Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Willibald Alexis >

Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Vierzehntes Kapitel.
Im Grunewald.

»Sie waren zu eilig.«

»Ich lasse nie auf mich warten«, entgegnete der Legationsrat dem noch sehr jungen Manne, welcher diese Frage tat, und dessen Äußeres unverkennbar den Franzosen verriet; wir setzen hinzu: auch den Diplomaten, wenngleich die Diplomatie jener Zeit noch nicht ganz wieder die Parure der untergegangenen angenommen hatte und die moderne noch nicht erfunden war.

Der junge Franzos stand unter einem Baum. Zwei Paar Pistolen lagen auf einem über dem Erdreich ausgebreiteten Mantel, daneben eine Pulverbüchse, ein Kugelbeutel und was sonst zu den Vorbereitungen eines Geschäfts gehört, welches unzweifelhaft am Ausgange des Kiefernwaldes im Werke war. Die Pistolen waren noch nicht geladen; der junge Mann prüfte, den Hahn abdrückend, die Schärfe der Feuersteine. Sie schlugen helle Funken, alles war im guten Stande.

Der Legationsrat ging mit gemessenen Schritten unter den Bäumen auf und ab. In der Ferne hinter dem Kieferngebüsch, in welches der hochstämmige Nadelwald auslief, bemerkte man eine leichte Kalesche, vor der zwei mutige Hengste ungeduldig den Sand stampften.

Der Legationsrat sprach ab und zu, wenn er vorüberkam, seinen Sekundanten an. Zuweilen schien er, in Gedanken versunken, ihn zu übersehen.

»Wie weit rechneten Sie die Grenze?«

»Wenn Ihre Pferde in gestrecktem Galopp auf den Seitenwegen die zweite Station erreichen, sind Sie mit dem Postrelais morgen früh auf sächsischem Grund und Boden. Es ist nur der fatale Sand.«

Der Fragende schien, während er die Antwort hörte, den Gegenstand schon vergessen zu haben: »Wenn die Sonne hinter dem Hochwald sinkt, werden Sie die Position ändern müssen. Vicomte.«

»Seien Sie unbesorgt. Die Sonne wird geteilt.«

Der Spaziergänger war nach einer weitern Promenade wieder zurückgekehrt. Die Falten aus seinem Gesicht waren verschwunden, er schien sogar zu lächeln, als er an der schweren goldenen Kette die Uhr aus der Hosentasche zog: »Die Uhren können differieren. Ich vergaß, meine nach der Akademie zu stellen.«

»Auch ist der Rittmeister ein pünktlicher Mann«, sagte der Vicomte. »Nur empfahl er Vorsicht. Lieber Verspätung, als was Verdacht erregen kann.«

»Ich hoffe doch nicht«, sagte Wandel, und sein Auge blitzte, »daß unsrerseits etwas versehen ist! Die Polizei hat Luchsaugen.«

»Verlassen Sie sich auf mich und den Rittmeister. Ihm ist's ein Vergnügen und mir auch.«

»Sie sollten sich in Ihrer Vergnügungslust etwas moderieren, Vicomte«, sprach leiser der Legationsrat mit einem halb vertraulichen, halb strafenden Tone. »Man hat hier andre Ansichten als in Paris.«

»Pah!«

»Und Sie würden nicht immer jemand finden, der Sie aus solchen delikaten Verwicklungen herausreißt.«

»Tut es Ihnen etwa leid?«

»Mir tut nie etwas leid, was ich getan.«

»Dann soll es mir auch nicht leid tun, daß ich Ihnen aus Dankbarkeit sekundiere.«

»Bereueten Sie es schon?«

»Halb und halb. – Nur aus Zärtlichkeit für meinen Chef.«

»Laforest hat viel Aufmerksamkeit für mich.«

»Weil er Sie fürchtet.«

»Fürchtet er mich wirklich?«

»Er fürchtet, was er nicht kennt.«

»Aber den Vicomte Marvilliers de la Motte Calvy fürchtet er doch nicht?«

»Was er nicht hat, macht ihn verdrießlich, und was er nie erwerben kann, bissig.«

»Die adligen Familien tauchen wieder auf am Hofe Ihres Kaisers. Er wünscht seinen neuen Thron mit alten Namen zu dekorieren. Es wird manches wieder oben schwimmen, was man auf immer im Abgrund versunken glaubte.«

»Vive la bagatelle!« rief der muntre Franzos. »Es ist immer besser als vive la canaille! Tant mieux, wenn er das Alte wieder vorzieht. Alles, nur nicht die alten Frauen!«

Herr von Wandel zog wieder die Uhr – »Ich kann mir das Unbehagen eines so ausgezeichneten Diplomaten wie Herr von Laforest denken, wenn man ihm junge Männer attachiert, die er für Kundschafter seiner Rivalen hält, vielleicht selbst schon für künftige Rivalen, denn in der Diplomatie tritt der alte Adel unbedingt wieder in seine vorigen Rechte. Da würde es mir doppelt leid tun, Vicomte, wenn Ihre Gefälligkeit gegen mich sein Mißtrauen aufs neue anregte. Doch läßt er Sie wohl ohnedies seine wichtigem Depeschen nicht chiffrieren.«

Der junge Mann sah auf: »Meine Finger sind noch stumpf von dem Figurenmachen.«

»Die Antwort, die Hardenberg an Duroc erteilte, kann ihm unmöglich schon bekannt sein.«

»Ich will sie Ihnen auswendig sagen: Preußen werde unwandelbar bei seinen bisherigen Grundsätzen verharren und, treu seinem Programm, die Ruhe des nördlichen Deutschlands wahrzunehmen und zu schützen wissen. Duroc zieht mit einer langen Nase ab, wenn er Ihren König zu überreden meinte, daß er mit seinen Truppen wieder in Hannover einrücke, um es für uns gegen die Alliierten in Schutz zu nehmen.«

»Es ist nicht mein König«, sagte Wandel kurz.

»Und daß Preußen«, fuhr der Attaché fort, »rüstet.«

Wenn auf Wandels Gesicht einige Verwunderung sich ausgesprochen, ging sie in einen sarkastischen Zug über: »Preußen rüstet gegen Frankreich! Ei, ei, Herr Vicomte, Sie geben uns überraschende Aufschlüsse!«

»Nur für sich. Achtzigtausend Mann zur bewaffneten Neutralität.«

»Man weiß doch«, entgegnete Wandel, »daß General Buxhövden hier ist, um für die russische Armee einen Durchzug durch Schlesien zu fordern.«

»Ja, in diesem Augenblick kann er wohl noch hier sein«, sagte schlau der Attaché.

»Und –«

»Und er hat gewiß wie wir alle geglaubt, die Regierung wäre so schwach oder franzosenfeindlich oder dämlich, daß es nur eines Anstoßes bedürfe, um sie zu zwingen, sich öffentlich gegen Napoleon zu erklären. Er hat auch angestoßen –«

»Und es hat eine Dröhnung gegeben.«

»Man will nicht dämlich sein, nicht absolut franzosenfeindlich, nicht eingestandnermaßen schwach und keine offizielle Gliederpuppe, man empfindet die Kränkung, und übermorgen bricht die Armee nach der Weichsel auf, um den Russen die Zähne zu weisen.«

Der Legationsrat hatte hier offenbar Dinge erfahren, die ihn überraschten, die neuesten Neuigkeiten des heutigen Mittags. Wenn er die Überraschung auf seinem Gesichte verriet, so merkte wenigstens der Attaché nichts davon, und es stellte sich auf dem eisernen Gesichte das feine Lächeln der Überlegenheit wieder ein, wie des Meisters, der einen Schüler auf die Probe gestellt hat, als er in gleichgültigem Tone sagte:

»Die Feldkessel wurden beim Gouverneur schon gepackt, als ich vorhin ansprach. Das wird keine ernste Kampagne werden. Die Ansichten, welche in der gestrigen Ministerkonferenz siegten –«

»Kennen wir!« unterbrach der Attaché.

»Ich zweifle nicht an der Divinationsgabe des Herrn von Laforest. Indessen sind hier viele so glücklich, diese Ansichten im allgemeinen zu kennen.«

»Und wir im besondern. – Was sehn Sie mich so verwundert an, Herr von Wandel? – Ich meine das Zirkularschreiben an die Gesandtschaften nach Wien und Petersburg.«

Es war in der Tat ein so skeptischer Blick, de haut en bas, wie ein Duellant seinen Sekundanten nicht anzusehn pflegt, als der Legationsrat, die Hand auf die Schulter des Vicomte legend, sprach: »Ja, Herr von Marvilliers, die diplomatische ist eine angenehme Karriere für einen Anfänger, wenn man uns nur nicht immer die Brosamen vom Tische als Geheimnisse aufpackte. Wenn Ihr Gesandter eine Kopie dieser Rundschrift sich zu verschaffen gewußt hat, so versichre ich Sie, er chiffriert sie selbst um Mitternacht bei verschlossenen Türen und in Charakteren, wozu – kaum Talleyrand den Schlüssel hat.«

Der Attaché fühlte sich gar nicht angenehm durch die Armauflegung des Legationsrates berührt. Mit einer raschen Bewegung hatte er die Brieftasche aus der Brust gerissen und sich zugleich des Armes entledigt, zu dessen Stütze er keinen Beruf fühlte. »Hier, hören Sie!« Er las von einem Papier:

»Sie werden bemerklich zu machen haben, Preußen sei von Frankreich noch nicht beleidigt, im Gegenteil, bei der Teilung Deutschlands gut bedacht worden. Warum solle man einen Krieg beginnen, nicht für sich, sondern für andere? Die Verbindung, werden Sie einfließen lassen, mit Österreich und Rußland habe Preußen nie Segen gebracht. Sollte es vom Rhein her angegriffen werden, finde es in seinem eigenen, unüberwundenen Heere hinlängliche Verteidigungsmittel. Schön sei es allerdings, für Freunde zu kämpfen, und wenn man für Freunde, so kämpfe man für sich selbst; nur sei es schade, daß niemand in Deutschland so recht wisse, wer Freund und Feind sei. Und wer danke uns denn unsre Erhebung? Vielmehr fordere Klugheit und Gerechtigkeit: Zurückziehen in sich und Beobachtung strenger Unparteilichkeit. – Die Demonstrationen, die wir machen werden, seien nur bestimmt, um die Stimmung im Volk zu beschwichtigen. Hannover würden wir nicht besetzen, aber keinen Durchmarsch der vom König von Schweden in Stralsund gesammelten Truppen gestatten, auch nicht den Durchmarsch der Völker Seiner Majestät des Kaisers von Rußland durch Schlesien, um Österreich Hilfe zu bringen, und ebensowenig den von Truppen des französischen Kaisers, durch welche Provinzen unsres Staates es sei, um einen Angriff gegen die Staaten Seiner Majestät des Kaisers von Österreich zu effektuieren, wir würden vielmehr jedes Unternehmen dieser Art als casus belli betrachten, getreu dem so lange bewährten Grundsatz unseres Staates, unsre Untertanen vor jeder Unruhe, von innen wie von außen, zu bewahren.«

»Ich habe es selbst chiffriert«, setzte der Vicomte hinzu, das Papier wieder einsteckend. Die triumphierende Miene des jungen Mannes verzog sich, als er das lauernde Gesicht des Legationsrates sah, der mit angestrengter Aufmerksamkeit, das Auge halb zu, das Ohr vorgebeugt, hingehorcht hatte. Er hatte sich induzieren lassen. Wandel hatte indes ebenso schnell sein Gesicht in die gewohnten Formen zurückgezwängt, und auch er zog die Brieftasche heraus, hielt sie vors Auge und las – fast wörtlich dasselbe, was der Vicomte gelesen. Gleichgültig schloß er nach dem letzten Worte den Stahldrücker und steckte das Etui in die Brusttasche:

»Ich wollte Ihnen nur zeigen, daß es auch andre Quellen gibt, um aus den preußischen Staatsgeheimnissen zu schöpfen. – Nun aber wünschte ich wahrhaftig, daß die Herren sich beeilten. Ich hatte mir mit dem englischen Gesandten ein Rendezvous in der Oper gegeben.«

Er wandte dem Sekundanten den Rücken, um mit raschen Schritten wieder einen Streifzug durch die Bäume zu machen. Er hatte Grund gehabt, rasch die Brieftasche zu schließen, denn wenn der Attaché einen Blick hineingetan, würde er nur ein leeres Blatt gesehen haben. Wandel las aus der Luft; vermöge seines außerordentlichen Gedächtnisses konnte er den kaum aus dem Munde des Attaché vernommenen Brief fast Wort für Wort rezitieren.

Der Vicomte blies die Melodie eines neuesten Chansons in die Luft, nicht ganz mit sich zufrieden, als der Legationsrat auch unzufrieden zurückkehrte und versicherte, daß er auch von der Höhe, wo man die Straße übersieht, keinen Staub entdeckt habe: »Wenn Sie sich geirrt hätten, Vicomte! Man kann sich in diesen Kiefernwäldern, wo die Ausgänge sich so frappant ähnlich sehen, leicht täuschen! Wenn die Herren an einer andern Seite des Grunewalds aufgestellt wären und uns dort ebenso sehnsüchtig erwarteten als wir sie hier!«

Der Attaché versicherte, daß er sich beim heutigen Morgenritt mit dem Rittmeister genau orientiert habe. Er wies auf einen aus der Rinde des Baumes ausgehauenen Span. Um die Stelle genau zu bezeichnen, hatte der Offizier mit seinem Pallasch vom Pferde herab die Marke gemacht. Er wies auf eine Reihe von Bäumen, an denen dasselbe Zeichen sich fand.

»Ich denke so ungern Übles von meinen Gegnern«, sprach der Legationsrat nach einer Weile vor sich hin.

Der Attaché summte sein Lied fort und lud dabei eine Pistole.

»Was wollen Sie tun, Marvilliers?«

»Die Krähe da vom Ast putzen.«

»Warum?«

»Mich zu amüsieren.«

»Verzeihung, wenn meine Meditationen Sie langweilen. Indessen, wer mit einem Schritt am Rande der Ewigkeit steht –«

Der Franzos lachte auf: »Würde nicht zuschnappen wie ein Haifisch nach einer politischen Neuigkeit, die er auf der Stelle gern an den Mann brächte oder, richtiger gesagt, an eine Dame. Denn zu Madame la conseillère in der Jägerstraße reiten Sie doch gewiß, wenn die Affäre hier beendet, auf Flügeln der Liebe.«

»Herr Vicomte!«

»Ich soll mich doch nicht durch die Hengste da täuschen lassen! Sie denken nicht nach Sachsen, Sie denken nicht zu sterben. Sie wollen leben bleiben, hierbleiben und sich amüsieren.«

»Ich habe allerdings, wie ich Ihnen sagte, das Präsentiment, daß ich von seiner Kugel nicht fallen werde.«

»Solche Präsentiments in Ehren, aber was Ihren Geschmack anbetrifft –«

»Mein Herr!«

»Sie wollen doch nicht mit mir eine Kugel wechseln! Da Sie das Präsentiment haben, leben zu bleiben, müßte ich fallen, und wenn ich fiele, was würde aus den Liebesbriefen, die ich zu bestellen habe, aus den Seufzern, die ich affektieren, aus den Vermummungen und Händedrücken, die ich am stillen Abend effektuieren soll? Parbleu, Herr von Wandel, wissen Sie, daß Sie mir einen Kriminalprozeß auf die Schultern laden? Das wird ja eine Halsbandgeschichte. Wie die Lamothe können Sie mich an den Pranger stellen. Solche Komödienfarcen en vue, und ich soll glauben, daß Sie an den Rand der Ewigkeit denken!«

»Ce ne sont que des services d'amitié. Nichts von Eigennutz.«

»Eigennutz, ein abscheuliches Wort, wo wir nur des intérêts kennen. Von Interessen und Nutznießung ist die Rede, est-ce qu'on parle d'un mariage –! Und warum einem Fremden, dem Rittmeister, ein Glück aufdringen, und mit dreifacher Anstrengung, was Sie mit halber Anstrengung selbst genießen könnten! Und eine beauté sans pareille pour s'amuser und ein Leierkasten, den man nur zu stimmen braucht, und er flötet Liebeslieder, wie Sie wollen, von Dur bis Moll. Warum denn nun für einen Dritten ihn stimmen! Ein Götterspaß, ein solches Weib für sich schmachten lassen, nachlaufen, unsre Schulden bezahlen; um einen freundlichen Blick abzustehlen, in Schleier und Enveloppe auf unsre Stube schleichen, um sich zu erkundigen, warum wir uns so lange nicht sehen ließen, ob wir unpäßlich sind, grollen. Denken Sie sich, sie zündet Ihnen die Pfeife an. Ist das nicht auch für die Phantasie eines Deutschen ein entzückender Gedanke!«

»Ist das schon die Libertinage Ihres neuen Hofes?«

»Alt wie die Welt ist das Vergnügen. Etwas jünger vielleicht die Kunst, es sich so pikant zu machen als möglich.«

Der Legationsrat nahm ihm mit einer entschiedenen Bewegung die Pistole aus der Hand: »Schießen Sie nicht nach Krähen, wo es eines Menschen Leben gilt. Vicomte, ein guter Jäger schießt nur auf ein bestimmtes Ziel, Dilettanten feuern auch nach Sperlingen. – Halt! Sie kommen.«

Um die Waldecke flogen Staubwirbel auf. Ein Reiter sprengte in gestrecktem Galopp heran. Er winkte ihnen schon von fern.

»Das ist nicht der Rittmeister; er ist in Zivil.«

»Wenn ich recht sehe«, sprach Wandel, »sein Neffe, der Kornett.«

»Machen Sie sich aus dem Staube, meine Herren!« rief der Reiter. »Wir sind abgefaßt. Schon vorm Jagdschloß. Alles verraten.«

»Ich fliehe nicht.«

»Wie es Ihnen beliebt. Bovillard wird nach der Stadt gebracht. ich fürchte, mein Oheim auch. Ich schwenkte, ehe sie mich erkannt, um Sie zu avertieren.«

Der Vicomte sah den Legationsrat fragend an, als der Reiter bereits in der Schonung verschwand.

»Packen Sie die Pistolen ein, wenn's Ihnen beliebt, wir fahren –«

»Nach Sachsen?«

»Nach der Stadt. Dem Schicksal, das meinen Gegner trifft, werde ich mich nicht entziehen.«

»Das kann eine lange Verhaftung nach sich ziehen; je nachdem –«

»Sie sind frei, Herr Vicomte. Ich überliefre mich der Behörde.«

Der Wagen war noch nicht vorgefahren, als eine andre leichte Jagdchaise heranrollte. Der Rittmeister sprang heraus, ein Zeuge und ein Wundarzt folgten.

Man erfuhr, was eigentlich keiner Verständigung mehr bedurfte.

»Aufgeschoben ist nicht aufgehoben«, tröstete der Rittmeister. »Und wozu hilft eine Untersuchung, mein Herr, auf die Sie dringen, wer eine Unbesonnenheit und gar einen Verrat beging. Die Polizei gibt ihre Quellen nicht an.«

»Aber wie begnügte man sich damit, den einen Duellanten zu verhaften, warum suchte man nicht den andern? Verdanke ich das etwa Ihrer Güte, mein Herr Rittmeister?«

»Nur Ihrer eigenen Position«, sagte der Rittmeister, sich offiziös verbeugend. »Wir wußten ja nicht, mit wem wir die Ehre hatten. – Ausdrücklich ist Herr von Bovillard verhaftet worden, weil er sich einer Tätlichkeit und Herausforderung gegen eine diplomatische Person zuschulden kommen lassen, welche in expressen Angelegenheiten ihres Souveräns in Berlin war. Wegen Verletzung des Völkerrechts.«

Der Attaché sah verwundert auf seinen Begleiter, während der Rittmeister ein höhnisches Lächeln kaum unterdrücken konnte.

»Wäre es möglich«, rief Herr von Wandel, leicht an die Stirn schlagend. »Ich bin allerdings auch hier sozusagen im Charakter eines Envoyé, um die Beschleunigung einer Prozeßangelegenheit zu versuchen. Indes, wer konnte das wissen, und die ganze Sache ist ja eine Bagatelle. Der Fürst –«

»Von Bentheim-Schlotz-Baben-Oberstein«, sagte der Rittmeister.

»Der zu mediatisieren vergessen ward!« lachte Herr von Marvilliers auf.

»Was hat denn der hier für Geschäfte, wenn er nicht inzwischen mediatisiert ist!«

»Das sind die diplomatischen Geheimnisse Ihres Freundes, in die wir kein Recht haben einzudringen«, sagte der Rittmeister. »Die indes unserem Freunde einige Wochen Haft kosten werden. Was man nicht alles der Diplomatie verdankt!« setzte er hinzu, auf den Wagen springend.

Beim Heimwege war der Legationsrat verstimmt. Der Attaché konnte es nicht unterlassen, ihn als Kollegen zu raillieren. Er hatte herausgebracht, daß die Angelegenheit des Fürsten von Bentheim-Schlotz-Baben-Oberstein keine andre sein könnte, als den Erlaß der Transitosteuer wegen tausend Kruken Schlotz-Baben-Obersteiner Mineralwasser, welche bei der Akzise mit Beschlag belegt worden, zu erwirken. Wer aber konnte sich für das Mineralwasser und die unangetastete Ehre seines Negozianten so lebhaft interessieren, daß er, um ihn zu retten, das Duell der Polizei denunzierte – wer anders als die Geheimrätin Lupinus.

»Sie haben ganz recht«, sagte der Legationsrat, als er auf dem Gendarmenmarkt halten ließ und ausstieg, »ich gehe auch eben, um ihr zu danken oder zu zürnen.«

Aber der Legationsrat bog nur scheinbar in die Jägerstraße ein, als der Wagen weiterrollte. Er eilte rasch um die Ecke und durch die Markgrafenstraße nach den Linden, wo er im Hotel der Fürstin Gargazin verschwand.

Die Fürstin schrieb an ihrem Sekretär an mehreren Briefen, für welche die Boten warteten. Niemand sollte gemeldet werden, der Legationsrat ward aber dennoch durch einen vertrauten Kammerdiener die Hintertreppe heraufgelassen und sogleich empfangen.

Sie hatten ein langes Zwiegespräch. Die Fürstin schrieb, was Wandel diktierte: »Das übrige war mir schon heut nachmittag bekannt«, sagte sie. »Buxhövden ist fort, aber die Depesche wird ihn überholen. Wir sind also für heute quitt.« Beim Abschied drückte er ihre Hand an die Lippen und verschwand auf dem Wege, den er gekommen.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.