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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Vierzehntes Kapitel.
Blicke aus eines Ministers Fenster ins innere Leben.

Es war nicht grade kühler geworden, aber die Sonne prallte nicht mehr vom Pflaster und den hellen Häusermauern zurück. Sie war hinter das Dach eines hohen Hauses gesunken. Ein vornehmeres Publikum bewegte sich langsam zum Tore hinaus. Da ging sein Vater, am Arm den Rittmeister von Dohleneck. Seltsame Freundschaft vom neuesten Datum! Er lächelte über das Gerücht, das der Witz der Berliner Börse erfunden: sein Vater wolle ihn enterben, weil er keine Schulden gemacht, um den Rittmeister zu adoptieren, der viel Schulden hatte; denn die Firma Walter van Asten verdanke ihren Kredit denen, die keinen hätten. Ihre Schuldigkeit sei es daher, das Schuldenmachen zu begünstigen. Er wußte nun, was seinen Vater und den Offizier aufs neue verband. Es war kein angenehmer Gedanke. Er wollte nicht durch einen Vater, noch weniger durch einen Gendarmen-Rittmeister, es war sein Stolz gewesen, nur durch sich empfohlen zu sein. »War das nicht auch vielleicht Phantasie«, fuhr er aus seinen Träumen auf, »eine fixe Idee, wie die der guten alten Oberkirchenrätin? Bewegen wir uns nicht alle in einem großen Gespinst, über das wir nie hinausfliegen, wie wir uns auch anstrengen? Wir sehen nur nicht das Gängelband, an dem man uns führt. Ja, alle sind wir eingeführt in die Kreise, wo wir wirken sollen; der durch seinen Namen, Herkunft, der durch die glatten Wangen, das Geld des Vaters, es war ihm mitgegeben, als er geboren ward. Der ruft den Schneider, den Coiffeur, den Tanzmeister zu Hilfe. Sie lesen, bilden sich, um zu wirken. Was wäre unser ernstestes Studium, wenn uns nicht doch als endliches Ziel ein Wirkungskreis vor Augen stände, der uns gefällig machen soll, uns unter den Menschen erhebt, einen Einfluß verschafft! Warum nun, wo wir immerfort Hilfe suchen müssen, um die Lücken unseres dürftigen Ichs auszufüllen, die von uns stoßen, die man uns darreicht, die von selbst da ist! Das Netz, das uns umschlingt, heißt Konnexionswesen. Ist's nicht in unsere Natur eingeimpft, bedingt durch unsre Gesellschaft, unser Gemeinwesen, lag es nicht ausgeprägt in unserm zünftigen, deutschen Sippschaftswesen? Der Sohn schlüpfte in die Kundschaft, Rüstung, die Lehen seines Vaters, die Gesetze drückten ein Auge zu, die Freundschaft half und die Gewohnheit machte die Vererbung zu einem Recht. So überall. Wir sehen freilich Lumpe aus diesem Wege steigen, wo das Verdienst zur Tür hinausgewiesen wird. Warum läßt es sich ausweisen? Warum greift es nicht zu den Mitteln, welche die Vorsehung ihm bot? Ist das nicht vielmehr Hochmut, vielleicht der impertinenteste Dünkel, sich nur selbst genügen zu wollen? Sollen wir nicht klug sein wie die Schlangen! Und was Klugheit! Grassiert nicht unter diesen Menschen die Manie, zu protegieren! Sie locken uns; wir brauchen nur zuzugreifen. Es ist der Kitzel des Stolzes und der Armseligkeit derer, die aus sich nichts machen können, andre zu erheben, die sich ihnen fügen, ihren Launen schmeicheln, in ihre Gedanken hineinlegen. So entstanden Schulen, künstlerische, philosophische, religiöse, so erwuchs das Königtum zu der mythischen Größe. Man erhob sich, weil man Kleinere unter sich groß werden ließ. Man unterließ den Pyramidenbau, weil man inneward, daß man doch nicht über die Wolken dringe; aber je mehr Abstufungen man zu seinen Füßen betrachtete, um so erhabener dünkte man sich selbst. Es ist ihr Spielzeug, warum erfassen wir es nicht und lassen sie spielen zu unserm Zwecke!«

Die Baronin Eitelbach fuhr vorüber. Der Rittmeister grüßte sie in feierlich militärischer Haltung. Sie erwiderte den Gruß in derselben Art. Er sah seinen Vater lächeln. Es war ja ein Allerweltsgeheimnis. Was hatte die halben, noch im Nebelschleier verborgenen Dirigenten zu dem frevelhaften Spiel veranlaßt? Man nannte hochgestellte Personen. Was hatten sie für ein Interesse, daß zwei sich verliebten, die bis da eine Abneigung gegeneinander empfanden, eine verheiratete Frau von unbescholtenem Ruf und bekannt wegen ihres Phlegmas, und ein Offizier, dessen Passionen im Strom des Alltäglichen nie dem Siedegrad nahegekommen waren? Was anderes, als die Sättigung, welche die Buhlerin endlich zur Kupplerin macht! Der Kitzel, mit den Gefühlen anderer zu spielen, wo die eigenen versiegt und ausgebrannt waren, die dämonische Lust, über das Los anderer zu schalten und walten, gleichviel, ob mit ihrer Freiheit ihre Stellung in der Welt, ihre Ehre, ihr Seelenfriede und ihr Lebensglück verlorenging. So mehr Vergnügen, je schwieriger die Aufgabe war. In der Anstrengung die Hindernisse überwinden stählt die Kraft. Und diesen mächtigen Antrieb zum Bösen, sollte man ihn wegwerfen, wo man ihn zum Guten angreifen und nutzen kann.

Der Wagen war vorübergerollt. Sein Blick fiel auf eine Fensterreihe schräg dem Hotel gegenüber. Ein Teil dieser Fenster war mit grünen Jalousien verschlossen; sie schienen nicht erst heute gegen den Sonnenbrand herabgelassen, der dicke Staub darauf sprach von einem langen Verschluß. Das ganze Haus sah still und öde aus wie eines, worin Krankheit wehte. Ein Leiterwagen mit Strohbunden kam langsam herangefahren. Er hielt seitwärts. Man streute das Stroh sorgsam auf das Pflaster vor dem Hause. Jetzt rollte vor einem der Mittelfenster die Jalousie langsam auf, eine weibliche Gestalt sah auf die Arbeiter hinaus. Die Geheimrätin Lupinus gab den Leuten Anweisungen, die er nicht hörte. Sie hatte wieder ein Tuch vor dem Munde und wehte sich frische Luft zu. – Man nannte die Lupinus eine unglückliche, schwer vom Schicksal heimgesuchte Frau. Man rühmte sie wegen der stoischen Ruhe, mit welcher sie die harten Unfälle, die Schlag auf Schlag sie trafen, ertrug. Sie widmete sich Tag und Nacht der Pflege des kranken Gatten und mußte von ihren Bekannten an die Pflicht erinnert werden, zuweilen auch an sich selbst zu denken. Die Zufälle des Geheimrats sollten besonderer Art sein und er seine Pflegerin durch wunderbare Phantasien plagen. Von alledem merkte man nichts, wenn sie in der Gesellschaft erschien. Sie sprach von dem, was ihr bevorstehe, mit Ruhe und Fassung. Sie machte sich keine Illusionen, wenn auch die Ärzte ihr Trost zusprachen; mit einem Seufzer fügte sie hinzu, sie habe in ihrem Leben die Trugschlüsse dieser Wissenschaft hinlänglich kennengelernt. Sie zitierte gern Stellen aus Mendelssohns »Plato«. Was sei denn das Leben anders, als ein Gefängnis oder ein Wachtposten, aus dem die Seele sich hinaussehnt, nach Befreiung oder Ablösung. Sie blickte auch wohl nach den Sternen und schien über sich selbst zu lächeln, wenn sie in zwei kleinen, die sie bezeichnete, die lieblichen Kinder zu sehen glaubte, die unter ihrer mütterlichen Pflege in das Jenseits entschweben müssen. »Halten Sie mich um deswillen nicht für eine Schwärmerin«, setzte sie mit einem sanften Händedruck hinzu, »dazu bin ich verdorben. Meine Freunde sagen so oft, daß ich es am Ende glauben muß, ich sei eine Philosophin. Die Leidenschaften, die uns verwirren und aufregen, wer kann von sich rühmen, daß er sie ganz bewältigt, um zu der Ruhe der Seele zu gelangen, welche uns zu wahrhaft Freien macht! Bin ich nicht eine schlechte Philosophin, wenn ich nicht einmal so weit über mich Herr ward, wie mein guter Mann? Er sieht seiner Auflösung mit der Ruhe des Gerechten entgegen, froh wie ein Kind jeden Augenblick genießend, der ihm noch geschenkt ist; der Sonnenstrahl, der in sein Zimmer fällt, preßt ihm ein Lächeln aus, er weht mit der Hand durch die Sonnenstäubchen; er streichelt den Kater über den Rücken: Was wird aus dir nach meinem Tode werden? Er kann noch scherzen: ob man nicht Versorgungsanstalten für treue Haustiere einrichten sollte? Mein Herz blutet bei diesen Scherzen, und das sollte eine Philosophin nicht. Sie sollte auch nicht mehr hoffen, wo der Verstand ihr sagt, daß hinter der Hoffnung ein Strich gemacht werden muß. Ich kann es noch nicht«, sprach sie, sich plötzlich abwendend, das Tuch am Gesicht, »da sehen Sie, was ich für eine Philosophin bin!«

Die Geheimrätin Lupinus ward allgemein bewundert, aber man fröstelte bei dieser Bewunderung, und man vermied sie. Walter hatte scharfe Augen. Das Gesicht kam ihm heute besonders spitz vor. Sie schielte ja. Fiel nicht ihr Blick seitwärts über die ganze Straße? Wie kam ihm die Vorstellung von einem Brennglas, das in der Ferne zünden soll? Er hatte niemals Zuneigung für sie empfunden. Er hatte sich ehemals selbst darum getadelt, denn er glaubte, es sei nur die Abneigung, welche kluge Männer so oft gegen kluge Frauen empfinden, aus Hochmut oder aus Eifersucht. Er hatte diese Gefühle damals bekämpft, er hatte sich zur Freundlichkeit gezwungen gegen eine Frau, die sie ihm selbst gezeigt und später seinen Dank beanspruchte. Sie hatte seine Geliebte gerettet.

Das war längst Vergangenes. Er errötete sogar bei der Erinnerung, wie er ihren Launen entgegengekommen war. Junge Männer, wenn sie eines unpassenden Benehmens sich erinnern, gäben im Augenblick dieses Unbehagens einen Teil ihres Lebens darum, die Erinnerung auszulöschen. Was ging ihn jetzt die Lupinus an? Und doch stand ihr volles Bild vor seiner Seele; das, welches im Spiegel sich wiedergibt, und das, was kein Glas und kein Metall aufnimmt. – Wie oft hatte er im Gespräch über ernste, wissenschaftliche Gegenstände die Schärfe ihres Verstandes, ihre Phantasie im Kombinieren bewundert, aber es war, als ob ein bleigrauer Schleier gleich darauf die Anschauung überzog, eine ätzende Substanz, welche die eben noch glühenden Farben verzehrte; aus dem Gemälde ward ein blauer Kupferstich. Er war nie erhoben durch ihr Gespräch, er ging nie froh von ihr. Was wollte diese Frau? Jetzt eine Philosophin, die das Firmament durchdringen will nach dem Ewigen; jetzt schien ihre Brust sich zu heben von den Hochgefühlen für Vaterland, Freiheit, für die Heroen der Menschheit. Fand sie eine Schranke, eine eiserne Wand, vor der sie zurücksank nach verzehrendem Kampf? – Nein, ihre Flügel schienen schon erlahmt, wenn die Zuschauer fortsahen. Und dann wie das Vogelgeschlecht, das auch Flügel hat, aber nie in die Wolken sich erhebt, flatterte sie im Frivolen, Eitlen, gehoben von keinem andern Drang, als dem der Gefallsucht. Tausende, die nach dem Interessantsein haschen, zufrieden, wenn irgend etwas als vorzüglich anerkannt wird, sei es auch nur eine Lieblingsarie am Klavier, ein kleiner Fuß, ihr feines Whistspiel. Wo blieb sie denn stehen, woran hielt sie sich? fragte er sich. Wäre sie sich selbst genug? Auch die Vorstellung, von allen verkannt zu sein, es ist eine bittere Wollust, aber sie mag zur Säule werden, auf die zuletzt allenfalls eine Säulenheilige klettert und in schwindelndem Stolz auf das Gewühl herabsieht.

Aber – nein, dazu pulste ihr Blut zu ruhig. Der holde Wahnsinn spielte nicht um ihre Schläfe, sie, jeden Augenblick die sich bewußte Beherrscherin ihrer Worte, ihrer Mienen. Wußte sie ja sogar, daß sie den Männern nicht gefiel, daß Frauen vor ihren Liebkosungen erschraken. Gefühlvolle erkältete ihr Gespräch, Geistreiche fühlten sich gelähmt. Nur ganz Beschränkte waren durch ihr Wohlwollen geschmeichelt, nur solche gerieten in Entzücken über ihren Geist, die von ihr sich heben und tragen lassen wollten, und auch diese nur so lange, bis sie ihrer nicht mehr bedurften. Und auch das wußte die Unglückselige! Wohin er blickte, was sie gelten wollte, sie erreichte es nicht. Schwärmte sie für Napoleon, studierte sie Plato, begeisterte sie Fichte, erglühte sie für die Schönheitsformen des Altertums, war sie plötzlich von patriotischen Gefühlen für die Ehre des Vaterlandes erweckt, war sie die liebevolle Pflegerin des kränkelnden Gatten? Nichts von alledem! Walter hatte mathematische Beweise dafür.

Sie schloß jetzt wieder die Jalousien. Die spitzen Finger der mageren Hand waren noch sichtbar, wie sie sich mühten, eine Schlinge an einen Wandnagel zu befestigen. Es gelang nicht so schnell. Das Spiel der einsamen Hand hatte etwas Unheimliches für Walter. Was wird sie nun drinnen in der dunkeln Stube anfangen? Handarbeiten? Sie nahm sie nur vor, wenn Fremde da waren, gewisse angefangene Stücke, die er gut kannte, Stickereien, Nähtereien, die aber nie fertig wurden. Würde sie sich ans Bett des Kranken setzen, den Schweiß von seiner Stirn wischen, seine magere Hand liebevoll streicheln? Er glaubte durch die Mauer zu sehen, daß sie es nicht tat. Er hätte eine Wette darauf gewagt, daß sie mit Schaudern vom Kranken sich abwandte. Vielleicht ergriff sie eine Lektüre? – Was sollte sie lesen? Und am Krankenbett! Da lagen gewisse Bücher, Mendelssohns »Plato«, Tiedges »Urania«, Fichte, Schleiermacher, aufgeschlagen oder mit Zeichen unter ihrem Arbeitstische. Je nach dem Besuch, der sich meldete, ward eines auf den Tisch gelegt. Die Geheimrätin galt für eine sehr belesene Frau, sie sprach mit Geist über die Novitäten, die – sie nicht gelesen hatte. Walter hatte sie für sie lesen, ihr den Inhalt vortragen müssen. Oh, er wußte Bescheid im Hause; und wieviel hatte ihm Adelheid mitgeteilt! – Ein Schmerz, ein Gedanke, ein Blitz zuckte durch seine Brust. Was hat sie mit Adelheid gewollt? – Nicht drei Tage waren vergangen, und sie hatte sie gequält, alle ätzende Schärfe des Verstandes auf das Kind der Natur ausgegossen. Was war denn ihre Absicht? Sein Herz pochte immer heftiger. Ein Möbel, den Schmuck des Hauses, den man ankauft, um Gäste anzulocken, verdirbt man nicht, man bemüht sich nicht, ihm die natürliche Farbe, seinen Glanz zu rauben. Aber hatte nicht diese Frau – Adelheid hatte es nie ausgesprochen, in ihrem Stocken, ihrem Zittern hatte er es gelesen. Mein Gott, was hatte sie gewollt! – Dunkle Bilder wagten vor seiner Stirn – der Legationsrat, sein rätselhaftes Verhalten zur Lupinus! Hatte sie einen Kuppelhandel treiben wollen? – Nein, vergiften – sie vergiften. Aber warum, womit? Weil Unglückliche den Anblick von Glücklichen nicht ertragen können? Weil der Adel einer reinen, gottgeschaffenen Seele zum beständigen Vorwurf für die wird, welche diesen Adel eingebüßt. Es war plötzlich eine Überzeugung, die ihn durchdrang. Aber war es nur Instinkt gewesen, oder hatte sie systematisch gearbeitet? Mein Gott, ist es denn möglich, daß eine Frau systematisch an ein solches Geschäft geht! Es war wohl nur ein Gebilde des Argwohns, und doch – alle ihre Handlungen – und boten Erfahrung und Geschichte ihm nicht hundert Beispiele einer solchen Verführungslust bloß aus dem Gelüst, zu verfuhren? Wie man dem Tobsüchtigen Wasserstürze gibt, hatte sie auf alle ihre warmen Gefühle einen Eisguß geschüttet. Das junge, warme Herz, ja, es sollte systematisch erkalten, vor der Zeit absterben, – nicht an eignen bitteren Erfahrungen, an denen einer egoistischen Seele, die nicht mehr Liebe, Glaube, Hoffnung kannte. Ein blühendes Geschöpf, von der Natur mit allen Frühlingsregungen begabt, wollte sie zum ausgebrannten Vulkan machen. War sie das selbst? – Nein, etwas lebte doch in der Frau, ein geheimes Feuer – Haß, Neid, eine stille Wollust des Egoismus. Eine kaltherzige Egoistin ist zu allem fähig. – So wollte sie Adelheid präparieren, zu einer Mitsünderin, einer Verlorenen, Trostlosen.

Und er selbst! – Stand er ohne Schuld da? Hatte ihn nicht längst eine Ahnung überschlichen, daß die Lupinus dies beabsichtigte? Und hatte er die Ahnung nicht aus dem Sinn geschlagen, und aus Eigennutz? War es nicht sein Wunsch gewesen, daß seine Braut dort aushalte, weil er in diesem Hause freien Zutritt hatte, weil in letzter Zeit wenigstens die Geheimrätin seinen Wünschen entgegenzukommen schien, weil er unter andern Verhältnissen, in einem andern Hause für seine Hoffnungen fürchten mußte? Darum hatte er, zwar nicht gegen seine Pflicht gehandelt, aber doch – die Gedankensünde begangen. Selbst ein Egoist, wagte er andere anzuklagen!

Da rollte die Equipage der Fürstin vorüber, im Fond diese mit Adelheid, auf dem Rücksitz saß Louis Bovillard. Die Fürstin schien zu schlummern. Adelheid und Louis sahen nichts, sie sahen nur sich. Der Wagen war verschwunden, eine Erscheinung.

Ein »Gott sei Dank!« löste sich aus Walters Brust, vielleicht von seinen Lippen. Er fühlte eine wohltätige Transpiration. Das Schicksal hat es so, es hat es vielleicht zum Besten gefügt. Ja, im Kontobuch stand noch seine Schuld auf der Seite »Soll«, aber sie war ausgeglichen auf der Seite »Hat«. Er hatte nichts mehr. Seine Geliebte war die Geliebte eines andern. Sie war gerettet, und er – verloren? Nein, er war nur frei geworden, um sein ganzes Ich, ohne Egoismus, hinzugeben einer andern Geliebten, dem Vaterlande, der Idee, als deren letztes Ziel in der Ferne – Deutschlands Errettung vom Fremdjoche schwebte.

Mit Eifer setzte er sich an den Schreibtisch, und seine Arbeit förderte sich. Er war fertig, als der Minister eintrat.

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