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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.
Bei Josty.

Beim Schweizer Kuchenbäcker Josty unter der Stechbahn traten mehrere Offiziere in Galauniform ein. Heller als das Gold und Silber ihrer Achselbänder und Schärpen leuchtete die Freude auf ihren Gesichtern. Zum Teil schien diese selbe Empfindung auch auf denen der Gäste aus dem Zivil zu strahlen. Es war ein großer Fest- und Feiertag in Berlin. Die Gruppen von Neugierigen wollten den Schloßplatz und den Lustgarten noch nicht verlassen, obgleich in diesem Augenblick nichts mehr zu sehen war als die Truppen, welche in ununterbrochenen Zügen durch die Königsstraße und über die Lange Brücke in die Friedrichsstadt zurückmarschierten. Aus den geöffneten Fenstern schallte ihnen noch manches Hallo! und Vivat! und Hurra! Und manche geschmückte Dame wehte mit dem Taschentuch. Auch trugen der Große Kurfürst und seine Sklaven Girlanden und Kränze von den Blumen, die der späte Herbst in den Gärten darbot.

Aber das Schauspiel war ein anderes als neulich das der durchmarschierenden Truppen. Diese waren nicht mit Staub bedeckt, an ihren Gamaschen klebte nicht der Kot der Landstraße; sie funkelten im glänzendsten Paradeanzug, und nur der Puder ihrer wohlfrisierten Haarlocken stäubte auf das dunkle Blau ihrer Monturen; sie rückten auch nicht ins Feld, sondern kehrten von einer Paradeaufstellung zurück. Es waren die auserlesenen Regimenter Möllendorf, Knebel, Rheinbaben, die Grenadiere Prinz August von Preußen und die Gendarmen und Garde du Corps, die vom Schloß bis ans Tor eine große Chaine gebildet, um den einziehenden Kaiser Alexander zu empfangen.

Wie viele Jahre waren es her, daß ein Selbstherrscher aller Reußen in die Tore Berlins eingezogen! Wer ihn gesehen, den jugendlich strahlenden, humansten Fürsten, dessen Blick Güte und Wohlwollen lächelte, der die Majestät vergessen ließ in der Liebenswürdigkeit, glaubte etwas gesehn zu haben, was er sein Leben durch nicht vergessen dürfe. Wie mehr als gnädig hatte er gegrüßt, mit welcher Huld die Anreden empfangen. Wie viele Frauen schworen, wenigstens bei sich, daß das Auge des Unwiderstehlichen auf ihnen gehaftet.

Aber er war nicht zu Tanz und süßem Liebesspiel gekommen. Der Ernst der Gegenwart dämpfte wieder die aufsteigende Lust; in die Jubelstimmen hatten sich andre Laute gemischt, kühne Rufe, die der unbewachten Brust entschlüpften, auch Tränen; die funkelnden Degenspitzen schienen vielen schon angerötet. So ernst wehmütig war der Empfang gewesen im großen Portal des Schlosses. Hier hatten König und Königin, von ihrem Palais herübergekommen, den Gast bewillkommnet. Es war eine feierliche Szene, als die beiden jungen Monarchen sich umarmten, als der Zar die Hand der huldvollsten Königin an die Lippen drückte; ein Moment, von dem Europas Schicksal abhing! Und in wie lautloser Teilnahme hatte die Menge dem Familienstück zugesehen, das zum großen Trauerspiel für Hunderttausende, für Millionen werden durfte, mit welcher bangen Spannung gewartet, was drinnen vorgehe, als die höchsten Herrschaften in die Appartements getreten waren. Und doch wußte man, daß es hier nicht geschehe. Sie nahmen nur Erfrischungen ein. Die Hofequipagen standen schon vor dem Portal, in denen die Wirte den hohen Gast nach Potsdam entführen wollten. Dort – wo Friedrich schläft – sollte gewürfelt werden über das Los der Zukunft.

Die Hofequipagen rollten schon lange auf der gedielten Kunststraße hin, die für eines der wunderbaren Prachtwerke der Königsstadt galt, als die Offiziere in den Konditorladen traten. So prächtig ihre Galauniform, so bescheiden sah damals der Laden aus. Nichts von Gold und Mahagoni, nichts von Säulen und funkelndem Kristall. Auch glänzte das wenige Tageslicht, das durch die Kolonnaden der Stechbahn ins Zimmer fiel, nicht wider von zahllosen Riesenbogen ausgespannter Zeitungen. Zeitungen waren freilich auch hier schon, zwei oder drei vielleicht, bescheidene Blättchen auf grauem Löschpapier, die wöchentlich zwei- oder dreimal alle Neuigkeiten der Welt wiedererzählten, was in der Türkei geschah und am Rheine, und von Berlin brachten sie vornan lange Listen aller angekommenen Fremden, mit ihren Titeln und den Wirtshäusern, darin sie wohnten. Dann alle Ernennungen zu Hof- und Staatsdiensten, zuweilen auch eine Mitteilung, daß ein hoher Herr bei Hofe empfangen und zur Tafel gezogen worden. Und hinterher Theaterrezensionen, Scharaden, Fabeln, Anzeigen von Auktionen, Verkäufen, Büchern, Wohnungen und sehr vielerlei.

Aber bei besonderen Gelegenheiten stand auch vornan ein Gedicht, gereimt oder ungereimt, immer jedoch zum Lobe der höchsten Herrschaften. Denn jene Zeiten waren vorbei, wo man sich in den Zeitungen auch wohl einen Spaß erlaubte, wie der wunderliche Gelehrte Philipp Moritz und der erst in diesem Jahre 1805 verstorbene, noch wunderlichere Burmann, welcher die Leser mit Reimereien, so seltsam wie er selbst, beschenkte. So hatte er einst am 21. Dezember die »Vossische Zeitung« mit dem Vers angefangen:

Gott Lob und Dank,
Die Tage werden wieder lang.

Nein, seit jenen Zeiten war ein feiner klassischer, französischer Geschmack in die Zeitungen gefahren, wie er ja auch in der Gesellschaft war. Der tölpelhafte deutsche Hanswurst war längst fortgeschickt, und man sprach nur das aus, was gegen nichts und niemand verstieß, auch auf die Gefahr hin, in dem Gesagten nichts zu sagen. Darum, doch auch aus andern Gründen, las man nie in den Berliner Zeitungen von dem etwas, was in Berlin geschah, es sei denn, daß eine hohe Obrigkeit es der Druckerei zugesandt, und auch über das Draußen enthielt man sich jeder eignen Meinung und druckte nur ab, was andere Zeitungen vorher gedruckt hatten. Heute aber war ein außerordentliches Ereignis auch in der genannten »Vossischen Zeitung«. Vornan stand ein langes Gedicht, dessen Anfang und Ende so lauteten. Jemand las es in der Konditorei laut vor, als die Offiziere eintraten, und alle, die es hörten, sahen sich verwundert an:

»Nicht Salomon und Titus – wozu Namen
Der Vorzeit! Sind wir Neueren so arm? –
Nein, Alexander, Friedrich, Arm in Arm,
Stehn da, ein Brüderpaar. Zu Preußens Adler kamen
Die Adler Rußlands! Jubelnd sieht Berlin
Sie über sich vereinten Fluges ziehn.
    Sie stehen vor dir, Arm in Arm,
    Oh glückliches Berlin! Sprich aus die schönen Namen!
    Wer sind die Menschenfreunde? Sprich!
    Wer? – Alexander, Friederich!«

Daß das Gedicht ausgezeichnet schön sei, darüber war nur eine Stimme, aber einer der eingetretenen Offiziere begriff nicht, wie solch ein Blitzkerl von Zeitungsschreiber augenblicklich von den Evenements Witterung habe, daß er auf der Stelle imstande sei, sie drucken zu lassen, und gar in Versen! »Und«, sagte ein anderer, »daß man's dreimal in der Woche erfährt, was vorher passiert ist! Erst muß es doch geschrieben werden, was schon eine verfluchte Arbeit ist, und dann gedruckt und verkauft.« – »s ist auch 'ne schwarze Kunst«, lachte ein anderer. Herr Josty, mit der Flasche Curaçao in der Hand, flüsterte den Herren zu: »Und was werden Sie erst sagen, wenn wir alle Tage ein Blatt bekommen, was uns jeden Tag von den Kriegsevenements avertiert. Sehn Sie mal gefälligst in der Ecke hinterm Ofen den Herrn im grünen Rock und Nankinghosen, das ist Herr Professor Lange. Der gibt ein solches Blatt heraus, es soll ›Telegraph‹ heißen. Morgen schon kommt die erste Nummer. Die Leute werden sich den Kopf überschlagen.« – Die Offiziere vigilierten den »verfluchten Kerl«, der mit dem Bleistift Notizen machte, und stritten, ob seine Ohren oder seine Nase spitzer wären.

Auch der Herr Kriegsrat Alltag hatte diesen Tag nicht alltäglich begangen. Auch er hatte in der Konditorei des Herrn Josty eine Tasse Schokolade genippt, was zu jener Zeit, als wir ihn kennenlernten, ein außerordentliches Evenement gewesen wäre. Aber schien er doch selbst ein anderer geworden. Der gestickte blaue Rock war zwar schon etwas über die Mode hinaus, jedoch vom feinsten Tuch, das sauberste weiße Halstuch war über das Jabot geknüpft, und seine Brüsseler Manschetten spielten um die knappen Ärmel. Frisch gepudert war das Haar, und der Zopf mit neuem, glänzenden Seidenband umwickelt. Die goldene Uhrkette hing um einen Fingerbreit länger auf die schwarztaffetnen Beinkleider, und die gestreiften Seidenstrümpfe mit den silbernen Schnallenschuhen deuteten unverkennbar auf ein nicht alltägliches Evenement. Und das war es, wo der Herr Minister ihn gewürdigt, ihn aufzufordern, sich im Schloß zu gestellen, er wolle schon für einen Platz sorgen, daß er die Majestäten recht von nahe sähe. Hatte er ihn nicht selbst dort an die Treppe gestellt, wo die hohen Herrschaften vorbei mußten? Wenn er sich nicht ans Geländer zurückgedrückt, soweit es möglich, hätte ihn da nicht das seidene Kleid Ihro Majestät der Königin fast berührt? Durch eine glückliche Schwenkung der Schleppe hatte der Page es noch vor dieser Berührung bewahrt. Der Kriegsrat war errötet vor Schreck. – Welcher neue Schreck aber! – Kaiser Alexander, der die Königin am Arm führte, war auf dem Podest einige Stufen über ihm stehengeblieben, damit die hohe Frau Atem schöpfe. Seine Majestät, der hinter ihnen ging, war natürlich auch stehengeblieben, und auf derselben Stufe, auf der die Füße des Kriegsrats standen. Zwar war die Stufe breit, aber es war dasselbe Brett, und der Kriegsrat fühlte unter seinen Füßen die Bewegung, welche der Fuß Seiner Majestät verursachte. – Und es war noch nicht alles. – Exzellenz, der Minister, sein Gönner, flüsterte dem Könige einige Worte zu, und – er traute seinen Ohren nicht, aber es war so – er hörte seinen Namen. Der König hatte sich drauf umgesehen, hatte ihn angesehen und die Worte gesprochen: »Treuer Diener seines Herrn. Freue mich.« – Er hatte es gesprochen, wirklich und wahrhaftig, und es war noch nicht alles. – Als die hohen Herrschaften auf dem Podest sich in Bewegung setzen wollten, war der König bei ihnen und sagte der Königin etwas ins Ohr, und die Königin wandte auch ihr Gesicht zum Kriegsrat nieder, und er hörte die Worte: »Ah c'est lui!« – War das neue Täuschung, oder war es auch Wahrheit, sie hatte ihm von oben freundlich zugenickt.

Wie der Kriegsrat nachher von der Treppe heruntergekommen, wie auf den freien Platz, das wußte er selbst nicht. Er las nie ein Märchen, weil er überhaupt nicht las, aber aus seiner Jugend, aus der Ammenstube, wußte er doch, was ein Feenmärchen ist. – Zuerst hatte ihn die Luft wunderbar angefächelt, wie einen, der nach langer dunkler Haft ins Sonnenlicht gerissen wird, oder wie den Trinker, der aus dem Keller ins Freie tritt. Unten hat er es noch nicht gefühlt, jetzt aber dreht sich die Welt um ihn, und der Boden wankt unter seinen Füßen. Der Rippenstoß eines Korporals, dessen Rotte er in seinem Schwanken vermutlich zu nahe gekommen war, hatte ihn wieder zur Besinnung gebracht. Er sah die klirrenden Männer an sich vorüberziehen und die höhnischen schiefen Gesichter, die Zungen, die sie ihm streckten, beleidigten ihn nicht, er fühlte sich ihnen nähergerückt; der König, der ihn einen treuen Diener genannt, war ihr Herr. Vor seinem Kommando, vor seinem Blick mußten sie zu Bildsäulen erstarren. Und ihm war es, als müsse der Huldblick des Königs etwas von seiner Majestät und Machtvollkommenheit auch auf ihn ausgegossen haben; auch vor ihm müßten diese rohen Männer, wenn er es sagen wolle, was er wußte, in Ehrfurcht erstarren.

Er sagte es zum Glück nicht. Vielmehr kehrte auf dem Wege bis zu Herrn Josty dem Ehrenmann die volle Besinnung zurück. Es war kein Traum gewesen, auch keine Erscheinung aus einem arabischen Märchen, vielmehr nichts als die Besiegelung dessen, was er längst ahnte, vielleicht wußte, und in der Stadt munkelte es schon. Er sollte nicht mehr lange Kriegsrat bleiben, er war zu Höherem bestimmt. Diese Bestimmung drückte sich auch in seiner Haltung aus, wie er am Tische in der Ecke neben einem andern Manne gesessen und mit demselben dem Anschein nach ein eifriges Gespräch gepflogen hatte.

Der andre Mann, ungefähr im Alter des Kriegsrates, oder etwas älter, war in seiner Erscheinung just das Gegenteil. Sein feingeschnittenes, intelligentes Gesicht war durch ein Paar kleine graue, ins Blaue spielende Augen, wenn sie mit Eifer auf einen Gegenstand fielen, lebendig. Sonst hatte es mehr einen kalkulatorischen Ausdruck, jene verschrumpften, doch nicht unedlen Züge, welche ein beständiges Nachdenken über plus und minus ausdrücken, jene Absorbierung von allem, was Impuls oder Phantasie heißt. Wenn aber die Augen aufblitzten oder auf einen Gegenstand zuckten, bewegte sich wohl um die Lippen ein sarkastischer Zug. Sein Haar, weißblond von Natur oder weiß vom Alter, schien schon lange den Puder als etwas Überflüssiges abgestreift zu haben. Es fiel schlicht, eben nicht sorgsam gekämmt, auf den Hinterkopf und um die Schläfe herab. Daß er ebensowenig Umstände mit der Toilette wie mit der Frisur machte, verriet der Überrock von grobem Tuch und einem dick übergelegten Kragen. Seine Hände, die auf dem Tische lagen, waren weiß und fein, seine Füße dagegen, die er weit vorgestreckt hatte, schienen grob wie die blauen Strümpfe und die dick versohlten Schuhe.

»Also keine Mariage nicht!« hatte der Mann mit den graublauen Augen gesagt und zwei Gläser mit Granatwein gefüllt, worauf der Kriegsrat das eine nach einigem Bedenken ergriffen und mit ihm angestoßen hatte.

»Überdem ist sie auch noch zu jung«, setzte er hinzu und das halb ausgetrunkene Glas auf den Tisch.

Der andere sagte: »Alter schützt vor Torheit nicht, und zu jung ist keine nicht, um sich nicht zu verplempern.«

Der Kriegsrat spielte etwas verlegen oder verletzt mit der silbernen Dose, ein Präsent seines Ministers: »Nun, was das Verplempern anlangt, Herr van Asten, so dünkt mich –«

»Mein Sohn hätte sich verplempert – meinen Sie vielleicht«, fiel der Kaufmann ihm ins Wort. »Wenn auf meinem Kornboden zwei Säcke geplatzt sind und der Roggen und Weizen liegen untereinander, da kümmert's mich wenig, welcher Sack zuerst platzte, sondern wie ich die Körner auseinanderbringe oder mitsammen verwerte. Unsre Säcke sind Gott sei Dank noch nicht geplatzt, da halte ich nun fürs beste, daß jeder seinen an sich nimmt und sich nicht um den andern kümmert. Und wo das Fazit stimmt und die Probe aushält, muß man beileibe nicht jeden Posten von neuem nachrechnen. Ihnen ist mein Sohn nicht vornehm genug, oder wie Sie das nennen wollen.«

»Bitte recht sehr, Herr van Asten, das habe ich nie gesagt.«

»Aber gedacht. Schadet gar nichts, Herr Kriegsrat. Habe ihn auch gar nicht erzeugt und erzogen, daß er vornehm sein soll. Konträr, und mir ist ganz lieb, daß er Ihnen nicht vornehm genug ist und vielleicht noch sonst was. Mir ist nun Ihre Mamsell Tochter nicht reich genug und vielleicht noch sonst was. Sehn Sie, aufrichtige Leute kommen bald zu Rande, und das, was sonst ist, soll uns nicht kümmern, und wir bleiben gute Freunde. Darum erlaube ich mir, noch einmal an Ihr Glas anzustoßen.«

Der Kriegsrat seufzte; der andere hätte es recht gern zur Gesellschaft getan, nur um die Einigkeit vollkommen herzustellen, der alte van Asten konnte aber nicht seufzen.

»Mein hochverehrtester Herr Kriegsrat, mit Ihrem Permiß, ich lese Ihre Gedanken. Daß die jungen Leute jetzt auch ihren Willen haben wollen, das gefällt Ihnen nicht. Sie seufzen: Ehedem war's anders! Habe ich gar nichts dagegen. Ehedem wog man ein Pfund Pfeffer mit Gold auf, jetzt kostet's ein paar Groschen. Ehedem bezahlte man mit Pfeffer seine Wechsel. Wenn mir jetzt einer damit käme, würfe ich ihn die Treppe runter. Ist so mit allem, mit der kindlichen Liebe, mit der Freiheit, der Erziehung; der Marktpreis ist ihr Wert. Steht darum geschrieben, daß wir den Marktpreis nicht machen können! Man muß nur geschickt operieren. Mein Herr Sohn will auf dem Kopf stehn. Ihre Mamsell Tochter auch. I nu, so lassen wir sie, bis sie müde werden. Daß sie's aber werden, dazu kann man schon was tun. Wenn ein Materialist einen Jungen in die Lehre nahm, ehedem kriegte er Schläge nach Noten, wenn er naschte. Es hat wohl nicht immer geholfen. Jetzt läßt sein Prinzipal ihn so viel Sirup nippen und Rosinen und Mandeln naschen, als er Lust hat. Ein-, zweimal den Magen verdorben, und er ist kuriert auf sein Leben. Und so ist's mit dem eignen Willen auch und mit der Freiheit und mit, was sonst ist. Sie kommen retour, sage ich Ihnen, wenn man's nur recht anfängt.«

»Habe doch immer vernommen« – fiel der Kriegsrat ein.

»Daß der alte van Asten einen Bock geschossen hat. I ja, das passiert dem Klügsten. Nu laß ich ihn austoben, die Hörner ablaufen. Wissen Sie, wieviel Hörner mein Sohn schon ablief? Kein Hirsch hat so viel Geweihe im Wald abgeworfen. Habe sie mir alle gesammelt. Das macht mir sehr viel Freude. Noch mehr wird's machen, wenn ich sie ihm zeigen kann, wenn er kommt wie der verlorne Sohn und ans Tor klopft. Wird Ihnen auch so gehn, wenn sie sanft an der Klingel zieht und, das Tuch an den Augen, weinerlich anfängt: ›Lieber Papa!‹ Freilich bei einer verlornen Tochter ist es etwas anderes als bei einem verlornen Sohn –«

»Mein Herr van Asten!« sagte der Kriegsrat und hob sich in seinem Stuhle. »Ich hoffe doch nicht –«

»Daß ich etwas Injuriöses gemeint hatte! I Gott bewahre! Ich sollte mich in Injurienprozesse einlassen! Ich, ein solider Geschäftsmann, in ein Geschäft, wo man nur verlieren und nie gewinnen kann. Nein, wenn's sein muß, lieber bar zahlen! Wenn der eine das Gold liebt, auch wenn's schmutzig ist, so liebt der andre, wenn's glänzt, auch wenn's nur ganz dünn ist. Ist ja wahre Gottesgnade, daß wir nicht alle dasselbe lieben. Wo sollte es raus! Sie möchten mit Ihrer Tochter hoch hinaus. Ist ganz recht von Ihnen. Man muß anschlagen, was man hat. Wenn Sie nun Geheimrat werden, brauchen Sie einen Schwiegersohn, der auch was zu raten gibt, und keinen Gelehrten, der ausgibt, was er hat, nämlich sein bißchen Wissen, ohne was dafür einzunehmen, nämlich Geld. Was Tituliertes, was Blankes, so oder so, wovor unsereins den Hut abzieht. Lassen Sie nun Ihre Demoiselle Tochter in meinen Herrn Sohn verliebt sein, ganz geruhig, bis sie sich übergeliebt haben. Glauben Sie mir, das kommt über kurz oder lang, denn satt macht die Liebe nicht, und zanken werden sie sich auch und verknurren, wenn man sie nur läßt, und dann kommt die Langeweile, die roten Augen machen auch nicht schöner. Aus Wochen werden Monate und aus Monaten Jahre. Sieht ein hübsches Mädchen erst eine Falte im Gesicht, die nicht fort will – ich will gar nicht sagen, Runzel –, da guckt wohl ein kleiner Gedanke raus: ja, wenn ich den nicht zurückgewiesen hätte! Oder den! Dann wird der Liebste auch nicht grade sehr freundlich angesehn, wenn er zur Tür reinkommt und auf einer seiner Runzeln steht: Ich habe noch immer nichts! Sieht er nu in ihrem Gesichte, was sie in seinem sieht, na – und so weiter, und am Ende – sie weinen, sie fühlen, sie haben sich getäuscht, es wird geklatscht dazwischen, dafür braucht man gar nicht zu sorgen, und am letzten Ende nimmt die gehorsame Tochter den ersten besten, den der Papa ihr zuführt. Und überläßt man's dann den Muhmen und Gevattern, die Sache zu arrangieren, so kommt's am letzten Ende raus: sie hat ihn von Kindheit an geliebt.«

Dies war ungefähr das Gespräch, welches die beiden ältlichen Herren vor dem Eintritt der Offiziere geführt und das durch das laute Vorlesen des Gedichtes unterbrochen war. Der Kriegsrat schüttelte den Kopf, als er seinen Hut nahm.

»Gefallen Ihnen die Sentiments nicht von Salomon und Titus?« fragte der Kaufmann und griff nach einem Zeitungsblatt.

»Sie sind sehr schön«, entgegnete der Kriegsrat, »nur begreife ich nicht, wie man so etwas zu drucken erlaubt. Dadurch wird ja der Bonaparte avertiert, was hier passiert ist.«

»Sehr richtig bemerkt«, sagte van Asten, und sein schlaues Gesicht wollte gewiß noch etwas sagen, aber der Kriegsrat gab, als der vornehmere Mann, das Zeichen, daß er genug gehört, indem er sich mit einer leichten Verbeugung empfahl. Der Vornehmere muß das letzte Wort behalten. Aber als er durch die Offiziere den Weg nach der Türe suchte, waren offenbar diese die Vornehmeren. Sonst liebte er doch nicht die Offiziere, aber mit verbindlichen Verbeugungen schlängelte er sich durch ihre Füße, welche die Herren sich nicht besondere Mühe gaben aus dem Wege zu ziehen. »Das war der Vater von dem schönen Mädchen«, sagte ein Garde du Corps zu dem Rittmeister, der seine glänzenden Reiterstiefeln auch nicht um einen Fingerbreit zurückgezogen hatte. Der Kornett lachte: »Was sprechen Sie zu Dohleneck von schönen Mädchen! Für meinen Onkel ist nur eine schön, und wenn die eine nicht, so mag die anderen der Teufel holen und ihre Papas dazu.«

Der Rittmeister, der am Fenster saß, trommelte an die Scheiben. »Krieg! Krieg! Das ist das beste.«

»Zum Avancement!« lachte der Chor. Die Unterhaltung ging auf dies wichtige Thema über, wichtiger als Alexanders Ankunft, als der Streit, ob die Königin dem Kaiser zuerst die Hand gereicht oder er nach der Hand gegriffen, wichtiger als der Krieg selbst. Man stritt über die Ernennung eines Kapitäns zum Major. Einige wollten sie gelesen haben, andere leugneten es. »Es steht heute drin.« – »Es steht nicht drin.« – »Her den Wisch!« Mit einem Satz war der Kornett nach dem Tisch gesprungen, an dem van Asten saß, und hatte ihm die Zeitung aus der Hand genommen: »Wir wollen etwas nachsehen.«

Es mußte noch etwas anderes vorgefallen sein. »Wollen Sie etwas?« fragte der Kornett und ließ seine Pallaschscheide auf der Diele klirren, indem er sich zum Kaufmann umkehrte, als dieser sich mit einigem Geräusch erhoben hatte.

»Mich nur gehorsamst entschuldigen«, sagte van Asten und zeigte auf sein vorgestrecktes Bein, »daß Herr Kornett von Wolfskehl auf meinen Fuß treten mußten! Haben sich doch hoffentlich keinen Schaden getan?«

»Ich glaubte, es wäre ein Holzklotz. Excuse!« sagte der Kornett und hoffte auf einen beistimmenden Lachchor. Aber die einen griffen nach dem Zeitungsblatt, die andern machten eine ernste Miene: »Kornett, keinen Spaß mit dem Mann! Der reiche van Asten aus der Spandauer Straße, der mit dem Minister *** unter einer Decke steckt!«

Die Ernennung stand nicht im Blatt, dafür ein paar Dutzend andere, wie jede Zeitungsnummer sie in diesen Tagen brachte. Auch fingen unter den Annoncen schon die Abschiedsworte an, welche Offiziere, Wundärzte und Beamte an ihre Freunde oder Bekannte in den eben verlassenen Garnisonen richteten; auch Nachrufe und Danksagungen ganzer Städte an die abziehenden Garnisonen und deren Offiziere: »Wenn das kein Beweis ist, daß wir wirklich in den Krieg ziehn!« – »Ehe nicht die Kugeln durch meinen Mantel pfeifen, glaub ich nicht daran.« – »Ich glaub's auch dann noch nicht«, ein dritter, als ein vierter durch die Glastür, die er klirrend aufgerissen, eintrat: »Nu glaub ich's! Kameraden. Aufs Pferd! aufs Pferd!« – »Du sprangst eben runter!«

»Direkt von Steglitz in Karriere! Habt ihr nichts gehört? – Vierundzwanzig Kanonen donnerten aus dem Hohen Busch, als die Equipagen durchs Dorf schwenkten. Der dicke Stallmeister fiel beinahe von seinem Schimmel. Die Königin sah erschrocken zum Kutschenschlage raus.«

»Possen!«

»Nein, Ernst. 's war aber nicht Bonaparte, nur Beyme! Wenn Beyme Kanonen auffährt, Beyme schießen läßt, da müßt ihr zugeben, es wird ernst, es geht los.«

»Viktoria!« schrien zehn Stimmen.

»Wenn er nur nicht blindgeladen hätte!« rief der Rittmeister und riß die Tür auf. »Man braucht frische Luft. Krieg! Krieg!« – Herr Josty sah am Fenster den Offizieren nach. Er schien die Häupter seiner Lieben zu zählen, aber nicht mit der Zufriedenheit, die auf den Gesichtern der Offiziere strahlte. Was half ihm der Krieg! Er war gewiß ein guter Patriot, aber wie viele können ihm noch immer entrissen werden, an die teure Bande ihn schon lange knüpften. Er schlug ein kleines Büchlein im Winkel auf und schrieb kleine Zahlen zu den Namen. Aber viele kleine Zahlen machen eine große. Herr Josty schüttelte den Kopf und wollte seufzen. Indessen – er besann sich: »Indessen«, sagte er, »es gleicht sich in der Welt alles aus.« Und auf seinem Gesichte glichen sich auch die Falten aus.

Die Offiziere hatten sich links nach der Schloßfreiheit zerstreut. Nur einer von ihnen, er schien abhanden gekommen, suchte die Freiheit rechts unter den Kolonnaden der Stechbahn. Die Augen auf dem Boden, ging er gradaus, bis die Mauer ihn erinnerte, daß an der Ecke die Freiheit zu Ende war. Er wollte zur Kolonnade hinaustreten, als aus der Brüderstraße eine elegante Equipage rasch vorüberfuhr. Die Dame darin, in Pelz, Hut und Schleier verhüllt, sah ihn nicht, aber der Mops auf dem Rücksitz bellte heftig den Offizier an. Ob die Dame aufmerksam ward, wissen wir nicht, wenn sie sich aber vorbeugte, um nach dem Gegenstand auszuschauen, der den Eifer ihres Hundes verursachte, konnte sie ihn nicht mehr sehen; denn der Rittmeister hatte sich hinter den Pfeiler gelehnt.

Er schien mit geschlossenen Augen auf das Rollen der Räder zu hören, bis es unter dem Klappern der Werderschen Mühlen verrollte. Dann riß er sich auf, machte sich durch einen schweren Atemzug Luft und – wollte auch ins Freie, in den Tiergarten. Es mußten wunderbare Dinge im Rittmeister Stier von Dohleneck vorgegangen sein. Er freute sich auf einen Spaziergang in den stillen, einsamen Alleen des Tiergartens. Er hatte seinen Plan gemacht: links durch die Buschpartien an den Zelten vorbei nach dem Poetensteig. Da traf er gewiß niemand.

Aber – wenn nur die Aber nicht wären, als er an der Konditorei vorüberging, öffnete Herr Josty freundlich die Tür. Er glaubte, der Gast wolle zurückkehren. Solchen Glauben darf ein Kavalier nicht täuschen. Einen Schritt war er schon vorbei, es kostete also nur einen zurück, und er stand wieder in dem traulichen, gemütlichen Lokal. Es war ja auch da einsam geworden. Als Herr Josty die Tür verbindlich schloß, hatte er wieder ein Haupt seiner Lieben in seinen Mauern.

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