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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Sechzehntes Kapitel.
Theorie und Praxis des Egoismus.

Als Walter aus dem Hause trat, war es nicht mehr so heiß, daß er darum die Weste sich aufreißen mußte. Er wollte auch nicht Kühlung, der schwere Atemzug bedeutete etwas anderes.

Er eilte nach Louis Bovillards Wohnung. Noch eine schwere Last von der Brust, und dann war er frei. Die Vorübergehenden dünkte der junge Mann mit der geröteten Stirn, dem stieren Blick, der nicht um sich sah, nicht auswich, ein Trunkener; sie wichen ihm aus. Er hörte nicht das Rollen der heimkehrenden Wagen, nicht den Tambour, der den Zapfenstreich schlug, er hörte überall nur ein dumpfes Grabgeläut.

Auch den Wagen der Fürstin sah er nicht, die doch dicht an ihm vorüberfuhr. Er hörte nicht Adelheids Stimme, mit einem so schelmischen Silberklang, wie auch wir seit den Tagen ihrer kindischen Lust sie nicht gehört. Es waren Nachtigallentöne mit Lerchengewirbel, in denen sie der Wonne, die die Brust sprengte, Luft machte, nur Akkorde, aber wer, der ihr ins Auge sah, verstand sie nicht! So sahen wir es niemals glänzen, lachen; sie neckte den ernsten Geliebten, sie war Mutwillen und Ausgelassenheit. Louis' Auge glänzte auch, dunkel schön, nur auf sie den Blick gerichtet, aber den Zug des Mutwillens, des Übermuts, der feinen Ironie, die sonst um seine Lippen spielten, in seinen Augen blitzten, suchte man umsonst. Die Fürstin, in ihre Wagenecke gedrückt, sah mit stillem Lächeln zu. Walter sah und hörte nichts. Auch die im Wagen bemerkten ihn nicht. Es war für beide gut.

Je näher er dem Hause kam, um so langsamer ging er. Nicht daß er unschlüssig geworden, er sann nur über die Weise, wie er dem Freunde sein Glück mitteilen wolle, ohne seinen Stolz zu verletzen, ohne ihn auf immer zum Sklaven der Dankbarkeit gegen sich zu machen. Wußte, ahnte Bovillard, daß er der Räuber grade an seinem Glücke war? Er hatte Grund, zu glauben, daß es Bovillard bis jetzt verborgen geblieben, und er scheute eine Szene, die das Verhältnis enthüllte. Er war in einer heroischen Stimmung und wünschte sie durch einen Auftritt nicht gedämpft, der ohne sentimentale Regung nicht abgehen konnte.

Oben auf der Treppe hörte er eine zänkische Frauenstimme, er glaubte sie zu kennen; eine andere schüchterne, die er nicht kannte. Eine Mädchengestalt kam ihm die Treppe herab entgegen; ihre bestaubte Kleidung, ihr schwankender Tritt schien von Ermüdung, vielleicht nach einer weiten Fußwanderung, zu sprechen. Ihr Gesicht sah er nur halb, sie hielt das Taschentuch vor. Als sie ihm rasch vorüber war, brach das unterdrückte Weinen deutlich heraus. Unten noch eine Weile zaudernd, stürzte sie nach einem noch heftigern Aufschluchzen zur Haustür hinaus.

Die Wirtin kannte Waltern. Der Herr von Bovillard war nicht zu Hause, aber er könne wohl jeden Augenblick kommen. Als Walter seinen Wunsch ausgesprochen, ihn zu erwarten, hatte sie kein Bedenken, ihm die Wohnung aufzuschließen und Licht anzuzünden. »Denn«, setzte sie schmunzelnd hinzu, »ich weiß wohl, wen ich einlassen darf und wer mir nicht über die Schwelle darf. Nein, machte mir die Person nicht ein Lamento. Der Herr van Asten müssen's ja noch gehört haben. Aber, wenn sie noch mal kommt, laß ich die Polizei rufen.«

»Wer ist sie?«

Die Wirtin verzog noch spitziger den Mund. »Ja, wer wird sie sein! – Sie wird keine andere geworden sein, als sie damals war, wir aber sind andere geworden, und das müßte solche Person doch bedenken. Und diese vor allem. So nobel und honorig haben Herr von Bovillard sich gegen sie benommen, daß es ihre verfluchte Schuldigkeit wäre, nun uns nicht mehr zu belästigen. Aber nein –«

Walter wollte nichts davon hören, aber die Frau wollte noch reden. Sie achtete sein abwehrendes Zeichen nicht.

»Nein, Herr van Asten, von dieser grade ist's ausverschämt. Sie hat dazumal hinten im Stübchen auf dem Hofe gewohnt, das ihr der gnädige Herr chambregarniert hatte. Gott weiß, was er für einen Narren an ihr gefressen. Sie ließen zwar mal fallen, das Mädchen hätte ihnen das Leben gerettet. Na, was das sein wird, kennt man schon. Ein paar Ritze hat sie allerdings an der Schulter. I Gott, solche Mädchen lassen sich auch nicht gleich für einen totstechen. Ich kenne sie ja. Ist's nicht der, so ist's ein anderer.«

Walter durchzuckte eine Erinnerung. Erst später hatte er den Zusammenhang der Geschichte gehört. Da war es, wo Louis Adelheid zuerst gesehen! Mit einem Seufzer, den die Frau nicht hören sollte, warf er sich auf das Kanapee. Die gute Frau hatte ihn aber doch gehört.

»Sie haben schon recht, über solche Undankbarkeit muß man seufzen. Er hatte sie von Kopf bis Fuß gekleidet. Sie hatte ja keinen ganzen Strumpf auf dem Leibe, als sie aus dem Prison kam. Und dann, wie's nu genug war, hat er ihr Geld auf den Weg mitgegeben, ich will gar nicht sagen wieviel, denn ich weiß es nicht; aber wenig war's nicht, denn das Halsband von der seligen Frau Mutter und die emaillierte Uhr gingen drum zum Pfandjuden, dem alten Joel. Er hat's mir selbst gezeigt, nämlich der alte Joel; er war kein übler Mann und schund die jungen Leute nicht so wie jetzt sein Sohn. Aber geben mußten wir's, da hätte auch gar keine Räson geholfen; denn er hat ein gar zu gutes Herz. Diese Ohrringe habe ich auch von ihm, aber alles in Ehren. Als sie von ihrer großen Reise retournierten und krank wurden, ich habe ihn gepflegt, rechtschaffen, das kann ich wohl sagen, und der alte Geheimrat haben's auch gesagt: wenn sein Sohn immer mit so rechtschaffenen Weibspersonen zu tun gehabt hätte! Jetzt sind wir nun, Gott sei Dank, besser situiert, und wenn uns mal was fehlt, brauchen wir nicht zu dem Judenschinder.«

»Das ist schon lange her, daß er das Mädchen fortschickte?« unterbrach Walter, eigentlich nur, um den Redefluß zu unterbrechen.

»I freilich, das war ja – warten Sie mal – nun, das tut nichts zur Sache – richtig, wie sie ihn totschießen wollten, er ward aber nur eingesperrt. Das Mädchen machte da noch Spektakel, nämlich, das muß ich sagen, ganz in der Stille. Sie weinte auf ihrer Kammer, daß es zum Herzbrechen war. Manchmal glaubte ich doch, sie würde – wenn ich sie aufrichtete, sank sie zusammen. ›Mein Kind, das hilft doch nun mal nichts‹, sagte ich, ›raus mußt du, fort mußt du.‹ – Und da packte sie ihre paar Sächelchen ins Bündel. Na, wenn ich denke, wie sie die Treppe runterging, und unten blieb sie noch stehen und japste nur so. Ich sagte: ›Nu sieh dich nicht mehr um, Julchen; ein paar Schritt noch, dann ist's vorbei. Und komm mir nicht wieder nach Berlin. Und wenn du ihn sonstwo sehen solltest, untersteh dich nicht und sieh ihm nicht ins Gesicht, sonst riskierst du, er läßt dich greifen, und du kommst ins Spinnhaus. Da ist's eklig.‹ – ›Das ist Louis nicht imstande‹, sagte die impertinente Person, und da schupste ich sie zur Tür raus. Aber in aller Güte.«

»Sie hat ihn geliebt?«

»Mein lieber, guter Herr, was wird sie nicht! Ein neues schwarzseidenes Kleid hatte er ihr gekauft.«

»Und seitdem hat sie ihn nicht wieder gesehen?«

»Gott bewahre, was denken Sie? – Heute morgen zuerst, da war ich nicht zu Hause, er auch nicht. Und kommt wieder! Ich war wie aus den Wolken gefallen! Na, ich habe ihr denn aber auch das Kapitel gelesen. Jetzt, wo der Herr Vater sich wieder hat nobilitieren lassen – wir haben noch nicht das neue Schild an der Klingel, aber ich hab's bestellt. – Jetzt untersteht sich das ausverschämte Mädchen, meinen Herrn in Disreputation zu bringen. ›Jetzt, mein Kind, wenn er so was will, wird er sich's anderwärts suchen‹ sagte ich.«

»Und sie?«

»Na, Sie können wohl denken. Tränen haben die immer parat.«

»Nicht alle. Was wollte sie?«

»Was wird sie wollen! – Lieber Gott, man hat doch auch ein Herz, wenn's auch solche Menschen nicht verdienen, und da ließ ich sie denn hier am Tische kritzeln. Da liegt ja das Schnitzel. Aber ich ließ sie nicht aus den Augen, keinen Augenblick. Stibitzt hat sie nichts, obgleich ich ihr nachsagen muß, reine Finger hatte sie immer.«

»Sie sah wie eine Unglückliche aus.«

»Das mag schon sein, mein Herr van Asten, muß man aber andere darum unglücklich machen wollen, wenn man's selbst ist! Jetzt kann man wohl davon sprechen, unser junger Herr ist ein Bräutigam; wenn's auch noch nicht deklariert ist, das weiß jedes Kind. Freilich, der alte Herr Geheimrat wollen nicht recht dran, denn die Mamsell hat nichts, das ist wahr, und sie sagen auch, er könnte sie nicht gut ansehen, weil sie bei der Lupinus Kind im Hause gewesen, und da überfrieselt's ihn immer, weil er die nicht ausstehen kann. Aber was tut das! Mein junger Herr frägt auch nicht, was der Papa will, und eine Frau, die schön ist, hat schon manchem Mann mehr eingebracht als volle Kasten. Das spricht sich ganz anders, und wenn auch dem Mann nicht, der jungen schönen Frau hilft man doch gern, besonders die alten Herren. Das weiß man ja. Der Geheimrat von ihr, nämlich ihr Vater, der will auch noch nicht recht dran, so heißt es. Was nicht ist, kann ja noch kommen. Eine gute Anstellung, mein Gott, da müßte mein Herr keine guten Freunde haben, und jetzt, wo er von altem Adel gemacht ist, da kommt das ja von selbst. Und wer ist denn der alte Geheimrat Alltag! Jetzt freilich, so lang läßt er das Uhrband raushängen, und wenn er zu Königs fährt, sitzt er wie eine Elle im Glaskasten; aber man müßte ja nicht wissen! Mein Seliger, als der Kanzleidiener war, da war der alte Alltag noch Schreiber, so Supernumerar. Einen Rock hatte er, von seinem Vater, der war dreimal gewandt, und wie lief er winters, um sich warm zu machen! Hätte einer ihm gesagt, daß seine Tochter mal solches Glück machen könnte, du meine Güte! – Ein Esel, mit Respekt zu sagen, wär er ja. – Übrigens, und wenn's die nicht ist, so ist's 'ne andere. Unter den ersten Fräuleins kriegt er sie, wenn's sonst nicht ist, und darum ist es so schlecht und boshaft von der Person, daß sie kommen muß und meinen Herrn ins Gerede bringen, jetzt, wo er so solide ist, 's ist gar nicht zu sagen wie.«

»Die Per– ich meine, das unglückliche Mädchen macht doch nicht etwa selbst Ansprüche?«

Ein unbeschreibliches Erstaunen malte sich auf dem Gesichte der Frau Wirtin. Worte fand sie nicht sogleich, bis die ganze Wucht ihrer Gedanken in der Silbe »Die!« sich konzentrierte. Walter war beruhigt, wenn er überhaupt der Beruhigung bedurfte; aber er wollte Ruhe haben, nämlich von der Gegenwart des geschwätzigen Weibes befreit sein. Sie ging in einen weinerlichen Ton über, indem sie ihren Drahtleuchter ergriff.

»Viele haben schlecht von ihm gedacht, daß weiß ich, denn die Welt ist auch schlecht, und Jugend muß austoben; und wer weiß, wer besser ist, ob der alte Herr oder mein junger. Und wie's bei den vornehmsten Geheimräten aussieht, Herr Jesus, lieber Herr van Asten, bei diesen vornehmen Herrschaften, da ist ja eine Zucht, daß mal der Gottseibeiuns dreinschlagen möchte. Er tut's auch noch, glauben Sie's mir, und die Julchen, die wir auf der Straße nicht ansehen mögen, ist nicht schlechter als viele von den vornehmen Damen in Brüsseler Spitzen. Wenn die sich schämen wollten, man sieht's nur nicht, weil sie so dick geschminkt sind. Jugend muß austoben, sonst kommt's nachher, aber dann einen Strich gemacht. So hab ich's auch meinem Seligen gesagt: ›Nu sei zufrieden, was du hast, und um was rückwärts ist, da hast du dich nicht zu kümmern.‹ Mein guter Herr, nun ja, tolle Streiche genug. Nüchtern ist er nicht immer nach Haus gekommen und ist allerdings auch sonst nicht immer nach Haus gekommen, und den Regenschirm hat er im Theater aufgespannt, dafür ward er arretiert, und er ist oft arretiert worden, aber wenn sie alle ins Prison bringen wollten, die's verdient haben, da ist der König nicht reich genug, um Gefängnisse zu bauen. Und wenn ein Armer kam, da blieb kein Groschen in der Tasche. – Und nun hat er sich gebessert, und ich wollte ja jeden zur Treppe runterschmeißen, der sich mausig machte und ihm vorhielte, was sonst geschehen ist. Das ist jetzt vorbei, mein Herr! würde ich sagen. Und alle seine Freunde müßten das sagen, denn ich bin nur eine arme Frau und verstehe mich viel darauf, wie sie da parlieren und mit den Augen zwinkern. Aber Freundschaft ist Freundschaft. Und wer ein rechter Freund ist, der muß seinem Freunde alles hingeben, auch sein Liebstes. Das ist Freundschaft, und wenn alle so täten, dann wäre die Welt gut.«

Ob sie dann wirklich gut wäre! dachte Walter, als er allein war. Wenn wir den Egoismus ausgerottet, wie die Raubtiere, wie ein schädlich Unkraut, ob sie die vollkommene würde, von der wir träumen! – Sprang der erste Schiffer in den schaukelnden Kahn, um den Vater zu retten, wie die Idylle erzählt, oder war's ein Kaufmann, ein Verfolgter, ein Räuber, der sein Leben retten, der Früchte, Gold, Mädchen, Sklaven von den reichen, im goldnen Meere dämmernden Inseln holen wollte? Und fing das Menschengeschlecht wirklich an mit einer Idylle, so war es eine kurze; ein sanfter Hauch der Engel, der am rauhen Hauch der Elementgeister erstarrte. Die kurze Idylle war aus, und die lange Geschichte fing an – mit Brudermord. Wir alle aber sind nicht die Kinder der Idylle, sondern die Erzeugten der Geschichte. Der Egoismus führte uns über Meere, gründete Staaten, erhob Könige auf den schwindelnden Thron, schuf Republiken, er trieb uns in die Schachte der Erde, in die Lüfte auch, daß wir den Lauf der Gestirne berechneten. Alles, alles, wir wollten Gold machen und fanden, nicht Regenwürmer, die Künste, die uns zu Gebietern der Natur erhoben. – Und dieses mächtige Movens unsers Daseins sollten wir ausrotten, ausbrennen, wie den Nerv in unseren Zähnen, damit wir nicht mehr Zahnschmerzen haben! Torheit, die materia peccans bleibt und wirft sich nur auf andre Teile, edlere vielleicht. Emanzipieren sollten wir uns wollen, von unsrer Bildung, aus der Geschichte, die uns machte, heraus uns zwängen in ein wesenloses Dasein, in das Traumleben einer schönen Phantasie, das nie existiert hat, nie existieren wird. Und doch fordern es Religion und Philosophie, beide, schroff und mild, je nachdem; aus dem Gewissen, weil es verderbt ist, sollen wir uns ins Vage setzen, den Reiz ertöten, der uns über das Tier erhob, zu den wunderbaren Empfindungen trieb, das Menschengeschlecht zu seinen großen Taten inspiriert hat. Und grade, die sich am höchsten dünken über das Tier, die fühlen wieder den Drang, den Feueratem in der Brust, mit Flügeln wollen sie in den Äther schweben, göttergleich sein, sich vergessend, nur für das All, und – sind aus Kot!

Er ging, mit sich unzufrieden, auf und ab: er griff nach dem Zettel auf dem Tisch und warf ihn wieder hin. Was wird sie ihm schreiben! – Er soll sie wieder liebhaben, ihr Geld geben! Warum warf er das Papier so verächtlich fort? War das ein spezieller Egoismus, den er nach der Verteidigungsrede für den generellen verwerfen mußte?

Er hatte sich mit untergeschlagenen Armen an die Fensterbrüstung gestellt. Er bereute nicht, daß er der Geliebten entsagt, nicht, daß er sie dem Freunde überließ, ohne Klage, nicht, daß er ihn noch außerdem in den Stand setzen wollte, sein Glück zu genießen; das lag hinter ihm als abgetane Notwendigkeit. Er war ein deutscher Denker, klar wollte er sich machen, warum er gegen ein Prinzip gehandelt, das er sich eben künstlich entwickelt. Weil sie ihn nicht mehr liebte, weil sie ihn vielleicht nie geliebt? Diesen einfachen, natürlichen Grund schien er beiseite zu schieben und fand den wahren nur in dem Drange, sich dem Vaterlande ganz hinzugeben. Was ist die Wahrheit einer Überzeugung? Der höchste Verstandesrausch, über den wir nicht hinauskönnen: Wo wir dies endliche Ziel im Irdischen fanden, sollen wir stehenbleiben, darauf alle unsere Gedanken, Kräfte werfen. Und es gibt keinen höheren Begriff als das Vaterland. Wir haben humanistisch, philanthropisch auch dies zu zersetzen versucht, und wohin hat es uns geführt! In ein Meer von schwimmenden Inseln und Fata Morganen. Wenn wir unser Schiff herantrieben, landen wollten, verschwanden die Türme und Berge in die Wolken, die Gärten der Armida wurden schillernde Sumpfpflanzen, die der Sturm auseinanderwehte. Keine dieser Ideen, wie auch vom Morgenrot gefärbt, gewann einen Leib, den wir umarmen, keine ward eine Säule, ein Fels, an dem wir uns im Sturme klammern konnten. Der edle Schiller traf das rechte Wort:

Die angebornen Bande knüpfe fest,
Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an,
Das halte fest mit deinem ganzen Herzen.
Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft,
Dort in der fremden Welt stehst du allein,
Ein schwankes Rohr, das jeder Sturm zerknickt.

Nur das Vaterland ist die Eiche, an die wir uns klammern können, nur sie hat das Recht, Opfer von uns zu fordern, das höchste, letzte auch, uns selbst. Die tausend Götzen sonst haben keines. Ihnen gegenüber tritt das volle, heilige Recht des Ichs ein.

Louis kam noch nicht zurück. Das Talglicht auf dem Tische brannte immer düsterer. Sein halbverkohlter Docht beugte sich in einer Wölbung immer höher über die Flamme. Walter hatte aufmerksam dem Verbrennungsprozeß zugesehen, ohne sich gemutet zu fühlen, nach der Putzschere zu greifen. Er brauchte kein Licht. Das ewige Gleichnis der Kerze und des Lebens gaukelte vor ihm in den matten Schwingungen der Flamme. Da fiel das dicke schwarze Knopfende von der eigenen Schwere herab auf den Zettel; der noch glimmende Schweif fing an, in das mürbe Papier ein Loch zu sengen. Walter löschte, ehe es ein Brand ward. Dabei mußte er den Zettel wieder aufnehmen. Die Schriftzüge verrieten keine ganz ungebildete Hand, sie flogen über das Papier. Er fing an zu lesen und hörte erst auf, als es zu Ende war.

»Du mein alles! Ja, die böse Frau hat recht. Du darfst mich nicht wiedersehen. Die Frau ist nicht böse. Wer Dich lieb hat, ist gut. Wer Dir Schmerzen sparen will, ist ein Engel. Nein, Du sollst mich nie mehr sehen. – Vergib mir, Du mein einzig Geliebter, daß ich darum kam. Nur darum – mein Kopf brennt mir, ich weiß nicht, was ich schreibe. Ich sah Dich nur unglücklich, nun wollte ich Dich glücklich sehen. Ist das auch eine Sünde! – Es sollte meine einzige, letzte Freude sein. Mit einer einzigen Freude aus der Welt gehn, ist das zuviel gefordert! – Sie sagte – ach Gott, ich klage sie nicht an. Wahr und wahrhaftig, Louis, bei allem, was Dir teuer ist, glaube mir, ich kam nicht, um von Dir zu pressen, nicht um Dein Glück zu stören – ich Dich stören! – Und Du sollst mich auch nicht für eine ausverschämte Person halten, die Dich aussog und es liederlich verbracht hat, und wenn das Geld fortgerollt, kommt sie wieder. Glaube ihr nicht, Louis, und darum schon muß ich Dir schreiben. Ich vergebe ihr auch das, denn sie hat's nicht gesehen, wie ich damals aus dem Tore wankte. Ich glaubte, die Luft würde es guttun, aber die Luft tat's nicht gut. Irgendwo, ich habe den häßlichen Ort vergessen, blieb ich liegen – nein, ich wollte da nicht – draußen auf der Landstraße aber fiel ich um, da hoben sie mich auf einen Leiterwagen und fuhren mich rein in ein großes Haus. Ach, die häßlichen Gesichter, wie sie sich stritten. Der Bürgermeister war sehr zornig, er wollte mich wieder aufladen lassen und zur Stadt hinaus, Gott weiß wohin. Sie fluchten. Ich habe Dich fluchen gehört, aber so nicht. Einer schrie, das gäbe eine Untersuchung und mache noch mehr Kosten. ›Aber wie kommen wir zu der Last!‹ schrien sechs andre. ›Sie müssen's uns ja vergüten auf Heller und Pfennig!‹ – ›Eigentlich müßte der Abdecker auch solche kriegen!‹ lachte einer. – Louis! Louis! ich lag da, sinnlos, starr, wie ein gefallen Tier, um das die Raubvögel sich streiten. Wer das erlebt – der hat kein Recht mehr auf dieser Welt. Und ich sollte noch Dein Glück stören wollen! Endlich hieß es, man muß doch was finden, wo sie hingehört, und dann hätten sie mich wieder auf den Karren geladen, und das hätte ich nicht ausgehalten; es wäre wohl so am besten gewesen. Aber als sie drauf suchten, fanden sie dein Geld. Hätte ich schreien können: Es gehört ja Dir!, hätte ich es ihnen fortreißen können! Aber ich konnte keinen Finger rühren, keinen Laut rausbringen. Da ward es stille; sie schmunzelten und führten wieder häßliche, lustige Reden. Der Inspektor sagte, die wolle er schon gut und lange pflegen. Da ward mir das Haar geschoren, da stürzten sie kaltes Wasser über den Kopf mir, oh, es war doch immer so heiß! Da sah ich immer Dich, wenn mir wohler ward. Du zucktest die Achseln und sagtest: ›Sie ist doch auch eine Kreatur Gottes.‹ Ach, Du warst nur wie ein Nebel auf dem Berge. Wärest Du in Person gewesen, Du hättest ihnen wohl gesagt, daß sie's sanfter machten, die rohen Männer, die mich bei den Armen und Beinen in den Badekübel warfen. Es tat weh, aber ich fühlte es ja nur halb.

Ich ward gesund. Gott weiß wozu. Sie gaben mir ein langes Papier, das war meine Rechnung, und den Geldbeutel, der war ganz klein geworden. Louis, ich hatte noch keinen Groschen davon ausgegeben. Ich wanderte nun nach meiner Vaterstadt. Unterwegs habe ich nicht an Dich gedacht, nur an meinen alten Vater und was ich ihm sagen wollte, wenn ich vor ihm auf die Knie stürzte. Ich wußte es alles auswendig. Ich hab's ihm aber nicht gesagt. – Als ich durchs alte Tor kam, trugen sie ihn heraus. Ich stieß einen Schrei aus, sie stießen mich fort. Ich lief ihnen nach. Als sie die Bahre auf dem Kirchhof niedersetzten, drängte ich mich durch; da warf ich mich auf die Knie, wollte es dem Toten sagen, was ich dem Lebendigen nicht mehr sagen konnte. Da haben sie mich erkannt. Da wiesen sie mit den Fingern auf mich und zischelten. Dann murrten sie laut. Endlich sah ich Gesichter, oh Herrgott, dem Bürgermeister und Inspektor seine, die waren freundlicher, hätten sie doch nur laut geflucht! Aber der Herr Prediger tat es. Als mich der Büttel am Armgelenk gefaßt und aufgerissen – an der eingefallenen Kirchhofsmauer ließ er mich wenigstens, da durfte ich knien –, da hörte ich des Herrn Predigers Rede. Mich ließen sie keine Erde ihm in die Grube nachwerfen, aber auf mich warf der Herr Prediger – das kann ich nicht wieder schreiben. Und es war nicht wahr – ich habe meinen Vater nicht umgebracht! – Und die Blicke nachher, wie sie an mir vorübergingen! Gott sei Dank, dann ward es frei, der stille Abend, da lag ich über seinem Grabe, und der Lindenbaum fluchte nicht, in seinen Blättern säuselte es wie süße Lieder, und ich schlief ein, bis das Morgenrot mich aus dem Frieden weckte. Um die Mauer schlich ich von hinten nach dem Hause, wo er starb, wo ich geboren bin. War denn das ein Verbrechen, daß ich es zum letztenmal sehen wollte! Bürgerfrauen hatten mich bemerkt. Der Ratsdiener, mit dem Schild auf der Brust, kam und sagte – ach, was er mir sagte, ich weiß es nicht: von liederlichem Gesindel und auf die Finger sehen und hinausbringen, und ich hätte kein Heimatrecht mehr!

Nein, Louis, ich habe keine Heimat; wie ich da am rauschenden Wasser stand, da sahen keine roten Gesichter heraus vom Bürgermeister und nicht die häßlichen spitzen der Bürgerfrauen – und da – da hörte ich, daß Du glücklich wärst – ich wußte es schon, unter der Linde auf dem Kirchhofe hatte ich Dich gesehen, und die Herrschaften, die im Wagen vor der Schenke schwätzten, derweil ihre Pferde Mut tranken, und ich trank auch Mut, sie sagten mir nichts Neues – und da stach es mich und trieb mich, Dich wollte ich noch einmal glücklich sehen. – Und das hab ich nun auch aufgegeben, da ich weiß – –«

Hier waren einige Zeilen von Tränen verwischt.

»Das Geld brauchst Du nicht – das kümmert mich auch nicht mehr – und mich wirst Du vergessen – aber, wenn ich nur etwas wüßte, was Dir recht lieb wäre, ich wollte alles tun, mir einen Finger abschneiden, mich wieder verkaufen, wenn ich nur wüßte. – Und nicht wahr, das war nicht unrecht von mir. Manche hat sich betrunken, ehe sie ins Wasser sprang. Ich wollte ja nur Dich noch einmal sehen, Dich sehen, wenn Dein schön Auge so recht aus voller Seele lacht. – Nein, ich werde es nicht mehr sehen –. Lebe wohl, Du mein alles –.«

Die Unterschrift war wieder von den Tränen ausgelöscht. Aber dahinter noch einige kaum lesbare Zeilen: »Aber ich muß Dich sehen – hilf mir Gott, wenn ich mein Worte breche. Wenn Du in die Kirche gehst mit ihr. Ganz von ferne – sieh Dich nicht um, Du wirst mich nicht entdecken. Trinken muß ich den Strahl aus deinem Auge, und dann –«

Die letzten Worte gingen in ein fieberhaftes Gekritzel über. Walter war von der Lektüre aufgeregt; aber sein Entschluß schnell gefaßt.

Es gibt doch etwas auch neben dem Vaterlande, um was der Mensch sein Höchstes einsetzt, sich selbst. Und wo ist der Sittenrichter, der es kalt verdammt?

Er nahm das Papier, falzte es und tat es in seine Brieftasche: Ich will ihr Testamentsvollstrecker sein. Wenn sie nur etwas wüßte, was ihm recht lieb wäre, was sie zu seinem Heile tun könnte! Ich übernehme es für sie. Sein Liebesglück darf durch diese Erinnerung nicht vergiftet werden. Was könnte er ihr helfen, ohne ihre Liebe zu erwidern! Sie bleibe vor ihm verschwunden, spurlos. Die Wirtin werde ich instruieren. Was er – ohne Liebe, aus Erbarmen für sie tun könnte, kann ich ebensogut.

Seinen Vorsatz, auf Louis' Rückkehr zu warten, um mündlich der Überbringer der frohen Botschaft zu sein, gab er jetzt auf. Der Freund weilte zu lange bei seinem Glück. Er nahm Papier und Feder und teilte ihm kurz und klar, was seiner warte, was von ihm gefordert werde, mit. Er stellte sich in den Hintergrund und ließ den neuen Minister selbst den sein, der zuerst sein Auge auf Louis Bovillard geworfen, für sich die bescheidene Rolle eines um Rat Befragten vindizierend, welcher nur aus vollem Herzen die Eigenschaften bestätigen können, welche der Minister bereits in ihm entdeckt.

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