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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
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Sechzehntes Kapitel.
Eine wichtige Konferenz in Staatsgeschäften.

»Der Herr Geheimrat sind nicht zu Hause.« – »Der Herr Geheimrat erteilen heut keine Audienz« – lauteten die verschiedenen Antworten, mit denen der Kammerdiener die verschiedenen Personen, welche in der Wohnung des Geheimrats Bovillard nach ihm fragten, abgewiesen hatte. Auch Herrn von Fuchsius war dasselbe begegnet, »wegen einer wichtigen Konferenz in Staatsgeschäften«.

Bei Konferenzen in wichtigen Staatsgeschäften war der Rat immer zugezogen. Der Diener zuckte lächelnd die Achseln: »Herr Geheimrat haben heut expreß befohlen, keine Ausnahme zu machen.« Fuchsius sah aus dem Torweg den Wagen des Ministers fahren: »Wenn die entsetzliche Ratlosigkeit wirklich zum Rat – und wenn sie zur Tat führte!« sprach er aufseufzend. »Es ist spät, aber doch vielleicht noch nicht zu spät!«

»Exzellenz waren nicht aufgelegt«, bemerkte der Kammerherr von St. Real in der kleinen Hinterstube, wo sich die Konferenz versammelt hatte.

»Leidet am Magen«, sagte Bovillard mit dem mokanten Lächeln, das seine Freunde kannten, wenn er die Worte eines nicht gegenwärtigen Freundes zitierte. »Am Magen?«

»Exzellenz halten nicht Diät. Mischen zuviel, Trüffelwürste und Rhabarber, Sonnenaufgänge und nächtliche Promenaden, Tugend und Tänzerinnen –«

»Die Auswärtigen Angelegenheiten liegen in seinem Magen wie Kraut und Rüben.«

»Wir sind indes, meines Wissens, nicht hier wegen der affaires étrangères«, bemerkte der Kammerherr.

»Mais qu'est-ce qu'on peut faire, mon ami, wenn der Leiermann vor der Tür vom Morgen bis Abend sie aborgelt, Hardenberg mit so schönem Diskant singt und Lombard und Beyme und Voß, und dazwischen brummt der Baß des Herrn vom Stein, und Johannes Müller zwitschert, und Herr von Massenbach gibt seine unmaßgebliche Meinung, und Lucchesini räuspert sich, und Rüchel trommelt, und Prinz Louis schmettert mit Trompeten, und seine Schwester und die Prinzeß Mariane akkompagnieren mit Jeremiä Klagegesang. Da bleibe ein vernünftiger Mensch unaffiziert! Ich will in allem Respekt noch gar nichts sagen von der Venus Urania, die in der Stille vor ihrem Spiegel die Haube der Bellona probiert, und wie ihrem himmlischen Gesichte der Blick des Zornes und der Entrüstung steht, den sie auf den Monsterpilz bei Gelegenheit werfen will.«

»Monsieur de Bovillard braucht uns nicht zu versichern, daß er nie Admirateur der Venus Urania war.«

»Offenherzig, ich halte es mit dem edlen Schiller – der ist nun auch tot, alles Edle stirbt, meine Freunde –, als er sang:

Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!«

Der Dritte im Bunde, der kein anderer war als der Legationsrat Wandel, meinte, er könne die Besorgnis nicht teilen, soviel er wisse, sei doch gestern beschlossen: der König wolle, die besondere Lage seiner fränkischen Lande erwägend, jeder der kriegführenden Mächte den Durchgang gewähren. Damit schiene denn doch alles ausgeglichen, und die äußern Angelegenheiten dürften dem exzellenten Freunde seines edlen Freundes kein Kopfzerbrechen mehr verursachen.

»Gestern, Teuerster! Aber heute nicht mehr. Man hat angeführt, das verrate Schwäche. Darum wollen wir heute Stärke verraten und erklären, daß wir niemand durchlassen. Brauchen uns aber darum nicht zu ängstigen, morgen haben wir uns wieder anders besonnen und lassen durch. Dieser Durchlaß nun liegt Christian im Magen, ein Aderlaß an seinem Humor, und darum lief er fort, eh wir anfingen.«

»Der Legationsrat sagte: ›Ich glaube eher, daß ich die unschuldige Ursach bin. Als er mich sah, sah ich an seinem Gesicht, daß er nicht bleiben würde. Warum mußten die Herren mich in ihr Vertrauen ziehen?‹«

»Haben Sie wirklich einen Basiliskenblick?« sagte der Geheimrat. »Teuerster Freund, warum sind Sie, wie Sie sind? Die Uneigennützigkeit selbst, um Freunden einen Dienst zu leisten, und wo Sie für sich etwas wollen sollten, karg wie ein Harpagon.«

»Was soll ich denn für mich wollen?«

»Scherz beiseite, im Monde leben Sie sowenig als wir. Was Reelles sollen Sie wollen. Sie haben Klaproth bezaubert, Hermbstädt schwört auf Sie, von den Frauen rede ich gar nicht, warum verschmähen Sie es absolut, unsre Exzellenz in Ihren Bann zu ziehen? – Die Gelegenheit liegt auf dem Präsentierbrett. Sie sind jetzt sein Vertrauter in diesem Divertissement, kann er jemand fallenlassen, den er nicht plaudern lassen darf? Auf Ehre, Sie brauchen nur zu wollen, und Sie sind ein gemachter Mann.«

Wandel schwieg eine Weile, die Augen in dem unbeweglichen Gesichte fern auf einen Punkt in der Diele geheftet. Dann brach es mehr heraus, als daß er es sprach: »Aber wie lange wird er selbst es sein!«

Es war ein disharmonischer Klang. Bovillard schien es zu überlaufen, was man nennt, mit einer Gänsehaut. Es dauerte eine Weile, ehe Herr von Wandel zu merken schien, was er angerichtet.

»Nicht wahr«, sprach er, »Sie glauben nicht an Ahnungen. Sie bestreiten die Magie; und Sie haben recht, sehr recht. Fort damit, sie drückt unsern Magen. Hätte die Natur denn umsonst diese Bretterwände, Mauern, Körper, die Distanzen vor uns aufgeführt, damit unser Auge nicht durch, nicht drüber hinausgehen soll? Das Drüben ist nichts für unsre Nerven. Ein Tor, ein Narr, ein Rasender, ein Selbstmörder, der ein schönes Weib, wenn es endlich in seine Arme sinken will, statt es feurig zu umschließen, festhält und mit dem Aug in die Zukunft bohrt, wo auch diese letzte entzückende Hülle zu Plunder und Asche sinkt und Modergeruch das Gerippe umhaucht. Nein, meine Herren, das ist Krankheit, häßliche Krankheit. Hören Sie nicht auf mich. Ich bin's zuweilen, aber ich weiß mich zu kurieren. – Ein Glas Wein, feurigen Wein. Nur um zu genießen, gab die Natur uns die Sinne.«

Er hatte dies rasch, wie in einer Art Schauer, herausgesagt und stürzte ebenso rasch ein Glas Ungar, das Bovillard ihm geschenkt, herunter.

»Tokaier Essenz! Übrigens – Ihren Seherblick in Ehren, Ihr Gespenst schreckt mich nicht. Fort müssen wir alle, wenn der Vorhang fällt, aber er fällt erst, wenn das Stück ausgespielt ist.«

»Die Philosophie, die uns zu glücklichen Menschen macht.«

»Und was ein Riese in der Entfernung schien«, setzte Bovillard hinzu, »wird oft in der Nähe zu einer mittelmäßigen Kreatur. – Was besorgten wir nicht von Stein! Und was ist er? Pah, er brummt, poltert, übrigens –«

»Lassen wir ihn in den Akten vergraben sein!« fiel der Legationsrat rasch ein, »entschuldigen Sie mein Intermezzo, eine Aufwallung der Gefühle. Lassen Sie mich aus dem Spiel und – gehn wir an unsre Geschäfte.«

Wandel hatte sich an den kleinen Tisch gesetzt, auf dem wie zum Spott für vier Personen Aktenhefte, Papier und Federn lagen; das wichtigere Aktenstück oder Corpus delicti stand unter dem Tische, der Champagnerkorb. »Von nun an wird niemand, wer es sei, eingelassen«, rief Bovillard, als der Kammerdiener die Leuchter auf den Tisch gesetzt. »Also, meine Herren, wir standen bei Artikel zwei« – rief er noch mit einer Stimme, welche der abtretende Diener im Nebenzimmer hören können. Als die äußere Tür zuklang, erhob sich der Flaschenkorb, ein Pfropfen knallte gegen die Decke, und drei Gläser stießen gegeneinander: »Auf guten Fortgang!«

»Der scheint gesichert«, sagte Wandel.

»Und wir verdanken ihn, was ich als Präsident hier auszusprechen mich für verpflichtet halte, insbesondre der unermüdlichen Tätigkeit unseres teuren Kollegen. Herr Legationsrat von Wandel, wiewohl gleichsam als Experter zugezogen, hat sich doch der Sache als Amateur angenommen. Gehn wir demnächst zur Sache über. Wir standen also –«

»Ich erlaube mir, ehe wir fortfahren, eine präjudizielle Bemerkung«, hub der Kammerherr an. »Ich weiß für gewiß, daß der französische Gesandte von unseren Verhandlungen Kenntnis hat. Sollte durch die unverzeihliche Indiskretion eines Kanzleibeamten demselben ein Aktenstück in die Hände gespielt sein? Wenn dem so wäre, erlaube ich mir, bei unserm würdigen Herrn Präsidenten den Antrag auf strengste Recherche deshalb.«

»Das Kollegium hat den Antrag vernommen«, sagte Bovillard. »Ich muß präjudiziell bemerken, daß ich dagegen stimmen werde. Wenn das Kollegium erlaubt, erkläre ich meine Gründe. Pro primo haben wir keine Aktenstücke, denn es ward nichts geschrieben, logischer Schluß: Sie können nicht abgeschrieben werden. Pro secundo haben wir keine Kanzlei, was nicht ist, kann keine Indiskretion begehen, pro tertio würde eine solche Untersuchung den Verdacht der Indiskretion auf ein oder das andere Mitglied unsres hochverehrten Kollegii werfen, was wir aus besonderen und höheren Rücksichten vermeiden müssen. Herr Kollege von Wandel wünscht uns seine Ansicht mitzuteilen.«

»Was das Faktum anlangt«, sagte der Legationsrat, »so muß ich dem geehrten Kollegen von St. Real beistimmen. Laforest weiß es; aber was folgt daraus? – Laforest weiß alles. Warum sollte er dies nicht wissen? Wer es ihm zuträgt –«

»Vermutlich der Champagnergeist«, rief Bovillard, sein Glas füllend, daß der Schaum über den Rand stieg. »Landsleute plaudern gern weiter!«

»Aber es schadet unsrer Sache nichts. Diplomatische Berichte bleiben versiegelte Geheimnisse, und wenn die Archive sich für Historiker lüften, kümmert es keinen Lebendigen mehr. Ferner, was Laforest weiß, weiß er nur für Napoleon oder Talleyrand. Beide werden unsre Pläne nicht konterkarieren. Endlich, wenn das Geheimnis auf dem Wege nach Paris auch hier durchgeschwitzt hätte, was ich nicht in Abrede stellen will, ist die Sache doch zu pikant, als daß der ehrliche Finder den Verräter spielen sollte. Aus diesen Gründen, meine Herren, erblicke ich in dem hingestellten Faktum weder Gefahr noch etwas Hinderliches und stimme, salvo meliore, unmaßgeblich, über den Einwand hinwegzugehen.«

Der Präsident blickte, die Feder in der Hand, sich um. Es war einstimmiges Konklusum. Der Wein fing an die Zunge zu lösen, und man warf den Kurialstil mit den Akten in den Winkel.

»Sie also tout à fait ébloui?« rief Bovillard nach dem Bericht des Legationsrats.

Der Kammerherr anerkannte mit gebührenden Lobsprüchen die Diligenz, welche Herr von Wandel bewiesen, bestand indes darauf, daß die Baronin, wenn die Schwadron vorübermarschierte, sich jetzt ostensibler am Fenster zeige. Es sei zuviel gefordert, wenn sein Pflegebefohlener, der Amandus, sich jedesmal einbilden solle, daß der Kopf der Amanda hinter den Balsamintöpfen versteckt sei. Die Imaginationskraft eines Kavallerieoffiziers sei aber nicht die eines Poeten; er müßte ihn also dann und wann leibhaftig sehen, um im Glauben zu verharren.

»Unser Operationsplan aber forderte Bedacht«, entgegnete Wandel. »Wir mußten als Psychologen zu Werke gehen. Wer ist schwerer zu erobern? Sie oder er? Das war die Frage. Es galt, eine Bildsäule zur Galatee zu erweichen, und aus der Galatee eine Potiphar zu machen. Haben wir erst eine Madame Potiphar, so ist doch keine Sorge darum, daß ein Gardekavallerieoffizier den Joseph spielen sollte. Diese zweite Eroberung machte sich vielmehr dann von selbst. – Apropos, worum ich Herrn Kammerherrn sooft ersucht, der Amandus, Ihr Klient, darf nicht mehr den Knebelbart streichen.«

Der Kammerherr versprach, daß es unterbleiben solle.

»Sie haben auch gewiß schon eine kleine Entrevue in petto«, sagte Bovillard. »Sie etwa im Negligé von ihm überrascht!«

»Wer setzt auf eine Karte sein Ganzes, wenn er im Gewinnen ist! Wer spielt überhaupt ein gewagtes Spiel, wenn er durch arithmetische Progressionen zum Ziele kommen muß! Der beste Zauber, meine Herren, ist, der sich selbst wirkt, auf organischem Wege. Neugier und Eitelkeit operieren wunderbar in der Psyche des Weibes. Die gespannte Erwartung entzündet die Phantasie. Um zu erfahren, ob es so sei, wie ich angab, gab sie sich alle Mühe, den Amandus zu beobachten, und entdeckte nun mit weiblichem Scharfsinn weit mehr, als ein Mann mit seiner roheren Wahrnehmungsgabe nur erfinden kann.«

»Und die Uhr geht fort?«

»Eine schlechte, die man jede Stunde anstoßen muß. Sie geht so normal, daß ich alle Intermezzos und gewaltsame oder nur freundliche Hilfe von draußen wegwünsche.«

Bovillard wiegte sich, beide Hände in den Seitentaschen, behaglich im Stuhl und fixierte schlau den Redner:

»Wenn der Schalk ihm nicht im Nacken säße! Allen Respekt für seine Intuitionen in die Psyche des Weibes, aber er weiß ebensogut, wie man Weiber durch Weiber behandelt, und uns möchte er doch einbilden, daß wir seine Agentinnen nicht kennen. In der Jägerstraße hängt freilich ihr Agenturschild nicht heraus, aber die Zwirnsfäden sieht man doch, mit denen sie ihre Mirakel weben. Überhaupt, cher ami, wozu denn diese Mystères! Ist gar nicht Ihr Profit, Legationsrat. An Talismänner und Wünschelruten glauben wir hier nicht, aber je mehr zweibeinige Maschinen einer für sich in Bewegung zu setzen versteht, ein um so größerer Wundertäter wird er für uns.«

Auf Wandels Stirn lagerte sich eine offiziöse Falte, und die Augenbrauen drückten sich zusammen:

»Prätendiere ich, ein Saint-Germain zu sein? Aber der ausgezeichneten Frau tun Sie unrecht. Eine Dame, deren Verstand in so anderen, höheren Regionen schweift, würde sich nie zu einer mesquinen Intrige bequemen; Verzeihung, meine Herren, aber nennen wir die Sache bei ihrem Namen, und man muß seine Menschen kennen. Ich hätte nicht einmal gewagt, ihr von der Sache zu sprechen. Meine Herren, ich wiederhole es, Sie kennen diese seltene Frau nicht.«

»Holla! Also offen ausgesprochen, ihr Ritter. Und uns den Handschuh hingeworfen! Kennen Sie sie denn?«

Nach einigem Schweigen antwortete Wandel: »Nein! – Es gibt Erscheinungen, wo der Augenaufschlag die Seele uns erschließt, andere, wo der geschickteste Psychologe sein Senkblei umsonst gebraucht. Ich fühle nur, daß dies Seelengewebe aus so zarten, ätherischen Fasern zusammengesetzt ist, daß die leiseste Berührung unharmonischer Töne es zusammenschrecken macht; und hinwiederum ist es von einer Elastizität, daß ein rauher Anstoß diese Fühlfäden zu hartem Stahl verwandelt.«

»Lassen Sie sich nicht erdrücken von dem Stahl. Heim sagte mal, in der Frau wäre eine kaschierte Sinnlichkeit. Gegen die Sinnlichkeit habe ich nichts, aber das Kaschierte liebe ich nicht.«

»Diese rohen Ärzte, die die Schwungfedern der Seele nur empirisch betasten! Da wollen Sie ihren Mann mit Asa foetida und Valeriana behandeln, und seine Krankheit ist rein eine des Gemütes. Der Geheimrat lebte längst nicht mehr, wenn sie nicht eine geistige Atmosphäre um ihn zu bereiten wüßte, worin er atmet.«

»So schlimm stünde es mit dem Bücherwurm?«

»Sie sahen ja auch wohl ihren Bedienten, einen Moribundus. Was quält sie sich ab, diesen Menschen wieder auf die Beine zu bringen! Ich gebe Ihnen zu, es ist vielleicht ein krankhafter Instinkt, der Natur in den Arm greifen zu wollen, aber sie will's – sie muß probieren. Die Doktoren haben ihn längst aufgegeben, er ist ja nur ein Bedienter, aber denken Sie – neulich fand ich sie, wie sie von dem teuren Lebensäther, den Herr Flittner präpariert, dem Menschen einflößte. Mein Gott, sagte ich, der Äther ist immer nur ein Palliativ, er läßt die Lebensflamme noch einmal auflodern, aber um so schneller verzehrt sie. Man wendet ihn bei hohen Personen an, wo die letzten Momente kostbar sind; aber dieser Bediente, was kommt es da auf eine Spanne Leben und Bewußtsein an. Er kann Ihnen unter den Händen zusammensinken. Was würden Sie dann sagen? – Ich kann Ihnen das wunderbare Lächeln nicht beschreiben, mit dem sie antwortete: ›Ich habe mir dann selbst genügt.‹ So ist sie –«

»Eine Schwärmerin! Gehn Sie mir vom Leibe mit Ihrem Lebensäther.«

»Ich gebe Ihnen gewissermaßen recht, Herr von Bovillard. Das Verhalten zu ihrem Pflegekind könnten strenge Moralisten auch eine Schwärmerei nennen. Sie opfert sich ihm ganz, und warum? und wie wird es ihr belohnt! Sie wissen von der soi-disant Verlobung mit dem jungen Schulmeister. Eine andre Frau würde außer sich sein. Welche Pläne sind ihr vereitelt! Sie lächelt als Philosophin.«

»Es gibt Personen, auf die alles Mißgeschick zusammenstürmt«, fuhr er, den Kopf schüttelnd, nach einer Pause fort, wo die andern geschwiegen; der Abstecher, in welchem der Legationsrat sich so zu gefallen schien, kam beiden ungelegen. »Der Vater des Lehrers, der alte van Asten, höre ich, brummt über die Sache und ist sogar auf die Geheimrätin ungehalten.«

Bovillard fiel ein: »Die Ehrbarkeit seines alten Hauses fühlt sich touchiert. Was ist natürlicher, er sah sie mal aus einem andern Hause kommen. Um das Renommee eines Hauses und die Ehrbarkeit ist's doch eine köstliche Sache! Was macht der Alte für Geschäfte damit, mit dem verräucherten Steinhaufen in der Spandauer Straße, mit dem glatt gepuderten Kopfe, der Catomiene, die sich nie verzieht, auch nicht, wenn er das große Los gewinnt, mit seinen rindsledernen Schuhen, die schon eine Viertelmeile weit knarren! Das ist ein Respekt auf dem Markte, an der Börse, wenn der alte van Asten mit seinem Bambusstocke heranhustet. Und das nennt die Kanaille nicht Diplomatie.«

Der Geheimrat schien vergnügt, von dem ihm sichtlich unangenehmen Gegenstande abgelenkt zu haben, während der Kammerherr mit ebenso sichtlicher Ungeduld meinte, man komme ja ganz von der Hauptsache ab.

»Mademoiselle Alltag bleibt indes immer eine sehr interessante Nebensache«, lächelte der Legationsrat.

Bovillard stichelte, er hege den Verdacht, daß sein Freund eine noch vornehmere Agentin in Kontribution gesetzt. Wandels Stirn legte sich diesmal nicht in offiziöse Falten, sie blieb ganz glatt, als er erwiderte:

»Herr von Bovillard will damit andeuten, was Herr von Laforest dazu sagen dürfte, wenn ich mit der russischen Fürstin kommuniziere. Laforest weiß, daß ich Kosmopolit, und die Prinzeß, daß ich ein Sünder bin. Der Unterschied ist nur, daß Herr von Laforest es aufgibt, die Fürstin aber noch nicht, mich zu ihrem Glauben zu bekehren.«

»Oh, der Verräter! Nun ist er auch geständig, unsre Geheimnisse an Rußland verraten zu haben!«

»Hat aber damit den Beistand seiner Diplomatie erkauft. Schlagen Sie diesen Beistand nicht zu gering an, meine Herren. Ihre Erlaucht interessiert sich wirklich en passant für die Baronin Eitelbach.«

»Sie will sie zur Sünderin machen, um sie nachher zur Heiligen zu bekehren. Deliziös! Magnifik der Gedanke!«

»Meine Herren«, sagte der Legationsrat, sich verneigend, »ich habe nun das Meinige getan. Die nächste Aktion muß vom Rittmeister ausgehen.«

Man ließ die Gläser auf den Strategen und seine Agentinnen klingen. St. Reals Bericht war kürzer:

»Sie glauben nicht, wie schwer es uns ward, den Stier auf die Spur zu bringen. Als es indes soweit war, ging es auch wie ein Brummtriesel, der nicht mehr zu sich kommt. Oder es überschauerte ihn wie ein Donnerwetter mit Platzregen. Der Mann ist vollkommen ausgetauscht, weich, sage ich ihnen, wie Wachs. Sein Gewissen gerührt; er deliriert, verwünscht zuweilen seinen Knebelbart, ja, es gibt Augenblicke, wo er ihn abschneiden möchte. Nach dem letzten Billett wollte er wirklich Urlaub nehmen. Wir hatten Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß das jetzt als Feigheit ausgelegt werden könnte. Mit einem Wort, er ist zu allem bereit, was das verehrte Kollegium über ihn beschließt. Nur muß man ihm zu Hilfe kommen. Er ward ordentlich jungfräulich schüchtern aus Gewissensbissen, daß er eine schöne Dame, die ihn liebte, so lange und grausam beleidigt hat.«

Man schmunzelte stillen Beifall. Die mokante Miene des Geheimrats sprach von einem aufsteigenden Wetterleuchten: »Ein süperber Mensch! Läßt sich stellen und schicken, wo man will, alles aus Pflichtgefühl. Statt solche Talente nun zu nutzen, läßt sie der Staat in Wachtstuben verkommen! Doppelte Pflicht für uns, meine Freunde, ihn zu poussieren.«

»Aber was nun weiter?« sagte der Kammerherr.

Der Geheimrat nahm die Präsidentenmiene an: »Unser Thema also war, sie sollen und müssen sich verlieben. In der Ausführung sind wir auf dem Punkt angelangt: sie stehen im Begriff, sich zu verlieben. Die nächste Frage ist nun: Wie soll dieser Prozeß weitergeführt werden? und die darauffolgende: welchen Ausgang soll er nehmen?«

»Als Tragödie oder als Komödie?«

»Nur keine Tragödie! Haben draußen Trauerspiele genug. Höchstens etwas Sentimentales, ein wenig Jammer, unterbrochen durch einige Affektblitze, Verzweiflungsseufzer, einige Tränen, etwas Menschenhaß und Reue, pour décorer la situation, aber sowenig wie möglich.«

»Eine Zwischenfrage, meine Herren. Wünschen Sie die Sache schnell zum Resultat geführt?«

»Legationsrat, was fällt Ihnen ein! Wir führen ja das Stück zu unserer Rekreation auf.«

»In diesem Falle wird es nötig, einen Hemmschuh anzulegen; denn lassen wir die Dinge sich jetzt entwickeln, so platzt über kurz die Erklärung heraus und endet in einer Liaison oder einem stillen Seelenbündnis.«

»Zum Geier mit Ihrem Seelenbündnis! Auf Eklat kommt's an, Schauspiele soll's geben, einen Skandal, daß die Stadt die Hände zusammenschlägt.«

»Exzellenz meinten nicht so –« warf St. Real ein.

»Exzellenz ist ein Hypochonder geworden. Wer A gesagt, muß B sagen. Keine Retiraden! Hemmschuhe meinethalben. Ersinnen Sie was. Warum ging Ihr verfluchter psychologischer Prozeß auch mit Siebenmeilenstiefeln? Etwas von Rendezvous auf Redouten oder im Mondenschein, wo man zusehen kann. Dann Hindernisse! Wenn Eitelbach nicht will, so werden Sie ja schon Ehrenwächter finden. Kann man nicht eine Prinzessin oder die Königin für die Tugend der Baronin interessieren? Grausame Trennungen, überraschendes Wiedersehen!«

»Er könnte wie Leander zu Hero schwimmen! Die Spree ist nur nicht breit genug.«

»Imagination, meine Herren! Sie können sich in einer Kutsche ein Rendezvous geben, sie wird als verdächtig angehalten, beide auf die Wache gebracht.«

»Nur nicht auf die Wache! Das ist ein zu häßlicher Eklat!« rief der Kammerherr.

»Oder er steigt zu ihr ein. Der Nachtwächter entdeckt die Leiter, Lärm wird gemacht, man sucht nach Dieben.«

»Wünschen Sie, daß er mit Madames Bewilligung eingestiegen ist?« fragte Wandel.

»Besser nicht. Nein, er muß es in toller Leidenschaft tun. Sie muß außer sich sein. Man kann sie ja vorher wieder ein bißchen gegen ihn eingenommen haben. Sie wird empört, daß er ihren Ruf aufs Spiel setzt. In tugendhafter Entrüstung befiehlt sie ihm, sich nie wieder vor ihr sehen zu lassen. Er stürzt ihr zu Füßen, hilft nichts, er muß wieder zum Fenster raus. – Da fehlt die Leiter, der Lärm geht los. Denken Sie sich die pikante Situation! Sie in Zorn, er in Verzweiflung. Je größer die Gefahr, je näher die Tritte, so mehr schwindet ihr Zorn, das Mitleid siegt, das Bekenntnis ihrer Liebe platzt heraus.«

»Und?« –

»Zur Zärtlichkeit ist da nicht Zeit. Immer Aufschub. Die Polizei schlägt an die Tür. Sie muß ihn verstecken – in den Kleiderschrank.«

»Da kriegen Sie den Rittmeister nicht mehr rein!« lächelte St. Real.

»Es wird sich ja ein Versteck finden. Lassen Sie ihn auf den Boden springen, aufs Dach klettern.«

»Und! – Er muß doch auch vom Dach wieder herunter. Ich meine, was das Ende vom Liede sein soll?«

»Kommt Zeit, kommt Rat, Legationsrat; schlagen Sie einen alten Roman nach. Vom Dach werden wir ihn nicht fallen lassen.«

»Mit einem Worte, verlangen Sie eine Entführung oder nur –«

»Prächtig! Eine Entführung. Göttermensch, Sie stehlen mir's aus der Seele. Wie lange ist in Berlin keine entführt worden. Das gibt ein Gerede, Kinder, einen Spaß! Ich will selbst die Postrelais bezahlen, mit Seegebarth sprechen, die schnellsten Postpferde sollen sie haben.«

St. Real schüttelte den Kopf: »Alles sehr schön. Wer soll sie aber verfolgen?«

»Nun, ihr Mann!«

Kaum war es über die Lippen, als er selbst in das stille Gelächter der andern einstimmen mußte.

»Er lacht sich vor Vergnügen tot, wenn er's hört.«

Es war ein unerwarteter Querstrich.

Bovillard riß die gekreuzten Arme auseinander, mit denen er eine Weile vor sich sinnend gesessen. »Er tut's doch vielleicht!«

»Der Baron! Er schämte sich in den Tod, daß man ihn für eifersüchtig hält.«

»Wer spricht von Eifersucht, St. Real! Neunzigtausend Taler gehn ihm durch. Kann er neunzigtausend Taler mir nichts dir nichts über die Grenze lassen?«

»Neunzigtausend Taler«, wiederholte der Legationsrat.

»Sie haben freilich getrennte Gütergemeinschaft«, sagte der Kammerherr.

»Ihn schätzt man ebenso hoch.«

»Hundertachtzigtausend Taler unter Brüdern, meine Herren«, fuhr Bovillard fort, »die zerreißen wir. Bedenken Sie das wohl.«

»Hundertachtzigtausend Taler!« wiederholte der Legationsrat.

»Was, so ernsthaft, Wandel?«

»Die Sache ist es. Er müßte sich nach dem Eklat scheiden lassen, sie würde den Rittmeister heiraten, und wir verschaffen ihm eine Frau mit neunzigtausend Talern. Meine Herren, Sie räumen mir ein, daß die Sache dadurch ein ganz anderes Fundament gewinnt. Es ist kein Divertissement mehr, es wird zu einem reinen Geschäft, und wir müßten uns fragen – das heißt, ich bitte Sie, sich darüber zu entscheiden, welche Räson Sie haben, den Herrn von Dohleneck zu einem reichen Mann zu machen?«

»Räson! Pah, was kommt's drauf an! Und hab ich keine! Der Rittmeister hat sich nobel gegen meinen Taugenichts benommen. Blutvergießen verhindert. Sie auch, Legationsrat. Wollen Sie sie entführen? Hätte nichts dagegen. Neunzigtausend Taler, wir sind ja in einer generösen Laune, und er hat Schulden wie Haare auf dem Kopf«

Die vierte Flasche war entkorkt, und die Gesichter leuchteten. »Handeln wir wie die Vorsehung, welche die Güter dieser Welt ausgleicht. Angestoßen auf den großen Gedanken, Freunde! Für die Menschheit –«

»Das heißt für Stiers Gläubiger.«

»Das Gefühl uneigennützigen Handelns für die Zwecke der Humanität stärke uns. Reine Liebe edler Seelen, neunzigtausend Taler in ersten Hypotheken und schlesischen Pfandbriefen, und eine wunderschöne Frau und dumm! Was Götter selbst beneiden könnten, wir schenken's einem verschuldeten Kavallerieoffizier.«

Der Legationsrat stimmte nicht in die Ausgelassenheit: »Sie zerstören Ihre eigenen Beschlüsse, wenn Sie zu hastig losgehen.«

»Legationsrat, ein edler Entschluß darf nicht Runzeln bekommen.«

»Aber ein Witz nicht zur Spekulation werden, sonst bricht seine Spitze. Conclusum est –«

»Sie sollen sich noch eine Weile quälen«, sagte der Kammerherr.

»Hatte ich es beinah vergessen. 's ist mein gutes Herz. Ich kann nun einmal Unglückliche nicht leiden sehen. Alle Menschen sind ja Brüder –«

»Und alle Frauen Schwestern!« sagte Wandel aufstehend. »Aber ich muß Konterorder geben, wenn's nicht schon zu spät ist.« Er zog die Uhr und stampfte auf. »Wahrhaftig, es ist schon zu spät.«

»Was ist's?«

Sie standen nicht mehr ganz fest, als sie jetzt aufstanden. Der Legationsrat strich über die Stirn.

»Unser Joseph geht heut an Madame Potiphars Haus vorüber. Ein leises Schluchzen sollte seine Schritte fesseln –«

»Ei, Herr von Wandel, mir ins Gehege!« rief der Kammerherr. »Der Joseph war zu meiner Disposition.«

»Verzeihung! Ich wollte Sie überraschen; es war gut gemeint. Eine schluchzende Gestalt am Balsaminenfenster sollte ein Bukett auf seine Brust fallen lassen; eine rasche Entwicklung stand dann in Aussicht. Wer konnte den heutigen Beschluß ahnen. Um zehn Uhr war's bestellt, und es ist ein Viertel auf elf. Vielleicht kann ich noch retten.«

Bovillard fiel ihm in den Arm: »Bleiben Sie, laßt sie glücklich sein, wir sind's ja auch. Glückliche Menschen machen, was gibt es Schöneres unterm Sternenzelt? Fand einmal meine Selige in Tränen über Lafontaines neuestem Roman: ›Kriegen sie sich nicht?‹ frage ich. – ›Nein‹, schluchzt sie, ›er ist so grausam.‹ – ›Pfui!‹ sage ich. – ›Er ist erst am Ende des ersten Bandes‹, sagt sie. – ›Er muß!‹ sage ich. – ›Wie kannst dies?‹ – Da klopft es. Wer tritt ein? Herr Lafontaine. Ich riß meine Selige auf, ich zeigte ihm ihre roten Augen: ›Barbar, das ist Ihr Werk; können Sie's ruhig ansehen?‹ Eine Träne der Rührung, eine Träne der Versöhnung. – Er küßte ihre Hand. – ›Sie sollen sich kriegen, Madame!‹ – Auf der Stelle ließ ich ihn zu Herrn Sander fahren, dem Buchhändler. Zwei Bogen wurden makuliert, und nach acht Tagen kriegte sie die ersten des zweiten Teils. Schon im ersten Kapitel hatten sie sich gekriegt. – Den Jammer sparte er nachher für die Ehe – zwei Bände voll!«

»Das nenne ich einen exemplarischen Ehemann!« sagte Wandel.

»Und Herr Lafontaine kriegte die Präbende!« bemerkte St. Real.

»Eine gute Tat belohnt die andre.«

Schon als Bovillard den Dichter Lafontaine klopfen ließ, hatte man ein starkes Pochen an der Haustür gehört, darauf einen Lärm von mehreren Stimmen; die des Kammerdieners war deutlich zu erkennen, welche Eindringenden den Zutritt verwehren wollte. Eine andere Stimme tönte aber scharf hindurch, welche den Legationsrat zu frappieren schien, auch der Kammerherr horchte aufmerksam. Nur der Geheimrat hörte in seiner Aufregung erst darauf, als feste Männertritte die kleine Hintertreppe heraufstürmten. »Sie dürfen nicht, ich darf niemand reinlassen«, schrie der Kammerdiener, der um die Wette mit dem Stürmenden zu laufen schien. »Aber mich!« rief es. Darauf ein Fall, der Diener mußte zurückgestoßen sein, und die Tür sprang auf

»Was bedeutet das!« rief der Geheimrat, einen Leuchter ergreifend, und wollte ins Kabinett.

»Das Vaterland!« rief die Stimme im selben aufgeregten Tone, als der Geheimrat schon, wie von einer Erscheinung erschreckt, zurückprallte. Der Leuchter entfiel ihm.

Der Legationsrat hatte hastig den Hut gefaßt, als er den Eintretenden erblickte, der Kammerherr folgte ihm ebenso schnell. Der Geheimrat Bovillard blieb mit der Erscheinung allein im Zimmer.

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