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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Siebentes Kapitel.
Das Gespenst von Sanssouci.

Teilten nur die mit Sternen und Bändern die fieberhafte Stimmung? Auch unter dem schlichten Bürgerrock schlugen warme Herzen bang, sehnsuchtsvoll der Entscheidung entgegen. Nicht alle, vielleicht nicht viele unter den vielen, aber alle fühlten, was es galt. Wenn nicht das Vaterland selbst, doch seine gefährdete Ehre. Und es war eine mächtige Blutströmung damals, weil der Glaube sie trug, daß sie unerschütterlich stehe am Firmament angefestet mit dem Gestirn, das Friedrichs Ehre heißt.

Unter denen, die in den langen Korbwagen aus Berlin gekommen, wußte man gewiß so wenig von dem, was im Schlosse vorging, als die in glänzenden Equipagen und mit blasenden Postzügen herübergerollt es wußten. Und doch, obgleich ihre Ohren nicht so fein gespitzt, ihre Augen nicht so geschärft waren, um aus dem Schütteln einer Handkrause Schlüsse zu ziehen, was den Mann in dem Augenblick bewegte, der das Hemde trug, obgleich alle die feinern Vermittelungen, Organe und Bezüge ihnen abgingen, welche die Erwählten mit dem in Verbindung setzen, was ihnen als Herz gilt, doch wußten diese Massen weit mehr als jene. Ein Tropfen Blut färbt ein Glas mit Wasser, ein Wort, eine hingestreute Nachricht durchfliegt, bewegt, entzündet die Massen. Jene üben die Kritik der Phantasie, um ihre Denkkraft zu zersplittern bis zur Nichtigkeit. Diese lassen sich berauschen von einem Wink, Blick, Schall, ohne ihn zu prüfen. Jene legen die Empfängnis auf einen Destillierkolben, der auch den Diamant in Rauch zersetzt, bei diesen fällt sie in den Zauberkessel des Glaubens und steigt und schwillt zu einem riesigen Dunstphantom in die Lüfte.

Warum konnte denn Kaiser Alexander nach Berlin gekommen sein, warum hatte man ihn nach Potsdam feierlich abgeholt? Warum hatten sich die hohen Herrschaften als Familie abgeschlossen? Warum war der Erzherzog Anton da und die hohe Generalität in Gala? Es muß eine systematische Depravation vorangegangen sein, wenn das Volk bei außerordentlichen Akten an eine Komödie denken soll. Es war vieles in Preußen vorangegangen, was das Volk geschmerzt, gekränkt, es hatte viele Männer hassen gelernt und hielt andere für fähig, es täuschen und verraten zu wollen, aber daß die höchsten Behörden, Minister und Generale, die Regierung in ihrer Gesamtheit, daß der Hof, der König und der Kaiser ein großes Schauspiel vor ihm aufführe, hinter dem eine andre Wahrheit lauert als die sichtbare, das hielt damals das preußische Volk für unmöglich. Es glaubte an die Wahrheit wie an die Ehre seines Staates.

Weil es glaubte, war es froh. In der Freude das Maß der Schönheit beobachten ist nicht allen Völkern gegeben. Die Lustigkeit brach roh heraus. Wenn der Kosak die Peitsche wirbelte, jubelten sie ihn an, sein Hurra erwidernd: »Los auf die Franzosen!« Man reichte den Söhnen des Don die Schnapsflaschen. Die Flaschen gingen auch im Volk von Mund zu Munde. Des Alten Fritz Name, der Name Roßbach schallten unter einem Gelächter, daß manchem die schönen Namen in der Gesellschaft leid tun konnten.

Das mußte auch einem so gehen, der sich unter die dichtesten Haufen gemischt; er wollte die Volksstimme hören. Aber Walter van Asten fand nirgend die Volksstimme, die er suchte. Ihm schien die Freude empörend, mit der man dem Kosaken die Hände schüttelte, seine Stiefel, Sporen betastete, den Schweif seines Rosses streichelte. Einer im Haufen machte den Spaßvogel. Mit wankenden Füßen und rot aufgedunsenem Gesicht malte er den Zuschauern, wie Napoleon bei Roßbach laufen würde, wofür schallendes Gelächter und Jubel ihn belohnte.

Wo waren denn die Patrioten, die Walter suchte? Er mußte in einer bösen Stimmung sein; wo er ging, wohin sein Auge fiel, sah er nicht, was er erwartet. Im Volke Roheit, blödsinnige Hoffnungen, in den andern verbissene Wut, militärischen Übermut oder Kammerherrngesichter.

Auch er hatte auf ein Schauspiel gehofft, aber keine Komödie, auf eines, das aufgehn werde wie die Blume aus der Knospe, wie die Sonne am Frühlingsmorgen, auf einen Auferstehungstag des preußischen Volkes. Wenn die Trommel wirbelte, eine Reiterschar durch die Straßen sprengte, aller Augen nach dem Schlosse sich wandten, wenn dann – die Fenster aufrissen, der König an die Brüstung träte, an der Hand die schöne Königin, zur Seite der ritterliche Freund. Wenn er an die Brust faßte, die Hand zum Schwur gen Himmel hob: »Gott sei mein Zeuge, ich kann nicht anders. Was ich getan, er weiß es, um die blutige Entscheidung zu ersparen. Er wollte sie mir nicht sparen. Mein Volk, es ist kein Krieg um eitlen Vorteil, es gilt die Erhaltung deiner selbst, unsrer teuer errungenen Selbständigkeit, es gilt Preußens mit Füßen getretene Ehre, es gilt den Augenblick, den nichts zurückkauft. Mein Volk, es gilt unser Dasein. Dies Wort ist Krieg, und mein Volk wird zu mir stehen!« – Und das Volk wäre mit einer Stimme, mit einem Laut in des Königs Worte eingefallen. Dann hätten Tränen perlen mögen im festesten Auge, dann jeder an die Brust des andern fallen, dann die Arme sich zum Schwur erheben, ein Laut in die Wolken, nicht Jubel, Freude, Musik, ein Laut der Einigkeit zwischen Fürst und Volk.

Die Trommel wirbelte oft, es blieben Präludien. Kavalleriescharen preschten flimmernd und klirrend durch die Straßen, es war der Wind, der im Ährenfelde rauscht. Nur eine Melodie summte alle Viertelstunde ihm in die Ohren, das Glockenspiel auf dem Turme:

Üb immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab,
Und weiche keinen Fingerbreit
Von Gottes Wegen ab.

Er folgte den welken Blättern, die der Wind vor seinen Füßen trieb; ihm gleich, wohin. Er folgte ihnen aus der Stadt, hinaus aufs Feld, auf die Höhen. Ehe er es selbst wußte, stand er auf dem Ruinenberge, der das unter ihm liegende Sanssouci und die noch tiefere Stadt beherrscht. Die Laune des großen Königs baute Trümmerwände eines römischen Zirkus hierher, die Arena sollte das Wasserreservoir werden, aus dem die Fontänen in Sanssouci und der Stadt gespeist würden. Das Werk mißlang, und der König gab es auf. Er war müde geworden des Kampfes mit den Menschen und der Natur. Die künstliche Ruine, von Unkraut überwuchert, von aufschießenden Kiefernbäumen umstanden, war selbst wieder zur natürlichen geworden. Die eisernen Röhren, zerschlagen, waren als Prallpfeiler an den Straßen benutzt.

Walter lehnte sich an eine Arkade. Grau lag Gegend und Stadt vor seinen Füßen; von den geputzten Menschen drang kein bunter Flimmer über die Dächer, vom Geräusch kein Ton herauf. Er war einsam, nur die Krähen schwirrten um die Kiefern. Kalt die Luft, grau der Himmel, grau war es in ihm.

Es war grau nicht seit heute erst. Mit geschlossenen Augen verfolgte er ein Schauspiel; die Träume seiner Jugend gingen an ihm vorüber. Der Ehrgeiz, der schon in des Knaben Brust gespielt, wie oft hatte er sie geschwellt, wonach hatte er nicht die Hand gestreckt! Was war jetzt sein? Wie vieles davon hatte er, mit männlichem Entschluß, es nie wieder anzusehen, selbst in die Rumpelkammer verschlossen. Die Dichterlerche wollte wirbelnd in die Lüfte steigen; hatte er nicht geträumt von Lorbeerkränzen und seinen Namen an die Säulen geschrieben gesehen, wo die glänzendsten stehen! Eine Schamröte flog über seine Wangen. Dann – und dann, es waren Schaumwellen, und er lächelte. Aber er lächelte nicht mehr bei einem andern Gedanken, seine Hand preßte sich krampfhaft an die Brust: Und auch das könnte ein Traum gewesen sein? – Liebt sie dich denn? – Er wollte die Frage, die wie Hammerschläge auf sein Herz pochte, fortdrängen, was gehörte sie hierher! Er glaubte sie heut wenigstens überwältigt zu haben; andre Gedanken hatten ihn hergetrieben. Aber wie neckisches Echo rief sie wieder aus jedem Winkel.

Endlich schwieg das Echo, aber er sann einer andern Frage nach, und seine Brust hob sich wieder: War das sträflicher Ehrgeiz, Jugenddünkel? Ist es nur den Adlern erlaubt, aus der Wolkenhöhe auf die Erde zu schauen? Dringt des Menschen Geist nicht tiefer in die geschaffenen Dinge, fliegt er nicht höher als der Vogel? Was tiefer, höher! War das Ehrgeiz, daß er ein tiefes Übel des Gemeinwesens erkannt, daß der Drang ihn übermannt, es vor der Welt hinzustellen und zu rufen: Helft, und so könnt ihr helfen! Wie ernst geprüft, studiert hatte er, dann nach vollster Überzeugung seine Gedanken ausgesprochen: so klar, deutlich; es mußte ja jedem, der die Augen nicht verschließen will, einleuchten. Und wo er anklopfte, verschlossene Türen; wo er sprach, lächelte man. Hatte ihn jemand widerlegt? Man hatte von schönen Gedanken gesprochen, aber wie die Welt sei, blieben es ja doch nur Chimären. »Sie hätten die ganze Welt für eine Chimäre erklärt, wenn der Schöpfer, ehe er das ›Werde‹ sprach, die klugen Leute befragt hätte!«

Und seine Schrift! War ihm nicht das Seltsame begegnet, daß der Verleger, Herr Mittler auf der Stechbahn, schon nach einigen Tagen, als er sich einige Exemplare zurückholen wollte, ihm lächelnd erklärt, daß sie sämtlich vergriffen wären? – Verkauft? Alle bis auf das letzte, und – niemand in der ganzen Stadt sprach davon! Weil es wenige politische Schriften jener Zeit gab, erregten sonst auch die unbedeutendern Aufsehen, und von seiner wußte niemand, niemand fragte ihn danach, keine Zeitung hatte sie erwähnt!

Sein Auge streifte nach den Krähen hinauf Dachte er an die Märchen von Raben, welche gestohlene Preziosen in ihre Nester tragen? Da blinkte es allerdings golden in dem Krähenneste zu seinen Häupten, aber es war ein Nachmittagstrahl, der das rauhe Geflecht anrötete. Die Wolken waren gebrochen, und die Sonne goß mit gesparter Kraft ihren Goldschein auf einen Teil der Gegend. Sanssouci mit seinen Metallkuppeln fing den vollen Strahl auf. Die Schnörkelspitzen der Dächer glühten, es mußte warm werden auf der Terrasse, warm wie ein später Herbsttag es zuläßt, und Walter fröstelte auf der windigen Höhe.

Die Tore waren geöffnet und unbewacht. Die Wege waren mit welkem Laub überstreut. Das Knistern seiner Schritte rief kein lebendes Wesen herbei; wen seine Beine trugen, war nach der Stadt gewandert. Ja, es war laue Luft auf der Terrasse und Walter müde. Er setzte sich auf einen der Steine, unter denen Friedrichs Hunde ruhen. Es stand ein verwitterter Name darauf. Ob unter allen, die jetzt lebten, einer das Tier gekannt, das ihn trug! Und doch hat sein Name Anwartschaft auf Unsterblichkeit!

Die Orangerie war längst in die Glashäuser geschafft, es sah leer, wüst und zerstört aus. Nur einige von den Riesenkürbissen, die man nicht der Mühe wert hielt fortzutragen, faulten am Boden. Die hohen, bis zur Erde reichenden Glasfenster des Palastes waren golden von der Sonne angeglüht. Der Reflex des Lichtes blendete ihn, und doch sah er immer wieder hin: »als wären es seine großen Augen!«

Wenn diese Augen herabsehen, wenn sein Gesicht jetzt in den öden Sälen wandelte! Wenn das zur Strafe an der Schwelle der Ewigkeit dem Größten seines Jahrhunderts diktiert wäre, zurückzukehren als Schemen und zu sehen, hören, einzuschlürfen den Schmerz, wie Staub und Wetter, Moos und Rost seine Schöpfung umzogen! Noch nicht zwanzig Jahre vergangen, und wo war seine Herrlichkeit!

Klopfte es nicht an die Fenster, war es nicht sein Finger, der voll Unmut dagegen hämmerte? – Ach, die körperlosen Wesen haben nicht die Macht, sie sind nur der Schwamm, der die Feuchtigkeit der Luft einsaugt, die Äolsharfe, die vom Winde bewegt wird, die Seele, die den Weltschmerz empfangen muß; aber keine Träne, kein Wehruf, nicht das Blinken der Augenwimpern ist ihnen vergönnt, ihren eignen Schmerz den Lebendigen kundzugeben!

Walter war ein Romantiker gewesen, an Geister glauben war damals sein errungenes Recht. Aber an Friedrichs Geist glaubten die Romantiker nicht. Das Licht des achtzehnten Jahrhunderts war ein anderes, ein künstliches, selbstverfertigtes von einem nüchternen Geschlechte, blasse Strahlen werfend wie Mond und Nordlicht, keine Wärme verbreitend. So hatten sie gelehrt, so hatte er geglaubt. An einem anderen Lichte müsse der Geist entzündet werden, an einem andern Feuer das Blut erwärmen. Nicht durch die Vernunft, numine afflatur der Geist. So steigt er in die Höhen der Seligkeit, wo das Auge trinkt aus einem Silbermeer der Wahrheit und Gnade, bis es trunken wird von Klarheit und Wonne. So hatten sie gelehrt, und er hatte geglaubt. Dazwischen lagen freilich Jahre, und andre Gedanken hatten wie der Widerschein eines Weltbrandes in seiner Seele gezuckt. Was er noch lehrte, glaubte er nicht mehr, und was er glaubte, lehrte er nicht mehr. – Ist denn nicht alles Licht aus einem Quell, der Funke, den der Titane stahl aus dem verschlossenen Schatz der Ewigen, und keine Fluten, die der Himmel herabgießt, löschen es mehr! Dort mattes, frostiges Licht, es wärmt nicht; hier züngelnder Flammenschein, er sengt, verwirrt dich, sein Feuerhauch verzehrt dich vielleicht. Was ist besser? Seitdem war er aus der Schule ins Leben übergegangen. Er hatte aus der Pflanze, aus dem Stein ihr Licht gezogen; er suchte wieder nach einem, aus dem alle Lichter kommen und das Leuchten in allen Zeiten.

Aber das Licht, das aus Friedrich leuchtete, war ihm ein kalter Schein geblieben. Man sagt, wer ein Romantiker gewesen, wer einmal aus dem Zauberquell getrunken und aus der Erde die geheimnisvolle Wurzel riß, der höre immer summen und klingen die Zauberweisen, die ewigen Klagen und das ewige Hohngelächter der Natur, die nach Erlösung ächzt; es sei der Venusberg, der sich immer wieder auftut dem, der aus ihm entronnen, sagen die Verständigen. Aber ich liebe die Schatten der Wälder, wenn mir zu heiß ward zwischen den Glutöfen und ihren dampfenden Schornsteinen, unter dem Strahl der saatenreifenden Mittagssonne. Dann strecke ich mich auf das schwellende Grün unter ihren Riesenästen und lausche dem Vogelgesang, dem Rieseln der Quelle, die an ihren Wurzeln spielt. Die Vögel und die Quellen singen: Und wurden diese Bäume denn geboren, als es Nacht war, weckte nicht auch sie der lebenzeugende Strahl aus dem Schoß der Erde, strebten sie nicht zum Licht und breiteten ihre Wipfel nach dem Sonnenreich? Wehe dem armen ausgebrannten Menschengeschlechte, wenn es auch gar nichts mehr hört von dem Rauschen der Zauberwälder.

So dachte vielleicht der ehemalige Romantiker Walter van Asten. Und Friedrichs Erscheinung war ihm wie die eines übelwollenden Gnomen, in eine Welt gesetzt, zu der er nicht paßte. Da saß er auf der Brunnenröhre – das Bild kam ihm wohl von dem bekannten »Der König nach dem Tage von Kolin« – den Dreimaster verschoben auf den schlecht gepuderten Locken, und zeichnete mit dem Stocke Figuren. Der Tabak lag dick auf seiner Schoßweste, die Augen wühlten glanzlos im Sande; er hatte keine für die liebende Teilnahme seiner Genossen, die ängstlichen Blickes um ihn standen. Und wenn dieser Friedrich eine Welt in sich trug, so war vielleicht eine aus einem andern Jahrhundert, aus andern Zonen über dem Ozean. Er war verfrüht und isoliert auf dieser Scholle. Die Freunde der Jugend, wenn er deren gehabt, hatten die Wellen der Jahre fortgespült; er saß, ein eigensinniger Greis, der nur auf sich hörte, mißtrauisch gegen alle, ein Einsiedler in der neuen Welt, die nicht mehr seine war. Seine großen Augen sahen nicht den Wechsel der Geschlechter, nicht neue Jugend um sich und andere Ideen, die mächtig sich emporrangen aus dem deutsche Volke.

»Was sähe denn jetzt dies große Auge?« rief er unwillkürlich laut. Aber als er seines aufschlug, sah er eine Erscheinung. Unfern von ihm auf einem andern Steine saß Friedrich. Übergebückt, die Locken überschattet von der schiefen Spitze des alten Hutes, zeichnete er mit dem Stock im Sande. – Die Erscheinung verschwand nicht, als Walter die vom Sonnenlicht geblendeten Augen rieb; es waren aber nicht Friedrichs Augen, als die Erscheinung den Kopf wandte und ihn fragend ansah.

»Des großen Königs Auge, meinen Sie?« sagte der alte Mann, und ein Seufzer machte sich Luft. Er war ein Militär aus Friedrichs Zeit, und Walter wegen seiner Täuschung zu entschuldigen, wenn nicht schon der Abendsonnenflimmer und die Träumereien es übernommen. Der Typus eines bedeutenden Mannes drückt sich unwillkürlich seinen Dienern und Bewunderern auf.

Es gibt Momente, wo zwei Unbekannte sich ihre Gedanken ablesen, ehe sie ein Wort gewechselt. Der Blick und die Physiognomie allein tun es nicht; es ist der Ort, die Stunde, das Licht, die Luftschwere oder deren Leichtigkeit. Sie können jahrelang sich begegnen, Worte tauschen, und bleiben sich doch fremd; es ist der Zauber des Augenblicks, welcher die Seelen aufschließt.

Der Weg zum Gespräch war kurz, wo beide sich entgegenkamen.

»Was war denn sein Vaterland«, rief der Major, mit dem Stock in die Erde bohrend, »als er die Franzosen lieben lernte, was sie ihm jetzt zum Verbrechen machen! Ich alter Mann lese nicht viel neue Bücher, doch aber einige, und ich lese es mit Schmerz, wie die Jugend den Einzigen richten will. Wie war es denn damals? Sehn Sie um sich, so weit das Deutsche Reich ging – wie mußte er sie zu sich heranschleppen! Sie liefen ihm dann nach, nur weil er's kommandierte. Nun, war's da zu verwundern, daß er keinen Respekt bekam vor den Leuten, die nur auf Kommando einen geraden Rücken zeigten, die auf Kommando ins Licht blickten, daß er auf die nicht hörte, die ihn nicht verstanden, und wie er alt und grämlich ward, auf niemand mehr.«

Walter wies auf die Glastür in der Mitte: »Dort saß der König dieses Landes mit dem hergelaufenen Witz aus allen Ländern, und beim schäumenden Glase sprühte von ihren Lippen der Spott über die, welche im Könige ihren natürlichen Anwalt haben sollten.«

»Haben Sie, mein junger Herr, den König da im Saale sitzen gesehen?«

»Nein«, entgegnete mit etwas verlegener Stimme Walter. »Ich war zu jung, und als ich ihn einmal sah –«

»Ich habe ihn gesehn«, fiel der alte Offizier ein und schwieg einen Augenblick; dann fixierte er den andern. »Sie sind kein Junker? Wahrscheinlich ein Gelehrter?«

»Wenn die Menschen durchaus in Stände geteilt werden müssen, würde man mich dazu rechnen.«

»Verlangen Sie, daß ein Friedrich sich seine Tischgesellschaft aus denen holen sollte, die zum Wollmarkt kommen? Lieber Gott, mich dünkt, er hatte genug getan, wenn er ihnen alle Stellen ließ in der Armee und im Zivil ja auch. Nun, an seinem Tisch lassen Sie ihm doch seine Franzosen und Engländer und Italiener. Die witzigen Seifenblasen beim Champagnerglase wurden ja schon runtergespült bei der Tasse schwarzen Kaffee.«

»Aber nachdem er den Kaffee getrunken! Er hatte ja sein Volk gebildet! Sie sagten eben, er hatte sie herangeschleppt. Seine Junker lasen ja schon die ›Pucelle‹, ihm zum Vergnügen, und wußten kaum, daß eine Jeanne d'Arc gelebt. Homer und Leibniz waren ihnen unbekannte Größen, aber sie lachten aus Herzenslust über den ›Candide‹!«

»Nachgetan hat es ihm mancher. Aber wie! Daß Gott erbarm! Sollte er die als seinesgleichen in die Arme schließen? Als er aus dem Nichts heraus arbeitete bei seinem Schöpfungswerke, wer hat ihm da von allen seinen Landeskindern geholfen!«

»Und was davon ist denn noch!« sagte Walter und senkte den Kopf.

»Es muß doch schon noch etwas sein«, entgegnete mit sarkastischem Tone der alte Militär. »Denn um der Hunde willen, die unter uns liegen, sind Sie doch nicht hier? Auch kommen darum nicht die vielen Tausende Fremder, die des Jahres die Terrasse besehen wollen. Drinnen, da hinter den Glasfenstern, ist's leer, der Staub wirbelt im Sonnenschein und die Motten nisten in den Polstern. Warum läßt man sie darin? Warum ist denn noch niemand in dies Haus gezogen, nachdem er es verlassen? 's ist ja so lustig und hübsch. So meinen Sie doch wohl, daß drinnen noch etwas ist, davor sie Respekt haben, und gehn ihm fein aus dem Wege.«

»Vielleicht die Furcht vor dem Gespenst mit dem Krückenstock«, warf Walter hin.

»Kann wohl sein«, nickte der Major und wies nach Potsdam hinunter. »Warum kämen sie sonst aus Petersburg und Paris her und legten ihr Ohr an die Türen? Selbst der mächtige Kaiser! Warum ständen die gesattelten Kurierpferde in den Ställen, um das Ja oder Nein nach Wien und London zu tragen? Um uns doch nicht! Sein Geist ist's allein, mein junger Herr Gelehrter, der noch da sitzt; auf den horchen sie, vor dem schüttelt es sie, die Großen und Mächtigen, daß er plötzlich aufstehen könnte und sich schütteln im Zorn.«

Es war eine Pause eingetreten. Ihre Gedanken, abwärts schweifend, fanden sich wieder.

»'s ist doch was Großes um einen großen Mann!« sagte der alte Militär. »Was er hinterließ, es läßt sich mit keinem Schwamm auslöschen. Was haben sie gebürstet und gescheuert, die Herren da mit den Jesuitengesichtern! Säuberlich, daß man's nicht merken sollte, aber der Klumpfuß kam doch vor, und das Volk hat ihn gesehen. Wie haben sie seine œuvres posthumes traktiert, daß es eine Schande ist! Und hier in Sanssouci, jetzt schonen sie die Scheuermagd, aber damals, als noch der Staub seiner Füße dalag, das Buch, darin er gelesen, das letzte Papier, auf dem seine Hand geruht – da hätten seine Generale und Minister auf Sammetschuhen eintreten müssen, mit verhaltenem Atem und zu Protokoll nehmen und Siegel anlegen, daß alles bleibe, wie es gelegen, ein Heiligtum zum ewigen Gedächtnis seines Volkes – aber die Besen haben ja gewirtschaftet, als könnte der Erbe im Totenhaus es nicht abwarten, bis er Hochzeit macht. – Und das sollte noch nicht das schlimmste sein, großer Gott!«

»Was ist denn schlimmer?«

»Daß eine junge Generation aufkam, die ihm vorwirft, daß er nicht deutsch gedacht haben soll! Kann man denn zerstören, was nicht mehr ist!«

»Mich dünkt, der große Mann teilte nur das Los aller Sterbenden«, sagte Walter nach einer Pause. »Mit Riesenplanen tritt der Jüngling ins Leben, seine Hoffnungen segeln mit dem Morgenrot, die Welt dünkt ihm in seiner Hand ein Bild von Wachs. So schüttelt er die Glieder am frischen Morgen; dann kommt die Mittagshitze, und er ruht aus. In der Abendkühle hofft er wieder anzufangen, aber er irrt, die erschöpfte Natur will ihr Recht, der Schlaf senkt sich auf seine Glieder, und auch das weiche Wachs ist hart geworden; es schneidet seine wunden Finger. Da wirft er's am Ende fort und sie lachen ihn wohl noch aus, den törichten Bildner. Und was bleibt ihm! Er hüllt sich in den Mantel der Resignation und spricht, wenn der letzte Gruß der Abendsonne ihn ruft, Salomonis Wort!«

»Der, mein Herr«, rief der alte Soldat, und wies auf die Palasttür, »der brauchte sich nicht in ihren Mantel zu hüllen. Ja, einen Mantel schlangen sie ihm um, daß ihn die Kälte von draußen nicht berührte. In ihm war's warm; seine Werke wärmten ihn, wenn er auf die sah. Dreizehn Bataillen! Nun ja, seitdem sind größere geschlagen worden. Es gibt auch größere Dichter, Philosophen. Andre haben das Volk mehr kajoliert. Das hat er nicht verstanden, auch nicht große Worte machen; er wollte es auch nicht. Dachte vielleicht, was ich getan, ist denn das nicht mehr! Herr, was wir sind und haben ist sein Werk, unser Name, unsre Straßen, unsre Häfen, unsre Ordnung, unser Respekt. Sein Auge leuchtete als Stern den Unterdrückten. Sein Wort, das er donnerte, als der Müller Arnold klagte, dröhnte durch Europa, und es wird durch die Welt hallen, solange sie steht. Sein Wort, daß jeder in seinem Staate selig werden solle, wie er will, Gottvater im Himmel, kann denn das je vergessen werden!«

»Walte der!« setzte er nach einer Weile hinzu, indem er den Hut von der Stirn nahm, es war wohl, um zu verbergen, daß er die Hände im Schoß faltete. »Walte der da oben, daß jetzt sein Geist da unten mitspricht!«

»Amen!« rief bewegt der jüngere Mann.

Der Offizier bemerkte es, wie er heftig dabei die Arme verschränkte und finster in sich schaute. Er warf ihm einen ersten freundlichen Blick zu:

»Sein Werk ist doch wohl noch nicht untergegangen, denn sein Volk lebt noch!«

»Und er zögerte nicht, ja zu sagen«, fiel Walter ein, »wenn eine halbe Welt ihn zu beschwören kommt.«

»Nein«, sagte der Alte jetzt aufstehend, »aber der große König hätte sich nicht beschwören lassen, er wäre der halben Welt zuvorgekommen, und hätte den Degen gezogen, und sie beschworen, daß sie ihm folgen mußte. Das ist's, da liegt der Unterschied. Wo wir drauflosgingen, siegten wir; wo wir's an uns kommen ließen, zogen wir den kürzern.«

Sie wurden hier unterbrochen. Eine Gestalt am andern Ende der Terrasse war schon eine Weile sichtbar oder hörbar, nur sahen und hörten die beiden im Eifer ihres Gespräches sie nicht, und der ältliche, sehr wohlbeleibte Mann, der ihnen mit einem weißen Tuche ängstlich winkte, vermochte wegen seiner Körperschwere nicht so schnell heranzukommen. Jetzt aber war er da, und wer er war und was er wollte, erlitt keinen Zweifel.

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