Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.
Fensterskizzen.

Es war ein grauer Herbsttag, an dem die Sonne nur dann und wann einen Blick auf die Dächer von Potsdam warf. Der Wind wehte die gelben Blätter durch die Straßen: öde sonst, heut belebt von Köpfen, Uniformen, Livreen aller Farben und Muster, von Physiognomien, die den verschiedensten Nationen, ja Weltteilen, anzugehören schienen. Die Equipagen von Ministern, Generalen, von Gesandten und fremden Prinzen rollten unaufhörlich zwischen den Palästen und Wirtshäusern, und zu diesen Gästen von diplomatischem Charakter kamen aus der Hauptstadt zahlreiche Postchaisen, Lohnfuhrwerke und jene langen und schmalen, ihrer Zeit wohlbekannten Charlottenburger Korbwagen, deren magere und keuchende Pferde zwölf Neugierige oder noch mehr aus der ersten auf einmal in der zweiten Residenzstadt absetzten.

Es mußte ein großes Ereignis oder eine große Erwartung sein, welche so viele Berliner, und an einem Tage, den beschwerlichen Weg unternehmen ließ. Ja, Potsdam, das lange verödete, schien wieder der Mittelpunkt eines europäischen Lebens geworden. Man sah es an den Blicken, man hörte es am Geflüster der Gruppen, aber nicht an den laut gewordenen Reden. Denn wenn zwei sich begegneten, fragten sie nur: »Haben Sie ihn schon gesehen?« – Wenn ihn nicht, den ritterlichen Gast, hatte man doch einen seiner silberumgürteten Kosaken gesehen, die Straße auf, Straße ab sprengten, angestaunt und bewundert von allen. Und es war doch auch sonst so viel auf den Straßen zu sehen, was da selten sich zeigt: die ersten Männer des Staates, Militär und Zivil, im Freien promenierend, in den Haustüren, an den Ecken stehend. Es schien ein öffentliches Leben in der Stadt Potsdam, und – es war keine Parade! So vornehm die Männer und Gäste, waren doch nicht alle geladen, ja die wenigsten hatten in den Appartements des Schlosses Zutritt, welche heute mehr dem häuslichen und Familienbeisammensein geöffnet sein sollten. Aber gleiche Erwartung, Spannung, ob und was sich entwickeln werde, hatte die Ersten und Höchsten hergetrieben. Feldherrn, Minister und Kabinettsräte, und nicht mit dem geheimnisvollen Nimbus der Autorität und des Allesbesserwissens um die Stirn, suchten, wie die Opferpriester im Flug der Vögel, in den Mienen der andern, ob sie eingeweiht waren. Es mußten wenige eingeweiht sein. Die eben vom Schlosse zurückkamen, antworteten, wenn Gruppen sich um sie bildeten, nur mit Achselzucken.

Auch vornehme Damen standen an den geöffneten Fenstern. Neugierig schweiften die Blicke der Fürstin Gargazin über den Platz, und sie hörte nur halb, was der Kammerherr von St. Real erzählte. Er war im Schloß gewesen und hatte aus dem Vorzimmer einen flüchtigen Blick auf das häusliche Glück im Schoß des Heiligtums geworfen.

»Was helfen uns Familienszenen, Kammerherr!«

»Seine Majestät der Kaiser ließen zwei der königlichen Kinder auf Ihren Knien reiten. Ihre Majestät die Königin blickte mit verklärter Mutterfreude auf das Bild.«

»Das glaube ich; aber der König?«

»Stand, die Hände auf dem Rücken, daneben.«

»Ernst wie immer?«

»Nein, Seine Majestät lächelten. Alle meinten, das werde eine Unité, die nie zerreißen kann.«

»Aber andern die Geduld«, warf die Fürstin ein. »Die Einigkeit da gefällt mir besser. Sehn Sie, Haugwitz mit dem Erzherzog Arm in Arm.«

»Sie scheinen in ein sehr ernsthaftes Gespräch verwickelt«, bemerkte ein Dritter am Fenster.

»Und Blücher schlägt hinter ihnen mit den Füßen den Takt. Er kann seine Freude kaum verbergen.«

»Er sollte nur den Säbel nicht so klirren lassen! Lombard flankiert umher. Ihm ist's nicht recht. Er möchte gar zu gern Haugwitz einen Wink geben.«

»Sehn Sie die Position, die er einnimmt. Sie sehn Lombard noch nicht; so sind sie vertieft. Jetzt müssen sie auf ihn stoßen, und geben Sie acht, wie er sich wie ein Aal in ihr Gespräch schlängeln wird!«

»Magnifique!« rief die Fürstin und klatschte ihre feinen Hände unwillkürlich zusammen. Ein rieselndes Gelächter der Umstehenden akkompagnierte ihre Empfindungen. Der Erzherzog mußte Lombard gesehen haben, und mit einer geschickten und raschen Wendung bog er kurz vor seinem Zusammentreffen dem Hindernis aus.

»Parbleu! Erlaucht, steht er nicht da wie eine Salzsäule!«

»Lombard verblüfft, ô c'est pour rire

»Blücher streicht sich den Bart. Der Seitenblick, den er ihm zuwirft! Ich fürchte für Lombards Magen.«

»Er kann viel vertragen.«

»Er rekolliert sich schon.«

»Der rechte Mann, um bonne mine à mauvais jeu zu machen. Aber sehn Sie Rücheln dort an der Ecke. Wie ein steinerner Roland, und ein Gesicht, als hätte er in eine bittre Zitrone gebissen.«

»Das ist schlimm, wenn Rüchel nicht zufrieden ist.«

»Wie sollte er es sein, gnädigste Frau, wenn Blücher vor ihm triumphiert!«

»Ah, Monsieur de Bovillard!« rief die Fürstin mit holdseliger Stimme, über die Fensterbrüstung gebeugt.

»Den!« Die Kavaliere sahen sich verwundert an.

»Er kommt wahrhaftig herauf«

»Meine Herren, von meinen Freunden erfahre ich nur, was ich weiß, an unsre Feinde müssen wir uns wenden, wenn wir lernen wollen«, entgegnete die Fürstin rasch umgewandt, während der Mann, welchem die Bemerkung galt, schon die Treppe heraufstieg:

»Tout à vos ordres, ma princesse!« keuchte der Atemlose, sich tief verneigend.

»Sie sind echauffiert. Meine Herren, das Fenster zu, damit Herr von Bovillard sich nicht erkältet! Wirklich, Sie sollten sich schonen, für den Staat und – die Ehren, die Ihrer warten.«

»Erlaucht belieben, mit einem abgesetzten Manne zu spotten. An uns ist es, Kohl zu pflanzen.«

»Eine sehr hübsche Beschäftigung«, entgegnete die Fürstin, »die sich aber ganz gut mit einigen Dekorationen auf der Brust verträgt. – Blicken Sie mich doch nicht so ehrlich an –«

»Auf Ehrlichkeit und Ehre, Madame, ich glaube, wir sind schon russisch. Ihr Sklave wirft sich Ihnen zu Füßen und fleht um Ihre Fürsprache, daß er Gnade empfange.«

»Die Alexander, der Großmütige, von selbst gewährt. Ohne Spaß, Herr von Bovillard, was trugen Sie davon? Einen Orden, Brillantringe, Dosen? Er vergißt seine Freunde in der verschwenderischen Großmut gegen seine Feinde.«

»Erlauchte Frau, Sie könnten mich stolz machen, zu glauben, daß ich noch nicht überwunden bin, denn meine Brust und Taschen sind leer.«

Die Fürstin fixierte ihn, mit der Antwort, wie es schien, nicht unzufrieden: »Er ist noch großmütiger, wenn er Freunde gewinnen will. Doch freilich, wenn er Sie öffentlich dekorierte, wie würden Sie vor Laforest bestehen? Aber in der Tat, lieber Bovillard, die Miene der Ehrlichkeit steht Ihnen schlecht; ich fürchte sie weit mehr, als wenn Sie mit Ihrer mokanten mich zum besten haben.«

»Parole d'honneur, princesse! Auf die Gefahr hin, ich muß ehrlich sein, denn ich weiß nichts.«

»Wer ist beim König?«

»Haugwitz, wie Sie sehen, promeniert mit dem Erzherzog. Voß geht in der Antichambre verdrießlich umher und sagt zu den einen ja, zu den andern nein. Hoym hat nur Augen für die Königin; er scheint im Vertrauen und wartet auf ihre Winke. Schulenburg und Angern unterhalten sich mit den Adjutanten über die Viehzucht in der Krim. Köckeritz sagt zu jedem, es werde alles gut werden, wenn man nur ruhig bleibt. Wittgenstein hat ein paar vornehme Russen am Arm und zischelt ihnen die geheime Geschichte einiger Hofdamen zu. Zur Radziwill war Alexander sehr zuvorkommend. Sie ist ihm aber zu enthusiasmiert, hat mir im Vertrauen Fürst Woronzow gesagt. Er liebt die plastische Ruhe. Die Prinzeß Mariane bewundert er um ihre Schönheit, sie ist ihm aber wieder zu plastisch und klassisch. Komteß Laura –«

»Um Himmels willen, das Kataster unsrer Schönheiten ein andermal!« unterbrach ihn die Fürstin.

»Aber die Königin bleibt die Zentifolie unter den Blumen, die Sonne unter den Sternen. Und welcher getreue Untertan wagte dem zu widersprechen!«

»Beim Gespräch vor der Kinderszene, ich meine im Kabinett, war kein Minister zugegen? Wo war Beyme? Ward Lombard von ihnen hinausgeschickt?«

»Erlaucht, ich bin ja so unschuldig wie ein neugeboren Kind, und, hol mich der Geier – Pardon! – sie sind's alle im Schlosse. Es druckst etwas und will nicht herausplatzen –«

»Und der Allianztraktat? –« platzte es bei der Fürstin heraus.

»Steht noch nicht auf dem Papier –«

Bovillard, wenn er sie nicht selbst eingebüßt, hätte jetzt von der Fürstin sagen können, daß sie die Kontenance verloren. Sie war nicht mehr Diplomatin, sie ging mit Heftigkeit auf und ab: »Und von der Stunde hängt es ab! – Ist denn solcher – möglich! Jung und –«

»Die Bedächtigkeit ist doch eine schöne Sache«, fiel Bovillard ein.

»Ihr intrigiert doch hinter unserm Rücken«, fuhr die Fürstin auf, »trotz Beymes Versprechen, das er der Radziwill geben mußte, trotz des Gesprächs, was Lombard neulich mit der Prinzessin Mariane hatte. Ihr laßt Haugwitz mit dem Erzherzog Anton verhandeln, damit er von der wichtigem Unterhandlung mit Alexander abgezogen wird. Hardenberg laßt ihr einer reisenden Schauspielerin mit Extrapost nachfliegen, daß er noch nicht nach Potsdam zurück ist; Prinz Louis zu einer opportunen Zeit dem König in den Weg treten, daß er aufgebracht werden mußte. Stein, Gott weiß, wo ihr den in den Winkel gestellt habt. Kurz, ich durchschaue alle eure Ränke, und im wichtigsten Moment seines Lebens, wo er Rat haben muß, ist es euch gelungen, ihn mit Nullen und Pagoden zu umstellen.«

Die Fürstin hatte recht, wenn sie heut in des Geheimrates Bovillard Physiognomie etwas Unnatürliches fand, nämlich die Ehrlichkeit. Wie er jetzt, aufrecht stehend, sie groß ansah, die Hand an der Brust, hätte der gewiegteste Psycholog geschworen, er meine es aufrichtig:

»Erlauchte Prinzessin, die Flüsse spielen um den Berg, aber wenn der Berg den Einfall bekommt, einzustürzen, ist ihr Spiel aus. Einem Selbstherrscher aller Reußen gegenüber, der den Einfall bekommt, uns mit seinem höchsteigenen Besuch zu überraschen, hört unser Spiel auf. Der Gewalt weicht die Kunst. Jetzt spielen höhere Mächte, und wir fügen uns als Stoiker in das Unabänderliche.«

Es entstand eine Pause. Die Fürstin hatte ihre Promenade noch nicht beendet:

»Einer muß doch den Anfang machen!« rief sie halb für sich aus dem Chaos ihrer Gedanken.

»Aber wenn der eine es nicht geschickt anfängt, schickt er ihn fort«, sagte Bovillard. »So ging es Stein. Der Freiherr polterte mit einer Proklamation los, die er in der Tasche trug, am Schweif eine Kriegserklärung. Majestät zogen die Stirn und zuckten mit dem Arm. Stein sagte, was man wolle, müsse man zeigen, und was man zeige, müsse man wollen. Majestät sagten, Sie hätten auch noch andre Räte, auch kluge Leute, auch treue Diener ihres Herrn, die er schon länger kenne als den Herrn von Stein und die nicht gleich mit dem Kopf durch die Mauer wollten. Zum Glück applanierte der Kaiser mit einer liebenswürdigen Wendung den Riß.«

»Und Stein?«

»Studiert im Lustgarten den Kunststil der Dryaden und Najaden.«

»Hardenberg wäre besser zum ersten Angriff gewesen. Wer denn nun?«

»Wer hat gleich ein neues Konzept fertig! Von unsern Freunden werden Sie die Initiative nicht erwarten. Wir stellen uns nur zur Disposition.«

»Man kann wirklich nicht mehr Aufopferung fordern«, bemerkte ein Russe.

»Johannes Müller ist doch zitiert«, sagte die Fürstin.

»Steht auch da, Erlaucht, mit der Feder in der Tasche, Tinte hat er auch, aber das Papier will man ihm noch nicht geben. Lombard ist ja auch berufen, hat auch die Feder gespitzt; je nachdem, französisch oder deutsch, hart oder weich.«

»Aber nachdem Stein abgeblitzt, mußten doch Majestät Ihre Meinung äußern.«

»Sie haben sie auch geäußert. Das Wort Kriegserklärung, so hart noch herausgestoßen, ohne alle Überzuckerung, hatten Majestät dermaßen irritiert, daß Ihro Majestät die Königin dem Kaiser einen Wink gab. Alexander verstand sie auch mit einer admirablen Grazie. Nun ward der Krieg emballiert, in eine traurige Eventualität übersetzt, und unter dieser Umhüllung passierte er wieder in der Konversation. Wenn man nur den rechten Ernst zeige und nur zur rechten Zeit, dann könne man sich der sichern Hoffnung hingeben –«

»Daß Bonaparte zu Kreuz kriecht! – Oh, charmant!« rief die Fürstin, und dunkle Lichter blitzten auf ihrem Gesicht, die wenig zu der zurechtgelegten Sanftmut paßten. »Darum von Petersburg nach Moskau geflogen, darum eine halbe Welt in Aufruhr, darum diese kostbaren Stunden in Potsdam! Um eine Ambassade, um eine neue Konferenz, um Protokolle -«

»Ohne Ambassade, Erlaucht, geht es nicht ab, mein kleiner Finger sagt es mir.«

»Die dem Korsen vorstellen soll, wie unbillig er gehandelt, ihm Moral predigen und Unterricht im Völkerrecht geben! Damit er sie, uns, alle, nicht allein verachtet, besiegt, mit Füßen tritt, nein, daß er sie auch verlacht. Und er hat recht.«

Der Major von Eisenhauch war schon während ihres Gespräches eingetreten. Er schien über die Gesellschaft, die er hier fand, verwundert.

»Nun, und Sie, Major?«

Er zuckte die Achseln: »Bis zum außerordentlichen Gesandten ist man gekommen. Er soll morgen abreisen.«

»Mit welchen Bedingungen?«

»Man spricht davon, der Luneviller Friede soll zum Grunde gelegt werden.«

»Die kann Bonaparte nicht annehmen«, sagte die Fürstin rasch. »Das wäre also so gut wie Krieg. Aber wer wird zu ihm gesandt?«

»Haugwitz.«

In den Gesichtszügen der Anwesenden war Überraschung, vielleicht etwas mehr, Entrüstung, Schreck zu lesen. Eine sprachlose Pause.

»Ist das auch das Spiel der höheren Mächte?« fragte die Gargazin mit einem bittern Blick auf Bovillard, der verstummte. Der Major antwortete statt seiner:

»Seiner Majestät eigner Wille. Niemand hatte natürlich an Haugwitz gedacht. Sie mögen denken, wie es auf alle gewirkt. Aber des Königs Gerechtigkeitsgefühl spielte mit.«

»Sagen Sie – ach, mir fehlen auch die Worte dafür. Er schickt den hin, der unter jeder Bedingung nach dem Frieden greift.«

»Warum nicht den«, bemerkte Bovillard bescheiden, »der Napoleon persönlich angenehm ist. Zum Vermitteln schickt man doch nicht widerwärtige Geschöpfe.«

»Um Vergebung«, nahm der Major das Wort, »ich glaube vielmehr, daß das des Monarchen eigentümlicher Sinn war. Er wollte dem, welchen er durch einen gefaßten Beschluß gekränkt, durch sein Vertrauen es vergütigen. Übrigens, ich glaube jetzt auch an Haugwitz. Er geht nicht gern, aber er geht. Der Erzherzog, der Kaiser, von allen Seiten überschüttet man ihn mit schmeichelhafter Aufmerksamkeit. Auch contre-cœur ist er verstrickt.«

»Meine Herren«, erhob sich die Fürstin, »die Personen sind am Ende gleichgültig. Aber wo ist der Wille? Was ist beschlossen? Wann reist Haugwitz? Mit Kurierpferden? Wohin? Welchen Termin soll er dem Usurpator setzen? Wenn er nein sagt, wann stoßen unsere Heere zusammen? Wo? Wo ist der Plan? – Wo der Traktat? Fehlt es in Potsdam an Papier? Eine Feder kritzelt zu langsam. Mit Blitzen müßte man schreiben. Denn der Attila reitet auf Blitzen.«

Sie sah sich vergebens nach einem Aufblitzen in den Mienen um. Die Herren zuckten die Achseln. Man blickte ziemlich ratlos zum Fenster hinaus. Auch dort waren nur fragende Gesichter.

»Köckeritz kommt aus dem Schlosse!«

»Rüchel packt ihn. Wie hastig sie sprechen!«

»Rüchel ist außer sich. Er kneift den armen Köckeritz ordentlich in den Arm.«

»Oh weh, seine Nachrichten müssen schlimm lauten.«

Aber man sprach sich Trost zu. Es sei gut, daß man die Hitzigen aus der nächsten Umgebung zu entfernen gewußt. Die Radziwill und ihr Bruder hätten durch ein Wort alles verderben können. Die Königin operiere verständig und im Einverständnis mit dem Kaiser. Sie leiteten klugerweise das Gespräch auf gleichgültige, aber dem König angenehme Dinge, um in der Gunst der Stunde auf die Sache einzulenken. Dann lasse sich oft das Schwierigste in einem Augenblicke abtun.

»Und wer kann sich rühmen, daß er der Liebenswürdigkeit eines Alexander auf die Länge widerstanden hat!« bemerkte ein Begleiter der Fürstin mit einem feinen Seitenblick, der trotz der Aufregung verstanden ward.

»Wenn die Stunde nur nicht so kurz wäre und der Boden nicht unter unsern Sohlen brennte!« seufzte sie.

Es hatte sich noch jemand in der Gesellschaft eingefunden, entweder jetzt erst, oder er befand sich schon eine Weile unbemerkt im Zimmer, das einer gemeinschaftlichen Schauloge ähnlich schien. Vom letzten Fenster wandte sich der Legationsrat von Wandel zu den Sprechenden um:

»Wir dürften uns die klugen Leiter dieses Tages zum Beispiel nehmen und wie sie die Ungeduldigen, unsre eigne Ungeduld zurechtweisen. Wenn man auch schon einig wäre, würde man einen geheimen Traktat vor aller Augen abschließen? Halb Berlin ist hier versammelt, die Ohren und Augen dringen bis durch die Mauern des Schlosses. Außerdem kennen wir alle die Scheu seiner Majestät vor der Publizität. Man hat gewiß diesen Tag in Potsdam nicht ohne Absicht gewählt, aber nicht auf diesen Strom von Zuschauern gerechnet. Mich dünkt, es ist sehr klug, daß man nun den Tag verstreichen läßt, um den Abend abzuwarten.«

»Wissen Sie etwas?« Die Fürstin trat mit ihm beiseite.

»Eigentlich nichts. Man unterminiert und weicht auf. Alexander sucht ihm die Eventualität als gar nicht so gefährlich zu schildern. Es werde mit einer Entscheidungsschlacht abgetan sein. Wenn die drei vereinigten Heere zusammen agierten, müsse man den schon Geschwächten zerdrücken, wie er den Mack bei Ulm.«

»Und er rechnet aus die Leichen und das Blut!«

»Dann meint Alexander, es werde vielleicht in dem Falle gar nicht zum Blutvergießen kommen; umzingelt, ohne Rettung, ohne Aussicht, werde er sich auf Gnade ergeben.«

»Charmant! Majestät unser gnädigster Kaiser malen ihm auch vielleicht die Seligkeit der Großmut. Wie sie den Besiegten aufheben, ihn an ihre Brust drücken wollen, wie Karl den Wittekind, ihn ihrer Liebe versichern und ihm ein bescheidenes Kaisertum zuweisen. Nicht wahr, Majestät Napoleon werde, gerührt von soviel Großmut, in Tränen ausbrechen, daß er sich in seinen wahren Freunden getäuscht, mit ihnen in einem heiligen Bunde geloben, fortan nur für das Wohl der Menschheit zu wirken. Und so weiter.«

»Vergessen Erlaucht nicht: der König ist ein gerechter Mann und ein Mann von Takt. Durch Illusionen läßt er sich nicht bestechen.«

»Bestechlich ist jeder. Man muß nur viel und das Rechte bieten.«

»Ihr Kaiser schien vergessen zu haben, daß der König vor Napoleon Respekt hat. Friedrich Wilhelm erinnerte ihn, daß er ein großer Feldherr sei, dem Gott Siege verliehen, und nur Siege, auch jetzt ein gekrönter Fürst, den er anerkannt, daß er Verträge mit ihm geschlossen, die ihm immer und auch dann noch heilig seien, wenn der andre sie verletzt –«

»Wirklich! Und –«

»Da schien die Königin der Bock einen Wink gegeben zu haben. Sie trat mit einem der jüngsten Kinder herein.«

»Et cetera«, rief die Fürstin ungeduldig. »Und nach dieser Kinderszene, was kam da für eine neue?«

»Nachdem man wieder weich geworden, stellten Ihro Majestät ihrem Gemahl vor, ob nur Bonaparte vor Gott mit Siegen gekrönt, ob nur er Kronen trage, ob man um seiner Feinde willen seine Freunde vergessen dürfe? Ob er einen bessern Freund habe als Alexander? Ob irgendein anderer Freund so gütig seine herben Launen würde hingenommen haben? Was er sagen würde, wenn der Kaiser aufgebracht das Zimmer verlassen, sich in den Wagen geworfen und aufgebrochen wäre? Und was die Welt dazu sagen würde, wenn Alexander – nach solchem Embarras – scheide, breche? Ob das nicht ein Bruch mit Rußland, mit den Alliierten wäre? Ob Napoleon wenigstens das nicht so ansehn müsse? Ob er mit Gewalt in dessen Arme wolle gestoßen sein?«

Der Legationsrat neigte sich zum Ohr der Fürstin: »Ein moralischer Coup. Irgendeine Attrappe – um Mitternacht meint man. Worin sie bestehen wird, ist noch Geheimnis.«

»Doch keine Geistererscheinung!« Die Fürstin sah ihn mißtrauisch an.

»Die kämen im Jahre 1805 um zehn zu spät. Und woher wissen Sie es?«

Der Legationsrat beugte sich wieder ans Ohr der Fürstin, als die Tür aufgerissen ward und der Jäger hereinrief:

»Exzellenz Minister Laforest!«

»Laforest!« hallte es leise wider von den Lippen; die Gesichter schienen zu erblassen wie vor einer Geistererscheinung. Aber Laforests Eintritt verscheuchte den Eindruck. Ihm voraus sprang ein großes, schönes Windspiel; er selbst im eleganten hellen Negligéüberrock glich mehr einem Engländer als einem Franzosen; nonchalant und heiter, warf er leicht grüßend seine Blicke im Kreise umher, nachdem er vor der Fürstin sich verbindlich geneigt.

»Herr von Laforest in Potsdam – das ist ja eine unerwartete Überraschung!« sagte diese.

»Sie meinen, weil Duroc abgereist ist, müßte ich auch Pässe erhalten. Durocs Mission war Krieg, meine Frieden. Der Krieg geht ab, der Friede bleibt. Gnädigste Frau, das ist der Vorzug eines ordentlichen Gesandten, der sich um außerordentliche Dinge nicht zu kümmern hat.«

»Herr von Laforest glaubt nicht, daß es zu außerordentlichen Dingen kommen wird?« fragte ein russischer Kavalier.

»Ist die Einigkeit hier nicht schon etwas Außerordentliches, mein Herr! Nur in diesem Zimmer allein, welche Physiognomien, welche Parteien sehe ich vereinigt unter der Huld unsrer bezaubernden Wirtin. Ist nicht ganz Potsdam zum Blumenstrauß geworden, ich meine nicht von Federbüschen und Ordensbändern, sondern von schönen Gesichtern. Mir ist, als wäre ich zum Schluß einer großen Komödie eingetreten.«

»Andre meinen, zum Anfang einer großen Tragödie«, sagte die Fürstin.

»Das kann ich nicht glauben, Prinzessin. Wirklich nicht! Würde Seine Majestät Ihr Kaiser darum selbst hergekommen sein? Beginnt man einen Krieg mit rührenden Familienszenen? Nein, nein! Ich leugne ja gar nicht, was zutage liegt, man war mit der Absicht, eine Eventualität ins Auge zu fassen, gekommen, aber bei reiferer Betrachtung der Dinge gibt man die mörderische Absicht wieder auf«

»Exzellenz haben vermutlich die Dinge sehr nahe betrachtet?«

»Ich kam auf dem Umweg über Sanssouci. Das herbstliche Laub gibt eine wunderliche Schattierung. Sie sollten dahin einen Ausflug machen. Herr von Stein ging an mir vorüber, ohne mich zu sehen. Ich mache nun wirklich nicht Ansprüche, ein Menschenkenner zu sein, aber ein Abc-Schüler konnte auf seinem Gesicht lesen, daß seine Kriegspläne nicht durchgegangen sind. Ein Biedermann, ein scharfer Verstand, mit einem Wort, ein Kraftgenie, dieser Herr von Stein. Wirklich schade, daß er ein Ideologe ist.«

»Wie unterscheiden Sie Komödien von Tragödien?« fragte etwas spitz die Fürstin.

»Das Charakteristische einer Tragödie, sagen wenigstens die Ästhetiker, sei, daß die Helden zuletzt isoliert dastehen, im Gefängnis oder am Schafott. In der Komödie gruppieren sie sich dagegen zum Schluß immer dichter aneinander. Alle heitern und lustigen Figuren, die sich durch fünf Akte gesucht, finden sich; die Fältchen und Runzeln werden ausgeglättet, die Mißverständnisse aufgeklärt. So kommt mir die ganze Weltgeschichte in ihrer jetzigen Entwickelung wie ein großes Lustspiel vor. Früher isoliert, finden sich jetzt nicht mehr die einzelnen Personen, nein, ganze Staaten, Völkerschaften zusammen, die Kongresse werden immer größer. Die Fürsten, die Staatsmänner lernen sich kennen; früher kannten sie nur ihre Schwächen, jetzt ihre Vorzüge; die Mißverständnisse, in der Ferne groß, erscheinen in der Nähe klein. So bahnt sich eine Verständigung an in immer weitern Kreisen, bis wir alle endlich eine große Völkerfamilie sind, einig in Harmonie und Interessen.«

»Haben Sie gute Nachrichten von Ihrem Kaiser? Seine Majestät befinden sich doch in erwünschtem Wohlsein?«

»Er erwartet mit Sehnsucht den Ambassadeur aus Berlin. Sie müssen wissen, Kaiserin Josephine bewundert Kaiser Alexander in der Stille um seine Humanität, seine Ritterlichkeit. Sie möchte ihn gern von Angesicht sehen –«

»Mein Kaiser Alexander ist zu galant, als daß er dem Wunsch einer reizenden Dame nicht gern entgegenkäme.«

»Auf das Entgegenkommen kommt es ja nur an, in allen Dingen.«

»Das fehlte noch, daß uns Napoleon hier überraschte!« rief unwillkürlich Major Eisenhauch.

Der Gesandte schien es gehört zu haben: »Aber nichts von Überraschung in so ernsten Dingen. Ein neutraler Ort in der Mitte, der findet sich ja leicht zum Fürstenkongreß. Drei, vier edle Monarchen und noch edlere Menschen, begleitet von schönen Fürstinnen, holden Frauen, in deren Augen der Tau des Mitgefühls für Menschenleiden perlt, und in ihren Händen ruhend das Schicksal des Kontinentes! Was gibt es Schöneres? Einen Dichter könnte es begeistern zu einer Ode. Leider sind Diplomaten keine Dichter. Tyras, Attention!«

»Wohin?«

Laforest war aufgestanden, der Hund sprang an ihm herauf: »Wittgenstein ließ mich dringend auf einen Augenblick bitten. Was wird es sein! Eine neue chronique scandaleuse. – Berlin ist von Ihrem Kaiser enchantiert. Weiß man noch gar nichts, wo sein Auge haftenblieb?«

»Wohin sehen Exzellenz?«

»Prächtig! – Das sind Söhne der Natur, Prinzessin! Besonders der ältere mit dem rötlichen Bart.«

»Ach, die beiden Donischen Kosaken! Seine Begleiter.«

»Solche Ursprünglichkeit! Das erquickt das Auge. Wie zusammengewachsen mit ihren Pferden. Kein Blick der Neugier auf die Tausende, welche sie angaffen. Herr von Eisenhauch seufzt – gewiß über unsre Entartung. Ja, von den Söhnen der Steppe könnte wieder frisches Blut in unser Geschlecht kommen.«

»Der Kaiser reitet jetzt wahrscheinlich aus«, sagte der Kammerherr.

»Wenn Kaiser Napoleon uns mit seinem Besuch erfreuen sollte«, sprach der Major, »wird er uns doch auch mit seinem treuen Rustan überraschen.«

»Hier braucht er keine Mamelucken«, fiel Laforest rasch ein. »Im Vaterlande der Humanität schützt ihn Ruhe und Ordnung. Er hat es oft gesagt, in Berlin würde er allein, ohne Waffen, ohne Begleitung in der Dämmerung durch die Winkelgassen reiten.«

»Ein ehrenvolles Attest für uns!« bemerkte St. Real.

»Gewiß«, stimmten alle ein.

»Wenn es seine irdische Krone verlöre, hätte Preußen auf die himmlische Anspruch, die den Friedfertigen verheißen ist.«

»Wir sind Feinde, Herr von Eisenhauch«, wandte sich Laforest zum Sprecher, während die Fürstin zum Fenster hinaussah. »Feinde, aber in einem kommen Sie doch mit mir überein?«

»Ich gebe nichts auf.«

»Auch nicht die Hoffnung, daß man hier noch Politik machen kann?«

Der Jubel draußen galt dem Erscheinen des ritterlichen Kaisers. Zwei Schritt begleitete die Fürstin den Gesandten; seine Miene schien ihr noch etwas mitteilen zu wollen.

»Was soll's noch, Exzellenz! Die Orlogfahne flattert.«

»Sie kann wieder abgenommen werden.«

»Jetzt nicht mehr.« – »Aber später.«

»Die Kluft ist zu groß.«

»Über die tiefste weiß die Diplomatie Brücken zu schlagen, wenn das Interesse es fordert. Wird sind Feinde, in einem kommen Sie aber doch mit mir überein?«

»Keine Allianz!« rief sie mit nervöser Heftigkeit.

»Mit den Ideologen oder Germanomanen. Ich bin kein Dichter, aber vielleicht ein Prophet. Ich sehe die Brücke gespannt, die Rußland und Frankreich einst verbindet.«

»Was wollte Laforest eigentlich?« fragte ein Russe, nachdem der Kaiser vorübergeritten und die Gesellschaft sich wieder schweigend zusammenfand.

»Auf die Frechheit den Hohn setzen!« rief Eisenhauch.

»Belauscht hat er wenigstens nichts, was er nicht schon weiß«, versicherte Bovillard.

Der Legationsrat erwiderte: »Vielleicht nur uns beschäftigt, um unsre Aufmerksamkeit von dem abzuziehen, was wir nicht wissen sollen. Die erlauchte Frau steht in Gedanken versunken?«

»Über dem aufgewühlten Chaos hinzutänzeln wie auf Blumenwiesen ist die Kunst dieses Lebens«, sagte die Fürstin Gargazin. »Wer immer die Risse sähe und die züngelnden Flammen! – Ich liebe die Diplomaten, welche in jeder Situation die Dehors beobachten.«

»Frau Baronin Eitelbach!« meldete der Jäger.

Unausstehlich! schien auf den schwellenden Lippen der sanften Frau geschrieben; aber über die Lippen kamen nur die sanft verhallenden Worte: »Auch die jetzt! Und wir stehen auf Kohlen!«, wobei ein strafender Blick auf den Legationsrat fiel; der aber blieb bis auf ein leises Achselzucken unbeweglich. Es war die Protestation der Unschuld.

»Sehr willkommen!« sagte die Fürstin laut, und als die Gemeldete eintrat, war der Schauer des Unmuts von Lippen und Stirn verschwunden oder versteckt in dem herzlichen Embrassement.

»Auch meine liebe Baronin! Ich weiß nicht, ob die Überraschung größer ist oder die Freude!«

 << Kapitel 43  Kapitel 45 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.