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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Neuntes Kapitel.
Der dritte November.

Es war Nacht geworden; die große Mehrzahl der Gäste war längst nach Berlin zurückgekehrt. In den öden, toten Straßen bewegten sich nur einzelne Gestalten; das »Üb immer Treu und Redlichkeit« hallte von der Turmuhr nach wie vor.

»Warum stürmt nicht lieber die Brandglocke!« sprach die Dame, welche, tief in eine Pelzenveloppe verhüllt, am Arm ihres Begleiters an den Häuserreihen ging. Sie gingen nicht in der Abendkühle spazieren, es war rauhe Witterung; sie hielten eine bestimmte Richtung, aber den zarten Füßen merkte man an, daß sie nicht gewohnt waren, auf rauhem Pflaster sich zu bewegen. Ein dichter Schleier bedeckte das Gesicht der Fürstin.

»Weil es noch nicht brennt«, sagte ihr Begleiter.

»Ewiger Zweifler!«

»Ich zweifle nicht, daß die Schwammleine angezündet ist; aber ein Fußtritt kann sie auslöschen, ehe der Funke die Mine faßt.«

»Ich liebe nicht zu kalkulieren, wenn die Schatten der Verstorbenen durch die Luft vibrieren.«

In der Stimme der vornehmen Frau waren Akkorde, die ihrem Begleiter, der andrer Ansicht war, den Mund zu schließen schienen.

Sie traten in einen Torweg oder eine Kolonnade zurück, um einer einfachen Hofequipage auszuweichen, die jetzt vorüberrollte. Der Wagen hielt vor der Kirche, wo Seine Gebeine ruhten. Drei dunkle Gestalten konnte man aussteigen sehn. Sie traten in die Kirche, aus welcher ein gedämpftes Fackellicht bei Öffnung der Türe vorstrahlte.

Die Fürstin drückte krampfhaft den Arm ihres Begleiters. Er glaubte, sie wolle ihn tiefer in den Schatten zurückziehen, um nicht gesehen zu werden: »Man sieht uns wirklich nicht, und wenn es wäre, würden wir nicht die einzigen Zuschauer sein. Ich sah Schatten in der Kirche sich bewegen.«

»Ich auch!« rief sie. »Es war mir, als sähe ich seinen

Der Legationsrat ging nicht auf die Stimmung ein: »Diese Leute hier ruhten unter ihm wie in Abrahams Schoße. Ich finde es eigentlich undankbar und grausam, daß man ihn zitiert, um sich aus einer gewöhnlichen Verlegenheit zu helfen.«

»Ich würde Ihnen verzeihen, wenn Sie sagten, selbstmörderisch.«

»Nur christliche Demut, Fürstin, sie sehn ihren eigenen Unwert ein.«

»Was ist das grausam, den zu beschwören, der in dem jenseits keine Ruhestätte gefunden hat! – Hören Sie den dumpfen Ton! Jetzt öffnet man.«

»Und sein Geist steigt ihnen aus der Versenkung entgegen.«

»Sprechen Sie nicht so.«

»Ich möchte wohl wissen, wie der Geist eines Atheisten aussieht.«

»Sahn Sie nie Geister –«

»Man sieht sie nur, wenn man sie zitiert; und was unnötig ist, muß ein Vernünftiger nie tun.«

»Geister erscheinen auch ungerufen.«

»Dann wirft man sie zur Tür hinaus.«

»Die Totenhand, die auf eine lebendige Brust hämmert, sollte doch überall Einlaß finden.«

»Je nachdem die Brust beschaffen ist.«

»Wandel, ich möchte Sie einem Geist gegenüber sehen.«

»Sie würden keine Veränderung an mir bemerken.«

»Sie sahen schon Geister!« – rief die Fürstin auf, und ihr Auge glänzte ihn an. »Ja, Sie Unbeweglicher, es zuckte etwas um Ihr Auge, was ich noch nicht kenne. Sie haben Geister der Toten gesehen und vor ihnen gezittert. Sie zittern jetzt –«

»Vor dem Zugwind«, sprach er, sich in den Mantel hüllend. – »Nun, und wenn ich sie sah, meine Gnädigste, so lernte ich ihnen ins Gesicht sehn, wie ein Mann den erschaffenen Dingen muß, und sie hielten meinen Blick nicht aus, so wenig als der festeste Stoff meine Säuren und den Äther, in dem ich ihn verbrenne. Wenn sie weinten, lachte ich sie an, wenn sie klagten, drohte ich – sie hielten's nicht aus, ich blieb Sieger, und sie sind verschwunden. Meine Gnädige, vor dem Willen verflüchtigt sich der Diamant; wenn die Dinge, die wir Wesen nennen, uns nicht widerstehen, warum die wesenlosen?«

»Kommen Sie«, sagte die Fürstin. »Der Küster gibt uns das Zeichen.«

Vielleicht sah sie den Küster nicht, aber sie sah Geister. Der Mond warf, zwischen den Wolken vortretend, ein Streiflicht auf die Stirn ihres Begleiters, sie konnte den Anblick heut nicht ertragen. Was mußte er sie noch bitten, sich nicht zu beeilen: der Mann, der ihnen für ein ansehnliches Geschenk einen Platz unter dem Siegel der Verschwiegenheit versprochen, werde noch vielen andern dasselbe Siegel aufgedrückt haben: »Und mancher wird die Komödie für acht Groschen sehen.«

Sie waren an die kleine Tür gelangt, welche eine unsichtbare Hand vorsichtig öffnete, um sie einzulassen.

»Sie nicht!« rief sie, als er sie hineinführen wollte. »Sie gehören nicht hier hinein.«

»Es ist ja nur eine protestantische Kirche«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Sie streckte die Hand abwehrend gegen ihn: »Doch – Sie stören mich. – Folgen Sie mir nicht, ich verbiete es Ihnen, Herr von Wandel. Wer nur eine Komödie sehen will, gehört hier nicht hinein.«

»So werde ich Erlaucht wieder an der Tür erwarten.«

»Reisen Sie nach Berlin.«

»Sie können doch nicht allein zurück. Wer weiß, ob die Szene Sie nicht affiziert. Soll ich Ihren Jäger mit der Kammerfrau herbestellen?«

Sie schüttelte den Kopf: »Es gibt Momente, wo man das Bedürfnis fühlt, allein zu sein.«

Der Legationsrat schien die Frage auch an sich zu stellen, als er draußen mit gekreuzten Armen eine Weile stehenblieb, die Augen in das zerrissene Gewölk gerichtet. Er hatte sich oft Mühe gegeben, unverwandten Blickes in die Sonne zu sehen, jetzt verdroß es ihn, daß er nicht mal ohne Augenblinken den Mondenstrahl ertragen konnte, sooft er plötzlich aus den Wolken trat, die an ihm vorüberrollten: »Seltsam! Es liegt nur in den Augennerven, in der schwachen Wurzelkonstruktion der Wimpern. Wenn man sie von Draht machen könnte, müßte man auch dem glühenden Feuerball ins Gesicht sehen. Und diese Frau –« ein heiseres Gelächter machte sich Luft – »sie spielt mit ihren Illusionen wie der Taschenspieler mit seinen Karten, und doch – in der unbewachten Stunde zittert sie als Sklavin vor dem selbstbeschworenen Gespenst! Vielleicht des Weibes Natur, sie kann nicht immer wachen. Aber der Mann –?«

Die Turmuhr präludierte, und die Glocken huben ihr »Üb immer Treu und Redlichkeit!« an.

»Oh süßer Leierkasten, der durch die Welt geht und uns das Spiel mit den Narren und Phantasten um so vieles erleichtert!« sprach er, sich langsam fortbewegend. Er lächelte, als aus der Kirche die Orgel mit leisen Schlägen einen alten Choral anhub.

Der Orgelspieler war nicht sichtbar, auch die Fackeln, von denen vorhin Erwähnung geschah, brannten nicht offiziell, man suchte sie hinter den Pfeilern zu verbergen, gleichwie die Zuschauer, in Mänteln und unscheinbaren Pelzen verhüllt, ein doppeltes Inkognito zu bewahren suchten. Unter den Mänteln war mancher Stern verborgen, manches Herz pochte hörbar, und das Auge, auf dem du sonst nur Flattersinn und eitle Lust spielen sahst, durchzuckte hier ein banger Ernst. Die Orgeltöne schienen in der dunkeln Kirche mehr die Stille symbolisch anzudeuten, als daß sie dieselbe unterbrachen. Es war lautlos, ein verhaltener Atem.

So war es möglich, daß man jetzt ein Geräusch zu hören glaubte, was man sonst nicht gehört hätte. Es war nicht sein Geist, der durch die Räume schritt, in denen er nie geweilt, sonst würden sie nicht die Köpfe vorgesteckt, nicht sich gebückt und die Hände ans Ohr gelegt haben, um besser zu horchen. »Sie weint«, flüstert eine Stimme dem Nachbarn zu; »Sie umarmen sich«, eine andere. Bald ward die feierliche Stille durch das Knarren der Tür unterbrochen; die Gestalten der Neugierigen drückten sich tiefer in den Schatten der Mauervorsprünge. Der Fackelschein ward jetzt offiziell.

Die Königin und der Kaiser wurden zuerst sichtbar; der König folgte. Luise schien erschöpft, sie drückte jetzt das Taschentuch ans Gesicht. Aber nur einen Moment; dann warf sie einen forschenden Blick auf den ernsten Gatten. Es mußte ein Ernst sein, der ihre Hoffnung stählte. Sie lehnte sich an seine Brust, um sich doch ebenso schnell wieder aufzuraffen. Alexander und der König reichten sich die Hand. Es war ein wichtiger, bedeutungsvoller Handschlag. Aus der dunklen Stille kam ein Laut wie der Hauch unsichtbarer Geister; ein Hauch der Verwunderung, Freude, Beistimmung, wofür jede Sprache zu rauh ist, ihm Ausdruck zu geben. Mit königlicher Würde schaute Luise umher, nicht forschend, nicht mißbilligend. Ihr Blick galt den Geistern, welche die Sprache dieses Auges, das selige Lächeln verstanden. Dann reichte sie Alexander wieder rasch den Arm, und die drei verließen die Kirche.

Als die Wagentür zuschlug, die Räder auf dem Pflaster rollten, schienen die gebannten kleineren Geister aus ihrer Erstarrung aufzuleben. Sporen klirrten, scharfe Tritte dröhnten auf den Fliesen, Töne, wie wenn das Eis bricht; das Blei auf der Brust war ja gebrochen; kein Zeremoniell mehr, man schloß sich in die Arme, auch solche, die nicht als Freunde bekannt waren. »Der Bund ist besiegelt.« Viel mehr Worte hörte man nicht. Es war ein Augenblick nicht zum Sprechen, nur zum Fühlen.

An der Tür wurden zwei Militärs zusammengedrängt, die sich im Leben nicht gern, wie man sagte, begegneten. Sie sahen sich an, und unter ihren ergrauenden Haaren funkelten die Augen sich entgegen; sie drückten sich die Hand. Worte wechselten auch sie nicht. Der eine, aus dessen Mantel eine Husarenuniform zum Vorschein kam, hielt aber beim Hinausgehen unsern Bekannten, den Major Eisenhauch, am Kragen zurück.

»Nanu, was sagen Sie, Major?«

»Blücher und Rüchel Hand in Hand, ein gutes Prognostikon. So das gesamte Vaterland, und wir sind am Ziel.«

»Larifari!« sagte der General. »Vorwärts, eh er sich anders besinnt, das allein tut's. Nur keine stätischen Pferde hinter uns.«

»Im Volk –«

»Sind viele Esel!«

»Aber das Roß, wenn die Trompete schmettert –«

»Pfeffer mang die Kerben!« sagte der General ihm ins Ohr. »Daß es sich bäumt, dafür sorgt ihr; fürs Reiten, dafür sorgen wir, haben Sie mich verstanden?«

Die Kirche war ziemlich geräumt. Nur hinter dem Eingang stand noch eine Gruppe, zwei in Überröcke verhüllt, und am äußersten andern Ende kniete eine weibliche Gestalt. Die beiden, durch hohe Halsbinden gegen die Kühlung bis zur Unkenntlichkeit maskiert, schienen die Hinausgehenden die Revue passieren zu lassen. »Ist das nicht Komteß Laura, Vicomte?« sagte der größere und ältere auf französisch zum jüngeren, nach der knienden Dame lorgnierend, die von ihrer Enveloppe und dem Schleier unförmlich umwallt war. Der Vicomte hatte sich schon auf den Zehen gehoben: »Pardon, Monsieur, Komtesse Laura hat noch zu viele Stationen bis zur Betschwester.«

Die verhüllte Gestalt, aus ihrer Andacht vielleicht durch die Stille aufgeschreckt, erhob sich und rauschte an ihnen mit elastischen Schritten vorüber. Sie hatte die beiden nicht gesehen, diese aber sie, trotz der Schleier.

»Madame la Princesse!« rief der Attaché verwundert.

»Ihre Sünden müssen sie sehr drücken«, sprach der Gesandte, »daß sie es nicht verschmäht hat, in einer lutherischen Kirche zu beten.«

»Und ganz allein!« replizierte der Vicomte. »Sie nimmt gern einen andern mit ins Gebet.«

»Disparaissez!« rief Laforest und winkte ihm, indem er der Dame nacheilte.

Der Vicomte ging lächelnd seine Wege: »Er will sie nicht allein gehen lassen! Monsieur Laforest, man muß es ihm gestehen, übt die Humanität bis zur Outrage. Die Petarde, die ihn in die Luft sprengen soll, in der Tasche, schützt er die Lunte, die sie entzündet, daß der Wind sie nicht ausbläst.«

Wirklich sehen wir auf der Straße den offiziellen Minister des Kaisers der Franzosen der nicht offiziellen Agentin des Kaisers aller Reußen den Arm anbieten, um sie in ihr Hotel zu geleiten, und sie reicht ihn ihm, nach einem momentanen Zaudern, rasch hin.

»Stumm wie die Nacht und bewegt wie die schöne Seele einer Deutschen«, sagte der Franzose zu seiner schweigenden Begleiterin.

»Sagen Sie lieber, Haß und Grimm im Herzen und am Arm des verhaßten Feindes durchs Leben gehen müssen!«

»Oh, wäre ich so glücklich, eine solche Feindin durchs Leben führen zu können.«

»Wer denkt an uns!«

»Ich sehr stark an mich.«

»Das lügen Sie vor sich selbst. Unsere Aufgabe ist's, uns immer selbst belügen, täuschen, unsere glühendsten Gefühle mit einer Eiskruste umgeben und, wenn wir vor Frost zittern, wie der Frühling lächeln, in Flitterstaat glänzen, und vom Gefühle unserer Sünde zerknirscht, in Selbstzufriedenheit strahlen! Alles für andere, uns selbst, unser Glück, unsere Buße und Hoffnung hinzuopfern für ein anderes Wesen, einen Begriff, von dem man eigentlich nicht weiß, was er ist. Ins Reich der Seligen kommt der Staat doch nicht.«

»Ich glaube kaum, daß ein Platz für ihn da ist: weder unter den Gerechtfertigten noch unter den Sündern.«

»Und doch Diplomat!«

»Weil er sich selbst ganz verleugnen muß, sollte ja das die himmlischen Tore ihm vor allen öffnen.«

»Vielleicht, wenn – Exzellenz, hat Sie nie das Gefühl durchzuckt, die Sehnsucht durchschauen, vernichtet zu sein, aufzugehen in ein anderes Wesen, zerstampft in Atome, die das andere Wesen vergrößern und verherrlichen?«

»Oh, sehr oft, Madame, in den Armen einer liebenswürdigen Frau.«

»Haben Sie nie die Seligkeit der Begeisterung empfunden?«

»Wofür?«

»Wofür? Und Sie kommen aus einer Revolution. Die glutspritzende Lava treibt doch ungeheure Bilder in unsere Lebensnacht.«

»Prinzessin, die Lava ist schon kalt geworden.«

»Sie waren einmal Republikaner!«

»Was waren wir nicht alles! Und eben weil wir so viel gewesen sind, für so vieles geschwärmt, gerast haben, ist wirklich in uns kein Platz mehr für die Begeisterung.«

»Auch nicht für Ihren Kaiser?«

Laforest ließ eine Pause vergehen, bis er antwortete: »Auch für den nicht. Die Jugend, die Kriegslustigen, wer avancieren will, die meinethalben. Wir andern – pausieren, wir wissen ja nicht, ob es das Letzte ist. Der einzige Erfahrungssatz, den wir nach Hause trugen aus allen Revolutionen, ist der, daß die Dinge ihren Kreislauf machen, und die höchste Weisheit für die Individuen wäre die, auszurechnen, welches Stadium eintreten wird, wenn es mit uns zu Ende geht. Wer sich darauf präparierte, stürbe glücklich.«

»Um fortgespült zu werden ins Meer der Ewigkeit als letzte Schaumflocke, die die Flut der Zeit auf ihren Wellen trug.«

»Wer wird mit mehr Konsistenz hineingespült!«

»Sie belügen sich wieder selbst. Warum hätten Sie sich in die Kirche gewagt, ausgesetzt der Entdeckung! Wenn einer dieser Franzosenfresser Sie erkannte!«

»Habe ich etwa spioniert?«

»Nein, Sie wußten es ohnedem. Aber aus reiner Dienstpflicht hätten Sie das nicht unternommen. Es war die Abenteuerlust, der ein Motiv zum Grunde liegt, das Sie sich selbst zu verbergen suchen. Ein Wagestück für Ihren Kaiser!«

»Sahen Sie nie am Roulettetisch Männer, die selbst nichts mehr zu setzen haben, mit gespannter Aufmerksamkeit das Spiel verfolgen, das sie nichts angeht? Sie pointieren im Geist, eifrig, zufrieden und entsetzt wie die andern. Das Spiel ist ihnen zur Natur geworden.«

»Was sahen Sie in der Gruft?«

»Was ich erwartete, ein romantisches Schauspiel.«

»Das zu einem Schluß führt, der Ihnen nicht gefallen darf.«

»Welchen Schluß meinen Sie, Prinzessin? Ich sah nur einen frappanten Aktschluß. Die Zuschauer taten mir leid, daß sie nicht klatschen durften.«

»Der Schluß des nächsten Aktes wird blutig werden.«

»Vielleicht, vielleicht auch noch nicht. Man muß den nächsten Aktaufzug abwarten.«

»Ich glaube, Sie werden ihn hier nicht abwarten.«

»Das täte mir um der Gesellschaft willen leid, die ich sehr ungern verlasse.«

»Und was ist der letzte Akt?-

»Der letzte, Prinzessin, wer sieht so weit!«

»Aber Sie sehen etwas vor sich. Sie täuschen mich nicht.«

»Ich sehe allerdings einen folgenden – einen, der nicht ausbleiben wird, wenn dieser ernst wird.«

»Aber er spielt nicht in der Potsdamer Kirche?«

»Doch – es wird auch Nacht sein – bei Fackelschein seh ich meinen Kaiser in die geöffnete Gruft steigen; hinter ihm seine Generalität. Man wird Friedrichs Sarg öffnen und Napoleon die Hand des Gerippes ergreifen.«

»Abscheuliche Phantasie!«

»Natürlich nichts als Phantasie! Und er wird sprechen: ›Großer Geist, vor mir sollst du Ruhe haben in deiner Gruft.‹«

»Napoleon ist kein Freund von Nachtstücken.«

»Je nachdem es ihm konveniert. Glauben Sie nicht, daß der Akt die Bewunderung der Deutschen für ihn erhöhen muß?«

Sie waren an die Tür des Hotels gekommen, wo die Fürstin abgestiegen.

»Ich danke Ihnen für die Begleitung«, sagte sie. »Wir werden uns nicht wiedersehen – wenigstens bis zu einem nächsten Aktschluß.«

»Warum?« Er hatte sie die Stufen hinaufgeführt und drückte die nicht verschlossene Tür auf.

»Sie haben Ihrem Kaiser von der heutigen Nacht zu berichten. Leben Sie wohl.«

Er drückte ihre Hand an die Lippen; sie zitterte.

»Ich möchte Sie noch um einige Details bitten, die mir entgangen sind. Aber Sie stehen in der Zugluft.«

Er zog sie in den Flur und drückte die Türe zu.

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