fuchsius ist ehrlich genug: er trat bald zurück, weil ich kein Vermögen besitze. Die andern sagen es nicht, aber ich lese ihre Gedanken. Mitten im Zauberwirbel der Geselligkeit, der Pracht und rauschenden Lust, bin ich eine Fremde, mitten in den Scharen, die mich umdrängen eine Gemiedene. ›Wer wird sie denn nehmen!‹ hörte ich eine vornehme Dame zu einer andern flüstern, nachdem sie vorher nicht Worte genug gefunden, mir Schönes zu sagen. ›Sie ist doch nur eine Gesellschafterin,‹ erwiderte die andre, ›ein vornehmer Lockvogel.‹ – ›Und mit solchen Ballschönheiten geht's bald zu Ende.‹ – ›Dann kommt zuletzt doch noch einer, der erste beste‹, setzte die andre tröstend hinzu. ›Und unter der Haube ist unter der Haube.‹«

»Warum hört Adelheid auf das Geschnatter!«

»Weil ich es hinter ihrem geschlossenen Munde lesen würde. Ja, ich bin eine Gebrandmarkte – erschrick nicht, Louis, vor dem Wort, es ist nicht so übel, es sind viele Bessere als ich, ich könnte zuweilen sogar stolz darauf sein. So stolz, daß ich auch meine Gleichen suche. Brauchst du noch Beruhigung um deinen Freund, so wisse, ich hätte jetzt Waltern nicht mehr die Hand gereicht. Er war mein Mentor, mein Schutzengel, er hob mich, ihm danke ich, daß ich nicht unterging in dem Sumpfe; aber nun steht er mir auch so hoch da, daß ich den stillen, reinen Strom seines Lebens durch meine Berührung nicht trüben, nicht stören darf und will. – Du bist mein Retter. Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wir sind beide Fremde, Mißverstandene, Gemiedene, Ausgestoßene, und unsere Herzen schlagen zueinander. Das hinter uns lassen wir ruhen und blicken – wir flüchten beide – in eine bessere Zukunft.«

»Wie du selbstquälerisch dich erniedrigst«, sprach er, ihre Hand an sein Herz drückend. »Wenn der gerechte Richter die Waage hält, ist die Schwere deiner Schuld wie die Flaumfeder, die in der Luft sich wiegt.«

»Die Welt ist kein gerechter Richter; sie wägt auch nicht die Schuld, sie wägt nur die Verhältnisse ab. Auch der gerechte Richter fragt, was ich bin, nicht was ich hätte sein können. Was bin ich denn! Nicht hier, nicht dort eine Wahrheit! Ein halbes Kind, herausgerissen aus dem elterlichen Hause, lernte ich tänzeln, ehe ich gehen konnte, Komödie mußte ich spielen, ehe ich von dem etwas wußte, was ich spielen sollte. Ehe ich eigen gedacht, empfunden, gelebt, lernte ich reflektieren. Die schlichte Bürgerstochter, plötzlich gestoßen in Kreise der ersten Geister und der vornehmen, blasierten Menschen, mußte ich Angelerntes hersagen. Louis, erschrickst du nicht, wie ich rede! Ist das die natürliche Sprache eines zwanzigjährigen Mädchens! Soll, darf ich reflektieren, wie ein Mann, der die Lebensschule durchgemacht hat! Ich erschrecke oft vor mir selbst; ich schaudere, wenn ich in den Spiegel sehe. So haben sie mich heraufgeschraubt zu einem unnatürlichen Dasein. Ich frage mich oft in Stunden der Verzweiflung: Kann mich wer so lieben? wer sich mir so vertrauensvoll hingeben? Statt eines kindlichen Mädchens eine, die die Schlechtigkeit der Menschen im tiefsten Grunde kennengelernt –«

»Aber unberührt von ihr blieb. Deine schöne Natur hat gesiegt.«

Sie strich ihm die Locken aus der Stirn: »Sei ehrlich! Wäre es dir nicht lieber, wenn ich ein Kind wäre, das arglos, neckisch, vertrauensvoll sich in deine Arme würfe? So zerdrücke ich oft eine stille Träne, wenn ich im Hause bin, wo ich nicht mehr zu Hause bin, wenn die jüngern Schwestern mich mit neugierigen Fragen bestürmen, über die ich lächeln muß. ›Wäre ich wieder so!‹ ruft es, aber ich möchte doch wieder nicht so sein, ich könnte nicht wieder so sein – es ist eine Kluft gerissen, und ich gehöre hierhin, nicht dorthin. Das ist der Fluch –«

»Nicht deiner Schuld.«

Sie blickte sinnend vor sich hin und schüttelte langsam den Kopf: »Wenn mein Herz blutete und springen wollte unter der schillernden Maske, log ich nicht, indem ich nicht aus der Rolle fiel? Mischte nicht da etwas Falschheit sich unwillkürlich in mein Denken und Tun? Ich log mir Entschuldigungsgründe vor. Die Phantasie ist unerschöpflich. Ich log mir vor die Vortrefflichkeit meiner zweiten Mutter, der Gesellschaft, der Welt, bis es nicht mehr ging, bis das Bewußtsein herausplatzte. War es keine lange Lüge, die ich auch mit dir gespielt? Schon da an dem schrecklichen Orte! Dein Blick hatte mich verwundet, aber die Wunde tat nicht weh. Hatte sich dein Gesicht mir nicht eingeprägt! Es durchschauerte mich mit Angst, als du mich verfolgtest, aber es war eine bange, süße Angst, bis an jenem Abend, wo du –«

»Da schon! Entzückendes Bekenntnis!«

Sie nickte, die Hände vorm Gesicht. »Ja, da schon, wie ich dich mit kaltem Mitleid von mir stieß, dir verzieh unter der Bedingung, daß du mich nicht wiedersähest, als ich dir sagte, ich könne dich nie lieben, es war schon eine Lüge. Ich preßte das Feuer mit aller Gewalt in die Brust zurück. Ich log mir vor, daß es nur Mitleid sei, daß ich dich verabscheue, und ich log weiter. Es war die Angst vor dir, vor mir selbst, ich wollte mich retten aus dem Strudel, aus dem Haus, Selbstsucht war's, als ich an Walters Brust bekannte; ja, es war Liebe, aber nicht ihr Sonnenschein, ein süßes Mondenlicht, die Liebe der Achtung, der Dankbarkeit, der Bewunderung. Jahre sind über diese Lüge hingegangen, sie machte mich bitter, unzufrieden, ich mußte mich selbst verachten, und – ist das keine entsetzliche Schuld, daß ich zwei Jahre das Lebensglück des edelsten Mannes erschüttern mußte. – Schuld gegen Schuld, Geliebter, wir haben beide zu büßen und gutzumachen. Einer muß sie am andern stützen, aufrichten – einer dem andern Mut zusprechen. Das Leben hinter uns begraben wir und fangen beide ein neues an.«

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