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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Sechstes Kapitel.
Der Diplomat.

Die Unterhaltung mit Laforest ward natürlich französisch geführt. Der Gesandte pikierte sich dann und wann, eine barocke deutsche Phrase einzuschalten. Es klang so vertraulich und so abscheulich; er war von der besten medisierenden Laune.

»Exzellenz scheinen sich zu amüsieren.«

»Vortrefflich, où peut-on être mieux qu'au sein der illüstren Geister dieser Residenz.«

»Die Dame des Hauses kann von besonderem Glück sagen, wenn Herr von Laforest so lange in ihrer Gesellschaft verweilt«, sagte Herr von Fuchsius.

»Ein Gesandter muß beobachten.«

»Da Preußen in den letzten Monaten in Brüssel und Paris war«, bemerkte der Major, »hatte Frankreichs Gesandter allerdings wenig aus dem verlassenen Berlin zu berichten.«

»Sagen Sie das nicht, mein Herr Baron. Den Kaiser interessieren die inneren Bewegungen Ihrer Kapitale mehr, als Sie denken. Vor seinem durchdringenden Blicke ist kein Winkel in Madrid und Konstantinopel verborgen, aber in Deutschland, diesem Land der Ideen und Schulen, sind ihm überall Querzäune, Hecken und Gräben gezogen. Er hat sich oft darüber geäußert. Wenn er über Reuß-Greiz im klaren zu sein glaubt, gewahrt er plötzlich, daß es in Reuß-Schleiz ganz anders aussieht. Hier verehren sie Schiller, dort Goethe. Dort Kant, hier Fichte. Hier gilt schon etwas für Dummheit und Aberglauben, was dort noch gefährliche Aufklärung ist. Feine Konjekturalpolitik, logische Schlüsse reichen auf dies Land der Mannigfaltigkeiten nicht aus. Da stampft er mit dem Fuß, schreibt eigenhändig Marginalbemerkungen: Warum dies? Warum das? – Ein französischer Gesandter an einem deutschen Hofe müßte eigentlich erst auf deutsche Schulen gehen, wenn er alle Fragen des genialen Mannes beantworten wollte.«

»Allerdings bequemer, wenn man auch Deutschland über einen Leisten scheren könnte.«

Der Gesandte lächelte beifällig.

»Er hat ein gutes Schermesser, wie Sie wissen, und was das übrige Deutschland betrifft, so kommt es ihm auf einige Höcker mehr oder weniger nicht an. Aber warum Ihr spezielles Vaterland sich noch zu Deutschland rechnet, das interessiert ihn. Diese intensiven Bande der Sprache, des Gefühls, der Poesie und Philosophie.«

»Was ihm gewiß ungleich interessanter ist, als die Situation unserer Festungen und Straßen zu erhalten.«

»Unbedenklich«, sagte der Gesandte, eine Prise nehmend, die verbergen sollte, daß er recht wohl bemerkte, wie der Rat umsonst dem Major einen Wink gab, seine Invektiven zu lassen. »Denn wenn es zum Kriege mit Preußen käme, was der Himmel verhüte und ich für unmöglich halte, so läßt der Kaiser, mein Herr, weder durch Terrainschwierigkeiten noch Festungen sich aufhalten. Der Kontinent liegt vor ihm wie eine Spezialkarte, er hat die Risse aller Festungen und die Kataster Ihrer Zeughäuser. Er weiß, wo er die Elbe passieren muß, um nach Berlin zu marschieren, er kennt sogar die Straßen, durch die er einrücken würde; aber Ihre Parteien, das muß ich gestehen, kennt er nicht.«

»Auch nicht, wo ein solcher Beobachter ihn davon in Kenntnis setzt?«

»Ma foi, ich kenne sie auch nicht. Denn Sie meinen doch nicht jene unruhigen Geister, die von der ehemaligen Herrlichkeit des Reiches deklamieren, von Arminius und Wittekind und – Thusnelda und deutschem Adel, zuweilen von Freiheit, zuweilen von der Liebe zu den angestammten Herrscherhäusern, und die überall konspirieren möchten im Namen der Religion und Tugend für ein Etwas, was nie gewesen ist! Verzeihen Sie, darüber berichte ich ihm wirklich nicht; er würde mich auslachen.«

»Sind Seine Majestät der Kaiser so scherzhaft gestimmt?«

»Er lachte wenigstens eines Tages, als Talleyrand ihn auf dir gefährlichen Tendenzen dieser adligen Tugendritter aufmerksam machte. ›Soll ich mich etwa um Commis voyageurs bekümmern, welche die verlegene Ware des feudalistischen Patriotismus an den Mann zu bringen suchen?‹ Aber als Freund möchte ich Ihnen, meine Herren, anraten, wo Sie etwa einen dieser Reisenden träfen, ihn zu warnen, daß er es nicht zu arg treibt. Der Kaiser, einmal in Harnisch gebracht, versteht keinen Spaß mehr.«

Der Rat hatte die Hand des Majors rasch ergriffen, ehe dieser den Mund öffnen konnte. »Exzellenz haben ganz recht, es gibt unter uns keine Parteien, da wir alle dasselbe wollen, das Glück unseres Vaterlandes.«

»Ganz wie in Frankreich!« sagte der Gesandte. »Wenn die Nationen sich nur verständen, so wäre die Erde ein Paradies.«

»Und Diplomaten können viel dazu beitragen.«

»Wie ich von Herrn von Laforest überzeugt bin, daß er nur Gutes und Wohlmeinendes über uns nach Paris berichtet.«

»Was könnte ich anders! Apropos, da fällt mir ein, neulich konnte ich ihm nur Stoßseufzer berichten. Sagen Sie, was ist das für ein Weg von hier nach Tegel! Knietiefer Sand und Steine! Aus Erbarmen für meine Pferde mußte ich aus dem Wagen springen.«

»Was führte Exzellenz nach Tegel?«

»Sein expresser Auftrag.«

»Napoleon sollte dies unbedeutende Dorf kennen?«

»Im Kreise der Kaiserin war von der Staël die Rede gewesen, Madame Josephine suchte sie zu verteidigen gegen den sprudelnden Zorn ihres Gemahls – unter uns, Napoleon ist darin etwas kleinlich –, dabei kam man auf ihre Studien in Deutschland, auf Herrn von Goethe, der ein romantischer Poet und Minister zugleich sei, was Napoleon wieder nicht begriff, auf ein didaktisches oder dramatisches Poem desselben, Doktor Faust, auf die Illustration eines Hexensabbats, ich glaube, Walpurgisnacht, wo ein Vers vorkommt, der ja wohl heißt:

Und dennoch spukt's in Tegel!

Irgendein Germanomane muß wohl in der kleinen Sozietät gewesen sein, wie dem nun sei, der Kaiser ließ sich die Worte übersetzen und erklären. Das Spuken kann er nicht leiden, er meinte, es spuke überall in Deutschland, warum in dem Orte, von dem man ihm gesagt, daß er dicht bei Berlin liegt, was das zu bedeuten habe, was Tegel sei? Kurz, das Ende vom Liede, eine Anfrage an mich, ein Befehl, an Ort und Stelle zu untersuchen und zu berichten.«

»Und Sie entdeckten nur den stillen Ruhesitz des großen Gelehrten, der wohl nicht auf den Kordilleres mit Ihrem Bonpland gegen den Kaiser konspiriert haben wird.«

»Ein großer Mann pikiert sich in seiner Laune oft auf Kleines. Er traut Ihrem Könige wie seinem Busenfreunde, aber bei einem Spukhaus in Deutschland denkt er sogleich an Höllenmaschinen und Konspirationen des Herrn Pitt. Den Baron Humboldt ästimiert er sehr.«

Der Major bemerkte: »Wahrscheinlich war dies das letzte Wichtige, was Exzellenz aus Berlin zu melden hatten.«

»Im Gegenteil, Herr von Eisenhauch, was gab es nicht in den letzten Monaten zu berichten: Die Ansichten, die bedenkliche Stimmung im Publikum bei der Hinrichtung der Kindesmörderin. Es handelte sich dabei um Abschaffung der Todesstrafe, im Volk glaubte man es wenigstens. Wenn Preußen die Initiative ergriffe, glauben Sie nicht, daß der Kaiser mit Vergnügen darauf einginge? Dann die Frage, ob der Geheimrat Lupinus abzusetzen sei oder nicht. Welche anderen Fragen knüpfen sich nicht daran! Unter uns, Napoleon würde vielleicht kürzeren Prozeß gemacht haben; freilich je nachdem. Und dann die Exzesse in dem Hause der Obristin. Wie viele feine Hoffäden spielen da hinein, und ich muß gestehen, man hat es mit Takt applaniert. Der Kaiser war, wie ich Ihnen im Vertrauen sagen kann, darüber erfreut; an einem andern Hofe würde man in der verdächtigen Dame eine seiner Emissärinnen gewittert haben. Auch die Anwesenheit der vielen vornehmen Fremden geniert ihn gar nicht. Ginge es freilich nach Talleyrand, so hätten wir längst auf die Ausweisung der Fürstin Gargazin gedrungen. Sagt man nicht im Publikum, sie intrigiere für Rußland! Immerhin. Wir kennen Ihren König, Ihren Hof, Ihr Volk und Land und sind vollkommen ruhig!«

»Was kann uns Schmeichelhafteres gesagt werden.«

»Und was habe ich jetzt zu berichten über den Empfang des Monsieur Jean Paul. Muß ich nicht aus Gesellschaft in Gesellschaft, um nur Zeuge zu sein der Huldigung und Vergötterung des Poeten.«

»Wenn Troubadoure wie die Rattenfänger von Hameln durch den Kontinent zögen, würde Seine Majestät Kaiser Napoleon sparen können an – Diplomaten, die beobachten, vielleicht auch an Armeen, die für ihn erobern.«

»Mein Kaiser ist ein Eroberer, Sie haben recht, Major. Er ist dazu geboren. Glauben Sie aber nicht, daß er es vorzöge, wenn er den Embarras der Waffen sparen und die Herzen erobern könnte? Wenn die Deutschen doch ihre wahren Interessen verständen. Teilen wir! Der Kaiser erobert die Reiche dieser Welt und läßt dafür Ihre Nation schaffen und erobern allein in dem der Ideale und der Schönheit. Die Deutschen haben Überfluß an Produkten, und ihnen fehlt nur der Markt dafür. Den eröffnet er ihnen in seinem Weltreiche.«

»Unser Dichter Friedrich Schiller sang schon von dieser Teilung.«

»Ah, ich weiß, ein schönes Lied, vom Parnaß.«

»Indessen hat uns Seine Majestät, Ihr Kaiser, auch schon mit etwas Irdischem beglückt. Sieben seiner höchsten Ordenszeichen allein für unsern Hof!«

»Ich bin beschämt, eben zu hören, daß Seine Majestät, Ihr König, so schnell sich revanchieren will. Auch sieben seiner Schwarzen Adlerorden gehen nach Paris.«

»In der Tat!« sagte der Major. »Ich möchte der glückliche Überbringer sein.«

»Wie der Überbringer der kaiserlichen Auszeichnungen auch hier einer glücklichen Entree sicher ist«, setzte Herr von Fuchsius hinzu.

»Nein, er hat das Bein gebrochen«, sagte der Gesandte.

Rat und Major sahen sich verwundert an und dann nach dem andern Zimmer, wo der Legationsrat der russischen Fürstin eben die Pflegetochter des Hauses vorstellte.

»Er scheint doch in voller Gesundheit auf seinen Beinen zu stehen.«

»Ach, ein kleiner Irrtum, meine Herren! Ein Adjutant von Mortier war als Kabinettskurier hergeschickt. Er brach in einem Hohlweg unglücklicherweise Wagen und Bein, und da ihm zur Pflicht gemacht war, Depesche und Beilage an einem bestimmten Tage mir einzuhändigen, glaubte er ihr zu genügen, wenn er beides jemand überlieferte, auf den er sich verlassen könnte. Der arme Debeleyme liegt noch auf seinem Schmerzenslager auf dem Gute des Herrn von Wandel, der wirklich mit aufopfernder Güte und Kurierpferden den Auftrag statt seiner ausgeführt hat.«

Rat und Major hatten aus der Antwort nicht erfahren, was sie wissen wollten,

»Der Adjutant konnte sich also auf Herrn von Wandel verlassen?« sagte nach einer Pause der Major.

»Ein Paket von Erfurt nach Berlin zu tragen! Das übergebe ich dem ersten besten Landreiter, der ein anständiges Trinkgeld einem gefährlichen Angriff auf bunte Blechwaren vorzieht.« Laforest lächelte: »Meine Freunde, wozu unter uns ein Versteckspiel, wo jeder dem andern in die Karten sieht! Sie wünschen zu erfahren, ob und in welchem Konnex ich mit Herrn von Wandel stehe? Wenn ich nun feierlich dagegen protestierte, würden Sie mir glauben? – Sie würden wenigstens sehr unrecht tun. Ich protestiere aber gar nicht dagegen.«

»Sie geben ihn nur durch Ihre Erklärung bloß.«

»Ich überlasse ihn Ihrer Divinationsgabe, denn meine ist bis dato noch an ihm gescheitert.«

»So muß er Eure Exzellenz beschäftigen?«

»En passant. Der Fürstin Gargazin drängt er sich auf, also gehört er nicht zu ihr. Ein österreichischer Agent ist er auch nicht, er spricht zuviel von seinen vertrauten Bekanntschaften am Wiener Hofe. Für englische Spione habe ich einen besonderen Takt. Aber –«

»Vielleicht aus Spanien oder Schweden«, warf der Major ironisch hin.

Ein eigenes Lächeln schwebte um die Lippen des Gesandten: »Warum nicht auch aus Frankreich. Ich bin nur der offizielle Gesandte, mag Talleyrand nicht auch einen geheimen für nötig halten, der mich beobachtet?«

Hier war die Möglichkeit einer Wahrheit. Die Blicke der beiden gestanden es sich, und Fuchsius erwähnte, daß der Legationsrat, seiner Angabe nach, bedeutende Güter in Thüringen besitze. Interessierte er wirklich in der angegebenen Art den Gesandten, so mußte dieser sich darüber Aufklärung verschafft haben. Laforest ging auch sofort darauf ein:

»Allerdings hat er sich dort angekauft; in einer Subhastation erstand er nicht unbedeutende Güterstrecken, man sagt indes, solche, die nie lange in der Hand ihres Besitzers blieben, weil sie, schwer belastet, kaum die Mühe der Kultur lohnen. Hier in Berlin will er sein, um mit den Männern der Wissenschaft einen Meliorationsplan zu entwerfen. Warum nicht! Er kann aber auch zu allerhand andern Geschäften da sein: um die Quadratur des Zirkels zu finden, Geister zu zitieren – das Wahrscheinlichste ist mir aber immer, um Geld zu machen. D'ailleurs Messieurs, diese Mystizismus duftenden Personen sind meiner Natur entgegen. Ich überlasse daher den Legationsrat, auf parole d'honneur, ganz wie er ist, Ihren Recherchen.«

Wenn Wahrheit überhaupt in einem Diplomaten möglich ist, dachte der Major, so ist sie dies.

Der Rat mußte dasselbe denken:

»Da Bovillard ihn protegiert, lag es sehr nahe, zu glauben, daß er auch Exzellenz bekannter wäre, als wir jetzt hören.«

»Wer steht denn dafür, wenn er ein Magier ist, daß nicht Bovillard der Protegierte ist und er der Protektor! Aber da fällt mir ein – wissen Sie schon, daß der junge Bovillard ihn heut auf Pistolen gefordert hat?«

»Den Legationsrat! – Ach, es ist richtig, wegen jener alten Geschichte.«

»Meine Herren, ist der junge Bovillard vielleicht Ihr Freund?«

»Nichts weniger als das!« sagte der Rat, der über die Aufmerksamkeit verwundert schien, mit welcher Laforest den Gegenstand ihres Gesprächs zu beobachten schien.

»Man findet es sonderbar, daß Herr von Wandel gleich nach der Affäre abreiste, und grade damals an Ort und Stelle seine Güter und so lange ameliorieren mußte.«

Auch der Major hatte während des Gesprächs die betreffende Person scharf ins Auge gefaßt: »Ich sehe keine Veränderung in diesem eisernen Gesichte.«

»Möglich. Naturen dieser Art sind mir, wie gesagt, fremd. Die Präparationen des Duells aber sollen mit der strengsten Verschwiegenheit vorgenommen werden. Beobachten Sie doch gefälligst, meine Herren, wenn Sie sich nachher in die Gesellschaft verlieren, ob schon andere davon wissen, ob der Legationsrat bekannte Personen in den Winkel zieht. Das sind freilich Bagatellen, aber aus Bagatellen lernt man einen Menschen kennen.«

Der Seitensprung schien auf beide Herren keinen besonderen Eindruck gemacht zu haben; die Person des jungen Bovillard war ihnen gleichgültig. Auch die Aufmerksamkeit des Gesandten schien rasch auf andere Dinge übergegangen. Er sprach etwas von Sympathien und Antipathien, jene, weil sie sich chemisch auf ihre Elemente zerlegen lassen, kümmerten ihn nicht, woher aber komme die Idiosynkrasie, jener angeborne Widerwille, den die Vernunft umsonst bekämpfe? Wie alles Wunderbare finde er auch ihn in diesem Lande zu Hause. Aber er schien jetzt nur der Sympathie zu huldigen, indem er die Frauen die Musterung passieren ließ.

»Herr von Fuchsius scheint mit besonderer Sympathie die schöne Pflegetochter des Hauses zu beobachten. Allen Respekt Ihrem Geschmack. Oder flattern Ihre Augen weiter; denn, man muß gestehen, es entfaltet sich ein unvergleichlicher Blumenflor. Das sind ja wohl Reichardts Töchter? Kann man anmutigere Bilder sehn! Dieser frische Hauch der Jugend, diese schwellende Rosenfülle! Wenn es zu einem Nationalkriege käme, sollten Sie Ihre Frauen in die Vorderreihen stellen. Der französische Soldat ergäbe sich aus Galanterie. Wer ist die junonische Schönheit dort?«

»Exzellenz meinen die Herz?«

»Nein, die den halben Rücken uns zugedreht.«

»Baronin Eitelbach?«

»Die!« Der Gesandte schielte mit sardonischem Lächeln über das Ofengesims. »Schön ist sie.«

»Auch tugendhaft.«

»Nous le verrons

»Zweifeln Sie nicht daran, Exzellenz! Die arme schöne Frau hat keine andern Eigenschaften.«

»Messieurs! Die Gelegenheit macht Diebe und Intrigen den Verstand. Geben Sie einer Deutschen die Erziehung einer Pariserin, versetzen Sie sie täglich in die Salons, wo der Verstand sich reiben und schleifen muß. – Der Witz sprießt von selbst heraus und – Ihre Landsmänninnen werden so liebenswürdig und intrigant wie eine Pariserin.«

»Was die Baronin betrifft, so haben wir Grund, es zu bezweifeln.«

»Meine Herren, was gilt die Wette, diese Dame, die jetzt für dumm gilt, hat in Jahr und Tag Esprit, sie wird interessant, witzig, das Stadtgespräch, vielleicht die Beauté, die Sonne der Gesellschaften.«

Man sah Laforest verwundert an.

»Die neuesten Mysterien von Berlin. Und es ist exakte Wahrheit.«

Er zog sie hinter den Ofen und flüsterte, die Hand am Munde, etwas, was ihn selbst wenigstens angenehm kitzeln mußte, denn das Gesicht verlor im Erzählen den diplomatischen Ausdruck.

»Qu'en dites-vous? Aber es bleibt ein Mysterium.«

»Was sagen Sie dazu?« fragte der Regierungsrat, als Laforest sie verlassen.

»Daß Berlin auf gutem Wege ist, Paris zu werden. Aber das riecht sogar nach Byzanz. Im Augenblick des höchsten Ernstes ein solches Spiel niederträchtiger Frivolität!«

»Diese Menschen können nicht aus ihrer Natur.«

»Was soll's mich denn kümmern, ob einer mehr noch einen Faden treibt in das Gewebe verstockter Torheit, niederträchtiger Gesinnung und liederlichen Willens!«

»Sie müssen spielen, um zu leben.«

»Man naht doch mit heiliger Scheu der Stätte, die ein großer Geist geweiht hat. Noch sind's nicht zwanzig Jahr, daß sein Auge leuchtete, seine Stimme tönte, und nun solche Kreaturen, wimmelnd im Dunstkreis seines Grabes! Sind das die Würmer, die an des Riesen Leichnam nagten? Oder, fragt man sich unwillkürlich, erschien auch der Riese uns nur so gigantisch in seinem Dunstkreise? Und war es anders, wenn man ihn im Schlafrock sah?«

»Das ist eine fürchterlich ernste Frage, mein Herr von Eisenhauch. Seine Atmosphäre war vielleicht nicht angetan, um Männer zu erzeugen. Er sehnte sich nach ihnen in seiner tiefen Einsamkeit, aber sein scharfer Atem, das Feuer seines Auges ließ die Embryonen nicht aufkommen. Friedrichs Tafelrunde war für blitzende Geister und kühne Ritter, aber für Charaktere war doch kein Platz.«

»Und wir brauchen sie, Männer – wenn nur einen, und der eine ist es auch nicht – eine verglaste Ruine, an der die Flamme nur noch zuweilen emporleckt, um die ungeheure Verwüstung zu zeigen.«

Der Rat drückte ihm die Hand: »Trösten wir uns, daß die Zeiten verschieden sind. Eine jede gebiert das, dessen sie bedarf, also auch ihre Männer.«

Sie verloren sich in der Gesellschaft. Fuchsius stieß an der Tür mit Laforest wieder zusammen, der, den Hut in der Hand, die Versammlung rasch verlassen zu wollen schien.

»Wohin, Exzellenz?«

»Zum Berichten.«

»Was, wenn das Herz des Diplomaten noch geöffnet ist?«

»Was Sie mehr interessiert als mich.«

»Geht die Eitelbach in die Falle?«

Der Gesandte flüsterte ihm ins Ohr: »Stein wird doch Minister.«

»Eine Attrappe?«

»Für den es trifft, übrigens eine neueste wirkliche Neuigkeit.«

»Von Engeln Ihnen zugeraunt?«

»Der russischen Fürstin.«

»Und warum jetzt?«

»Weil man keinen andern Finanzminister auftreiben kann. Nutzen Sie es, Herr von Fuchsius. Ein neuer Minister verspricht alles und gewährt zuweilen einiges, wenn man schnell dahinter ist.«

Laforest verschwand.

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