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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Viertes Kapitel.
Der Legationsrat.

Man hätte eine der chamäleonischen Verwandlungen, von denen sie sprach, in der Geheimrätin selbst erblickt, als sie auf dem Kanapee dem gefeierten Manne gegenübersaß. Ihre Wangen waren angehaucht, ihr Auge glänzte lebhafter, die Schärfe ihrer Züge hatte sich gemildert; wie sanft klang ihre Stimme, während ihre Finger sich mit den Polsterquasten der Sofalehne beschäftigten.

Er war derselbe. Sein Gesicht schien sich nicht verwandeln zu können. Die dunkeln Augen konnten dominieren; ihr gewöhnlicher Ausdruck aber war der des Observierens. Er las, was in der Seele stand, aber man konnte, was er gelesen, im Spiegel seines Auges nicht wiederlesen. Leidenschaften hatten dies Auge entzündet, und ihre Spuren waren auf dem edelgeformten Gesichte unverkennbar, allein, er hatte die Ruhe der Betrachtung gewonnen, die sich von kleinen Emotionen nicht mehr irren läßt.

Die Geheimrätin war in der Regel die Erste in den Kreisen, in welchen sie sich bewegt, sie war sich dieses Übergewichts bewußt, dennoch glaubte sie den rohen Kitzel überwunden zu haben, welcher sich darin gefällt, dies Übergewicht auch die anderen empfinden zu lassen. Dem Legationsrat gegenüber fühlte sie diesen Zauberbann zerstört. Aber gerade gegen eine geistige Übermacht anzukämpfen ist interessant. Eine Frau hat so viele kleine Künste, mit denen sie unvermerkt in das feste System des Mannes Bresche legt, wenn es der Mühe verlohnt.

Er stand auf der Höhe, wo man nur wenig auszugeben braucht, aber man reißt sich um die Münze wie um eine Seltenheit. Dann sieht man auch wohl nicht immer genau nach, ob die Münze echt ist. Er saß nachlässig im Fauteuil, doch mit dem Anstand des vornehmen Mannes einer Dame gegenüber, die er auch dafür anerkennt.

Ihre Unterhaltung hatte sich weit entfernt aus den Kreisen, in welchen wir die Lupinus zu Hause wissen.

»Einer Frau von Ihrem Geist ist keine Region verschlossen, in die sie dringen will«, hatte er auf eine Bemerkung der Geheimrätin erwidert, daß sie die Sphären des Staates für ihr Geschlecht, wenn nicht unzugänglich, doch geschlossen halte.

»Man sagt uns doch so oft, wir sollen uns nicht aus unserer Sphäre verlieren.«

»Wer das uns auf sich beziehen will! Ist die Staël keine Frau! Mich dünkt, man braucht nicht so weit zu suchen. Sind nicht die höchsten Damen an unserem Hofe die eifrigsten Partisaninnen der Politik! Und wer sagt uns, ob nicht die ganze Politik der Zukunft in den Händen der Frauen ruhen wird!«

»Oh, wer in diese Zukunft blicken könnte, ob sie uns Aufschlüsse, Lichter, Befriedigung bringt oder das alte Einerlei des Zweifels, der getäuschten Hoffnungen, der immer neuen Erwartungen, die nie erfüllt werden!«

»Die Zukunft, gnädige Frau, wird sein wie die Gegenwart, wenn wir sie nicht zu ergreifen verstehen.«

»Und wer ergreift diese! Wir Frauen scheinen wenigstens nicht dazu bestimmt.«

»Auch Frauen ergriffen sie und blieben Siegerinnen grade so lange, als der Mann es bleibt, das ist so lange, als er sich selbst beherrscht.«

»Die Enthaltsamkeit soll uns doch nicht zum Siege führen!«

»Die Kraft, das Ziel unverrückt im Auge zu behalten, die Wege, die die kürzesten und sichersten, nie zu verlieren und die Mittel zu handhaben, wie man Rosse zügelt und spornt, deren Natur wir kennen.«

»Das ist nur an den Männern.«

»Warum? Der Mann ist bei der Umfassenheit seiner Bildung, Bezüge zum Leben, weit leichter der Verführung ausgesetzt.«

»Das sind Paradoxien.«

»Nichts weniger. Er ist zugänglicher den Leidenschaften, weil er sie leichter befriedigen kann, dem Ehrgeiz, den Illusionen aller Art; und gibt er ihnen sich hin, hört er auf zu berechnen, verfolgt er eine Phantasie, ist er schon verloren. Das Weib in seiner anscheinend beschränkteren Sphäre kann ihre ganze Kraft weit leichter auf einen bestimmten Gegenstand konzentrieren, und wie sie den Mann beherrscht, wenn sie will, warum nicht die Welt!«

»Spötter!«

»Dem Weibe gab die Natur die feine Beobachtungskraft, die wir nur mit unendlicher Anstrengung uns aneignen, die Gabe, aus Symptomen, die unserem in die Ferne schweifenden Blick entgehen, Seelenzustände, vergangene und künftige Begebenheiten zu entziffern. Vermag sie's, Herrin zu werden über ihre Neigungen, Vorurteile, ihre Liebe und ihren Haß, ihre Impulse und abergläubischen Vorstellungen; vermag sie's, ihre Bestrebungen, ihre Liebe und ihren Haß auf größere Dinge zu richten, als den Untergang einer Rivalin, die Protektion eines Günstlings, dann, sage ich Ihnen, kann sie mit ihren außerordentlichen Mitteln Großes, Außerordentliches, warum nicht das Größte.«

Die Geheimrätin schwieg nachsinnend. Sie hielt es für den Moment geeignet, seitwärts abzuspringen: »Sie wollen die Begeisterung nicht gelten lassen«, sagte sie, wieder aufblickend.

»Ich kann einen Trunkenen beneiden, aber nur, solange er es ist.«

»Damit streichen Sie aus der Geschichte ihre schönsten Taten.«

»Aus der Geschichte nicht, meine Gnädigste. Sie ist ein großes Quodlibet, wo Platz ist für vieles. Nur aus dem Katechismus der wenigen streiche ich sie, welche wissen, was sie wollen.«

»Und wie wenige Größen bleiben dann übrig«, erwiderte die Geheimrätin.

»Wenige, aber zum belehrenden Exempel genug. Cäsar blieb sich gleich bis zum Gipfelpunkt.«

»Und fiel durch Mörderhand.«

»Der rohe Zufall liegt außer unserer Berechnung; er fiel, nachdem er erreicht, was er erstrebt. Und doch, vielleicht war's auch nicht ganz Zufall!«

»Wie hätte Cäsar den Arm des Brutus hemmen können, wenn er keine Ahnung seines Vorsatzes hatte!«

Der Legationsrat lächelte: »Cäsar hatte Vertrauen, wo er nur Argwohn haben durfte. Cäsar war der große Mann, weil er sich selbst alles verdankte, weil er im Siegerglück nicht glaubte, daß er nun genug gehandelt, daß nun das Schicksal für ihn wieder handeln müsse, weil er nicht, von der eignen Größe trunken, an eine Mission glaubte. Aber er irrte, als er glaubte, daß ein großer Mann auch sogenannte menschliche Regungen haben, daß er ohne ein bestimmtes Interesse großmütig sein dürfe. Er durfte nur auf die Schlechtigkeit der Menschen spekulieren, und er spekulierte auf ihren Edelsinn. Er, in seiner Lage, durfte nicht hoffen und lieben, nur beobachten und rechnen, und ihm war der Argwohn eine Tugend und Notwendigkeit. Er schloß das scharfe Auge, er rechnete falsch und vertraute. Ein Cäsar darf auf nichts vertrauen!«

Es trat eine Pause ein. Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, die vermutlich an den Anfang desselben wieder anknüpfte. Man hatte von den Ereignissen des Tages gesprochen, von dem Stern, über den die Meinung sich noch teilen konnte, ob er ein leuchtendes Tagesgestirn sei oder ein nächtliches Meteor.

»Und er ist Kaiser«, hub die Geheimrätin an, »er hat sich selbst dazu erklärt! Es liegt etwas so wunderbar die Sinne Berauschendes darin, ein gewesener Artillerielieutenant! Und die altgekrönten Mächte beeilen sich, ihn anzuerkennen!«

»Sie müssen wohl!«

»Nehmen Sie sich in acht, Herr Legationsrat. Man darf ihn hier nicht ungestraft in allen Kreisen bewundern. Und Sie besuchen –«

»Die verschiedensten«, fiel er rasch ein. Es war das gewesen, wofür der Gast es nahm, ein Klopfen auf den Busch. »Ich bewundere nichts«, fuhr er fort, »ich beobachte nur, und mein Fazit der Anerkennung ziehe ich erst, wenn ich einen Mann am Ziel sehe.«

»Wird er es erreichen?« fragte die Geheimrätin leiser.

»Wenn Sie mir sagen könnten, was sein Ziel ist, würde ich versuchen, auf die Frage zu antworten.«

»Sein Ziel!« – Die Geheimrätin sah ihn groß an, aber sie verstummte vor seinem abmessenden Blicke. Mit einem Seufzer sagte sie: »War es denn ein Verbrechen, in ihm einen Beglücker der Menschheit zu erblicken!« – »Ein Verbrechen ist Unsinn und der Wahn, daß einer für alle etwas schaffen könne, eine Torheit. Jeder schafft für sich. Ich weiß nicht, ob der junge Bonaparte in seiner Jugend wirklich diesem Wahne nachhing, der Kaiser der Franzosen wird ihn belächeln. Man muß die Menschen kennengelernt haben wie wir, gnädige Frau, um zum Resultat gekommen zu sein, daß, was man so die Menschheit nennt, nicht wert ist, sein Bestes für sie zu opfern.«

»Aber, mein Gott, für wen soll man sich denn opfern!«

Der Gast schien es überhört zu haben, oder seine Gedanken hatten unwillkürlich einen andern Gang genommen: »Es ist zu bedauern, daß die Kaiserin ihm keine Hoffnung auf Nachkommen gewährt. Eine wahre Zierde ihres Geschlechts!«

»Sie kennen die Kaiserin Josephine?«

»Ihre Majestät, Königin Luise, ist gewiß die personifizierte Huld und Schönheit, aber diese Kreolin, in der sichtlich noch das tropische Blut pulst, hat etwas Bestechendes, Fortreißendes. Man muß sie gesehen haben – ach, schon als Josephine Beauharnais!«

»Sie kannten sie damals schon?«

»Es rühmen sich viele, doch wer kann sagen, daß er sie kennt! Kennt man nur ihren Einfluß auf den Kaiser!«

»Sie hat vieles Blutvergießen verhindert.«

»Sagt man. Wer diese on-dits geschickt auszustreuen weiß, der kommandiert über Armeekorps. Und beide, der Kaiser und die Kaiserin, sind darin geschickt, es fragt sich eben nur, wie lange beide zusammen operieren werden.«

»Mein Gott, Sie scheinen auch mit den häuslichen Verhältnissen des Kaiserpaares vertraut.«

»Ich lese nur, was jeder lesen kann, der die Augen auf hat. Will er ein Reich gründen, was ihn überlebt, muß er einen Sohn haben, der ihn beerbt. Wer arbeitet mit voller Kraft für einen andern Dritten! Was ist ihm der adoptierte Stiefsohn! Erinnern Sie sich, was die sentimentalen Seelen von ihm hofften, nachdem er die Revolution besiegt?«

»Ich habe nie geglaubt, daß Napoleon sich zu einem Monk herabwürdigen könne«, sagte die Geheimrätin.

»Gewiß, wer die Kraft hat, ein Egoist zu sein, wird sich nie mit einer Livree begnügen.«

»Egoist!«

»Alle großen Männer sind es, eigentlich alle wahren Männer. Wer schaffen will, muß für sich schaffen, und wer ein Weltreich gründen will, für eine Dynastie, die seine ist. Die Kaiserin Josephine ist aber auch eine kluge Frau. Sie sieht das ein; wie weit sie voraussieht, wissen wir nicht, aber sie hat einen Sohn. Es ist nun ein recht kluger Anfang, daß sie die Maske der Milde, Liebe und besänftigenden Güte vornimmt, und ob es von ihrem Gatten klug ist, sie ihr zu lassen – das ist eine andere Frage, die – uns beide wenigstens, meine teuerste Geheimrätin, glücklicherweise nichts angeht.«

Er war aufgestanden. Die Geheimrätin hätte die Unterhaltung gern fortgesetzt: »Sie sind gewiß sehr affäriert. Eine so ehrenvolle Sendung muß Ihre ganze Zeit in Anspruch nehmen.«

»Ich bitte Sie, kein Wort von der Bagatelle. Natürlich wird man nicht gerade zur Tür hinausgeworfen, wenn man als Überbringer solcher Ehrenzeichen ankommt, indessen, wie gesagt, ich wünschte, daß man in den Zirkeln hier kein Aufhebens davon machte.«

»Indessen sehen wir auch wohl bald Ihre eigne Brust mit einem dieser Ehrenzeichen geschmückt.«

»Für einen Briefträgerdienst! Monsieur Laforest, der Gesandte, lachte über die Mission, und das verdient sie auch; haben wir doch jeder für Wichtigeres zu sorgen! Ich freue mich nur, daß die Demoiselle Alltag Ihre Liebe und Sorgfalt lohnt. Sie haben sich da eine ungemein schwierige Aufgabe aufgebürdet.«

»Ich freue mich, daß alle Ihre Berechnungen so richtig eintrafen. Adelheids Renommee ist nicht allein hergestellt, sie ist – nun, Sie erfuhren es schon. Möchte sie nie den Dank gegen den vergessen, dem sie ihr alles verdankt.«

»Dank, meine Gnädige! Es gibt keine Substanz in der Chemie, die so schnell verflüchtigt! Wer darauf bauen wollte –«

»Sie brauchen nicht zu bauen, denn Ihr Haus steht fest. Freilich, was ist Ihnen daran gelegen, daß man Sie in Berlin vergöttert! Indessen, es ist doch auch für einen Philosophen nicht ganz unangenehm, wenn ihn die Leute auf der Straße kennen und feiern. Ach, mein Gott, warum mußten Sie damals so schnell abreisen. Das war ein Erkundigen, ein Fragen nach Ihnen. Der Hausknecht, die Ouvriers, die für Sie gearbeitet, wer nur das Glück gehabt, Sie in Gesellschaft, in seinem Hause zu sehen, mußte Auskunft geben, wie Sie aussähen, sprächen, welche Ihre Freunde, ob Sie verheiratet wären, ob Sie hier Ihr Domizil aufschlagen würden. Man wußte Sie in kleine Teile zu zerlegen und meinte, der kleinste wäre doch noch etwas, was der Betrachtung Stoff gibt. Einige meinten, es sei doch eine Art Koketterie, daß Sie durch Ihre schnelle Abreise der allgemeinen Bewunderung sich entzögen, ich indes meinte etwas anderes –«

»Und darf ich fragen, was meine Freundin meinte?«

»Sie leben sich selbst und fühlen einen andern Beruf als der Neugier der Menge Rätsel aufzugeben, die Sie nicht lösen wollen, vor ihr wenigstens. Wahrhaftig, ich verdenke es Ihnen nicht.«

Der Legationsrat ließ einen seiner undurchdringlichen Blicke an der Diele haften, einen der Blicke, welche die tiefste Absorbierung der Gedanken ausdrücken; man will indes behaupten, daß auch die Kunst solche Blicke gebrauche, um den Mangel an Gedanken zu verbergen: »Ach, meine Freundin, was verrät uns mehr, welche Leerheit rings um uns ist, als dieses Haschen nach Geheimnissen, die nicht da sind. Weil sie aus sich heraus nichts schaffen können, weil sie sich selbst nichts sind, darum haschen sie nach einem Spielwerk, und ein unbekannter Fremder wird zu einem Rätsel, weil er vielleicht seinen Rock anders zuknöpft, anders den Hut abnimmt, einen andern Ton auf die Worte legt, als hier alltäglich ist.«

»Da ich immerwährend bestürmt werde, sagen Sie mir, was ich den Leuten sagen, oder wenigstens, was ich ihnen verschweigen soll –«

»Verschweigen! Mein Gott, ist denn zwischen uns ein Geheimnis! Malen Sie mich Ihren Bekannten, wie Sie wollen. Eine solche Meisterin wird immer das Richtige treffen. Warum ich hier bin, das ist ja wohl das interessanteste Rätsel. Ich soll Emissär sein, Gott weiß von welchem Illuminaten- oder Freimaurerorden, obgleich diese Albernheiten längst aus der Mode sind! Ich bin geheimer Envoyé einer Macht, man weiß nur nicht welcher. Nicht wahr? Natürlich soll ich Staatsgeheimnisse ausspionieren! Ja, wenn nur deren hier wären! Und da ich an der Tafel der Minister, der Prinzen speise, da ich ziemlich offen mit ihnen konversiere, ist es doch nicht meine Schuld, wenn ich Dinge erfahre, an denen mir wirklich nichts gelegen ist. Ich soll ja auch wohl ein Krösus sein, und bald wieder ein Glücksritter! Soll ich nicht auch nach einer reichen Ehe mich umsehen!« – Er seufzte: »Und die Geister einer unaussprechlich geliebten Gattin schweben noch um ihren Grabeshügel! Doch genug davon. Meinetwegen lassen Sie mich einen Cagliostro sein. Im übrigen habe ich noch niemand verhehlt, daß der Zustand meiner Güter in Thüringen mich hergeführt hat. Treffliche Güter, aber verwildert unter meinem Vorbesitzer. Es bedarf einer wissenschaftlichen Agrikulturbehandlung, um ihre Ertragsfähigkeit auf die Höhe zu bringen, die ich mir zum Ziel gesetzt. Ich besitze chemische Kenntnisse, wer aber kann alles wissen, wer braucht nicht des Rates fremder Einsicht! In Berlin finde ich einen Hermbstädt, Klaproth, Flittner. Sie sind meine Lehrer, Freunde, ich konsultiere sie, experimentiere mit ihnen in der Zersetzung von Kalkerde, Mergel, in allen Arten künstlicher Dungarten. Das ist meine Beschäftigung hier. – Sie selbst aber sehen mich ungläubig an. Ach, ich versichere Sie, in dieser Wissenschaft allein ist mein Trost. Hier ist Wahrheit, hier lern ich kennen, was sich bindet, was sich abstößt, hier ist Folgerung, Zusammenhang, hier lös ich mir Rätsel, welche der Ballsaal der Menschenwelt mit seinen tausendfachen Umhüllungen und Masken so verwirrend umhüllt, daß oft das schärfste Auge, wenn es die Wahrheit glaubt gefunden zu haben, doch nur beschämt vor einer neuen Larve steht. Vor der Chemie gilt keine Täuschung. Während sie Farben und Formen zaubert, zersetzt sie alles in seine Urstoffe. Das Kräuseln des Dampfes in der Retorte, im Tiegel, der Geruch, den sie entwickelt, den Lichtglanz, die schimmernde Farbe auf der brodelnden Essenz ist das Leben, flüchtige Momente, während wir doch nur den Tod produzieren, Schlacke, Asche, Staub, Luft in Luft. Der Tod nur ist dauernd. Leben Sie wohl.«

»Mein Gott, was ist Ihnen? Sie betonen das Wort Tod so besonders!«

»Mit jeder Stunde, die wir leben, bereiten wir ja den Tod. Ich hoffe also heut abend auf Wiedersehn.«

»Sie hoffen nur? Vorhin sagten Sie bestimmt zu. Sie erwarten heut keinen Befehl eines Prinzen mehr.«

»Nein, wenn indes ein Hindernis –«

»Sie müssen doch nicht wieder fortreisen?«

»Ich hoffe nicht, daß es so schlimm ausfallen wird.«

»Sie spannen meine Neugier. Jetzt müssen Sie sprechen.«

»Es ist nur eine der Kleinigkeiten, die das Leben pikant machen. Den jungen Bovillard, den ich in der Tat auf meiner Reise vergessen hatte, traf ich vorhin auf der Straße, und wenn meine Physiognomik mich nicht täuscht, finde ich zu Hause das, was ich längst erwarten durfte. Indessen wird er sich doch nicht so überhasten, daß er mir nicht noch das Vergnügen gönnt, einen vergnügten Abend in Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft zu verbringen.«

»Allmächtiger Gott«, rief die Geheimrätin erblassend. – »Eine Herausforderung! – Und dieser Taugenichts darf sich unterstehen, einen Mann wie Sie – und um die edelste Handlung –«

»Vor seine Kugel zu fordern.«

»Das darf nicht sein. Bester Freund, Sie kennen nicht seinen Ruf. Mit Ihrer Ehre verträgt es sich nicht –«

»Er saß noch nicht im Zuchthause, ward nicht ertappt auf dem Volteschlagen, auch hat er seine Spielschulden, wie ich höre, noch immer bezahlt, und ein Dutzend Duelle als Kavalier bestanden; das, meine gütige Freundin, gibt dem Sohn des Geheimrat Bovillard nach den Ehrengesetzen unserer Welt das Recht, auch Bessere wie ich vor die Geschicklichkeit seines Arms zu laden, und wenn seine Kugel dies Herz durchbohrt, so versichre ich Sie, ist sein Renommee nicht schlimmer, sondern besser.«

»Abscheulich! Wer bessert das?«

»Ein Mirabeau hatte einmal den Mut. Er sprach es aus, daß man einem Dummkopf nicht das Recht lassen dürfe, dem genialsten Mann Frankreichs mit einem Stück Blei seinen Kopf zu zerschmettern. – Die Revolution ist überwunden, und die Dummköpfe haben wieder ihr Recht.«

»Aber um Gottes willen, es muß doch Mittel geben –«

»Ein Cäsar Borgia würde freilich in solchem Falle Mittel finden; auch haben sehr kluge Köpfe sich dadurch der Welt erhalten, die allerdings mehr von ihrem Ingenium profitiert hat als von zehn Haudegen, welche die Weinhäuser mit ihren Rodomontaden erfüllen. Indessen, wir sind keine Borgias, und das neunzehnte Jahrhundert verträgt keine Stiletts und Banditen.«

»Aber es muß seine edelsten Männer schützen. Es gibt auch andre Mittel, eine höhere Polizei, eine Justiz. Bovillard, der Vater, muß es erfahren, er muß endlich etwas tun, dem Unwesen seines Sohnes zu steuern. Der König selbst ist entsetzt über diese blutigen Raufereien –«

Der Gast hatte ihren Arm ergriffen: »Um des Himmels willen, meine gütigste Freundin, soll ich bereuen, daß ich im Vertrauen die Lippen öffnete. Es war alles Scherz –«

»Nein, es ist Ernst.«

»Wenn Sie dem Dinge den Namen gönnen, so beschwöre ich Sie, kein Sterbenswörtchen davon! Sie werden mich verstehen. Was ist das Leben? Eine Anweisung auf Geltung. Wird dieser Wechsel zurückgewiesen, was bleibt uns davon! Wer mag der Lebensluft, in der wir nur atmen können, den Rücken kehren! Ich rechne also auf Ihre Diskretion. Jedes Wörtchen, jeder Wink könnte von meinen Feinden anders gedeutet werden. Es ist ja auch möglich, daß der junge Mann sich eines Besseren besinnt. Ach Gott, der Möglichkeiten sind so viele, daß ich es aufrichtig bereue, Sie nur einen Augenblick geängstigt zu haben. Keinesfalls darf die Vorstellung Ihre Heiterkeit stören. Meine soll es wenigstens gewiß nicht, denn ich freue mich aufrichtig, den neuen Abgott der Residenz kennenzulernen.«

»Sie kennen Jean Paul noch nicht?«

»Ich begegnete ihm wohl irgendwo.«

Die Geheimrätin sah etwas verlegen vor sich hin: »Ich hoffe, Sie disapprobieren nicht –«

»Was sich versteht in Kredit zu setzen. Der Wert eines Staatsmanns, meine Freundin, und der eines Dichters, was sind sie an und für sich, es kommt allein ihr Kurswert in Betrachtung, gleichviel, ob der Dichter ihn sich selbst gemacht oder andere so gütig waren. Apropos, da kann ich Ihnen eine Neuigkeit mitteilen. Bei Hofe ist eine lebhafte Intrige. Nachdem es nicht gelungen, Schillern hier zu fesseln, versucht man, Herrn Richter uns einzuimpfen. Die Parteien sind geteilt. Ihre Majestät die Königin wünscht ihm eine Präbende zuzuwenden. Beim König fürchtet man auf Schwierigkeiten zu stoßen. Um deswillen spielen alle Maschinen. Der Berg läuft von diesem zu jenem. Herr Jean Paul soll von der allgemeinen Gunst gehoben und getragen werden, bis er dem Throne so ins Auge gerückt ist, daß Seine Majestät sich zu einer Auszeichnung gleichsam gezwungen fühlen. Daher werden die Kunstgärtner bis zum Exzeß um ihre seltenen Blumen geplündert, daher die Damendeputationen an den neuen Frauenlob. Die Königin lüde ihn gern selbst ein, aber er muß erst gewisse Leiterstufen der Einladungen durchgemacht haben, bis das in einem petit cercle möglich ist. Man ist daher auch sehr zufrieden mit den Arrangements unsrer teuren Freundin, und die Stufe der Ehre, die Sie ihm heut erweisen –«

»Mein Gott, wie kann man wissen –«

»Man weiß alles. Aber bedenken Sie wohl, daß die Gunst der Königin nicht jedesmal zur Gunst Seiner Majestät führt. Er ist kein Freund der Abgötterei. Doch qu'importe, aber hüten Sie sich, daß unsre Schönheit hier, wenn sie ihm den Lorbeerkranz auf die Schläfe drückt, nicht zu tief ins Auge des Dichters sieht. Man sagt zwar, er wäre in alle Huldinnen Berlins verliebt, und in seinen Entzückungen weiß er nur noch nicht, welcher er das Tuch zuwerfen soll; aber nur nicht unsrer Adelheid! Ihre Natur ist zu schön, um sie mit einem Dichter zu verträumen. Au revoir!«

Der Legationsrat ließ die Geheimrätin in einem Meer von Gedanken. Sie paßten nicht alle zu dem Fest des heutigen Abends und schienen ihre Lust etwas zu trüben.

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