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Gutenberg > Willibald Alexis >

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel.
Sie hassen.

Der Rittmeister von Dohleneck hatte die Fürstin in Beschlag genommen: »Ein Wort nur, gnädigste Frau, eine Bitte!«

»So dringend?«

»Ja. – Sie sind ihr Schutzengel.«

»Ich ein Engel! Wen beschütze ich? –«

»Auguste – die Baronin Eitelbach!« korrigierte er sich.

»Ach so! Eine schöne Frau hat überall Schutzengel. Jeder Kavalier ist es.«

»Die Komteß Laura hat sie an ihren Arm gepackt und schleppt sie wie ihr Opfer mit sich. Sie ist zu arglos, zu gut, sie begreift nicht, daß diese Kompanieschaft ihrem Ruf schadet. Es verdrießt mich schon den ganzen Abend, aber –«

»Da ist ja ihr Gemahl, der Baron.«

»Der! –«

»Er ist freilich ein seltsamer Freigeist.«

»Was schiert er sich um seine Frau und ihren Ruf. Er freut sich, daß sie mit einer vornehmen, bei Hofe gern gesehenen Dame intim scheint.«

»Dann sprechen Sie doch selbst mir ihr. Sie wissen ja, wie gut sie von Ihnen denkt.«

»Erlauchte Frau, Sie wissen, wie wir –«

»Das hätte ich beinahe vergessen. Kinder, was trübt ihr euch das kurze Schmetterlingsleben durch Skrupel? Was hilft euch die Pein? Wenn ihr euch auch noch so ehrbar grüßt, so kalt aneinander vorübergeht, dem bösen Leumund entgeht ihr doch nicht. Am wenigsten Sie, Dohleneck, wenn Sie sich der lieben Frau zum Ritter aufdringen, wie Sie jetzt tun.«

Der Rittmeister war um einen halben Schritt zurückgetreten, wäre es keine Dame und nicht die Fürstin gewesen, er hätte die Hand vielleicht an den Degen gelegt. Er erkannte schnell seine Position.

»Gnädigste Fürstin, ich wollte keinem Kavalier Anspielungen geraten haben, die der Ehre meiner tugendhaften Freundin zu nahe träten. Aus Ihrem Munde nehme ich dankbar die Worte als eine freundliche Warnung.«

Sie blickte ihn mit einer herzgewinnenden Freundlichkeit an: »Die arme Laura! Da scheut ihr Herren der Schöpfung euch nicht, um einer Frauen Ehre zu erhöhen, die von andern zu vergiften. Ist das ritterlich, Herr von Dohleneck? Was sie von meiner Laura schwätzen und plaudern, was geht es mich an!«

»Sollten Sie nichts gehört haben?«

»Ich kam als Fremder her, ich bin es noch, ich nehme die Personen, wie ich sie finde, was in der Gesellschaft von Traditionen umgeht, kümmert mich nicht. Sollte ich bei allen Gästen, die mich mit ihrem Besuch beehren, danach mich erkundigen, so weiß ich wirklich nicht, ob mein Salon nicht leer bliebe. Überdem sagten Sie selbst, daß der Hof sie protegiert. Ich sollte meinen, das sei genug, um dem Vorwurf zu begegnen, der in Ihrer Bitte für mich liegt.«

Aber der Rittmeister hatte Sukkurs bekommen. Herr von Fuchsius und eine Hofdame waren hinzugetreten. Auch der Legationsrat schloß sich der Gruppe an. Die Hofdame hatte Zweifel, ob der Hof die Komteß noch länger halten werde, seit der letzte Skandal laut geworden. Herr von Fuchsius wußte, daß der König sehr aufgebracht sei, und der Legationsrat, daß die alte Voß das Ohr der Königin belagere, welche noch die meiste Prädilektion und Entschuldigungen für die schöne Komteß hätte.

»Auch die alte Voß!« wiederholte mit einem eigenen Lächeln die Wirtin. »Da ist ja eine völlige Verschwörung gegen ein armes Mädchen, das sich nicht verteidigen kann. Ich verstoße wohl schon, wenn ich es versuche?«

»Ihre Erlaucht wollen gütigst vermerken«, sagte die Hofdame, »es ist noch nichts darüber ausgesprochen. Bis jetzt ist sie rezipiert, und Fürstin Gargazin können sie ohne Gefahr bei sich sehen.«

»Sie würden mir einen großen Gefallen erweisen, liebe Almedingen, wenn Sie mich davon avertierten, sobald ich es nicht mehr darf.«

»Sobald man ihr die Türe weist; Erlaucht können sich darauf verlassen, daß ich mit der ersten Nachricht zu Ihnen fliege.« Die Fürstin drückte ihr verbindlich die Hand: »Von Ihrem Eifer bin ich überzeugt. Bis dahin hat es aber wohl noch einige Zeit?«

»Es sind vielleicht doch nur Mißverständnisse«, warf der Legationsrat hin.

»Oder sie bessert sich auch. Man muß ihr nur Zeit lassen«, meinte Herr von Fuchsius.

»Ein – zehn, fünfzehn Jahr«, murmelte der Legationsrat, »dann macht sich das von selbst.«

»Macht mir das junge Reh auf der Maienwiese nur nicht scheu«, sagte die Fürstin. »Wenn ihr ihr beständig von der Arglist und Tücke der Menschen vorerzählt, glaubt ihr, daß ihr sie dadurch schützt? In ihrer Angst und Verwirrung läuft sie von selbst ins Netz.«

Das junge Reh stand plötzlich unter ihnen. Laura hatte wohl nur durch das Zimmer gewollt, denn der Glanz ihres Auges verriet nicht, daß sie gelauscht, noch von dem, was hier über sie gesprochen worden, eine Ahnung hatte. Auch verriet die Miene der Fürstin nichts von Betroffenheit, als sie die Flüchtige erhascht und den Arm um ihre Schulter, wie eine Mutter um ihr Lieblingskind, schlang.

»Haben Ihnen nicht die Ohren geklungen? Wenn Sie wüßten, was wir gesprochen, würde Laura bis über die Ohren rot werden.«

Die Komteß meinte, es wäre sehr heiß.

»Nun möchte der Wildfang gleich ans Fenster stürzen, um sich zu erkälten. Nein, Komteß, hier ist ein Familienrat, ich stelle die Mutter vor, und alle diese Freunde werden mir beistehen, Sie zu hüten.«

»Ich bin Ihnen sehr obligiert –«

»Aber das Kind weiß selbst, was ihm am besten ist! Nicht wahr? So lese ich Ihre Gedanken, die geheimsten auch, aber – ich verrate nichts. Ist sie nicht ein Feenkind«, wandte die Fürstin sich zu den andern; »da ist doch kein verborgenes Fältchen, nichts Angelerntes, nichts von Verstellung. – Sehn Sie in dies Gazellenauge; nur etwas zu munter noch, leichtsinnig, flatterhaft, ein Schmetterling, der lauter Honig naschen möchte, aber mit der Zeit pflückt man Rosen, mit der Zeit wird sie auch den rechten Weg finden. Ach das macht sich alles von selbst. – Sehen Sie! Jetzt sollte ein Maler diesen Augenniederschlag, diese Grübchen am Kinn malen. Herzensengelskind –«

Die Fürstin wollte sie embrassieren, aber statt des Feenkindes mit den Pfirsichwangen stand ein blasses, scharfgeschnittenes Gesicht vor ihr, statt des blühenden Hauptes mit dem phantastischen Lockenbund eine enganschließende Haube mit Spitzen, und statt der Gazellenaugen, die gutmütig und gedankenlos umherschweiften, fuhr ihr ein stechendes, kleines Augenpaar entgegen. Die Geheimrätin Lupinus war ungemeldet eingetreten.

»Mein Gott, welche Überraschung!«

Die Gargazin spielte hier keine Rolle, als sie mit den geöffneten Armen zurückfuhr. Es war eine vollkommene, natürliche Überraschung; denn sie war jedes andern Besuches gewärtig als der Lupinus, die zwar zu ihren Soireen ein für allemal formell eingeladen, aber noch nie gekommen, auch nie erwartet war. Ob sie aus Nachlässigkeit der Domestiken unangemeldet bis in das Zimmer gedrungen, ob die Fürstin im Eifer des Gespräches die Meldung nicht gehört, lassen wir unentschieden, aber Tatsache war, daß sie unbemerkt mitten im Zimmer stand und der Wirtin in dem Augenblick sich näherte, als die Komteß durch eine Seitenbewegung sich den Armen der zu gütigen Fürstin entwunden hatte.

Alle waren überrascht; nur die Überraschende schien sich in der Wirkung, die ihre Erscheinung hervorrief, zu gefallen. Sie hatte etwas gestört, vielleicht zerstört, eine Gruppe voll Liebe und Einigkeit. Die Lust, welche das Zerstören veranlaßt, wird von vielen als eine Wollust geschildert.

Die Lupinus war eine andere geworden, als wir sie kennengelernt. Die bunten Farben waren aus ihrer Kleidung verschwunden, aus ihren Zügen der Liebreiz, der noch fesseln konnte, während die Schärfe derselben zurückschreckte. Ihre Augen konnte man nie eigentlich schön nennen, aber es lag zuweilen etwas Schmachtendes, Sehnsüchtiges darin, was mit dem lauernden Aufblitzen versöhnen mochte. Man bedauerte sie, man las die Unbefriedigung, welche als Unruhe in ihr aufzuckte. Diese Unruhe schien einer eiskalten Ruhe gewichen. Schien, sagen wir, solange sie Herrin über sich blieb, aber in Momenten zuckte das Feuer der Unruhe wieder heraus, ihr Auge schoß Blitze, die wehe tun konnten, vor denen ein sanftes Auge sich unwillkürlich schloß, wie ein keusches Gemüt vor einem Augenblick, den es nie gesehen, und doch hat es die Empfindung, daß es so etwas nicht sehen darf. Und doch, wie schnell war die Ruhe wieder über das Gesicht ausgegossen, und ein Lächeln schwebte um die Lippen, das ein Maler vielleicht mit dem einer Heiligen verglichen, die unter Folterqualen zu den Umstehenden spricht: »Es schmerzt nicht.«

Die Fürstin und die Geheimrätin hatten einen Versuch gemacht, sich zu embrassieren, ein Versuch, der, an irgend etwas gescheitert, in einem wiederholten Händeschütteln sich aufgelöst.

»Ich werde Ihnen das nie vergessen, da ich weiß, was Sie mir bringen«, waren die nächsten Worte der Gargazin, und die Freude schien auf ihr Gesicht zurückgekehrt, als sie den neuen Gast neben sich aufs Kanapee gezogen. Ihr Auge streifte über die anderen hin, es lag darin ein gütiger Befehl an die Freundesgruppe, sich aufzulösen. Die Hofdame hatte sich mit dem Regierungsrat schon fortgeschlichen. Der Komteß nickte sie zu: »Geben Sie Ihren Arm getrost dem guten Rittmeister. Ich versichere Sie, Komteß Laura hat keinen bessern Freund als Herrn von Dohleneck.«

»Ich weiß, was ich Ihnen bringe«, hatte die Geheimrätin erwidert. »In das Haus der Freude eine Trauergestalt, aber die Pflicht der Dankbarkeit geht über diese Rücksicht.«

»Dankbarkeit?« rief die Fürstin mit einem erstaunten Blick, indem sie die Hand der Geheimrätin an sich zog. »Sie stehen noch immer, Herr von Wandel, wollen Sie nicht neben uns Platz nehmen, meine Freude teilen. – Madame Lupinus spricht von Dankbarkeit!«

»Nur von einer Pflicht, gnädigste Fürstin, die ich solange aufgeschoben. Sie haben sich meiner Pflegetochter wie eine wahre Mutter angenommen.«

»Ach das! – Ich bitte Sie, kein Wort davon.«

»Gönnen Sie mir das Wort. Ja, ich bekenne es, ich bringe ein Opfer, um endlich auszusprechen, was ich über Ihre Handlungsweise denke.«

»Egoismus, nichts als Selbstsucht! Weil Adelheid mir gefällt, weil ich mein Haus, meine Gesellschaften durch ihre Schönheit schmücken will.«

Die Fürstin fühlte ihre Hand sanft gedrückt. »Warum das wiederholen, was der Pöbel über uns urteilt. Adelheids blühende Jugend gehörte nicht in mein Krankenhaus. Sie erkannten es – und – ich gestehe es Ihnen, im ersten Augenblick schmerzte mich die Art, wie das teure Kind mir entführt ward; jetzt preise ich den Himmel, daß er es so gefügt hat, und – daß er Ihnen den raschen Entschluß eingab.«

Die schönen Seelen verstanden sich; das vorhin versuchte Embrassement erfolgte wie von selbst.

»Einen Fingerzeig des Himmels wollen Sie darin erkennen«, sagte die Fürstin. »Ich kann noch immer nicht umhin, mir einen Raub vorzuwerfen.«

»Lassen wir den Streit darüber, gnädigste Frau. Adelheid gehört in Ihr Haus, es ist meine aufrichtige Meinung. Der Legationsrat kann bezeugen, wie oft ich es aussprach. Bei mir wäre sie verkommen.«

»Sie spricht nur mit der größten Liebe von dem Guten, was sie durch meine Freundin erfahren.«

»Es täte mir leid um das Kind, wenn sie unwahr würde.«

»Warum so selbstquälerisch? Sie wissen selbst, bis zu welcher Verirrung das Dankbarkeitsgefühl sie trieb.«

»Und doch hat sie mich nicht ein einziges Mal besucht.«

Das hatte die Geheimrätin nicht sagen wollen; es war heraus, ehe sie es verschlucken konnte, und, was schlimmer, die Fürstin hatte es aufgefangen.

»Sie sind leidend«, sprach sie mit bewegter Stimme. »Und Sie überwanden sich, verließen Ihr stilles Asyl, und – Ich weiß ja, wie ich dieses Opfer zu schätzen habe.«

Die Geheimrätin war wieder ganz Herrin über sich geworden: »Doch ist es nicht ganz so. Warum zwischen uns eine Verheimlichung! Überwindung kostet es mich, ja, sehr große, diese Festkleider wieder anzulegen. Ich erwarte auch nicht Erheiterung, noch suche ich Zerstreuung, denn ich betrachte es als eine Pflicht gegen mich selbst. Sie sehen also, mein Opfer ist reiner Egoismus.«

»Wie Sie sich da wieder täuschen wollen! Sie tun es um der Gesellschaft selbst willen, Sie erkennen die Pflicht, daß wir nicht uns, daß wir für alle leben sollen.«

»Oder sie für uns!« rief eine Stimme in der Geheimrätin, die aber diesmal auf den Lippen erstarb. Die Gargazin mußte den Sinn verstanden haben, so leuchtete ein Blick sie an; es war ein merkwürdiges Verständnis zwischen beiden Frauen. Sie liebten sich gewiß nicht, aber zum Haß war für die Fürstin kein Grund. Sie sah sich um, ob niemand lauschte. Der Legationsrat war unschädlich, er bildete eine Schutzmacht gegen die andern.

»Wir verstehen uns, glaube ich, besser, als wir einen Ausdruck dafür finden«, hub die Fürstin an, der Lupinus näherrückend. »Was ist uns die Gesellschaft? – Ich setze voraus, daß wir beide jetzt über die kleine Rivalität recht herzlich im Innern lachen, ich meine die, welche die Leute uns anlügen. Ich gebe auch zu, daß in der Lüge was Wahres war. Wir spielten Schach miteinander, weil sie uns dazu nötigten, zwangen. Genug, wir haben gespielt. Weiter war es nichts.«

»Und Euer Erlaucht gewannen.«

»Die Erlaucht hatte nichts damit zu schaffen. Wir gingen unserm Penchant nach, und in einem Punkte stießen wir aneinander.«

»Ich gebe keine Gesellschaften mehr. Mein Haus ist ein Haus der Trauer geworden, mein guter Mann –«

»Wird gewiß unter solcher Pflege genesen. Wer redet davon! Wir wollen ja nur unsre Gedanken über das Wesen der Geselligkeit einklingen lassen. Lieben wir sie etwa um ihrer selbst willen? Um daraus Belehrung, Trost, Hilfe zu schöpfen? Sind wir lüstern, wie die unsterblichen Götter im Olymp, die den Opferduft der Menschen mit Wohlgefallen einschlürfen sollen? Oder ist es bei uns die Neigung, das Verlangen, mit unsresgleichen zusammen zu sein? Sehn Sie, wie unser Freund lächelt. Nicht wahr, das brauchen wir beide nicht, wir haben Ressourcen in uns, um uns vor der Einsamkeit nicht zu fürchten.«

»Ich lächle nur«, sagte Wandel, »weil Sie von ›Ihresgleichen‹ sprechen.«

»Und mit Ihrer Bosheit treffen Sie es. Wir zaubern das um uns, was uns doch nicht entgeht. Weil wir unter Toren leben müssen, verschaffen wir uns einen kleinen Hof von allen Torheiten um uns her. Wer dreist einer Gefahr entgegengeht, hat sie halb überwunden. Eine Welt en miniature sollen unsre Salons bilden. Was im großen, wirklichen Leben uns anwidert, das erscheint uns auf dieser Bühne gefälliger, weil wir damit spielen, es regieren zu können meinen. Am Ende bilden wir uns ein, dieser Makrokosmos ist unser Werk, und wir hätten alle diese Puppen uns zum Vergnügen ausgestopft und in Szene gesetzt.«

»Man muß nur nicht die Drahtfäden merken lassen«, sagte der Legationsrat.

»Zum Vergnügen!« fiel die Geheimrätin ein, die aufmerksam gefolgt. »Wo wir wissen, wie einer den andern verredet, hier mit Lob ihn überschüttet, um, wenn er ihm den Rücken gedreht, ihn zu verspotten; wissen, wie die mit Honiglippen uns Kußhände zuwerfen, gegen uns kabalieren. Hier drückt ein Beamter dem andern die Hand und empfiehlt sich seiner Gewogenheit, während die Entlassung oder Versetzung des zweiten schon in der Kanzlei ist, und er hat sie betrieben, um in seinen Posten zu rücken. Wo sie uns schön und geistreich finden, um sich nachher vor Lachen auszuschütten, daß wir es geglaubt! Die Tugend in aller Munde, und die Kuppleraugen schleichen um, ihre Opfer sich auszusuchen. Nur die absolute Mittelmäßigkeit ist sicher, denn was hervorragt, worin es sei, ist den Pfeilen ausgesetzt. Sie zumeist, die wähnen sie zu regieren. Man preist ihr Zauberfest, man erhebt es beim Abschied in den Himmel, aber ehe sie nur in den Wagen springen, klagen sie über Langeweile, Zurücksetzung, gemischte Gesellschaft, daß die Wirtin es nicht verstanden, die Gäste zu placieren, sie klagen vielleicht über Hochmut, Anmaßung, über das Essen und Trinken auch, Gott weiß worüber nicht. Ich begreife, wie man mit diesen Puppen spielen, aber wie es ein Vergnügen sein kann, das bleibt mir ein Rätsel.«

»Ihre Kritik geht über die Gesellschaft hinaus«, sagte der Legationsrat. »Das Rätsel ist die Welt –«

»Und wehe, wer nicht mit ihm spielen kann«, rief die Fürstin aufstehend, denn neue Gäste waren im Vorzimmer eingetreten. »Wer auf diesem bunten, beweglichen Teppich nicht mit den Füßen einer Tänzerin wandelt, hier über Gegenstände springt, dort sie fortstößt wie Glaskugeln, der ist verstrickt, der ist verloren.«

»Es gibt noch einen andern Weg – wo man fest stehen kann –«, entgegnete die Geheimrätin, indem sie auch aufstand. Es war ein Metallklang in der Stimme wie ein Grabgeläut.

»Den Weg«, unterbrach die Fürstin, »den Weg haben Sie doch nicht gefunden!«

Sie blickte ihr forschend ins Auge; als die Lupinus antworten wollte, rief die Gargazin, wie von etwas überwallt: »Sie hassen! – Oh, unglückliche Frau, der Haß ist ein zu fürchterliches Spiel für uns; der Haß hat einen unergründlichen Fonds, Sie wissen nicht, was da herauskommt aus der gähnenden Kluft – selbst der Schmetterling flattert nicht lange darüber –«

Sie ward unterbrochen. Ein freudiges »Ach!« mußte sich aus ihrer Brust ringen, um eine andere Erscheinung zu begrüßen, wir wissen nicht, wen? Es ist uns auch gleichgültig; der unerwarteten Erscheinung, die alle aus dem Fonds ihrer Liebe mit einem gleichen Ton der freudigen Überraschung bewillkommt wurden, waren viele. Die Lupinus aber hätte, noch nicht in die Gesellschaft eingeführt, allein gestanden, wäre nicht der Legationsrat gewesen. Im Nebenzimmer arrangierte man Spieltische, es wurden schon Karten umgereicht.

»Werden Sie spielen?« fragte Wandel.

»Werden Sie reisen?« entgegnete die Geheimrätin.

»Ich riete Ihnen, eine Karte zu ergreifen.«

»Und ich Ihnen, zu reisen.«

»Warum?«

»Aus demselben Grunde, weshalb Sie mir zur Karte raten. Man ist der Mühe überhoben, zu antworten, wenn man fürchtet, gefragt zu werden.«

»Gilt der Haß, dem Sie die Gesellschaft geweiht, auch mir?«

»Ich bin es müde, Rätsel zu lösen.«

»Im Augenblick, wo Sie den Schlüssel fanden?«

»Um auf einen neuen Verschluß zu stoßen. Viel Glück, Herr Legationsrat, in Rußland.«

»Will ich, gehe ich denn dahin?«

»So wollen Sie jemand damit täuschen?«

»Meine Feinde. – Kennen Sie meine Feinde?«

»Nicht alle – einige.«

»Verlangen Sie, daß ich die Sorgen, unter deren Wucht ich meine Freundin erliegen sehe, noch durch Mitteilung von Verhältnissen erhöhe, die nur mich allein betreffen! Nicht mich allein – nein, gewiß nicht, ich bin der letzte – aber niemand, der mir persönlich teuer ist.«

»Ihre Sachen sind gepackt, Extrapostpferde stehen für Sie täglich im Hofe des französischen Attaché bereit.«

»Das ward Ihnen bekannt?«

»Durch Zufall.«

Er sah sich um: »Wenn Sie eines Morgens hörten, daß ich über Nacht aufgegriffen, über die Grenze geschleppt ward, und wenn am andern Abend die Nachricht käme, daß er mich füsilieren ließ, so würden Sie den Grund der Vorsicht wissen.«

»Wer?«

»Napoleon.«

»Da würden Ihre Pferde doch nicht beim Vicomte Marvilliers stehen.«

»Der Löwe sucht nach dem Raub nicht in seiner Höhle.«

»Aber der junge Attaché!«

»Wenn ich Ihnen sagte, daß er darum weiß, wäre ich ein Verräter. Ich will kein Verräter werden, lieber – scheiden.«

Er hatte sich halb umgewandt, um rasch die Hand der Geheimrätin zu ergreifen: »Leben Sie wohl«, lispelte er.

»Nur eines – ist Ihr Leben in Gefahr?«

»Noch nicht, aber – gütiger Gott! Die peinliche Erwartung einer Entscheidung, in der ich täglich schwebe, verschließt mir die Lippen, wenn ich sie öffnen müßte, um Vertrauen zu gewinnen. Ich klage niemand, Sie am wenigsten an. Im Gegenteil, Sie haben recht, daß Sie mir dies Vertrauen nicht schenken, ganz recht; verdammen Sie mich als Lügner, der die Pflicht hatte zu sprechen, und wenn er den Mund öffnen sollte, ihn verschließt, als kaltherzigen Intriganten, der mit den Gefühlen spielt, der edle Herzen zerreißt, verdammen Sie mich, Sie haben recht, aber – wenn es vorbei ist, widmen Sie mir eine Träne der Teilnahme, wenn Sie erkannt, daß ich nicht anders handeln durfte.«

»Wandel!« sie hielt inne. – »Wann – wann kommt die Entscheidung?«

»In einer Woche, vierzehn Tage – höchstens ein Monat, wenn aus Warschau –«

»Aus Warschau?«

»Ich beteure Ihnen, es ist nur eine Vorsichtsmaßregel; vielleicht zerläuft alles wieder, wie so oft, in Luft und Wind.«

»Wer ist in Warschau?«

»Entfiel mir das Wort? – Ich bin verwirrt –«

»Das muß Entsetzliches sein, was Sie außer sich bringt.«

»Was ist entsetzlich, Freundin, in diesen Weltkrisen?« Seine Hand zitterte in der ihren. »Ihr Scharfblick erriet es. Nun bin ich in Ihre Hand gegeben. Mein Leben hängt von Ihnen ab. Gehen Sie zu Laforest und –«

»Sie phantasieren. Als ob er nicht wüßte, daß sie mit der russischen Diplomatie verhandeln.«

»Auch daß man mich verstrickt, nennen Sie es Zufall, in ein Netz gezogen, dessen Zipfelende die Bourbonen halten; daß Ludwig XVIII. wieder in Polen ist, daß Dinge in Frankreich verbreitet werden; daß in Napoleons nächster Umgebung Personen gewonnen sind; daß ihm die Flaschen mit dem Kellersiegel, die er mit sich führt, nichts helfen; daß die Suppe, die er kostet, das Geflügel, das er in den Mund führt –«

»Schweigen Sie, um Gottes willen, schweigen Sie –«

»Oh, ich möchte alles, was man mir eingefüllt, ausgießen, es zersprengt meine Brust; denn bei Gott, nur mein böses Glück, nicht mein Wille hat mich hier verstrickt. – Ich fühle mich schon erleichtert, daß ich eine Mitwisserin habe, bei der mein Geheimnis wie im Sarge ruht –«

»Man wird auf uns aufmerksam werden, daß wir uns so lange absondern.«

»Sie haben recht und ich die Beruhigung, daß, wenn ich plötzlich verschwinden sollte, Ihr Verdacht mir nicht wie ein ängstlicher Schatten auf der Heerstraße nachschleppt –«

»Um Gottes willen, meinen Sie, daß Sie diese Nacht schon verschwinden müssen?«

»Ich meine nichts, ich weiß nichts; ich sollte meine Lippen verfluchen, daß sie zum Verräter wurden, aber mir ist wohl zumute, wohl wie einem Kinde, das seinen ersten Fehltritt beichtete. Nein, nein, es war wohl nur die Angst, erpreßt durch Ihre Drohung!«

»Warum stürzten Sie sich in diese Lage?«

»Warum bin ich ein Mensch?«

»Reißen Sie sich los – wenn es sein muß, reisen Sie auf der Stelle fort!«

»Ich lebte nur für andere. – Nein, nein, ich weiß es, ich bin nötiger hier. Ich will für andere leben – sein Sie unbesorgt – nur um etwas Geduld flehe ich noch – oh, könnten Sie in mein Inneres blicken – Pflichten hier, Pflichten dort, Verlockungen – aber seien Sie überzeugt, als Mann, als Sieger werde ich daraus hervorgehen.«

»Man kommt.«

»Ein Freundesrat –«

»Ich werde Sie nicht bemerken, wenn Sie verschwinden.«

»Heiter! meine Freundin. Es war sehr gut, daß Sie herkamen, aber Sie kamen als Trauergestalt. Sie freuten sich des Eindrucks. Um des Himmels willen, mit Geistererscheinungen darf man nicht spielen. Fort die Trauer, einige bunte Bänder, stimmen Sie ein in den frivol geistreichen Ton. Man muß mit ihnen tänzeln, die Gargazin hat recht. Sie hat erkannt, daß Sie hassen. Das kann schlimm werden. Werfen Sie die Maske ab, nicht hastig – lassen Sie sich allmählich erheitern durch die liebenswürdige Gesellschaft. Da bringt man Ihnen eine Karte, nehmen Sie, spielen Sie, mit wem Sie wollen, es sind alles Puppen; aber nicht zerstreut.«

Die Eitelbach präsentierte jetzt der Geheimrätin eine Karte: »Wollen Sie?«

»Mit dem größten Vergnügen.«

»Ihnen präsentiere ich keine Karte, denn Sie mogeln, sagt mein Mann.«

Damit ging die Baronin schnippisch am Legationsrat vorüber, der scherzhaft die Finger nach einer Karte gespitzt hatte.

»Sie wird immer schöner«, sagte eine Stimme hinter dem Legationsrat.

»Kann man schöner werden, wenn man eine vollkommene Schönheit ist?« entgegnete Herr Schadow.

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