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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Zehntes Kapitel.
Der verlorne Sohn und die heilige Magdalene.

Das Spiel war zu Ende. Die Geheimrätin hatte allein gewonnen, und bedeutend. Sie war gesprächig, sehr liebenswürdig gewesen. Jetzt sah sie neben sich nur verdrießliche Gesichter. Wenn sie noch heiter und aufgeweckt blieb, legte man es ihr als Freude über den Gewinst aus, den die andern Mitspieler berechneten. Sie war rasch aufgestanden, um mit der Lorgnette die Bilder an der Wand zu besehen.

Es war hoch gespielt worden. Der Kammerherr hatte ansehnlich verloren. Er zankte sich mit seinem Visavis um einige Points. Die Wechselreden wurden so anzüglich, daß die Baronin Eitelbach die Herren bitten mußte, sich zu menagieren. Der Kammerherr warf dem andern einen maliziösen Blick zu, den jener, den Stuhl heftig fortrückend, durch ein Murmeln erwiderte: wer krumm ginge, könne auch nur krumm handeln. Der Kammerherr gehörte zu denen, welche das Glück haben, zuweilen taub zu sein.

Die Baronin hatte ihre Börse ausgeschüttet: »Mehr habe ich nicht; mein Mann muß zahlen.« – »Das geht immer so, wer Glück in der Liebe hat«, sagte der Baron, verdrießlich die lange Börse ziehend. »Ich verbitte mit alle Gemeinplätze«, hatte sie erwidert. Er wollte nicht glauben, daß sie soviel verloren haben könnte, als sie angab, sie warf ihm den Bêtezettel hin, er rechnete, wollte zanken, es war aber niemand mehr da, mit dem er zanken konnte. Indem er die Geldstücke hinwarf, zischelte er der Baronin etwas ins Ohr. Sein Auge begleitete dabei den Rittmeister. Sie ward hochrot, stand rasch auf und warf ihm mit einer Replik einen verächtlichen Blick zu, um ihm darauf den Rücken zu kehren.

Auch an andern Tischen war Uneinigkeit wegen der Berechnung. Überhaupt schien die von poetischem Duft umwobene Harmonie, welche vorhin geherrscht, etwas zerrissen. Ein erwarteter Gast war noch nicht da. Der Duft der Speisen drang schon verlockend aus den Souterrains, aber es – sollte noch gewartet werden; der Prinz Louis hatte diesmal bestimmt seine Gegenwart versprochen. Einigen Herren schien dies sehr unangenehm. Man fragte, ob er denn überhaupt kommen werde? Jemand meinte, die Anwesenheit des Geheimrats Lupinus dürfte seine Hoheit schwerlich locken.

Ein besternter Gast entgegnete lächelnd: »Das würde wohl nicht der einzige Gegenstand sein, der einem königlichen Prinzen hier nicht lockend vorkäme. Man muß gestehen, wenn man die Société überfliegt, daß unsere gute Prinzessin mit asiatischem Geschmack eine kleine Völkerwanderung zusammengetrieben hat.«

»Sie liebt die Quodlibets, aber das Kostüm ist gewählt«, sagte die Almedingen. Herr von Fuchsius spielte auf den neulichen Vorfall des Prinzen mit dem zweiten Lupinus an. Die Hofdame hatte davon reden gehört, sie wußte auch, daß man bei Hofe schokiert gewesen, sie hatte aber noch nichts Näheres erfahren können und war so begierig wie der Besternte, es zu erfahren. Man zog sich in eine Fensternische zurück.

»Eine der Pläsanterien Lombards, die gar nichts auf sich gehabt hätten, wenn nicht der Humor des Prinzen eine Bombe hineinwarf, die unter einem entsetzlichen Eklat platzte. Ihnen ist bekannt, daß Seine Königliche Hoheit Lust bekamen, sich in die Humanitätsgesellschaft aufnehmen zu lassen.«

»Was er nur in all den Gesellschaften sucht!« sagte die Almedingen.

»Man sagt, den Geist, den er – an einem andern Ort nicht finden kann. Ob es ihm in der Humanitätsgesellschaft gelingt, laß ich auf sich beruhen. Die Aufnahme ist sehr einfach durch ein Ballotement erfolgt, in dem noch niemand durchfiel. Nur eine schwarze Kugel war in der Urne, die sich seltsamerweise bei jeder Aufnahme findet. Beim Rezeptionsdiner neulich scherzte der Prinz darüber und äußerte, er möchte wohl den kennen, der ihn aus der geehrten Gesellschaft hinausballotieren wolle. Lombard, der bei sehr guter Laune war, ärgerte sich gerade über den Geheimrat, der zu eifrig eine farcierte Fasanenbrust tranchierte, auf die er vielleicht selbst reflektiert hatte. Er flüsterte mit ernsthafter Miene, die Augen auf Lupinus gerichtet, dem Prinzen etwas ins Ohr, und, die Achseln zuckend, schloß er halblaut: ›Er ist sonst ein braver Mann, man begreift nicht, wie er dazu gekommen ist.‹ Der Prinz starrte lachend den Regenten der Vogtei an, und wenn er es nicht selbst bemerkt, so flüsterten seine Nachbarn es ihm ins Ohr. Nun hätten Sie den unglücklichen Geheimrat sehen sollen. Ein Schauspiel für Götter, wie er auffuhr, Messer und Gabel fallen ließ, kreideweiß, der Stuhl hinter ihm fiel nieder. Man kann buchstäblich sagen, die Augen gingen ihm über, und die Stimme versagte ihm. Er wehte sich mit den Händen Luft zu. Endlich brach es los. Ein Gefangener am Marterpfahl bei den Irokesen, sah er alle Augen auf sich gerichtet, und der Prinz hatte die Grausamkeit, mit dem Ernst eines Generals beim Kriegsgerichte ihn unverwandt anzustarren. Nun, meine Damen und Herren, die Beredsamkeit des Geheimrates Lupinus mögen Sie sich denken. Nachdem er die Wolken der unerhörten, fürchterlichen Verleumdung zu zerstreuen gesucht, kam er auf sein teures Ich zu sprechen, natürlich französisch, welches von der Muttermilch an nur in Devotion für das königliche Haus sich gesäugt. Nach vielen Endlich – Aber – Rückfällen – Wiederholungen – geriet er in eine Art dithyrambischen Schwunges, und aus der Kehle oder der Brust kam ein Lobgesang auf das königliche Blut, das so rein und heilig, wie es im Herzen pulst, durch alle Glieder fließe, daß jeder Tropfen davon reiner sei als der Purpur des Morgenrotes. – Alle sahen auf den Prinzen, der bis da mit unveränderter Miene den Mann angeschaut – er mochte eine Viertelstunde gesalbadert haben – als er rasch aufstand, das gefüllte Glas in die Hand nahm und die Lippen öffnete. Ringsum gespannte, bange Erwartung. ›Mais‹ riefen Seine Königliche Hoheit, eine kleine Pause – ›c'est assez!‹ – Kein Wort weiter. Sie stürzten das Glas runter, stampften es auf den Tisch und konversierten mit ihrem Nachbar weiter über die Trüffelpastete.«

Der Besternte, einem fremden Hofe angehörig, schwellte sichtlich von einem innern Behagen, das er zu verbergen sich Mühe gab, während die Hofdame erblaßt war:

»Entsetzlich! Und –?«

»In der Gesellschaft war eine Totenstille, jeder sah auf seinen Teller.«

»Und der unglückliche Prinz?«

»Aß mit großem Appetit. Vielleicht dachte er nach, ob die Gesellschaft eines so genialen Einfalls wert war. Lupinus saß, was man in Berlin sagt, ›wie übergossen‹. Er ließ alle Schüsseln vorübergehn.«

»Unglaublich!« riefen beide Zuhörer, jeder dachte etwas andres.

»Daß solch ein Mensch sich nicht vernichtet fühlt«, sagte die Almedingen.

»Weshalb, meine Gnädigste?«

»Weil er die Ursach war, daß ein Prinz von Geblüt sich selbst vergaß. Wenn eine solche Gewissenslast auf mich drückte, ich wüßte doch nichts anders, als daß ich mir das Leben nehmen müßte.«

»Die Gewissen sind verschieden«, entgegnete Fuchsius. »Das ist eine wunderbare Gabe Gottes. Herr Lupinus gehört zu der großen Klasse Menschen, die man wie die Frösche mit Keulen in den Sumpf stampfen mag, sie stecken die Köpfe doch wieder raus.«

Das zarte Gefühl der Almedingen erlaubte ihr nicht länger, dem Gespräche zuzuhören. Als sie gegangen, sagte der Besternte: »Mich dünkt, zu dieser Klasse gehört die Majorität der Menschen.« Der Regierungsrat erwiderte:

»Wenigstens, wenn die Keulenschläge, die sie täglich empfangen, sie zur Besinnung ihres Unwerts brächten, wäre die Welt eine andere, als sie ist.«

Die Nachricht lief um, der Prinz werde gar nicht kommen. Es seien Depeschen vom Rhein höchst betrübenden Inhalts eingelaufen, darauf er zu Hofe berufen. »Und sie läßt noch nicht servieren!« seufzte ein Präsident, die Uhrkette ziehend.

Die noch nicht servieren ließ, hatte währenddessen die Goldstücke vom Spieltisch eingesammelt und, nachdem sie dieselben in Papier gewickelt, in den Pompadour der Geheimrätin gleiten lassen.

»Wollen Sie mich bestechen?«

»Ich könnte Sie doch nur belohnen wollen, daß Sie meinen Abend durch Ihre Heiterkeit geschmückt.«

»Ich bin schon belohnt durch den Genuß, den mir Ihre Pikturen gewähren. Von wem ist dieser verlorne Sohn?«

»Von einem Spanier. Ein Ribera, sagt man; einige wollen gar von Murillo. Betrachten Sie diese Schwielenhaut, diese Kruste von Schmutz, man sieht ordentlich die verschiedenen Lager, auf denen er sich gewälzt.«

»Ich bewundere nur das Gesicht. Aufgedunsen wie von der schlechten Nahrung, aber wie glüht das Auge!«

»Einige finden Ähnlichkeit mit Prinz Louis Ferdinand.«

»Wie blaß, bemerken Sie, Erlaucht, bei dieser Beleuchtung. Ich möchte eher an den jungen Bovillard erinnert werden.«

»In der Tat. Die schwarzen Brauen, auch im Kinn. – Warum ist diese herrliche Parabel nicht weitergeführt! Wir sehen nur die Vaterfreude. Wenn auch die Geliebte seiner Jugend die Arme dem Verlornen entgegenbreitete, wieviel rührender wäre die Geschichte.«

»Sie könnte auch aus Verzweiflung verloren, vielleicht die Magdalene selbst geworden sein.«

»Das ist eine geistreiche Kombination, ein genialer Gedanke!«

»Da hebt ja schon eine heilige Magdalene die Arme ihm entgegen. Wenn man die zwei Rahmstücke ausschnitte, wäre es ein Bild. Dieselbe Größe, dieselbe Färbung.«

»Überraschend! Worauf Sie mich aufmerksam machen!«

»Erlaucht haben viele Magdalenenbilder! Wohin ich sehe –«

»Hier Battoni, da Correggio; da ist auch ein Murillo – den liebe ich weniger – dort ein Carlo Dolce, ein van der Werff, Guido Reni. Von geschickten Malern kopiert; ich gab ihnen meist selbst Anleitung.«

»Seltsam«, sagte die Geheimrätin, »ich erinnere mich keiner Magdalene von Raffael.«

»Der divino maestro hatte sich so ganz der Marienverehrung hingegeben! Für mich hat der Magdalenenkultus etwas Berauschenderes. Leben wir nicht alle der Erde näher, keimt nicht das Veilchen aus ihrer dumpfen Verborgenheit, atmet die Nelke nicht ihre Würze, fühlt unsre Brust sich nicht wunderbar geschmeichelt vom Duft der Nachtschatten! Die Marien bewundern, die Magdalenen begreifen wir. Wenn die ewige Jungfrau ihren Arm um uns legt, müßte es, dünkt mich, die Empfindung wie eines vom Blitz Getroffenen sein; wenn die heilige Magdalene ihn sanft um uns schlingt, oh, wie anders, wie gern würden wir uns von ihr heben lassen, schweben durch die Wolken, die sich öffnen, denn sie flüstert uns Balsamworte zu: auch ich kannte deine Schmerzen und deine Wonnen.

»Raffael sucht, gnädigste Frau, neben dem Ideal der Schönheit immer auch die Naturwahrheit; nun will man in diesen reizenden Magdalenen –«

»Oh, ich kenne diese Kritik«, unterbrach die Gargazin. »Um der Wirklichkeit zu genügen, die sie Wahrheit nennen, soll man die Magdalenen mit blassen Lippen, abgehärmten Wangen und erloschenen Augen malen. Das wird ein büßendes Weib, aber keine Heilige, die schon den Vorschmack der himmlischen Wonnen empfindet. Nein, eine Magdalene, die zur himmlischen Glorie sich aufschwingt, sie ist keine heruntergekommene Dirne aus den Kloaken irdischer Gemeinheit, sie muß, indem ihr Auge die Himmelswonnen kostet, was ihr dort geboten wird, noch mit dem vergleichen können, was sie zurückläßt. Dies schöne Haar, die reizende Figur, die süße Lippe und der wogende Busen, dies alles, was wir sehen und was entzückt, muß auch ihr noch gefallen, sie muß sich mit Schmerzen davon trennen, und doch gibt sie es mit Vergnügen hin für die Schönheit und Wonne, die sie nur sieht. So denke ich sie mir wie einen Geist, der, schon frei im Ätherlichte emporschwebend, noch einmal in die verlassene Hülle zurückgekehrt ist, um, nach des Dichters Worten, noch einmal mitzufühlen Schmerz und Qual.«

»Ich könnte sie mir anders denken«, sagte die Lupinus, vor sich hinblickend. »Doch das gehört nicht her.«

»Jede neue Anschauung ist mir willkommen. Für mich ist die Magdalene der eigentliche Inbegriff des Mysteriums der göttlichen Liebe.«

»Hat sie denn wirklich geliebt?« sagte die Geheimrätin. »Mich dünkt, ihre Art von Liebe konnte nicht zum Glauben führen!«

»Weil sie changierte?«

»Ja, wäre sie eine Sultanin gewesen, die ihre Lieblinge sich wählte und entließ, um endlich ihr Ideal zu finden. Aber sie ist doch gedacht als ein armes Mädchen. Hat nun ihr Fonds von Liebe ausgereicht, um alle die fortzulieben, die mit Seufzern und Schwüren kamen, mit Beteuerungen und Glut, die Lieder und Geld zu ihren Füßen streuten und gähnend fortgingen, um nicht wiederzukommen? Vielleicht ward sie auch gemißhandelt, und von denen, die sie wirklich zu lieben geglaubt; ihre edelsten Empfindungen, wenn sie sich zu äußern wagten, wurden verspottet. Und das durch Monden, Jahre wiederholt. Solchen Fonds von Erfahrungen hinter sich, Täuschungen darf man es nicht mehr nennen, erwarten wir von ihr etwas anderes als Verachtung, Bitterkeit gegen das ganze Geschlecht! Ich könnte sie mir denken als eine Intrigantin, welche ihre Lust darin findet, die Männer gegeneinander zu hetzen, als eine Brandstifterin, eine Semiramis, eine Amazonenkönigin, die die Brandfackel in Länder und Städte wirft –«

»Vielleicht auch als Brinvilliers – das ist das richtige Argument des Verstandes, meine teure Frau. Das wahrhaft von der Liebe erfüllte Gemüt – Was ist Ihnen?«

»Nichts – ein vorübergehender Stich vom langen Sitzen.«

»Die Liebe sucht nichts, die Liebe findet alles«, fuhr die Fürstin mit süßer Stimme fort. »Wer nur ein Ohr dafür hat, nicht mutwillig es schließt, wo der Spring unter der grünen Tiefe rauscht, aus Furcht, daß er zu furchtbar vorbricht. Oh, die Törigen! Sehen Sie da den Rittmeister und die Eitelbach. Wo alles sich findet, was sich nur suchen will, gehen sie wie Wachspuppen aneinander vorüber.«

»Mich dünkt, Adelheid und der junge Bovillard tun das auch.«

»Kinder, die Versteck spielen.«

»Ich glaubte, sie in Feuer und Flamme zu finden.«

»Im hellen Zimmer jagen, im dunkeln fangen sie sich.«

»Mamsell Alltag ist blaß.«

»Unter den vielen Geschminkten.«

»Der Marmorausdruck ihres Gesichts –«

»Geliehen, teuerste Frau! Was das arme Kind sich Mühe gibt, ihr Gefühl uns zu verbergen, die tausend Nadelstiche, die das kleine Herz durchbohren! Solche widernatürlichen Affekte rächen sich.«

»Aber eine mütterliche Freundin wie Erlaucht wird der Leidenden zu Hilfe kommen!«

»Da darf kein Fremder helfen wollen. Wahr und wahrhaftig nicht. Die Natur findet ihren Weg, und die Knospe bricht auf, wenn die Blume reif ist.«

»Schade nur, wenn das arme Mädchen sich wieder täuschte!« sagte die Lupinus nach einer Pause.

»Wie meinen Sie das?«

»Der junge Herr von Bovillard ist zwar, was man nennt, in der Gesellschaft wieder ehrlich gemacht, aber – ein Sort kann er ihr doch nicht machen. Ich glaube schwerlich, daß man ihm eine Anstellung gäbe, wie jetzt die Dinge stehen. Sein Vater hat auch nicht mehr den früheren Einfluß. Der alte Alltag würde mit der Mariage ebensowenig zufrieden sein.«

Ein vornehmes Lächeln schwebte um die Mundwinkel der Fürstin: »Daran habe ich wirklich nicht gedacht.«

»Hat Ihre Majestät noch das Verlangen, Adelheid zu sehen?«

»Die Königin hat wirklich an anderes zu denken. Da fällt mir ein, in der Magdalena, die hier die Arme, nach Ihrer glücklichen Entdeckung, dem verlornen Sohne entgegenhält, findet Schadow Ähnlichkeit mit unsrer Adelheid.«

Die Geheimrätin lorgnettierte: »Der Schnitt des Gesichtes, aber – ich möchte eher eine Verwandtschaft mit der Komteß Laura entdecken.«

»Wie fein wieder Ihr Blick, Sie sind eine geborne Kunstkennerin. Merkwürdig, Laura ist fast ganz so kostümiert. Wir wollen die schönen Mädchen uns herrufen, um zu entscheiden, wer ein näheres Anrecht darauf hat, eine Heilige zu werden.«

Die schönen Mädchen waren nicht im Magdalenen-Zimmer. In dem Kabinett hinter den Feuerlilien stand Adelheid, an derselben Türpforte, wo die Komteß gestanden; fast in derselben Stellung, auch sie blickte durch die Türritze, teilnahmlos, zerstreut, wenn Vorübergehende sie anredeten.

Die Gargazin und die Lupinus sahen sich bedeutungsvoll an.

Es war nicht Zeit mehr zu feinen Beobachtungen. Das war kein eitles Spiel einer Koketten, die auf neue Eroberungen sinnt, die sich im Gedanken vor dem Spiegel schmückt und, in der Phantasie ihr eigen Bild malend, sich fragt: »Wirst du ihm so gefallen?« Sie atmete nicht, sie zitterte nicht, aber der Rand des Blumentisches, den sie krampfhaft faßte, hätte, wenn er Empfindung gehabt, einen eiskalten Druck empfunden. Sie wußte nicht, daß ihr Lockenbund sich etwas gelöst und eine Flechte, sie entstellend, auf die Seite fiel, sie fühlte den Boden unter sich brennen, und ihr war eiskalt zumute; nur schoß es zuweilen glühendheiß durch die Adern, und gegen die Augen drängte es wie ein Strom, der einen Ausweg sucht, aber die Wächter haben die Schleusen zugezogen.

Die Gargazin drückte die Hand ihrer Begleiterin und flüsterte ihr ins Ohr: »Die Knospe bricht; heut entscheidet es sich.«

Zu mehr war nicht Zeit.

Gruppen drängten sich um einige spät Angekommene. Prinz Louis kommt nicht, lautete die eine Botschaft. Ein zweiter wußte von der eingelaufenen Nachricht: der französische Kaiser habe Distrikte und Orte am Rhein besetzt, die unzweifelhaft zu Preußen gehörten, und mit dem Übermut der Reunionskammern sie für französisches Staatsgut erklärt. Der Ministerrat war nach dem Palais berufen. Man hatte auch Generale in äußerster Erhitzung dahin stürzen sehen. Einige wollten wissen, man werde über Nacht dem französischen Gesandten die Pässe zustellen. Die Fürstin rief nach dem Geheimrat Johannes von Müller. Er war nicht mehr in der Gesellschaft; schon vor einer halben Stunde war er abberufen. Eine andere Botschaft aus dem Hause der Geheimrätin: der Herr Geheimrat befinde sich in heftigem Fieber und phantasiere, indem er wunderbare Namen anrufe.

»Will denn alles heut den schönen Abend uns stören!«

Die Geheimrätin war nicht der erste Gast, welcher Abschied nahm.

Die Geheimrätin hatte eine Ahnung den ganzen Abend durch geplagt. Ihr sei, versicherte sie, als wenn ein furchtbares Gewitter, ein Erdbeben im Anzuge sei.

»Um so größer war Ihre Gefälligkeit, den ganzen Abend die Heitere gespielt zu haben –«

Dafür hatte die Fürstin sie weiter begleitet, als die Etikette forderte, vielleicht billigte: »Ich möchte von Ihnen den Mut lernen, wie man bei einem Erdbeben lächelt.«

Die Fürstin lächelte aber nicht, als sie zurückkehrte, man konnte vielmehr ein leichtes Schaudern bemerken: »Ich hoffe, es war das erste und das letzte Mal.« Ein Vertrauter, wie Wände und Möbel es sind, vor denen man nichts verbirgt, aber sie erwidern das Vertrauen nur durch Schweigen; ein russischer Kavalier hatte den Herzenserguß gehört und wagte darauf zu antworten: »Warum behandelten Erlaucht die Frau mit der Aufmerksamkeit?«

»Weil ich sie fürchte«, hatte die Fürstin dem Möbel erwidert, »weil – ich muß Wandel fragen.«

»La table est servie!« meldete der erste Kammerdiener.

Auch Wandel war verschwunden. Der erste Gast war jetzt der Präsident, die vornehmeren waren fort: »Es wird doch auch diesmal nur blinder Lärm gewesen sein!« sagte die Fürstin.

»Gewiß«, entgegnete der Präsident, indem er ihr respektvoll den Arm reichte. »Man wird schon wieder ein Auskunftsmittel finden, und wir können –«

»Ruhig essen, Herr Präsident. Meine Herren, führen Sie die Damen, unsre Ordnung ist zerrissen – wie es sich findet.«

Die Ordnung war zerissen, die Tischgänger wurden gepaart, wie niemand es erwartet hatte.

Wir haben Louis Bovillard in dieser Soiree nur einmal ins Auge gefaßt und auch da nur durch die Vermittelung anderer Augen. Vielleicht verloren wir nichts. Den vernichtenden Titanhumor, der ihn für viele interessant machte, ließ er nur noch selten spielen. Was gehörte er in die Gesellschaft! War er doch auch vielleicht entwichen in einem langen Siechtum! Was der Strömung der Zeit angehört, wird heut von ihr auf der Woge hochgetragen, daß es die Wolken anspritzt, um morgen im Abgrund zu versinken. Der Kothurn, den wir heut bewundern, morgen belächeln wir ihn. So liefert die Tragödie von gestern immer Stoff zur Komödie von heute.

Louis Bovillard sahen wir durch die Türritze als Träumer. Im Kostüm des englischen Spleen hatte er einige alte Damen verletzt. Die jungen mochte er nicht verletzen wollen, denn er war plötzlich ein anderer geworden. Er war in ihrem Kreise voll Laune, Witz, liebenswürdig vom Wirbel bis zur Zeh, aufmerksam auf jede Neckerei, die er in dem Tone wiedergab, von dem sie ausging. Was hatte ihn so verwandelt? Die Liebenswürdigkeit der jungen Damen oder die steinernen Gesichtszüge, die Adelheid ihm zeigte? Man kann ja nicht immer in einer Gesellschaft den Träumer spielen, sonst wird man langweilig; und Adelheid mochte das auch denken, denn nichts verriet, daß sie sich über diese Veränderung wunderte.

Man hatte in dem lustigen Zimmer Pantomimen aufgeführt beim Klange des Klaviers. Aber Louis mußte längst vergessen haben, um was er am Instrumente saß. Er träumte wieder, denn er hatte sich in Akkorde vertieft, die wohl zu einem schauerlichen Liede von Novalis oder Tieck paßten, aber nicht zu der harmlosen Situation aus der jüngsten Reichardtschen Oper, noch zu den Scherzen des Suchens nach der Musik.

Hatte die junge Gesellschaft das gemerkt? denn sie war allmählich verschwunden vor den dumpfen, lang aushaltenden Tönen, die er den Tasten entlockte. Nur eine war hinter dem Klavier sitzen geblieben, und als er die Phantasie mit einem Tonschlage schloß, der wie ein tief aufseufzender Meeresstoß gegen das Eis brach, respondierte ein Ton der Bewunderung aus ihrer Brust.

»Das war zu göttlich! Eigentlich verdiente es einen Kranz!« Komteß Laura war aufgesprungen, und ehe der Fortepianospieler es sich versah, fuhr ihr weicher Arm um seine Schulter und steckte das Bukett feuriger Nelken, das sie in der Schürze getragen, rasch ihm an die Brust. Als der den Arm fassen wollte, um den Dank auf die Hand zu hauchen, war die Nymphe entschlüpft. Das Unglück aber wollte, daß die Zipfel ihres garnierten Tuches an seinen Rockknopf sich genestelt. Das Tuch war lang, und erst in der Mitte des Zimmers ward sie inne, daß sie an ihn gefesselt war. »Sie zerreißen mein Tuch.« Er zog sie langsam an sich. »Was wollen Sie?« – »Sie strafen, daß Sie entfliehen wollten.«

Sie mußte ihr Tuch mehr lieben als die Strafe fürchten, sonst hätte sie doch das Tuch losgelassen und wäre entflohen.

Als er ihr jetzt entgegensprang, um sie zu strafen, erschreckte ihn nicht ihr leichter Schrei, mit dem sie dem strafenden Arm sich entwinden suchte, sondern – eine Erscheinung. Adelheid stand zwischen der Tür und ihm, die Hand ans Herz gepreßt, als fühle sie einen Schmerz, blaß, mit Geisteraugen, wie eine Bildsäule.

»Meine Herren, schnell den Arm den Damen!« riefen mehrere Stimmen, als durch die offene Tür der Zug zum Speisesaal vorüberging. »Sans gêne, jeder, wer ihm zunächst steht.«

Ob er, ob die Komteß das Tuch vom Knopfe losgenestelt, wissen wir nicht, aber es mußte losgemacht sein, denn Bovillard fand kein Hindernis mehr, als er der ihm Nächststehenden den Arm öffnete. Es machte sich von selbst, es ging nicht anders, ohne einen Verstoß. Es war Adelheid, die der Strom auf ihn zudrängte, während er die Komteß fortschob. Auch sie mußte, sie stand ihm zu rechts. Aber sie weinte. Eigentlich bebte nur ihre Brust.

»Ihre Schlußakkorde – es war mir, als ob – als ob etwas sprang –«

»Darf ich –« rief die näselnde Stimme des Barons Eitelbach zur Komteß, ohne sich tief zu neigen. Sie sah ihn einen Augenblick von oben bis unten an und steckte dann ihren Arm in den seinen mit einem »qu'importe!« Es machte sich auch von selbst. Es waren die letzten Gepaarten.

Drei Paare folgten einander zu Tisch, von denen keiner am Abend erwartet, daß der Zufall ihn zu dem andern führen würde. Die zwei sahen wir eben; ihnen voran ging der Rittmeister Stier von Dohleneck und die Baronin Eitelbach. Spottvögel verglichen sie mit Kerzen auf einem Armleuchter.

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