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Gutenberg > Willibald Alexis >

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Viertes Buch

Erstes Kapitel.
Ein Mann von zu vielem Sentiment.

»Was gibt es Neues?« rief der Geheimrat Bovillard dem Legationsrat entgegen und lud, ohne sich im Frühstück stören zu lassen, durch eine Bewegung den Eingetretenen zum Platznehmen ein. Die Zerlegung eines Kapaunenflügels schien ihm einige Anstrengung zu verursachen. Übrigens sah Herr von Bovillard gemütlicher aus als in letzter Zeit; die Runzeln waren gewichen, das Gesicht glänzte, besonders die unteren Teile, das Kinn hatte etwas Charakteristisches, was sich in den Augen widerspiegelte, obgleich die Lippen erst der eigentliche Ausdruck waren. Herr von Bovillard gab heute kein Schauspiel für andere, sonst würde er die Ärmel des Rockes nicht aufgekrempelt getragen, nicht den Zipfel der Serviette im Halstuch befestigt haben. Er war für sich, der Schmecker mit Bewußtsein, aber der Zutritt eines Freundes, wie Herr von Wandel, störte ihn nicht. Auch dieser nahm mit vollkommener Aisance einen Platz neben dem Esser.

»Das Neueste hoffe ich von Ihnen zu erfahren.«

»Da«, sagte Bovillard und goß in ein vasenartiges Kristallglas aus der Weinflasche. »Prüfen Sie, wie schmeckt es Ihnen?«

»Es schmeckt wie der beste Champagner, schäumt aber nicht.«

»Non mousseux, neueste Erfindung. Eben aus Epernay mir zugeschickt. Es hat es noch niemand hier. Darum Diskretion. Was sagen Sie dazu?«

»Der Schaum dünkt mich doch die lockende Fahne, unter der der Champagner die Welt erobert hat. Man soll nie ohne Not seine Fahne aufgeben.«

»Ihre Säuren, Wandel, Ihre Chemie hat Ihnen den Geschmack verdorben. – Ihre Zunge fühlt das Richtige heraus, aber über die Kritik ist Ihnen die petillierende Lust daran vergangen. – Sehn Sie mich an, ich kann mich über die Entdeckung wie ein Kind freuen. – Woran auch sich halten, wenn man nicht bisweilen wieder zum Kind würde!«

»Die Nachrichten lauten übel, Geheimrat. Napoleon ist ein anderer geworden, seit unsere Truppen in ihre Kantonnements zurückgekehrt. Was er fordert, ist nicht mehr der Schönbrunner Vertrag, heißt es. Ja, man spricht, daß Haugwitz wirklich am 15. Februar diesen neuen, noch demütigendern Vertrag abschloß. Er liege jetzt dem König zur Unterzeichnung vor.«

»Liebster, bester Freund, warum hören Sie darauf? Sie brauchen es doch wahrhaftig nicht. Ja, es steht schlimm, sehr schlimm, wir werden noch mehr nachgeben müssen, aber wer ändert es? Sie nicht, ich nicht, niemand. Man muß lavieren und abwarten, bis ein glückliches Changement kommt. Wir sind in einen Sumpf geraten, je mehr wir strampeln, um so tiefer versinken wir. Nur nicht die gute Laune verloren. Hören Sie draußen den Leiermann:

Es kann ja nicht immer so bleiben
Hier unter dem wechselnden Mond.

Da, trinken Sie, oder wollen Sie schäumenden? Ich klingle.«

»Der Wein ist gut, aber er steigt zu Kopf«

»Nun denken sie an den armen Haugwitz! wie es in seinem aussehn muß. Kann er dafür? Verdenken Sie's ihm, daß er sich auch aus Paris nicht beeilt, zurückzukehren? – Die schnaubende Koterie hier in Reiterstiefeln, die Rüchel, Blücher, die Prinzen! Und das Geschwätz, Gesinge, Gebrüll hinter ihnen.«

»Die Gnade Seiner Majestät wird, als schirmender Fittich, ihn vor Outrage bewahren.«

Herr von Bovillard schien bereits in einer behaglichen Weinlaune: »Gewiß. Der König läßt ihn nicht los. Wissen Sie – eigentlich – eigentlich kann er ihn auch nicht leiden, wie uns alle nicht, aber – das ist es eben. – Trinken Sie doch, Wandel, man kann jetzt nichts Besseres tun. C'est le mystère de notre temps, daß wir unentbehrlich sind. Von der Kanaille bis ins Schlafgemach Seiner Majestät – sie können uns alle nicht leiden, möchten uns köpfen, erwürgen, vergiften – von unseren Posten jagen –«

»Wo findet Seine Majestät Staatsmänner –«

Mit einem sehr pfiffigen Blick und einer eigentümlichen Handbewegung fiel der Geheimrat ein: »Er findet sie schon, er braucht nur auf die Straße rauszugreifen –«

»Die Lust haben Minister zu sein, ja, aber Männer Ihres Scharfblicks!«

»Wissen Sie, was Oxenstierna an seinen Sohn schrieb: ›Mein Sohn, du glaubst nicht‹, et cetera. Liebster Wandel, warum denn nicht Wahrheit zwischen uns! Wenn wir uns in dem Spiegel sehn. – Und doch – in keinem Stande Freude, und doch – wir bleiben, wir werden bleiben, und Sie und ich, wir wissen, warum wir bleiben. – Auf das Wohl Seiner Majestät des Königs! – Das begreifen Seine reichsfreiherrlichen Gnaden, der Herr vom Stein nicht. Voilà le miracle! Wie lange ist's nun schon her, daß er uns alle aus dem Sattel werfen wollte! Wenn wir doch Karikaturmaler hätten! Herr vom Stein als Mauerbrecher! Herr vom Stein legt den Widder an, erster Moment. Herr vom Stein fährt fort am Bock zu drehen, zweiter Moment. Dritter, vierter, fünfter et cetera, Herr vom Stein steht noch immer am Bock. Finale: Herr vom Stein schlägt hintenüber, er hat einen Bock geschossen. – Aber Sie trinken ja nicht. Vive la bagatelle! – Schnell, was Neues aus der Stadt.«

»Das Duell hat endlich stattgefunden.«

»Beide maustot?«

»Blut ist geflossen.«

»Hätte nichts geschadet. Warum zanken sie sich! Diese Militär- und Zivilraufereien sind mir in der Seele zuwider.«

»Der junge van Asten hat sich ein Renommee gemacht. Die Offiziere glaubten nicht, daß er den Kampf auf krumme Säbel annehmen werde. Der Kornett ist ein Schläger à merveille. Der Gelehrte ging aber drauflos, und die Herren von der Garde du Corps stecken jetzt wieder die Köpfe zusammen, denn er trieb seinen Gegner Schritt um Schritt bis in die Büsche.«

»Und das Ende vom Liede?«

»Er war an der Schulter verwundet, kaschierte es aber, und als die Sekundanten es merkten, hatte er den Kornett schon in eine verzweifelte Position gebracht. Auf einen Hieb flog der Säbel des Offiziers zu Boden.«

»Und der Kornett mit?«

»Nur ein Fetzen von seinem Ärmel und etwas Fleisch und Blut. Grade genug, um ihn kampfunfähig zu machen, wenn er nicht schon desarmiert gewesen wäre.«

»Und der Held von der Feder versetzte ihm den Gnadenstoß?«

»Bewahre! Er senkte die Waffe, trat zurück und fragte bescheiden die Sekundanten, ob nun der Ehre genug geschehen sei. Man hätte es für ritterlich gehalten, wenn –«

»Ein Roturier ein Kavalier sein könnte«, unterbrach ihn Bovillard. »Qu'importe! Er hat gehandelt, wie man uns vorwarf, daß wir handeln, wir nutzen den Vorteil nicht, der uns in die Hände gespielt ward. – Wandel, Sie haben vielleicht recht. Vive la générosité!«

»Die Sekundanten erklärten nach einer längeren Beratung die Sache für ausgeglichen. Der Fleck am Ärmel, den die Hand gemacht, sei durch den Säbel repariert.«

»Der ihn loshieb!« fiel Bovillard ein und gähnte. »Legationsrat, was wären wir ohne den Witz in Ehren- und Staatssachen! Die Welt wäre längst bankrott ohne die Kunst der Auslegung. Der Starke wirft sein Wort wie Brennus' Schwert auf die Goldwaage; aber der Schwache muß das Körnchen Mutterwitz wie der Goldschläger breitschlagen, um die Risse in der Logik und die falschen Räsonnements zu überkleben.«

»Und das Volk gafft doch das Goldblech an, als wär's massiv.«

»Wozu wär's das Volk und wir die Gescheiten! – Um eine Liebschaft war ja wohl die Affäre? Das Mädchen kann gute Geschäfte machen, es kommt en vogue!«

»Mehr Anwartschaft hätte der junge Gelehrte darauf, der, wie man sagt, aus Galanterie, oder wie einige behaupten, aus Gehorsam für seinen Vater zum Ritter an einer Dame ward, die er nicht liebt.«

»C'est touchant!« sagte Herr von Bovillard und gähnte noch stärker als vorhin.

»Man fängt überhaupt an, von ihm zu sprechen, es wäre ein Charakter. Man spricht aber auch – von Ihrem Herrn Sohn.«

Der Geheimrat, der wirklich müde schien, ward aufmerksamer. Er reckte sich in seinem Stuhl und goß ein frisches Glas Champagner ein, dessen Wirkungen er aber sofort durch ein Glas Wasser paralysierte.

»Wie befindet sich der Patient?«

»Mon pauvre fils! – Mein lieber Freund, wer macht die Erziehung? Ich habe oft darüber nachgedacht. An guten Beispielen – das war's nicht eigentlich, was ich sagen wollte, aber – das zweite Kind des Lupinus ist nun auch gestorben!«

»Ein merkwürdiges Unglück, was diesen Mann trifft. Doch meinen auch viele, es wäre ein Glück, für die Kinder nämlich. Bei der verkehrten Erziehung wäre nie aus ihnen etwas Gescheites geworden.«

»Der Mann! Er Kinder erziehen! Wenn sie nach ihm geschlagen hätten! – Mein Louis, was ich sagen wollte, Heim meinte, es sei keine Gefahr, wenn er sich nur vor Exaltationen hütet!«

»Das wird schwer sein.«

»Das befürchte ich auch. Das Blut seiner Mutter. Was die für Nerven hatte! Ich bin ja bereit, alles zu tun – er hat exzellente Gedanken, aber ich muß Ihnen sagen, ich habe keine Autorité. Im Disput geraten wir immer aneinander.«

»Der junge Herr von Bovillard ist noch in andere Dispute verwickelt.« Wandel sprach es mit kalter Stimme.

»Meinen Sie – die alte Geschichte!« Der Geheimrat warf dabei einen forschenden Blick auf ihn. »Mein Gott, ich glaubte die Kinderei längst beigelegt.«

»Nur reponiert, meine ich, bis Ihr Herr Sohn die Güte haben wird, einen neuen Termin anzusetzen.«

»Mann von Ihrer Klugheit und Philosophie! ich bitte Sie –«, Bovillard war jetzt aufgesprungen und ergriff die Hand, die Wandel halb zurückzog.

»Die Ehrengesetze dieser Welt gehen über die der Klugheit und Philosophie.«

»Er wird zur Einsicht kommen, und Sie sind mein Freund.«

»Und gewiß der Freundschaft jedes Opfer zu bringen bereit, nur nicht meinen unbefleckten Namen.«

»Wer redet davon! Überlassen wir den Kavallerieoffizieren den krummen Säbel; wozu sind wir Philosophen! Die diplomatische Kunst wird mildere Lösungsmittel finden, als ein Stück vom Ärmel, und vom Fleisch dazu! Liebster Legationsrat, das findet sich ja.«

»Wenn ich als Beleidigter den ersten Schuß hätte, versteht es sich, daß, wo der Sohn meines Freundes vor mir steht, ich in die Luft feuere. Ihrem Herrn Sohn bleibt dann Überlassen, zu zielen, wohin er will.«

Bovillard hatte Wandels Arm an seine Brust gedrückt. »Wir verstehen uns ja. Exzentrisch ist er, aber Louis ist kein schlechter Mensch.«

»Wenn ich die Freude erlebte, daß mein Freund Bovillard in seinem Sohne einen nützlichen Staatsbürger gewönne!«

»Er schwärmte auch einmal für die Gloire Napoleons. Wer weiß, ob diese Phantasien nicht rediviv werden.«

»Er soll jetzt für einen andern Gegenstand schwärmen: Die Fürstin Gagarzin behauptete neulich konfidentiell, die eigentliche Krankheit der schönen Mamsell Alltag sei nichts anderes als kaschierte Liebe. Die Geheimrätin Lupinus ist in ihren Mitteilungen sehr diskret. Wenn ich indes aus einigen hingefallenen Äußerungen schließen darf –«

»Sind Sie neidisch, daß mein Junge Glück hat bei den Frauen?«

»Nur ein väterliches Erbteil! Wie ich höre, frequentiert er auch die Zirkel der russischen Fürstin. Er ist gern aufgenommen. Sollte dies mit den Wünschen und Absichten seines Vaters konvertieren?«

»Was geht es mich an! – Aber was geht es denn Sie an?«

»Nicht das geringste, wenn Ihr Sohn nicht den Namen seines Vaters trüge. Die Fürstin ist eine liebenswürdige, feine, geistreiche Dame, aber sie gilt, mit Recht oder Unrecht, als die geheime Agentin Rußlands, man behauptet, daß sie mit Alexander in intimeren Verhältnissen gestanden. Ich gebe nichts auf diese Insinuationen, aber wer ihren Umgang sucht, wer viel in ihrem Hause erscheint, entgeht dem Verdacht nicht. Das kann in diesem Augenblick bedenklich werden, da Napoleon – Genug, ich weiß, die Besucher des Hotels werden an jedem Abend verzeichnet und dann nach Paris telegraphiert.«

Bovillard lachte auf, indem er jetzt erst die Serviette fortwarf: »Wissen Sie, wer am meisten bei der Gargazin gesehen wird? – Laforest! Konspiriert er vielleicht gegen Napoleon? Vielleicht aber ist er auch nur da um der Mamsell Alltag willen oder um Komtesse Laura. Die ist jetzt auch ein Schoßkind der Fürstin. Duroc war auch bei ihr. Wissen Sie, was ich rausgebracht habe? Sie will die Alltag zu etwas machen, entweder zu einer Pompadour oder zu einer Heiligen. Sie erwartet nur Order deshalb aus Petersburg. Werter Freund, unter Freunden reinen Wein, was kümmert Sie mein Sohn bei der Gargazin?«

»Nicht der Sohn, nur die Auslegung, welche man seinen Schritten geben könnte.«

»Sind Sie so sehr um die Auslegung besorgt, welche die Leute den Schritten distinguierter Personen geben?« sprach Bovillard, ihn scharf fixierend. »Wissen Sie, wie man Ihre Schritte hier auslegt?«

»Ein unbedeutender Privatmann, der neben seinen wissenschaftlichen Studien nur als Dilettant in die politischen Kreise dringt, entgeht wohl der Ehre dieses Skrutiniums.«

»Haugwitz schreibt mir konfidentiell aus Paris. Für schweres Geld hat er eine Kopie der Personalbemerkungen über Berlin erwischt. Hören Sie, da sind doch Dinge drunter! – Haugwitz wird sich hüten und es drucken lassen. Laforest selbst weiß das nicht alles; es stecken andere dahinter. Liaisons dekuvriert, die wir nicht ahnen konnten. Sie standen doch mit Eisenhauch in keiner Verbindung?«

»Es bedurfte keines Seherblicks, um die feuerfangende Nähe zu erkennen.«

»Man weiß in Paris, was er vorm Zubettgehen mit seinem Bedienten sprach, seine Lektüre vorm Einschlafen, seine Briefe, die er schrieb und wieder zerriß. Ein wahres Glück, daß wir ihn los sind, aber – wissen Sie, was von Ihnen dasteht?« fragte Bovillard mit einem schlauen, scharfen Blick.

Wandels blaßgelbes Gesicht verfärbte sich nicht, nur ein flüchtiger Glanz belebte das dunkle, kleine Auge, um sofort in ein mokantes Lächeln überzugehen: »Vielleicht ist es entdeckt, daß auch ich die Zirkel der Gargazin besuche.«

»Pah! Drei Reihen Chiffren, die Haugwitz' Sekretär nicht dechiffrieren konnte, und dann mit andrer Hand imperatorisch flüchtig danebengeschrieben: ›Wieviel würde er kosten?‹«

»Sie wollen mich doch nicht stolz machen, Bovillard! Um die nackte Klippe des Ehrgeizes ist mein Lebensschiff gesegelt.«

»Solange sie nackt aussieht. Wenn man aber im Vorbeisegeln zwischen den Riffen eine fette Trift entdeckt, legte mancher wieder bei.«

»Es ist für mich eine durchaus sterile Insel.«

»Wohin denn? Das ist die Frage.«

»Ich verstehe die Legitimation derselben nicht.«

»Ich frage als Freund. Wo hinaus? Man muß doch endlich mit Ihnen ins reine kommen. – Ich wiederhole Ihnen: Mich täuschen Sie nicht. Sie sind kein Saint-Germain et cetera. Sie sind von unserm Fleisch und Blut. Halb nur wie ein Lebemann, halb wie ein Kartäuser in einem Schneckenhaus. Das Leben in Berlin ist teuer, auf Gold sitzen Sie nicht, und Gold machen Sie nicht. Sie mögen ein vortrefflicher Ökonom sein, aber Ihre thüringischen Güter verbessern Sie nicht in der Apotheke des Herrn Flittner. Die Delicen der Wissenschaft gönne ich Ihnen; wer aber den Champagner wie Sie über die Zunge schlürft, will sie nicht wie die Pedanten um ihrer selbst, er will etwas daraus für sich präparieren. Sie greifen nicht nach dem Monde, aber Sie erscheinen wie er aus der Wolke, um wieder dahinter zu verschwinden. Das ist hübsch, um Kinder zu erschrecken und zu amüsieren, ein Mann will etwas anderes, als Laterna-magica-Bilder auf die Wand werfen.«

»Meine Vermögensumstände, die niemand kennt, erlauben mir –«

»Sie schweifen ab. Auch ein Krösus will noch mehr. Was wollen Sie? – Daß man das nicht weiß, wirft einen Schatten auf Sie. Wie lange sind Sie schon in Berlin? Ihr paraît et disparaît verstärkt den Verdacht; glauben Sie mir, alle Ihre Gefälligkeiten werden um deshalb falsch ausgelegt, und das ist es, was Haugwitz, ich will nicht sagen, zu Ihrem Feinde macht, aber er hat eine Scheu vor Ihnen, er fürchtet Sie. Mein Gott, wir sind ja unter uns. Wollen Sie sich Napoleon verkaufen, haben Sie sich schon verkauft? Tant mieux, er bezahlt gut. Auf meine Diskretion können Sie rechnen. Es sind viele erkauft und doch gute Patrioten. Sie haben nicht einmal eine Pflicht zu brechen, und – wie gesagt, mich geht's nicht an. L'amitié surpasse la trahison. Enfin, wir sind ja auch Napoleons Freunde.«

Der Legationsrat hatte die Stirn in Runzeln gelegt. Er stand wie in sich versunken, mit verschränkten Armen, den Blick, der in weite Fernen zu streifen schien, von dem Manne abgewandt, welcher eben so eindringlich zu ihm gesprochen. Es schien ein Selbstgespräch:

»Wer dieses Meteor ergründete! Ob er wirklich der Wandelstern, der im Kreislauf der Äonen wiederkehrt, wenn seine Zeit kam, die unsre Schwäche nur nicht ermißt, oder – nur die blitzende Nachterscheinung, der Komet, der seinen Schweif betäubend über unsere Häupter rasselt. Wir stehen gebeugt unter dem Hagel seiner Meteorsteine und –« Er hielt inne und atmete tief. »Und wer sich selbst getreu blieb, wird auch hier sich nicht betäuben lassen. – Nein – nein – auch diese Sonne von Austerlitz hat trübe Flecke. Groß und strahlend, aber je mehr sie der Mittagshöhe sich nähert, um so mehr sehe ich sie schwanken, zittern vor sich selbst. Auch er wird untergehen, indem er sich selbst überhebt. Nur wer fest und bewußt – ach, mein Gott!« fuhr er fort, aus seiner Träumerei erwachend. »Ich vergaß mich da in Gedanken, die nicht hierhergehören. Groß ist er, aber – sichrer der, der sich an keine Größe lehnt, nur auf sich selbst.«

Der Legationsrat hatte sich verrechnet, wenn er gemeint, auf den Geheimrat damit einen Eindruck zu machen. Dieser hatte sich ruhig ein neues Glas eingeschenkt, und mit derselben Behaglichkeit ließ er es über die Zunge gleiten, die er vorhin an Wandel gerügt oder gerühmt.

»Sie wollen also mit Napoleon nichts zu tun haben? Votre plaisir! Aber, merken Sie sich, Haugwitz ist ängstlich inquietiert. Er gibt Winke, wie man Sie beobachten soll. Wenn Sie also keinen Passepartout von Napoleon in der Tasche haben –«

»Die Aufmerksamkeit, welche Herr von Haugwitz meiner unbedeutenden Persönlichkeit schenkt, möchte mir schmeicheln, wenn –«

»Sie keine andern Absichten hätten. Gehn Sie mit sich zu Rat, entscheiden Sie sich, aber bald. Wir sind nun ganz wieder in unsrer Aisance, wenn er zurück ist. – Haugwitz bleibt. – Der König ist seelenfroh, wenn er nichts zu ändern braucht. ›Es stiefelt sich fort‹, sagen die witzigen Berliner, und eines Morgens könnte Haugwitz etwas einfallen – das passiert auch manchmal an einem Feiertage – der Polizeikommissarius klopft an Ihre Tür mit der Bitte, sich schnell anzuziehen, und Sie werden eingepackt. – Da haben Sie die Bescherung. Man tituliert's höhere Staatsrücksichten, im Grunde genommen ist's nur eine Indigestionslaune. Sie sind ein Mann von großer Klugheit –«

»Der indes bei Verbindlichkeiten, die er eingeht, den Charakter und sein Gewissen immer berücksichtigt –«

»Et cetera, bravo!« sagte der Geheimrat und klopfte ihm auf seine Schultern. »Wozu noch Flausen. Das übrige wird sich finden. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen – Excuse! –, wenn er uns nicht hülfe, die Antipathie zu beschwören. Haben Sie nicht sympathetische Tropfen? Apropos! da fällt mir unser Mirakel ein, unser Liebespaar. Haben wir's da nicht durchgesetzt? Das verloren wir ganz aus den Augen. Wie steht es? – Das ist der Fluch eines Staatsmannes, sein Liebstes muß er opfern dem Dinge, was das dumme Volk – wie steht's, Legationsrat?«

»Der Dépit amoureux ist eine passagere Erscheinung. Die Gargazin, die uns aus Gefälligkeit beistand, ist der Sache überdrüssig.«

»Die gute Fürstin möchte alle Welt glücklich sehen. Aber Haugwitz – das ist's, was ich sagen wollte. Der arme Haugwitz muß jetzt eine Rekreation haben nach so viel Verdruß! Ein, zwei Fliegen stören uns nicht, aber das Fliegengebrumm, wenn wir schlafen wollen, ist fatal. Recht was Exquisites! Strengen Sie Ihren Scharfsinn an, etwas zum Totlachen, bedenken Sie, es gilt fürs Vaterland.«

»Durch den Aufschub ist die Sache verdorben. Die Glut der ersten Leidenschaft ist abgekühlt. Sie ist beruhigt, weil er nicht in den Krieg geht. Das Weitere, denkt sie, wird sich finden, oder es wird sich auch nicht finden. Was mit larmoyanten Menschen machen, die von Seelenadel zu sprechen anfangen und von der Läuterung durch Entsagung! Ein Schauspiel für Engel mag es sein, wenn sie sich so par distance im Theater anschauen, die Augen verschwimmen, und um die Lippen ein wehmütiges Lächeln schwebt, aber –«

»Rhabarber und Seelenadel stehn bei mir auf einer Stufe. Ich weiß nicht mehr, wo ich es neulich las: ›Das entnervt die Seelen und Körper: dies verhimmelnde Schwärmen raubt unserm Geschlecht die warmblütige Kraft zur Tat.‹ Und wir brauchen ein rüstiges Geschlecht. Also, teuerster Mann, Ihren ganzen Scharfsinn drauf, fädeln Sie was Neues ein. Man sagt, sie hätte Scheidungsgedanken.«

»Pfui! das ist unmoralisch. Ich meine, man könnte ihr das Unsittliche einer solchen Handlung vorstellen lassen.«

»Wenn nur ein Duell zwischen dem Rittmeister und dem Baron zu ermöglichen wäre!«

Der Legationsrat schüttelte den Kopf

»Wer dem Baron eine Kugel vor den Kopf schösse, was ich natürlich nur im Scherz sage, täte übrigens dem Staate einen rechten Dienst.«

»Im Ernst?«

»Sein Tuch, 's ist ein Skandal. Wenn man solche Montur gegen die Sonne ausbreitet, können die Wespen durchfliegen. Ich sagte es ihm neulich. Was antwortete er? Er hätte 's so eingerichtet, daß die Kugeln der Staatskasse keinen Schaden täten. Ich liebe nicht solchen frivolen Witz in ernsten Dingen. – Sie sind nachdenklich, Wandel? Sie sehn nach der Uhr.«

»Einige nennen ihn einen schlechten Menschen.«

»Pah! Seine Mätressen bezahlt er gut, unser Tuch macht er schlecht. Aber im Grunde genommen, was geht's uns an; wir haben Friede. Noch keinen Einfall?«

»Doch – vielleicht. Bei ihm ist Hopfen und Malz verloren. Wie aber, wenn man sie eifersüchtig machte?«

»Auf ihres Mannes kleine Liaisons? Was hülfe uns das?«

»Nein, auf den Rittmeister. Er sah neulich die neue Choristin mit dem Operngucker sehr eifrig an. Wenn es gelänge, sie aus ihrer Seelenruhe aufzustacheln? Wenn sie außer sich geriete, sich fortreißen ließe –«

»Nun, was besinnen Sie sich?«

»Es ist nur ein flüchtiger Einfall – schwierig, aber möglich ist alles –, wenn sie in ihrer Verzweiflung ihren Mann zu Hilfe zöge.«

Ȃa serait le comble du ridicule

»Aber nichts Neues. Wie gesagt, alles noch embryonisch dunkel, aber sie muß jetzt mit dem Rittmeister aneinander. Das ist mir klar; es gibt kein ander Mittel.«

»Wenn es nur zum Rechten führt.«

»Dafür lassen Sie mich sorgen.«

»Wohin so eilig?«

»Zur armen Geheimrätin! Ach, eine Unglückliche! Die bedarf des Trostes!«

»Bleiben Sie mir mit der vom Leibe. Ich kriege Bauchgrimmen, wenn sie mich lange ansieht.«

»Das ist eine unglückliche Frau! Nun auch das zweite Kind!«

»Es waren doch robutante Geschöpfe. Sie kann sie unmöglich liebgehabt haben.«

»Der Idealismus weiß von einer Liebe, die gerade das ihm Unangenehme mit zärtlichen Armen umfaßt, einer Liebe, die ihre ganze Innigkeit und Wärme ausströmt auf die Subjekte, welche es am wenigsten empfinden und, statt es zu erwidern, mit Undank belohnen, eine Liebe, die sich gefällt, immer zu geben und zu opfern, ohne wiederzunehmen, ja, die ihre höchste Befriedigung in der Empfindung sucht, von Verkennung und Undank heimgesucht zu sein.«

»Das ist nicht unsre Sorte von Liebe, nicht wahr, Wandel?«

»Die Weit ist mannigfaltig. Bewundern darf man doch die Märtyrer, auch wenn man sich nicht berufen fühlt, ihnen nachzufolgen.«

»Par distance! – Warum nahm sie aber die Kinder zu sich!«

»Warum! – Warum nahm sie ihren Mann? Sie hat den Geheimrat nie geliebt. Um ihn zu pflegen. Warum nahm sie die Alltag zu sich? Aus Liebe doch nicht zu dem eigensinnigen Geschöpfe? Mein Herr Geheimrat, Männer wie wir sind über die Ungerechtigkeit der Welt hinaus, wir warten nicht auf den Dank, aber erlauben Sie mir, wenn ich die Frau unglücklich nenne, die für die Anstrengungen ihres warmen Herzens, andre glücklich zu machen, nichts erntete als Verkennung.«

»Liebster Legationsrat«, entgegnete Bovillard, »erlauben Sie mir, nichts darauf zu sagen als: les goûts sont différents

»Ich wünschte, Sie hätten sie am Schmerzenslager der kleinen Malwine gesehen. Weil sie nicht weinen konnte, das hat man auch getadelt.«

»Die Kinder sollten ihre Erben sein; wer kriegt's denn nun? In ihrer Familie ist alles ausgestorben. Mit der einen Seitenbranche ist sie spinnefeind.«

»Unnatürliche Feindschaft in Familien! Vielleicht kann man da freundlich zu einer Verständigung einwirken.«

»Lieber vermacht sie's Kapuzinern. Und fünfundneunzigtausend Taler unter Brüdern!«

»Ich glaubte nur achtzigtausend!«

»Vor dem letzten Heimfall. Aber – fünfzehntausend in Obligationen – Sie können sich drauf verlassen – fielen auf ihr Teil aus der Konkursmasse ihres Onkels. Und man muß doch auch rechnen, was vom Geheimrat dazukommt, wenn er früher stirbt –«

»Wenn er früher stirbt.« Wandel hatte es so gedankenlos, oder in Gedanken versunken, gesagt, als er gedankenlos mit seinen Handschuhen gespielt. Er reichte zum Abschied dem Geheimrat die Hand. »Wenn nicht mehr – ich wollte sagen, wenn Sie der verlassenen Isolierten nur ein stilles Plätzchen der Teilnahme in Ihrem Herzen schenken wollten!«

»Bleibt ein ehrenwerter Mann«, sprach Bovillard, als er fort war, »nur zuviel Sentiment.«

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