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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Zwanzigstes Kapitel.
Abällino, der große Bandit.

Als die Polizei die Türen der Wohnung verschlossen hatte, war manches in derselben nicht mehr, wie es vorher gewesen. Die Volksjustiz hatte geglaubt, auch ihrerseits für die gekränkte Sitte Rache nehmen zu müssen. Die Polizei hatte ihr Auge auf andere Dinge gehabt, um ihren ungebetenen Helfershelfern überall auf die Finger sehen zu können, und diesem Umstande darf man es zuschreiben, daß, als sie die Wohnung räumte, eine Person, ganz von ihr übersehen, zurückgeblieben war.

Die Hände fest auf die Stirn gespannt, den Kopf auf die Stuhllehne gedrückt, saß, ob schlafend, träumend, in einen ohnmachtartigen Starrkrampf versunken, wir wissen es nicht, der junge Bovillard. Die Ruhe um ihn her mochte ihn wecken. Er sprang auf. Sein dunkles Auge stierte nach der Stelle, wo der Legationsrat zuletzt stand, wo er seinen Blick aushalten mußte, und mehr als das, wo der Mann, der ihn tödlich beleidigt, als sein Fürsprecher auftrat. Ihm verdankte er seine Freiheit und – doch hätte er eine Wollust darin empfunden, wenn er mit seinen Händen ihm die Kehle zuschnüren, wenn er ihn erwürgen können. Den Arm mit der geballten Faust streckte er aus – zum Zweikampf mit einem Luftbilde? Aber indem er ihm in dem Augenblick einen tödlichen Haß schwur, übergoß ihn die Röte der Scham. Wie vielen hätte er Todhaß schwören müssen, die alle Zeugen seiner Beschämung gewesen. Noch eine andere Erinnerung stieg auf, er drückte mit der Faust gegen die Stirn und atmete schwer. Dann suchte sein Auge an der Wand drüben nach der Tür, durch welche Adelheid fortgeführt ward: »Und von dem Schuft!« Es war das erste laute Wort, und der Schall schien die neckischen Geister zu wecken, die an der Stätte der Zerstörung geschlummert hatten.

Im letzten Sonnenstrahl, der durch die oberen Scheiben drang, wirbelte der dichte Staub, der sich noch immer nicht gesetzt hatte. Es schwirrte in der Luft von Fasern und Federn, die Gardinen hingen zerrissen an den Fenstern, der Spiegel war zerschlagen, Stühle und Tische umgestürzt, den weiblichen Figuren auf den Schildereien hatte man mit Kohle große Bärte angemalt. Er stieß die Tür auf. Im Vorzimmer war es still und leer. Schien er doch zu suchen, ob nicht jemand wie er zurückgeblieben wäre, ob er nicht vielleicht ein stilles Schluchzen höre. Es waren die Tauben auf dem Dache. Er sah sich noch einmal um, ehe er die Wohnung verlasse, und aus dem gebrochenen Spiegel grüßte ihn sein Bild, ihn daran erinnernd, daß er so auf der Straße sich nicht zeigen dürfe. Er ging nach dem Seitenzimmer zurück, seinen Rock zu holen. Die Luft wimmelte wie von Schneeflocken. Von der Zugluft, welche die aufgestoßene Tür verursachte, wirbelten die Federn aus den Betten, welche sie in mutwilliger Zerstörungslust aufgeschnitten. Vergebens suchte er nach Rock und Hut. Sie waren verschwunden, gestohlen. Fort aus dieser Höhle der Verwüstung! Die ihm wohlbekannte Hintertür war verschlossen, der Schlüssel fehlte. Er eilte zurück nach dem Vorzimmer; auch diese Tür war zu; er war eingeschlossen. Sollte er Lärm machen? Nach so vielem Lärm? Er hatte keinen Grund, die Trommel des Aufruhrs zu rühren.

Indem er noch, unschlüssig, was er solle, aufmerksam beobachtend umherging, fiel sein Auge auf einen Kamin, der nach alter Art in einen weiten, aber kurzen Schornstein führte. Er erinnerte sich aus fröhlichen Abenden, daß die heitere Unterhaltung oft durch das Brausen des Windes gestört wurde, wenn es stark wehte, selbst Regen und Schneewirbel unter die lustigen Kinder hier getrieben wurden.

Indem er den Kamin untersuchen wollte, ob von da vielleicht ein Ausgang zu entdecken wäre, entdeckte er etwas, was er nicht erwartet, einen Stock und zwei Beine, die sich vergebens in die Höhe zu ziehen suchten. Als er sie ergriff, stieß eine Stimme, die unzweifelhaft zu den Beinen gehörte, einen Angstschrei aus. Er zog einen vollständigen Menschen herunter, weit vollständiger und anständiger gekleidet als er, gefärbt wie er, nur nicht weiß vom Federstaub, sondern schwarz vom Ruß.

»Ach Sie, Bovillard«, sagte der Geschwärzte aufatmend, »Gott sei Dank!« Ich glaubte, es wäre der Polizeikommissar.«

»Ich freue mich auch ungemein, grade den Herrn von St. Real zu begrüßen. Wie befinden sich Herr Kammerherr? Ein Anfall von Podagra fesselte Sie neulich zu meinem Bedauern ans Bette.«

»Sie sehn, ich bin wieder passabel hergestellt.«

»Ja, wer schon gymnastische Übungen machen kann! Aber im Schornstein ist das doch etwas unbequem. Da ist hier ein junger Lehrer an einem Gymnasium, ein Herr Jahn, der will öffentlich Unterricht in der Gymnastik geben. Wie ich höre, beabsichtigt er damit eine Verbesserung der deutschen Nation und insbesondere des Menschengeschlechts. Da sollten Sie sich melden, bester Kammerherr!«

»Pestilenz! Wo kommen Sie her, Bovillard?« rief der Kammerherr, sich schüttelnd.

»Von einem Dejeuner bei Dallach. Ich versichere Sie, Kammerherr, der Mann perfektioniert sich. Austern wie frisch aus der See, ein Kaviar und ein Burgunder, der Minister kann ihn nicht besser haben. Schade, daß Ihr Podagra den Burgunder oder der Burgunder Ihr Podagra nicht verträgt. Wir vertrugen uns vortrefflich, lauter Freunde einer Gesinnung, alles Verehrer der Schick! Nein, sie hat doch eine Stimme, darüber geht nichts!«

»Ihre Stimme in Ehren, aber Ihre, Bovillard, war mir lieber. Wenn der verfluchte Kommissar hier Wache gehalten hätte, bis ich erstickt war!«

»Kommen Sie von oben da her, Kammerherr? Oder wollten Sie oben hinaus?«

»Ich war hierhergeraten, ich weiß noch nicht wie.«

»Vermutlich wie ich.«

»Damit der Rotkragen mich nicht finde, kroch ich in der ersten Bestürzung da hinein. Nun aber, teuerster Mann, können Sie mir nicht gelegener kommen. Ich habe eine dringende Bitte an Ihre Gefälligkeit.«

»Ich gleichfalls.«

»Schaffen Sie mir meinen Wagen, versteht sich, dort um die Ecke. Ich hoffe, der Kerl wird sich von selbst retiriert haben, als der Skandal losging. Dann rekognoszieren Sie etwas Luft und Terrain.«

»Mit dem größten Vergnügen.«

»Kann ich Ihnen einen Gegendienst erzeigen, rechnen Sie auf meine Bereitwilligkeit. Liebster junger Mann, wenn Sie mir nur Ihr ganzes Vertrauen schenkten, hoffe ich gewiß, die Differenzen mit Ihrem Herrn Vater zu lösen.«

»Nichts von Frieden, ich will Krieg. Sie haben hier gelauscht, Sie erfuhren, Sie wissen alles, hätten Sie etwas vergessen, will ich Sie daran erinnern. Dem Herrn von Wandelstern, oder wie er heißt, will ich den Hals umdrehen, natürlich ganz in legaler Weise, durch Pistolen oder Stichdegen, wie es ihm mehr Vergnügen macht, Sie sollen mein Kartellträger sein. Die Sache eilt, weil man so etwas leicht vergißt; und auf der Stelle, wenn Sie los sind, ersuche ich Sie, in eigener Person zu ihm zu fahren, meine Herausforderung zu bringen und das Nötige mit ihm abzumachen.«

St. Real sah etwas verblüfft den andern an und wollte seine Hand fassen: »Liebster junger Mann, um solche Kleinigkeiten –«

»Da ist nun der Geschmack verschieden, Herr Kammerherr, ich behandle das Kleine groß, andre das Große klein. Da muß man jeden seinem Penchant überlassen.«

»Mein Gott, teuerster Freund, bei solcher Art Konflikten muß man nicht mit gefärbten Gläsern sehen. Wo nichts zu gewinnen, muß man nicht einsetzen. Sie begreifen, daß gewiß niemand von dem plaudern wird, was hier vorfiel. Unter Kavalieren ist es eine stillschweigende Übereinkunft, daß man an solchen Orten sich nicht kennt. Die Person ist ja nun auch verschwunden, sie wird über die Grenze geschafft. In ein paar Tagen, wie gesagt, ist der Vorfall vergessen und verdampft wie ein Rausch. Stänkern Sie nicht darin, liebster, bester, junger Mann.«

»Die Person! Sie meinen die Frau Obristin Malchen. Das ist ja eine höchst respektable Dame. Sie erfreut sich wenigstens einer Protektion, die ihr nur Ehre bringen kann.«

»Liebenswürdiger Schäker! Kennen Sie denn aber den Herrn von Wandel?«

»Vermutlich ein ebenso respektabler Herr wie Ihre Freundin.«

»Teuerster Bovillard, Sie irren sich. Er ist ein intimer Freund Ihres Herrn Vaters; ich versichere Sie, einer der feinsten Köpfe, ein Mann der Wissenschaft, ein Gelehrter, ein Mann von stupenden Kenntnissen, ein Diplomat und von den liebenswürdigsten Eigenschaften. Sie müssen sich kennenlernen. Oh, Sie werden es mir danken. Und dabei ein Gemüt wie ein Kind, unwiderstehlich bei den Damen. Ich sage Ihnen, Sie werden Freunde werden, wenn ich Sie bei ihm einführe, Sie werden sehen, er hat alles vergessen.«

»Ich nicht, mein Herr!« trumpfte Bovillard. »Entweder, oder – wollen Sie nicht?«

»Sein Sie überzeugt, ich gleiche die Sache zu Ihrer Zufriedenheit aus.«

Der Jüngere eilte ans Fenster, um es aufzureißen.

»Bovillard! Was wollen Sie tun?«

»Die Polizei rufen. Wissen Sie nicht, daß wir eingeschlossen sind? In dem leeren Nest habe ich nicht Lust, die Nacht zu verbringen.«

»Sind Sie rasend! Man würde –«

»Uns auf die Wache bringen. Ganz in der Ordnung. Wer bei einbrechender Nacht in einem verdächtigen Orte betroffen wird und sich nicht ausweisen kann, daß er dahin gehört, wird zum Ausschlafen auf die Wache gebracht. Das ist das erste Erfordernis eines gesetzlichen Staates. Der Staat muß auch seine Ruhe haben, wie jeder Mensch, wenn er schlafen will.«

»Unsre Lage würde ja weit schlimmer.«

»Unsre? mein Herr, Sie bedenken nicht, welch ein Unterschied zwischen uns ist. Sie haben einen guten Ruf zu verlieren, ich gar keinen. Denn einen schlechten verliert man nicht, wenn man auf die Wache geschleppt wird. Sie sehen, daß ich gar nichts dabei riskiere.«

Der Kammerherr hatte sich mit großer Gewandtheit zwischen Bovillard und das Fenster gedrängt. »Wenn Sie denn absolut wollen! Ich will's arrangieren, aber – er schießt Ihnen – den Sperling putzt er auf zwanzig Schritt mit dem Kuchenreuter vom Zaune. Sie junger Hitzkopf, tun Sie's doch lieber nicht, 's ist gegen mein Gewissen!«

»Herr Kammerherr, Ihr Gewissen ist mir zu wert, Ihr Gewissen dürfen Sie nicht dransetzen. Sie müssen es mit gutem Gewissen tun, sonst schreie ich: ›Polizei!‹«

»Monsieur de Bovillard fils est un original. Ganz der Vater, nur in anderer Manier. Sie sind beleidigt, Sie müssen Satisfaktion haben, ich sehe es ein. Mit schwerem Herzen, aber – ich sehe es ein. Nu suchen Sie mir aber meinen Kutscher auf.«

»Ich sagte Ihnen ja, wir sind eingesperrt.«

»Va-t-en! Was soll draus werden! Wir müssen doch raus!«

»Belieben Herr Kammerherr hier die Fensterhöhe zu betrachten. Man erzählt sich zwar, daß Herr von St. Real in seiner Jugend aus Loyalität einen Sprung getan, woran er sein Leben lang denkt, indessen, dieser Abgrund ist keine Treppe, und ob die Loyalität Sie jetzt tragen wird, das überlaß ich Ihrem Ermessen.«

»Bovillard, bringen Sie mich nicht außer mir.«

»Wenn ich Sie außer sich setzte, was könnte ich Ihnen jetzt Besseres antun?«

»Schaffen Sie Rat. Ihr Genie hat etwas in petto.«

»Vermutlich haben Sie schon untersucht, daß es durch den Schornstein nicht geht. Indessen kommt Zeit, kommt Rat, nämlich Dunkelheit, und im Dunkeln findet sich manches besser, das werden Sie aus eigner Erfahrung wissen. Aber, Sie sind müde, setzen Sie sich.«

Bovillards prüfender Blick hatte schon vorher auf einem Wandbrett etwas gesehen, was die Tumultuanten übersehen haben mußten, sonst würde man es wahrscheinlich jetzt nicht mehr gesehen haben, ein Fläschchen süßen Weins mit Spitzgläsern, da hingestellt, um nach der Schokolade die Kollation zu würzen. Er langte den Schatz schnell herunter, von dem er, nachdem er ihn gekostet, versicherte, es sei ein echter alter Malaga, der ihnen eine wohltätige Wärme geben werde.

Der Kammerherr fühlte allerdings ein Bedürfnis. Er war sehr müde. Der kalte Angstschweiß stand auf seiner Stirn.

»Ausgetrunken! Ein zweites Glas!«

»In der Tat eine seltsame Situation!« Indessen, er trank.

»Warum seltsam! Ein Weltmann muß sich in alle Situationen finden. Tun Sie ganz, als wären Sie zu Hause.«

»Der Wein war doch nicht für uns bestimmt.«

»Für mich nicht, aber für Sie.«

»Man muß auch im Scherz ein Maß finden.«

»Was Scherz! Das Nest ist leer, aber die Erinnerungen sind geblieben. Nicht wahr, Kammerherr? Durch diese Dämmerung schweben die Grazien. Auf den Wirt! Angestoßen!«

»Bovillard!«

»Bester St. Real, wir sind ja unter uns! Reden wir denn zum profanum vulgus! Auf den Höhen der Menschheit, wie der Dichter sie nennt, verlangt man auch Freude, den schönen Götterfunken. Wer pour les menus plaisirs sorgt, ist ein Wohltäter der höheren Menschheit. Oder sind Sie traurig, daß die rauhe Hand der Wirklichkeit eingriff? Sehn Sie, ich bin Idealist; mich kümmert die Polizei nicht. Ich sehe sie noch immer schweben und tanzen, die süßen Erinnerungen und Entzückungen, die Küsse und Rosen. Eine solche Wirtschaft hat etwas ungemein Poetisches; nur das Geld darf nicht fehlen. Hätten Sie, Kammerherr, mit rechtem Eindruck zum Viertelskommissar gesprochen – nun, ich will dem Manne nichts nachreden, er ist gewiß ein ausgezeichneter Staatsdiener – aber, aber, wenn man sich nur verständigen will, wird man verstanden.«

»Le père tout craché. Aber gehn Sie mir mit Ihrer Poesie, ich habe mit der Sache nichts zu tun.«

»Sie lieben die Realitäten. Ich lebe nur in den Ideen, konstruiere mir meine Welt selbst. Wenn ich solch ein Haus betrachte und die Wirtschaft drin, werde ich unwillkürlich an unsern Staat erinnert.«

»Hüten sie sich, aus einem mauvais plaisant zu einem Kalumnianten zu werden.«

»Kennen Sie den Dichter Dante?«

»Bleiben Sie mir mit den Poeten vom Halse, sage ich Ihnen, sie müßten denn so allerliebste französische Verse machen wie Ihr Herr Vater.«

»Dante hat nur italienische Chansons gedichtet. Aber eines dieser wunderhübschen Lieder sollten Sie kennen. die Melodie ist reizend. Es fängt an:

Ah tutta l'Italia è un gran bordello!

Da denk ich immer an Sie, an alle Ihre Freunde, an dies ganze bezaubernde Freundschafts-Liebes-Sippschafts-Wesen –«

Er stürzte ein Glas aus und ließ ein zweites folgen. Der Kammerherr hatte den Instinkt, daß hinter dem wilden Scherz ein ebenso wilder Ernst lauerte. Er konnte herausbrechen, und er hatte nicht geirrt.

»Preußen ist nicht Italien!« sagte er, um rasch abzubrechen.

»Warum nicht! Sie buhlen um uns, sie zahlen Geld, schweres Geld um unsre Gunst, Gott weiß, wo es bleibt. Was allein hat die Lichtenau gekriegt, um den Baseler Frieden zu hintertreiben! Andre müssen wohl mehr geboten haben. Diese Gesandten hier, die geheimen und die öffentlichen, ihre blinzenden Augen, ihre spitzen Ohren, ihre säuselnden Worte, ihre süßen Händedrücke! Nicht wahr, wunderhübsch, wenn wir immer jung blieben! Aber, mein teuerster Kammerherr, ich fürchte, sie merken schon, daß unsre Wangen mit Karmin, unser Hals mit Bleiweiß geschminkt ist. Sie buhlen, um uns auszulachen, wenn sie unser satt sind, sie zahlen, um, wenn wir hungrig sind und am Fenster winken, uns den Rücken zu drehen. Oh, sie machen uns vielleicht noch eine Gegenrechnung! Aber wir – wir leben fort, in dulci jubilo, taumeln von der Bowle zur Bowle, vom Liebeskuß zum Liebeskuß, die Jalousien dicht vorm Fenster, daß wir den Tag nicht anbrechen sehen. Aber er wird anbrechen, Kammerherr, er bricht an, sie werden uns herausreißen wie jene Dirnen, halb nackt, mit hängenden Haaren, auf die Straße, in Regen und Wind, zum Gespött der Kinder.«

»Wie ein vernünftiger Mensch sich in solchen Phantasien gefallen kann!«

»Wer sagt, daß ich vernünftig bin! Wer bleibt vernünftig in einem Tollhause!« Er stürzte ein paar neue Gläser hinunter. Es war schon dunkel geworden. Die Lichter an den Fenstern der gegenüberstehenden Häuser warfen nur einen Sprenkelschein in das unheimliche Zimmer, durch den Kamin zuckte dann und wann ein heulender Ton, wenn der Wind in den Schlot fuhr. Dem Kammerherrn ward es immer unheimlicher.

»Zitieren Sie keine Geister«, sagte er, den Stuhl näherrückend. »Sinnen Sie lieber, wie wir rauskommen.«

»Ich sehe einen Geist! Da schreitet er, riesengroß, mit funkelndem Aug, und hebt die Krücke: ›Wo habt ihr meine Erbschaft verpraßt?‹ fragt er. ›Daran hätten Generationen zehren können, wo ist mein Schatz, ihr Herren Geheimräte? Wo das Ansehn, das ich euch hinterließ? Hättet ihr nur meinen Hut auf eine Stange gesteckt, meinen Rock daran gehängt, ihr hättet ruhig schlafen können, sie hätten sich nicht über meine Grenze gewagt. Das hinterließ ich euch, es war weit mehr als meine Schätze. Wo ist der Respekt vor meinem Reich? Ihr buhlt, kokettiert, schachert mit der Schuld um die Unschuld; meine großen Gedanken zerreißt ihr wie ein kostbar Gewebe in Fasern, um die Bettelarmut eures Geistes damit zu schmücken. Ihr reitet auf meinem Namen, aber gebt acht, daß euch das Pferd nicht absattelt, denn ein edel Roß will gute Reiter.‹«

»Bester Herr von Bovillard!« rief der Kammerherr, dem das Haar sich zu sträuben anfing, als der andere im Selbstgespräch fortfuhr und dabei bald mit dem Glase, bald mit der Flasche auf den Tisch stieß.

»Angestoßen, Kammerherr«, schrie jener auf, »auf die große lustige Wirtschaft, wo einer den andern betrügt, eine Hand die andere wäscht. Angestoßen auf den Kleister und Firnis, der die Fäulnis zusammenhält bis – angestoßen!«

Der Zitternde stieß mit dem Glas gegen die Flasche, die Bovillard auf einen Zug leerte und dann in den Kamin schleuderte, wo sie in tausend Stücke zerbrach. »Bis dahin! Nicht wahr – zu Wasser, bis er bricht, darin sind wir einverstanden, wie es für vernünftige und gesetzte Leute sich schickt.«

Er war aufgestanden und klopfte auf die Hand des Kammerherrn, die er mit dem andern Arm an seine Brust hielt: »Ja, mein teuerster Herr von St. Real, wenn alle so verständig und gesetzt wären wie wir beide! Diese Tagesfliegen schwärmen ums Licht, und wenn einer sich verbrennt, lacht der andre vergnügt, daß es ihn traf. Wir aber sehen die Nacht, wir sehen, was hinter uns liegt, und sehen, was vor uns kommt. Apropos, was halten Sie denn von Napoleon?«

»Sie belieben zu scherzen. Ein Genie! Ein großes Genie! Machen Sie, daß wir fortkommen.«

»Wie er aus Ägypten. Wissen Sie wie? – Er hat sich dem Teufel verschrieben; in einer Pyramide war's, eine Nacht wie diese! Ja, ich habe auch meine diplomatischen Mitteilungen. Der Teufel hat ihm die ganze Welt versprochen und weiter nichts dafür gefordert als seine Seele. Kammerherr, denken Sie, wenn Sie für solche Bagatelle könnten Großmogul werden!«

»Das erzählen Sie mir alles weiter – aber nachher.«

»Ein einziges Hindernis nur muß er forträumen – die Gruft in Potsdam. Darum – Sie verstehn mich. – Nun bitte ich Sie aber als einen vernünftigen Mann, ist das ein so unübersteigliches Hindernis? Braucht es eines Krieges um einen Leichnam? – Denn Sie werden mir wieder zugeben, es ist jetzt nur noch ein Leichnam. Sollen wir um ein point d'honneur so eigensinnig sein, darum Blut vergießen, einen Krieg anfangen, der sechzigtausend Menschen kosten kann, darum das Wohl von Hunderttausenden, von Millionen aufs Spiel setzen? Unsre Seehandlung, unsre Zuckersiedereien, unser Messingwerk in Neustadt-Eberswalde? Ich bitte Sie, Ruh und Frieden unsrer Bürger – was wirft die Porzellanmanufaktur nicht ab; wenn auch die Juden nicht mehr kaufen müssen zu ihren Hochzeiten, wir haben ja schon die Meißner Fabrik überholt – das ist auch ein Ehrenpunkt! Und unsre Gold- und Silberfabrik und unser Pfandbriefsystem; wir können ja Geld machen, soviel wir wollen, nur die Güter höher abgeschätzt, als sie wert sind; und alles das sollen wir leichtsinnig hinopfern um einen sogenannten Ehrenpunkt! Das fordern gewisse Menschen! Wissen Sie, was ich glaube, was der geheime Grund von Lombards Sendung ist? – Er soll versuchen, ob Napoleon sich nicht abfinden läßt mit Friedrichs Rock und Hut. Ja, ich vermute noch etwas. Besteht der Kaiser drauf, so geben wir auch die Krücke, aber das wäre auch das Ultimatum – den Leichnam, nein, nimmermehr! Wenigstens für jetzt nicht. – Bester Kammerherr, ich lese Ihre Gedanken, Sie wollen sagen, das sei wieder nur ein halber Schritt, Napoleon würde doch nicht eher ruhen, bis er das Ganze, bis er Friedrichs Sarg in Paris hat, und wir würden auch da nachgeben. Möglich, aber liebster Mann, wahren Sie Ihre Zunge, wer spricht denn so was aus! Grade diesen Vorwurf verträgt man nicht: Halbes, immer Halbes! 's ist richtig, aber es ist nun mal so. Wer ändert's: Zwei Halbes macht ein Ganzes. Erst geben wir den Rock und dann den Leib. Und wenn man mehr will, noch mehr, Seele und Geist, wenn – wir noch davon haben. Ein guter Untertan, lieber St. Real, findet sich in alles. Der liebe Gott wird's zum Guten fügen, und das Genie unserer großen Staatsmänner, und wir haben einen guten König; was will man mehr! Apropos, was halten Sie von unseren König?«

Der Kammerherr, der sich schon zu besinnen anfing, ob nicht am Ende die Arme der Polizei denen des Rasenden vorzuziehen wären, stammelte etwas von seinem grenzenlosen Respekt vor Seiner Majestät.

»Das ist mir sehr lieb zu hören«, sagte Bovillard, »vielleicht wissen Sie auch, warum Seine Majestät jetzt so betrübt sind.«

»Wenn Seine Majestät in die Herzen ihrer Untertanen blicken könnten, würden Sie gewiß keinen Grund finden«, antwortete der Kammerherr, in der Angst des seinen die Hand auf die Brust drückend.

Bovillard war um einen Kopf größer als der Kammerherr. Mit unterkreuzten Armen und halb gesenktem Kopf schien er mit den funkelnden Augen, die durch die Nacht glänzten, in sein Herz bohren zu wollen: »Es ist manches faul im Lande Preußen, und mancher, der auf der Stirn das Schild eines ehrlichen Mannes trägt, ich sage es Ihnen im Vertrauen, ist ein Schurke. Im Lagerhause in der Klosterstraße wird das Soldatentuch gewebt. Schön und dicht sieht es aus und blau, wenn der Appreturbügel darüberfuhr, aber die Witterung verträgt es nicht. Und ehe er drei Monden es auf dem Leibe trug, schrumpft es im Regen zusammen, daß der Ärmel dem Soldaten am Ellenbogen sitzt. Kann man jedem Soldaten einen Regenschirm in die Hand geben? Kann man mit halbnackten Soldaten Krieg führen? Wissen Sie nun, warum wir keinen Krieg führen können? Wissen sie nun, warum Seine Majestät betrübt sind?«

»Ich habe nichts mit den Tuchlieferungsgeschäften zu tun!« rief der Kammerherr aus. »Ich bin kaum einmal in meinem Leben im Lagerhause gewesen.«

»Sie haben mit andern Lieferungsgeschäften genug zu tun, ich weiß es. Aber Vorsicht, lieber Kammerherr. Um Gottes willen, was soll der Monarch sagen, wenn er wieder von dieser Geschichte hört!«

»Bovillard, liebster, bester Freund, Sie werden doch nicht!«

»Ich nicht, aber Sie können sich doch leicht vorstellen, daß andre ihm davon sagen werden, was er wissen soll. Beim Frühstück, ehe er die letzte Tasse geleert, weiß er alles, was am vorigen Tage passiert ist. Und wenn erst alle Zeugen vernommen sind, die Polizei kreuz und quer fragt und spioniert, Hergang, Wirkung, Ursach, 's ist nichts so fein gesponnen, es kommt ans Licht der Sonnen. Liebster Kammerherr, ich bin im Ernst um Sie besorgt. In diesen Angelegenheiten ist der Monarch sehr irascibel

»Wenn ich nur ganz gewiß sein könnte« sagte gedehnt mit scharfem und schüchternen Blick auf den Plagegeist der Kammerherr, »von unsern Freunden wird die Sache schon in dem rechten Lichte vorgetragen werden.«

Bovillard drückte ihn heftig an die Brust: »Wie Sie mich beruhigen! Offenherzig gestanden, ich bedurfte dieser Beruhigung nicht, ich wollte Sie nur auf die Probe stellen. Ein Tor, wer da sagt, daß die Tugend von der Erde Abschied nahm. Wer noch auf Freunde sein Vertrauen setzt, übt sie. Und Ihre Freunde werden sie ebenfalls üben. Oh, ich möchte bei dem Vortrage sein, ob nun ein Kammerdiener oder ein Kammerherr ihn übernimmt; wie sie weißbrennen werden, was schwarz ist, und vielleicht anschwärzen, was weiß wie Schnee ist. Ja, so beim Kaffee, so unterderhand, gelegentlich hingeworfen, erfährt ein Fürst die Wahrheit – von guten Freunden. Sorgen Sie aber auch für einen Sündenbock. Denn wenn nach dem Hofe der offizielle Vortrag kommt, muß er doch ergrimmt werden über die falsche Darstellung. Er weiß es ja alles besser, er hat es alles wie selbst erlebt. Wenn der Vortragende da erblaßt, stockt, nicht vorbereitet ist, keinen Zornableiter zur Hand hat, dann wird es schlimm. Lassen Sie den Kommissar opfern, mich, wen es sei, retten Sie sich nur selbst dem Vaterlande. – Na, nu wollen wir uns aber zusammen retten.«

Der Kammerherr sah mit einigem Befremden auf das Messer, welches plötzlich in seiner Hand blitzte: »Sein Sie ohne Sorge; nur im höchsten Notfall stoße ich es einem durch die Gurgel!« Er holte noch aus dem Kamin ein altes Ofeneisen. Er mußte schon vorher die Gelegenheit geprüft haben. In der alten Ausgangstür des Vorzimmers war in der untern Füllung eine Ritze, er vergrößerte sie durch das Messer und lockerte die andern Fugen, bis er das Brecheisen hineinpassen konnte. »Jetzt warten wir, bis ein Wagen vorüberrasselt, dann ein Krach, und wir haben ein Mauseloch. Wollen Sie nun den Durchbruch auf Ihre Kappe nehmen, Kammerherr?« – »Ich?« – »Versteht sich, nur wenn wir attrappiert werden. Der Unterschied ist, wenn Sie es auf sich nehmen, ist es nur ein Ausbruch, Sie können beweisen, daß Ihnen die Wohnung und Sie in die Wohnung gehören, außerdem sind Sie ein anständiger Mann, dem die Polizei aufs Wort glaubt. Wenn es aber auf mich kommt, mir glaubt man nichts, außerdem bin ich in Hemdsärmeln, die Polizei könnte es daher leicht unter dem Gesichtspunkt eines Einbruchs fassen, und diese Fassung unangenehme Folgerungen nach sich ziehen, in Betracht dessen, daß man vieles in diesem Hause vermissen wird, was dazugehörte, ich meine nicht uns beide, aber die gestohlenen Sachen.«

»Bovillard, machen Sie keine Faxen! Wie werde ich denn einen Freund in der Not verlassen!«

»Aber nur der Tod ist umsonst. Was krieg ich für meine Arbeit? Ich friere, so kann ich mich nicht auf der Straße sehen lassen. Leihen Sie mir Ihren Rock.«

»Dann hab ich ja keinen.«

»Sie fahren in Ihrer Kutsche, ich gehe nach Hause.«

Man einigte sich, daß Bovillard mit dem Kammerherrn fahren sollte. Die Freunde würden sich schon warm machen. »Was geht über eine echte Freundschaft!« sagte Bovillard, hatte aber schon mit seinen scharf umherspähenden Augen das weggeworfene Umschlagetuch entdeckt, das er jetzt ergriff, um sich damit, wie er sagte, gegen die Kälte zu schützen, bis sie im Wagen säßen.

Ein Wagen rollte endlich über das schlechte Straßenpflaster, die Tür krachte, und Bovillard war hinaus. Als St. Real, auf den Knien heranrutschend, den Kopf durch die Öffnung stecken wollte, drückte jener das halbe Brett wieder hinein: »Halt, so ist nicht gewettet. Was geben Sie Zoll?«

»Bovillard, nur jetzt keine Possen.«

»Es ist mein feierlicher Ernst. Ein Narr, wer eine vorteilhafte Situation nicht nutzt.«

»Sie haben geschworen, mich nicht zu verraten.«

»Richtig! Und Ihren Kutscher zu avertieren. Weiter nichts. Ich klemme die Füllung wieder ein – sehn Sie, so –, Sie können nicht aufstoßen, denn ich stemme hier das Eisen dagegen. Nun bedenken Sie, wenn morgen die Polizei öffnen läßt!«

»Bovillard, Sie sollen meinen Rock haben.«

»Pfui, es ist nicht Eigennutz.«

»Meine Freundschaft! Sie werden bei Ihrem Lebenswandel noch oft der Fürsprache bedürfen, Sie sollen in jedem Fall auf mich rechnen können.«

»Ich will nichts für mich, sage ich Ihnen ein für allemal. – Gehen Sie in sich, St. Real, werfen Sie einen Blick zurück auf Ihr äußeres, ach, auch auf Ihr inneres Leben. Bedenken Sie, wie oft Sie die Gelegenheit versäumt, die sich Ihnen darbot, Gutes zu tun, und wie oft Sie dem Versucher in die Stricke gefallen sind. Ach! Wurden Sie nicht selbst zum Versucher? Legten Sie nicht selbst Stricke, stellten Sie nicht Netze? Schwirrt Ihnen nicht der schauerliche Klagegesang der unglücklichen Vögel in diesen Netzen um die Seele? Ich höre diese Anklagestimmen. St. Real, noch ist es nicht zu spät! Benutzen Sie wenigstens diese Gelegenheit, hören Sie auf die Stimmen und bessern sich. Ihr Haar wird grau, Ihr Atem kurz, mit jedem Tag auch Ihr Leben um einen kürzer; Sie hinken, ach, das Podagra kriecht so schnell als der Vogel fliegt, wenn das Ziel das Grab ist. Lassen Sie sich diesen schauerlichen Moment gemahnen, weit sind die Pforten zur Hölle, aber eng die zum Himmel, wie dieses Loch. Geloben Sie, St. Real, Sie wollen Ihr Dasein bessern, wie es Ihren Jahren, Ihrer Geburt, Ihrem Stande entspricht. Oh, Sie wissen nicht, wie das Ihre Brust erleichtern wird, Ihr Keuchhusten wird nachlassen, Ihr Bein flinker werden, der Burgunder Ihnen wieder schmecken. Retten Sie sich, sich selbst, Ihrem Könige, dem Staate. Schwören Sie mir, Sie wollen tugendhaft werden.«

»Alles, was Sie wollen!«

»Hier, Ihre Hand darauf?«

»Ja, ja, ja – ziehn Sie mich nur raus!«

Es war zum Glück still im Hause, und niemand begegnete ihnen, bis sie vor die Tür traten. St. Real hielt es für angemessen, hinter seinem Begleiter zurückzubleiben, der zu theatralisch den roten Shawl um die Schultern drapiert hatte. Ja, er blieb um mehrere Schritte zurück, als eine Patrouille die Gasse heraufkam. Auf das Werda? des Gefreiten, welches dem Manne in der roten Toga galt, antwortete er ein Gutfreund. Der Gefreite wollte Namen und Stand der auffälligen Person wissen.

»Abällino, der große Bandit!«

Die Wache schien sich zu besinnen, was ein Bandit sei. Einer meinte, es sei ein Komödiant.

»Ihr Geschäft?«

»Die Tugendhaften retten, die Schurken entlarven!«

»Auf die Wache!« Abällino schlang den Mantel vornehm um die Schultern und schickte sich an, schweigend zu folgen.

»Da kommt noch einer; der scheint zu ihm zu gehören.« – »Ein Hinkepeter.« – »Verstellung«, sagte der Gefreite, »nur rasch ran.«

Der Kammerherr klopfte sich auf die Brust, weil der Husten ihm steckengeblieben war.

»Kennen Sie den?« fragte der Gefreite den Rotmantel.

Der Rotmantel schien ihn scharf anzusehen; dann sagte er: »Dieser Mann trägt eine Larve, reißen Sie ihm dieselbe ab, mein Herr Korporal.«

Den Hut ließ der Kammerherr sich abreißen, aber er schwor Stein und Bein, das sei sein wahres Gesicht. Die Wache schien unschlüssig.

»Schwere –, ich frage Ihn«, rief der Korporal, »ob Er den hier kennt?«

»Dies ist nicht sein natürlich Gesicht.« Abällino schüttelte den Kopf. »Das ist keine natürliche Röte. Sehn Sie, mein Herr Wachtkommandant, jetzt wird er blaß.«

»Potzblitz Millionen, er hinkt. Ist das auch nicht natürlich?«

»Das ist wohl seine Natur«, sagte Abällino mit der größten Ruhe. »Indes meine Bande ist sehr groß, es hinken viele. Lassen Sie ihn den Mund auftun. An seiner Sprache werde ich leichter erkennen, ob er der ist, den ich vermute. Fragen ihn Herr Wachtkommandant gefälligst, ob er mich kennt.«

»Kennt Er – kennen Sie diesen hier?«

Unter einem Guß von Angstschweiß platzte er heraus: »Ich bin so – ich weiß – ich kenne ihn so – ich kenne ihn so wahr nicht.«

»Jetzt kenne ich ihn, Herr Wachtkommandant, ein sehr gefährliches Subjekt. Wir in der Bande nennen ihn Petrus vom Hahnenschrei. In Wirklichkeit heißt er Judas Ischariot, ist ein getaufter Jude und handelt mit abgelegten Kleidern und Frauenpuppen.«

»Sie sehen, meine Herren, er ist ein Betrunkener.«

»Aber wo kamen Sie mit ihm zusammen?« sagte der Korporal, dessen Augen entweder für die feine Kleidung des Kammerherrn aufgingen oder für die Bewegung seiner Hand in die Tasche.

»Bei einem Krankenbesuch«, stotterte St. Real – »eine unglückliche, arme Kranke – im Auftrag einer hohen Mildtätigkeit, die ihre Gaben nicht bekannt wissen will. – Dort hält meine Equipage.«

Das war hervorgestoßen, während der Sprecher noch mit ängstlichen Blicken nach dem Banditen hinaufschielte, ob er nicht widersprechen werde. Der Bandit bewegte sich nicht, er schenkte ihm Gnade. Der Korporal, der sich zwischen ihn und Bovillard gestellt, um die Kollisionen zu verhindern, hörte den harten Taler, der zufällig aus des Kammerherrn Tasche glitt, auf das Pflaster fallen. »Marsch!« kommandierte der Gefreite. »Auf die Wache! Dies ist ein anständiger Herr vom Hofe.«

Stolz wie ein König schritt Abällino nach der Wache! Der Kammerherr sank fast ohnmächtig in die Wagenkissen zurück und stöhnte: »Das kommt davon, wenn man mit der Kanaille sich abgibt!«

Der Vorfall der Nacht hatte in Berlin, wie man richtig vermutet, Aufsehen und Entrüstung erregt. Um so beruhigender für alle guten Bürger wirkte ein Artikel, der einige Tage darauf in den Zeitungen erschien. Bovillard und St. Real hatten auch richtig gerechnet, daß, wer nur guten Freunden vertraut, nicht verloren ist. Der Artikel lautete:

»Es ist ein betrübendes Zeichen unserer Zeit, wenn der böse Wille aus den geringfügigsten Ereignissen Nahrung schöpft, um Mißtrauen gegen die Maßregeln der hohen Obrigkeit zu verbreiten. Kaum ist vor einigen Wochen ein Ereignis, das man dazu benutzt, aufgeklärt und beseitigt, als man böswillig abermals einen sehr unbedeutenden Vorfall benutzt, diesmal, um ein falsches Licht auf die Moralität unserer Stadt und ihrer Bewohner zu werfen, dabei aber sich nicht entblödend, den Verdacht auf höhergestellte Personen zu lenken, als begünstigten sie die Immoralität. Damals war ein gewiß unter keinen Umständen zu billigender Exzeß in unserer Vogtei Anlaß, einen unserer rechtschaffensten Staatsdiener der Konnivenz mit Verbrechern zu beschuldigen. Dem Scharfblick einer hohen Person, die hier zu nennen der Respekt uns verbietet, war es vorbehalten, die Wahrheit von der Verleumdung zu unterscheiden, und den eigentlich Straffälligen das Bekenntnis ihrer alleinigen Schuld zu entlocken.

In gleicher Weise wird der traurige Exzeß, welcher neulich in einer unserer belebteren Straßen stattfand, seine Aufklärung finden. Einer wohllöblichen Polizei war es keineswegs entgangen, daß das Haus einer jetzt viel genannten Dame zu Verdacht Anlaß gab. Sie vigilierte vielmehr auf dasselbe, um beim ersten gegründeten Anlaß einschreiten zu können. Bei dem wirklichen oder angeblichen Stande der Bewohnerin und den unverdächtigen Attesten, welche dieselbe von auswärtigen Obrigkeiten mitgebracht, Staaten, mit denen unsere Regierung in Frieden lebt, war es indes unzulässig, auf bloßen Verdacht hin einzuschreiten. Wer dies doch für gerechtfertigt hielte, teilt nicht unsre Ansicht von dem, was einer wohlgeordneten Staatsbehörde obliegt. Diesem Umstande ist's zuzuschreiben, daß es der gedachten Frau gelang, unbefangene Gemüter zu täuschen; wir wissen kaum, was wir mehr bedauern sollen, daß es ihr gelang, einen durch seinen strengen religiösen Sinn und seine Kanzelberedsamkeit gleich ausgezeichneten Geistlichen mit seiner Familie in ihrem Hause unter dem Schilde der Gastfreundschaft aufzunehmen, oder daß sie die sittsame Tochter höchst verehrter Eltern und eines unserer treuesten und bewährtesten Staatsbeamten in ihr Haus zu verlocken wußte. Der traurige oder, wenn wir wollen, glückliche Vorfall, der sich hierauf ereignete, ist bekannt. Übrigens hätte es dieses Vorfalls nicht bedurft; denn, wie die Erscheinung des Kommissars im selben Augenblick jeden überzeugen sollte, der Augen dafür hat, hatte die Polizei schon die Beweise in der Stille gesammelt, die jetzt ihr Einschreiten rechtfertigten. Die Anwesenheit einer oder mehrerer angesehener Personen in dem Hause gibt zwar für diejenigen, welche am Argen Wohlgefallen haben, willkommene Nahrung. Wir lassen ihnen dieses Vergnügen, teilen aber mit jedem Gutgesinnten, der diese Herren kennt, die Überzeugung, daß sie nur in dem löblichsten Zwecke sich an den Ort begeben hatten. Der eine dieser Herren hat seine edle Absicht bekundet, indem er das Opfer der Intrige, unbekümmert um die Insulten des Pöbels, von dem man doch nicht fordern darf, daß er den Schein von der Wahrheit unterscheide, aus dem Hause und ihren betrübten Eltern zugeführt hat. Wir zweifeln gar nicht, daß auch dies zu bösen Nachreden Anlaß geben wird, ebenso der Umstand, daß ein gewisser Herr in dem geräumten Quartier über Nacht zurückblieb, um Kollisionen von außerhalb auf die Spur zu kommen, wenn man gleich weiß, daß durch seine aufopfernde Vermittelung diejenige Person endlich arretiert wurde, welche den Unfug in dem Hause veranlaßt, ja, wir sind auch davon überzeugt, daß die in letzter Nacht erfolgte Flucht der verhafteten Dame aus dem Gefängnis einer Intrige wird zugeschrieben werden. Indem wir unser Bedauern über derartige Insinuationen nicht verbergen und in der Leichtgläubigkeit, mit der das Publikum auf sie horcht, eine tiefere Immoralität als in der gerügten betrauern, sind wir doch des Glaubens, daß der größere und bessere Teil des Publikums sich davon nicht täuschen lassen und das Vertrauen sich erhalten wird, daß niemand besser als unsre Obrigkeit für unsre wahre Wohlfahrt sorgt, welche in der Ruhe und dem Frieden aller rechtschaffenen Menschen besteht. Die Argwöhnischen und Böswilligen, das wissen wir, werden wir nicht damit zum Schweigen bringen, aber Heil dem Staate, wo das Auge seines Oberhauptes über das Wohl aller wacht, wo vor seinem Throne der Kleinste wie der Größte nur Gerechtigkeit zu erwarten hat. Wo die Tugend auf dem Throne sitzt, kann die Immoralität keinen dauernden Wohnsitz im Lande haben.«

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