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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Zweites Kapitel.
Das Intermezzo.

Das Familienereignis, welches den Aufstand verursacht, war auch für die näher Angehörigen kein eben interessantes. Die Lupinusschen Kinder, bei der Aufmerksamkeit, welche Prinz Louis und die Reiter verursachten, sich selbst überlassen, waren über die Reste des Schokoladentisches hergefallen. Knabe und Mädchen hatten um die Wette »gestopft«, um die Zeit zu nutzen, wo man sie nicht beobachtete, und Fritz es angemessen gefunden, auf die Schokolade und das viele Zuckergebäck einige Gläser süßen Weines zu gießen. Mit der Schilderung der Wirkungen, die sich hier zeigten, verschonen wir unsere Leser. Charlottens Aufschrei galt dem traurigen Anblick, den Malwine verursachte, die leichenblaß mit blauen Lippen, gläsernen Augen und krampfhaften Bewegungen auf dem Stuhle lag. Fritz saß, als die andern eintraten, noch wie ein Kobold auf dem Tisch und machte den Versuch, mit grinsendem Gesichte aus der Flasche, die er in der einen Hand hielt, das Glas in der andern zu füllen, was ihm aber nicht gelingen wollte. Der süße Wein floß vom Tisch auf die Dielen. Was noch drauf erfolgte, überlassen wir der Phantasie des Lesers; aber der Knabe schlug, als er schon kopfüber vom Tisch gefallen war, noch mit der Flasche, die er krampfhaft in der Hand hielt, um sich. Zwar verwundete er keinen der andern, die herbeigesprungen waren, aber, indem die Flasche in Scherben zerschlug, sich selbst an den Schläfen.

Charlotte schrie wie besessen: »Sie stirbt!« Den Kindern sei's angetan! andere: »Ein Doktor! Schnell einen Doktor!« Nur die Geheimrätin hatte ihre Besinnung behalten: »Was wird es sein! Die Kinder haben sich den Magen überladen. Irgendein Hausmittel, Legationsrat.«

Wandel zuckte die Achseln, nachdem er dem Mädchen an Puls und Schläfe gefaßt: »Das wag ich doch nicht.«

»Sie verschreiben doch andern Medikamente.«

»Nur dem, der mir Vertrauen schenken will. Der Vater der Kleinen ist nicht hier. Ihr Zustand scheint aber so bedenklich, daß ich rate, ihn auf der Stelle rufen zu lassen –«

Die Geheimrätin sah ihn zweifelhaft an.

»Es ist mein Ernst«, setzte Wandel hinzu. »Bei dem Mädchen kann ein rascher Aderlaß nötig werden. Der Zustand des Knaben scheint, da die Natur sich selbst half, nicht gefährlich, seine Wunde muß indes ein Chirurg untersuchen. Mit Blut befaß ich mich nicht.«

Die kurze Zwischenzeit, wo Walter und Adelheid zugleich hinausgestürzt waren, um nach einem Arzt zu schicken, und die noch Anwesenden Miene machten, sich zu entfernen, füllte Charlotte mit ihren Lamentationen, bis die Geheimrätin, welche Wandels Abweisung etwas pikiert zu haben schien, ihr ins Wort fiel: sie meinte, hier sei doch nichts zu beklagen als ein Ungeschick, ein trauriger Zufall oder die vernachlässigte Erziehung der Kinder.

Das Glück wollte, daß ein Regimentsarzt schon vor dem Hause angetroffen ward und auch der Vater der Kinder vom abgeschickten Boten bereits auf dem Herwege gefunden und benachrichtigt war. Der Chirurg erklärte allerdings beider Zustand für gefährlicher, als die Geheimrätin gedacht; Malwine, deren Natur sich nicht selbst geholfen, bedürfe eines Blutlasses; aber er mußte die herangeholte Lanzette noch sinken lassen, weil die Wunde an der Schläfe des Knaben so nahe an eine Arterie streifte, daß, wenn er nicht rasch hier mit einem Verbande zu Hilfe komme, eine Verblutung zu besorgen stand. Wir wissen wirklich nicht, ob es, nachdem dieser Verband erfolgt, noch nötig ward, auch das Blut des kleinen Mädchens zu fordern, denn die Kinder wurden in eine Nebenstube geschafft, und der Legationsrat, der hilfreiche Hand dabei geleistet, erklärte, als er zurückkam, er hoffe, daß andre Mittel ausreichen würden.

Aber um die Peinlichkeit der Situation für die noch Gebliebnen zu vermehren, erhob sich in der Nebenstube ein neuer Wortwechsel, von dessen Heftigkeit man überzeugt sein wird, wenn wir sagen, daß Charlotte die Angeklagte war, der Geheimrat der Kläger, und die Geheimrätin, die angerufene Richterin, sich der Angeklagten nicht anzunehmen schien. Charlotte war ihr eigner Advokat, und der Geheimrat von der Vogtei konnte, wie wir wissen, wenn die Gelegenheit es mit sich brachte, auch außer sich geraten. Er folgte der entgegengesetzten Maxime seines Bruders; er hielt Emotionen nicht für das Gift, sondern für eines der Präservativmittel des Lebens. Seine Freunde meinten, er alteriere sich am liebsten vor dem Mittagstisch, weit dies dem Organismus des Magens zuträglich sei; jedoch immer nur mit Maß.

Doch als er jetzt aus dem Krankenzimmer herausstürzte und Charlotte hinter ihm, schien er eher der Verfolgte. Sie wenigstens schrie in die Versammlung hinein, ohne im geringsten von den respektablen Personen Notiz zu nehmen:

»Meine Cousine, die Frau Hoflackier, hat mir wohl gesagt: ›Warum gibst du dich noch mit ihnen ab, warum opferst du dich Ihnen! Du kennst sie ja, und Undank ist der Welt Lohn.‹ Ja, ich kenne sie, und Undank bleibt der Welt Lohn!«

»Charlotte«, rief das blasse Gesicht der Geheimrätin, die an der Schwelle stehenblieb. »Bedenke Sie, wo Sie ist.«

»Ja, Frau Geheimrätin, das bedenke ich auch, und Sie sind eine nobelgesinnte Dame, und wer Domestiken behandelt, wie er es selbst verdient, der ist rechtschaffen vor Gott und vor den Menschen. Denn wir Domestiken sind auch Menschen vor Gott und unsrer Herrschaft, und ich brauchte es ja nicht zu sein, sagt mein Cousin, der Herr Hoflackier. Ja, wenn der nur hier wäre! Der würde ein Wort sprechen, aber ich bin eine vereinzelte, unglückliche, ledige Person. Und darum sind der Herr Geheimrat so unverschämt. Hab ich denn die Schokolade gesoffen?«

»Charlotte!« wiederholte die Geheimrätin.

Der Vogtei-Lupinus war auf dem Gipfelpunkt seines Zornes: »Sie soll mir nicht wieder vors Gesicht.«

»Das will ich auch gar nicht. I, bilden Sie sich das nur nicht ein. Und wenn Sie's mir auch nicht sagten. Gott bewahre, daß ich noch einen Fuß in das Haus täte, wo man eine rechtschaffne Person so malträtiert. Meine Cousine, die Frau Hoflackier, hat auch gesagt, sie könnt's nicht begreifen, warum ich's so lange ausgehalten. Ja, was tut der Mensch nicht, wenn die Kinder uns ans Herz gewachsen sind. Und nun soll ich die Schuld sein! Oh du gerechte Güte! Hab ich die Schokolade invitiert? Hab ich die Brezeln gebacken? Wer weiß denn, was der Kuchenbäcker reingetan.«

»Charlotte, ich bitte Sie, sei Sie stille«, sprach die Geheimrätin, die Hand am Herzen. »Sie weiß nicht, was Sie redet. Sie ließ die Kinder außer acht.«

»Wird mir das auch angerechnet!«

»Sie pflichtvergessenes« – schrie Lupinus – »derweil Sie am Fenster das Maul aufsperrte.«

»Weil ich ein Gemüt habe, weil ich für meinen Gott und meinen König und unser herrliches Militär zum Fenster raussah, weil ich als eine gute Patriotin mein Herz ausschüttete! Nein, das geht mir doch über alles. Nu, kommen Sie mir wieder! Sag ich doch – nu Kinder hin, nu alles hin, nu adieu sag ich Ihnen. Sie sollen mich nicht wiedersehn, Herr Geheimrat, nu mag's gehn, wie es will, und wo ich hin will, das weiß ich. In Ihr Haus zurück? – I Gott bewahre! – Sie können meine Sachen rausschmeißen lassen, auf den Schinkenplatz. Was Sie wollen wie Sie wollen, immerzu! Oh, das geniert mich noch nicht soviel, wie Ihre ganze Wirtschaft nicht, mein Herr Geheimrat! Was ist für mich die Welt noch, wenn man so mit meinem Herzen umgeht! Aber nehmen Sie sich in acht. Mein Cousin, der Herr Hoflackier, weiß, was ich habe. Der zählt jedes Stück nach. – Vors Hallsche Tor will ich, aufs Grab der seligen Geheimrätin, da will ich sprechen, da will ich mich ausweinen, da will ich klagen, da will ich mir ein Leids antun – denn ich kann nicht leben ohne die Kinder!«

Die Geheimrätin meinte, ihr Schwager solle seine Affekte moderieren. Er mußte es auch meinen; er hatte sich auf einen Stuhl gesetzt und trocknete den Schweiß von der Stirn. »Eine erschreckliche Person!« seufzte die Kriegsrätin. »Da ist man ja keinen Augenblick seines Lebens sicher! Und wenn sie sich nun wirklich ein Leids antut!« Andre waren minder gläubig. Ein Spötter äußerte, vor dem Halleschen Tor sei zwar der Kirchhof, aber auch die Reiter wären durch dies Tor marschiert. Wenigstens mußte Charlotte nicht augenblicklich ihren Entschluß auszuführen gesonnen sein, denn plötzlich trat sie zur Tür wieder herein. Noch rot vor Echauffement drängte sie durch die Anwesenden nach dem Fenster und riß das Tuch an sich, das die erschrockene Baronin mit ihrem Rücken zufällig festhielt:

»Das ist mein Umschlagetuch!«

So ging sie wieder zur Tür hinaus, unbekümmert um die Ansprache des Geheimrats, der sich wirklich moderiert haben mußte, denn beim Vorübergehn sagte er zu ihr: »Hat Sie sich noch nicht besonnen?«

Sie mußte sich allerdings, wenn auch nicht darauf, doch auf etwas anderes besonnen haben, denn, die Tür noch in der Hand, fing sie heftig an zu schluchzen, ihr Perorieren war aber diesmal an die Wirtin gerichtet:

»Und das muß ich Ihnen sagen, Frau Geheimrätin, und wenn Sie mich für eine schlechte Person halten. Die Kinder lassen Sie nicht zu ihm, nein, um Gottes willen, das tun Sie nicht. Bei ihm sind sie in Grund und Boden verloren, der Herr Geheimrat verstehen nichts von der Erziehung. Das Mädchen verdirbt und der Junge auch, sonst hätten sie auch nicht die Schokolade aufgetrunken, aber sie lernen's von ihrem Vater, Gott straf mich, der kann auch nichts stehenlassen, er muß in alles die Nase stecken und kosten. Und die selige Frau Geheimrätin werden vom Himmel runtersehn und's Ihnen lohnen. Und handeln Sie an diesen Kleinen, wie Sie – oh Gott! – oh Gott! – an meinem Cousin gehandelt haben.«

Unter noch heftigerm Schluchzen flog die Tür hinter ihr zu. Daß die kranken Kinder einstweilen bei der Geheimrätin blieben, war eine Sache, die sich von selbst verstand, denn der Arzt hatte schon erklärt, sie dürften auf keinen Fall fortgeschafft werden. Warum aber der Geheimrat nach einer Weile aufsprang und den Hut ergriff, um der Köchin nachzueilen, blieb zweifelhafter. Er sagte, es geschehe, um nachzusehen, damit die desperate Person nicht sein Haus von oben zu unten kehre. Es gab indes in der Gesellschaft solche, die meinten, es wäre nur um sein Mittagessen. In seinem Affekt hatte er nicht bedacht, daß sein Schicksal noch in Charlottens Händen ruhte.

Der Aufbruch war jetzt so allgemein als die Verstimmung. Walter empfing für seinen ehrerbietigen einen sehr kalten Gruß vom Kriegsrat Alltag; die Kriegsrätin mußte in einer eignen Laune sein, denn sie zupfte noch ihren Mann, warum er sich so lange aufhalte? Auch der Geheimrätin bewies sie lange nicht mehr die Ehrerbietung und gerührte Dankbarkeit, mit der sie sonst von dieser gütigen und unvergleichlichen Frau Abschied nahm. Kaum aber war sie die Treppe hinunter, als es die Brust nicht mehr hielt: »Mann, hast du gehört, Ihre Majestät die Königin hat sich nach unserer Adelheid erkundigt!« – Der Mann sagte: »Hm!« und meinte, man müsse auch nicht alles glauben, was vornehme Leute sagen. »Aber«, erwiderte sie, »eine Fürstin kann doch nicht lügen!« Und als er meinte, es könne wohl etwas daran sein, es werde aber nicht alles so sein, sprach sie: »Daß aber die Königin auch nur von unsrer Tochter weiß, daß sie überhaupt auf der Welt ist, das hattest du und ich uns doch nicht im Traume einfallen lassen!« Sie hatte immer geglaubt, die Könige wüßten von den einzelnen Menschen gar nichts, und die Individuen verschwömmen ihnen, wie man von einem hohen Berge eine Landschaft sieht.

Walter und Adelheid nahmen im Vorzimmer Abschied. Es mußte auch hier etwas von Verstimmung sein. Sie meinte, er hätte sich doch überwinden können und zuvorkommender gegen ihre Eltern sein. Er sagte, es habe ihm etwas die Brust zugeschnürt. Sie entgegnete, auch auf ihrer Brust laste es wie ein Alp – »und ich überwinde es doch«, sagte sie und zwang ihr Gesicht zu einem heiter lächelnden Ausdruck.

»Wenn ich dich erst aus diesem Hause fort wüßte«, sagte er nach einer Pause.

»Wünsche es nicht«, entgegnete sie. – »Und wohin? So lieb ich meine Eltern habe, so fühle ich doch, dahin passe ich nicht mehr.«

»Du verlangst nicht nach Glanz und Reichtum –«

»Aber –« unterbrach sie ihn und schwieg plötzlich. »Daran bist du auch schuld; warum hast du aus mir eine andre gemacht, als ich war –«

Er ging mit einem stumm wehmütigen Händedruck.

An der Tür wandte er sich noch einmal um. Sie war ihm nachgeeilt und hielt den Kopf an seine Brust: »Gib den Mut nicht auf, Walter. Ich lerne mich täglich mehr überwinden, und es wird alles besser werden – für uns beide.«

Am zärtlichsten hatte die Baronin Eitelbach von der Geheimrätin Abschied genommen. Sie war ihr unter Tränen um den Hals gefallen, und als die Lupinus nach der Ursach fragte, sagte die Baronin, sie wisse selbst nicht, warum sie eigentlich so gerührt sei, ob über das Unglück der armen Kinder oder das ihrer Freundin, der wieder so etwas begegnen müsse, oder die Unverschämtheit der Charlotte! oder über das Unglück, das überall in der Welt ist, und wer ein gutes Herz hätte, der täte am besten, wenn er es ganz versteckte. Darauf hatte die Lupinus mit einem schweren Seufzer geantwortet: »Daß auch eine so junge Frau schon solche Blicke in dieses Meer der Schmerzen und Täuschungen wirft, das Welt heißt.«

Beim Hinausbegleiten hatte der Legationsrat die Hand der Baronin sanft ergriffen: »Meine Freundin, mir ist eingefallen, haben Sie sich auch nichts vorzuwerfen? Ich meine, keine Schuld, aber vielleicht doch irgendeinen geringschätzigen Blick, eine Bewegung – Sie wissen, Männer sind eitel und Verliebte leicht gereizt. – Sinnen Sie darüber nach!« hatte er teilnehmend hinzugesetzt, als sie ihn erschreckt anblickte, und klopfte sanft auf ihre Hand.

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