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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Fünfzehntes Kapitel.
Gehn Sie nach Karlsbad.

»Ruhe!« sagte der Minister.

Ein anderer als der, welchen wir in seinem Tuskulum gesehen. – Trug der hohe stattliche Mann auch nicht Stern und Ordensband, so gehörten sie doch zu dieser Miene, dieser Frisur, dieser Gestalt wie dazu geboren. Das Wort Ruhe, das er zum Geheimrat Bovillard gesprochen, paßte ebenso zu der ganzen Erscheinung des im Vollgefühl seiner Würde aufrecht dastehenden Mannes, ein König in seinem Zimmer.

Bovillard lehnte sich, den Hut in der Hand, in die Fensterbrüstung. Er war, im Gehen begriffen, nur noch durch eine Wendung des Gespräches zurückgehalten. Am Tische blätterte der Rat von Fuchsius in einer der anfliegenden Druckschriften, die er später in die Tasche steckte.

»Die Österreicher konzentrieren sich zwischen Ulm und Memmingen«, sagte er, durch eine Bemerkung im Gespräch der beiden dazu aufgefordert. »Nach den letzten Nachrichten aber nicht in einer Stärke, um einen Angriff wagen zu können. Sie warten offenbar auf Kutusow und die Russen, die von der Donau her kommen sollen –«

»Wenn Napoleon ihnen Zeit läßt«, fiel Bovillard ein.

»Wenn wir Kutusow durch Schlesien lassen«, sagte der Minister.

»Das soll nun freilich jetzt nicht geschehen«, warf der Geheimrat hin.

»Buxhövden ist ebenso unverrichteterdinge abgereist wie vor ihm Duroc.«

»Wir nehmen wirklich die Miene einer respektablen Selbständigkeit an«, bemerkte der Rat.

»Sie meinen, weil wir alle vor den Kopf stoßen und keinen zum Freunde behalten.«

»Ei, Herr von Bovillard, von Ihnen das!« sagte der Minister. »Ist das jetzt auch Lombards Meinung? – Haugwitz war freilich beim Lomber neulich ganz konsterniert. Aber er leidet am Magen.«

»Exzellenz, ich muß gestehen, die Sachen wachsen mir über den Kopf. Eine Bewegung wie eine Völkerwanderung. Und wir so ganz allein in der Mitte!«

»Sollen wir darum auch wandern?«

»Napoleon läßt seine Truppen von Boulogne, vom Rhein heranrücken. Marmont führt sein Korps von Mainz her, Wrede eins von der obern Donau, Davoust aus Schwaben. Das ist genug, um die Österreicher zu erdrücken. Und nach allem, was man aus Paris schreibt, genügt es ihm diesmal nicht, seinen Feind zu schlagen, er will ihn vernichten. Sie studierten vorhin die Karte, sind Sie nicht der Ansicht, Herr von Fuchsius?«

»Wenn die Russen nicht zu ihm stoßen, sei Mack geliefert, war Herrn von Eisenhauchs Meinung. Napoleon developpiert Kräfte wie nirgend zuvor.«

»Kann er nicht«, warf der Minister ein.

»Wer hindert ihn?«

»Wir. Bernadotte steht mit Hunderttausend in Hannover. Lassen wir ihn nicht durch, so ist Bonaparte ohne ihn nicht stärker als die Österreicher.«

»Und wenn er nun doch stärker wäre!« rief Bovillard.

»So laßt sie sich die Köpfe zerschlagen. Wir haben Profit tout clair

»Exzellenz, warum mußte Durocs Antrag so hochmütig zurückgewiesen werden? Er ließ sich anhören. Wenn wir Hannover für ihn besetzt, so zog Napoleon seine Truppen heraus. Für wen wir es besetzten, blieb der Zukunft zu entscheiden. Einstweilen hatten wir das ganze nördliche Deutschland damit in Händen, wir nahmen eine respektable Position ein. In der konnten wir allerdings zusehen, wie Exzellenz mit Recht bemerken, und konnten auch lachen, wenn sie sich die Köpfe zerschlugen. Können wir das jetzt noch, nachdem wir Napoleon durch unsre Weigerung erzürnt? Nachdem wir Tete gegen Rußland an der Weichsel, und auch gegen ihn in Ansbach und Bayreuth machen? Wenn er siegt, wie wird er's uns gedenken? Wenn die Alliierten siegen, wie werden sie uns Buxhövdens Abweisung nachtragen?«

Der Minister sagte lächelnd: »Bernadotte lassen wir nicht durch Franken und Kutusow nicht durch Schlesien. Voilà, das hebt sich, und wir bleiben im Equilibrium

Man schwieg.

»Wozu sich Sorgen machen, mein Herr Geheimrat? Haben Dinge genug, die uns kümmern.«

»Wenn aber Napoleon unsre Neutralität nicht respektierte!«

»Lassen wir die Russen durch. Sie sind doch sonst ein so ruhiger Mann. Alterieren Sie die Vorwürfe, die man Herrn Lombard macht? Oder kümmert Sie Ihr Sohn? Das ist ja nun auch abgemacht.«

»Ich weiß nicht, Exzellenz, es ist mir zuweilen wie in einer Gewitterluft.«

»Gehn Sie nach Karlsbad, sag ich Ihnen. Hilft von allem. Pure Hypochondrie.«

»Ich muß gestehen, daß ich sonst nicht zur Hypochondrie neige. Indessen diese Stimmen im Publikum –«

»Da höre ich nie drauf Ist reine Magenverstimmung. Sprechen Sie doch mit Hufeland.«

»Lombard, das gebe ich zu – in vertrauten Stunden gibt er es selbst zu –, hat sich durch Napoleons enchantierendes Wesen, ich will nicht sagen, bestechen lassen, aber er hat mit zu günstiger Stimmung für seine Persönlichkeit die Dinge betrachtet. Napoleon ist undurchdringlich, er ist auch gefährlich. Mein Gott, wer leugnet das! Jetzt nun überall diese Stimme hören, diese Blicke ertragen zu müssen, als wären wir an alledem schuld, was sich nicht ändern ließ!«

»Was ist's denn, mon ami! Werden die Interessen der Pfandbriefe nicht mehr gezahlt? Ist Hungersnot? Die Weber in Schlesien fangen an, etwas zu lamentieren. Können wir dafür, daß sie nicht mehr mit Dukaten Kegel schieben? Es geht ja sonst bei uns alles in seinem Geleise fort.«

»Und mir ist, als drehte sich alles im Wirbel.«

»Gehn Sie nach Karlsbad. Zwei Becher Sprudel täglich, nachher drei. Drei Wochen lang. Ist alles vorbei, ist alles nur Imagination.«

»Exzellenz mögen recht haben«, sagte Bovillard, sich zum Gehen anschickend. »Nochmals meinen Dank, daß Sie sich meines fils perdu angenommen.«

»Nicht der Rede wert. Aber wie gesagt, fort muß er, wenn er abgesessen hat. Leidet auch an Imaginationen. Die Reden, die er führt, sollen ja execrabel sein.«

»Er hat sie nicht von mir.«

»Assurément! Aber eben darum. Ist für Sie selbst am besten.«

»Gewiß, aber wie?«

»Ihr Herr Sohn«, sagte Fuchsius, »benimmt sich diesmal weit gefaßter im Gefängnis, ja, er hat selbst erklärt, es wäre ihm lieb, Berlin und Preußen auf immer zu verlassen.«

»Charmant!« sagte Bovillard. »Aber wohin? Wenn wir Kolonien hätten!«

»Wenn wir die hätten«, sagte der Minister und legte seufzend seine Hand auf Bovillards Schulter. »Dann wäre vieles besser. Das waren die Herren von der Theorie unter den vorigen Königen! Gestehn Sie mir, Geheimrat, ist das ein kluger Staatsmann, der eine Domäne, weil sie nur Tausend einbringt, und er hoffte 'ne Million, der sie darum für 'nen Spottpreis fortgibt! Brauchten wir unser Korn, Holz den Engländern zu verkaufen, uns von ihnen Preise machen lassen? Müßten wir noch von ihren Kolonialwaren nehmen? Hätten wir Not, wo unsre schlesische Leinwand lassen? Brauchten wir Rußland zu bitten, wie neulich, unsere inkorrigiblen Verbrecher nach Sibirien zu schaffen! Kolonien, Herr Geheimrat, und wir schafften unsre Verbrecher hin, unsre Rohprodukte, unsre Fabrikware, Ihren Herrn Sohn auch, wir machten allein die Preise, und die Kolonisten müßten kaufen und bezahlen. Wenn das wäre, könnten wir doppelt lachen über die Kalamitäten um uns her; wir könnten es aber auch so. Sie schlagen sich, plündern, brennen, verwüsten, und wir kultivieren unser Land, protegieren unsre Fabriken. Dann halten wir Markt und machen auch die Preise. Wie steigen jetzt schon unsre Güter mit den Friedensaussichten! Wissen sie, was man mir für Schöneichen geboten hat? – Der van Asten in der Spandauer Straße möchte es gern. Will das Holz schlagen lassen, Brettermühlen anlegen; aber ich lasse es ihm nicht. Apropos« – der Minister zog den Geheimrat beiseite und sprach leise – »kennen Sie den van Asten?«

»Er gilt für einen sehr respektablen Mann.«

»Ja, ja, aber das intus! Er hat viel in französischen Weinen gemacht. Seit dem Lager von Boulogne ist das Holz in Frankreich teuer. Will nun in Brettern hinmachen und in Wein retour. Entre nous soit dit, warum soll man den Vorteil nicht mitnehmen! Warum soll ich nicht selbst mein Holz zu Brettern und die Bretter zu Geld machen oder auch Wein. Wein im Keller ist bares Geld.«

»Und der Wein aus Exzellenz' Keller unter Freunden doppeltes Geld wert.«

»Also Sie meinen, man kann ihm trauen? Aber Schöneichen laß ich ihm jetzt nicht. Wissen Sie, wie hoch es der Legationsrat taxiert?«

»Herr von Wandel ist ein Kenner.«

»Hat mir Mergellagerungen nachgewiesen, an die kein Mensch gedacht. Hat sich auch sehr nobel bewiesen gegen Ihren Sohn, seine sogenannte diplomatische Qualité ganz desavouiert.«

»Von einem so edelgesinnten Manne konnte ich es erwarten.«

»Er meinte, ob man Ihren Sohn nicht auf eine schonende Weise, etwa durch einen Kurierritt nach Petersburg oder Madrid, entfernen könnte? Was meinen Sie dazu? Können's ja mit Lombard abmachen.«

»Ich will darüber nachdenken..

»Reiten ist sehr gut. Treibt auch das finstre Blut aus. Sollten auch reiten, Geheimrat, Ihr Embonpoint – aber besser, wie gesagt, ist Karlsbad. – Haben Sie solche Eile?«

»Zu Herrn von Wandel, dem ich noch meinen Dank schulde. Man trifft ihn so selten zu Hause.«

»Verschließt sich auch viel in seinem Laboratoire.«

»Oder bei der Lupinus«, lächelte Bovillard.

»Inklination!«

»Wer hätte das denken sollen!«

»De gustibus – wissen Sie. Überhaupt, was der Mann prästieren kann! Sagt mir der Präsident vom Pupillenkollegium, tagelang sitzt er in der Registratur ohne Refraichement

»Was macht er denn da?«

»Liest die Akten durch. Ich hab ihn empfohlen.«

»Wozu die Pupillenakten?«

»Weil der Mann sich für Agrikultur interessiert!«

»Der Grund und Boden der märkischen Güter ist doch nicht in den Pupillenakten verzeichnet.«

»Er findet Ihnen im kleinsten Umstand Renseignements. Sie glauben nicht, wie merveillös er im Divinieren ist. Aus einer Gutsrechnung, was an Gerste, Korn, Weizen gewonnen ist, zu welchen Preisen das Holz fortging, wieviel Torf gestochen ist, daraus macht er Schlüsse, zum Etonnement. Sein Kopf ist voll Verbesserungspläne für unsere Landwirtschaft.«

»Um so mehr zu bedauern, daß Haugwitz einen Degout gegen ihn hat. Was könnte er im Staatsdienst nützen!«

»Hat er den Gout dafür?«

»Der kommt von selbst, wenn man unter Ministern wie Exzellenz arbeitet.«

»Ich ästimiere ihn sehr. Hat geniale Gedanken, zum Beispiel über Schafzüchterei. Wie ich mich mit meinen Bauern separiert habe, das möchte er allen Gutsbesitzern zum Exempel hinstellen. Hat mir eine Rechnung aufgemacht, wieviel der Gutsherr eigentlich Schaden hat bei den Frondiensten. Ich versichre Sie, die Augen gingen mir über –«

»Vor Freude, daß Ihr Genie ein so glückliches Arrangement getroffen. Die Bauern sind gewiß auch zufrieden.« –

»Sie wissen, wie Bauern sind.«

»Aber das Publikum verehrt Exzellenz als einen Wohltäter der unterdrückten Menschenklasse, und als der Staat für Ihre Verdienste Ihnen Schöneichen schenkte, hat er nicht daran gedacht, daß es so viel mehr wert war, als Exzellenz daraus gemacht. In der Taxe, die Seiner Majestät damals vorgelegt wurde, war es ja wohl nur geschätzt auf –«

Der Minister unterbrach ihn: »Ich ästimiere, wie gesagt, Herrn von Wandel sehr, indessen –«

»Seine Relationen mit der französischen Ambassade?«

»Was kümmert mich das! Möchte er den Türken dienen oder wem draußen. Aber –«

»Haugwitz' Abneigung –«

»Kümmere ich mich um Haugwitz' äußere Affären! Was braucht er von meinen inneren zu wissen! Auch solche modernen Ideen! Jeder Minister trägt Seiner Majestät vor oder läßt vortragen, was er für nötig hält, im übrigen Herr in seinem Departement, und kümmert sich nicht, was ein anderer Minister will und denkt oder nicht will und nicht denkt, und wenn ich jemand anstelle, der Haugwitz' Pläne konterkarieren oder Lucchesini vergiften wollte, das ginge doch nur mich an, ob ich einen solchen Menschen behalten will oder nicht. Also 's ist nicht um Haugwitz noch um irgend jemand.«

»Dann wüßte ich in der Tat nichts, was man Herrn von Wandel vorwerfen kann, als daß er keine Diners gibt. Gewisse Personen schockiert das allerdings.«

»Er hat nicht von unten auf avanciert. Verstehen Sie mich wohl, was ich damit meine. Kann das Hereingeblasene nicht leiden. Der Pli muß durch die Schule kommen. Es ist mir nicht sowohl um die Examina, denn er wäre von guter, ich meine von sicherer Extraktion, so – aber – die Familie Wandel, sie mag sehr respektabel sein, je n'en doute pas, indessen im Rüxner und in Kaiser Caroli Landbuch finden wir keinen Wandel. Comprenez-vous? Wie gesagt, ein genialischer Mann, sehr unterrichtet, generös – ich werde ihn morgen zu Tisch einladen.«

Die Einladung war die Entlassung oder der Wink zum Gehen für Bovillard.

An der Tür winkte ihn noch ein Apropos zurück. Der Minister ging dem Rückkehrenden noch um einige Schritte entgegen, und mit einem faunischen Augenblinzeln flüsterte er in einem Tone zwischen Herablassung und Kordialität: »Apropos, Herr Geheimrat haben ja wohl interessante Staatskonferenzen jetzt bei St. Real?«

»Verstandesspiele, Rekreations in der Gewitterschwüle«, entgegnete Bovillard und war hinaus.

»Wer war denn das im Vorzimmer?« fragte er, als Fuchsius ihn noch im Flur des Hotels einholte. »Die Physiognomie muß ich schon gesehen haben.«

»Der Sohn des reichen Kaufmanns van Asten.«

»Der! – Ist ja ein Genie. Was will der beim Minister?«

Fuchsius zuckte die Achseln: »Was eigentlich, weiß ich nicht. Vielleicht eine Anstellung.«

»Bovillard lachte: »Sehn Sie! Hab ich's Ihnen nicht gesagt. Auch diese Genies kriechen zu Kreuz. Wenn der Vater die Tasche zuhält, soll der Staat sie öffnen. Übrigens ist der Alte gar nicht so reich. Ein Schrullenkopf auch.«

»Beim Sohn hat es doch vielleicht andre Gründe.«

»Lieber Rat, warum kriecht jemand zu Kreuze? Nur weil die Not ihn drückt. Das ist das große Geheimnis der Staaten, der Zauberstab, womit die freien Geister der Obrigkeit untertan gemacht werden. Zu hungrig muß man sie nicht werden lassen, dann beißen sie, wie der beste Hund, wenn der Herr zu stark schlägt. Aber auch nicht zu satt; sie beißen dann aus Übermut. Wenn man nur immer merken läßt, daß man das Seil zum Brotkorb in der Hand hat, wedeln die bissigsten Köter uns um die Beine.«

»Ich möchte das bei dem jungen Mann bezweifeln. Er kommt mit Ideen zum Minister.«

»Und will eine Anstellung! Machen Sie Berlin nicht zu einem Tollhause.«

»Der Einfluß des Herrn Fichte ist doch vielleicht größer, als der Staat denkt.«

»Der Staat denkt nicht, wir denken für ihn. Herrn Fichtes Staat und Menschheit liegt im Monde. Das wäre für Preußen jetzt freilich eine charmante Situation. – Was kann der junge van Asten für andre Gründe haben?« setzte er im Hinausgehen hinzu.

»Man spricht von einer Verlobung mit der Pflegetochter der Lupinus.«

»Ah, der famosen Schönheit! Nun, da wird der junge Mann seine Fortune machen, wenn die Geheimrätin sie adoptiert.«

»Man zweifelt, daß sie dazu gewillt ist.«

»Freilich, in dem Fall würden andre Freier zugegriffen haben. Nicht wahr, Herr von Fuchsius? Eine reiche und schöne Frau ist auch für den Staatsdienst eine bessere Mitgift als der Fichte unterm Kopfkissen. Diners und eine brillante, geistreiche Gemahlin, ich sage Ihnen, das hilft in der Karriere. Nun, was nicht ist, kommt wohl noch.«

Es sei nicht Zeit zum Hochzeitszuge, wenn die Gewitter am Himmel rollen, sagte der Rat.

»Nun, wozu ist denn Zeit!« rief der Geheimrat, als er mit einem »Excusez, lieber Rat!« dem Legationsrat, der um die Ecke trat, mit offenen Armen entgegeneilte.

»Dazu ist Zeit!« sprach Fuchsius für sich. »Sich wieder in den Schlamm zu werfen, um Seifenblasen in die Luft zu spritzen! Was klagen wir die Zeit an, wenn die Menschen ihre Wahrzeichen nicht verstehen wollen. Die arme Zeit, was soll sie mit solchen Menschen!«

Im Weitergehen begegnete er dem Rittmeister, der, in Gedanken versunken, ihn nicht sah. Der Rat blickte ihm nach:

»Ob es nicht Pflicht wäre, dieser Puppe den Star zu stechen, daß er sähe, an welchem Draht er gezogen wird. Es ist doch eine Natur in ihm!«

Er hatte es unwillkürlich halblaut gesprochen. Der Major Eisenhauch, der hinter ihm gekommen, klopfte ihm auf die Schulter: »Laßt die Puppen noch eine Weile nach der Drehorgel tanzen. Der Blitz züngelt schon, der die Drähte schmelzen wird, alle mit einem Schlage. Dann laßt uns sehen, was auf den Resonanzboden fällt, was steht!«

»Ihre Augen glühen.«

»Die Wolken rollen; das Gewitter muß sich entladen. Abermaliger Aufschub ist unmöglich. Die zuverlässigsten Nachrichten«, sagte er leiser und sich vorsichtig umblickend, »kamen eben an. Napoleon darf, kann, wird die Österreicher an der Donau nicht eher angreifen, als bis Bernadotte aus Hannover zu ihm stößt. Er darf keinen Umweg nehmen, die Stunde brennt, Napoleon muß schnell zuschlagen, bevor die Österreicher sich verstärken; Bernadotte muß also durch die fränkischen Lande, um zur Stunde zu kommen. Wissen Sie, was es heißt, wenn Napoleon sagt, es muß sein?«

»Wenn doch ein Mensch bei uns dies Muß ausspräche!« stöhnte der Rat.

»Wo die Menschen zu schwach sind, donnern die Umstände. Er wird die Traktaten verletzen, er wird durch preußisches Gebiet brechen, und wir –«

»Was werden wir tun?«

»Wenn noch ein Funke preußischen Mutes ist, zündet er, und die Mine springt. Sie zweifeln noch! – Sie glauben, auch diesen Hohn könne unsre Langmut dulden! Herr, ich schelte Sie einen Hochverräter an sich selbst. Ich hoffe, auch Haugwitz läßt seine Lomberkarten fallen; auch Lombard blitzt es in einem lichten Momente, daß er eine Dupe war. Wer nicht! Oder wäre der Nerv schon ausgezogen diesem eisernen Volke, Glanz und Elastizität diesem Herrschergeschlechte, jene Wunderkraft, die dies Reich aus einem Nichts geschaffen, wäre lungenkrank im letzten Stadium!«

»Sei unser Genius wach!«

»Und wir auf sein Kommando! Darauf kommt es an.«

»Stein ist fest. Er wird auf Hardenbergs ebenso feste Unterstützung rechnen dürfen.«

»Keiner darf ruhen, wir alle müssen einheizen, schüren, jeder an seiner Stelle. Brandstifter sein wird jetzt zur Tugend und Pflicht. Keine Parteimeinungen mehr, Zivil und Militär, die traurige Spaltung muß verschwinden. Die Prinzen unterstützt! Die Königin! Vor allem Prinz Louis! Die Regimenter angejubelt auf der Parade, beim Marsch. Haben wir denn keine Kriegslieder, keine Dichter! Auf dem Theater Stücke, die das Blut entzünden! Wozu haben wir Federn, Papier, Druckerschwärze, Zeitungen, wenn sie nur da sind, um Rätsel und Anekdoten zu drucken. Das wäre das Mittel, um Blitze –«

»Sie vergessen –«

»Die für die Gebildeten schreiben! Ins Volk die Blitze geschleudert! Das gilt es! Haß, Grimm muß die Massen durchwühlen. Rachewut zum Opfermut werden. Erfinde man Greuelgeschichten, wenn die wirklichen noch nicht zünden, vom Franzosenübermut, von Schande und Schändungen, Erpressungen, Hohn und Höllenlust; diese Dichtung ist heilig, es gilt ja das Volk, nicht uns. Ihm sein alles zu retten, seine Sitte, Sprache, Geschichte, sein selbsteigenes Leben, seine Zukunft. Denn alles das steht auf dem Spiel, nicht wenn wir geschlagen werden, wenn wir nicht schlagen. Wir gehn unter in uns und vor uns selbst. Wem dies Schrecklichste der Schrecken klar ist, der kennt keine Rücksichten mehr!«

Während Fuchsius auf der Straße seinen Freund bitten mußte, sich zu mäßigen, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, stand Walter van Asten vor dem Minister. Wenn er mit Feuer gekommen war, verloderte es vor dem aufrechten Mann, der, ohne eine Miene zu verziehen, seine Anrede angehört hatte. Er war ins Stocken geraten, er hatte wenigstens nicht das gesagt, nicht alles, was noch auf der Schwelle zum Hotel, noch im Vorzimmer in seiner Brust, ein wohlgeordneter Strom der Überzeugung, fertig lag.

»Was wollen Sie eigentlich?« sagte der Minister.

»Ich habe es in der Druckschrift, welche ich meiner ehrfurchtsvollen Bitte um diese Audienz beilegte, dargelegt.«

»Ich lese nichts Gedrucktes«, sagte der Minister.

Es war ein kalter Blitzschlag. Aber er zündete in Walters Brust. Eine Pause, dann verbeugte er sich:

»So bitte ich um Verzeihung, daß ich an die unrechte Stelle mich wandte.«

Walter hatte übersehen, daß der Olymp, aus dessen Wolken der Blitz kam, seine Stirn nicht kräuselte. Auch nach dieser Antwort blieb er unbeweglich. Er gab nicht das Zeichen zur Entfernung. Nach einer neuen Pause kam aus denselben Lippen dieselbe Frage:

»Was wollen Sie eigentlich?«

»Jetzt nur meine Dreistigkeit bereuen.«

»Sie sind der Sohn von van Asten und Kompanie?«

»Zur Kompanie gehöre ich nicht.«

»Ein respektables Haus. Macht nur in Geschäften, die es versteht.«

Abermals eine Pause und noch kein Zeichen der Entlassung. Aber der Olymp bewegte sich. Die Hände auf dem Rücken, ging der Minister einigemal auf und ab:

»Der Tausend noch mal, wie kommen Sie denn zu dem Zeug!«

Also hatte er sich doch vortragen lassen, von jemand, der Gedrucktes las. Der Schluß war richtig und Waltern, ich sage nicht der Mut, aber die Lust zurückgekehrt:

»Weil ich in Eurer Exzellenz den Mann erkannte, welcher durch die Tat dem, was notwendig wird, vorausgekommen ist. Sie sind es, der mit seinen Bauern sich gesetzt hat, der ihnen Freiheit, Eigentum zurückgab, Sie der erste, der dies glänzende Beispiel –«

»Ach, also darum!« unterbrach der Minister. »Ich glaubte von wegen Ihres Vaters –«

»Nein, weil Exzellenz erkannt, wo uns der Schuh drückt, weil Exzellenz erkannt, daß diese Säule, auf welcher der germanische Staat ruht, der Bauernstand, kein Helotenstand länger bleiben darf –«

»Ja, ja, ja, also darum!« wiederholte der Minister, ihn unterbrechend, und nahm eine Prise, vielleicht ein Zeichen der Zufriedenheit, jedenfalls eines, daß er fürs erste nichts weiter hören wollte. – »Was geht Sie denn der Bauernstand an? Sie haben doch keine Güter.«

»Erlauben Sie mir, zu fragen, was ging er Exzellenz an –«

»Weil meine Bauern faules Volk sind, weil der Meier sie aus dem Kruge treiben mußte, weil mein Inspektor gut rechnen kann, und mir wie's Einmaleins bewies, daß die Fronarbeit uns teurer zu stehn kam als der Tagelohn, weil ich meine Äcker durch die Bauernäcker arrondierte, die sie mir als Abkaufsumme hergaben, weil ich ein guter Landwirt bin und sie zweimal besser nutze als sie, weil ein großer Komplex sich besser bewirtschaftet als ein kleiner. Darum, mein junger Herr –«

»Und wenn auch nur diese, gelten diese Gründe nicht für alle?«

»Was gehen mich die andern an! Fege jeder vor seiner Tür, und wer sich im Mist betten will, warum soll ich's hindern!«

Walters Brust hob, seine Lippen öffneten sich, der vorhin unterdrückte Strom der Rede floß heraus in kurzen, schlagenden Sätzen, und die Exzellenz hatte die Güte, ihn nicht zu unterbrechen. Sie beschäftigte sich, einen Fleck auf ihrer Emailledose abzuwischen. Er hatte gesprochen; das Was wissen wir schon, oder wir erfahren es noch. Da war der Fleck wirklich gereinigt, und der Minister sagte recht freundlich:

»Eine hübsche Elaboration. Wenn Sie das geschrieben hätten, könnte man's ad acta nehmen. Aber Drucksachen, das ist nichts; es schickt sich nicht für einen Geschäftsmann. – Was wollen Sie nun eigentlich, ich meine Sie für sich?«

»Ich leugne nicht, Exzellenz, wenn diese Ansichten vor unsern erleuchteten Staatsmännern Eingang finden und man an die Ausführung ginge, daß ich mich wohl befähigt fühlte, mit Hand anzulegen. Ich würde eine Freiheit opfern, die ich mir lange als ein köstliches Gut bewahrt, und würde gern eine Anstellung annehmen.«

»Sehn Sie, das lieb ich, das ist vernünftig gesprochen. Sie gehn auf eine Anstellung aus, um das übrige kümmern Sie sich nicht.«

»Dies dürfte doch von meiner Ansicht differieren.«

»Darauf kommt es nicht an. Wird Ihren Vater sehr freuen. Ist ein braver Mann, und wird es Ihnen an Unterstützung nicht fehlen lassen, wenn ich ein Wort einlege. Denn Unterstützung werden Sie noch eine ganze Weile brauchen. Die große Karriere, die geben Sie natürlich auf, haben ja nicht Kameralia studiert. Und die Examina! Schadet nichts. Das Von-unten-Anfangen ist das solideste. Erst in der Kanzlei ein Jahr, höchstens ein paar als Kopist. Dann machen wir einen Versuch mit dem Expedieren, Sekretär! An Konnexionen wird es Ihnen ja wohl bei guter Konduite nicht fehlen« – lächelte der Minister – »dann Geheimsekretär, Kanzleiinspektor!«

Der junge Mann stand sprachlos da.

»Der Kriegsrat Alltag, sehn Sie dessen Karriere! Noch nicht voll sechzig und war schon Kanzleidirektor mit dem Titel Kriegsrat, und Sie wissen nicht, was er noch wird! – Aber nun etwas, mein junger Herr, die Flausen lassen Sie aus dem Kopf. Nie etwas besser wissen wollen als Ihre Vorgesetzten. Wenn's auch mal falsch wäre, nie den Mund aufgetan. Sie wissen nicht, warum sie's falsch machen. Keine Silbe mehr gedruckt, das versteht sich von selbst. Wenn Sie Bücher lesen müssen, tun Sie's für sich. Nötig ist's nicht. Stört immer im Dienst. Gelehrte sind schlechte Offizianten. Und« – der Minister faßte mit holdseliger Miene den Knopf seines Rockes – »und am Kopistentisch sollen Sie nicht zu lange sitzen, Sie schreiben ja eine saubre, präzise Hand, habe mich wirklich gefreut, die Grundstriche so grade und voll. Daran sieht man den Charakter. Da dispensieren wir Sie wohl schon nach einem halben Jahre!«

Walter hatte die volle Sprache und Ruhe wiedergewonnen:

»Gerührten Herzens habe ich Eurer Exzellenz gütige Intentionen vernommen, die ich wohl nur der guten Meinung verdanke, welche Exzellenz für meinen Vater hegen. Da aber meine Ansichten von der Art, wie der Staat die Kräfte seiner Bürger nutzen muß, von der Ansicht Deroselben abweichen, so glaubte ich unrecht zu tun, wenn ich Dero wohlwollende Gesinnung solchen entzöge, welche williger und befähigter zu den Diensten sind, für die ich meinen Willen und meine Kraft unausreichend bekennen muß.«

Der Minister sah ihn weder verwundert noch erzürnt an. Er liebte wohlgesetzte Kanzleiphrasen. Dann nickte er ihm freundlich Abschied.

»Also Sie wollen nicht. Grüßen Sie Ihren Vater von mir und gehn Sie nach Karlsbad, lieber Herr van Asten. Nach Karlsbad, sage ich Ihnen. Wenn wir alle Staatsverbesserer dahin schicken könnten, würde es mit unserm Staate besser. Nicht nach der Festung, dafür bin ich nicht. Simpel nach Karlsbad, drei Becher täglich am Sprudel, die gehörige Promenade darauf, drei Monat, und wir hätten Ruhe im Lande.«

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