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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel
Hier politisch, dort poetisch.

Der Eintritt der Geheimrätin in die Gesellschaft erregte einen allgemeinen Aufstand; es schien ein froher. Man hatte sie nicht mehr erwartet. Die Wirtin und einige Damen embrassierten sie; die ältern Herren bemühten sich, ihr die Hand zu küssen: »Nein, das ist hübsch und liebenswürdig von ihnen, uns doch noch zu überraschen!« – »Es wäre ein halber verlorener Abend gewesen ohne die Frau Geheimrätin«, sagte der Wirt. Ein dritter: »Je später der Abend, so schöner die Gäste.« Es war eine ansehnliche, aber etwas bunte Gesellschaft, vielleicht eine, wo die Wirte auch solche Verwandte und Bekannte gebeten haben, welche sonst sagen könnten: »Zu so etwas werden wir nicht eingeladen!« Die Geheimrätin war von der zuvorkommendsten Freundlichkeit. Man konnte auf den ersten Blick annehmen, daß sie, wenn nicht an Stand und Vermögen, doch von Natur und Bildung von feinerer Art, ein Wesen war, was man so gewöhnlich ein höheres nennt, wenn es in Kreise tritt, die sich ihrer Gewöhnlichkeit bewußt sind. Der Neid, den es hervorruft, zeigt sich in der Regel erst dann, wenn dies vornehme Wesen seine Eigenschaften geltend machen will. Dies war bei der Geheimrätin nicht der Fall. Sie konnte nicht liebenswürdiger, bescheidener, gewissermaßen harmonischer zur Gesellschaft auftreten; sie bedauerte so sehr den Aufstand, den sie erregt.

»Aber warum ist Ihr lieber Mann nicht mitgekommen? Wir sind ihm zwar unendlich verbunden, daß er sich entschlossen, unsre Frau Geheimrätin uns zu gönnen, aber es wäre doch hübsch gewesen, wenn er sich selbst entschlossen. Das hätte erst unsre Freude vollkommen gemacht.«

»Sie tun meinem Manne unrecht«, entgegnete die Angekommene. »Wenn es nach ihm gegangen, wäre ich längst hier. Er kann es nicht sehen, wenn ich ein Vergnügen seinetwegen entbehre. Aber liebe Frau Geheimrätin« – die Wirtin nämlich war auch eine Geheimrätin –, »Sie glauben nicht, wie er jetzt mit Arbeiten überhäuft ist, und ich sehe mit wahrer Angst, wie er sich dabei anstrengt, daß sein Kopfleiden wieder heraustritt. So machte ich mir ein Gewissen daraus, ihn heut zu verlassen. Aber er hatte keine Ruhe. Wir wollten Pikett spielen; da legte er mit dem freundlichen Blicke, dem man nicht widerstehen kann, die Karten weg, streichelte mir über die Backe und sagte: ›Liebe Ulrike, ich werde viel mehr Ruhe haben, wenn ich dich in heitrer, lieber Gesellschaft weiß. Du mußt Dich aufheitern nur um meinetwillen.‹ Da kann man denn nicht widerstehen.«

»Man muß gestehen, unsre Frau Geheimrätin Lupinus ist das Muster einer Hausfrau«, sagte der Wirt, »und diese Ehe eine exemplarische. Man wird nicht viele in Berlin so finden.«

»Mit Ausnahme doch!« sagte die Geheimrätin Wirtin, und die Geheimrätin Gast schlang sanft den Arm um ihre Schulter: »Ich kenne eine Ausnahme. Was unsere Ehe betrifft, so möchte ich ihr nur darin einen kleinen Vorzug beimessen, daß wir uns so innig verstehen, ohne es auszusprechen. Wir gehen eigentlich jeder seinen eigenen Weg, was gewiß zu Mißdeutungen Anlaß gibt, aber jeder fühlt für den andern mit, er verfolgt ihn still in den Gedanken, jeder ist unsichtbar beim andern. Wir wissen oft nicht, woher die Sympathie kommt, doch sie ist da. So in diesem Augenblick. Das Vergnügen, in dieser liebenswürdigen Gesellschaft zu sein, ist mir gestört, weil ich weiß, mein Mann hat nicht die Augen geschlossen und ruht nicht, wie er mir versprach, im Lehnstuhl aus, sondern er hat wieder seine Folianten vorgenommen, er vergleicht zwei alte Handschriften, er bückt sich über, er drückt die Feder, während der Angstschweiß ihm von der Stirne träuft, weil er sich die Abweichung in einer Lesart nicht erklären kann. Ich sehe das alles so deutlich vor mir wie den Pique-As in Ihrer Hand –«

Sie fuhr sich leicht über die Stirn und erschrak über den Eindruck, den ihre Rede gemacht. Dabei kam ihr zu Sinn, daß die Gesellschaft ja durch sie vom Spieltisch zurückgehalten werde. Sie bat um Entschuldigung wegen ihrer unzeitigen Herzenseröffnungen.

»Was kann eine schöne Seele Schöneres tun, als andere ihre Empfindungen mitempfinden lassen«, lispelte eine Seele, die sich wohl selbst für schön hielt.

»Nennen Sie es lieber eine Schwäche«, schüttelte die Geheimrätin den Kopf. »Die Welt will nicht, daß wir uns geben, wie wir sind, und die Welt hat im Grunde recht.«

Nun aber hatte sie auch keine Ruhe, als bis die Herrschaften sich niedergesetzt. Ein heiteres Vergnügen zu stören, erschien ihr immer wie eine Todsünde.

Sie hatte recht. Wer die Karte zur Whistpartie in der Hand hält, läßt sich ungern stören, am wenigsten durch Herzensergüsse einer schönen Seele.

Einige hatten die Geheimrätin schon immer für eine Clairvoyante gehalten; die Clairvoyance war in der Mode. Andere meinten, sie sei nur von einer außerordentlich reizbaren, nervösen Komplexion. Man bedauerte sie, es gab wohl auch andre, die sie darum beneideten. Hier lobte man sie, wie schonend sie das Verhältnis zu ihrem Ehemann darzustellen wisse, da jedermann bekannt sei, ein wie eigensinniger Stubengelehrter der Geheimrat wäre. Sie sei gewissermaßen eine Märtyrin ihres feinen Sentiments. Er bereite und gönne ihr kein Vergnügen, was sie sich nicht abstehle. Eine andere rief: »Und wie unrecht von ihm, denn von ihr kommt doch das Geld!«

Es war eine glänzende Gesellschaft aus den höhern Kreisen des mittlern Lebens. Aber man muß an eine Gesellschaft aus dem Anfang dieses Jahrhunderts ebensowenig den Maßstab des Glanzes von heut legen, als an die Komödienhäuser von damals den unserer Theater. Der Vergleich geht vielleicht noch weiter. Die Kleiderstoffe und Geschirre waren kostbarer, gediegener und dauerhaltiger, aber im künstlichen Ausbeuten und geschickten Zerlegen des Stoffes, damit jeder Teil seine Wirkung erhalte, haben wir es weitergebracht. Trifft das vielleicht auch auf die Unterhaltung zu? – Aber gar keinen Vergleich duldeten die Räumlichkeiten. Unsere Bürgerhäuser werden Paläste. Diese hohen Räume, die gewaltigen Fenster und Flügeltüren, welche den Zimmern die Wände stehlen, fand man zu Anfang dieses Jahrhunderts nur in den wenigen aristokratischen Häusern der neuen Stadt. Die vornehmen Bürgerhäuser in den Vierteln der Friedrichsstadt aus Friedrichs Zeit geben zum Teil anspruchsvolle Fassaden, aber im Innern ist alles klein und zugemessen. Die niedrigern Zimmer liefen eines in das andere; dennoch blieb der Wohnung etwas Wohnliches, weil Flügeltüren und Fenster nicht die Räume unnatürlich verkürzten und der Mensch Platz für sich und seine Sachen an den Wänden fand und trauliche Winkel, sich zu verlieren.

In Zimmer an Zimmer konnte die Gesellschaft sich ausbreiten. Wenn aber die Geheimrätin das Theater dunkel fand, weil ihr Auge in eine künftige Zeit drang, so konnte sie auch hier, trotz der vielen Wachskerzen auf schweren Silberleuchtern, den flimmernden Schein des Lampenlichtes vermissen, das die Nacht zum Tage macht. Unter den Möbeln, zum großen Teil noch vom spätern Rokoko, gewundenen weißlackierten Stühlen und Tischen mit dem verbleichenden Schimmer von Gold, sah man schon den Übergang zur antiken Welt in einigen glatten, scharf eckichten Stücken, deren Modelle dem Tischler wenn auch nicht aus Pompeji, doch angeblich aus Hetrurien zugewiesen waren. Sie konnten sowenig als die Schildereien und die paar plastischen Stücke an den Wänden die Schnörkeleien des Rokokotum durch edle Einfalt beschämen.

Wovon man sich unterhielt? – Wer faßt die zuckenden Irrlichter zusammen, die von Mund zu Munde hüpfen. Und in einer gemischten Gesellschaft!

Hier politisch, dort poetisch,
Regelrecht wie ein Lineal,
Philosophisch und ästhetisch,
Krümmend hier sich wie der Aal,
Sprudelnd wie der Dampf vom Teetisch,
Aber überall trivial,

hat ein späterer Dichter sie beschrieben.

Ob die Geheimrätin sie auch so fand? Sie wechselte oft die Gruppen. Hier der ewige Streit, ob Goethe oder Schiller ein größerer Dichter sei. In diesen Kreisen war es längst entschieden. Welcher Mann von Bildung hätte zarten Lippen widersprochen, welche dem Dichter, der gesungen:

Ehret die Frauen, sie flechten und weben
Himmlische Rosen ins irdische Leben,

den Preis zuerkannten! Es war nur seltsam, daß der Streit, trotz der Entscheidung, immer wieder von neuem aufgeworfen werden konnte. Eine Geheimrätin – es war aber eine dritte Geheimrätin – stellte sogar die Behauptung auf, während jede Seite in Schiller wenigstens ein nobles Sentiment enthalte, wisse sie keine einzige Sentenz in Goethe, welche die Seele rührt und erhebt. Dies fand doch Widerspruch, und man zitierte aus der »Iphigenie« die Verse:

Weh dem, der fern von Eltern und Geschwistern
Ein einsam Leben führt! Ihm zehrt der Gram
Das nächste Glück von seinen Lippen weg.
Ihm schwärmen abwärts immer die Gedanken
Nach seines Vaters Hallen, wo die Sonne
Zuerst den Himmel vor ihm aufschloß, wo
Sich Mitgeborne spielend fest und fester
Mit sanften Banden aneinander knüpften.

Ein junger Mann mit blassem ernstem, aber etwas eingefallenem Gesicht rezitierte die Verse mit Ausdruck. Man schwieg eine Weile. Als die Geheimrätin sie schön fand, drückten alle ihre Bewunderung aus. Eine Dame hatte bis da geglaubt, sie rührten von Schiller her, sie hatte die Erhabenheit des Gefühls Goethe nicht zugetraut. Doch bemerkte sie, die Verse ründeten sich nicht so wie bei Schiller, und bei aller Schönheit fehlte ihnen der schmeichelhafte Klang des Gefühls. »Aber er liegt in unsrer Seele und fühlt das Weh, das uns in der einsamen Brust verzehrt«, hatte die Geheimrätin gesagt, als sie sich abwandte. Man schien sich zu fragen, was sie damit meine. Ein alter Hofrat antwortete seiner etwas schwerhörigen Nachbarin: »Sie ist eine Adlige von Geburt und mag's nun doch nicht recht verschnupfen, daß sie einen Bürgerlichen geheiratet hat. Darum hält sie wohl das von ›seines Vaters Hallen‹ auf sich anzüglich. Aber Schloß Wustenau stand schon 1762 sub hasta, und sie ist auch gar nicht mal drin geboren; sie bildet sich's nur ein.«

Die Dame, vor kurzem erst nach Berlin gekommen, war zufällig selbst eine adlige Offiziersdame, was der Hofrat vermutlich nicht gewußt. »Wenn er ihr ein Sort gemacht hatte«, erwiderte sie, »das passiert wohl, aber wie ich höre, ist das Vermögen von ihr, et voilà qui est bien curieux

»Ja, meine gnädigste Frau«, erklärte der Hofrat, »als sie ihn heiratete, war sie ein blutarmes Fräulein, man hielt's für ein großes Glück, daß sie ihn kriegte. Erst nachher machte sie die große Erbschaft.« – »Ah! c'est ça«, sagte die gnädige Frau und sagte nichts weiter.

»Wie kommt es, daß man den Einsiedler einmal in Gesellschaft sieht«, sagte die Geheimrätin im Vorübergehen zu dem jungen Manne, der die Verse gesprochen. »Und noch mehr, wie kommt es, daß Sie Goethe noch für wert achten, ihn auswendig zu lernen? Wer so in transzendentalen Regionen der neuen Poesie schwebt, gäbe auf die alten Dichter, dachte ich, nichts mehr. Aber nehmen Sie sich in acht, daß mein Mann nichts davon erfährt, Herr van Asten! Für ihn, wie Sie wissen, sind ja schon Goethe und Schiller Neuerer.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, war sie vorübergeschwebt. In einem Kreise, wo man über Politik sprach, stritten sie sich, wer ein größerer Feldherr gewesen: Moreau oder Napoleon Bonaparte? Die Parteien standen scharf gesondert. Der Geheimrätin kam das sonderbar vor; den Grund wußte sie sich nicht recht anzugeben. Das Gespräch ward ihr langweilig. Sie hatte sich auch einmal für Bonaparte interessiert und auch für Moreau. In diesem Augenblick waren die Feldherren ihr gleichgültig. So gleichgültig als die Gespräche über die Tagesgeschichten und Stadtklätschereien, die in jeder Gesellschaft ihr unverwüstliches Recht beanspruchen, auch wenn man sie vorher grundsätzlich ausschloß, wie es heut abend mit der Geschichte der Kindesmörderin geschehen war. Aber wer wußte nicht einen pikanten Zug zu erzählen, wer fühlte nicht den Zug in sich, aus eigner Wissenschaft das Erzählte zu berichtigen, und ehe man es sich versah, war der verbotene Gegenstand überall der des lebhaften Gesprächs.

Es gab aber noch einen andern Gegenstand. Man berührte ihn nicht in ihrer Gegenwart. Die Geheimrätin sah nicht allein in die Ferne, sie konnte auch dahin hören. Sie wußte genau, was gesprochen wurde und daß sie, ihr Mann, dessen Bruder, das fatale Ereignis der vorigen Nacht den Stoff abgab. Vielleicht, daß sie eben darum die Gesellschaft besucht hatte, um zu zeigen, daß sie ohne Besorgnis war oder – darüber hinweg.

Aber es gefiel ihr nicht länger, daß das Gespräch verstummte, wo sie sich näherte. Wer spielt gern die Vogelscheuche! Bei einer Whistpartie fehlte durch einen Zufall der vierte Mann. Sie zeigte sich bereitwillig, die Karte zu übernehmen. Man erkannte das ganze Opfer, welches sie brachte. Sie versicherte, wenn sie durch ihr schlechtes Spiel das Vergnügen ihrer Mitspieler störe, so sei ihre Schuld doch nicht so groß als ihre Genugtuung, in so angenehmer Gesellschaft eine Stunde zu verbringen.

Das Spiel prosperierte in der Tat nicht durch ihren Eintritt, aber wie die Mücken um den hellsten Lichtschein, sammelte sich um diesen Tisch die ambulierende Gesellschaft. Wer fühlte sich nicht geehrt, der Geheimrätin Rat zu geben, die bei ihren Fragen vielleicht mehr Unschlüssigkeit verriet, als in ihrem Charakter lag. Und wie liebenswürdig nahm sie ihn hin. »Sie ist die charmanteste Frau!« flüsterten die andern. Die Geheimrätin zankte auch nicht um die Points.

»So aufgeräumt, Herr von Dohleneck?« sagte sie, die Karten prämelierend, zu einem Kavallerieoffizier, der sich neben ihr etwas brüsk auf einen Stuhl warf, den ein Zivilist eben für eine junge Frau hingestellt zu haben schien. Die Dame warf dem Offizier einen bösen Blick zu, den er aber nicht bemerkte oder bemerken wollte, und der Zivilist beeilte sich, ihr einen andern Stuhl hinzusetzen, den sie aber nicht annahm, sondern ins Nebenzimmer eilte. »Sie irrten sich«, sagte die Dame, »ich wollte mich gar nicht setzen, ich suchte meinen Mann.«

Möglich, daß nur zwei Augen vermittelst einer vorgehaltenen Lorgnette diesen Auftritt bemerkten, der wie ein Lüftchen über den Wasserspiegel der Sozietät hinkräuselte, um am Ufer zu verschwinden. Aber am Ufer trieb und wühlte das Lüftchen weiter im aufgelockerten Sande.

Der ihn bemerkte, war ein Herr, etwas über die mittleren Jahre hinaus, welcher eben eingetreten war und mit der Lorgnette die Gesellschaft erst zu mustern schien, ehe er sich ihr zeigte. Wir werden ihn näher kennenlernen.

Der sich auf den Stuhl warf, war – nur ein Abdruck von Hunderten oder von Tausenden. Das wohlgeformte, volle Modell eines Kriegsgottes, den man vielleicht hätte schön nennen können, wenn die Überfülle der Gesundheit und Kraft in dem beinahe sechsfüßigen Körper etwas mehr Elastizität und das volle, rote Gesicht unter den blonden Haaren und dem blonden Stutzbart weniger Sorglosigkeit und weniger Gutmütigkeit verraten hätten. Er war ein Mann, der seinen Mann stand, aber der militärische Grimm, der auch den Mann herausfordert, welcher Miene macht, nicht stehen zu wollen, fehlte ihm.

»'s ist, um sich totzulachen, wenn Federfuchser über Dinge schwatzen, die nicht in ihren Büchern stehn.«

»Besser totlachen als totärgern, lieber Rittmeister!« bemerkte die Geheimrätin. »Was hat Sie denn in die Rage gebracht?«

Der Offizier kam aus der politisierenden Ecke.

»Stellen Sie sich vor, schöne Frau, der Professor da, oder was er ist, Sie kennen ihn ja wohl« – er zeigte auf den jungen Mann von vorhin, jedoch mehr durch ein Augenblinzeln, indem er sich den Schnurrbart strich –, »der junge Herr meint, wenn's mit den Franzosen losgeht, wäre es doch sehr zweifelhaft, wer Sieger bleibt.«

Man blickte verwundert und halb erschrocken auf den Redner oder auf die glücklicherweise entfernte Gestalt des Mannes in Rede.

»Na, auf Ehre, 's ist wahr«, setzte der Offizier hinzu. »Er räsoniert von Bonapartes Genie als Feldherr; nun, das mag er haben, wir lassen's ihm. Und 's wäre auch zweifelhaft, ob selbst Friedrichs Genie imstande wäre, ihm überall zu parieren, wie er Daun und Laudon getan. Nu, darüber kann man nur lachen. Aber als ich ihn fragte, was er denn zu unsrer Armee meinte, wissen Sie, was er sagte?«

»Es ist mir etwas ganz Neues, daß Herr van Asten sich mit Politik beschäftigt.«

»Ich dachte, er würde nach der Rheinkampagne retirieren, da hätte ich ihm mit 'ner Antwort gedient. Nein, er sagte, hören Sie, ich hab's des Spaßes wegen behalten: uns stehe ein Heer gegenüber, das aus dem jugendlichen Volksbewußtsein stets neue Kräfte schöpft, wie der heidnische Riese, ich weiß nicht, wie der Kerl heißt, der zu jedem neuen Kampfe seine Muttererde küßte. Ob wir denn mit unsern geschlossenen Phalangen von altem Ruhme, aber ohne den Genius, der ewig zeugt, uns getrauten, eine Kraft zu werfen, die ewig neu wächst? Ich sage Ihnen, es war zum Bersten. Gut, daß keiner meiner Kameraden es gehört. Ich sagte ihm nur: ›Mein lieber Herr, wer die Erde küßt, macht sich das Maul schmutzig‹, und hol mich der und jener, wenn wir unsern Soldaten nicht die Propreté eingefuchtelt haben.«

Der Verlegenheit, über die Rede zu lächeln oder sich zu äußern, wurden die Zuhörer durch den Wirt überhoben, der plötzlich mit einer Stimme, die eher auf die Kanzel als an den Whisttisch gehörte, laut sprach:

»Aber, meine verehrten Herren und Damen, Gott sei Dank, daß wir der Beantwortung dieser Frage durch die Weisheit unsrer Staatsmänner überhoben sind, welche es nicht dahin kommen lassen werden, daß der Degen des großen Friedrich aus der Gruft geholt wird, um mit dem Degen des großen Mannes sich zu kreuzen, und die es nicht dulden werden, daß die beiden ruhmwürdigen und erleuchteten Nationen in andern Streit geraten als den, aus welchem für die Zivilisation die schönsten Früchte entspringen. Wozu also dieser Disput, der uns nichts angeht? Die weisen und humanen Männer, denen unsre Regierung anvertraut ist, werden immer für unser Bestes sorgen, und was sie ersinnen, ist gut und wird zu unsrer aller Ruhe beitragen.«

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