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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
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Drittes Buch

Erstes Kapitel.
Gewitterschläge am schwülen Himmel.

Im Hause der Geheimrätin war es seit jenem glänzenden Abend still hergegangen; aber es war eine Stille, die von sich sprechen machte. Sie litt an Kongestionen des Blutes, Beklemmungen des Herzens und klagte über Visionen. Im Kreise der ihr liebsten Menschen sah sie oft andre Gesichter. Sie redete eine Person an, und meinte eine andre; aber sie beteuerte, sie wisse sich darüber genau Rechenschaft, wenn der Zustand vorüber. Es wären nur nervöse Affektionen, über die die Ärzte keine Auskunft geben könnten. Sie sprach bitter von den Doktoren und wollte nicht mehr von ihnen behandelt sein.

Die Gevatterinnen urteilten verschieden über ihren Zustand. Sollte auch die Lupinus sich der Schwärmerei, dem Mystizismus in die Arme geworfen haben, sie, auf deren Tisch man immer Moses Mendelssohn aufgeschlagen fand! Zwar etwas clairvoyant war sie schon in letzter Zeit gewesen, aber nicht mehr, als die Mehrzahl der zarter gebildeten Frauen es dazumal waren oder sein zu müssen glaubten. Es waren bei ihr nur momentane Wallungen, und sie deutete dieselben nur für das Aufblitzen unbewußter Naturkräfte. Sie wollte keine Geisterseherin sein und erklärte sich gegen den Aberglauben.

Aber die Zungen waren fertig, über sie zu richten, und es gibt in einer großen Stadt böse Zungen. Wir übergehen das, was die Boshaften sich zuzischelten: es sei nur Ärger, weil ihre Gesellschaften nicht die Anziehungskraft geübt, die sie gewünscht, und die Exklusiven sich zur russischen Fürstin zögen, weil Prinz Louis durchaus nicht kommen wollen, und es möchte wohl einen besonderen Grund gehabt haben, warum sie den Prinzen so gern an sich gezogen. Worauf andere hinzusetzten, der Prinz müsse wohl auch einen besondern Grund haben, warum er nicht gekommen. Wir heben lieber heraus, was die Mildgesinnten zur Erklärung vorbrachten: sie sei zu fein, und weil ihr alles Rohe widerstrebe, wirke es affizierend, gewissermaßen revolutionierend in dem zarten Körper. Andre: sie, die für einen kranken, wunderlichen Mann zu sorgen, habe sich nun noch die Last für die Erziehung einer Pflegetochter aufgeladen. Was koste das nicht! Und ob es denn auch recht anerkannt würde! Demoiselle Adelheid sei wohl gut und schön, aber sie habe ein eigensinniges Köpfchen. Habe sie es nicht durchgesetzt gegen aller Willen, daß sie mit ihrem Lehrer halb verlobt sei, einem jungen Menschen, der nichts hat und alle vernünftigen Aussichten von sich stößt. Nicht ihre Eltern hätten es gewünscht, die jetzt auch höher hinaus dächten, noch der Vater des jungen Mannes, der gradezu erklärt, er werde nie solche Schwiegertochter in sein Haus lassen. Um zu einer solchen Partie ihr zu verhelfen, hätte Madame Lupinus das schöne Mädchen auch nicht in ihres genommen, und nun sei doch ihre Lage gewiß nicht beneidenswert: eine Pflegetochter hüten, an die keine Blutsbande sie fesselten, zu einer Verbindung das Auge zudrücken, die sie ungern sähe, und noch dazu die Verantwortung gegen die Eltern des Mädchens und gegen den alten van Asten, von dem sie noch obenein einen unhöflichen Brief in die Tasche stecken müssen. Könne das nicht ein edelgesinntes Gemüt herunterbringen! – Wenn noch andre fragten, warum setzt sie sich dem aus, warum duldet sie's? so antworteten noch andre Gutgesinnte: alles drehe und wende sich jetzt um das kleine Köpfchen, und wenn die Mamsell gleich ihre Herrschaft geschickt zu verbergen wisse, so wäre sie es doch, die das Haus regiere. Das komme davon, wenn man sich in Dinge mische, die uns nichts angehen, sagten wieder die halb Boshaften, und mehr tun wolle, als wozu uns die Pflicht für unsre nächsten Angehörigen treibt. Sie hätte doch Anverwandte, und ihr Mann auch, die es besser brauchen könnten als das fremde Mädchen und ein Recht dazu hätten. Und wenn sie gar ein Wort fallenlassen, wie es hieß, daß sie daran gedacht, die Mamsell zu adoptieren, so wäre es kein Wunder, wenn die ihr den Kopf nun heiß mache.

In gewissen Kreisen sprach man von einem intimen Verhältnis der Geheimrätin mit dem Legationsrat. Der Legationsrat behielt bei den Anspielungen seine vollkommene Ruhe und rühmte die Bildung und den eminenten Scharfblick der geistreichen Frau. Ein Liebender bewundert nicht mit der klaren Ruhe des Verstandes eine Geliebte. Die Gevatterinnen wußten, daß er nur seltene Besuche machte, immer in der allgemeinen Besuchsstunde, sie wußten von der Dienerschaft, daß er sich stets in den Formen des feinsten Anstandes bewege. Ihre Gespräche flogen in höhere Regionen der Wissenschaft oder betrafen Geschäfte. Die Lupinus besorgte selbst ihre Geldangelegenheiten, und der Wandel hatte ihr gute Hypotheken nachgewiesen und die Pfandbriefe, die er für die sichersten hielt, anempfohlen. Er war ein Freund des Geheimrates, den dieser oft stundenlang in seinem Studierzimmer festhielt. Wandel war ein lebendiges Lexikon für alle Ausgaben des Horaz. Und wie teilnehmend hatte er sich bei dem letzten Unglücksfall, der das Haus betraf, benommen, wenn man den Todesfall des alten Bedienten so nennen kann. Wie lange war man darauf vorbereitet gewesen, obgleich Geheimrat Mucius gesagt, er könne sich noch zehn Jahre quälen. »Wie recht hatte Ihre Frau Gemahlin«, hatte er zum Geheimrat gesagt, »die immer besorgte, daß er an einem akuten Anfall Ihnen unter den Händen sterben werde. Und mit welchem Takt sie die Scharlatanerie der Ärzte erkannt!«

Als man Johann an einem Morgen tot neben seinem Bette liegend gefunden und alle Hausgenossen in die Kammer stürzten, war die Lupinus nur bis über die Schwelle gekommen. Hier ging ihr der Atem aus, die Kräfte versagten, und sie war in die Knie gesunken. Ihr Gatte und der Legationsrat mußten die Ohnmächtige aufheben. Wie liebevoll hatte er ihr da Worte des Trostes zugesprochen. Die Dienerschaft zerfloß in Tränen: »Warum erschrecken, meine Freundin, über etwas, das nur eine Wohltat des Himmels ist, für den armen Dulder, für uns alle, die wir seine Leiden sehend mit ihm litten! Preisen wir vielmehr die Hand, die dies getan. Sein Wille geschehe! der es gut, schnell und kurz gemacht!« Gestärkt durch seinen Zuspruch, hatte sie nachher an der Leiche gestanden, ihre Züge beobachtend. »So ist es recht«, hatte er gesagt, »dem, was wir als gut erkannt, fest ins Auge gesehen! Wem helfen Tränen, wem weichliches Gefühl des Mitleids! Indem wir das eine Notwendige erkannt, stärken wir unsere Nerven, um der Notwendigkeit auch weiter ins Auge zu blicken, und wir mögen endlich den Sinn des alten Kirchenliedes erfassen: ›Tod, wo sind nun deine Schrecken?‹« Sie war gestärkt worden. Sie hatte selbst am Beerdigungstage die Leiche mit frischen Blumen geschmückt. Die Dienerschaft, die Nachbarschaft waren davon gerührt, und das Lob der Geheimrätin war unter den gemeinen Leuten weit verbreitet.

Im Hause der Geheimrätin war es still hergegangen, sagten wir; heut aber in der Mittagsstunde eines frischen Oktobertages drängten sich die Besuche. Die Regimenter von Larisch und Winning, von der Weichsel zurückberufen, marschierten durch Berlin nach ihrem neuen Bestimmungsorte, der fränkischen Grenze. Die Straßen waren belebt, die Fenster besetzt. Der Durchzug erfolgte unregelmäßig, bataillonsweise; die Truppen, in Eilmärschen aus Polen herangezogen, hatten in ihren letzten Nachtquartieren keine Zeit gehabt, sich zu einem Paradezug zu ajustieren. Während Monturen, Gesichter, Haltung von den Strapazen der angestrengten Märsche sprachen, wirbelten aber die Trommeln, und die Trompeten schmetterten Lustigkeit in die klare Herbstluft; der Jubel der Zuschauer überbot sie noch. Aus den Fenstern schwenkte man Tücher, auf der Straße drückte man den Soldaten die Hand; man reichte ihnen zu trinken, und während die Schnapsflaschen und Semmelkörbe umhergingen, schickten patriotische Hausfrauen große Bunzlauer Kaffeekannen und Tassen hinunter. In der Küche der Geheimrätin brodelte ein Waschkessel, Adelheid hatte für den Soldatenkaffee und für die Schokolade der Gäste zu sorgen.

Diese standen in zerstreuten Gruppen an den Fenstern. Es gehörten nicht alle zueinander.

Walter van Asten las aus einer fremden Zeitung einigen um ihn Stehenden einen Artikel vor: »Dem Vernehmen nach hat der Staatsminister von Hardenberg dem französischen Gesandten, Herrn Laforest, die Antwort erteilt: Sein König wisse nicht, worüber er sich mehr zu verwundern habe, über die Gewalttat des französischen Heeres oder über die unbegreiflichen Entschuldigungsgründe dafür. Wie habe man Preußens aufopfernde Redlichkeit vergolten, das Opfer gebracht, die seinen teuersten Pflichten nachteilig werden könnten. So könne man denn doch keine andern Absichten des Kaisers Napoleon annehmen, als daß derselbe Ursachen gehabt, die zwischen ihm und der Krone Preußen bestehenden Verpflichtungen für wertlos zu halten, und achte darum Seine Majestät der König sich selbst aller früheren Obliegenheiten entbunden. Frieden wolle Preußen auch noch jetzt, halte sich aber nun verpflichtet, seinem Heere die Stellung zu geben, welche zur Verteidigung des Staates unerläßlich sei.«

»Ja, es werden drei Heere gebildet, wie ich aus sicherer Quelle weiß«, bemerkte jemand. Ein andrer setzte hinzu:

»Und es bleibt nicht bei der Rückberufung unsrer Weichselarmee, sondern wir haben auch den Russen den Durchzug durch Schlesien geöffnet.« Der Kriegsrat Alltag flüsterte seinem Nachbarn ins Ohr: »Die Donschen Kosaken sind schon in Breslau angemeldet.«

»Ach Gott, ach Gott! so haben wir also Krieg!« rief die Kriegsrätin.

Auch die Fürstin Gargazin hatte das Haus mit ihrem Besuch gewürdigt. Sie lächelte, zum Rat Fuchsius sich abwendend: »Mir will die Vorstellung einer Komödie noch nicht aus dem Sinn.«

»In einer Stadt, wo das Theater eine so große Rolle spielt«, entgegnete der Rat, »ist dieser Gedanke allerdings sehr natürlich.«

»Es wäre doch grausam«, fuhr die Fürstin fort, »wenn man mit den armen Menschen wieder nur Kämmerchenvermieten spielte. Vom Rhein nach der Weichsel, und von der Weichsel nach dem Main!«

»Das könnte das beste Heer demoralisieren«, äußerten mehrere.

Der Geheimrätin schien die entschiedene Sprache des preußischen Ministers doch jetzt den Zweifel aufzuheben.

»Ich sprach Diplomaten, die aus der Note nur den Sinn herauslesen«, bemerkte die Fürstin, »daß Preußen unter allen Umständen Frieden will.«

»Aus welcher Zeitung ist der Artikel, Herr van Asten?« fragte die Lupinus.

»Aus dem ›Hamburger unparteiischen Korrespondenten‹, der heut morgen ankam.«

»Warum müssen wir das nun aus einem fremden Blatt erfahren! Über etwas, das uns so nahe angeht, lesen wir kein Wort in unsern Zeitungen.«

»Dann ist's auch vielleicht nicht wahr«, lächelte die Fürstin mit einem besondern Blick auf den Regierungsrat. Es mochten mehrere den Blick verstehen. Fuchsius besorgte für die Hamburger Zeitung Regierungsartikel.

»Die erlauchte Fürstin«, entgegnete Fuchsius, »weiß, daß gewisse Regierungen schüchternen Jungfrauen gleichen, die in ihrer Gegenwart keine Schmeicheleien vertragen, hinter ihrem Rücken hören sie sich recht gern gelobt.«

»Ich kenne auch Regierungen«, setzte die Gargazin darauf, »die erschrecken, wenn man ihre Gedanken ausspricht, besonders, wenn sie gar keine haben.«

Der Kriegsrat Alltag wandte sich mit einem innern Schaudern ab. Er hatte nicht geglaubt, daß vornehme Personen so respektlos von der Regierung sprechen könnten.

Die Gruppe löste sich auf, als die Janitscharenmusik das Anrücken eines neuen Bataillons verkündete. Adelheid streifte mit dem Präsentierbrett an Walter vorbei. »Ein bißchen zuvorkommender gegen meinen Vater! Auch mit der Mutter könnten Sie mehr sprechen.« Der Jubel am Fenster und auf der Straße ersparte ihm die Antwort.

Am lautesten ward es in dem kleinen Nebenzimmer. Eine weibliche durchdringende Stimme ließ sich vernehmen:

»Nein, sag ich doch, so vieles Volk, und alle zum Totschießen! 's ist grausam! – Sieh mal, Fritz, wie sie blitzen, die Spontons! Da, der mit dem roten Federbusch! – Malwine, willst du dich nicht so rüberlegen! – Was man mit den Kindern Not hat. – Und da, das blutjunge Gesicht – ach du liebe Seele, der hinkt, hat sich die Füße durchgelaufen. – Was 'ne unsterbliche Menschenseele nicht ertragen muß! – Und staubig, alle wie gepudert! – Liebechen!« rief sie hinunter, »sehn Sie, dem da schenken Sie 'ne Tasse Kaffee! Er friert so, und ein so hübscher Mensch. – Sieht sie's wieder nicht, die Lisette! – Nu ist er fort! – Na, 's wird wohl noch andre mitleidige Seelen geben. – Was so ein Tornister drücken muß! – Fritz, wenn du auch solche grausame Flinte auf dem Buckel tragen müßtest – nu paß acht, nu kommt der Tambour. Hurrje, hurrje! hörst du, wie er schlägt!«

»Will auch Trommler werden«, sagte der Junge. »Nein, Fritzchen, da wirst du totgeschossen. Das ist nur für ordinäre Leute. Guter Leute Kinder, die sind zu was anderm da.«

»Will Trommler werden!« wiederholte der Trotzkopf »Papa hat's gesagt.«

»Ja, wenn du ein Taugenichts wirst, dann wirst du unter die Soldaten gesteckt.«

Das Fritzchen schrie und stampfte auf die Erde. »Du Olle, du sollst mir's nicht verbieten, du hast mir nichts zu verbieten.«

»Range du! Untersteh dich und kneif noch mal. Wenn wir nicht bei hübschen Leuten wären, kriegtest du eins hinter die Ohren, daß du dich wundern sollst.«

Die Geheimrätin war unbemerkt Zeugin des Auftritts gewesen. Sie brachte den Kindern Brezeln und fragte, ob sie schon Schokolade bekommen.

»Ach du mein Gott, die gestrenge Frau sind auch gar zu gütig gegen die Kleinen!« rief Charlotte, die sich umgedreht. »Daß wir Ihnen auch so viel Inkommodität verursachen! Aber Kinder sind nun mal Kinder, und wer weiß, ob sie so was mal wiedersehen, sagte meine Cousine, die Frau Hoflackier. Ja, sie gehn alle in den Tod.«

»Gibt es einen schönern als fürs Vaterland!« sprach die Geheimrätin mit Erhebung.

»Das sagte mein Wachtmeister auch, Frau Geheimrätin, aber, nehmen Sie mir's nicht übel, Tod ist doch Tod. Und eingebuddelt werden sie, ohne Sang und Klang, ohne Leichenhemd und ohne Sarg, wo sie stehn und liegen. Und der Fritz will absolut Soldat werden. Ist ein rabiater Junge. Und mein guter Herr Geheimrat, der die Güte selbst ist, Sie glauben gar nicht, wie er ihm schon auf der Nase spielt. Kinder sind Gottes Segen, oh gewiß, aber sie können auch Gottes Fluch werden, wenn sie ausschlagen.«

Die Geheimrätin streichelte die Köpfe der Kleinen: »Geht, liebe Kinder, in die andre Stube und laßt euch Schokolade geben.«

Warum erschrak Charlotte heute nicht vor der Butterbrezel, welche die Frau mit den spitzen Fingern den Kleinen gab; warum kamen ihr diese Finger heut nicht spitz vor, als sie über die blonden Haare der Kleinen strich? Charlotte war auch jetzt in innerer Bewegung, aber es war eine andre, als sie, plötzlich in Tränen ausbrechend, den Saum des Kleides der Geheimrätin erfaßte und es an die Lippen drückte:

»Ach, Frau Geheimrätin, das müssen Sie mir schon erlauben. Es war doch zu schön. So einen ordinären Dienstboten unter die Erde zu bringen, und seine eigne Herrschaft! Das wird Ihnen Gott lohnen. Er war mein Cousin, aber das ist es nicht. Er war meiner Mutter Onkel Schwesterkind, und angeheiratet nur, aber, und wenn er mir gar nichts gewesen wäre, das vergeß ich Ihnen nicht. Darüber ist auch nur eine Stimme in der Stadt. Und meine Cousine, die Frau Hoflackier, sagt, solch einen Sarg und von so schönem fetten Eichenholz hat sie nicht gesehen, als ihr Mann seine Alte begrub, und das war ihr Glück, und ihr Mann versteht's; wenn der den Beutel auftut, dann hält er nicht den Finger drauf. Und hat jetzt eigen Gespann; alle Sonntag fahren sie nach Charlottenburg und haben mich auch schon mitgenommen, und ich habe auch mal die lieben Kleinen mitgenommen, daß sie doch auch ein Vergnügen haben, und ich kaufte ihnen für einen Dreier Semmel, daß sie die Karpfen füttern konnten. Na, das war eine Herrlichkeit. Aber der Silberbeschlag! Nein, Frau Geheimrätin, das ist es gar nicht. Was ist Silber? Unter der Erde rostet's, wir rosten alle. Aber die Blumen, nein, du mein Himmel, Jesus, nein. Wie ein Purpurri rübergeschüttet, wie ich da in den Hausflur trat, es knickte mir in die Knie, und ich wollt's nicht glauben, und die Menschheit! Vom Gendarmenmarkt, vom Fürstenhause her, die Polizei konnte gar nicht durch, daß die Leichenträger nur Platz hatten. Und da war doch nur eine Empfindung!«

»Er war ein treuer Diener, und wir sind alle Menschen.«

»Aber doch mit Unterschied, Frau Geheimrätin. Und den Kranz von weißen Rosen, den Sie auf seine Totenlocke gedrückt und sein bleiches Antlitz! ›Er war mein Cousin‹, schluchzte ich, und meine Cousine, die Frau Hoflackier, sprach: ›Ja, das Leben ist doch schön!‹ Nein, Frau Geheimrätin, und wenn Sie mich eine schlechte Person nennen, Sie haben ihn sterben lassen, daß mancher sagen möchte, so möchte ich auch sterben.«

Wenn eine Emotion sich in dem halbgeschlossenen Auge der Geheimrätin kundgeben wollte, so bemerkte es niemand, Charlotte am wenigsten, denn helle Trompetenstöße lockten jetzt aufs neue und unwiderstehlich an die Fenster. Jeder stürzte dahin, wo er Platz fand; Charlotte hatte einen, der ihr wohl nicht zukam, eingenommen, Arm an Arm mit der Baronin Eitelbach. Keine sah die andre, keine gab auf die andre acht.

»Ach, da reitet er!« rief Charlotte, den Blick auf eine Schwadron der Gendarmen gerichtet, die um die Ecke schwenkte. Sie gab den durchmarschierenden Dragonern nur das Geleit.

»Ach, da reitet er!« tobte es in einer Brust neben ihr, ohne daß die Lippen sich bewegten.

»Nein, wieviel schöner sehn doch unsre aus als die Dragoner!«

Wunderbare Sympathie! Dasselbe dachte die Baronin.

»Es geht doch nichts über die Garde! – Das ist alles adrett. Und wie sitzen sie auf dem Pferde! Hurrje! Das fühlt auch jeder.«

Charlotte hatte recht; einer spricht es, der andre fühlt es. Die Tücher fingen wieder an zu wehen.

»Wem gilt dieser Jubel?« fragte am andern Fenster die Fürstin.

»Den neuen Uniformen, Erlaucht«, flüsterte jemand hinter ihr.

»Die bleiben in Berlin?«

»Es wäre schade, sie dem Herbstwetter auszusetzen.«

»Aber die armen maroden Truppen, die ins Feld müssen, werden es übelnehmen.«

»Erlaucht! Das Futter fürs Pulver darf nichts übelnehmen.«

Am Zwischenfenster schluchzte plötzlich die Kriegsrätin: »Und alle diese jungen schönen Leute werden auch totgeschossen!«

»Nur ihre Pflicht«, sagte der Kriegsrat. »Wenn der König befiehlt, muß jeder sterben.«

Das Schluchzen ward ansteckend. Charlotte am nächsten Fenster fing an so laut zu weinen, als sie eben gejubelt: »Sie müssen alle sterben, ich seh ihn nicht wieder.«

Als die Baronin ihr Batisttuch an die Augen drückte, hatte sich indes die Szene wieder geändert. Charlotte stieß die Nachbarin in ihrer heftigen Bewegung fast zurück: »Er streicht den Bart; das gilt mir; ja, ja, ich seh's«, und damit er's wieder sähe, bog sie sich hinaus. Malwine und Fritz wären dafür gestoßen worden. Es war nicht nötig, daß sie das Umschlagetuch sich abgerissen, der Wachtmeister ritt schon unter dem Fenster und warf ihr Kußhände zu. Und wie keck schmunzelnd er wieder den Bart strich!

Die Baronin sah auch etwas, aber – sie ward blaß. Er strich nicht den Bart, nein; aber als er hinaufgeblickt, ihre Augen ihn getroffen, wandte er plötzlich den Kopf. Er setzte die Sporen ein und war zur Generalität geflogen. Sie sah ihn im Gedränge nicht wieder.

»Ist Ihnen unpäßlich, meine Gnädige?« fragte der Legationsrat, der, jetzt erst eingetreten, die Dame nach einem Stuhl führte.

»Es wird bald vorübergehen.«

»So ist es recht. Weinen Sie sich aus. Verhaltener Kummer ist für Seele und Leib gleich gefährlich.«

Die Eitelbach hatte Zeit, sich auszuweinen; bis auf die Kinder, welche die Einladung an den Schokoladentisch nicht umsonst vernommen, war kein lebendes Auge im Zimmer. Alle auf das Schauspiel draußen gerichtet. Prinz Louis selbst ritt vorüber, der Jubel hatte seinen Gipfelpunkt erreicht und brach doch immer wieder von neuem aus. Tücher! Hüte! Mützen flogen. Es wollte nicht enden.

»Der Krieg ist ja noch nicht erklärt«, flüsterte der Legationsrat; »die Garde bleibt jedenfalls noch in Berlin, wenn Ihr empfindsames Herz vielleicht für einen dieser tapfern Krieger Besorgnis hegt.«

Die Baronin sprach es nur für sich: »Er sieht mich ja nicht an.« Sie bereute schon den Selbstverrat, als ihr Blick auf das verwunderte Gesicht des Legationsrates fiel. Er rückte einen Stuhl heran.

»Teuerste Frau«, hub er nach einer Pause an, »erlauben Sie ein Wort des Vertrauens. Sie waren so gütig, mir jüngsthin Ihres zu schenken, und es ruht in dieser Brust wie in einem Grabe.«

»Ja, Sie sind solide.«

»Verrat in so zarten Angelegenheiten halte ich, wenigstens von der Lippe eines Mannes, für ein unverzeihliches Verbrechen.«

»Sie wissen ja alles.«

»Ich hielt es für längst vorüber; das Spiel des Windes auf einem Ährenfelde.«

»Oh, es wird auch wohl so sein. Sie werden recht haben, ganz recht«, brach es aus der bewegten Brust. »Aber er verfolgte mich ja letzthin so auffällig.«

»Besitzen Sie einen Brief von ihm? – sprach er Sie an?«

»Nein – aber – es war ja ganz klar – die Fürstin Gargazin –«

»Können Sie der auch ganz trauen?« – Der Legationsrat sah sich vorsichtig um.

»Sie ist eine seelensgute Frau. Schon vor acht Tagen versicherte sie mich, ich möchte mich vorbereiten, er könne sich gar nicht mehr halten. Sie hat ihn neulich bei sich in ihr Kabinett zurückgedrückt, er wäre imstande gewesen, in ihrer Gegenwart mir zu Füßen zu stürzen.«

Der Legationsrat sah ernst vor sich hin und schüttelte den Kopf: »Das glaube ich doch nicht –«

»Als wir von der Waldow kamen, öffnete er mir den Wagenschlag. ›Ei, wie komm ich zu der Ehre?‹ sagte ich.«

»Und er –«

»Er hatte schon, ganz träumerisch, einen Fuß auf dem Tritt, als mein Mann dazukam und ihn einlud mitzufahren –«

»Worüber er zur Besinnung kam, das ist freilich sehr begreiflich.«

»Sahen Sie, wie er jetzt fortsah, als er mich erblickte?«

»Da scheute wohl nur sein Pferd –«

»Nein, es war eine innere Stimme –«

Er faßte sanft ihre Hand: »Hören Sie auf diese inneren Stimmen, meine Freundin? – Ach, das ist ein gefährliches Lauschen. Wie oft hören wir die Wahrheit, wie oft täuschen wir uns!«

»Sagen Sie, ich hätte mich getäuscht!«

»Einem Kavalier muß der Ruf seiner Geliebten über alles gehen. Was der Rasende im verschloßnen Kabinett der Fürstin vielleicht gewagt hätte, wird er doch nicht vor tausend Augen sich unterstehen. Nein, da beruhigen Sie sich – und wenn er es getan, so hätte ich ein Wort mit ihm reden wollen. Wenn es weiter nichts ist – da, wie gesagt, sein Sie ganz ruhig.«

»Was meinen Sie mit dem ›weiter nichts‹?«

»Oh, grübeln Sie nicht nach. Eine Bitte! Tun Sie sich Gewalt an. Verbergen Sie diese Gefühle. Sie sind zu schön und rein, die Welt ist Ihrer nicht wert. Möglich, das gebe ich zu, möglich, daß auch er Ihrer nicht wert ist. Aber erscheinen Sie dafür desto größer, und wenn er treu ist, bewahren Sie ihm das Vertrauen, ist er es nicht, sich die Größe, über Ihren Schmerz erhaben zu sein. Meine Freundin«, sagte er aufstehend und drückte ihre Hand an seine Brust, »das Vergängliche gehört der Zeit, was aber in die Äonen hinausragt, das ist das heilige Bewußtsein einer schönen Seele. Sie werden mich verstehen.«

Ganz verstand sie ihn nicht, aber es war gut, daß sie ihn nicht fragte, denn die Gesellschaft war wieder im Zimmer. Nur der Major schien am Eckfenster noch draußen:

»Das Friedrichs Heer!«

»Grade in diesen Regimentern ist nichts geändert«, sagte Fuchsius.

»Jeder hat allerdings noch seine drei gepuderten Locken.«

»Sie marschierten doch vortrefflich –«

»Geknickte Glieder eines Riesenkörpers, die nicht mehr ineinanderklingen. Mein Freund, zuweilen will's doch auch mich beschleichen, als wäre es am gescheitesten, zur Friedenspartei überzugehen.«

Der Legationsrat wurde mit Fragen, was er Neues bringe, überstürmt.

»Duroc ist abgereist.«

»Wirklich! Endlich!« rief es. »Mit einer Kriegserklärung?«

»Man hat ihm nur zu verstehen gegeben, daß man unter den obwaltenden Umständen das Freundschaftsbündnis als gelöst vielleicht zu betrachten genötigt sein dürfte.«

»Und hat Laforest Pässe erhalten?«

»So unhöflich ist man nicht gewesen.«

Die Fürstin lächelte: »Er denkt übermorgen eine Matinee zu geben.«

»Dies unterbleibt doch vielleicht«, sagte Wandel, »wenn Erlaucht mir erlaubt, das Gerücht mitzuteilen, was ich von der Börse bringe. Seine Majestät Kaiser Alexander wird hier erwartet. Der österreichische Erzherzog Anton ist schon auf dem Wege nach Berlin.«

Die Nachricht überraschte. Auch der Regierungsrat war frappiert: »Dieser Mensch weiß alles.«

»Wenn wir nicht wollen«, sagte Eisenhauch, die Lippen zusammenbeißend, »so zwingen uns andre zum Ernst.«

Man beobachtete die Fürstin, um auf ihrem Gesicht die Bestätigung zu lesen. Man konnte nichts lesen; sie war mit Adelheid beschäftigt, der sie heute ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen schien.

»Herr von Wandel, Ihre Neuigkeiten sind noch nicht zu Ende?«

Er war gefällig und gab eine Liste von Avancements und Verfügungen zum besten: »Auch hat Herr von Bovillard mit seinem Sohne sich ausgesöhnt. Er will ihn wieder für den Staatsdienst gewinnen. Einstweilen hat der junge Bovillard Kurierstiefel anziehen müssen. Er ist fortgeschickt.«

»Da wird doch wenigstens ein Platz in den Gefängnissen frei«, sagte die Geheimrätin mit Bitterkeit, und ihr Blick fiel auf Adelheid. Ob zufällig, oder ob sie eine Veränderung auf ihrem Gesicht bemerkte?

»Meine holde Adelheid erschrak«, sagte die Fürstin, »bei Ihrer Nachricht von der Ankunft unsres Kaisers, Herr von Wandel. Sie stellt sich unter einem Kaiser aller Reußen einen orientalischen Despoten vor, einen Großmogul, vor dem alles in Ehrfurcht auf den Boden stürzen muß. Ihr Lehrer wird ihr sagen, ein wie liebenswürdiger Kavalier Kaiser Alexander ist. Auch ein Welteroberer, aber – durch Huld und Güte gewinnt er die Herzen. – Doch mich dünkt, unser Neuigkeitsbote hat seinen Sack noch nicht ausgeschüttet. Was sagt die Falte auf Ihrer Stirn?«

Der Legationsrat zuckte die Achseln: »Ich weiß nicht, ob ich die frohe Stimmung hier stören darf.«

Eine Anforderung zum In-ihn-Dringen.

»Die Österreicher sind total geschlagen. Der Kurier kam schon heut morgen an. Man hielt die Nachricht zurück, um den Jubel beim Durchmarsch der Truppen nicht zu dämpfen.«

»Bei Günzburg brach er über die Donau, das war schon ehegestern bekannt«, sagte jemand. »Damit ist das Schicksal der Hauptmacht nicht entschieden.«

»Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß sie es ist. Bei Werdingen ward der Sukkurs aus Vorarlberg vernichtet, darauf Mack, gänzlich umzingelt, in Ulm eingeschlossen und nach den blutigsten Gefechten zur Kapitulation gezwungen. Sechzigtausend Mann fielen oder streckten die Gewehre, hundert Kanonen und ein unermeßliches Kriegsmaterial sind verloren. Es existiert keine österreichische Armee an der Donau mehr, denn auch das Korps, was der Erzherzog zurückführen wollte, ist unterwegs so gut wie aufgerieben.«

Eine stumme Pause folgte. Die Janitscharenmusik eines neu vorüberziehenden Bataillons bildete dazu einen üblen Kontrast.

»Adieu Deutschland!« seufzte Fuchsius.

»Viktoria!« rief der Major. »Das geht ans Leder. Die Haut läßt man sich nicht ruhig abziehen.«

Die Fürstin warf einen ihrer himmlischen Blicke an den Plafond:

»So mußte es kommen, und es muß noch mehr kommen. Meine Herren, ich halte es für eine frohe Botschaft. Ja, der Mann ist groß; denn ein Größerer hat ihn gewürdigt, seine Geißel zu sein. Es soll noch mehr Blut fließen, um die Welt zu reinigen, und wir haben kein Maß für die Ströme, die da rauschen werden über die Länder.«

»Ach du mein Gott, das ist ja schrecklich!« rief die Kriegsrätin erblassend. Adelheid war zugesprungen und umfaßte die Mutter, die auf einen Stuhl gesunken war.

»Warum schrecklich«, sagte die Fürstin mit Holdseligkeit, »wenn es sein Wille ist! Er, der die Haare auf unserem Kopfe gezählt hat, weiß auch, wen er opfern, wen er retten will. Und über seinen Erwählten schweben seine Engel. Einen weißen leuchtenden Fittich seh ich gebreitet über dieses Kindes Haupt!« sprach sie und legte wie segnend ihren Arm auf Adelheids Locken.

Die von solcher Huld gerührte Kriegsrätin wollte aufstehen. Die Fürstin drückte sie sanft zurück: »Glückliche Mutter, auf deren Kindes Stirn die Worte des Dichters stehen:

Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüt!

Die Königin hat sich neulich sehr angelegentlich nach Ihrer Tochter erkundigt. Sie wünscht sie einmal zu sehen«, flüsterte die Fürstin im Fortgehen mit holdseliger Herablassung zur Mutter. Sie glaubte in die Erde versinken zu müssen.

Die Harmonie der Gesellschaft, wenn man die Stille so nennen kann, die vom Eindruck der Nachricht hier noch herrschte, ward durch häßliche Kinderstimmen in der Nebenstube unterbrochen, und als Charlotte plötzlich in ein heulendes Geschrei ausbrach, stürzte die Gesellschaft dahin.

Der Rat und der Major, die nicht für Familienangelegenheiten gestimmt waren, ergriffen die Gelegenheit, sich zu entfernen. Auf der Treppe sagte Fuchsius: »Der Frömmigkeit der Gargazin wäre es genehm, wenn ganz Deutschland in Brand und Flammen aufginge.«

»Damit Rußland es erlösen kann!« setzte der Major hinzu. »Es fragt sich da eben nur, wo die Scylla und wo die Charybdis ist.«

Auch die Fürstin Gargazin mußte heut nicht für Familienszenen gestimmt sein. »Was war denn das mit dem Rittmeister? Springt er ab?« sagte sie zum Legationsrat, der ihr im Vorzimmer den Kaschmirshawl umreichte.

»Wir haben Konterorder, Erlaucht. Weil er zu hastig war, hat man ihm eine spanische Fliege appliziert.«

»Ihre Burleske fängt an, mich zu langweilen.«

»Die schöne Frau verarbeitet sich desto mehr in Liebesweh. Wir überlassen sie ganz Euer Erlaucht.«

»Das für mich, was aber haben Sie?«

»Leibeigene beherrschen, ihr Schicksal machen, kneten, wie der Bildhauer den Ton, halte ich für ein Vergnügen.«

»Das sind andre Geschöpfe.«

»Um so größer, Gnädigste, auch über solche als Puppen zu schalten, die sich mit Schiller für frei halten, und wären sie in Ketten geboren, oder mit Herrn Fichte ihr göttliches Ich adorieren. Ich kenne keine angenehmere Unterhaltung, und harmlos, und welche Vorbereitung, Erlaucht, für das unstreitig Größere, auch diese Geschöpfe zu bekehren!«

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