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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 72
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Fünfzehntes Kapitel.
Alles für einen andern.

Die verfinsterte Stirn des Ministers, mit welcher er eingetreten, erheiterte sich nicht, als er das Papier durchlas. Er flog es nur noch über, als er es auf den Tisch fallen ließ.

»Das ist nichts – gar nichts.«

»Euer Exzellenz Ideen –«

»Die Ausführung taugt nichts. Dilettantenarbeit für Herrn Merkel in den ›Freimütigen‹. Oder an die Zeitung da in Leipzig. Wir arbeiten hier nicht für die ›Elegante Welt‹.«

Walter hielt den Hut schon unter dem Arm und verbeugte sich, den Entlassungswink antizipierend.

»Empfindlich! Das taugt nicht für die Staatskarriere.«

»Da meine Schrift nichts taugt, kommt wohl darauf nichts mehr an.«

»Man darf nicht der Empfindlichkeit nachhängen, wenn man sich berufen fühlt, für das Gemeinwesen tätig zu sein.«

»Mir ward eben der Beruf abgesprochen.«

Der Minister hatte, ohne ihm zu antworten, das Papier wieder in die Hand genommen und klopfte, indem er sprach, mit der umgekehrten Hand darauf.

»›Dürfte‹ – ›sollte‹ – ›wagte‹! Wie soll das wirken! Das gleitet an den blasierten Ohren vorüber wie eine obligate Flöte, die den Waldsturm akkompagnieren will. Das Gleichnis vorn, machen Sie ein Gedicht daraus. Diesen hier muß man derb, Schlag auf Schlag, die Notwendigkeit vors Auge führen. Da ist ein guter Passus, aber die Worte auch wieder viel zu gehobelt. Und wie sollen sie die Anspielung verstehen? Mit der Trompete ihnen ins Ohr blasen, es ist noch immer sanftere Musik als die Kanonen.«

Walter äußerte etwas davon, daß die Stellung eines Anfängers, der kaum in das Geschäftsleben geblickt, ihm nicht erlaube, sich sofort in die Stellung des Ministers gegen seine Kollegen oder gegen die Majestät des Königs zu finden. »Das glaube ich gern«, sagte der Minister, der, sichtlich erschöpft und mit andern Gedanken beschäftigt, sich auf das Ruhebett geworfen. »Man muß vieles erst lernen.«

Walter wartete noch immer auf das Zeichen der Entlassung. Der Minister blätterte in einem Notizbuch. Hatte er ihn vergessen? Plötzlich sprach er: »Setzen Sie sich und schreiben!« Walter folgte mechanisch. »Nein, hier neben mir; ich will Ihnen ins Gesicht sehen.« Der Minister sah ihm, kaum zwei Schritte entfernt, ins Gesicht. War das wieder eine seiner eigentümlichen réparations d'honneur oder sollte es eine Prüfung sein? Der Minister dachte an beides nicht. Er übersann ein Thema, mit dem er nicht fertig werden mochte, er steckte das Gedenkbuch wieder in die Tasche.

»Es ist gut, ein andermal.«

Was sollte das heißen? – Er bestimmte ihm einen andern Tag. Nein, morgen; überhaupt erwarte er ihn jeden Tag um die und die Stunde. Weshalb? Wozu?

»Die Form Ihrer Anstellung wird sich später finden. Die Branche, für die Sie sich eignen, muß sich erst ermitteln.«

Walter sah ihn mit stummer Verwunderung an:

»Eben war ich auf das schmerzlichste in meiner Ehre gekränkt –«

»Das ist ausgeglichen«, fiel der andere ein. »Sie wollen Ihre Freiheit aufgeben, sich dem Staatsdienst widmen. Ich nehme Ihr Anerbieten an. Wie gesagt, bis sich etwas Bestimmtes findet, betrachte ich Sie als meinen Privatsekretär. Ich kann in vielen Dingen Ihre Feder gebrauchen.«

»Ich bin noch nicht gereinigt. Nach einer so schweren Anklage muß der Angeschuldigte auf einen klaren Richterspruch bestehen.«

»Sind Sie so punktiliös? Ich sprach mit Fuchsius. Die Sache klärt sich einfach auf. Während er in der Bearbeitung meines Entwurfs war, kam ihm Ihre Schrift zu Händen.«

»Er räumte ein –?«

»Daß er sie benutzt hat.«

»Wer gab ihm ein Recht dazu?«

»Er hielt die Schrift für eine preisgegebene, verschollene – machen Sie das mit ihm aus.«

»So entblödete er sich nicht, eine fremde Arbeit für die seine auszugeben.«

»Er entnahm Ihnen nur die Entwicklung der Gründe, die Ausführung –«

»Dreiviertel seiner Schrift –«

»Unter andern Verhältnissen würde auch ich es nicht gutheißen. Hier galt es, eine schwierige Arbeit bald und zum Zwecke tauglich herzustellen. Die suprema lex, das salus rei publicae. Warum doppelt schreiben, was einmal zum Zweck genug ist?«

Der Minister wollte den Regierungsrat gerechtfertigt sehen; es wäre von Walter töricht gewesen, jetzt mit Hartnäckigkeit auf seiner Meinung zu bestehen. Er gab sie nicht auf, aber er schwieg, weil er auf des Staatsmannes Stirn andre Gedanken gelagert sah.

»Ich brauche jemand, auf den ich mich verlassen kann, der, offenen Kopfes, fähig ist, im Umgang, in der Gesellschaft sich geltend zu machen. Verstehen Sie, jemanden, der nicht mit der Tür ins Haus fällt, was man mir wohl zum Vorwurf macht, der das Metall der Gesinnung in eine gefällige Form zu schmelzen weiß. Nicht ein Haarbreit darf er aufgeben, aber den Widerstößen soll er eine gewisse Elastizität entgegensetzen. Ich muß ihn brauchen können, nicht zu förmlichen Missionen, für die Form ist Vorrat die Fülle, aber zu gelegentlichen. Keinen Spion, aber er soll die Sinne wach haben. Keinen –« Der Minister hielt inne, und als er Walters sich rötende Stirn bemerkte, kam er schnell dem Mißverständnis entgegen. »Er muß von Geburt sein, einen Namen haben, der ihm überall Eingang verschafft, auch am Hofe. Das ist das Traurige, daß die Minister nie mit voller Kraft nach außen und nach innen wirken können, daß sie der Vermittler, Unterhändler bedürfen, nennen Sie's immerhin Kundschafter, die sie mit dem Hofe, den höchsten Personen in Rapport setzen und zugleich den Kabinettsräten aufpassen. Jammervoll, unnatürlich ist es, ein Kraftzersplittern, was die besten Intentionen erlahmt, aber es ist nun mal so, und gegen ein Gift braucht man ein Gegengift.«

»Unter den Männern von Geburt werden Exzellenz eine reiche Auswahl haben.«

Der Staatsmann verstand den kleinen Parierhieb, aber mit einem vornehm leichten Aufzucken ging er über etwas hinweg, was zu beachten er nicht für wert hielt.

»Die Besten sind geschulte Puppen, wenn redlich, steif wie ein Wegweiser. Sie machen Front dahin, wo sie vor zwanzig, dreißig Jahren den Feind sahen; daß die Dinge sich verändert, daß er jetzt von den Flanken, vom Rücken droht, ist ihnen nicht begreiflich zu machen. Friedrichs Schule hat sich schlecht bewährt. Über das Militär rede ich nicht, nur vom Zivil. Da stehn die Posten, wo man sie hingestellt, sich brüstend, daß sie die Stelle nie um einen halben Fußbreit verlassen, aber unaufmerksam, wenn die Konterbande drei Schritte von ihnen bei hellem Tage über die Grenze dringt. Was geht es sie an, sie tun ihre Pflicht! Wenn die dumpfe Tugendtreue, eigentlich nur Bequemlichkeit, sie auszuhalten drängt, so wäre ihre höhere Tugend und Treue, ihre Befehlshaber aufmerksam zu machen, daß man ihre Kräfte besser verwende. Vor dieser Anmaßung, Überschreitung ihres Dienstes, erschrecken diese Menschen wie vor einer Sünde gegen den Heiligen Geist. Mag das Vaterland untergehen, wenn sie nur an ihrem Schilderhaus präsentieren. So nicht einer, nein, alle, keine Freiheit des Urteils, keine selbsteigene Bewegungskraft. Je besser die Normalpreußen geschniegelt, gebürstet und geschnürt sind, so kleiner der Kern des Menschen darin. Ja, in manchem, wenn man ihn aufhülst, ist's hohl, das Mark in die Rinde geschossen.«

»Die Klage der Patrioten ist doch, daß von dieser Schule sich nur zu viele frei gemacht«, entgegnete Walter.

»Wo aus dem Leibe die Seele längst entwichen ist, was wundern wir uns über die Überläufer zum andern Extrem? Diese Ungebundenheit, Frechheit, Laszivität in der Meinung und den Sitten, preise man sie immerhin als Geistesfreiheit, Aufklärung und Liberalität, es sind nur die Symptome einer Auflösung –«

»Vor der Gott uns bewahre!« fiel Walter ein.

»Und nicht bewahren wird, wenn wir nicht selbst etwas dazutun, wenn wir nicht –« Der Minister war aufgesprungen, er unterbrach sich selbst gewaltsam. Daß er soweit in der ersten Stunde des Vertrauens gegen seinen neuen Bekannten gegangen, schien diesem ein besseres Zeichen der Ehrenrettung.

»Kennen Sie den Legationsrat Wandel?« fragte der Minister plötzlich.

»Er ist ein Ausländer.«

»Ausländer!« – Mit einem Lächeln fuhr der Minister fort: »Scheint doch dieser Staat destiniert, von Ausländern seine Impulse und seine ausgezeichneten Männer zu empfangen. Schwerin war ein Schwedisch-Pommer, Keith ein Brite, Derfflinger ein Österreicher; auch ist der wackere Blücher ein Mecklenburger, Hardenberg ein Hannoveraner. Moses Mendelssohn stammt auch nicht aus den Marken, und die Väter eines guten Teils unserer Diplomatie, unsrer Staatsmänner und Offiziere wußten vor den Dragonaden in ihrer Normandie und Provence kaum von der Existenz eines Landes, das Brandenburg heißt. Vergessen Sie auch nicht, junger Mann, daß die Hohenzollern aus Franken oder gar aus Schwaben sind. Eingewanderte, wenn Sie wollen, ich hielt sie für mehr, für Eroberer – wie der Nilstrom Ägypten erobert hat.«

»Man sagt, Herr von Wandel sei im Thüringischen angesessen. Noch andre geben ihm die Niederlande oder eine dänische Kolonie zum Vaterlande.«

»Meinethalben Island oder Teneriffa, wenn – man muß sich gewöhnen, Preußen anders zu betrachten als nach dem Naturprozeß. Nation und Staat waren hier nicht eins, sie wurden es. Es kostet auch mich zuweilen Mühe, von den mitgebrachten Vorstellungen zu lassen. Aber es geht nur so, nicht anders, oder alles zerfällt. Es war allein der Geist dieser großen Fürstin, die das Verschiedene, Fremdartige aneinanderkittete, einen Hauch hineingoß. Diesen Geist muß man lebendig erhalten, immer wieder wärmen die junge Tradition, damit sie nicht alt wird. Finden wir innerhalb unserer Grenzen nicht den Licht- und Wärmestoff, so greifet nach draußen. Was anderwärts Verbrechen, hier ist es erlaubt, Gebot der Notwendigkeit, der Selbsterhaltung.«

»Ich habe nicht die Ehre, Herrn von Wandel näher zu kennen.«

»Das Mysteriöse, womit er sich umgibt, schreckt die Menschen zurück. Ich mag die nicht tadeln, welche sich hier vor den Blasierten verschließen. Eine eiserne Maske vors Gesicht, um die warmen Pulsschläge des Herzens nicht zu verraten!«

»Man gesteht ihm ebenso die Gabe zu fesseln zu als abzustoßen.«

»Charaktere und ernste Sitten bedarf die Nation; der Staat darf es nicht so genau nehmen. Eine Libertinage, die nicht die publiken Sitten verletzt, darf ich übersehn. Er weiß das Siegel des Anstandes daraufzudrücken. Er beobachtet scharf, hat merveillöse Kenntnisse, Takt, mit seiner Suada entlockt er Geständnisse, ohne selbst etwas zu verraten, er ist bei den Frauen beliebt, eine fast unerläßliche Eigenschaft eines Diplomaten, den man brauchen will«, setzte der Minister lächelnd hinzu.

»Seine Liaisons mit der Fürstin Gargazin sind Stadtgespräch.«

»Die sind in diesem Augenblick nicht hinderlich. Und zudem kann Haugwitz ihn nicht leiden, er fürchtet ihn. Das spricht zu seinen Gunsten.«

»So haben Exzellenz bereits entschieden –«

»Wenn er Feuer in der Brust sich bewahrt hat. Er muß noch glauben können, wenn er nicht mehr lieben kann, hassen doch aus Herzensgrunde, das Schlechte, Erbärmliche, die Verräterei, das Schöntun mit dem Fremden; er muß noch hassen können, denn wer nur im Sumpf fortschwimmt, mit der Resignation, endlich doch zu ertrinken, paßt nicht für mich.«

»Er gilt als in intimem Konnex mit den Männern der Lombardschen Clique.«

»Wissen Sie, ob er diese Kreaturen nicht nur belauschen, durch Gefälligkeiten ihre innerste Natur, wenn sie eine haben, ihre geheimsten Gedanken herauslocken will? Wissen Sie, ob hinter dieser anscheinenden Indifferenz, diesem blasierten Weltbürgertum nicht ein Haß glimmt, wie ich ihn wünsche? Ja, dahin sind wir gekommen: bis der Deutsche nicht hassen lernt, aus vollem Herzen hassen, bis er seine philanthropischen Schwärmereien, jenen Allerweltsgerechtigkeitssinn, ohne sich selbst je gerecht zu werden, nicht durch Kasteiungen und Blut sühnt, bis er nicht wieder zum Egoisten wird, ist Deutschland verloren.«

»Ich glaube, Exzellenz, in diesen Studien befindet sich auch unser Volk.«

»Studien! Da liegt das Elend. Studien vor einer Krisis! Der Haß, der seine Verwünschungen ins Firmament speit, tut es nicht, der Weltsturm treibt die Dünste fort, ehe es zum Gewitter kommt. Handeln! Und bis dahin ließen wir's kommen, daß wir nicht mehr offen handeln dürfen; die Tugend, die Tatkraft muß sich verbergen, hinter einer Larve agieren. Schlimm, daß es ist, aber es ist. Wir brauchen die Tugenden der Brutus, behüte uns Gott vor ihren Dolchen, aber jener zähen Festigkeit, die ihre Gefühle nicht bei jedem Gegenstand aufflackern läßt, sondern sie verschließt, im stillen nährt, bis der Augenblick der Tat kam. Weshalb preisen wir jenen Mann, mit dem unsere Geschichte anfing? Spielte der römische Rittmeister in Rom den deutschen Patrioten, radotierte Arminius in den Kaffeehäusern über Deutschlands Unglück, sang er Lieder zur Gitarre, zum Ruhm seines unvergänglichen Vaterlandes, damit die Römerinnen dem blondhaarigen Schwärmer ›Bravo‹ klatschten? Er schwieg und hatte die Augen auf, er schwieg und diente, um zu lernen, er schwieg und sammelte Haß und Haß, bis es ein Stock ward, den Feind zu zermalmen. – Wir sind herabgedrückt, entwürdigt, bis zu dieser Lage«, fuhr der Minister nach einer Pause fort; »aber noch schlimmer als die wirkliche Tatsache, wenn wir sie uns zu verbergen suchen. Offen es uns selbst eingestanden, das ist der erste unerläßliche Schritt zur Rettung. Mir graut vor diesem Bramarbasieren, vor diesem Kornettsdünkel. Ich liebe die stillen Menschen, die sich des Urteils enthalten, weil ich denke, sie könnten doch Vernünftiges denken, wo die lauten Denker nur Unsinn zutage bringen.«

Der Minister hatte ausgesprochen. Er ging, noch in Aufregung, umher, aber sein Blick forderte unsern Freund auf, seine Meinung auszusprechen.

»Einige, dünkt mich, sind still aus Überzeugung, weil ihre Ansicht nicht verstanden würde, andere aus Furcht, die Mehrzahl aber, meine ich, aus Spekulation, um sich nicht zu kompromittieren, wenn die Dinge anders ausschlagen, als sie berechnet hatten.«

»So kennen Sie Wandel?« fragte der Minister scharf, vor ihm stehenbleibend.

»Ich sehe ungern in dies unbewegliche Gesicht.«

»Das stimmt mit Fuchsius. Weiter!«

»Ich kenne ihn wirklich nicht, Exzellenz.«

»Weiter!« sprach der Minister.

»Wenn der tiefste Grund des Menschen sich auf dem Gesichte irgendeinmal abspiegelt, so erschrecke ich, daß ich nie einen Zug auf seinem sah, der den Menschen verriet. Die Diplomatie mag andere Gesetze haben, ich aber könnte dem nie vertrauen, der stets Herr ist über sich. Wer alle Gefühle und Leidenschaften kostete, wie Mithridates die Gifte, um sich ihrer zu erwehren, hat den göttlichen Menschen in sich getötet. Wer den Ausdruck für Liebe, Haß, Furcht, Ehrgeiz, Lüsternheit und Habgier bis zum unkenntlichen Schattenspiel überwunden hat, scheidet für mich aus der Reihe der sinnlichen Geschöpfe. Ohne Sinnlichkeit kann ich mir aber keine Sittlichkeit denken und keinen Charakter, der nicht die Sitte zum Fundament hat.«

Der Minister sah ihn eine Weile an. Die Schärfe seines Blickes ging in Wohlgefallen über. Er klopfte ihm auf die Schulter: »Wir werden uns näher kennen lernen. – Aber – ich will ihn doch nicht aufgeben. Ich glaubte indes, das in ihm zu entdecken, was ich hier nirgend finde. Dies unausstehliche Sichspreizen und Knistern, um vornehmer scheinen zu wollen, als man ist, macht für mich diese Menschen um zehn Prozent schlechter, als sie sind. Wir wollen ihn auf die Probe stellen, Sie sollen mir behülflich sein.«

»Als Kundschafter!«

»Ihr Vater steht mit ihm in Relationen, wie Fuchsius mir mitteilte. Ein guter Kaufmann gibt nur Kredit dem, der Kredit hat.«

»Auch ein Kaufmann ist Illusionen unterworfen.«

»Das sollen Sie ermitteln, mit Fuchsius sollen Sie sich darüber verständigen. Fuchsius hat Antipathien gegen Wandel. Das muß ein Staatsbeamter sein lassen, ich meine, persönliche Antipathien. Aber er will Renseignements haben, erinnere ich mich recht, aus den Niederlanden, daß häßliche Schatten ihm folgen. – Irgendwo hat ein Glücksritter – es ist ein Entführungsroman, mit Tod, Erbschleicherei und so weiter – gekuppelt – für Romane habe ich keinen Sinn, Fuchsius wird Ihnen das Nähere mitteilen. Aber auch er mag in seinem Argwohn zu weit gehen. – Haben Sie Bedenken?«

»Ich kenne bis jetzt weder den Roman noch die Wahrheit.«

»Oder wissen Sie ein taugliches Subjekt? Ein feiner Beobachter oder ein blitzendes Talent. Auch Sarkastik oder Humor wären treffliche Eigenschaften, Feuer, wenn auch mit etwas Qualm, das die Salonmenschen hinreißt. Mag er auch sonst ein verlorener Sohn sein, wenn er nur kein verlorener Sohn vom Vaterland ist. Es gibt viele verlorene Söhne, die nur eines Impulses bedürfen, damit das erstickte Feuer aus der Schlacke auflodere. Englands erste Staatsmänner gingen diesen Weg, aus einem Roué ward ein Charles Fox. – Sie denken an jemand. Sinnen Sie nach. Er darf nicht scheuen, die Stellung anzunehmen. Es ist ein Sort. Den Ratscharakter, mit einem ansehnlichen Gehalt, habe ich, um der Form zu genügen, für ihn bereit; die eigentlichen Dienste ergeben sich mit der Zeit. Morgen sehen wir uns wieder. – Jetzt gehen Sie ins Bureau und besprechen sich mit Herrn von Fuchsius.«

Walter trat einen Schritt zurück. »Exzellenz, eine erste Bitte, und wenn sie mir abgeschlagen würde, meine letzte, erlassen Sie mir diese Konferenz. Ich kann nicht mit Herrn von Fuchsius – dienen.«

Die Brauen des Freiherrn zogen sich zusammen, die Augen wurden kleiner, ohne die Schärfe ihres Blickes zu verlieren. Er warf einen Gegenstand, den er in der Hand hielt, auf den Tisch.

»Soll ich etwa ihn um Sie aufgeben! – Herr, ihn kenne ich, Sie noch nicht.«

Er wandte sich wieder, um nach einigen Schritten zurückzukehren. Das Ungewitter war verzogen, und die Stirn ward heiterer, als er zum zweitenmal die Hand auf Walters Schulter legte:

»Junger Mann, Sie müssen noch viel lernen. Glücklicherweise nur, was jeder Fant, der ein Jahr in der Routine ist, an den Fingern weghat. Ist ein Staatsmann ein Gott, ein Deukalion, daß er seine Menschen sich machen kann, wenn ihm die nicht gefallen, die ihm das Schicksal zuweist? Er hat genug getan, wenn er jeden an den Platz stellt, den er füllt. Findet er nur das heraus, ist er schon weise. Den er zum Steineklopfen braucht, von dem darf er nicht fordern, daß er Nähnadeln spitzt. Und wen er zum Schatzmeister gemacht, und seine Läden bleiben verwahrt, soll er ihn fortjagen, weil er sich einmal einfallen ließ, in seines Herrn Sonntagsrock auf der Promenade zu stolzieren? Hab ich etwa hier Vorrat, daß ich nur zu wählen brauche? Wollte ich alle um solches Vergehen fortjagen, so könnte ich vom Türsteher bis zum ersten Geheimrat die Geschäfte allein übernehmen. Herr von Fuchsius ist jung und sieht in die Zukunft, er denkt ans Vaterland und denkt richtig, soll ich ihn zum Teufel schicken, weil er nebenher auch an sich denkt? Fordere vollkommene Menschen, und du wirst als Eremit zu Grabe gehen. Kein Wort mehr davon. Die Ehre meiner Beamten, die ich mir bildete, ist meine Ehre. Es kann Ihnen auch einmal zugute kommen.«

Jetzt war Walter entlassen. An der Tür blieb er stehen.

»Ich wüßte –«, er stockte; es schickte sich nicht mehr.

»Preßt es die Brust, heraus damit –«

»Einen Mann –«

»Der geeignet. Nennen Sie ihn. Ich sann eben auch nach.«

»Er ist mein Freund –« Walter stockte.

»Desto besser.«

»Ja, ich kann aus vollem Herzen sagen, er ist der Mann, wie Exzellenz ihn suchen.«

»Sein Name?«

»Wird ihn hier nicht empfehlen.«

»Wenn es ein guter ist?«

»Der Sohn des Geheimrat von Bovillard.«

»Der Tolle?«

»Louis von Bovillard. Für sein Herz, das fürs Vaterland schlägt, sag ich gut. Das erstickte Feuer kann aus der Asche zu einer Flamme aufglühen, wenn er an eine edle Schmiede kommt.«

Walter blickte zweifelnd auf den Minister, der nachdenkend stand: »Senden Sie ihn zu mir, ich glaube, Sie haben gut getroffen. Er hat seine Wiener Mission mit mehr Eifer ausgeführt, als Haugwitz wünschte. Aber –«

»Euer Exzellenz Bedenken sollen mir Befehl sein.«

»Nein – der alte Bovillard hat ja seinen provenzalischen Adel renovieren lassen. Es sind die Bovillards Maîtres de Cerisé. Ich danke Ihnen, Herr van Asten, daß Sie mich an ihn erinnert haben. Über wen diese Menschen hier entrüstet sind, muß kein gewöhnlicher Mensch sein. – Bringen Sie ihn mir. – Ist er noch mit seinem Vater überworfen? Gleichviel. Die Bovillard de Cerisé waren schon in den Kreuzzügen genannt, und was mehr ist, wahrscheinlich von reiner keltischer Abkunft. Fast unbegreiflich, wie ein solches Mondkalb von Vater da hineinkam. Schicken, bringen Sie ihn bald. – Da erinnere ich mich, dem jungen Mann wird eine fixe Anstellung jetzt sehr gelegen kommen.«

»Um die Aussöhnung mit dem Vater zu erleichtern?«

»Nein, die Gargazin sagte mir neulich, er ist so gut wie verlobt mit einem schönen Mädchen, einer Beauté der Stadt, es wäre aber viel Jammer von beiden Seiten, weil nichts daraus werden kann. Nun kann ja etwas daraus werden. Wie gesagt, führen Sie ihn zu mir und freuen sich, daß Sie Ihres Freundes Glück machen.«

»Ich freue mich«, entgegnete Walter mit voller Stimme, aber sie klang wie Grabesgeläut, und entfernte sich.

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