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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Fünftes Kapitel.
Von Möpsen und Wechseln.

Aber der Rittmeister wollte ganz einsam sein. Im Vorzimmer saß noch der Herr van Asten und schien zu rechnen oder sprach leise mit einer andern in Berlin wohlbekannten Person, dem Herrn Auktionskommissarius Manteuffel, der sich über den Tisch zu ihm lehnte, um auf die Fragen des Kaufmanns Antwort zu geben.

Dem Rittmeister waren heut alle Menschengesichter zuwider, was mehr Rechenmenschen, aus deren Gesichtern Zahlen springen. Zahlen erinnern an Schulden.

Herr Manteuffel, der ihn eintreten gesehen, obgleich er der Tür den Rücken zuwandte, blinzte den alten Asten an. Der aber machte eine Bewegung mit der Hand, die unter Geschäftsleuten ausdrücken kann: den hab ich sicher, oder: um die Bagatelle kümmere ich mich nicht.

Herr Josty hatte noch ein kleines dunkles Hinterstübchen. Vertrautere Freunde fanden hier einen Platz, um einen Sorgenbecher in der Stille zu leeren, den der Konditor seinen andern Gästen nicht vorsetzte; er war kein Weinschenk. Es war in dem Raume wirklich klein und dunkel, wie in einer Tonne, recht zur Selbstbeschauung geschaffen, denn durch die vergitterten Fensterspalten drang nur bei Mittag ein Dämmerschein, der sich von den hohen Hintergebäuden in den feuchten Winkel, der Hof hieß, hinabließ. Das eigentliche Licht kam von einer dünnen Sparlampe in einer Mauerblende, um den Tisch, die Bank, die Wandspinden spärlich anzuleuchten. Ein Ort, geschaffen, um das innere Licht leuchten zu lassen.

»Einen Rotspon, Herr Josty!« rief der Rittmeister, als er sich zwischen Bank und Tisch geklemmt.

»Pontac oder Medoc?«

Auch darüber noch nachdenken! Was hatte nicht der Rittmeister zu denken!

»I nu Medoc«, sagte er nach einer Weile, den Kopf in der Hand und den Ellenbogen auf dem Tische.

»Ist auch gesunder fürs Blut, klärt mehr die Gedanken auf. Die Engländer nennen ihn darum Claret«, sagte Herr Josty, als er den langen Pfropfen aus der Flasche gezogen.

Als der Wirt die kleine Tür leise hinter sich zugedrückt, störte nichts die drei – nenn ich sie Geschöpfe, Wesen, Mächte –, die hier zurückgeblieben zu stillem Verkehr: den Rittmeister, die Lampe und den Medoc. Es war mehr als still, ich würde sagen bewegungslos, wenn nicht der Schatten an der Wand jedesmal unruhig geworden, sobald der Rittmeister das Glas aus der Flasche wieder vollschenkte. Ob er Gedanken schöpfte, ob er sie verschluckte? Der Medoc mußte das Blut nicht gereinigt haben, denn er ward nicht froh. Der Schatten an der Wand spiegelte drei Positionen, in denen er minutenlang verharrte: den Kopf in der Hand, das Kinn in beiden Händen, und dann den Leib ganz zurückgelehnt, mit gesunkenen Armen, oder, wenn ein Entschluß zu kommen schien, sie plötzlich auf der Brust verschränkend. Aber die Flasche war schon zu drei Viertel ausgeleert und der Entschluß noch nicht gekommen.

Ein Entschluß kostet jeden etwas, wer aber weiß, wie der bestgefaßte zum Übel ausschlagen kann, und wer nur die Erfahrung des Rittmeisters gewußt, der würde ihn um seine Unentschlossenheit nicht getadelt haben.

Hatte er sich nicht zu einem kühnen Schritt entschlossen, um endlich aus Liebeszweifel und Überdruß frei zu werden? Es war kein Geringes für jemand, der von zwei unsichtbaren Schutzengeln hin und her gezogen wird und in sich keinen Oberen findet. Wenn diese ihm zuraunten: Sie hat dich eigentlich nie geliebt, sie hat nur gespielt mit dir; nun auch dieses Spieles überdrüssig, läßt sie es nur zu ihrem Amüsement, dich zu foppen, vor andern durch ihr Kammermädchen fortsetzen, so sprach eine innere Stimme: Das erste hast du ja selbst immer geglaubt. Aber dann, wenn jene ihn auf die vielen Beweise von Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit hingewiesen! Stand die Moosrose nicht noch immer zwischen den Balsaminen, trug sie nicht noch immer das Halstuch von der Farbe, die sie angelegt, als sie sein Lob derselben vernommen? Ja, brauchte es einer Mittelsperson, gefüllter Gläser, um ihm zu sagen, daß sie jetzt anders war, als sie sonst war? Sah er nicht den getrübten Blick ihres Auges? Sie wandte freilich das Gesicht ab, wenn sie sich zufällig begegneten, aber das war ein ganz andres Abwenden als sonst. Und dann, ein Mann, der ein Staatsdiener ist, der es bis zum Rittmeister gebracht hat, dem der Krieg die Tore zum Oberstwachtmeister eröffnet, gesteht ein solcher es sich leicht ein, daß er so lange gefoppt worden, daß er nur die Dupe einer andern oder gar ihres Kammermädchens gewesen? Sucht er nicht nach Beweisen, daß dem nicht so sein könne, wird er nicht vielmehr scharfsinnig auch da noch sie zu entdecken versuchen, wo sie nicht sind? Die Hälfte des Scharfsinns, den er anwendet, um aus dem Netz sich loszuwickeln, und er wäre nie in dem Netz gefangen worden.

Möglich war es ja, da sie anfänglich nur ihn necken, ihre Empfindlichkeit für das an ihm kühlen wollen, was er sich selbst jetzt vorwarf; möglich, daß auch andere da mitgearbeitet hatten. Aber – das konnte sich geändert, sie so gut gesehen haben, als er es sah, daß er sich auch geändert, dies konnte ganz andre Empfindungen in ihr geweckt haben. Er hatte ja auch Augen, und was er gesehen, ließ er sich nicht abstreiten. Diese Verwandlung ihres Sinnes konnte nun denen nicht mehr zu Sinn sein, die anfänglich mitgespielt. Sie waren es, die jetzt die Konterminen legten, die ihn wieder ihr entfremden, ihn von ihr trennen wollten. Daher diese Briefe in ganz verändertem Tone, diese Mahnungen, Drohungen sogar, abzulassen von Verfolgungen, die eine edle Frau tief kränken müßten.

Der Rittmeister Stier von Dohleneck hatte das Schwert gezogen, um den Knoten zu durchhauen, er wollte Licht haben – Wahrheit. Er wollte am hellen Tage in ihre Wohnung treten, sich mit seinem vollen Namen melden lassen und um eine Unterredung unter vier Augen bitten. Wer den Rittmeister von Dohleneck kannte, wußte, daß das ein ungeheurer Entschluß war. Und ein ganz freier und ein geheimer – er teilte ihn niemand mit.

An dem Tage, als die ersten Regimenter von der Weichsel durchmarschierten, hatte er ihn gefaßt. Es war der Augenblick, als sein Pferd oder er bei ihrem Anblick am Fenster unruhig geworden und kehrtgemacht hatten. Er war sehr unzufrieden mit sich zurückgekehrt, er hatte sich gesagt: ein Soldat dürfe nie kehrtmachen vor einer Gefahr, ob wirklich, ob scheinbar. Gerade hier ist es seine Pflicht, zu rekognoszieren, und nicht zu weichen, bis er – rapportieren kann.

Es war vorgestern gewesen, daß er seine beste Interimsuniform angezogen und sich auf den Weg gemacht. Ein saurer Weg! Die Pflastersteine schienen Klebriges zu schwitzen, sie hielten seine Sohlen fest. Er aber sprach sich Mut ein: »Nun, und wenn es nichts ist, dann ist es nichts, und alles bleibt beim alten.« Sein Herz wurde ordentlich leicht, aber nur auf einen Augenblick; je weiter er die Straße hinunterging, je näher er dem Hause kam, so schwerer ward es wieder.

Er hätte auch sein Wort gehalten, was er sich selbst gegeben, nicht, wie wohl andre in gleicher Herzensangst tun, ein paarmal vor dem Hause vorüberzugehen, bis der Mut ihnen kommt. Nein, er wäre gleich das erstemal eingetreten, wäre nicht der Mops gewesen. Was es nun war, ob er in etwas getreten, was Joli verdroß, ob eine angeborne Idiosynkrasie in dem Tiere gegen den Menschen lebte, genug, ein kleiner, häßlicher, fetter Mops klaffte ihn an. Als er sich des Störenfrieds entledigen wollte, machte er das Übel nur ärger, der Tritt fiel wider Willen so unglücklich aus, daß das Tier, von der Stiefelspitze gehoben, winselnd auf das Pflaster fiel. Ein Dienstmädchen oder ein paar erhoben ein Zetergeschrei mit dem Hunde um die Wette. Natürlich über die Barbarei, ein armes Tier so grausam zu malträtieren! Nun war einmal etwas versehen, und Fehler hecken mehr als gute Taten. Als er die Straße wieder heraufkam, waren zwar Mops und Mädchen verschwunden, aber die Equipage der Fürstin Gargazin stand vor der Tür. Er war mutig eingetreten. Von der Treppe kam ihm die Fürstin entgegen. Sie fuhr verwundert zurück: »Wirklich Sie! Nun, in der Tat, das nenne ich Mut.«

Er hatte sich verbeugt, er war mutig geblieben.

Sie war verschwunden. Auf der halben Treppe begegnete ihm der Legationsrat. Als Wandel ihn erblickt, blieb er stehen, lüftete etwas den Hut und öffnete den Mund, um – doch zu schweigen. Aber als Dohleneck auf der nächsten Stufe war, hörte er seinen Namen.

»Was soll's?«

»Mein Herr Rittmeister«, sagte Wandel, »ich hege nicht die Anmaßung, zu glauben, daß Sie in mir einige Teilnahme für Sie vermuten, indes erlauben Sie die Frage: Wollen Sie zur Frau Baronin!«

»Wenn es sie nicht inkommodiert«, hatte Dohleneck erwidert.

»So vergönnen Sie mir wenigstens die Bitte, zu bedenken, welchem Empfang Sie sich aussetzen. Ihro Erlaucht, die Fürstin, muß Ihnen ja begegnet sein; sollte sie nichts gesagt haben?«

»Nichts, was mich angeht«, hatte der Rittmeister erwidert.

»Sie sind der Herr Ihrer Handlungen!« verbeugte sich der Legationsrat. »Aber« – setzte er mit unterdrückter Stimme hinzu – »ich glaube ebensowenig, daß Herr von Dohleneck das arme Tier auf der Straße mit Absicht mißhandeln konnte, als ich glauben mag, daß ein Kavalier von Ihrem Herzen und Ihrer Ritterlichkeit ein Vergnügen daran finden kann, eine unglückliche Frau, die in Tränen sitzt, noch unglücklicher zu machen.«

Und noch blieb der Rittmeister mutig. Die Klingel hielt er in der Hand, als ein Hundegeklaff gegen die Tür stürzt. Das war der Hund des Aubry, die Kraniche des Ibykus. »Nein, mein Joli, der häßliche Mensch, der soll dir nicht wieder was tun«, hörte er die Stimme des Kammermädchens. – Er hatte nicht geklingelt; er war wieder auf der Straße. Joli knurrte hinter ihm am Fenster.

Und seitdem hörte der Rittmeister, wo er die Augen schloß, den Mops knurren und die Baronin weinen. »Alles um dich!« – Er hatte wohl daran gedacht, sich in eine andere Garnison versetzen zu lassen; aber seine Schulden und seine Ehre! Nun kam ein tröstender Engel. Der Krieg befreit einen Militär von den Verfolgungen seiner Gläubiger und einen Liebenden von denen seiner Phantasie. Zu dieser trostreichen Überzeugung war der Rittmeister Stier von Dohleneck in dem Augenblick gelangt, er wollte auf diesen Tröster in der Not ein Glas leeren, als, zu seiner Verwunderung, aus der leeren Flasche nichts mehr fließen wollte. Er schlug damit gegen das Glas, ein Zeichen, welches Herr Josty sehr wohl verstand, als die Tür aufging, aber statt des Konditors der Kaufmann Herr van Asten eintrat.

Sie mußten sich beide schon kennen, aber die Freude des Wiedersehens schien auf seiten des Rittmeisters nicht groß, noch weniger, als nach der ersten Begrüßung der Kaufmann einen Platz auf der Bank in der Art einnahm, daß er dem Offizier die Tür und den Ausgang dahin versperrte. Und als van Asten die abgetragene dicke Brieftasche aus dem Rock zog, zog sich auch das Gesicht des Rittmeisters sichtlich in die Länge.

»Sie werden sich hier die Augen verderben.«

»Bin Ihnen für Ihre Teilnahme sehr obligiert, aber was hier drin liegt, kenne ich alles auswendig.«

Diese Versicherung tröstete den Offizier noch weniger, besonders als er, trotz der Dunkelheit, mit seinem scharfen Auge einen länglichen, schmalen Papierstreifen, den van Asten jetzt unter andern auf den Tisch legte, sehr gut zu erkennen glaubte. Warum den Gruß der Batterie abwarten, lieber geradlos darauf.

»Herr van Asten«, sagte er, »inkommodieren Sie sich nicht. Ich kenne den Wisch. Sind noch vierzehn Tage hin. Wenn ich am Verfalltage noch lebe, na, da sprechen wir weiter davon. Bin ich aber tot, machen Sie und ich unsre Rechnung mit dem Himmel –«

»Der es verhüte, daß ein so braver Offizier so früh in ihn eingeht.«

»Und wenn bloß Krieg ist, machen Sie's mit dem Könige aus.«

»Teuerster Herr von Dohleneck«, rief der Kaufmann, den Wechsel wieder in die Tasche schiebend, »was soviel Gerede um eine Bagatell! Zweihundert Taler! Darum sollte der alte van Asten einen Offizier seines Königs molestieren! Bin ich ein Wucherer? Weiß ich nicht, daß ein Soldat vor dem Feinde Courage braucht? Courage und Kredit sind Verwandte. Und was kostet nicht die Feldequipage! Wie kann da ein Offizier an solche Lumpereien denken. Mancher hat auch sonst Liebes hinter sich. Möchte Ihnen doch gern ein Angebinde zurücklassen.«

Der Rittmeister von Dohleneck sah ihn etwas groß, aber nicht sehr klar an. Der Eingang war zwar angenehm, aber wer bürgte ihm, daß es der Ausgang auch sein werde?

»Alle sind nicht wie Sie. Solidität wird eine immer rarere Eigenschaft, und der Krieg ist ein grausam Vergnügen. Wer weiß, wer zurückkommt und wer dableibt! Wenn nun alle blieben, wer soll da bezahlen? Wie viele Kaufleute sind mitruiniert!«

Der Rittmeister sah mit Verwunderung, wie der Kaufmann eine ganze Partie ähnlicher Papierstreifen auf den Tisch legte. Es überkam ihn ein Schauer in der Seele derer, die sich mit ihrem Namen darunter verschrieben; seine Stirn aber runzelte bei der Vorstellung, daß der alte Geldmann ihn etwa ausersehen, um über die Verhältnisse seiner Kameraden Auskunft zu geben.

Ein schlauer Seitenblick des andern las, was in seiner Seele vorging. »Wie werde ich denn einen Offizier zum Zeugen aufrufen gegen seine Kameraden! Das weiß ich, jeder Offizier muß für den andern gutsagen –«

»Na hören Sie, was das anbetrifft!«

»Wir verstehen uns ja! Kavalierparole ist sehr was Schönes. Gibt gar nichts Schöneres in der Welt. Aber bei Wechseln, da halten wir Kaufleute, 's ist so 'ne alte Usance, uns an andre Dinge. Wer ins Feld marschiert zum Beispiel, kann nicht alles mitnehmen; man erleichtert's den Herren, nimmt ihnen, was zu schwer ist, ab. Hatte da eben ein kleine Konferenz mit unserm Manteuffel. Das ist ein praktischer Mann!«

»Hol ihn der Teufel!« sagte der Rittmeister.

»Weiß wohl, daß ihm die Herrn Offiziere nicht sehr grün sind. Ja, lieber Himmel, wenn mal 'ne Sache unterm Hammer steht, gibt er sie hin um jeden Preis. Das ist wahr. Ist nu mal nicht anders. Die Moral ist, man muß es nicht dahin kommen lassen. Was nun des Herrn Rittmeisters kleinen Wechsel anbetrifft, so machte mir Herr Manteuffel die Proposition –«

»Seelenmann, Sie werden mich doch nicht an Manteuffel verkaufen?«

»Verstehn Sie mich, er wollte Sie einem andern abgeben.«

»Das ist ja Seelenverkäuferei!«

»Sagte ich auch. Und ich wußte ja nicht, ob Sie gern mit dem Herrn in Konnexionen kämen. Nun, wir kennen uns! Aber der Herr ist ein Fremder, und voll hätte er auch nicht gezahlt, und wie gesagt, wer weiß, ob Ihnen das recht ist, an den Legationsrat von Wandel abgegeben zu werden.«

»Der!« Der Rittmeister legte schwer seine Hand auf den Tisch.

»Sehn Sie, das hab ich Manteuffeln auch gesagt. Er ist ja ein Ausländer! Sollen wir preußisches Blut, einen Soldaten unsres Königs, an einen Fremden verraten? Wissen Sie denn, in wessen Diensten der Herr ist? Kann er nicht ein Agent des Bonaparte sein, kann er nicht den Auftrag haben, alle Wechsel aufzukaufen, die preußische Offiziere ausgestellt haben? Und wenn der Krieg losgeht, die Herren marschieren sollen, ja, da hat der König keine Offiziere. Alle eingesteckt in Wechselarrest. Kann nun ein König Krieg führen ohne Offiziere? Der Bonaparte drüben freilich, woraus macht der sich nicht welche! Die sind denn auch danach. Aber wir müssen sie doch aus den Kadettenhäusern haben, aus guten Familien. Der Napoleon ist es imstande, sagte ich zu Manteuffeln, denn dem ist alles möglich.«

»Und was sagte Manteuffel?« Der Rittmeister strich sich den Knebelbart.

»Manteuffel, wissen Sie, sagt nie viel. Er wischte sich die Brille ab und meinte, ich dächte wohl an England, das Napoleon zu ruinieren denkt. Aber was für England paßt, passe nicht für uns, wir hätten keine Bank zu sprengen. Ja, antwortete ich, wäre ihm doch beinahe gelungen. Und 's kann auch hier manches springen. Aber 's soll ihm nicht gelingen. Meinen Herrn von Dohleneck soll er nicht in seine Klauen kriegen, ehe wir nicht wissen, wer er ist. Nun freut mich zu hören, daß der Herr Rittmeister ihn kennen, denn Sie fürchten sich, in seine Hände zu kommen.«

Der Rittmeister sah den schlauen Mann auch etwas schlau an: »Mich will bedünken, daß mein Herr van Asten ihn besser kennt als ich; sonst –«

»Der klügste Mann weiß nicht alles, und der beste Kaufmann läßt sich auch betrügen.«

Es schien etwas im Kopfe des Rittmeisters, den der Rotwein noch nicht umdüstert hatte, aufzublitzen: »Halt, da entsinne ich mich –«

Van Asten blätterte und glättete über zwei Papierstreifen: »Ein gelehrter Mann, ein feiner Mann, ein Mann von vielen Kenntnissen, hübscher Konduite. Oh, ist gar nichts gegen ihn zu sagen, ein charmanter Mann –«

»Hol ihn der Teufel!«

»Das ist schon manchem charmanten Mann passiert. Täte auch gar nichts. Ein guter Wechsel gilt im Himmel und in der Hölle, man muß nur den Aussteller kennen. Es freut mich, Herr Rittmeister, daß Sie auch davon wissen. Oh, wir haben manche Geschäfte miteinander gemacht, der Herr Legationsrat und ich. Prompt auf die Minute, und hat eine glückliche Hand. Wünschte sie Ihnen, Herr Rittmeister. Wirklich und wahrhaftig, Ihnen gönne ich alles Gute, das große Los, 'ne tote Tante mit Hunderttausend; und noch lieber 'ne reiche Frau mit 'ner halben Million. Sie sind ein so gemütlicher Mann. Hätte ich 'ne Tochter, na, wer weiß. Ich sage – gegen die Wechsel ist auch gar nichts zu sagen. Sie sind nur etwas sehr lang. Und wem ich sie abgeben will, der sagt, was ich mir auch sagen könnte. Man ist manchmal auf den Kopf gefallen. Fallen tut nichts; man steht wieder auf. Aber auf den Kopf muß man nicht fallen, Herr Rittmeister! Also sagt mancher Mann: Es kann ja inzwischen was passieren, er kann ja auch in den Krieg wollen, es kann ihn eine Kugel treffen. Einen toten Menschen kann man nicht in Wechselarrest bringen. Sind Sie nicht auch der Meinung?«

»Vivat die Soldatenfreiheit!«

»Und wenn er auch nicht in den Krieg zieht, die Herren Kavaliere haben oft Händel. Sehn Sie mal, er kann ja in ein Duell geraten. Paff! Wird mich der Totschießer honorieren? Ja, wenn so ein Gesetz existierte! – Fällt mir bei, der Herr von Wandel hatte ja neulich eine solche Affäre. Richtig! Mit dem Sohn vom Geheimrat Bovillard! – Und Sie – ja, Herr Rittmeister, waren ja dabei.«

»Wissen Sie das auch!« –

»Der Herr Legationsrat waren wohl erstaunlich mutig? Wollten immer drauflos?«

Jetzt fixierte der Rittmeister den andern: »Hol mich der – und jener! Ich glaube, Sie wollen mich aushorchen, was ich von ihm denke.«

Herr van Asten sagte nicht ja und sagte nicht nein; er lächelte nur: »Weiß schon vielerlei, aber – wenn man auch schon das ganze i geschrieben hat, kann's einem doch gerade noch auf das Tippelchen drauf ankommen. Ist ein Politikus. Einem Politikus gegenüber muß man wieder einer sein. Ob er ein Spion des Großen Mogul ist oder ein Geisterseher oder ein Magnetiseur oder ein Lovelace, oder – oder – was kümmert's mich, aber – verstehen Sie mich, das eine möchte ich wissen, ist's da mit rechten Dingen zugegangen, oder –«

Der Rittmeister fuhr mit der Hand in die Frisur: »Blitz, ich glaube, nein! Und wollen Sie's recht wissen, dreimal, dreimal nein. Und – unter uns: Es stinkt! Er hat's, Gott weiß durch wen, der Polizei gesteckt.«

»Also nicht der junge Bovillard?«

»Ein grundehrlich Blut, réparation d'honneur. Wie ein Kavalier sich benommen.«

»Aber der Legationsrat hat ihn wieder aus dem Gefängnis losgebeten?«

»Um ihn als Kurier fortzuschicken. Die Memme!«

Der Alte van Asten lehnte sich auf den Tisch und schüttelte den Kopf: »Da hätten wir also das Tippelchen auf dem i. – Na, Herr Rittmeister, welchen Wein lieben Sie am meisten? Werden mir doch die Ehre erweisen und Bescheid tun auf ein Gläschen?«

Ein Tokaierfläschchen stand auf dem Tisch und färbte schon mit dunklem Gold zwei Gläser, als Dohleneck noch immer nicht wußte, wie er dazu kam.

»Nu, stoßen Sie an«, sagte der Kaufmann.

»Worauf?«

»Auf einen alten Esel! – Ja, sehn Sie mich nur recht an, und dann dreist los!«

Die Gläser klangen, der Rittmeister zauderte aber doch fast erschrocken, ehe er den Feuersaft an die Lippen brachte.

»Aber, Herr van Asten, wie komm ich dazu?«

»Daß ich Ihnen solche Konfessions mache? Das will ich Ihnen sagen. Weil ich Ihnen gut bin. Nicht als Kaufmann, als Mensch. Nein, eigentlich bin ich Ihnen doch gut grad als solider Kaufmann. Denn wovon leben die? Von den soliden Leuten doch nicht? Da müßten sie verhungern. Die jungen Tunichtsgute, die auf Kredit einschenken lassen, das Ihre durchbringen und noch ein bißchen mehr, das sind ihre besten Kunden. Geht auch mal einer durch, tut nichts, darauf ist die Kreiderechnung schon zugeschnitten. Ein solider Kaufmann, sag ich Ihnen, muß eigentlich die Unsoliden leben lassen! Darum, noch mal angestoßen!«

Der Rittmeister stieß etwas brummend an.

»Weiß Gott, mein lieber Herr von Dohleneck, mir ist immer wohl zumute, wenn ich Ihre glatten Backen sehe. Wenn Sie so eine Flasche ausstechen, 's ist nicht wie die andern jungen Hitzköpfe, die schwappeln und schäumen und stürzen, die Hälfte geht in die unrechte Kehle. Nein, bei Ihnen fühlt man ordentlich, wie dem Weine sein Recht geschieht, es muß Ihnen wohl sein, daß er so glatt runtergeht. Die Beine ziehen Sie auch nicht zurück, wenn ein Bürgersmann vorbei will, dafür sind Sie Kavallerieoffizier; diese Beine dienen König und Vaterland, dafür müssen sie ruhen können, wie's Ihnen kommode oder Mode ist. Aber 's ist 'ne ganz andre Art darin, wie Ihre Beine liegen. Die andern Herrn, Ihre Kameraden, wenn sie so das Kinn zu uns umdrehen, denken: ›Wozu ist nun wohl die Kanaille auf der Welt!‹ Sie aber denken, das will ich wetten: ›I, warum soll das Gewürm nicht auch im Sonnenschein spielen, 's ist ja Platz da!‹ Und wenn Sie den Bart streichen und so glau und schlau dabei ins Blaue sehn, da möchte ich manchmal aufspringen und Ihnen die Hand drücken, oder wenn ich ein hübsch Mädchen wäre, fiele ich Ihnen um den Hals.«

»Donnerwetter, Herr van Asten, ein hübsches Mädchen, erlauben Sie mir, das sind Sie nicht, aber –«

»Warum ich ein alter Esel bin, das wünschen Sie zu wissen. Sie sollen's. Ist mir doch so, als müßte ich einem heut mein Herz ausschütten. Drei dumme Streiche! Wenn Sie die gemacht, na, was wär es! Ein Kavallerieoffizier braucht nicht zu denken; aber ein alter Kaufmann! Pfui! – Pro primo, das ist wacklicht, pro secundo, das ist faul, und pro tertio, das ist dumm. Pro primo, das sag ich Ihnen nicht, ist ein Kompaniegeschäft mit einem vornehmen Herrn. Das wackelt noch, aber kommt Krieg – fliegt's in die Luft; der große Herr wird sich salvieren, der kleine bleibt hängen. Die Moral ist, 's ist nicht gut mit großen Herren Kirschen essen. Pro secundo hab ich vom Legationsrat drei kurze Wechsel auf drei lange prolongiert! Denken sie, neun Monat! Darüber muß ein Kind zur Welt kommen; wenn nun ein Krieg kommt, wenn er eklipsierte! Die Moral ist: Wenn man einen Aal am Kopfe hält, muß man nicht loslassen, sonst sitzt man bald am Schwanzende. Und drittens, denken Sie sich, da habe ich eben eine ganze Schrift, die der Nachbar, Herr Mittler, gedruckt hat, für mein bares schweres Geld aufkaufen lassen, verstehn Sie, alle fünfhundert Exemplare.«

»Was! Wollen Sie auch Buchhändler werden?«

»Gott bewahre mich! Kontobücher, die andern taugen nichts.«

»Was steht denn drin, was Sie so sehr interessiert?«

»Lauter dummes Zeug.«

»Was wollen Sie damit?«

»Verbrennen! Sind schon Asche.«

»Pestilenz!« rief der Rittmeister. »Sie sind mir ein kurioser Mann.«

»Möglich. Sehn Sie, das dumme Zeug rührte von mir her, nämlich Blut von meinem Blut, von meinem Sohn. Konnte ich's nun übers Herz bringen, das dumme Zeug unter die Leute laufen zu lassen? Also fix in die Tasche gegriffen und Manteuffeln es machen lassen.«

»Nu, das ist pfiffig gehandelt.«

»Recht dumm, Herr von Dohleneck. Manteuffel glaubt zwar, er hat sie alle gekriegt, aber eins oder das andre ist doch unter den Tisch gefallen, und wer das weg hat, gibt's nicht raus. Wird's nun erst bekannt, man kriegt keine mehr, dann fallen sie drüber her wie die Fliegen übers Aas, jeder will's lesen. Ist das nun nicht eine pure Dummheit, hundert Taler wegzuschmeißen, damit ich was Dummes erst recht in die Welt schicke!«

Das lag außer dem Departement des Rittmeisters. Er stellte sein leeres Glas auf den Tisch:

»Herr! Wissen Sie was? – Aber verraten müssen Sie mich nicht. Den einen dummen Streich wollen wir Ihnen reparieren. Dem Legationsrat passen wir alle auf die Finger, und wenn er sich mal attrappieren läßt, dann soll er Ihnen kein Kopfweh mehr machen.«

Der Kaufmann war aufgesprungen und faßte den Rittmeister mit beiden Händen, ich glaube es war nur an den Kragen; ursprünglich war die Liebkosung den Ohren oder Backen zugedacht. Der Respekt ließ die Hände tiefer sinken:

»Herr, sind Sie des Teufels! Keine Hand angerührt an meinen teuern Legationsrat! Wollen Sie mir fünftau– wissen Sie, wie hoch die Wechsel sind? – Herr, Goldmann, daß dich! Nicht rühren an den Mann, bis – Wollen mich doch nicht ruinieren? – Und alles bleibt geheim, nicht wahr?«

»Die Wände werden nicht plaudern«, sagte der Rittmeister.

Ein deutscher Handschlag, und der Rest der Flasche floß in das Glas des Offiziers.

»Also«, sagte der Kaufmann, indem er den bewußten Wechsel zum nicht geringen Befremden des Offiziers wieder aus der Brusttasche zog. »Also auf wie lange wollen Sie ihn prolongiert? – Denke, auf neun Monate. Lieber Gott, in neun Monat, was ist da nicht geboren!« Mit einem raschen Schriftzug war die Prolongation erfolgt.

»Sie haben mir 'nen recht großen Gefallen getan«, schloß van Asten. »Könnte man alle Geschäfte so schnell abwickeln! Passiert aber auch nur unter Freunden, die sich ganz verstehen. Und wenn Sie sonst zur Equipage noch etwas bedürften, einhundert oder zweihundert Tälerchen, klingeln Sie nur, Spandauer Straße, gleich um die Ecke das dritte Haus und dann links, auf dem Hofe ist der Eingang.«

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