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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel.
Die Wollust der Märtyrer.

Das war dem glänzenden Gesellschaftsabend vorangegangen.

Es war noch etwas anderes vorangegangen – im Souterrain des Hauses.

Wer die liebenswürdige Wirtin sah, wie sie mit mädchenhafter Grazie den Gästen entgegeneilte und über das unerwartete Erscheinen von dem und jenem fast kindlich erfreut schien, konnte an der Wahrhaftigkeit ihrer Empfindungen zweifeln! »Wenn sie es auch nicht so meint, ist es doch angenehm, daß sie es so zeigt!« Aber er konnte nicht ahnen, wie diese Augen, aus denen Wohlwollen und Güte blitzten, vor einer Stunde auf ein anderes Schauspiel, ich sage nicht lächelnd geblickt, aber teilnahmlos, stier. Auch das paßte nicht, vielleicht mit der Wollust eines gesättigten Raubtieres, das seines Opfers Blut fließen sieht.

Der Kutscher hatte es allerdings verdient. Mit einer milderen Züchtigung wegen des ersten Unfalls auf der Potsdamer Chaussee davongekommen, rief sein Ungeschick heute auf der Charlottenburger die exemplarische Strafe hervor, welche der Haushofmeister ihm diktiert. Auf Ordnung muß ein Herr und eine Herrin im Hause halten. Es war die Ordnung, daß der dienstvergessene Leibeigene von zweien andern eine Lektion empfing, deren Maß nur unsere Begriffe und die Kraft unsrer Nerven übersteigt. Auch daß die Herrin zugegen war, um nach Handhabung der Ordnung zu sehen, verstieß nicht absolut gegen die Sitte. Nur daß sie, mit verschränkten Armen an der Kellertür stehend, so lange zusehen konnte, ohne mit den Augenwimpern zu zucken, ohne auf die Wehlaute des Zerfleischten ein Halt zu rufen, daß um ihre Lippen ein eigentümliches Lächeln schweben konnte, während ein seltsamer Glanz in ihren Augen leuchtete und ihre Stirn wie vor Freude sich rötete, das mußte einen besonderen Grund haben.

Es hatte auch einen. In Gedanken versunken, in Phantasien, die sie interessieren mußten, schien sie eigentlich, was geschah, vergessen zu haben. Sie hatte auch den fragenden Blick des Kochs aus der Ukraine übersehen, der einen Augenblick innehielt, in der Meinung, es sei genug. Ein Sklave darf keine Meinung haben; als sie nicht gewinkt, fuhr er mit dem Stallknecht in der Arbeit fort. Die Herrin hatte es zu verantworten; er und der Kalmück waren nur die Werkzeuge, vielleicht die willigen. Der Zoll von Herrendienst, den sie dem Kutscher abentrichteten, war gewiß nur eine Vergeltung für viele ähnliche, die jener bei andrer Gelegenheit ihnen geleistet.

Es hätte schlimmer werden können, wenn nicht der französische Kammerdiener der Fürstin zugeflüstert: »Madame la princesse, je crains que les cris de la bête ne pénètrent les oreilles de Mademoiselle Alltag. Elle fait sa toilette tout près de l'escalier. Fürstin, ich fürchte, die Schreie des Tieres werden bis zu den Ohren von Fräulein Alltag dringen. Sie macht ihre Toilette dicht bei der Treppe. «

Da war die Fürstin aus ihren Träumen erweckt worden. Etwas unangenehm, schien es. Die Alltag durfte nichts hören. Sie hatte den Exekutoren rasch gewinkt, innezuhalten; sie wollte ungehalten sein, daß man sie nicht früher aufmerksam gemacht, aber sie sagte, der Anblick sei rebutant. Sie hatte etwas von pauvre homme hingeworfen und Anweisung gegeben, ihn gut zu pflegen, damit er bald wieder seinen Dienst verrichten könne.

Und sie hatte noch eine unangenehme Überraschung gehabt. Der Kammerdiener hatte ihr auch etwas vom Herrn Legationsrat zugeflüstert, was sie damals überhört. Oben fand sie ihn in einer Anwandlung von Ohnmacht auf dem Kanapee.

»Possen! oder was ist das?« fragte sie verwundert, als er sich durch die Tropfen erholt, die sie aus ihrem Flakon gesprengt, und er selbst ein Fläschchen entkorkte, um durch das Einatmen wieder zum vollen Gebrauch der Sinne zu kommen.

»Ich kann kein Blut sehen«, sagte er. »Sie wissen es.«

»Starker Mann!«

»Stärkere leiden an Idiosynkrasien.«

»Wer seinen Freund zum Rendezvous auf zwei Kugelmündungen ladet!« Es blieb zweifelhaft, ob die Bemerkung ironisch gemeint war, ihr Blick verriet es nicht. Ihre Gedanken waren noch anderswo.

»Die Kugel bringt den Tod, dem andern oder mir. Ich fürchte weder diese Frage zwischen Sein und Nichtsein noch das Eingehen in das Nichtsein. Aber das Blut ist eine unvertilgbare Essenz«, sprach er schaudernd und sprang auf. »Ich kann nicht dafür, daß meine Natur so ist, noch begreife ich's, warum die ewig gebärende Mutter diese Anomalie in ihrem großen Schöpfungswerk zuließ. Ich wische alle Tinten, Farben spurlos aus, aber warum widersteht dieser häßliche rote Saft, warum wird er so oft zum Verräter –«

»Weil der Himmel das warme Blut in unsere Adern goß«, rief die Gargazin, »als den köstlichen Saft, in dem wir, uns berauschend, einen Vorgeschmack seiner Seligkeit trinken mögen. Das begreifen Sie freilich nicht, Mann von Marmor.«

»Den Rausch begreif ich, erlauchte Frau, auch den Rausch in Blut. Aber nicht, verzeihen Sie, wenn es durch Geißelhiebe aus dem – Rücken einer elenden Kreatur gepeitscht wird. Alles, was man ohne Zweck tut, ist meiner Natur entgegen.«

»Der Zweck! Kurios! Fragen Sie meinen Haushofmeister. Der Mensch hat es verdient!«

»Daß Sie sich selbst strafen und Ihren besten Kutscher zerschlagen lassen, damit er sechs Wochen nicht auf dem Bock sitzen kann, wenn je wieder?«

»Ich war in einer animosen Laune. Wer widersteht einem Impuls?«

»Darum war ich um meine erlauchte Freundin besorgt, denn der Exzeß in der Bestrafung könnte in diesem Staate unangenehme Folgen haben.«

»Die sich redressieren lassen.«

»Gewiß, es bleibt indes immer sehr unangenehm, wenn man seine Kräfte zum Redressieren von Vergangenem verwenden muß. Die Meinung, das Publikum übt eine Macht, die wir durch den Widerstand nur intensiv stärker machen. Wenn es hieße, die Fürstin Gargazin hat ihren Leibkutscher zu Tode prügeln lassen, so würde man die Gerichte wohl zum Schweigen bringen, weil Sie die Fürstin Gargazin sind, auch für die Öffentlichkeit würde die Wissenschaft Atteste bereit haben, daß der Kutscher an einem organischen Fehler gestorben ist, aber das Todesröcheln des Zerfleischten möchte doch etwas Leichengeruch in den harmonischen Duft hauchen, den der Liebreiz einer Natalie Gargazin um sich gezaubert.«

Sie schwieg, aber ihre Lippen schwellten sich unmerklich zu einem süßen Lächeln. Von dem Gesprochenen hatte sie wohl nur einen Teil gehört. Mit wieder auf der Brust verschlungenen Armen, wie vorhin, sprach sie: »Sie sahen den Tod und ich das Leben, Sie das Entsetzen und ich – ich, was kann ich dafür, daß ich anderer Natur bin, Herr von Wandel! Pawlowitsch wird nicht sterben, diese Geschöpfe haben eine andre Natur. Sie kennen das nicht. Er ist mein treuster Diener. Meinen Sie, daß er mich weniger lieben wird, weil ich ihn züchtigen ließ? Wenn er genesen ist, versichere ich Sie, wird er mit verdoppelter Devotion sich auf die Erde werfen, meinen Rocksaum küssen und bei seinem Heiligen für mich beten. Und ich, ich teile diese Gefühle der Anhänglichkeit für das Geschöpf. Ich empfand die Geißelschläge mit. – Lachen Sie nur! Das verstehen Sie eben nicht. Sie können auch bei der Abbildung eines Martyriums lachen, oder wenden dem schönsten Bilde aus Ekel den Rücken. Mich ergreift immer eine unbeschreibliche Wonne bei diesen Qualen, mein Blut wallt, mein Körper empfindet sie mit; dieses spritzende Blut, ich sehe es schon in Rosen und Lilien verwandelt, diese Röte des äußersten Schmerzes auf den Wangen, der Todesschweiß, die verzückten Augen, die krampfhaften Verrenkungen, mir werden es lauter Schönheitslinien, und wo Sie Zerrissenheit und Untergang sehen, durchschauen mich schon Harmonie und Vollendung.«

»Das heißt ein Läuterungsprozeß in procura geführt«, sagte der Legationsrat, oder er dachte es vielleicht nur; denn die Fürstin, in sich versunken, schien auf seine Erwiderung kaum zu achten. »Wenn man nur dem Geschöpf diese Überzeugung auch einimpfen könnte, so würden seine Schauer, die, wie ich glaube, gemeinerer Art sind, sich gewiß auch in eine wollüstige Empfindung auflösen.«

»Sie würden es!« rief die Fürstin. »Wer sagt Ihnen, daß sie es nicht schon sind! Er leidet für seine Herrin, die er anbetet, er leidet durch ihren Willen, und er kennt kein höher Gesetz. Diese Leibeigenen sind glücklicher als wir, mein Herr Legationsrat von Wandel. Wie das Animal, die Pflanze, stehen sie dem Ursprünglichen näher. Und wir ringen unser Leben durch vergebens nach dem Paradieseszustande zurück, in dem sie existieren. Wie die Lilie auf dem Felde, wie der Vogel im Busch, freuen sie sich der Sonne, die sie bescheint, sie legen ihr Haupt nieder auf den grünen Rasen unter seinem Himmel oder auf die Bank, die man ihnen am Ofen gebaut. Sie denken nicht, sie sorgen nicht auf den andern Tag; Speise und Trank ihnen schaffen ist unsere Aufgabe. Sie kennen unsre Pein und unsre Qualen nicht, unsre Zerrüttung und Zerrissenheit steht ihnen fern. Sie würden sie sowenig begreifen als der Herr von Wandel, warum der Erlöser für uns gelitten hat, warum in Natur und Welt es so gefügt ist, daß immer ein anderer für den Schuldigen leidet, daß es Sündenböcke gab im Alten Testament, Märtyrer und Heilige, die den Überschuß ihrer guten Werke uns als Erbe ließen. Diese Sklaven singen und lachen, während wir, die Erwählten, die tausend Nadel- und Dolchstiche empfinden, die Welt und Verhältnisse täglich in unser Herz drücken, und wir müssen dazu ein lächelnd Gesicht machen, auch wenn wir in krampfhafter Pein vergehen möchten. Was ist das bißchen Not dagegen, daß unsre Laune ihnen bereitet; die schöpferische Laune, die heute quält und morgen dafür entzückt.«

»Warum stehen Sie in Gedanken verloren?« hub sie nach einer Pause wieder an; ihre Verzückung, wie es schien, hatte sich gelöst. Sie ließ die Arme sinken und sah ihn fast mitleidig an. »Sie armer Mann, was ich Sie bedaure in dem hochmütigen Mitleid, was Sie in dem Augenblick über die Schwärmerin empfinden mögen.«

»Ich bedauerte nur«, erwiderte er, »daß die Gottheit, die wir uns als männliches Wesen denken, kein Weib ist. Wieviel schöner würde ihre Welt sein.«

»Ihr Spott kann mich nicht mehr beleidigen. Sie tun mir so unendlich weh, weil jede Entzückung Ihnen versagt ist. Aber ich appelliere an Ihren Verstand. Womit wollen Sie die Welt zusammenhalten? Diese Masse, diesen Pöbel, das Chaos von kriechendem Gewürm, das fliegen möchte und nicht aufrecht gehn kann! Wer soll sie bändigen, fesseln, wenn keine eherne Faust, umspielt von süßen Himmelslichtern, da ist, keine beseligende Illusion, diese gemeinen, rohen, selbstischen Kreaturen, die aus Habsucht einer auf den andern stürzen, sich zerreißen, verzehren möchten. Sie kratzen sich die Augen aus, damit der Bruder nicht schärfer sieht, sie verschlingen die Vorratskammern, die ihren eigenen Winter sichern sollten, damit die Mitmenschen nicht im vollen leben. Täuscht Sie der Popanz Humanität, den die Afterweisen an ihren papiernen Gesetzeshimmel malen, und jeder stellt dem andern ein Bein, und Gift auf der Zunge, Erbschleicherei, Betrug, Raub, Brudermord lauert unter der Lämmermaske dieser Alltagsgesichter.«

»Der Popanz täuscht mich nicht, Prinzessin«, sagte Wandel. »Mich täuscht überhaupt nichts. Ja, könnten wir sie alle wieder als eine Horde Leibeigene einpferchen in die dumpfen Ställe alter Gewohnheiten. – Schade nur, daß es auch nur eine Illusion ist, und wenn – die Priester würden sich untereinander auch auffressen.«

»Hoffen Sie noch auf die Vernunft«, fuhr die Fürstin fort, die ihn wieder nur halb gehört. »Die Göttin, die sie in Frankreich auf die Altäre hoben, hat doch zu aller Welt geschrien: ›Seht, wie albern und ohnmächtig ich bin!‹ Oder hoffen Sie's mit dem Geist, der wie ein Blitz aus dem Himmel in das Gewürm wetterleuchtet. Wie oft fuhr er nieder in diesem Deutschland, in Philosophen und Gesetzgeber, in versteckte Mönche, Stubengelehrte und Fürsten auf dem Thron. Was hat er gezündet, gewärmt und gefruchtet! Die dumpfen Ställe der alten Gewohnheit hat er in Brand gesteckt, aber die Unglücklichen, daraus Vertriebenen, wo fanden sie anderes, helleres, wärmeres Obdach! Feuersbrünste hat er angefacht, Wälder und Heiden verzehrt, aber wo nur eine Fackel angezündet, die in der Nacht leuchtet, welche immer darauf wieder eintrat. Da lobpsalmen die alten Weiberstimmen in den nüchternen Kirchen den Herrn, daß er die Greuel des Aberglaubens und der Finsternis verscheucht hat, aber wo blieb ihr Licht, das ihnen leuchtet, durch den finstersten Wald des Zweifels ihnen den Weg zeigte, wo ihr Haus, das die Müden und Beladenen aufnahm, wo das Geläut der Himmelsglocken, die sie mit Engelszungen in Schlaf einlullten, wo der Schlafpelz, die weiche Bärenhaut, in die sie sich hüllten, und alle Sorgen waren vergessen! Wo in aller Welt können diese Verirrten, Heimatlosen anklopfen in ihren Ängsten, ihrer Zerrissenheit, um den Trost zu finden, den nur die Gewißheit gibt! Was hilft's ihnen, wenn sie sich von des Teufels Krallen gepackt fühlen, und der gelehrte Herr mit den Beffchen setzt die Pfeife fort, um vornehm herablassend der armen Kreatur mit nationalistischer Salbaderei zu demonstrieren, daß der Teufel wahrscheinlich nicht existiert. Um etwas Gewisses, Festes, Sicheres schreien sie, und er setzt ihnen eine Schüssel Schlangeneier vor, aus denen statt eines, tausend Zweifel schlüpfen!«

Diesmal war es der Legationsrat, welcher nicht acht gegeben. Er hatte mit seinen Augen einen Punkt fixiert und packte plötzlich den Arm der Fürstin am Handgelenk:

»Ein Blutfleck!«

Der Ärmel ihres Musselinkleides trug unverkennbar die Spuren eines darauf gespritzten Tropfens.

»Ich habe es wirklich nicht gesehen.«

»Aber andere werden es sehen. Um des Himmels willen, wechseln Sie das Kleid, ehe es jemand bemerkt. Adelheid –«

»Interessieren Sie sich so für das Mädchen?« sprach die Fürstin, der die Unterbrechung nicht unerwünscht zu kommen schien, indem sie den bedeckten Arm mit den Fingern prüfte. Es war ein eigner Ton, in dem sie fragte, der bare Gegensatz zu dem Affekte, in welchem das Vorige gesprochen war.

»Nicht im geringsten. Ich interessiere mich für den Gegenstand, der Ihr Interesse erregt hat. Da ich Ihre Absichten ahne, muß ich wünschen, daß jeder Nebelfleck, der Ihren Anblick vor den Augen der Unschuld trüben dürfte, entfernt würde.«

Sie sah ihn scharf an. »Sie sind die Uninteressiertheit selbst. Und doch – zuweilen fällt vor meinem Auge Ihre schöne Hülle ab wie Staub und Moder, und das nackte Gerippe starrt mir entgegen; das Herz von chemischen Agenzien zernagt. Aber glauben Sie nicht, daß ich erschrecke. Ich betrachte gern die Natur in ihrem geheimsten Schöpfungsprozeß, wie sie ihr Schönstes und Bestes mutwillig selbst vernichtet. Oh, immer zu, die Natur ist eine elende Kammerzofe des Mysteriums, aus dem die Gnade leuchtet. Immer zu, mein Freund, sich selbst verzehrt, bis der Durst brennend, unerträglich wird! Dann verlangen auch Sie nach dem Quell. Oh, welche Kämpfe wird es Ihnen kosten, wie wird diese Stirn rollen vor stolzem Zorn, wie diese Riesenbrust toben vor unaussprechlicher Pein, wie werden Sie wütend mit der Faust dagegenschlagen, ringend einen Gigantenkampf mit dem Selbstbewußtsein, bis – bis der Riese krachend zu Boden stürzt und wie ein Kind an der Mutter Brust liegt! Wie werden Sie schlürfen, unersättlich an dem Born der Gnade!«

»Mais en attendant?« sagte der Legationsrat.

»Rührt Sie denn nicht Adelheids Schönheit?«

»Daß ich nicht wüßte.«

»Mir unerklärlich, mein Herr großer Sünder. Anfänglich hielt ich es für Verstellung, Sie wollten mich täuschen. Jetzt haben Sie mir nicht allein die Beruhigung gegeben, sondern auch Rätsel zurückgelassen, daß das Mädchen Sie kaltläßt. Ist sie Ihnen eine zu vollkommene Schönheit?«

»Kunstkenner gehen auch an vollendeten Meisterwerken vorüber.«

»Weil nur die sie interessieren«, fiel sie ein, »die Mängel haben. Ist's der Egoismus des kritischen Sinnes, der immer korrigierend schaffen möchte?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Sagen Sie, eine Antipathie gegen, was man reine Unschuldsseelen nennt. Es überkommt mich ein Frösteln in Gegenwart solcher jungen Mädchen.«

»Ich begreife es, weil ich es mitfühle. Aber –«

»Sie selbst kajolieren die Nymphe.«

»Sie wissen, warum.«

»Und eben deshalb wundre ich mich, daß Sie dem jungen Bovillard den Zutritt in Ihr Haus erleichtern.«

Die Gargazin sah ihn schadenfroh an: »Für die Naivheit möchte ich Sie küssen.«

»Sie protegieren ihn nicht?«

»Wenn man Erz schmelzen will, braucht man Feuer.«

»Wenn man aber das Feuer über den Kessel schlagen läßt, kann es leicht kommen, daß das Erz überläuft und verdorben wird.«

»Qu'importe!« sagte die Fürstin und stäubte an dem Fleck am Ärmel. »Was nennen Sie verdorben werden?«

»Ich scheue nicht vor einem gewagten Spiel, aber ich frage mich vorher, ob der Vorteil das Risiko lohnt?«

»Was geht Sie meine Rechnung an? Einen Stein kann man nicht schmelzen, man sprengt ihn oder wartet, bis der Blitz ihn spaltet; das Erz kann man aber so langen glühen und wieder zerglühen lassen, bis man es zu der Form geschmeidig findet, die man ihm geben will. Wollen Sie sich in Adelheid verlieben, Ihre Künste an ihr versuchen, ich habe nichts dagegen, ich will nicht eifersüchtig sein. Sie liebt ihn, ich meine Bovillard, das ist ihre Krankheit, die verborgene, die an ihr zehrt. Sie muß heraus, die Krisis ist notwendig; darum wird sie kommen, ohne daß wir etwas dazutun. Verstehen Sie mich, wir lassen die Natur walten.«

»Und dann?«

»Wenn Sie die Bibel läsen, würden Sie wissen, man soll nicht für den andern Morgen sorgen. Sein Sie heut abend liebenswürdig, Herr Legationsrat.«

»Ich bin nicht ganz disponiert!«

»Sie sollen es sein, Sie können es sein. Herr von Bovillard hat nur zwei Augen, und die gehören jetzt nicht ihm.«

Die Wagen fingen an vorzurollen; die Fürstin verschwand mit dem wiederholten Befehl: »Seien Sie liebenswürdig!« – Sie hatte kaum Zeit, ihre Toilette zu ändern, aber niemand hat den Blutfleck an ihrem Ärmel gesehen.

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