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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Dreizehntes Kapitel.
Blicke aus eines Ministers Fenster ins Volksleben.

Die Tür schlug hinter ihm zu. – War das eine Rechtfertigung, daß der Minister dem jungen, ihm fremden Manne das Heiligtum seines Arbeitszimmers mit offenstehenden Schränken überließ? Walter konnte wieder lächeln, als aus einem halbgeöffneten Schubfach ein Körbchen mit Goldstücken ihm entgegenblitzte. Da lag auch ein versiegeltes Paket mit der Aufschrift: »Nach meinem Tode zu verbrennen.« Vornehme Leute haben oft eigne Vorstellungen, wie sie die von ihnen verletzte Ehre ihrer Untergebenen herstellen. Jedenfalls war es nur eine halbe Rechtfertigung; der Minister wollte ihn durch die neue Aufgabe prüfen, ob er imstande sei, selbständig Gedanken zu entwickeln und auszuarbeiten.

Das Konzept, das ihm übergeben war, enthielt flüchtige, von des Ministers Hand hingeworfene Sätze, etwa folgender Art: »Was allgemeine Stimmung, wenn kein gesetzliches Organ dafür existiert! – Jeder Minister ausschließlich in seinem Geschäftskreise – ein König oder Gliederpuppe. Fehlt jedes Element, den König aufzuklären über den wahren Status. – Geheime Kabinettsräte! – Dahinter war ein dicker Tintenklecks. Der Schreiber hatte mit der stumpfen Feder aufgestaucht. »Absolut nicht mehr möglich. Aut! – aut! – Fein anzufangen – Dummes Zeug. So Hardenberg nach heutiger Konferenz. Blücher würd's besser verstehen.« – Dahinter einige Striche, Federproben, Eselsohren!

Daraus ein Promemoria entwerfen! Allerdings das Zeichen eines großen Vertrauens. War Exzellenz' Denkweise so bekannt, daß er aus Chiffren und Hieroglyphen ein System konstruieren konnte? Oder hatte er ihn absichtlich in ein Labyrinth gesetzt, um ihn auf bequeme Weise loszuwerden, wenn er den Ausgang nicht fand?

Feder und Papier waren zurechtgelegt, aber Gedanken sollen dem Schreiben voraufgehen. Sie im Promenieren zu sammeln, war die Stube zu klein. Und es war drückend heiß. Er lehnte sich aus dem Fenster, um Luft zu schöpfen. Die Nachmittagssonne brannte von dem wolkenlosen Horizont auf die breiten Straßen Berlins. Die geputzten Spaziergänger, die nach dem Tiergarten eilten, suchten die schmale Schattenseite. Er hörte ihre Gespräche. Nicht einen, der nicht dem andern zurief: »Das ist mal heiß!« Jener machte die Bemerkung: Anno 99 wäre es doch noch heißer gewesen. – »Ja, ja, so geht's!« schlossen zwei Bekannte mit einem deutschen, vielsagenden Händedruck ein Gespräch, in welchem sie sich eben nichts zu sagen gewußt. – »Schlechte Zeiten!« – »Wenn nur Friede bleibt!« – »Meinen Sie? – Ja, ja – wer weiß!« – »Hab ich's Ihnen nicht immer gesagt, es geht, oder es geht nicht.« – »Ja, wenn nicht der Bonaparte wäre!« – »'ne sappermente Wirtschaft!« – »Na, man wird ja sehen.« – »Und das Bier auch immer schlechter.« – »Sauregurkenzeit, Herr Gevatter!« – »Die armen Komödianten!« rief eine geputzte Dame. »Nein, an solchem Tage spielen zu müssen!« – »Und, ›Belmonte und Konstanze‹!« – »Und in Pelzen, hu, einem schaudert!« – »Und wie leer wird es sein!« – »Vor leeren Bänken spielen müssen! Ich kann mir gar nichts Schauderhafteres denken. Das ruiniert ja die Kunst!« – Hinter den Geputzten schlenderte wie ein Opfertier, nicht eins, das erst gebraten werden sollte, sondern das schon gebraten war vom Sonnenbrand, ein junger Bursch im Sonntagsrock. Der Mund offen, die blaßblauen Augen unter den glatt herabhängenden Stirnhaaren der Ausdruck eines Minimum von Seele. Plötzlich aber belebten sie sich von Pfiffigkeit; halb pustete, halb pfiff er, und war seitwärts gesprungen nach dem Straßenbrunnen. Rasch klirrte die Plumpe, und seine Lippen schlürften aus Herzenslust an dem dick vorsprudelnden Wasserstrahl. Warum mußte er es so laut machen, daß die Schwestern sich umsahen: »Aber Karl, potz Wetter, wie unanständig!« – »Nein, Mutter, sieh! der Karl! der Junge hält doch nie auf Reputation. Als ob er von 'ner Schusterfamilie wäre! Wie ein lebendiger Straßenjunge!« – »Warte nur, wenn der Vater!« – »Du kriegst ja draußen Weißbier, Karl«, rief die Mutter. Wenn nur die wirklichen lebendigen Straßenjungen es nicht gehört hätten. Es schmatzte und grinste: »Straßenjungen! Wer sind denn eure Straßenjungen!« – »Und wer sind sie denn! Aus der Fischerstraße!« – »Wenn man sie nicht kennte! Die näht Pantoffeln zu. Selbst Schuster!« – »Und die andre – Schneidermamsell bei den Komödianten!« – »Dicketun hilft nichts.« – Hätten die geputzten Damen nur geschwiegen! Aber sie schwiegen nicht. Sie mußten ihre Ehre verteidigen. Die Straßenjungen ließen sich in Berlin nicht überschreien. Die korpulente Mutter ermahnte ihre Töchter, sich mit dem »Kroppzeug« nicht abzugeben. »Selbst Kroppzeug!« war das Echo. Das war natürlich nicht zu ertragen. Die Frau rief aus Leibeskräften nach ihrem Manne: ob er das dulden wolle, seine Frau Kroppzeug genannt! Der Mann schien sonst voraufgeschickt, das jüngste Kind auf dem Arm, damit die Ehre der geputzten Familie nicht kompromittiert werde. Sein blauer Überrock mit dem hochstehenden Kragen, in den der Kopf beinahe versank, die groben Kniestiefel und das weit aus ihnen vorblickende Pfeifenrohr paßten allerdings nicht zur Eleganz des weiblichen Teils der Familie, und man durfte annehmen, daß er sich bei Hofjägers an einen aparten Tisch setzen müsse. Aber in der Not hört solche Distinktion auf Während der Mann zurückkeuchte, so hastig, daß der Pfeife die Spitze abbrach und er jetzt vollkommen Grund hatte zum Zorn, hatte der Auftritt schon eine andre Physiognomie angenommen. Fritz war von den Schwestern animiert worden. Daß einer der Straßenjungen sich dicht vor sie gestellt und die Zunge »geblökt«, durfte er doch nicht dulden. Der Täter lag auf dem Boden und Fritz auf ihm, es war indes zweifelhaft, ob er nicht bald unter ihm liegen würde. Da war es ebenso natürlich, daß der Vater mit dem zerbrochenen Pfeifenrohr daruntersprang. Es war auch nicht mehr Geschrei, kaum mehr das, was man in Berlin ein Aufgebot nannte, es war das nächste daran. Vorübergehende standen schon, wie es sich schickt, entweder still oder nahmen teil, als ein Einspänner um die Ecke bog und die Knäuel in etwas trennte.

Es waren anständige Leute auf dem Wagen, der Herr Hoflackier und seine Frau mit ihrer Cousine Charlotte, deren Vaternamen uns noch immer ein Geheimnis blieb. Anständige Leute flößen Achtung ein, besonders, wenn sie Wagen und Pferde haben. Anständig will jeder sein. Der Herr Hoflackier hatte aber seinen Rock geknöpft und trug seinen Hut wie ein vornehmer Mann, auch kutschierte er selbst, und das Gestränge glänzte, wenn auch nicht von Silber, doch von etwas, was wie Silber aussah. Hätte er nun die Peitsche knallen lassen und ein donnerndes Wort gesprochen von »Auseinander!« und »Ruhe und Ordnung«, und hätte den Wagen durchrollen lassen, dann wäre alles gut gewesen; aber er fragte: »Was ist denn hier los?« Und seine Damen erkundigten sich noch eifriger. Bei dem Durcheinander von Antworten schien der Streit jetzt erst recht anzufangen. Wenn man nicht darüber ins reine kam, wer ausgeschlagen habe, was weniger darüber, wer ausgeschimpft hatte. Die Frau Hoflackier schien für die geputzten Damen mehr Sympathie zu empfinden, während ihre Cousine die armen Jungen insofern in Schutz nahm, als man nicht gleich losschlagen müsse, wenn einer mit der Zunge blökt. Wenn die Damen im Wagen schon verrieten, daß sie im Inquirieren nicht geschickt waren, soviel weniger der Hoflackier, der sich einige Blößen gab, welche auch von diesem Auditorium gefühlt wurden. Schwierig war allerdings seine Stellung, wenn er außer den Parteien auch noch den Meinungszwiespalt zwischen seinen Besitzerinnen schlichten sollte; man soll sich aber nicht zum Richter bestellen, wenn man nicht das Zeug dazu hat, sagte nachher ein ehrbarer Mann.

Die Frau Hoflackier mußte durch eine sehr unanständige Geste eines Straßenjungen in ihrem Zartgefühl verletzt sein, denn sie schrie auf, wie ihr Mann auch dazu komme, unter dem Pöbel sie zur Schau zu halten! Hatte sie dabei unglücklicherweise auf die geputzten Schwestern ihren Blick gerichtet, denn diese – der Zorn macht blind – nahmen den Affront auf sich. »Pöbel! Wer ist denn hier Ihr Pöbel?« griffen aber zehn Stimmen zugleich die Beleidigung auf. Jetzt war es an Charlotten, auch die ihre zu erheben: »Und wer sind Sie denn, meine Damen, wenn ich fragen darf? Das ist meine Cousine, die Frau Hoflackier, und der Herr Hoflackier, mein Cousin, hat immer nur mit anständigen Leuten zu tun.« – »Sie meinen wohl, wir wären nicht anständig«, schrie die eine Geputzte, die den im Streit ihr abgerissenen Hut wieder auf das glühende Gesicht gesetzt hatte, nur nicht ganz in der vorigen Fasson. – »Da müßte doch die Polizei mitsprechen!« rief die zweite. – »Die Polizei«, rief Charlotte, »die kennt ihre Leute und weiß, wer sich abends, wenn er aus der Tanzstunde nach Hause geht, von Referendaren in Konditorläden führen läßt.« – »In Konditorläden! Das ist eine unverschämte Lüge! Das sollen Sie mir vor dem Kriminal beweisen, meine Dame. Der Herr Referendar invitierten mich, aber ich sagte: ›Das würde sich wohl nicht schicken, Herr Referendar!‹ Und wir sind da nicht hineingegangen.« – »Es kommt mir auch gar nicht darauf an, wo Sie die Rosinen gegessen haben«, replizierte Charlotte mit einem sehr feinen Blick. – Die zweite Schwester hielt die Höflichkeit nicht mehr für angebracht: »Und woher Sie die Rosinen in Ihrem großen Munde haben, weiß man auch!« – »Ja, manche Leute«, fiel Charlotte ein, »manche Leute haben einen sehr großen Mund und sehen wunder wie aus, Sonntags vorm Brandenburger Tor, wo sie keiner kennt, aber vorm Hamburger Tor kennt man sie auch.« – »Vorm Hamburger Tor!« schrie die eine. – »Vorm Hamburger Tor!« wiederholte die andere. »Da hätte man sie ja rausgeschmissen, Knall und Fall, wenn's nicht der Herr Wachtmeister gewesen wäre.« – »Mit Schmiedegesellen geben wir uns allerdings nicht ab«, trumpfte Charlotte drein, »die sind uns zu rußig!« – »Sie ist ja eine Köchin!« fuhr die Jüngste auf. »Eine Geheimratsköchin! Und eine für alles!« Die ursprünglichen Parteien waren aufgelöst, vermischt; es gab nur einen gemeinsamen Kampf gegen die im Wagen Sitzenden. Wer die allgemeine Lachlust gegen sich hat, ist verloren. Wie schwer der Herr Hoflackier auch zur Empfindung zu bringen war, denn die Frau Hoflackier mußte ihm mit der Faust in den Rücken pauken, damit er nur merkte, daß sie ohnmächtig ward, jetzt glaubte er fluchen zu müssen. Es geschah zwar mit einer gewaltigen Bierstimme, aber weder mit den rechten Ausdrücken noch mit der rechten Folge. Zuerst Flüche aus dem Stall, dann Gründe. Ein Donnern, das mit dem Säuseln des Windes endet, verfehlt seine Wirkung. Im Hohngelächter der Buben blieb ihm nur das letzte Mittel, nach der Polizei zu rufen, und er schwor, so wahr er Seiner Majestät Hoflackierer wäre, wolle er sie alle durch die Bank in die Stadtvogtei schmeißen lassen. Ehe sich einer dessen gewärtigte, war Charlotte plötzlich vom Sitz aufgesprungen, hatte sich übergelehnt, dem Schwager Zügel und Peitsche entrissen, und ließ mit einem »Platz!« die Peitsche knallen. Das mutige Pferd, des langen Geredes sichtbar überdrüssig, bäumte sich mit einem Satz, der dem Wagen zwar einen Stoß versetzte, daß die Frau Hoflackier ihre Ohnmacht vergessen mußte; aber der Peitschenhieb hatte auch den gordischen Knoten zerhauen, den zu lösen dem Herrn Hoflackier am schwersten geworden wäre. Der Haufe, der auf die Rodomontade schon zu Tätlichkeiten Miene machte, flog auseinander, und Kies und Funken stoben.

»Kikelkakel Polizei!« rief Charlotte, als sie Zügel und Peitsche dem verdutzten Herrn Schwager wieder in die Hand warf. »Darum lohnt sich's auch!« Die aus der Ohnmacht erwachende Frau Hoflackier stöhnte, das komme davon, wenn man sich mit gemeinen Leute einlasse. – »Gemeine Leute, das geht schon«, entgegnete Charlotte, deren Herz jetzt warm wurde, und ihre Zunge löste sich. »Aber wenn gemeine Leute wollen gebildet tun, Cousine, das ist um die Crepance zu kriegen. Die Schmiedetöchter da an der Panke, Hufschmied war er für die Fuhrleute und Bauern! Aber seit er den Knopfladen in der Stadt angenommen, da sollte es oben raus. 'ne Mamsell läßt sich auch gleich machen, habe ich oft zu meinem Geheimrat gesagt. Das kostet Geld und Bildung, mit 'nen paar Redensarten und 'nem langen Plunderkleid ist's nicht getan. Da mußten sie in die Komödie, vom Tanzboden ins Corps de ballet. Ging's nicht so, dachten sie, geht's so. Das kennt man ja. Und Airs geben sie sich, wenn ein Offizier mal auf der Redoute ›Meine Damen!‹ gesagt hat. Als ob man nicht wüßte, wie sie mal barfuß laufen mußten und Reisig auf der Hucke tragen, das ist noch keine Sünde nicht, aber pfui, wer sich schämt, was er gewesen ist. Und gegen den Vater wäre auch gar nichts zu sagen, wenn er nicht so schreckliche Manieren hätte. Man merkt doch gleich den Grobschmied raus. Und wo er zuschlägt, wächst kein Gras. Aber er ist doch mal ihr Vater, und gestohlen hat er auch nicht. Aber die Mutter, na, lieber Gott, wenn man von der erzählen wollte! Unter der Haube ist sie nun mal, aber von vorher weiß man Geschichten. Gott bewahre mich, daß ich was sagte. Wer allen die Haube vom Kopfe reißen wollte, die jetzt hochmütig tun, und auf andere schief runtergehen, da hätte man viel zu tun. Einer den andern verreden, da ist die Schlechtigkeit der Menschheit, und bis das nicht abgeschafft ist, Cousin, da können Sie mir glauben, ist's nichts in der Welt. Ich weiß das ja von meinem Geheimrat. Da möchte einer den andern runterbringen. Katzenfreundlich vor den Augen, und wenn sie sich den Rücken gedreht haben, pfui! Da stellt einer dem andern das Bein, und noch weit höher hinauf. Und wenn er gefallen ist, da drücken sie ihm die Hand und tun, als ob sie die Augen wischen, aber wenn er sich wieder setzen will, Prostemahlzeit! sie sitzen schon auf dem Stuhl. Der König hat's anders haben wollen, aber sie haben ihm gesagt, es geht nicht. ›Sire‹, haben sie gesagt, ›wollen Sie die Menschen anders machen, als sie sind?‹ Solch ein seelensguter König! Wenn's nur nach dem ginge! Ja, ich sollte mal drei Tage lang König sein, Cousin. Ich wollte die Menschen schon anders machen. Warum Krieg! Brauchen wir Krieg? Wenn wir Krieg brauchen, haben wir ihn draußen, soviel wir wollen. Der Bonaparte macht ihn, sagt mein Geheimrat und die andern. Misch dich nicht in was, das dich nichts angeht. Und unsere propern Soldaten, was haben wir davon, wenn wir sie totschießen lassen? Aber 's wird doch Krieg. Passen Sie acht, es geht los.«

Einmal auf dem Einspänner, mußten wir ihn doch bis ans Tor begleiten. Wir zweifeln nicht, daß Charlottens Lunge, die das auf dem damaligen Berliner Straßenpflaster vermocht, auch draußen auf dem weichen Erdreich des Tiergartens noch lange fortgefahren ist. Ob ihre politischen Deduktionen zur Belehrung des Hoflackierschen Ehepaares beigetragen, lassen wir auf sich beruhen, sie verschafften ihnen aber den Vorteil, nichts von den Spitzreden zu hören, die unter lautem Hohngelächter ihnen nachschallten.

Hier war nur eine Partei zurückgeblieben, man möchte sagen, eine Herzensseligkeit, und die geputzten Mamsellen fielen sich mit den Straßenjungen um die Wette ins Wort, um den Fortgerollten etwas Kränkendes nachzuschicken. Der Zorn, wenn er auch nicht mehr trifft, muß sich selbst genügen. – Nein, wenn solche Leute sich herausnehmen wollen, die nichts sind! – Wer unter der Gassenjugend kannte nicht die Geheimrats Charlotte! Wenn die anfängt, müssen die Fischweiber unterducken. – Ja, mit den Fischweibern mag sie Trödel anfangen, da ist sie unter ihresgleichen, aber sich unterstehen, anständige Personen auf der Straße zu attackieren! – Eine Köchin so aufgedonnert, ein Skandal, was die Polizei verbieten müßte. – Die Polizei fragt freilich nicht, wo eine Köchin ihr Umschlagetuch her hat. – Vom Wachtmeister hat sie es gewiß nicht erhalten! – Wenn Charlotte sich einbildete, daß der Geheimrat sie heiraten würde, hier auf der Straße war es eine ausgemachte Sache, daß sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht. – Und ihre Cousine, mit der sie großtat! – Ja, wenn man nicht alles wüßte, wenn man sie nicht gekannt hätte! – Ja, der Herr Hoflackier war ein honetter, proprer Herr, der auf sich was hielt. Immer adrett. Er zahlte bar. – Der arme Hoflackier, daß er sich von der Person hat herumkriegen lassen! – Aber es war ihm schon recht, warum war er ein solcher Schafskopf! – Die Waage des armen Hoflackiers ward immer leichter. Arbeiten verstünde er, das müßte man ihm lassen, aber sonst – ein Einfaltspinsel. – Und ohne die Weiber, was wäre er! – Barfuß, die Stiefel auf dem Rücken, war er durchs Hallesche Tor eingewandert. Aus dem Vogtlande! Ja, wenn seine Meisterin nicht ein Auge auf ihn geworfen! Und wie hatte er es ihr vergolten! – Aus dem Vogtlande mußte er herkommen, um andern das Verdienst wegzuschnappen, und dann will er noch Polizei spielen über Berliner Stadtkinder! Himmelschreiende Anmaßung!

Der honette, propre, adrette, immer bar zahlende Herr Hoflackier wäre gewiß noch schlimmer geworden, hätte nicht die Polizei jetzt wirklich mit vielem Geräusch versucht, die Gruppierung auseinanderzutreiben. Sie jagte sich mit den Gassenjungen. Die anständigen Leute ersuchte sie, auseinanderzugehen, denn je weniger jetzt zu sehen war, um so mehr drängten sich, um noch zu sehen, was andre vor ihnen gesehen hatten. Die ursprünglichen Tumultuanten waren längst entwischt, und die ehrbare Familie des weiland Hufschmied, jetzigen Knopfhändlers, schon auf dem Wege nach dem Hofjäger, wo sie, nach einigen Nachrichten, die wir aber nicht verbürgen wollen, sich mit der des Hoflackiers verständigte, indem sie herausfanden, daß es nichts als ein Mißverständnis gewesen, was sie aneinandergebracht.

Unter den ehrbaren Bürgern war sehr ernsthafter Disput über den Vorfall. Um so besseres Streiten, als kaum einer von denen, die stritten, noch mit Augen gesehen, um was es sich stritt. In einem Punkt nur waren alle einig: Warum war die Polizei nicht früher gekommen?

»War denn die Polizei überhaupt nötig?« sagte der Begleiter einer ältlichen Dame, der etwas Fremdartiges an sich hatte. Er war aus Amerika nach einem langen Aufenthalt daselbst in seine Vaterstadt zurückgekehrt. Man sah ihn verwundert an. »Haben Sie denn da keine Polizei?« – »Wo man sie braucht. Was sich von selbst schlichtet, dazu ruft man sie nicht.« – Die ehrbaren Männer schüttelten den Kopf: »Es war ja ein Skandal!« – »Doch nur für die, welche sich um solche Bagatellen stritten.« – »Aber es ward ein Auflauf; es hätte noch schlimmer werden können. Einer mußte doch beispringen.« – »Hätten die Nachbarn und ehrbaren Bürger sich nicht selbst helfen können, wenn es ihnen zu arg ward?« Man verstand ihn nicht. Das wäre noch hübscher, ehrbare Bürger um so was zu inkommodieren! Die meisten Nachbarn meinten, es liege an der Unvollkommenheit der Gesetze, man solle andere machen; nur waren sie verschiedener Ansicht über das Wie: den Straßenjungen sollte verboten werden, auf der Straße zu schreien, verlangte der Herr Tabakskrämer drüben. Der Schullehrer meinte: den Frauenzimmern müsse untersagt sein, in einem Putz auf der Straße zu erscheinen, der über ihren Stand ginge, denn daher komme doch die ganze Geschichte. Ein Dritter: man solle nicht jedem erlauben, auf der Straße zu plumpen, denn das sei der eigentliche Quell. Man kam zu keiner Einigung.

Als die Leute erfahren, der Mann sei ein Amerikaner, erregte er den Respekt, welchen in Berlin alles beansprucht, was weither ist. Mehrere der ehrbaren Leute, die zugleich auch wißbegierig waren, umringten ihn mit bescheidenen Fragen über amerikanische Einrichtungen. Einer, der ihm aufmerksam und beistimmend zugehört, sagte: »In alledem, mein geehrter Herr, mögen Sie recht haben, aber ich frage Sie, wenn Sie keine Schilderhäuser und Schildwachen in Amerika haben und keine Polizeikommissare und Sergeanten, wer reißt denn den Handwerksburschen die Pfeifen aus dem Mund?« – »Niemand.« – »Ja, mein Gott, wie kann denn aber da Ordnung in Amerika sein!«

Die guten Bürger schüttelten den Kopf. Die ältliche Dame, welche sich von dem Amerikaner führen ließ und zu ihm in dem Verhältnis einer Verwandten oder Bekannten stehen mochte, die, einst seine mütterliche Lehrerin, die langen Jahre vergißt, welche den Knaben zum Manne erhoben, sagte mit der Feierlichkeit überlegenen Wissens und doch mit dem gutmütigen Lächeln einer mütterlichen Freundin, die Verirrungen sanft aufnimmt, weil wir alle irren: »Du wirst überall Ungläubige treffen, mein lieber Friedrich, wenn du von den Vorzügen deiner neuen Welt da drüben sprichst. Und dir selbst wird, wenn du dich nur wieder zurechtfindest, auch das Auge aufgehen, daß in keinem Staate so väterlich für das Wohl der Bürger gesorgt ist, als in dem unseren. Nur in dem einen hast du recht, da ist es besser bei euch, daß sie die Kirchen heizen! – Ja, ich habe es immer gesagt, wenn die Obrigkeit dafür bei uns sorgte, was hätten die Leute dann noch zu klagen! – Nun, wer weiß, wenn ich die Augen schließe, kommt man wohl auch noch dahin! Die großen Herren hier haben immer an anderes zu denken, was ihnen wichtiger scheint, darüber vergessen sie das Nächste.« – »An diesem heißen Augusttage ist es doch wohl nicht das Nächste, liebe Tante«, entgegnete der Amerikaner. – »Wenn wir aber nicht im Sommer für den Winter sorgen, dann ist es im Winter zu spät. Im Winter aber denken sie, nun, es ist ja noch Zeit, es kommt ja der Sommer. So wechseln Winter und Sommer und es geschieht nichts.«

Es war eine bekannte alte Dame der Residenz, gleich geschätzt wegen ihrer Wohltätigkeit und Frömmigkeit als wegen ihres klaren Geistes. Nur war sie ebenso bekannt wegen dieses Steckenpferdes, das ihr zur fixen Idee geworden. Sie meinte, die Armut fühle sich erst recht, wenn sie in ihren Lumpen in den kalten Gotteshäusern stehe, wogegen die Verlassenen und Gedrückten mit einem ganz anderen Gefühl gegen ihren Schöpfer und ihre Mitmenschen aus den warmen Kirchen zurückkehren würden, gleich wie ein Satter gegen die Verdrießlichkeiten des Lebens geharnischt sei, wo ein Hungernder auf den ersten Angriff fällt. So wußte sie zu beweisen, daß aus dem Heizen der Kirchen nicht allein christlich frommer Sinn, allgemeine Menschenliebe, sondern auch Zufriedenheit, Selbstbescheidung und Gehorsam gegen die Obrigkeit, kurz, ein glückliches, vollkommenes Gemeinwesen entspringen müsse. Man nannte sie ein Original; einige aber meinten: ist nicht jedes denkende Wesen mehr oder minder ein Original, das von einer gehegten Vorstellung nicht lassen kann, sie nährt, und von ihrer Realisierung das Wohl der großen und kleinen Kreise abhängig wähnt, in denen sein Gedanke sich bewegt? Glaubt nicht jeder ein Radikalmittel zu wissen, schüttelt er nicht bedenklich den Kopf, wenn die Regierer und Lenker andere Mittel ergreifen, seines ignorierend, und ist nicht der ganze Komplex dieser Sinnenden, Denkenden und Tätigen doch eigentlich das Korpus der geistigen Menschheit, welches, aus wie vielen Irrtümern es auch bestehe, die Trägen und Stumpfsinnigen mit sich fortreißt in dem großen Entwickelungsprozeß der Menschheit?

Die Straße war wieder still geworden, und Walter saß am Schreibtisch. Er schlug die Augen nieder. Es war eine ermattende Luft. Er schüttelte die Träume ab, aber die Wirklichkeit kehrte als Traumbild zurück. Eine Seite stand fertig geschrieben, als er die Feder wieder fortlegte und sich zurücklehnte: »Lohnt es sich denn um dieses Volk! Will es anders sein, als es ist! Weiß es, was es wollen muß, um aus der Dumpfheit der Existenz –«

Er trat noch einmal ans Fenster.

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