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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Zweites Kapitel.
Unterricht in der Erziehung.

Wir waren nur am späten Abend bei einem flüchtigen Besuch in den Zimmern der Geheimrätin. Es sah jetzt anders darin aus. Die Möbel hatten neue Überzüge erhalten, manches Veraltete war einem Neuangeschaffenen gewichen. Die Schildereien waren geschmackvoller geordnet, das Silberzeug glänzte frisch aufgeputzt, und die Geheimrätin war selbst beim Drapieren der Gardinen beschäftigt, als van Asten eintrat.

»Sie finden mich in einer ungewohnten Beschäftigung. Aber wenn man etwas ordentlich gemacht haben will, kann man es den Leuten nicht überlassen. Es hält schwer, unseren Ouvriers Geschmack beizubringen.«

»Frau Geheimrätin erwarten Gesellschaft?«

»Eine ganz kleine. Sie wissen, wie die großen, glänzenden mir zuwider sind, wo alles auf den Apparat abgesehen ist und Geist und Herz sich verstecken müssen.«

Die geöffneten Flügeltüren einer Reihe Appartements, die ausgelegten Teppiche und die Wachskerzen auf den Kronleuchtern schienen indes mit dieser Angabe nicht zu stimmen. Die Lupinus mochte den beobachtenden Blick des Lehrers bemerkt haben, als sie hinzusetzte:

»Aber es wird nicht gespielt. Daß diese geisttötende Unterhaltung im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts sich noch erhalten kann, und in Kreisen, die durch ihre Bildung hervorstechen! Man wird es späterhin kaum begreifen.«

Van Asten meinte, es wäre wenigstens eine harmlose Schattenseite. »Der Geistreiche kann doch nicht immer sprudeln und sich ausgeben, und der Geistarme findet ein sicheres Versteck. Welt und Gesellschaft sind nun einmal zusammengewürfelte Kunststücke von Reichen und Armen. Den bunten Schleier, der den Unterschied verbirgt, sollte man nicht mutwillig zerreißen.«

Der Geheimrätin mißfiel diese Auslegung nicht: »Es freut mich, daß Adelheid sich in diesem Kreise zu gefallen anfängt. Im Anfang war ich besorgt. Aber sie gewöhnt sich schon –«

»Sie gewöhnt sich!« wiederholte van Asten und schwieg doch wieder.

»Sie gewöhnt sich an die edlere, feinere Art, nachdem sie inne wird, daß ihre naiven Antworten nur ihrer Neuheit wegen gefielen und wirkten. Das ist der Takt des Kindes, den ich admiriere. Daß man bei der zweiten, dritten naiven Antwort schon anders lacht als bei der ersten, hat sie gemerkt. Oh, es ist ein höchst gelehriges Kind. Man braucht nur anzutippen. Sie müssen eine wahre Freude an solcher Schülerin haben.«

Van Asten schien die Freude nicht in dem Maße zu empfinden, als die Geheimrätin es erwartete.

»Man spricht schon in der Stadt von Ihren geistvollen Zirkeln.«

Die Geheimrätin zuckte die Achseln: sie möchte wünschen, daß man weniger davon spreche, man könnte sein Haus doch auch nicht für jedermann offenhalten. Dennoch wehrte sie die Elogen schon schwächer ab, als Walter van Asten die Äußerung einer geistvollen Prinzessin wiederholte, die sich gefreut, daß doch endlich einmal das Haus eines Offizianten sich der Bildung und Kunst erschlossen, da, wer nach Geist und Intelligenz verlangt, sie bis jetzt fast nur in den reichen Judenhäusern suchen mußte.

Die Geheimrätin lächelte: »Zu gütig von dieser geistreichen Prinzessin. Der Prinz, ihr Bruder, macht allerdings keinen Unterschied, ob er in der Hautevolee oder in den Judenhäusern ist; nur im Schoß seiner Familie sieht man ihn am seltensten.«

Die Bemerkungen waren so hingeworfen, daß Walter darin die Aufforderung las, noch mehr zu erzählen, obwohl ihre Worte dagegen protestierten. Dieselbe Prinzessin hatte geäußert, es sei doch eine wirkliche Beschämung für unsern Adel, daß er der Kunst und Wissenschaft und dem Umgange mit den Geistern der Nation sich verschließe, die ihre Ehre ausmachen. Da hätte eine Fremde, die Staël, nach Berlin kommen müssen, um ästhetische Zirkel zu bilden, und jetzt usurpiere Prinzeß Biron von Kurland, was Pflicht des einheimischen Adels sei.

Die Geheimrätin machte einige Bemerkungen über die Herzogin von Kurland, daß sie sich merkwürdig konserviert habe, schöner eigentlich noch als ihre Töchter, die doch auch sehr liebenswürdig wären. Aber ihre Gedanken waren wohl nicht bei der Herzogin noch den Gelehrten und Dichtern, die sie in ihren Bann gezogen.

»Prinzeß Radziwill hatte auch gefragt, wer denn Schiller gefeiert, als er hier war? Ebenfalls wieder Juden, Fremde, Diplomaten, einige bürgerliche Häuser.«

»Ich habe mir Schiller doch anders gedacht«, sagte nach einer Pause die Lupinus. »Er war so schweigsam. An Ehrenbezeugungen hat es ihm doch wirklich nicht gefehlt, aber es blitzte so selten das innere Feuer auf. Ich sprach zweimal mit ihm, und beidemal redete er wie ein gewöhnlicher Mensch. Ob er uns vielleicht der erhabenen Sentiments, der berauschenden Gedanken nicht werthält, die doch bei jeder geistigen Berührung aus einem Geiste wie der seine aufsteigen, emporwirbeln müssen, denke ich, wie die Lerche in den Äther!«

»Es ist vielleicht nicht gut, daß man die Dichter mit Lerchen vergleicht.«

»Sie wollen sie lieber mit Nachtigallen vergleichen«, sagte die Lupinus spitz, »die aus der Nacht ihrer Einsamkeit ihre Töne schmettern lassen, wenn es ihnen eben bequem ist, eigensinnig, qu'importe, wer sie hört!«

»Es mag auch manches andere ihn verstimmt haben«, sagte Walter, noch ungewiß, wohin die Geheimrätin steuerte. »Ihre Majestät die Königin hätte ihn gern hierhergezogen.«

»Meinen Sie nicht auch, ein Genius wie seiner wäre in unserem Staube, unserer Kritik, an unserer Hofluft untergegangen? In Weimar thront er in einem Tempel, hier hätte er Tempeldienste verrichten müssen. Es fehlt hier an der rechten Sonne, meinen Sie nicht auch? Und noch immer so viel Rücksichten, Bedenklichkeiten. Es sieht einer den andern an, wenn er in die Gesellschaft tritt, und wenn er ihn noch nicht gesehen, fragt er zuerst, ob er auch zu ihm gehört. Mein Gott! Diese Geburts- und Standesunterschiede müßten doch verschwinden, wenn die rechte Sonne des Geistes in einem Zentralpunkt auf alle schiene, gleichwie in einem Saal die Kerzen an den Seitenwänden keinen Schatten werfen, wenn ein voller Kronleuchter alle von oben beleuchtet. So könnte ich mir das Haus der Herzogin denken. Aber sie ist nur eine passagere Erscheinung, und dann ladet sie doch auch nur eine gewisse Elite ein, es ist auch noch manches andre da, doch passons là-dessus. Ebenso können die Kreise der geistreichen Jüdinnen nicht dominierend werden, es stößt sich doch mancher daran.«

Jetzt wußte van Asten, wohin die Geheimrätin steuerte. Er hatte ja selbst dahin das Schiff der Unterhaltung gelenkt und nur nicht gemerkt, daß sie durch ein Scheinmanöver es abgelenkt, nur damit er mit noch mehr Nachdruck die Richtung wieder einschlage. Warum sollte er nicht in ihre Wünsche eingehen! Es war keine Sünde gegen die Wahrheit, daß er es für verdienstlich erklärte, wenn eine Dame ihr Haus als Vereinigungspunkt für die Notabilitäten der Intelligenz öffne, eine Dame, die mit klarem Verstande, Belesenheit, feiner Sensualität und durch den Stand ihres Gatten und ihre eigne Geburt dazu wie berufen scheine.

»Sie scherzen! Das könnte eine jede, wenn sie wollte. Im übrigen, was ist es denn auch Besonderes, wenn man etwas anders aussieht als diese ehrbaren Hausfrauen, die vom Bügeln und Kinderwiegen noch echauffiert scheinen, wenn sie ihr Gesellschaftskleid angelegt haben. Denn allerdings kommt mir manche vor, wenn sie nach dem Kuchenteller den Arm ausstreckt, als mache sie eine Bewegung, um ein Stück Wäsche über die Leine zu werfen. Und dann, lieber van Asten, Sie spielen auf meine Herkunft an. Ich bitte Sie, um Gottes willen, nur davon nichts, daß ich von Adel bin. Über diese Unterscheidungen sind wir doch hinaus. Sie wissen, daß ich meinen Namen ohne Tränen einem Bürgerlichen hingeopfert habe. Lassen wir die Toten ruhen! Ja, ich will gern meine Schwäche bekennen, es ist mir manches Mal recht angenehm, ja es schmeichelt mir, wenn ich mich als den Mittelpunkt dieser heitern, von Geist und Witz funkelnden Kreise betrachte. Aber«, – sie hielt einen Augenblick inne – »aber, wenn sie gegangen, die Lichter ausgelöscht sind, überfällt mich doch wieder, ich weiß nicht was, ein inneres Gähnen, eine Hohlheit.«

»Verlangen Sie von einem Spiel ein Resultat?«

»Aber von all dem schwirrenden Geschwätz, von den Händedrücken, den zärtlichen Beteuerungen, was bleibt denn andres als – eine Lüge! Ich weiß recht gut, daß einige von den jungen Leuten, die am Tisch die Mäßigen gespielt, noch ins Weinhaus eilen, um sich zu restaurieren. Es tun es auch noch andere, Johannes Müller, Herr Dedel, auch vom Prinzen weiß ich es. In ihren Symposien machen sie sich herzlich über uns lustig. Und ich verdenke es ihnen nicht. Gärt und lacht es doch auch in mir, und wenn meiner Natur die erhitzenden Getränke nicht entgegen wären, könnte ich mit ihnen Vergessenheit trinken wollen. – Sie sehen mich verwundert an. Nein, nein, ich versichere Sie, ich empfinde das ganze Unbehagen, von dem man mir erzählt, daß es die Schwelger nach ihrem Rausche fühlen.«

Van Asten sah sie betroffen an. »Warum stürzen Sie sich denn in die Lüge, wenn Sie ihre Wirkungen kennen?« Er verschluckte es.

»Und wenn die Leute sich auch wirklich amüsiert haben«, fuhr sie nach einer Pause fort, »wie Sie versichern, worüber war es! Die in der Ecke am lustigsten schienen, lachten vielleicht über mich, über mein Bestreben, ihnen einen angenehmen Abend zu bereiten. Vielleicht über den Geheimrat, unsre Bewirtung, Einrichtung. Gott weiß worüber. Alle sind meine Feinde, Neider, und ich mußte doch beim Abschied die Hand ihnen drücken und sie versichern, wie unendlich ich mich gefreut, sie bei mir zu sehen, warum sie so schnell forteilten. Darum Embrassements, nachgewinkte Küsse, Beteuerungen, daß sie seit lange keinen so vergnügten Abend verlebt. Und wenn sie auf der Straße sind, kaum in den Wagen gestiegen, gähnen sie, wie ich gähne: ›Gott sei Dank, daß der langweilige Abend vorüber ist.‹«

Welcher Dämon war plötzlich in die seltsame Frau gefahren! Mit der Gefallsucht, über die er nicht Richter sein wollte, hatte sie begonnen, und aus ihrem Innersten quoll heraus, was sie ihm nicht sagen wollen. War er der Magnet, der ihre verborgenen Gedanken und Qualen wider ihren Willen entlockte, oder welche unsichtbare Macht zwang sie, noch eben in der geschmückten Lüge sich schaukelnd, den häßlichsten Grund der Wahrheit herauszukehren! Es war eine Wahrheit der Empfindung; dieser verkniffene Zug um den Mund, dieser böslächelnde Blick konnten nicht heucheln.

»Es ist das Mysterium der Natur«, sagte er, »daß oft, wo wir sie nicht säen, wir Liebe ernten.«

»Und doch sind Liebe, Freundschaft, Entzücken und Begeisterung nur Masken für den Egoismus. Mit ihnen will jeder soviel für sich herauspressen, als er kann. Solange es ihm gelingt, ein Vergnügen sich zu verschaffen, so lange dauert die Freundschaft, die Liebe, der Fanatismus, die er auch grade so lange für echt und wahr hält, als der Reiz dauert. Ist der hin, das Thema erschöpft, wird uns die liebste Freundin, der beste Freund gleichgültig; anstandshalber führen wir noch eine Weile die Täuschung fort, bis wir die Puppen fallen lassen, herzlich froh, wenn ein Zufall uns trennt.«

Damit war das Gespräch zu Ende. Statt eines eitlen geistvollen Weibes stand neben ihm eine Salzsäule. Es war eine Verwandlung, zu der sie so wenig getan als Lots Frau zu der ihren; nur ein Naturprozeß. Es wehte ihn kühl an; er hatte nichts mehr mit ihr zu reden, und doch forderte die Konvention, daß er nicht schweigend ging: Wenigstens, äußerte er, werde die Tochter des Kriegsrats Alltag, davon sei er überzeugt, nie vergessen, was sie der Geheimrätin Lupinus verdankt.

»Meinen Sie!« Die Salzsäule sah ihn mit einem ihrer eigentümlichen Blicke an, und ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. »Grade so lange wird sie mich als die Schöpferin ihres Glückes enthusiastisch lieben, als sie sich in meinem Hause amüsiert und vergöttert wird. Vielleicht auch nicht einmal so lange. Nur bis sie auf eigenen Füßen steht und von mir nichts mehr profitieren kann.«

Er verbeugte sich: »Frau Geheimrätin haben sonst mir nichts zu befehlen?«

»Adieu – doch! Warten Sie. Ich hatte ja einen Auftrag für Sie. Richtig. – Springen Sie doch im Vorübergehen bei Alltags an. Die Kriegsrats werden sich vielleicht wundern, wenn sie von der Gesellschaft heut abend hören und nicht eingeladen sind. Aber das geht doch nicht immer. Sie passen ja nicht.«

»Ihre Eltern –«

»Eben darum; nur Adelheid zuliebe! – Wenn sie sehen, daß das Mädchen solche gewöhnliche Eltern hat!«

»Der Vater ist doch ein geachteter Mann –«

»Wer redet von den Äußerlichkeiten. Sie passen nicht zu der gebildeten Gesellschaft. Wenn auch etwa Schadow und Hirt mit solchen Kern- und Naturmenschen sich zu unterhalten einen Spaß finden, so sind doch andere, die daran keinen Spaß finden. Die russische Fürstin hat zugesagt, und ich – Sie sehen mich in einer kleinen Aufregung und Spannung –, ich hoffe, auch Jean Paul wird kommen.«

»Jean Paul Friedrich Richter!«

»Ich hoffe wenigstens. Man reißt sich so um ihn, daß man es wirklich einen glücklichen Augenblick nennen kann, wo man ihn frei trifft. – Indessen – wie gesagt also, gehn Sie zu den Eltern, und Sie werden schon die beste Art finden, es ihnen begreiflich zu machen. Es hätte sich erst heute so zufällig gemacht –«

»Es wird schwer sein, die Art zu finden, die nicht beleidigt.«

»So sagen Sie – nein, sagen Sie, was Sie wollen, es ist mir im Grunde ganz gleichgültig. Was gehören Alltags zu Jean Paul!«

Van Asten verneigte sich wieder, aber an der Tür rief ihn die Geheimrätin wieder zurück: »Apropos, ich habe doch ganz vergessen, was ich Ihnen sagen wollte. Mein Kompliment dem Lehrer, sie lernt unbegreiflich schnell, aber Sie müssen ihr etwas mehr ästhetischen Elan geben.«

Van Asten sah sie erstaunt an: »Ich finde in ihr ein Verständnis der Dichter –«

»Ja, ja, das ist schon recht – das ist es aber nicht –«

»Ihr Gedächtnis für alle wahrhaft schönen Stellen –«

»Ist bewunderungswürdig. Das ›Fischerlied‹ von Goethe hörte sie nur einmal von Ihnen, und am Abend rezitierte sie es mir vorm Zubettegehen. Admirabel! Das ist alles recht schön, auch kann sie die ›Glocke‹ beinahe auswendig. Schiller war enchantiert davon. Ich hatte es nämlich so einzurichten gewußt, daß er sich mit der Berg an der Tür im Nebenzimmer unterhielt, als sie, von den jungen Mädchen wie zufällig aufgefordert, einige Partien draus deklamierte, Aber Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen, als Schiller plötzlich in die Hände klatschte. Glauben Sie, daß, wenn ich sie vorher ihm vorgestellt, sie nur den Mund aufgetan hätte? Mit Schiller passierte das noch, aber wie benahm sie sich gegen Jean Paul! Da von der Gesellschaft Unter den Linden will ich nichts sagen. Es war ja ein Gedränge um ihn, beinahe ein Skandal.«

Walter lächelte. Der böse Leumund erzählte von zwei Freundinnen, die in derselben Absicht nach dem Sessel eilten, von dem der Dichter eben aufgestanden. Der Natur der Dinge nach konnte nur eine die Glückliche sein und sitzen, wo der Dichter gesessen. Man behauptete, daß beide seitdem nicht mehr Freundinnen wären.

Die Geheimrätin las aus Walters Lächeln den Sinn: »So seid ihr alle, und keiner besser als der andre. Die Huldigungen edler Frauen für eine Größe, wenn sie euch selbst nicht gelten, sind nur gut für euren Spott. Nicht wahr, das charmante Triolett, was durch die Stadt läuft, ist von einem Ihrer Freunde, von dem Herrn Tieck oder Bernhardi oder einem der Herren Schlegel?«

»Unsre Freunde«, sagte er, »erkennen das echte Feuer, das aus diesem Genius in so wunderbaren Flammenwirbeln der Phantasie und des Humors gen Himmel prasselt, wenngleich der krause irdische Troß, den es mitnimmt, vielen das Verständnis seiner Seelenakkorde erschwert.«

»Wir nun bemerken nicht diesen Troß und sind darin glücklicher als die Herren der Schöpfung, denen so oft der Sinn über die verletzte Form verlorengeht. – Das aber ist es, ja, ja, Herr van Asten, Sie wollen Ihrer Schülerin einen zu klassischen Sinn einimpfen. Sie dämpfen ihre Entzückungen – aber was ich sagen wollte –, ich habe ihn nachher mit Adelheid besucht –«

»Jean Paul?«

»Ja, wir sahn ihn im Heiligtum seiner Häuslichkeit. Es war doch etwas ganz anderes als bei der albernen Ihlendorf Unter den Linden. Mein Gott, wie wird diese unglückliche Frau von dem einen glücklichen Fang wieder aufgebläht werden! Ihr silberner Teekessel soll manchen Abend ganz umsonst rauchen und die arme Baronin in fieberhafter Angst auf jeden Klingelzug hören! Und nun war Jean Paul einmal bei ihr, ihre Säle vollgestopft, und ganz Berlin spricht davon! – Aber, ich sage Ihnen, unter seinen Penaten muß man einen großen Mann sehen.«

»Sie waren in seiner Wohnung – und mit Adelheid?«

»Die russische Fürstin war eben fortgefahren. Wir trafen nur noch vier Damen, die ihm einen Teppich gebracht, denn der Fußboden ist sehr kalt, weil er über einem Stall wohnt. Sie ließen es sich nicht nehmen, ihn selbst anzunageln, und währenddem hatten wir die schönsten Minuten. Ach, wie ganz anders ist Jean Paul als Schiller! Jeden Moment, jedes Blitzen eines Sonnenstrahls weiß er zu benutzen, es sprüht immer etwas Sinnvolles, Angenehmes. Wenn eine der Damen sich auf die Finger klopfte, beneideten die Genien sie um den Schmerz, den eine edle Seele bei einem Liebeswerk empfindet.«

»Und die Damen erwiderten die Galanterien?«

»Es scheint wirklich ein Pfingstgeist in unsre Landsmänninnen gefahren. Denken Sie, selbst die Eitelbach, wie berauscht von seiner Nähe, ward witzig. Sie sprach etwas, was im ›Hesperus‹ stehen könnte.«

»Oder vielleicht schon drinsteht.«

»Gleichviel, es ist eine Magie, die alle in seiner Gegenwart über sich selbst erhebt. Ich ließ ihm durch Adelheid ein Bukett überreichen.«

»Gewiß mit Worten, die im ›Titan‹ ihren Ehrenplatz fänden.«

»Es war, meine ich, keine üble Phrase, eine Phantasie, die mit am Morgen eingefallen war. Sie hatte sie auch ganz gut auswendig gelernt, eine Art Streckvers. – Sie trug einen Kornblumenkranz im Haar.«

»Kornblumen! –«

»Natürlich künstliche. Die Kornblumenzeit ist ja vorüber. Sie sollte mir recht natürlich kindlich aussehen. Aber sie sprach so hölzern, ich möchte sagen, gedehnt. Mir ward schon ängstlich zumute, und sie war kaum in der Mitte, als die Eitelbach den Schrei ausstieß. Sie nämlich war es, die sich mit dem Hammer auf den Finger geklopft hatte. Da sprang Jean Paul vom Sofa und küßte ihr das Blut vom Finger.«

»Was eine unangenehme Unterbrechung gab.«

»Stellen Sie sich vor, Adelheid war nun so in Konfusion, oder was war es, sie hatte den Streckvers vergessen, überreichte ihm wie ein Bauernmädchen den Strauß und sagte: ›Die Blumen bleiben ja, was sie sind, auch ohne Worte.‹«

»Der Dichter wird durch ein Impromptu die Verlegenheit ausgeglichen haben.«

»Das ist es eben, er sprach so wunderschön, in lauter gewählten, ich möchte sagen, selbst in Streckversen; aber sie antwortete ihm, als wäre er ein Mann wie andere, ganz offen, naiv, dreist. Es schnitt mir durch die Seele. Das Mädchen empfand so gar nichts von der Veneration. Jeder gibt sich doch Mühe, soviel er wenigstens kann, sie an den Tag zu legen.«

»Jean Paul wird ihr verziehen haben.«

»Ich aber nicht«, fiel die Geheimrätin, scharf ihn anblickend, ein. »Was soll er von mir denken, wenn nicht einmal meine Umgebung das Interesse an den Tag zu legen weiß, das er bei den unbedeutendsten Frauen erregt. Unbedeutend ist Adelheid nicht, es muß also doch etwas an ihren Lehrern liegen –«

»Oder an ihrem Charakter.«

»Den ich in diesem einen Punkt zu biegen mir erlauben werde, mein Herr van Asten. Übrigens wird sie Gelegenheit haben, ihn in diesem Augenblick zu zeigen. Da ich heut morgen durch Doktor Selle erfuhr, daß die Gesellschaft der Kurland ausfällt – sie ist an den Hof geladen –, also Jean Paul frei ist, schickte ich Adelheid zu ihm, ihn zu invitieren.«

»Das junge Mädchen –«

»Mit dem Bedienten.«

»Aber – er logiert – was man gewöhnlich eine Kneipe nennt.«

»Ich weiß es, unten ist eine Bierstube, auf dem Hofe eine Hufschmiede. Ist er darum weniger der Dichter?«

»Und in der frühen Stunde. In Pantoffeln und Schlafrock, die Pfeife im Munde –«

»Empfängt er Fürstinnen, denen die Stunde und das Kostüm nicht unanständig erscheint, wenn es gilt, dem Genius die Huldigungen darzubringen, würdig des Mannes, welcher so die wahre Frauenwürde erkannt hat. Adelheid wird davon nicht sterben, beruhigen Sie sich, wenn sie sich einmal selbst überwindet. Wir müssen uns alle überwinden, das – ist die Aufgabe unseres Lebens. Morgen aber kommen Sie etwas später zur Lektion, Herr van Asten, wir müssen ausschlafen.«

Als er die Tür öffnen wollte, trat Adelheid ein.

»Kommt er?« rief die Geheimrätin.

»Er kommt.« Sie flog der Geheimrätin an den Hals, die ihre Locken streichelte und ihre Stirn küßte.

»Ich wußte es, einem so schönen Mädchen konnte er nichts abschlagen.«

»Ach, hätten Sie ihn gesehen, wie ich ihn sah, liebe – Mutter –«, das Wort kam etwas zögernd über die Lippen. »Mit welchem Herzklopfen ich die kleine steile Treppe hinaufstieg, aber es war heut alles ganz anders. Wie er mir schon entgegentrat! Er ist ein herrlicher Mann! – Ach, Herr van Asten, bald hätte ich Sie übersehen! Oh, gehn Sie noch nicht fort, bleiben Sie, Sie müssen es auch hören –«

Sie reichte ihm die Hand: »Ja, wie man sich in dem Menschen täuschen kann. Neulich kamen mir alle seine Reden so künstlich vor, und daß er das zuließ von den Damen. Mir fiel einer von den Götzen ein, von denen Sie mir aus Indien erzählt, die sich umherrollen lassen, und ihre Sklaven liegen auf der Erde. Verzeihen Sie mir, Mama, ich konnte mich kaum zurückhalten aufzulachen, er kam mir so unmännlich, albern vor, wie er auf dem Sofa ruhig die Huldigungen hinnahm und nichts dafür gab als blumichte Reden. Aber heut trat er mir mit einem frischen, kräftigen ›Herein!‹ entgegen, schon angekleidet. Er faßte meine Hand, als ich Ihre Bitte kurz aussprach, aber nicht so süß wie neulich, es war, wie ein Mann dem andern die Hand schüttelt. Er hörte mich freundlich an und sprach dann: ›Sagen Sie Ihrer Pflegemutter, ich nehme ihre Einladung mit Dank an und werde kommen, ich danke Ihnen aber, mein liebes Kind –‹, doch das tut nichts zur Sache –«

Rasch abbrechend, küßte sie noch einmal die Mutter, schüttelte van Asten zutraulich die Hand: »Freuen Sie sich, er kommt!« und legte Umschlagetuch und Hut fort.

Aber die Geheimrätin wollte mehr, sie wollte alles wissen, was Adelheid nicht wiedersagen wollte. Vor einem Genius verstummen alle Rücksichten.

»Er fuhr mit der Hand über meine Stirn. Dabei sah er mich ungemein freundlich an. ›Sie sind ein wahrhaftes deutsches Mädchen!‹ Das kann ich wohl wiedersagen, ohne zu erröten, aber was er nachher sprach, wie er sich ein deutsches Mädchen und wie er sein großes Vaterland sich denke und es liebe, ach, da müßte ich ja selbst eine Dichterin sein. Ich dachte an Sie, Herr van Asten, wissen Sie noch, als Sie bei der Geschichte der alten Kaiser aus Schwaben in Feuer gerieten, es war wie ein großes Bild, das Sie in die Luft malten, und ich sah alles leuchten wie Flammen und Abendrot, wenn Sie mit Ihrem Finger Kreise durch die Luft zogen: Da beginnt die deutsche Glorie auf dem Berge Hohenstaufen, dann fuhren Sie mit dem Finger im Zickzack durch ganz Deutschland, jetzt nach Italien, nach Asien, ich sah deutlich den reißenden Fluß mit den schönen Bäumen, in dem der Kaiser Barbarossa ertrank, dann fuhren Sie hinüber nach Sizilien, Sie zeigten das Blutgerüst, auf dem der edle Konradin verblutete, und endlich wiesen Sie nach dem Berge in Thüringen und schlossen: ›Das war Deutschland, und da ruht seine Zukunft!‹ Und was Jean Paul sprach von der Auferstehung der freien, großen Nation, der wir freudig entgegenleben sollten, uns vorbereitend in Tugend und Sitte und reinem Natursinn, da stand mir Ihr Bild wieder klar vor der Seele.«

»Daß es Ihnen nie untergehe«, sprach rasch der junge Mann. »Ich irrte mich nicht in ihm. Leben Sie wohl!«

»Auf Wiedersehen, heute abend. Ich selbst will Sie ihm vorstellen.«

Der Lehrer sprach einige undeutliche Worte. Die Geheimrätin stotterte:

Herr van Asten sei wohl heute behindert, da er von ihrem Manne so lange aufgehalten worden.

»Mama, haben Sie ihn nicht eingeladen?« fragte Adelheid verwundert, als sich die Türe schloß.

»In die Gesellschaft paßt er doch nicht.«

»Mein Lehrer, den Sie selbst so schätzen?«

»Es ist nicht deswillen. Aber er ist zu unansehnlich.«

»Unansehnlich!«

»Jean Paul freut sich an schönen Gesichtszügen. Van Asten ist doch eigentlich häßlich.«

»Häßlich!« rief Adelheid mit Zaudern und schien sich zu besinnen. »Das ist mir nie eingefallen, daß van Asten häßlich sei. Daran habe ich überhaupt nie gedacht.«

»Was auch recht gut ist, liebes Kind«, entgegnete lächelnd die Geheimrätin. »Und überdem ist er nichts in der Gesellschaft.«

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