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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.
Es war etwas nicht, wie es sein sollte.

Die Geheimrätin ruhte in einem Fauteuil, als Wandel ins Zimmer zurückkehrte. Sie sah sehr abgespannt aus; über das blasse Gesicht flog aber doch eine nervöse Röte, und ihr dunkles Auge rollte seltsame Blicke umher. In dem weißen Kleide, das sich in weiten, weichen Falten um sie breitete, und der Haube von derselben Farbe hatte ihre Erscheinung etwas Geisterartiges.

»Was war denn der Eitelbach?« fragte sie.

»Verliebt.«

»Possen! – Ich hörte davon. Spielen Sie mit?«

»Man darf kein Spielverderber sein.«

Sie zuckte verächtlich die Achseln, es konnte aber auch für einen innern Schauder gelten: »Wie steht es nun also? – Ach, mein Gott, es ist soviel, was mir durch den Kopf geht.«

»Das Kapital, was Sie morgen ausgezahlt erhalten, würde ich meiner Freundin raten, bar in Händen zu behalten.«

Die Geheimrätin sah ihn mit etwas mehr als Verwunderung an. Sie hatte von dieser Sache nie mit ihm gesprochen. Erst heute hatte sie das Notifikatorium erhalten, daß das Geld für sie fällig im Depositorium des Kammergerichts liege.

»Beruhigen Sie sich, ich bin kein Geisterseher. Dies erfuhr ich auf ganz natürlichem Wege, als ich heut früh auf der Registratur des Pupillenkollegiums einige Akten durchsah. Nicht aber die Ihrigen«, setzte er rasch hinzu. »Hinter meinem Rücken sprach der Dezernent mit dem Registrator von den fünftausend Talern. Auf dem Herwege wollte ich mich auf der Börse erkundigen, in welchen Papieren Sie das Geld in dieser Woche am besten anlegen könnten, als ich die beunruhigende Nachricht erhielt. Hätte ich nicht Gesellschaft gefunden, wäre es natürlich das erste gewesen, was ich Ihnen mitteilte.«

»So wäre es auch wohl am besten, wenn ich jetzt meine Pfandbriefe verkaufte?«

Er schien sich zu besinnen: »Nein. Sie sind schon auf die Nachricht im Kurs gesunken.«

»Aber sie können noch mehr fallen.«

»Möglich; sie werden aber auch wieder steigen.«

»Wenn Krieg kommt!«

»Wer sagt das?«

»Sie – alle Welt! – Die Augen sagen es.«

»Ich bin überzeugt, daß es nur eine Demonstration ist. Die bewaffnete Neutralität ist zur Beschwichtigung der aufgeregten Stimmung. Man muß der Kriegspartei ein Spielzeug hinwerfen. – Schaudern Sie nicht; es ist die höchste Weisheit der Staatskunst, wenn die Gemüter in Wallung sind, immer das richtige Spielzeug bei der Hand zu haben. Wenn die Leidenschaften, Stimmungen, Phantasien die Zügel zerreißen, wenn die Völker durch keine Gaukelei mehr zu beschwichtigen sind, ach, meine Freundin, wehe uns allen dann!«

»Es gibt doch höhere Ideen auch in der Staatsweisheit.«

»Solange wir Menschen bleiben, bleiben es Phantasien.«

»Friedrich –«

»Fand ein Volk, das mit den plumpsten Erfindungen zu fesseln war. Erinnern Sie sich des Schloßenregens, als er die Gärten in Potsdam verwüsten ließ! Nämlich in den Zeitungen, welche die Nachricht nicht widerrufen durften. Das Volk glaubte es; er kannte sein Volk. Wenn er es nachher klüger erzog, so mag er sich im Elysium mit seinen Nachkommen deshalb abfinden. Die Komödien und Spielzeuge werden allerdings jetzt kostbarer, die Völker müssen sie teuer bezahlen, aber einige Phrasen von Tugend und Patriotismus darum, und das gute Volk vergißt und vergibt alles – heut wie vordem.«

»Ich bin eine schwache Frau, ich mag nichts davon verstehen, aber, mein Gott, das einfachste Gefühl, die Vernunft selbst –«

»Sie rufen Mächte an, die dort nicht mitsprechen«, lächelte der Legationsrat. »Sie könnten auch sagen, Österreich ist wohl geschlagen, aber noch nicht vernichtet, die unermeßlichen Kolonnen, die Rußland aus seinen Steppen wälzt, haben sich noch nicht einmal auf dem Felde gezeigt, sagen, daß Preußen den Tiger schon gereizt hat, indem es seine Krallen ihm zeigte, daß es nun an ihm wäre, über Hals und Kopf zu eilen, sich auf ihn zu stürzen, während er selbst blutend mit seiner Beute noch am Boden ringt. Das ist aber alles schon gesagt. Es hört's nur keiner, der es hören sollte.«

»Aber Sie kalkulieren selbst mit Vernunftschlüssen; die Leidenschaften, ein Impuls, der Zufall könnte Ihre Rechnung plötzlich zuschanden machen.«

»Die Koterie tritt nicht schroff genug dem stürmischen Willen entgegen, sie gibt klug nach. Das bürgt mir dafür, daß die Saiten nicht springen werden. Und was helfen alle Funken, wenn sie auf eine Masse fallen, die keinen Zündstoff in sich hat. Man wird die Sache hinziehen, vor dem Publikum rüsten, die Kriegshelden fluchen und schwören lassen, heimlich aber verhandeln, lavieren, proponieren, unmögliche und mögliche Friedensvorschläge machen –«

»Bis!«

»Ja – bis es sich entschieden hat. In Mähren muß es sich entscheiden; dann –«

»Nun und dann?«

»Nie zu weit hinausdenken!«

»Sie hätten neulich die Radziwill hören sollen.«

»Zu Palastverschwörungen ist bei uns kein Terrain.«

»Und was sagen Sie zu Alexanders Herkommen?«

»Der letzte Verzweiflungsschrei der Kriegspartei. Es wird viele erhebende, rührende Auftritte geben. Aber läßt sich eine scheue Natur ändern? Die Koterie wird für einen Panzer sorgen von Gummielastikum, damit die Tränen, oder für einen von Asbest, damit die Funken abgleiten. Der Eindruck wird stark sein, aber vorübergehen. Und reist Alexander fort, vor einem Entschluß – nein, vor einer Tat, so werden unsre Freunde dafür sorgen, daß alles wieder aplaniert wird.«

»Alles!« sagte die Lupinus mit einem stechenden Blick, der im Zimmer umherirrte. »Mir sind diese Menschen zuwider, die ihre ganze Kraft nur darauf vergeuden, damit es nicht anders wird, als es ist.«

»Wir sollten sie loben. Träge Wellen sind oft das beste Fahrwasser.«

»Was müssen wir tun?«

»Nicht die Pfandbriefe verkaufen, bares Geld für den Notfall im Sekretär und in den Kriegsenthusiasmus einstimmen.«

Sie war aufgestanden und hatte mit einem nervösen Aufgähnen den Stuhl fortgesetzt: »Warum müssen wir das! Warum können wir nicht auch darin frei sein! Warum dürfen wir nicht die Mode beherrschen? Wir verachten sie doch.«

»Weil es uns nichts einbrächte als einen Heiligenschein, den unglücklicherweise wir selbst nur sehen. Weil es die Menschen von uns entfernt und wir sie brauchen – als Instrumente. Darum spielen wir mit ihrer Torheit.«

»Oder sie mit unsrer.«

»Man muß sich das Spiel nur nicht zu ernst denken.«

»Diesmal dünkte ich ihnen gut genug, ihr Operngucker zu sein«, sprach sie mit Bitterkeit. »Welche brillante Gesellschaft, bloß zu Schokolade und Zuckergebäck! Wenn noch mehr Regimenter vorübermarschieren, kommt mein Haus wohl wieder in die Mode. Selbst die Gargazin hatte die Gnade, aus meinem Fenster die Truppen zu sehen.«

»Die Kinder werden Sie auch recht genieren?«

»Warum? Unsre Wohnung ist groß.«

»Ich besorge nur, daß Ihr Schwager, wenn die Charlotte von ihm zieht, sich nicht beeilen wird, sie Ihnen wieder abzunehmen.«

»So bleiben sie. Ich liebe Kinder – sie bringen Frische ins Haus.« Er sah sie zweifelhaft an: »Ich besorge nur, daß dies wieder zu Mißdeutungen Anlaß gibt. Seit man zu wissen glaubt, daß Sie Mamsell Alltag nicht eigentlich als Ihre Tochter betrachten –«

»Als meine Erbin wollten Sie sagen.«

»Ich meine nur, daß man auf den Gedanken kommen könnte, Sie wollten die Kinder Ihres Schwagers adoptieren.«

»Wer sagt, daß er ein falscher ist! Die Leute wissen es nicht, Sie wissen es nicht, und ich weiß es auch noch nicht. Ich weiß nur, daß Mamsell Adelheid nicht meine Erbin wird.«

»Die Alltag scheint Ihre Liebe ganz verscherzt zu haben.«

»Soll ich mein Haus zu etwas Ähnlichem hergeben wie das, aus welchem ich sie hernahm!«

Wandel warf einen forschenden Blick: »Sie approbieren nicht die Inklination mit dem Herrn van Asten?«

»Ich! Was geht es mich an! Meinethalben könnte sie sich hängen an wen sie will, das larmoyante Wesen kann ich nur nicht ausstehen. Aus kleinen Verhältnissen – nein, aus einer solchen Katastrophe, die doch die Seele eines jungen Mädchens erschüttern muß, trat sie in mein Haus. Was hatte ich gehofft, daß sich aus ihr entwickeln würde, bei ihren Gaben, ihrem Mute, ihrer lebhaften Phantasie. Sie hätte die Königin der Stadt werden können.«

Der Legationsrat zuckte die Achseln: »Sie meinen den Gedanken, den der Kammerherr einmal hinwarf.«

»Aber ich würde doch Bedenken getragen haben. Die Gesinnungen der Eltern –«

»Wären zu überwinden gewesen. Loyale Leute, in unerschütterlicher Devotion gegen das ganze königliche Haus! – Nur daß die Rolle der Herzenskönigin eines apanagierten Prinzen niemals eine glänzende werden kann.«

»Was kümmert mich der Prinz!« rief sie. »Sie selbst sollte sich ihr Los werfen. Wie es war, und wenn ein Fauxpas, eine rasende Leidenschaft, eine Entführung – ja, wenn der junge tolle Mensch, der Bovillard, sie gewaltsam geraubt hätte, es wäre doch eine Abwechselung, es hätte zu sprechen gegeben – Sie lächeln, weil Sie die Affekte begraben haben, aber doch sage ich Ihnen, der Durst unsrer Seele nach dem, was uns über den Alltag erhebt, ist – das Bessere in uns.«

Der Legationsrat mußte zerstreut sein, die Sache interessierte ihn nicht mehr.

»Der alte van Asten rückt auch mit keinem Groschen raus, wenn sein Sohn Adelheid heiratet.«

In dem Blick, den die Lupinus ihm zuwarf, hätte ein Psycholog eine verächtliche Beimischung lesen können.

»Sie liebt ihn gar nicht.«

»Sie sprechen in Rätseln.«

»Sie erwähnten einmal einer chemischen Agenz, die allen Stoffen ihre natürlichen Säfte aussaugt, daß sie Farbe und Geschmack verlieren.«

»Will der Pedant sie zu einer Gelehrten erziehen?«

»Es ist übel, wenn der Lehrer eine zu gute Schülerin hat. Ich konnte nichts mehr wirken, wo ich von einem Vorgänger Geist und Gemüt schon ganz eingenommen fand. Mit ihrer lebhaften Auffassungsgabe betrachtet sie ihn als ihren Wohltäter, um nicht zu sagen, als ihren Schöpfer; sich wenigstens als seine Schöpfung. Es ist keine unedle Natur, meine ich«, fuhr die Lupinus nach einer Pause fort, »die den Drang in sich fühlt, sich selbst einem verehrten Mann zum Opfer zu bringen. Aber das Mädchen ist krank. Das ist die Krankheit der Resignation. Ja wir, in unseren Jahren – aber wenn junge Mädchen die Blüte ihrer Empfindung auf dem Altar der Pflicht – was lachen Sie so häßlich?«

»Daß Sie ein armes junges Mädchen anklagen um die Krankheit, welche Theologen, Dichter, Philosophen um die Wette unserm Geschlecht einimpften! Um das Siechtum unsrer Staaten, unsrer Bildung, daß wir aus uns hinaus uns denken, schwärmen, spekulieren, statt zu rechnen. Dies Infusorium des Universums will mit dem bißchen Kraft, Talent, das die Natur in seine Wiege als Patengeschenk legte, den Sternenlauf regulieren, statt für sich selbst zu sorgen, da, wo sein höchstes Ziel nur sein kann, sich erträglich und behaglich über dem Strom zu erhalten, der es täglich zu verschlingen droht. Welcher Hochmut in dieser Tugend, eine Welt um sich beglücken zu wollen, um stolz dann sich selbst die Märtyrerkrone aufzudrücken!«

»Das kann doch nicht ganz Ihre Ansicht sein?«

»Erst sich selbst – Ich verstehe natürlich darunter, daß zwei, die sich verstehen, sich als eine Einheit betrachten. Wer sie errungen hat, die Höhe, die er erreichen kann, ja dann, meine Freundin, dann mag er ein Gott sein, der goldnen Regen um sich sprenkelt, der Trost der Unterdrückten, der Rächer der Gekränkten, dann mag er schwärmen, schwelgen –« Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen. »Oh, lassen Sie uns von meinen Plänen ein andermal reden. Heute könnten sich meine Phantasien verirren – Gott weiß in welche –, lassen Sie mich heute schweigen –«

Er hatte ihre Hand ergriffen, eigentlich ihren Arm, und, den Blick gen Himmel, die Hand an seine Lippen gedrückt. – So starrte er eine Weile, die Augen aufwärts, in einem Zustande völliger Absorbierung.

Er schien, als sie sanft den Arm zurückzog, sich nur mit Anstrengung wiederzufinden:

»Also, was Sie sagten! – Sie liebt ihn nicht?«

»Sie liebt einen andern.«

»Tant mieux!«

Die Geheimrätin sah ihn forschend an: »Auch wenn der andre ein guter Bekannter von Ihnen ist – sie liebt Bovillard, ohne es sich zu gestehen.«

»In der Tat!« Der Legationsrat biß sich in die Lippe, aber lachte mit völliger Unbefangenheit auf. »Wir sind Gegner, nicht Rivalen.«

»Sie retteten sie vor ihm und zum Dank –«

»Würde sie mich an ihn verraten! Ist das etwas Besonderes! Zum Unglück für das arme Kind – oder zum Glück für Herrn van Asten ist aber Herr von Bovillard jetzt die Kreuz und Quer auf hundert Meilen geschickt. Ja, ich glaube, sie haben ihn so geschickt, daß sie wünschen, er möchte nie wiederkehren.«

»Und ich habe die Bescherung im Hause!«

»Arme Freundin!«

»Eine Liebschaft ohne Aussicht und Ende. Verborgene Tränen und stille Seufzer. Er fragt: ›Warum hast du geweint‹, und sie sagt mit den seelenvollsten roten Augen: ›Oh, ich habe nicht geweint.‹ Er glaubt es oder glaubt es nicht. Händedrücken und Beteuerungen in klopstockischem Odenschwung. Bin ich dazu berufen? Habe ich sie dazu in meinem Hause? Ihre Eltern sind unzufrieden. Der alte van Asten möchte mich zur Kupplerin erklären! Der junge sieht mich fragend an, wenn sie Migräne hat, und Adelheid zittert, wenn ich ihn auffordere, länger zu bleiben, als sie wünscht, und gebe ich ihm ein Zeichen, daß er gehn soll, so ist sie wieder verstimmt. Sie denkt, er könnte denken, was er nicht denken soll. Und wenn der junge Bovillard wiederkäme! Möglich ja, wenn der Vater ihm verzeiht, daß er präsentabel würde, daß – daß er sich in diesem Hause zeigte. Kann ich ihn abweisen? – Welche Szenen, Verwickelungen! Wer hat mich dazu ausersehen, mein Gott, als ob ich nicht anderes zu denken und vor mir habe!«

Die Geheimrätin hatte sich in einen Eifer geredet, der ihr wohltat, und dem Legationsrat tat er auch wohl. Mit andern Gedanken beschäftigt als diesem ihm ganz gleichgültigen Liebesverhältnis, hatte er ihnen nachhängen können, ohne sich beobachtet zu sehn.

»Das haben Sie!« rief er. »Sie müssen gerettet werden.«

»Nun, verloren, Herr von Wandel, geb ich mich noch nicht.«

»Aber eine Frau, die der Wahrheit als Priesterin sich geweiht hat, darf nicht diese Unwahrheit um sich dulden. Das ist es, was ich nicht dulden darf Dieser Dunstkreis muß verschwinden. – Zurückschicken ins elterliche Haus wollen Sie sie nicht?«

»Es würde mir jetzt übel ausgelegt werden.«

»Sie haben recht. Es gäbe zuviel Gerede; sie ist einmal die Modepuppe. Ja, wenn man sie entführte! Sie selbst deuteten vorhin darauf.«

»Adelheid läßt sich nicht entführen.«

»Und eine Mariage –«

»Sie scheinen wieder zerstreut.«

»In der Tat, ich bin es. Verzeihung! Nein, fort muß sie jedenfalls, Ihrer Ruhe wegen. Bedenken Sie, daß Sie jetzt auch die Kinder im Haus haben. Also sorgen Sie dafür, auf eine oder die andere Weise. Finden wird sie sich.«

»Apropos!« rief er, von der Tür zurückkehrend. »Etwas noch. Sie müssen die Mode mitmachen. Hüllen Sie sich in Patriotismus, von so tiefer Farbe, als Sie können. Immer exaltiert. Beim allgemeinen Fanatismus merkt man nicht das Zuviel. Franzosenhaß, Durst nach Blut und Rache auf den Lippen. Man kann nicht zu stark auftragen, denn man weiß nicht, wie bald man überboten wird. Und wer nicht vorausschwimmt, ist bald zurückgedrängt und ans Ufer geworfen.«

War schon vorhin ihre Erscheinung geisterhaft, was mehr jetzt, als sie allein in der Mitte des Zimmers stand, das Ohr etwas geneigt nach der Tür. Sie horchte – sollte er nicht wiederkehren? – Nein keine Tritte mehr auf der Treppe, es hallte vom Flur – die schwere Haustür öffnete sich. Ein Schlag dann, der sie durchschütterte. Aber sie blieb stehen, die Finger etwas krampfhaft zusammenziehend. – Warum blieb sie stehen? – Unter den halb niedergeschlagenen Wimpern schielten ihre Augen umher. Warum schlug sie die Augen nicht auf, die sonst so durchdringend scharf in der Seele des anderen zu lesen schienen? – Fürchtete sie sich vor der Leere im Zimmer? Es war noch heller Tag.

Es war etwas nicht, wie es sein sollte. Sie hatte eine andre Sprache, andre Mitteilungen erwartet. – Glatt wie ein Aal! – Aber vielleicht trug sie selbst die Schuld! Was hatte sie sich ihrer Bitterkeit überlassen? Was interessierten ihn Adelheids Liebesverhältnisse! – Darum war er zerstreut, brach plötzlich ab, in Sinnen versunken! – Sie atmete auf; ihre Wange rötete sich etwas. – Aber – es war doch etwas nicht, wie es sein sollte. – Warum sprach der große, herrliche, seltene Mann nur in Rätseln, warum auch gegen sie die Hieroglyphensprache? – Hätte sie ihn falsch verstanden? Er, vor dessen Augen die Hüllen der Menschen, der Dinge, in Kristall sich verwandelten, und er schaute bis in die Keime der Taten und Gedanken, hatte er auch in ihr Inneres einen Blick geworfen und –

In dem Augenblick knarrte die Tür, der neue Bediente, Christian, trat etwas ungeschickt herein, indem er, um die Türe zu schließen, den Rücken zeigte. Der Rücken zeigte nur die alte Livree seines Vorgängers.

Die Lupinus stieß einen Schrei aus, sie fuhr zusammen, wankte; vielleicht wäre sie gefallen, wenn ihr Arm nicht die Lehne eines Stuhls erfaßt hätte. – »Johann! – ungeschickter Mensch – wie kann Er mich erschrecken!«

»Aber gnädige Frau, ich komme ja nur, wie Sie befohlen –«

»Er soll nicht hinterrücks hereinschleichen, Christian. Meine Nerven vertragen es nicht.«

»Aber die Kinder, gnädige Frau, das Mädchen besonders, sie ächzen und piechen – ich glaube immer, denen hat's einer angetan.«

»Lügner! – Unverschämter Verleumder!« – Mit einem zornfunkelnden Blick schoß sie an ihm vorüber nach der Kinderstube.

Der Bediente sah ihr kopfschüttelnd nach und reckte sich dann in der Livree, die nicht ganz zu seinem breiten Rücken paßte. Eine Naht riß: »Ich glaube, in dem Hause paßt mir's so wenig als in dem Rocke. Solche Bälger zu bedienen und eine solche Frau! Ich weiß zwar nicht eigentlich, was Nerven sind, aber ich glaube, meine Nerven vertragen es auch nicht.«

Als nach einer Viertelstunde die Geheimrätin zurückkehrte, lagerten seltsame Stimmungen auf ihrem Gesichte. Der Anblick der Kinder war gewiß ein widerwärtiger gewesen, der Schauder sprach sie deutlich aus, aber darüber war ein andrer Ausdruck, wie ein Mondenstrahl, der durch zerrissen Gewölk über eine offene Gruft streift. Es fröstelte sie, sie machte eine Anstrengung, als wollte sie auf die Knie fallen; aber – vielleicht versagten ihr die Knie den Dienst, sie hob die Arme und rieb die Hände, als wollte sie sie zum Gebet falten. Auch das mußte sich an etwas stoßen. Sie ließ die Arme sinken und fiel selbst aufs Sofa. Hier, den Kopf im Arm, flüsterte sie:

»Es sind abscheuliche Kinder; aber ich will mich zwingen, sie zu lieben – ich will sie pflegen, wie – wie – ich will's an ihnen gutmachen.«

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