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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Drittes Kapitel.
Man muß gelten wollen.

Die Vorbereitungen zu dieser Gesellschaft schienen uns vorhin doch schon fertig; es mußte indes nicht so sein, wenn wir gegen Mittag eine Szene im Speisesaal der Geheimrätin belauschen.

In der Mitte am Tisch stand Adelheid vor einem Salatnapf und neben ihr, mit prüfendem Blicke jede ihrer Bewegungen beobachtend, die Geheimrätin. Um Adelheids Augen war eine Binde geknüpft. Sie übte sich, den Salat zu mischen, die Eier zu zerdrücken, Öl und Essig aufzugießen, ohne diese Ingredienzien zu sehen. Aber die Geheimrätin hatte Flaschen und Eierteller an einen bestimmten Ort gestellt, und wenn Adelheids Arm irrte, gab sie durch leise Töne ihr ein Zeichen. Einige Schüsseln, zur Seite gesetzt, deuteten darauf, daß dies Experiment schon mehrmals versucht war. Jetzt schien es zu gelingen. Der Salat kräuselte sich im Napf, doch verrieten Adelheids Bewegungen noch immer eine innere Ängstlichkeit, und wer unter die Binde sehen können, würde eine Träne in ihrem Auge entdeckt haben.

»Nur etwas ruhiger«, sagte die Wirtin, »und dann geht es vortrefflich.«

»Aber ich werde doch nicht mit der Binde zu Tische gehen«, entgegnete das junge Mädchen.

»Du wirst aber, wenn du den Salat machst, gen Himmel, das heißt an die Decke blicken. Es wird sich irgendeine Gelegenheit finden, dich aufzufordern, ein Gedicht, am besten eines von ihm, herzusagen, du gerätst, von der Schönheit hingerissen, in Affekt und blickst in die Wolken. Während du rezitierst, stellt der Bediente den Salatnapf vor dich und flüstert dir zu: ›Fräulein, der Salat!‹ Du läßt dich nicht stören und unterbrechen, greifst aber unwillkürlich nach Löffel und Gabel, und ohne einen Blick hinunterzuwerfen, verrichtest du mechanisch die Arbeit.«

»Aber die Liane aus dem ›Titan‹ ist ja, wie Sie mir gestern vorlasen, wirklich in dem Augenblick blind, und der häßliche Minister, ihr Vater, zwingt sie nur zu der Komödie, damit die Gesellschaft glauben soll, seine Tochter könne noch sehen. Herr Richter und alle unsre Gäste wissen aber, daß ich sehen kann, warum soll ich denn nun eine Fertigkeit zeigen, von der jeder Mensch weiß, daß sie eine außerordentliche Abrichtung kostet. Die Gäste werden wahrscheinlich den ›Titan‹ gelesen haben.«

Adelheid hatte die Binde abgerissen.

»Das setze ich sogar voraus«, sagte lächelnd die Lupinus. »Sie werden sogleich wissen, was es bedeutet. ›Ach, eine Liane!‹ wird es von Mund zu Munde gehn. Du liebst ja nicht die groben Komplimente, dies, hoffe ich, soll eines der feinsten sein, die ihm in Berlin begegnet.«

Adelheid kam das Ganze mehr wie eine Beleidigung als wie ein Kompliment vor gegen den großen Mann.

»Du kennst nicht die Welt und noch nicht die großen Männer«, seufzte die Geheimrätin. »Grade wer übersättigt ist von Lob und Bewunderung, ist am empfänglichsten für die kleinen Aufmerksamkeiten. Kann man Jean Paul noch mehr mit Huldigungen überschütten, als es die Damenwelt hier getan! Der Hausknecht schimpft schon, wo er wohnt, über die vielen verwelkten Blumen, die er täglich in die Müllgrube kehren muß, und glaubst du, daß wir ihm eine Freude machten, wenn wir ihn wieder mit einem Blumenregen überschütteten! Er würde das hinnehmen als etwas, was sein muß, und denken: wenn ihr nichts weiter könnt! Aber eine solche versteckte Anspielung muß ihm schmeicheln, eben weil er recht gut weiß, welche große Vorbereitungen es gekostet hat.«

»Und warum muß ihm denn geschmeichelt werden?«

»Weil er ein Mensch ist wie andere.«

»Und warum muß man überhaupt schmeicheln?«

»Weil wir leben wollen.«

Adelheid sah sie groß an. Sie schien sagen zu wollen: ich schmeichle niemand und lebe doch.

»Weil du jung und hübsch bist«, antwortete die Geheimrätin auf den unausgesprochenen Gedanken, »darum ist man gegen dich aufmerksam. Wenn du nicht mehr jung und hübsch bist, wirst du dich schminken müssen. Es gibt mancherlei Schminke. Je älter man wird, mein liebes Kind, um so mehr Arbeit hat der Mensch, denn um so mehr muß man die Schwächen der andern studieren, um vor ihnen zu gelten.«

»Warum muß man denn gelten wollen!« Es entfuhr ihren Lippen; sie wußte kaum den Sinn der Worte zu sagen und hätte sie gern wieder verschluckt, als die Pflegemutter sie anschielte.

»Ja, warum lebt man! Der Philosoph fehlt noch, der uns die Frage beantwortet.«

Es entstand eine Pause. Die Salatnäpfe wurden vom Dienstmädchen fortgeschafft, die Geheimrätin brachte die Tafel wieder in Ordnung, putzte die Möbel und richtete oder vertauschte die Kupferstiche an der Wand. Adelheid war emsig über eine weibliche Arbeit gebeugt, es schien, um ihr Gesicht zu verbergen. Vielleicht hatte der scharfe Ton der Pflegemutter sie verwundet. Es klang davon noch etwas in der kurzen Frage wider:

»Kam das auch von deinem Lehrer?«

»Was, Mama?«

»Daß man nicht soll gelten wollen! Herr van Asten ist ein Philosoph, der sich die Welt konstruiert, wie ein Dichter sie ansieht. Nicht wahr, hat er dir nicht gesagt, jeder Mensch soll gar nicht scheinen wollen, sondern nur sein, was er ist? Das klingt hübsch, aber die Menschen sähen sehr häßlich aus, wenn sie nichts täten, um sich zu verschönern. Davon, mein Kind, macht keiner eine Ausnahme.«

»Er selbst will gewiß nicht mehr scheinen, als er ist –«

»Sprich es nur aus, was du verschluckst, du meinst, er wäre sogar noch besser, als er scheinen will. Nicht wahr, denkst du es nicht bisweilen, wenn er in einer begeisterten Rede plötzlich innehält, als wolle er etwas nicht sagen aus Bescheidenheit, wenn er die Augen abwendet, rasch auf ein anderes Thema übergeht! – Und wenn er nun damit nichts wollte, als daß du glauben solltest, er wäre und wisse noch weit mehr, als du denkst?«

Adelheid sah sie groß an: »Dann wäre er ja ein abscheulicher Mensch!«

»Nicht schlimmer als andere. Ja, er täte gewissermaßen nur seine Pflicht. Ein Arzt, ein Prediger und Lehrer, wenn sie wirken sollen, müssen einen Glauben an ihre Vortrefflichkeit um sich verbreiten, damit ihre Patienten und Schüler an sie glauben.«

»Er brauchte es gewiß nicht«, sagte Adelheid.

»Da hast du gewissermaßen wieder recht. Er war ein guter Lateiner, wie mein Mann sagt, er hätte nur einen gewissen Klassiker zu edieren brauchen, und eine Anstellung und Anerkennung hätte ihm nicht gefehlt. Aber man sagt, das gilt jetzt nicht mehr viel. Da wandte er sich den jüngern Geistern zu, die aus der Natur, veralteten Poeten und der Mystik Gott weiß welche Schätze zu graben vermeinten. Abgestandene Aufklärung nannten diese jungen Genies die Werke, durch welche jene Männer, die vor ihnen berühmt waren, ihren Ruhm gewonnen. Auf dem Wege war kein Platz mehr für sie, zur Geltung zu kommen. Van Asten wollte auch Dichter sein.«

»Das hat er wieder aufgegeben, liebe Mutter. Er sagte mir, wer fühlt, daß seine Begabung für die Poesie nicht ausreicht, soll davon beizeiten abstehen.«

»Sehr vernünftig. Von der ganzen jungen Schule hat noch kein einziger eine Anstellung erhalten. Herr Iffland will auch ihre Theaterstücke nicht zur Aufführung bringen. Es hat einen glänzenden Schein, mein Kind, aber es gilt nicht. Darum hat dein Herr van Asten sich wieder auf anderes geworfen. Er will ein selbständiger Mann, ein Charakter sein. Er hat sich von seinem Vater getrennt, der ein angesehener reicher Mann ist, und will sich selbst sein Fortkommen verschaffen. Wenn es ihm gelingt, hat er recht. Das ist die Aufgabe des Genius, aus sich heraus seine Welt sich zu erschaffen. Sein Anfang ist recht hübsch. Er tritt nicht auf wie ein junger Kandidat, der mit gekrümmtem Rücken um die Erlaubnis bittet, ein Wort mitsprechen zu dürfen, sondern er geht aufrecht und spricht wenig, kurz, aber entschieden. Das frappiert auch Vornehmere, und man fragt, wer er ist. Ich will ihm nur wünschen, daß es ausreicht. Aber ich fürchte, es wird nicht ausreichen. Gute Privatstunden geben, und dann und wann eine gute Abhandlung in den Journalen drucken lassen, damit erlangt ein junger Mann keine Bedeutung. Er täte noch immer am gescheitesten, wenn er zu seinem Vater ins Kontor zurückkehrte. Wenn man einmal der Erbe von van Asten und Kompanie wird, kann man sich schon bequemen, ein paar Jahre am Ladentisch zu stehen.«

»Walter!«

»Dann würde er dir wohl weniger gelten?«

»Das nicht, aber –«

»Vor den Leuten würde er an Geltung verlieren. Ach, mein Kind, es steht keiner so hoch, daß er nicht alles verliert, wenn er vor den Leuten nicht mehr gilt; Kaufleute und Könige, Gelehrte und junge Mädchen. Warst du etwa eine andre, als du in dem schlechten Hause betroffen wardst? Benahmst du dich wie die Mädchen dort, trugst du Kleider wie sie, blicktest du frech die Männer an? Nichts von alledem, du warst die tugendhafte, sittsame Adelheid, die du vorher warst und jetzt bist, aber du galtest vor den Leuten für ein Mädchen wie die andern, und aller deiner trefflichen Eigenschaften ungeachtet, wärst du auf ewig verloren gewesen –«

»Wenn Sie nicht meiner sich erbarmt hätten.«

Man täte der Geheimrätin unrecht, wenn man glaubte, daß sie mit dem langen Eingang nur eine neue Dankopferung bezweckt habe. Im Gegenteil, sie liebte nicht Affektszenen, wo das Herz auf dem Präsentierbrett liegt.

»Ich habe nichts für dich getan damals«, sprach sie mit einer Ruhe, welche die Aufwallung entschieden zurückwies. »Du wurdest nur dadurch gerettet, weil der Zufall dich in mein Haus führte. Das deiner Eltern ist gewiß ein sehr ehrbares, aber dein Vater und deine Mutter haben wenig Umgang mit der Gesellschaft. Wenn sie dich auch noch so behütet und eingeschlossen, du hättest doch einen Flecken behalten. Die dich gekannt, wußten freilich, was du warst, die andern aber hätten gedacht: schade um das arme Mädchen, sie lebt nun so zurückgezogen, führt sich so sittsam auf und tut alles, was sie kann, den Verstoß wiedergutzumachen, sie ist auch vielleicht ohne eigne Schuld, aber sie war doch einmal in dem Hause, und das vergißt man nicht.«

»Aber, Mama, warum nennen Sie es Zufall? Es war Ihr edles Herz, Ihre Großmut, die mich aufnahm.«

»Es war der ausgezeichnete Mann, den der Zufall dich finden ließ. Mit bewunderungswürdigem Scharfsinn erkannte er im Augenblick die ganze Lage. ›Hier ist nichts zu vertuschen und durch Flicken nichts zu retten‹, sagte er. ›Was verloren ist, muß man verlorengeben und dafür Neues erobern. Sie muß aus ihrer Sphäre entrückt, in eine andere, höhere versetzt werden. Das muß mit einem gewissen Eklat geschehen, der die Klatschzirkel verblüfft, durch einen leuchtenden Akt der Anerkennung muß man ihnen auf den Mund schlagen, daß sie an ihrem Urteil irre werden. Und das ist nicht schwer, denn die Menge murrt zwar über die Vornehmen, richtet ihr Urteil aber immer instinktartig nach dem ein, was dort gilt. Ist das schöne junge Mädchen in den Kreisen, ich sage nicht retabliert, sondern mit vollen Ehren aufgenommen, wird sie gehätschelt, so sinkt das Urteil der Menge über sie von selbst zusammen, und am Ende schämt sich jeder, der über sie geurteilt, und leugnet es ab, denn er will doch nicht dümmer erscheinen als die vornehmen Leute.‹ So argumentierte der Legationsrat, und ich gab mich gefangen, und deine Eltern endlich auch. Und hatte der Treffliche nicht recht? Ist nun nicht alles gut? Man reißt sich um dich. Bist du eine andere geworden als damals in der kleinen Wohnung am Gendarmenmarkt? Habe ich dich besser gemacht, erzogen? Ich bin weit von der Eitelkeit entfernt, mir das anzumaßen; ich weiß sogar, daß du ein Charakter bist, der sich eigentlich nicht erziehen läßt, der sich aus sich selbst heraus bildet. Was du nach meinem Willen tust, geschieht nur aus Dankbarkeit, und du behältst noch deinen Willen. Aber vor der Welt bist du eine andere, du giltst, ich sage nicht für tugendhaft, davon ist nicht mehr die Rede, aber vielleicht für mehr, als du jetzt schon bist, du bist ein enfant gâté der Modewelt, alles, weil du in einem Hause lebst, was Geltung hat. Ja, mein liebes Kind, wer unter den Menschen leben will, muß vor ihnen gelten wollen.«

Die Geheimrätin wühlte mit einem kalten Eisen in einem warmen Herzen. Es war nicht das erstemal, es geschah auch nicht zufällig; sie meinte auch, nicht mit grausamer Absicht. Um fest zu werden für das Leben vor uns, muß man jeden Augenblick über das hinter uns klar sein, war ihr Argument.

Auch Adelheid wiederholte nur, was sie schon tausendmal gesagt, von dem Schutzengel, den sie gefunden, dem neuen Leben, welches sie in diesem Hause angefangen, wie sie sich jedesmal strafe, wenn sie dem Willen ihrer Retterin entgegen handelte, wie alles hier zu ihrem Glücke ausschlage.

»Und doch wünschtest du dich schon fort!«

So eiskalt der durchdringende Blick der Lupinus war, der auf ihr ruhte, eine so hohe Röte übergoß Adelheids Stirn und Wangen; sie senkte die Augen: sie sei vielleicht zu glücklich, darum wünsche sie manchmal, es wäre alles ein Traum.

»Das sind idyllische Stimmungen, die ich deinen Jahren gönne, aber dein Verstand überflügelt schon deine Jahre. Dir mißbehagt manches, du fühlst dich nicht ganz zu Hause; ich verdenke es dir nicht, aber du mußt klar mit dir werden. Ich weiß es sehr wohl, liebes Kind, manche Besucher, die Gesellschaftsformen, mein Verhältnis zum Geheimrat, auch das zu deinen Eltern, die ich nicht als zu meiner Familie gehörig betrachten kann, das verstimmt dich. Auch stimmen unsere Sentiments nicht immer zueinander. Das beklemmt dich; ich verarge es dir nicht. Aber es ist nun einmal so. Der Kanarienvogel findet sich in seinem glänzenden Käficht auch beklommen. Aber wenn man ihn hinausließe, erstarrte er an der rauhen Luft. Du wirst einmal hinaus, wenn sich eine gute Partie für dich findet, was in meiner Gesellschaft sich bald machen dürfte, und dann bist du frei.«

»Nicht doch! nicht doch!« Adelheid küßte mit Heftigkeit die Hand der Lupinus.

»Du bist unruhig. Hättest du wieder beleidigende Äußerungen gehört?«

»Im Gegenteil, liebe Mutter, das ist alles überwunden, selbst der schreckliche Gedanke, daß ich in die Zeitungen kommen mußte, auch das ist nun vorüber. Als wir neulich durch die Nebel auf der Wiese fuhren und die Sonne ging dann auf und sie verdampften, bis alles, alles klar war, da fühlte ich mich wie aufgelebt. Das Gras, die Büsche und die Blumen sind doch nicht schuld daran, dachte ich, daß der häßliche Nebel sie belegt.«

Der Geheimrätin prüfender Blick war noch derselbe: »Und dir ist doch etwas! Du kamst so echauffiert zurück. Du kannst dich nicht verstellen. Ist er dir wieder begegnet?«

Adelheid nickte nur mit dem Kopf.

»Wo?«

»Als ich in den Torweg zu Herrn Richter einbog, glaubte ich ihn um die andre Ecke kommen zu sehen, ich hoffte, er hätte mich nicht bemerkt. Und darum war es mir lieb, daß Herr Richter mich länger aufhielt. Aber als ich heraustrat, und wirklich, ich hatte ihn in dem Augenblick ganz vergessen über den herrlichen Mann, da –«

»Unterstand er sich, dich auf offener Straße anzutreten?«

»Nein, eigentlich nicht. Er stand am Eckhause, wo ich vorbei mußte, mit gekreuzten Armen, wie ein Träumender.«

»Und als du vorbeigingst?«

»Mama, ich glaube beinahe, ich hüpfte vorbei, so wohl war mir in dem Augenblick, und ich sah ihn erst und er gewiß mich auch, als ich beinahe an ihn stieß.«

»Und –«

»Ich weiß nicht, stieß ich einen Schrei aus, aber es war gewiß nicht laut, ich fuhr zurück –«

»Und er?«

»Vielleicht sagte er auch etwas. Das weiß ich nicht mehr. Aber der Blick, den er auf mich warf, verfolgte mich.«

»Ich freue mich, daß es nur sein Blick war.«

»Nein – er ging mir nach.«

»Unerhört! Ließest du ihn nicht durch den Bedienten zurechtweisen? Er ist ja ein fürchterlicher Mensch.«

»Den armen kranken Johann, der sich nur so hinschleppt –«

»Du hättest den ersten besten Polizeimann oder Soldaten anrufen sollen.«

»Nein, teuerste Mutter, lassen sie mich lieber nie mehr ausgehen ohne Ihre Begleitung. Ich bitte Sie recht dringend, inständigst darum. Ich hätte wohl den Mut, ihm Rede zu stehen, wie er verdient, aber –«

»Dreimal hatte er ja wohl die Unverschämtheit, sich anmelden zu lassen, seit er aus dem Arrest ist?«

»Das drittemal grade, als Sie zum Polizeipräsidenten gefahren waren.«

»Da ist auch keine Abhilfe«, sagte die Geheimrätin kopfschüttelnd. »Der Präsident meinte, die paar Wochen, die man ihn wieder eingesperrt, seien das Äußerste, was man tun könne. Denn von der Insulte gegen dich ist nicht die Rede gewesen, nur weil er maskiert auf der Straße erschienen und mit der Wache seinen Spott trieb! – Aber mit uns treibt er täglich seinen Spott, sagte ich, er verfolgt im Theater, auf der Straße meine Pflegetochter, er dringt in mein Haus. Wer schützt uns? Der Herr Präsident hatten keine Antwort als, er bedaure, daß wir keine Bastille hätten und keine lettres de cachet für Personen, die uns unbequem sind.«

Adelheid senkte die Augen: »Was tat er uns auch eigentlich, was die Obrigkeit verbieten kann? Andre fixieren mich auch im Theater. Er wollte in unser Haus, aber bei hellem Tage, er klingelte und ließ sich ordentlich melden. Er schrieb einen Brief an mich, aber wir schickten ihn uneröffnet zurück. Wir können dem Richter nicht einmal angeben, was er will.«

»Sollen wir warten, bis er eine Leiter anlegt oder nachts übers Dach einbricht?«

»Neulich, als Sie fortgefahren waren, hatte er mich durch das Flurfenster gesehen, und doch respektierte er die Unwahrheit, die der Bediente auf Ihren Befehl sagte: ich sei nicht zu Hause. Johann hatte die Tür schon geöffnet, er brauchte nur den Fuß vorzusetzen, ihn mit dem Ellenbogen zurückzustoßen, und wenn er seiner Tollheit nachgehen wollte, war er Herr im Hause. Es mag in dem Augenblick auch so etwas in seinen Sinnen umgegangen sein. Die Arme auf der Brust gekreuzt, stand er eine Weile auf dem Flur, und sein Auge schien in die Dielen zu brennen. Da hab ich auch einen Augenblick gezittert. Plötzlich rief er: ›Ich werde sie ein andermal zu Hause finden‹, und ohne sich umzusehen, stürzte er die Treppe hinunter. Es kann doch also keine böse Absicht sein.«

»Seine Absicht ist, meinem Hause einen Affront anzutun. Es ist eine Beleidigung jetzt mir zugefügt. Sein Vater hat den Taugenichts zwar desavouiert, nichtsdestoweniger bleibt sein Vater der Herr Geheimrat Bovillard, der am Ende noch Gefallen daran findet, wenn sein ungeratener Sohn eine Dame insultiert, die er schon mit seinen Pläsanterien verfolgt. Aber das soll, muß anders werden. Wir werden einen Beschützer finden. Dein Erretter, der Legationsrat, der unglücklicherweise bald nach jener Affäre Berlin verlassen mußte, um seine Güter zu revidieren, wird bald zurückkehren. Er weiß, wie man uns Ruhe verschafft. Er ist jetzt der Mann, der gilt, der Stern der Gesellschaften, und ich hoffe von seinem Einfluß auf den alten Bovillard, daß er selbst endlich müde wird und den Vaurien auf gute Art aus der Stadt schafft.«

Die Lupinus hatte in ihrem Eifer übersehen, daß Adelheid den Mund zu einer Mitteilung geöffnet: »Herr von Wandel ist ja zurück.«

Die Geheimrätin hätte jetzt ebenso Grund gehabt, in Adelheids Art etwas Auffälliges, eine Aufgeregtheit zu finden, aber weil sie selbst aufgeregt war, merkte sie es nicht.

»Er zurück! – Woher weißt du das?«

»Als ich vor ihm – vor jenem – in einen Laden flüchten wollte, trat er heraus.«

»Wandel – und – mein Gott, das Wichtigste sagst du mir jetzt erst!«

»Ich war so überrascht, verwirrt –«

»Und –«

»Ja, was eigentlich geschehen, weiß ich nicht. Ich glaube, ich habe ihm die Hand gereicht.«

»Du glaubst –«

»Mama, ich glaube, ich hätte jedem sie gereicht, der mir entgegentrat, es war eine Angst, ich sah nichts mehr vor mir.«

»Und der Legationsrat! – Haben sich beide wiedererkannt?«

»Ich weiß es nicht. Der Legationsrat sah nur meine Angst. Aber dann hat er mich nach Haus geführt.«

»Er – dich? Hierher? Wo ist er? – Was sagte er?«

»Liebe Mutter, zürnen Sie mir, ich weiß nichts von dem Gespräch. Ich horchte nur immer, ich bebte, ob er noch hinter uns wäre. Er wird mich für sehr kindisch gehalten haben.«

»Ich will es dir vergeben, weil du beschämt warst, nicht mehr Mut gezeigt zu haben. Und vor dem herrlichen Mann, dessen Gegenwart schon deine gesunkenen Geister erheben mußte! – Aber mein Gott, wo ist er? Er hat dich hergeführt. Warum kam er nicht mit herauf?«

Adelheids Geister waren nicht gehoben. Auf alle Fragen der Geheimrätin über ihren Begleiter wußte sie kaum sich zu entsinnen, daß er beim Abschied gesagt, wenn er nicht zu einem Minister berufen, würde er sich sofort das Vergnügen gemacht haben, bei ihrer gütigen Pflegemutter anzusprechen. Adelheid ward mit dem Befehl entlassen, für ihre Toilette zu sorgen.

Die Geheimrätin war in sichtlicher Unruhe zurückgeblieben. Ihre Gedanken machten Kreuz- und Quersprünge: »Was ist denn wichtig, und was sind nicht Bagatellen! Nur das, was grade gilt. Und sie gilt, weil – weil gestern die Frivolität Mode war und heute die Unschuld. Auf wie lange? Und wenn man auch Unschuld und Schönheit konservieren könnte wie Mumien, so würden es doch abgestandene Dinge werden, denn der Reiz ist nur beim Neuen. Und wer ihnen immer Neues, immer Pikantes vorsetzen, wer sich wie das Chamäleon umwandeln könnte, in jedem Jahr und Monat ihnen neu sein, der würde ihnen am Ende auch gewöhnlich und alt werden, weil er es kann, weil man es von ihm erwartet, und sie würden ihn beiseite schieben, wenn er nichts anders kann, und ihn wegwerfen, wenn er es nicht mehr kann.«

Als der Blumenstrauß, den sie aus der Vase genommen, von ihr gedankenlos zerpflückt war, erschrak sie über die bittre Richtung, die ihre Gedanken genommen. Eine schlechte Vorbereitung zu dem heutigen Abend. Es sollte ein Fest der feinsten Heiterkeit sein. Wenn sie den Legationsrat präsentieren konnte, ihn, den neuesten Lion der Gesellschaft, den bewunderten, rätselhaften Mann, der aber, als er, eine neue Sonne, aufgegangen, plötzlich wieder verschwunden war! Wenn er nach seiner langen Abwesenheit zuerst in ihrer Gesellschaft wieder erschien! Wenn er jetzt anklopfen sollte, sein erster Besuch bei ihr? Wenn – niemand kannte den geheimen Grund seines Aufenthalts in Berlin, und welches Vertrauen hatte er grade ihr gezeigt, als ihn ein dringendes Geschäft plötzlich auf seine Güter rief! – Wenn er sich gedrungen fühlte, sie zur Mitwisserin seiner Ideen zu machen. Ihre Phantasie malte sich eine Reihe angenehmer Situationen, als eine kalte Frage dazwischenfuhr: Wird er denn überhaupt kommen? Hat er dem Mädchen nicht vielleicht etwas aufgebunden, nur um sie loszuwerden? Ist er nicht vielleicht abgereist, um seine Verbindungen hier zu brechen? Er kehrt zurück, Gott weiß warum, aber nicht, um die wieder anzuknüpfen, deren er überdrüssig ist. Er ist ein Mann, der der Welt angehört, Berlin ihm ein Stationsort, um sich auszuruhen, nicht länger als nötig, und die Personen, mit denen er umgeht, zum Zeitvertreib zu gebrauchen. Zum Tor hinaus, in der nächsten Stadt hat er uns vergessen.

Aus diesem neuen peinlichen Selbstgespräch riß sie ein fester Klingelzug, und gleich darauf meldete ihr der Diener den Legationsrat von Wandel.

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