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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Achtzehntes Kapitel.
Die Patrioten trennen sich.

»Was tun Sie, Herr von Eisenhauch!«

»Was die Ehre mir gebietet.«

»Keine Übereilung, die Sie bereuen könnten.«

»Ich bereue nur, daß ich zu lange vertraut.«

»Wenn jetzt die Freunde des Vaterlandes zurücktreten –«

»Wer sagt, daß ich zurücktrete, Herr von Fuchsius!« Der Major hielt in der Arbeit inne, die ihn ganz zu beschäftigen schien. Er packte hastig an einem Felleisen, während ein anderes schon vom Diener zur Tür hinausgetragen ward. Waffenstücke, Hüte und Mäntel hingen umher, und zwei Pferde stampften am Hause vor einer leichten Reisekalesche. Es schien nichts Heimliches, was hier verhandelt ward, denn der Major mäßigte nicht seine Stimme, wenn die Diener eintraten, noch sprach er leiser, wenn sie die Tür beim Fortgehen offenließen.

»Wer sagt, daß ich zurücktrete! Ich verzweifle nicht an unsrer Sache, mein Herr, auch noch nicht an unserm Vaterlande, und ich verzweifle auch nicht an diesen hier, denn man kann nur verzweifeln, wo man hoch hoffte.«

»Major –«

»Nicht mehr in preußischem Dienst. Meinen Abschied, der jetzt ausgefertigt wird, haben Sie die Gefälligkeit und schicken ihn mir nach oder verbrennen ihn. 's ist gleichgültig.«

»Wohin?«

»Nach Österreich, solange noch da ein Funken glimmt. Nach Rußland, England, Spanien, wohin es sei, wo Herzen schlagen, Männer atmen, welche noch ein Gefühl für Schande haben.«

Fuchsius hatte die Tür zugedrückt. Es war ein Absteigequartier, und ihm schien die Unterhaltung nicht geeignet, um von andern Hausbewohnern belauscht zu werden. Aber Eisenhauch rief in der Arbeit:

»Wenn es Sie nicht geniert, was mich betrifft, mögen Napoleons Spione alles hören.«

»Nur ein Wort. Großfürst Konstantin und Fürst Dolgoruki sind hier. Noch ist nichts verloren. Sie belagern den König, sie dringen in ihn, daß Preußen ein entscheidendes Wort spreche.«

Eisenhauch lachte auf.

»Lachen Sie nicht. Keine Sprache ist hier so wirksam als die russische.«

»Sagen Sie, als die der Furcht. Als ich bei Ihrem Minister den Abschied forderte, drückte er mir die Hand ans Herz, wenigstens an den Platz, wo eins schlagen sollte.«

»Und –«

»›Sie kommen meinem Wunsche zuvor‹, versicherten mich Seine Exzellenz, ›denn Ihres Bleibens wäre hier doch nicht länger. Napoleon würde Ihre Auslieferung fordern, und Sie ersparen uns durch Ihren hochherzigen Entschluß die Unannehmlichkeit, Sie ausweisen zu müssen.‹ – Von einer Übereilung, Herr von Fuchsius, ist daher, wie Sie sehen, nicht die Rede. Ich fliehe, damit man mich nicht einsperrt, ich mache mich beizeiten aus dem Staube, damit man mich nicht verfolgt.«

Fuchsius hatte sich, das Gesicht bedeckend, auf das Kanapee gesetzt.

»Und doch wage ich zu behaupten«, sagte er, während der Major im Packen fortfuhr, »Sie übereilen sich. Vergönnen Sie mir, mit der Ruhe gegen Sie auszusprechen, die ich mir erst sammeln muß, vielleicht als ein Produkt Ihrer Unruhe. Wo schöpft nicht der Trostlose Trost! – Haugwitz' Aufträge, als er nach Brünn abreiste, waren auf keine Niederlage berechnet. Die Klugheit gebot ihm, wie die Dinge standen, zu verschweigen, was er unter andern Umständen sprechen sollte.«

»Und ließ sich, ehe die Dinge standen, wie sie stehen, mit einem gnädigen Zornblick nach Wien komplimentieren. Ließ sich mit einem Schnalzen wie ein Hund beiseite schieben, damit Napoleon bei Austerlitz ungestört schlagen konnte. Sah vom Stephansturm mit einem Fernrohr nach Mähren, um seine Worte abzuwiegen, je nachdem, ob er zum Sieger oder zum Besiegten zu sprechen hatte. Höll und Teufel – verzeihen Sie, mein alter Freund – ich weiß auch, was Diplomatie ist, aber Machiavell ist ein Stümper vor solcher Politik. Die Reise nach Mähren wird ein Brandfleck bleiben in der preußischen Geschichte, ich fürchte, er zerlöchert das ganze Buch. Der boshafteste Feind hätte nichts Schlimmeres ersinnen können. Doppelzüngigkeit ist ein mildes Wort. Doppelsinnigkeit! eine doppelte Sinnlosigkeit, denn man weiß heute nicht, ob uns Österreich oder Rußland mehr hassen oder Napoleon mehr verachten muß. – Wissen Sie's zu verteidigen?«

Der Regierungsrat sagte nach kurzem Schweigen: »Nein! – Ich überlasse Ihnen das volle Verdammungsrecht über das, was geschehen ist. Aber es ist noch nicht alles geschehen!«

»Der zweite Baseler Frieden ward in Schönbrunn geschlossen, zehntausendmal schmählicher als der erste. Wollen Sie ihn noch durch einen dritten überbieten lassen!«

»Der Vertrag von Schönbrunn ist noch nicht ratifiziert, Herr von Eisenhauch. Bis er es ist, lassen Sie uns, lassen Sie mich wenigstens hoffen. Wir sollen Ansbach an Bayern abtreten, Cleve, Wesel, Neuchâtel an Frankreich, und erhalten dafür das Danaergeschenk, die Erlaubnis Napoleons, uns an Hannover schadlos zu halten. Mein Herr, lassen Sie uns hoffen, daß wir diesen Brocken, an dem der Adler ersticken soll, nicht annehmen! Unser Militär knirscht vor Wut und Erbitterung, es ist ein schlagfertiges Heer; zum Kriege ausgerückt. Soll es ohne Krieg zurück? Hören Sie, wie man laut ruft, von den Prinzen und Generalen bis zu den Unteroffizieren und Gemeinen: des Staates Ehre ist verpfändet; die Minister haben sie verkauft, an uns ist es, sie wieder einzulösen. Rußland operiert offen, geheim. Hat Österreich keine Stimme an unserm Hofe? Es ist still erbittert wie nie zuvor. Horchen Sie durch die Straßen, in den Wirtshäusern, es ist nur eine Stimme: Noch ist der Augenblick, zu handeln! Hören Sie in jeder Gesellschaft, wo zwei, drei zusammenstehen, die Wut gegen Haugwitz. Es ist kein Tadel mehr, es ist ein allmächtiges Gefühl, das kaum mehr Worte findet. Männer mit weißem Haar spucken beim Namen des Mannes. Er hat Preußens Ehre verkauft! Ein Glück für ihn, daß er nicht hier ist. Die Männer der Clique getrauen sich nicht bei hellem Licht über die Straße; man würde –«

»Vielleicht einen Stein aufheben«, rief Eisenhauch, den Koffer zuwerfend, »aber ehe man ihn wirft, würde man sich besinnen, es sei doch vernünftiger, ihn nicht zu werfen. Der Stein könnte ja ein Loch in den Kopf werfen und den Kopf doch nicht öffnen. Was man würde, könnte, möchte, dürfte, das ist alles vortrefflich, was man weiß, ist die Weisheit selbst, aber der Haken ist, daß man nicht tut, was man könnte, möchte, dürfte, und daß, was man weiß, die Erkenntnis zuschanden wird an der Gespensterfurcht vor dem Entschluß.«

»Ich gebe Ihnen ja alles zu, aber jetzt ist die Volksstimme wie ein Strom, der seine Eisdecke bricht. Die Wut kennt keine Zügel mehr nach dieser Enttäuschung. Alle Wut ist blind, wollen Sie mir einwerfen, aber diese ist intensiv und kritisch zugleich. Das ist ein neues Symptom. Man fragt: Warum mußte Haugwitz so lange zaudern? Warum reiste er so langsam? Warum ließ er sich wie ein Junge in Brünn behandeln? Warum wie eine petite femme, die man bei der Schlacht nicht braucht, nach Wien schicken? Was würde Friedrich zu solcher Vollstreckung seiner Befehle gesagt haben? Seinen Kopf hätte es einem solchen Abgesandten gekostet. Dem Grafen wird es den Kopf nicht kosten, und man fragt schon jetzt, warum? Man wird es immer dringender fragen. Wie lautete sein Auftrag, der ihm so zu handeln erlaubte? Warum reist er so langsam zurück, als er langsam hingereist ist? Warum darf er blumenreiche Zeitungsartikel in die auswärtigen Blätter senden, die uns in den Wahn einlullen sollen, seine Mission sei geglückt, er habe nur ausgerichtet, was sein König ihm aufgetragen? Wer ist hier der Betrogene, wer der Verräter? Klimpert französisches Geld in seiner Tasche, oder ist er der stumme Dulder, der eines andern Schuld heroisch auf seine Schultern nimmt? Das, Major, fragt man, man fragt es laut, und Männer fragen es, vor denen unsre Höchsten Respekt haben.«

»Aber was hilft die schärfste Frage, auf die ich keine Antwort bekomme?«

»Preußen sucht zu vermitteln. – Lachen Sie nicht. Zu anderer Zeit würde ich mit Ihnen lachen, jetzt ist es das einzige Mittel, um Zeit zu gewinnen. Der König ist ratloser denn je in diesem Gedränge der Parteien und Leidenschaften. Man hat mit Lord Harrowby negoziiert, daß die englische Legion, die bei Stade gelandet, einstweilen in Hannover nicht vorrücken soll. Obrist Pfuel ist an Haugwitz gesandt; er soll den Abschluß hinhalten, er soll Seine Majestät den König als Vermittler der ganzen europäischen Wirren in Vorschlag bringen. Er soll den Gedanken an einen großen, allgemeinen Fürstenkongreß anregen, auf dem alle streitigen Fragen entschieden würden, und in diesem Augenblick ist auf dem Palais eine Sitzung der Minister, die schon mehr als einmal stürmisch wurde –«

»Und in süßem Frieden endete«, unterbrach Eisenhauch.

»Sie wissen davon? Ich flog nur, als ich von Ihrem Entschluß erfuhr, Sie aufzusuchen.«

»Pfuel ist zurück. Er traf unterwegs den zurückkehrenden Haugwitz und hielt, nach den Mitteilungen desselben, seine Mission nicht mehr für nötig. Wird man nun Pfuel den Kopf zu Füßen legen? – Ei bewahre! Er handelte nach Rücksichten und Intentionen, die unser beschränkter Verstand nicht begreift. Heut in der Ministersitzung, nachdem die Köpfe warm geworden, man die patriotischen Reden gehört, ist man zum Beschluß gekommen: Kein Krieg! Denn Krieg ist ein großes Übel, dessen Folgen niemand absieht.«

»Widersprach denn niemand!«

»Sie weinten sogar. Das treue Ansbach fahrenzulassen! – Nun, Bayern wird ihm auch ein gütiger Herr sein! – Aber Hannover den Engländern nehmen, unseren besten Verbündeten! Man tröstete sich mit dem schönen Gedanken: es kann ja nicht immer so bleiben, darum muß es einmal besser werden. Einstweilen soll aber alles so bleiben, bis – hören Sie – bis zum allgemeinen Frieden! Dann werden alle Völker, Fürsten, sogar die Staatsmänner vernünftig werden. Die Engländer auch; sie werden um des allgemeinen Besten willen Hannover freiwillig abtreten.«

Der Regierungsrat sprang auf: »Beim Himmel, es ist nicht Zeit zu Epigrammen.«

»Bittre Wahrheit, liebste Fuchsius. Der Sturm im Ministerrat ging in ein sanftes Adagio aus. Man schwärmte, da man nicht Mut hatte, für sich selbst zu handeln, wie es notwendig für das Wohl der allgemeinen Menschheit!«

»Und Stein – auch Hardenberg?«

»Überstimmt. Und weil sie überstimmt, fügten sie sich. Man darf doch nicht gegen den Strom schwimmen. Es gab sanfte Händedrücke, beinahe kam's zu Umarmungen.«

»Finis Germaniae!« seufzte der Rat.

»Gott bewahre! Der Fisch Germanien kann noch lange zappeln. Tausend Harpunen ihm ins Herz, sein Blut ins Meer verspritzt, er lebt doch, er ist eine geduldige Bestie und schnappt immer wieder nach jedem neuen, glänzenden Köder, den ihm ein listiger Nachbar hinwirft. Will er nicht, so braucht er nur zu drohen, dann frißt er doch.«

»Genug! Leben Sie wohl!«

»Nein, Bester, jetzt wird sich erst der eigentümliche Glanz der Staatskunst entfalten. Nichts tun, und wenn man in der Klemme steckt, sich justifizieren und glorifizieren, daß man die Hände in den Schoß gelegt. Warten Sie nur auf die herrlichen Staatsschriften und Zeitungsartikel. Das wird salbungsvoll riechen. Mit Humanität und Philosophie und Christentum wird man dem Volk beweisen, daß die Weisheit selbst nicht weiser hätte handeln können. Die guten Bürger werden sich die Augen wischen vor Rührung, und das ›Heil dir im Siegerkranz‹ wird noch einmal so schön klingen, als wenn der König gesiegt hätte. Man wird auf uns hetzen, die wir gehetzt haben, bis das Volk es glaubt, daß wir nur ehrgeizige, unruhige Köpfe waren. Sie glauben nicht, was dies Volk glaubt, wenn man ihm sagt, daß wir seine Fleischtöpfe am Feuer verrücken wollten. Man wird anrüchig werden, wenn es heißt, daß man zur Kriegspartei gehört hat. Salvieren Sie sich beizeiten. Spitzen Sie Ihre Feder, auch Sie werden Artikel für den Frieden schreiben müssen.«

»Nimmermehr! – Ich nehme meinen Abschied!«

»Das hat mancher gesagt, und bleibt doch – aus höherer Staatsräson. Weshalb auch um solche Bagatell, als eine Meinung ist, seine Existenz aufs Spiel setzen!«

»Herr von Eisenhauch!«

»Nichts Persönliches! Gott bewahre! Die Personen verschwimmen wie die Charaktere in diesem Mengelmus. Da tut der Beste am besten, wenn er still mitschwimmt. Wo steht denn geschrieben, daß wir nicht niederträchtig denken, nicht feig handeln sollen? Nur einen Brei sollen wir darum kneten, einen Firnis des Anstandes. – Und dann, ja man muß sich für eine bessere Zukunft konservieren.«

Der Regierungsrat blickte ihn ernst-wehmütig an: »Wir gingen so lange miteinander! Sollen wir so scheiden!«

»Ein zerronnener Traum! Preußen hatte die Aufgabe, Deutschland zu retten, es hat sich nicht selbst zu retten gewußt. Den letzten Rest seiner öffentlichen Ehre hat es geopfert, selbst den Rest der Ehrlichkeit, auf die es sich brüstete, warf es in den Tiegel.«

Der Rat ging im Zimmer auf und ab; er sah nicht, was auch dem Militär entging, daß ihr lautes Gespräch einen Vorübergehenden angelockt, der an der Schwelle der geöffneten Tür stehenblieb.

»Unterscheiden Sie wenigstens die Nationen von – denen, die Sie brandmarken.«

»Wer ist die Nation? Wo sitzt sie? Wo schlägt ihr Herz, wo drück ich ihre Hand? Das ist die ungeheure Täuschung, daß wir dieses Konglomerat von Gliedern für einen organischen Körper ansahen. Hier, wo alle Adern zusammenfließen sollen, glaubte ich das Herz gefunden zu haben. Was fand ich? Zwei Rassen, man sollte meinen, von verschiedener Abstammung, Sprache, Hautfarbe, wie Niebuhr die Römer sezieren will. Zwei Rassen, die sich ausweichen, verachten, hassen, Militär und Zivil genannt! Dies Militär knirscht freilich, aber was hilft uns das Knirschen der Maschine mit knarrenden Rädern! Dieser Koloß ohne Elastizität kann noch zermalmen, nicht mehr retten, befreien, weil ihm der Odem fehlt. Der Mensch, der Mann, der Bürger, ja der Ritter selbst, ging unter in der vielgelobten Disziplin. Da sollen wir Kämpfer, Paladine suchen für die ewigen Güter der Nation, wo Gefühl dafür, Bewußtsein, der feurige Wille zum Verbrechen ward! Ein paar elende Kreaturen, gehaßt, verachtet von allen, selbst von denen nicht geliebt, in deren Stimmungen sie sich einhüllen, um sie im Schlaf zu beherrschen, die sind wichtiger als dieses mächtige Heer. Was ist nun dieser gewaltige separierte Teil der Nation, den man als ihr andres Selbst im Auslande betrachtet, wenn sein zornschnaubender Hauch nicht mal diese Lumpenmänner fortbläst!«

»Die Nation besteht nicht allein aus dem Militär.«

Der Major war sonst kein Mann von vielen Worten, aber, wenn eine Schleuse geöffnet, hältst du das Wasser nicht zurück. Die Feuersäule, die ein Haus ergreift, sprüht mit dem trocknen Gemüll auch Gebälk und Steine in die Luft.

»Ich kenne nun auch die andern. Durch das Geflimmer der Worte sah ich ihre Wahrheit. Viel buntes Glas, einige böhmische Steine und wenige Diamanten; durch die gutgeschliffenen Gläser glänzt es von fern wie ein Eldorado. Große Versicherungen und kleine Taten, ein beständiges Streben nach dem Höchsten, aber der Weg führt durch Moor und Sandsteppen des Albernen und Frivolen. Auf Stelzen vor Freund und Feind, und wenn sie die Tür zuschlossen, spotten und lachen sie über sich selbst. Gedanken, große und schöne, aber wie Irrlichter; sie erblassen schon auf der Lippe. Vom Boden habt ihr euch gelöst, der dürftigen Natur, die euch der Himmel anwies. Ihr konntet wie Sturmvögel euch andre Regionen suchen, aber nun flattert ihr, von euren ermatteten Adlern verlassen, zwischen Himmel und Erde und wißt nicht, wohin. Überall vor Rücksichten scheuend, zittert ihr vor eurer eignen Kraft. Ums euch nicht zu gestehen, woran ihr krankt, am Glauben an euch selbst, hüllt ihr euch in Wolkenpaläste und klammert euch an Systeme, die beim nächsten Sturmwind zerrissen sind. Dies Scheinleben ist das Zehrfieber, das euren Staat vom Wirbel bis zur Zeh entnervt. Eine angezündete Fackel wollten sie neulich schleudern, ein Weltbrand sollte es werden, aber sie waren zufrieden mit Kolophoniumblitzen. Da, in den Flammenzuckungen dieses verunglückten Theaterabends konnte man die ganze Misere erkennen. – Auf dem Theater sollte die Welt zurechtgelegt werden, und mit Recht, denn diese Welt ist nur eine Theatervorstellung. Man spielt sich selbst und ist zufrieden, wenn man gut gespielt hat.«

Fuchsius hatte mit verschränkten Armen und verbissenem Munde schweigend zugehört. Jetzt öffnete er ihn, aber was er sagen wollte, schien er rasch zu verschlucken. Tonlos sprach er:

»Sie aber sind noch nicht zu Ende, Major. Ich erwarte, daß Ihre Philippika auch die Schlittenpartie der Gendarmen der Nation auf ihr Schuldkonto schreiben würde.«

»Ist denn seit vierzehn Tagen von Besserem die Rede? Ist Mark und Niere durchschüttet von der Satire des Weltgeschickes, daß man auf den Brettern den Krieg spielte, derweil er draußen im Blute von Austerlitz schon ersäuft war, daß man über einen Sieg jubeln konnte, tagelang noch die Blätter Lorbeern den Russen zuschmeißen, derweil in den unterrichteten Kreisen jeder vom Gegenteil wußte? Nichts von Erschütterung. Man hatte von Wichtigerem zu plaudern: ob der Blutsturz des jungen Herrn Bovillard ein gefährlicher oder nur ein bißchen Bluthusten war? Ob seine ganze Lügenpost nur eine Intrige, um seiner Geliebten in einer interessanten Situation nahezukommen? Ob die Madame Lupinus im Recht ist oder die Gargazin? Oh, wer da den Einblick gewönne in dies höchst intrikate wichtige Ränkespiel der beiden Frauen! Ob die Lupinus, wie ihre Freunde sagen, wirklich die Tugendwächterin war für die hübsche Mamsell Alltag? Ob sie das junge Mädchen bewacht und bewahrt hat vor der Leidenschaft für den jungen Wüstling, und ob sie nur in edler Entrüstung zurückwich, als die Sache zu einem öffentlichen Skandal umschlug? Andre wissen ja wohl, sie hätte sie wie ein Cendrillon behandelt, ein moralischer Vampir, mit Basiliskenblick das Blut der Jugend und Phantasie dem Kinde ausgesogen, und es sei ein wahres Glück, daß die Fürstin sie ihr entrissen, ehe das herrliche Geschöpf ein moralisches Skelett ward. Dann der wichtige Streit, ob ihre Ohnmacht Verstellung war, ein abgekartet Spiel, und ob ihr Bräutigam, der junge Gelehrte, nicht vielleicht absichtlich von den Offizieren gereizt worden, ob es nicht auch Intrige ist, daß er sich vergessen mußte, daß man ihn arretieren durfte, als er seiner Braut zu Hilfe sprang? Oh, worüber sondern sich nicht die Parteien am Teetisch: ob der junge van Asten den Kornett wirklich am Arme gepackt oder ob er nur seinen Ärmel berührt hat, ob der Kornett sich mit ihm schlagen darf oder – Gott weiß was, ich weiß nur, Herr Regierungsrat, eine Regierung ist glücklich, die Untertanen von so subtilem Verstande hat, die nach jedem Köder springen, den man ihnen hinwirft. Hannibal vor den Toren, und sie streiten, ob die Gans in Moll oder Dur gegackert hat, als Brennus stürmte!«

»Und das Resultat, Herr Freiherr von Eisenhauch?«

»Daß Deutschland auf den Neumond hoffen mag, auf einen Kometen, auf die Sturmbraut, meinethalben auf Napoleons Großmut, auf alles, nur nicht auf Preußen.«

Fuchsius hatte seinen Hut ergriffen: »Wenn eine Epidemie herrscht, lohnt es, dünkt mich, nicht der Mühe, zu untersuchen, wer der Kränkste ist. Leben Sie wohl. Wir sind alle krank, Major, sehr krank. Preußens Genius verzeihe Ihnen, was Sie sprachen, wenn Sie einen Gesündern finden.«

Er hörte nicht mehr die Worte, die mit sonorer Stimme durch die offene Tür in das Zimmer schallten:

»Herr Major, eine Beleidigung, dem Staate zugefügt, trifft auch jeden Bürger.«

Den Hut auf dem Kopfe, den Stock in der Hand, der krampfhaft auf dem Boden hämmerte, stand der Major Rittgarten auf der Schwelle. Unter seinen grauen Wimpern schossen die Augen zornfunkelnde Blicke auf Eisenhauch.

Beide mochten sich als Hausgenossen kennen, ohne in nähere Berührung getreten zu sein.

»Was ich sprach, war nicht an Major Rittgarten gerichtet.«

»Noch hoffe ich, daß Sie den Einwand machen, daß er bei offener Tür Sie belauschte.«

»Was ist Ihr Wunsch?«

»Der Staat, den Sie geschmäht, kann nicht von Ihnen Rechenschaft fordern. Ich fordere sie, als alter Militär, der unter Friedrich focht und bald dahin geht, wo sein großer König sie von ihm fordern wird.«

Mit dem Mitleid der Achtung blickte der jüngere Militär den älteren an: »Ich ehre Ihren Schmerz und achte Ihren Mut; beide aber nicht als Legitimation, den Handschuh für ein Etwas mir zuzuwerfen, was Sie nicht persönlich betrifft.«

»Sie haben das preußische Militär beleidigt, die Ehrenkränkungen meiner Brüder nehme ich auf mich. Sie haben das preußische Volk geschmäht, dies treue, gute, rechtliche Volk. Sein Blut rinnt, wenn auch langsam, doch zu heiß noch in meinen Adern, um mit diesem ungerechten Fleck vor meinen König zu treten. Ihre Antwort?«

»Nur eine Frage: war, was ich sagte, unwahr?«

»Zu der Frage haben Sie kein Recht. Sie sind nicht Richter. Nicht unter diesem Dache, nicht auf diesem Boden, der Sie gastlich aufnahm, dürfen Sie das Volk schmähen und den Fürsten, dem das Volk vertraut. Und wenn ich Ihnen antwortete, verstehen Sie meine Sprache nicht.«

»Das klingt als wirkliche Herausforderung!«

»Die es ist.«

»Eh der Verklagte antwortet, muß er die Klage kennen. Treten Sie für jene Offiziere ein, die ich meinte? Vertreten Sie jene Eitlen, Schwachen, Nichtigen –«

»Ich sagte Ihnen darauf schon meine Meinung.«

»Aber unter Ehrenmännern, ehe man zum äußersten Ernst schreitet, sucht man Verständigung über das, worüber der Streit ist. – Sie haben mich vorhin angehört, ich sprach im Zorn. Lassen Sie mich jetzt auch Sie anhören, ich will auch Ihren Zorn ruhig hören.«

»Kennen Sie unser Volk? Wenn Sie an einem Kranken seine Geschwüre zählen, kennen Sie darum sein Herz und seine Nieren? – Wer justifiziert und glorifiziert sich denn in seiner Schande? Das preußische Volk etwa? – Wer schreibt die salbungsvoll duftenden Staatsschriften? – Söldlinge, oft Fremdlinge, die das Volk aus Grund der Seele verachtet. Wen treffen ihre Epigramme? Spielen die braven Herzen, die in Pommern und Ostpreußen, in Schlesien und Westfalen für des Vaterlandes Ehre schlagen, in Berlin Theater? Sie zucken die Achseln! Wo haben Sie es gefunden, daß das Volk niederträchtig denkt und feig handelt? Sie haben nicht herausgehört das stumme Zähneknirschen, die blutenden Herzschläge, als sie den letzten Rest, wie Sie meinen, seiner Ehre und Ehrlichkeit in den Tiegel warfen. Die warfen hinein als schlechte Verwalter, was sie aufgegriffen. Aber nicht die Herzen des Volkes. Die hat es ihnen nie zum Aufbewahren gegeben, die hat es aufgehoben für eine bessere Zeit. Es ist kein Rest da, sage ich ihnen, der volle Stock von Ehre und Ehrlichkeit liegt noch in unsrer Brust. Wer ist die Nation, wo sitzt sie, fragen Sie? Wer hat sie denn schon aufgesucht in ihrem Heiligtum? Wer hat denn schon dies Volk gefragt, wer hat es gerufen? Der Große Kurfürst einmal, und da kam es, Friedrich rief es siebenmal, und siebenmal stand es da mit Gut und Blut. Diese – haben es nicht gerufen, weil sie es nicht wagen, sie zittern vor dem Geist, den sie aufrufen könnten, vor dem ihre Erbärmlichkeit in Staub und Spreu versänke. Aber rufen Sie es einmal, bei dem rechten Namen, auf den es hört, mit dem rechten vollen Ton, der in Mark und Nieren schmettert, und es kommt. Dann, mein Herr, gebe ich Ihnen mein Wort, wird es nicht vor denen scheuen, die seine Fleischtöpfe verrücken wollen; es wird glauben, ja, nicht an die schönen duftenden Reden der Herren am Ruder, an seine Bestimmung wird es glauben, an die Stimme der großen Fürsten aus der Gruft, und selbst wird es seine Fleischtöpfe ausschütten für alle, die für das Vaterland streiten wollen!«

Eisenhauch machte eine Bewegung, als wolle er die Hand des Veteranen ergreifen. Aber dieser blieb in seiner festen Stellung; die Hand umklammerte den Stock.

»Wir sind ein ander Geschlecht«, fuhr er ruhiger fort, »als Sie draußen; ja, es ist so, das Warum kümmert Sie und mich heut nicht. Wenn wir krank wurden, können wir uns nur selbst heilen; Ihre Ärzte tun es nicht, sie verstehen unsre Natur nicht. Aber etwas, mein Herr, sollten Sie kennen. Die Blätter der Geschichte lehren es. Wenn wir am tiefsten erniedrigt schienen, die Welt uns verloren gab, dann grade schnellten wir in Jugendkraft zur vorigen Größe.«

»Wem gab denn die Natur ewige Jugend!«

»Sie sagen, wir haben uns vom Boden gelöst, auf dem wir wuchsen, und flattern haltlos zwischen Himmel und Erde, weil wir nicht Mut haben, vorwärts ins Blaue uns zu stürzen. Ich geb's Ihnen zu. Aber wir haben Vertrauen; noch haben wir's, Herr Major. Der Fürst vertraute dem Volke, das Volk dem Fürsten. Solange das Band hält, ist Preußen nicht verloren. Wie oft traten Retter auf, als die Not am größten, die Klügsten keine Aussicht sahen, die Mutigsten verzweifelten. Man sagt, daß der große König Gift in seinem Ringe trug. Gebraucht hat er es nicht. Nicht bei Kolin, nicht in der Nacht von Hochkirch, nicht, als er mit seinem Häuflein, wie der Mansfelder, durch seine Staaten irrte. In sich selbst und aus der Verwüstung heraus fand er sich wieder. Und in welcher andern Wüste rettete, schuf der Große Kurfürst seinen Staat! Wo überall, wie von Gott geschickt, unerwartet, der David auftrat, der den Goliath niederwarf, wo diese Rettungen aus Zerwürfnis und Elend recht eigentlich die Quintessenz unserer Geschichte sind, warum da glauben, daß sie jetzt zu Ende sind? Warum nicht festhalten an dem, daß zur rechten Zeit der rechte Mann sich wieder einfindet? Wir sind jetzt erniedrigt, ja, dupiert vor aller Welt, vor uns selbst am meisten, ein Sumpf von Fäulnis, überdeckt mit einem Flimmer von Eitelkeit und Hochmut – aber es gab noch verwüstetere Geschlechter vor uns, und Gott gebe, daß nicht noch verwüstetere nach uns kommen.«

Eisenhauch sah, einen Schritt zurücktretend, dem alten Mann feierlich ins Gesicht:

»Sie fordern von mir Genugtuung?«

»Und mitleidig blicken Sie auf meinen schwachen Arm. Wenn er den Degen nicht mehr führen kann, ist er doch noch stark, um die Pistole zu heben, und stark genug ist der Greis, mein Herr, der Mündung Ihres Feuerrohrs ins Auge zu sehen.«

Eisenhauch hatte ein Pistolenpaar in der Hand, aber er warf sie in den Kasten:

»Ich nehme Ihre Forderung an, aber – für später. Jetzt haben andere Missionen das Vorrecht. Mein Herr, ein großes Schlachtfeld breitet sich vor uns aus. Ob morgen, ob nach Monaten, ob nach Jahren die Hunderttausende, zum Morden bereit, sich gegenüberstehen, darauf kommt es nicht an. Aber es muß kommen. Geblutet muß werden, gebrannt, vertilgt, und der Sturm muß fegen durch die verpesteten Winkel. Fragen Sie sich, die Hand auf der Brust, ob's die Winkel allein sind, ob das Miasma nicht auf den Heerstraßen weht, in den Schlössern und Städten, ob's in den Schreibestuben und Wachtstuben die Brust dem Redlichen nicht zusammenschnürt. Draußen im Reiche ist es zusammengebrochen. Was da liegt, faul und morsch, jedem Kinde ist's klar. Hier ist noch ein gleißender Firnis darum. Aber reißt die Schale ab, Herr, Sie zittern selbst, Sie ahnen oder Sie wissen, was darunter, ich will nicht noch einmal Ihren Schmerz stacheln. Ich aber sehe vor mir, wenn auch dieses letzte stolze, turmreiche Schloß zusammenstürzt, nur Verwesung, eine unermeßliche Leichenwüste. – Herr Major, ein letztes Wort: wenn der Tod seine Fackel über uns alle schwingt, wenn Deutschlands, Preußens, Österreichs Name ausgelöscht ist, dann ist auch unser Streit begraben – ein Höherer mag richten, wer mehr gefehlt. Wenn aber Gott entschieden hat, daß es in Deutschland noch ein Volk gibt, nicht reif zum Helotenstamm, und Preußen ist dies einzige Volk – dann, mein Herr – stehe ich Ihrer Kugel.«

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