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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Achtzehntes Kapitel.
Der rote Shawl.

Karoline kam aus der Seitenkammer und drückte die Tür leise zu: »Er ist eingeschlafen.« – »Wenn er nur nicht aufwacht, bis ma chère tante in die Komödie fährt«, sagte Jülli, die durchs Schlüsselloch sah.

»Er verdiente es schon«, meinte Karoline. »Ich liebe es gar nicht, wenn die Herren betrunken vom Frühstück kommen und glauben, sie tun uns noch eine Ehre an, wenn sie in ein anständig Haus poltern. Schmeißt sich da mir nichts dir nichts aufs Sofa, gähnt, und eh man sich's versieht, ist er eingeschlafen. Da soll man sich wohl aus der Konversation bilden! Ma chère tante hat gut reden.«

»Die vornehmen jungen Herren tun's alle so«, warf Jülli ein.

»Und er hat nie kein Geld, sagt ma chère tante«, fuhr die andre fort, »und wenn sie nur gewußt, wie er mit seinem Vater steht, der ein sehr anständiger und vornehmer Herr ist, hätte sie ihn auch gar nicht ins Haus gelassen. Aber nun sie's weiß, soll er sich nicht mausig machen, und sie wird ihm mal den Stuhl vor die Tür setzen, daß er sich verwundern soll, hat sie gesagt. Und vollends jetzt, wo die Predigers oben sind. Still, sie kommt runter.«

Jülli drückte ihr Gesicht an eine Scheibe, Karoline hatte sich ans andre Fenster gesetzt und eine weibliche Arbeit schnell ergriffen. Die Tante schalt. Junge Frauenzimmer müßten nicht immer am Fenster sitzen. Das gäbe übel Gerede; die Stadt sei gottlos genug, daß sie immer an Schlimmes denkt. »Was hast du dir wieder die Nase plattgedrückt an der Scheibe?« fuhr sie Jülli an. »Siehst du, davon kommt die Träne ins Auge, und das habe ich dir gesagt, wenn eine erst anfängt, sich die Augen rotzuweinen, dann ist's mit uns aus. Siehst du etwa die Karoline weinen? Die lacht den ganzen Tag. Alles was recht ist. In der Kirche, vor unserm Herrgott, soll man weinen und das Gesicht langziehn, wenn der Herr Prediger gerührt spricht, und niemand kann mir nicht sagen, daß ich euch nicht in die Kirche führe, und keiner, daß ihr nicht fein und anständig gekleidet seid, daß ihr euch mit Ehren sehn lassen könnt, aber zu Hause sollt ihr nicht sein wie in der Kirche. Die hat der liebe Herrgott bauen lassen, daß man da traurig sein soll, aber die Welt daneben, daß man lustig sein soll. Und die Herrschaften, die zu uns kommen, die wollen's auch, sonst würden sie in die Kirche gehn und nicht zu uns.«

Karoline unterbrach die Rede, indem sie hell auflachte. Wenn sie damit der eben ausgesprochenen Weisung nachkam, sündigte sie doch sogleich dagegen, indem sie das Fenster aufriß. Der Lärm und das Gelächter draußen rief indes auch die Tante heran. An der Ecke der Straße war ein Fischmarkt, und es war nichts Ungewöhnliches, daß der altberühmte Witz der Fischweiber gegen Käufer und Neugierige eine Art Auflauf veranlaßte. Diesmal war eine bestimmte Person der Gegenstand der Lustigkeit. Der ältliche Herr hatte mit den sämtlichen Verkäuferinnen ein Geschäft angeknüpft, und nachdem er sich aus jedem Fischkasten die fettesten Karpfen und Aale zeigen lassen, alle befühlt und mit allen ihren Besitzerinnen wegen des Preises unterhandelt. Wenn das schon nicht ohne beißende Bemerkungen von beiden Seiten abgegangen war, so steigerte sich das Gezänk in das, was man in Berlin ein »Aufgebot« nennt, als der Käufer sich endlich, wie sich von selbst verstand, für die Ware nur einer Verkäuferin entschied. Die übrigen erhoben sich und überschütteten mit einer Flut nicht schmeichelhafter Namen den Käufer, der seinerseits einen nicht gewöhnlichen Mut zeigte, denn er harrte nicht allein aus, sondern harangierte seine Feinde durch Gegenreden. Seine graziösen Gestikulationen bewiesen, daß er der Höflichere war, und man konnte bemerken, daß in das laute Gelächter der Menge auch seine aufgebrachtesten Feindinnen einstimmten. Ein schärferer Beobachter hätte indes darin keine Feindseligkeit, sondern nur ein Schauspiel entdeckt, was sich gewiß schon oft ereignet und zur gegenseitigem Herzenserheiterung noch oft wiederholen sollte. Diesmal mußten jedoch einige der Fischweiber in ihre Klagen und Repliken noch andere Anzüglichkeiten eingemischt haben, welche die Köchin des ältlichen Herrn veranlaßten, durch deutliches Zupfen am Ärmel ihn zu einem frühzeitigeren Rückzug zu veranlassen, als ihm lieb schien. Eines der Weiber, ob nun im Scherz oder Ernst, hatte ihm ein altes Fischnetz nachgeworfen mit der Bemerkung: das wolle sie ihm schenken, damit ihm seine Fische nicht durchgingen wie seine Gefangenen! Das Netz hatte unglücklicherweise seinen Kopf getroffen und die Perücke heruntergerissen. Während die Köchin sich danach bückte, waren ihr die Fische aus dem Korbe geglitten. Das Wiedereinfangen der Aale verursachte allgemeine Lustigkeit und neuen Aufruhr, worüber man zuerst nicht bemerkte, daß sie ihm in der Hast die Perücke verkehrt aufgestülpt hatte, was denn das Gelächter unwiderstehlich machte, und weder der Rückzug noch die Adjustierung der Perücke halfen vor dem Troß begleitender Gassenjungen und dem Gelächter der Neugierigen, welche der Lärm an die Fenster zog.

»Ach, der Herr Geheimrat Lupinus!« hatte die Tante ausgerufen. »Das ist ein spaßiger Mann! Wie niederträchtig er ist, auch gegen die gemeinsten Leute! Sieh mal, selbst dem Apfelweib wirft er 'ne Kußhand zu, und so gravitätisch, wie zum Menuett! Seht, Kinder, daran könnt ihr euch ein Exempel nehmen; so wird mancher rechtschaffene Mensch auf Erden verleumdet von bösen Feinden, aber 's gibt einen Gott im Himmel und einen König auf Erden, und wer ehrlich sein Brot erwirbt und ein gefühlvolles Herz hat für seine Nebenmenschen, der geht nicht zuschanden.«

Aber als die vorwitzige Karoline zum Fenster sich hinausbiegen und dem Herrn Geheimrat zurufen wollte: »Warum tragen Sie nicht die Fische selbst?«, drückte die Hand der Tante eine sehr vernehmliche Erinnerung auf ihre Backe: »Untersteh dich!« Das Fenster flog zu. Die Szene hatte sich verändert. Karoline weinte. Nur war sie keine so unterwürfige Zuhörerin.

»Und 's ist wahr, er hat immer die Fische vom Markt getragen, mit 'nem Kapaun unterm Arm hab ich ihn selbst gesehen, und darum bin ich kein schlechtes Mädchen nicht. Und das ist Wahrheit.«

Die Obristin mäßigte sich. Der Herr Geheimrat sei eine obrigkeitliche Person, und mit genialischen Herren müsse man's anders nehmen. Und wenn er keine Respektsperson wäre und nicht so viele vornehme Freunde und Verwandte hätte, dann säße er jetzt Gott weiß wo. Und das einzige, was man ihm nachsagen könnte, wäre seine Köchin. Gegen die Charlotte wäre schon sonst nichts zu sagen, denn sie wäre ein braves Mädchen, aber für einen vornehmen Herrn schicke sich das nicht, so was im Hause zu haben. Außer dem Hause geht das niemand was an, hatte ihr ein sehr angesehener und tugendhafter Herr gesagt. Daß er die Charlotte auf den Markt mitnehme, wolle sie nicht gerade gutheißen, aber der Mensch, der's jedermann recht täte, müßte erst erfunden werden.

Die gute Tante hatte, je mehr sie ins Reden kam, desto mehr auszusetzen. Ja, die Predigerstöchter oben wären neugierig wie ein neugeboren Kalb, und wenn nur ein Wagen vorbeifährt, rutschten die Köpfe zum Fenster raus. Das habe sie sich nun einmal aufgebunden, weil sie ein so gutmütig Herz habe. Aber ihre Nichten sollten doch bedenken, daß sie nicht aus dem Kuhstall wären, und auf sich was halten. »Wie ich so alt war als ihr, da hielt man mich für 'ne Gräfin, und ich hätte mal den Kopf umdrehen sollen auf der Straße, wie ihr tut. Und an guten Exempeln fehlt's euch doch nicht; in mein Haus kommen nur die feinsten Leute. Und wie sprecht ihr mit dem Herrn Kammerherrn, der so gütig ist; ich werde manchmal purpurrot, wenn ich denke, daß er's am Hofe wiedererzählt. Merkt ihr, dumme Liesen, denn nicht, wie er ganz anders mit der Mamsell Kriegsrätin sich unterhält, wenn die hier ist? Die weiß ihm zu antworten, daß er oft nicht weiß, was er sagen soll, so frappiert's ihn. Und das sage ich euch, wenn sie heut zur Schokolade kommt, daß ihr euch nicht wieder das Maul verbrennt, du vor allem, Karline. So ein Trampeltier merkt auch gar nicht, wie ich ihr neulich auf den Fuß trat. Denn sie ist zu ganz was anderm, weil sie ein feines sittsames Mädchen ist und 's noch weit mehr werden wird, und ihr könntet mal froh sein, wenn ihr ihr die Schuhbänder zumachen dürft. Aber Mädchen, was hast du dir wieder die Schuh schiefgetreten! Bei dem Dinge hilft doch auch keine Vernunft. Und wie breit der Fuß wird, das kommt davon, wie du beim Tanzen ranzest. Die Jülli hat noch ein ganz schmales Füßchen; aber die hält auch auf Anstand. Und das neue Kleid, zu Weihnachten erst hast dies gekriegt, und wie sieht's schon wieder aus, daß Gott erbarm!«

»Ma chère tante, wann krieg ich das Bombasinkleid?«

»Ei was, laß dir's von den Herren schenken.«

»Die Herren sind nicht so generös.«

»Wenn sie dich so mit den Beinen schlenkern sehen unter dem Stuhl und so rekeln mit dem Ellenbogen über die Lehne, da sollen sie sich wohl wunder was vorstellen, was ihr seid. Zu meiner Zeit, sag ich, kerzengrad saßen sie auf dem Stuhl, und so schlugen sie die Augen nieder, wenn ein Herr zu ihnen sprach, aber da verstanden sie auch zu bitten, und da waren die Herren auch generös.«

»Man soll die Herren nicht rupfen. Das haben ma chère tante immer gesagt. Na nu, ist's nu nicht wahr?«

»Sie unverschämtes Geschöpf! Was das für Reden sind in meinen Appartements! Wenn's Ihr nicht mehr gefällt, werd ich Ihr 'nen Stuhl vor die Tür setzen. Dann mag Sie sehen, wo's Ihr besser gefällt. Denn überhaupt soll's anders werden bei mir. Ja, ja, meine Damen, das merken Sie sich, ich will keine Pension, wo das pöbelhafte Wesen nicht rausgeht. Ein Wort kostet mich's, und Sie wird nach Spandow zurückgeschafft, Mamsell Karline, da wo ich Sie herholte, auf den Kietz. Wird's Ihr besser gefallen, barfuß im Kahn und die Pletzen schuppen oder winters beim Kienspan Netze flicken? Ihre Finger sahen ja aus, mit Respekt zu sagen, wie Pfoten, rot und geborsten, und hab ich das für meine Mühe, daß ich sie mit Mandelöl und Kleie weich kriegte und in Handschuhen schlafen ließ! Sag ich doch, wer Dank säet, der wird Undank ernten.«

Es klingelte, der Schokoladengast stand im Zimmer. Ein Livreebedienter, der die verfeinerte Haushaltung der Frau Obristin seit einigen Tagen repräsentierte, hatte Adelheid abgeholt.

»Nein, sage ich doch, nicht wie ein Fräulein, wie eine Prinzessin! Und mit jedem Tag, möchte ich sagen, gewachsen!«

»Das kommt nur vom langen Kleide«, lächelte Adelheid und war mit raschem, sichern Schritt, nach einer flüchtigen Begrüßung der Tante, zu den Nichten geeilt, die sie mit der natürlichsten und zuvorkommendsten Herzlichkeit küßte. Sie schalt und bedauerte, daß sie gar nicht zu ihr kämen; die Nichten waren verlegen. War's der scharfe Blick der Tante, war's die überwiegende Erscheinung des in der Fülle ihrer Schönheit strahlenden Mädchens, aber der Strahl aus dem klaren Auge goß in die getrübten der unglücklichen Geschöpfe von seinem Licht. Sie fühlten sich in einer andern Atmosphäre, die etwas von ihrem heilenden Balsam auch auf sie träufte.

Die Obristin hielt es für gut, allein das Wort zu führen. Ihre Lippen flossen über vom Lobe der braven Eltern, die wohl mehr zu tun hätten, als solchen Besuch zu empfangen. Sie wisse wohl, was der Herr Kriegsrat und die Frau Kriegsrätin für die Erziehung ihrer Tochter täten, und da wäre es ja ausverschämt, sich aufdrängen zu wollen. Aber um so mehr schätze sie es und rechne die Ehre sich an, daß sie ihrem Lieblingskinde erlaubt, sich ein Stündchen sich in ihrem schlichten Hause zu gefallen. Sie wäre nun eigentlich in rechter Verlegenheit, worüber mit einer solchen feinen Dame sprechen, die so viel schon wisse und noch viel mehr von solchen Lehrern lernen würde.

Adelheid war ihrerseits aber gar nicht mehr in Verlegenheit. Sie, was man nennt, »kappte« die Obristin durch kurze, natürliche Antworten, und schon vor der Schokolade war das Gespräch im lebendigsten Gange, denn es betraf das neue, feine Kleid, was der Vater ihr geschenkt und die größte Aufmerksamkeit der Nichten erregte. Das Zeug, der Laden, wo es gekauft, der Kaufmann, seine Waren, Preise, es ward alles ausführlich behandelt, die Krone der Verwunderung aber blieb, daß Adelheid und ihre Mutter es selbst zugeschnitten und genäht, »und sitzt wie angegossen«, rief die Tante, »nu seht, wenn ihr das könntet! Und Mamsell Kriegsrätin tut's nur zum Pläsier. Denn ihr Herr Vater würde ihr ja gern den ersten Schneider ins Haus schicken, und später werden ihr ganz andere Leute Kleider machen lassen. Ja, ja!«

Das Lächeln der Obristin gefiel Adelheid nicht, auch mißfiel ihr, daß die Tante immer, um sie herauszustreichen, ihre Nichten demütigte. Ohne sie zu beachten, erbot sie sich deshalb gegen Jülli, wenn sie ein neues Kleid bedürfe, es ihr zuzuschneiden, auch, wenn sie es wünsche, ihr Unterricht im Schneidern zu geben, so gut sie es eben könne.

Die Tante war von dem Anerbieten sehr gerührt, bei der Jülli könnte es vielleicht noch anschlagen, aber die Karline wäre gar zu faul: »Wer den Unterricht zu schätzen weiß und was lernt, aus dem kann alles werden, wie oft habe ich ihnen das gesagt. Nun sehen sie es mal mit Augen vor sich. Ja, mein liebes Engelchen – verzeihen Sie schon, Fräulein Adelheid, daß ich so zu Ihnen rede, aber ich kann gar nicht anders, wenn ich Ihnen ins liebe Gesicht sehe –, ja, das muß ich Ihnen auch sagen, seit ich die Ehre habe, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, da ist mit Ihnen auch schon eine Veränderung vorgegangen. Ach, Sie haben einen vortrefflichen Lehrer.«

Adelheids Gesicht leuchtete auf: »Kennen Sie ihn?«

»Habe nicht die Ehre, aber ich wollte wetten, er heißt Kupido.«

»Nein, er heißt van Asten. Und seine Stunden sind gar nicht wie Stunden. Es plaudert sich so fort, und sie sind immer zu Ende, ehe wir es uns versehen. Ich schäme mich zuweilen, wenn er fort ist, daß ich so wenig aufgeschrieben habe, aber wenn ich mich hinsetze, um es niederzuschreiben, dann muß ich oft einen ganzen Tag schreiben und noch mehr. Ich tue es nun gar nicht mehr, denn ich behalte doch alles auswendig.«

»Ist's die Möglichkeit!«

»Manchmal ist mir wie einem Vogel zumute, als schwebte ich hoch in die Luft, und unter mir sähe ich Berge und Städte und Flüsse. So weiß er das alles klarzumachen, wenn er erzählt. Da ist mir oft, als müßte ich das Umschlagetuch zusammenziehen, wenn er die kalten Länder beschreibt, wo ewiger Schnee liegt und Eis. Und wenn er die heißen schildert, da wird mir's so heiß, so heiß – ach, ich rede gewiß recht dummes Zeug, es ist nur gut, daß es Herr van Asten nicht hört.«

»Ach, liebe Seele, Engelchen, das versteh ich. Wer das einmal gekostet hat, wie's draußen schön ist in der Welt, der möchte immerfort fliegen. Na, nu versteht sich, fliegen kann keiner von uns, denn wir haben keine Flügel. Aber zwei Füchse vorgespannt vor den Wagen, oder noch besser viere, Extrapost, und nun, Schwager, ins Horn gestoßen und geknallt, über Berg und Tal und Sonnenschein, und überall geputzte und frohe Menschen. Das ist ein Leben, mein Engelchen. Berlin ist eine hübsche Stadt; aber, ach Gott, was gibt's noch für andere! Das zu sehen und sich erklären zu lassen! Und Herr van Asten müßte neben Ihnen im Wagen sitzen! Na, das wäre doch ein Leben, wie alle Tage Sonntag. Ihnen gönne ich's. 's kommt auch mal so. Was man sich wünscht, das kommt.«

Adelheid schwieg betroffen. Hatte sie sich denn das gewünscht? »Nein, liebe Frau Obristin, daran habe ich gar nicht gedacht. Neulich, da schämte ich mich fast, daß ich noch nicht in Potsdam gewesen und daß Sie aus Leipzig kamen, aber jetzt – jetzt ist mir gar nicht, als wenn das nötig wäre. Wenn Herr van Asten mir von den fremden Ländern erzählt, so brauche ich gar nicht zu reisen.«

»Ist das ein himmlisches Gemüt! – Und wie sie die Schokolade nippt, seht euch mal das an. Wo sitzt auf ihren Lippen nur ein Tröpfchen, und wie ihr immer schlürft. Die Schale faßt sie doch an, als hätte sie's bei Hofe gelernt. – Nu müssen Sie auch mal in die Untertasse sehn, das ist ein Spiegel, da sieht Adelheidchen sich selbst.«

Adelheid ließ die Porzellantasse beinahe fallen. »Die Venus! Das ist ja die Venus!« kreischten die Mädchen. Die Tante wollte über die Attrappe sich ausschütten vor Lachen, aber als sie Adelheids Verlegenheit bemerkte, nahm sie rasch die Untertasse in die Hand und meinte, da müßte sie sich vergriffen haben; denn sie habe noch eine Tasse, wo die Venus ein Umschlagetuch hat.

Adelheid hatte wohl von der Venus gehört, aber in der Mythologie und Geschichte sollte der Unterricht später anfangen, weil Herr van Asten sie zuvor die Erde und ihre Bewohner, wie sie ist und sind, habe kennen lehren wollen, ehe er zu den Menschen überginge, die vormals gelebt und was sie geglaubt und sich vorgestellt. Dagegen entwickelte die Frau Obristin in dieser Wissenschaft einige Kenntnis und schien sie mit Vergnügen auszukramen. Sie wußte namentlich viel von Najaden und Dryaden, von den Metamorphosen und sogar von Ovid, der ein charmanter Dichter gewesen, daß Adelheid über ihre Gelehrsamkeit erstaunte. Sie hatte auch in ihrer Jugend bei Hofe den kleinen Schauspielen zugesehen, wie man die Götter und Göttinnen anzog und den Engeln Flügel anband.

»Da könnte ich wohl manches von erzählen, was Herr van Asten nicht so wissen wird, denn er war nicht dabei. Liebes Kind, Sie müssen nur denken, die Leute waren damals spaßiger als jetzt, das wird auch Herr van Asten wissen, und Böses war nichts bei. Denn die wurden bloß so Heidengötter genannt, wir kannten uns ja alle, alles gute Christen, und alles Trikots, pfui, wenn einer denken könnte, daß es was andres war. Der Herr Kammerherr könnte Ihnen davon erzählen – ich weiß auch gar nicht, wo er bleibt; er wollte noch mit einem vornehmen Herrn vom Hofe zur Schokolade bei mir ansprechen –, nein, sag ich Ihnen, der weiß die ganze Mythologie auswendig. Venus, das war die Mutter vom Kupido oder Amor, und ihr Vater war Jupiter, und sie war aus Meeresschaum geboren, und die Kinder vom Amor waren Amoretten. Wenn der Herr Kammerherr die Amoretten anzog, das war zum Totlachen; Kinderchens, nicht größer als so, mit Papierflügeln, einem Gürtel um den Leib, und alle an einen langen Strick gebunden, der so hing, und wenn sie artig blieben und nicht zappelten, kriegte jede nachher einen Honigkuchen. Ich selbst war mal ein Kupido, na, Engelchen, das war eine Geschichte, wenn ich daran denke! Sehn Sie, so stand ich mit einem silbernen Pfeil und sollte ihn jemand ins Herz stoßen, versteht sich, nur von Pappe und Schaumsilber; aber wenn ich Ihnen den Jemand nennte, da würden Sie Augen und Ohren aufsperren! Es war ein sehr reicher und vornehmer Herr und wurde nachher noch vornehmer und reicher. Ach, und ein Herz und ein Gemüt, so gut wie ein Kind. Da gab ein jeder gern sein Liebstes hin, wenn dem guten Herrn eine Freude damit geschah. Und wie generös! Da wurden die Goldstücke nicht gezählt; nur so in der Hand gewogen. Und einmal, es war nämlich in einer kleinen, engen Gasse, da neben der Spandauer Straße, zwei Stock hoch in einem finstern Hause, Treppen so grade rauf wie 'ne Leiter und stockduster, daß man sich Hals und Bein bricht, da kommt der Herr eines Abends rauf. Gott bewahre, er wird nicht allein ausgehen, einer in Livree vorauf, und zwei Herren begleiten ihn, alle in großen Mänteln. Nämlich, er hatte in Dresden ein Bild gesehn, von einem gewissen Titus oder Tilian, darauf kommt's nicht an. Es stellte eine Venus vor, die auf einem Kanapee ruht. Und es hatte ihm so gefallen, daß er gar nicht die Augen wegkriegen konnte. Da hatte jemand zu ihm gesagt: ›Gnädiger Herr, ich weiß in Berlin ein Original dazu; das hier ist ihm wie aus den Augen geschnitten.‹ Wie der vornehme Herr dazu den Kopf schüttelte und meinte, das halte er für ganz unmöglich, denn so was gäbe es gar nicht lebendig, sagt der andre: ›Wenn gnädigster Herr sich dafür interessieren, so käme es ja nur auf die Probe an. Ich weiß, der Mann, dem es gehört, würde es sich zur größten Ehre schätzen.‹ Sehn Sie, so war der Hergang.«

Adelheid wollte nach Hut und Handschuhen greifen. Warum, wußte sie nicht, aber sie war unruhig geworden. Die Obristin faßte sie am Arm: »Engelchen, liebes, Sie ängstigen sich doch nicht? Das war nur, was sie lebende Bilder nennen, lassen Sie sich's nur von Herrn van Asten erklären, und der hat sie auch gar nicht gesehn, Gott bewahre, der Vorhang ist gar nicht aufgegangen von wegen der silbernen Leuchter, denn darin hatte er's versehen. Die Stube sah Ihnen doch wie ein Paradies aus. Da hatte er Blumen und Bäume von Winkel-Bouchés bringen lassen und Wachslichter hinter die Büsche, und oben hatte er sich vom Theater eine Lampe geborgt, ganz blaß, die sah wie Mondenschein aus, und hinten war die rote Gardine zum Zurückschlagen, und davor zwei große Bäume, das waren aber Tannen aus dem Tiergarten, und da huckten oben zwei Amoretten, sie waren angebunden, aber nicht ganz fest. Und Räucherpulver war auf ein Kohlenbecken gestreut, das war so verdeckt, daß es wie ein Altar aussah, und die kleine Stube roch Ihnen süß und schön. Ich mußte nun dahinterkauern, und wenn er einträte, sollte ich vorspringen und ihm den Pfeil auf die Brust halten und die Worte sprechen:

Oh edler Menschenfreund, Dein tugendhaftes Herz,
Wenn dieser Pfeil es trifft, so sei es nicht zum Schmerz.
Wenn dies ihr Tempel war, ist er von jetzt ab Dein;
Sei du ihr Phöbus nun in diesem Mondenschein.

Nu können Sie sich vorstellen, Engelchen, wie mein Herz schlug, als ich ihn die Treppe raufkommen hörte; Herr Jesus, ich glaubte doch, mir würde es in der Kehle steckenbleiben. Und der Mann von der Frau, der stand auch so und japste an der Tür; er war auch baumgroß mit einem Tressenrock und weißseidenen Strümpfen. – Und die weißen Handschuhe zitterten nur so, wie er die Armleuchter hielt. Und wie der Herr draußen die letzte Treppe raufsteigt – wir hörten ihn husten –, er nun mit dem Fuß die Tür zurückgeschmissen und raus, und da sinkt er beinah in die Knie und leuchtet runter: ›Mein gnädigster Herr, das ist zuviel Sonnenschein in mein armes Haus!‹ Der Herr nun, der nicht weiß, wie ihm ist, hält den Arm vors Gesicht und stolpert just, wie er ruft: ›Verfluchter Kerl!‹ Das hab ich selbst gehört; das andre hab ich nicht gesehen, das haben sie mir gesagt. Nämlich darüber hat er die Balance verloren, und drei Stufen rutschte er, und hätte ihn der andre nicht gehalten, wäre er gefallen. Da schrie es: ›Lichter aus!‹ Aber da hatten sie schon auf den dritten gestoßen, der helfen kam, und der kriegte den Schuß. Das hörte ich poltern. Und da riefen sie von unten: ›Licht! Licht!‹ Aber dann schrien sie wieder: ›Nein, kein Licht!‹ Der Bediente aber, der oben gehuckt, war nun wie ein Satan zugesprungen, dem Mann hatte er die Kerzen ausgeblasen und stieß ihn, daß er in die Stube zurückfiel. Aber nun stellen Sie sich vor: Ich, wie ich meine, daß er reintreten muß, war mit dem Pfeil aufgesprungen und stoße ein bißchen ans Kohlenbecken; derweil aber ist sie schon rausgesprungen, und eh ich mich's versehe, krieg ich's um die Ohren: ›Du‹ – die Schimpfworte will ich gar nicht sagen –, ›das ist ja zu früh!‹ Darüber purzelt der Altar um, und die Kohlen kullern. Nu wär's noch alles gegangen, aber die kleinen Engelchen, nämlich die Amoretten, sind angestoßen von ihr, wie sie rausspringt, nämlich die großen Tannenbäume, und wo sie hinschlug, wuchs kein Gras. Diese Engelchen waren nun runtergerutscht vom Ast, aber weil sie angebunden sind, konnten sie doch nicht runter, also zappelten sie Ihnen und schrien Ihnen gottserbärmlich.«

»Ach, Gott, die armen Kinder!« rief Adelheid.

»Und im ganzen Hause schrien sie, und das war ein Türenklappen: ›Herrgott, was ist denn los?‹ – Da schreit's mit einmal ›Feuer!‹ und der Nachtwächter tutet, und es war auch Feuer, denn die Kohlen waren an die Gardine gekommen, und die brannte hellauf. Na, der Mann, das muß man ihm lassen, schnell wie der Wind, runter die Gardine, ausgetreten, aber auf der Straße hatten sie den Schein gesehen, und nun tutete es durch die Stadt noch eine Stunde.«

»Aber die armen Kinder! Was ward aus denen?«

»I, die haben sie runtergeschnitten und links, rechts ein bißchen, dann nach Haus. Ich kriegte auch 'nen Katzenkopf; da mußte man schon nicht draufsehn. Aber der Mann und die Frau, nein, ich sage doch, wenn gemeine Leute ohne Bildung in Rage sind! Einer auf den anderen los, daß er's verdorben hätte. Mit dem silbernen Leuchter schlug er ihr ins Gesicht; sie hatte ihm aber vor den Bauch getreten, das muß man auch wissen. Totgeschlagen hätten sie sich und Gott weiß was, wenn nicht die Polizei kam; die riß sie auseinander.«

»Die Polizei!« Es überrieselte Adelheid, sie war schon aufgestanden. Sie hatte die Polizei nur auf dem Markt gesehen, oder wenn sie einen Dieb einbrachte, aber sie wußte doch, daß es etwas Schlimmes war, wo die Polizei kam.

»Gott sei Dank, die kam aber erst, als der Herr fort war. Das war noch ein Glück. Aber der Bediente und der andre konnten kaum den einen fortschleppen, so war er auf die Hüfte gefallen. Hatte sich was gebrochen. Und der arme Herr trägt's heute noch –«

Sie verstummte plötzlich. Im Eifer der Erzählungslust hatte sie nicht bemerkt, daß der Kammerherr von St. Real im Zimmer stand.

Er verbeugte sich ehrerbietig vor Adelheid: »Verzeihen Sie, mein Fräulein, wenn ich auf einige Augenblicke die Frau Obristin Ihrer Unterhaltung entziehe. Nur einige dringende Worte –«

Adelheid erklärte, sie wolle nicht stören, sie müsse nach Hause. Warum sie das mußte, wußte sie selbst nicht, aber sie mußte, das war ihr klar. Den eigentlichen Zusammenhang der Geschichte hatte sie nicht gefaßt; ihre Aufmerksamkeit war bei den armen Kindern haftengeblieben, die mit Stricken am Baume hingen. Sie dachte an die unglücklichen Geschöpfe, welche die Seiltänzer ihren Eltern stehlen und die auf immer verlorengehen. Wie herzergreifend hatte das die Frau Obristin im Dorfe erzählt. Es war der Gedanke des Verlorengehens, die Vorstellung, daß ja ein ganz unschuldiger Mensch zufällig in dem Hause hätte sein können. Mein Gott, wenn auch sie jemand dahin geführt hätte, um das Bild zu sehn, und dann der Feuerlärm, die Polizei! Es drückte sie zentnerschwer. Die Bilder an der Wand schielten sie so seltsam an, so herausfordernd, fast alles mythologische Darstellungen; sie hatte sie früher nicht genau betrachtet, jetzt schlug sie die Augen nieder. Wenn sie nur erst hinaus wäre, wollte sie die Mutter bitten, sie nie wieder in das Haus zu lassen.

»Ich kam in der Absicht«, sagte der Kammerherr, »das Fräulein um die Ehre zu ersuchen, Sie in meinem Wagen zu Ihren Eltern zurückfahren zu dürfen. Vorhin begegnete ich Ihrem Herrn Vater, dem Kriegsrat, und er erlaubte mir, diese Bitte an Sie zu richten. Wenn ich Ihre Zustimmung habe, vergönnen Sie mir nur einige Momente mit Ihrer würdigen Wirtin.«

Das Zwiegespräch in der Fensternische ward sehr leise geführt. Mit der süßesten Miene flötete St. Real der Frau ins Ohr: »Sie unverantwortliches Plappermaul! Jetzt auf der Stelle, wiederhole ich ihr, schaff Sie die Predigerfamilie fort!« Wie zutraulich drückte er dabei ihre Hand, und wie war sie erfreut über dies Zeichen von Vertrauen und bat ihn, ihr ja diese gütige Gesinnung zu bewahren. »Weiß Sie, was der König tut, wenn er's erfährt?« Dabei klopfte er ihr zutraulich auf die Schultern. – »Nur bis morgen, gnädigster Herr, ich kann sie ja doch nicht auf die Straße schmeißen.« – »Durch den Büttel läßt er Sie aus der Stadt peitschen, und Sie hat's verdient, Sie unverschämtes Mensch!« – »Zu gütig!« – »Ihre Zunge müßte man Ihr mit glühenden Zangen ausreißen, denn sie geht mit Ihr durch, weiß Sie, bis wohin – bis zum Galgen, und Sie hat ihn verdient.« – »Nein, mein Herr Kammerherr sind doch die Obligeance selbst, und nun wollen Sie uns auch die Mamsell Kriegsrätin entführen. Ganz nach Ihrem Kommando.«

»Man hat sich kaum gefreut, so soll die Adelheid schon wieder fort«, sagte Karoline. Jülli aber sagte, es sei wohl gut, es scheine ihr ein Gewitter aufzusteigen, daß sie das nicht noch überrasche. Sie sah dabei aber ängstlich nach der Tür zum Seitenzimmer. Der Kammerherr meinte, ein Gewitter wäre nicht im Anzuge, es sei dafür zu kühl, aber ein Sturm und Regen. Er fragte, ob Adelheid nur das dünne Umschlagetuch habe. – »Oh, wir leihen ihr ein andres«, sagte Jülli. »Ach, das rotseidne der chère tante!« rief Karoline. »Adelheid hat's ja noch nicht gesehen. Das ist ja wahr! – Wie prächtig wird sie darin aussehen. Und das hält warm!«

Der Kammerherr nickte der Obristin zu, sie möge das Fräulein nur recht warm und schön anziehen. Dann ging er hinaus, um nach dem Wagen zu rufen, sagte er. Es mochte aber auch sein, um nicht bei der Toilette zu stören oder um sich nach dem Lärm zu erkundigen, den man auf der Straße hörte. Ein Reiterregiment ritt vorüber, aber es schien, als ob sie haltmachten, und man hörte Gelächter und Rufen.

Die Obristin hatte das vielbesprochne Tuch vom Malaienlande aus der Kommode geholt, als sie im Vorübergehen einen Blick aus dem Fenster warf: »Was das nun wieder ist! Sind doch die Herren Gendarmen nur da, um Unfug mit ehrlichen Leuten anzufangen!« Sie breitete das Tuch aus, und es glänzte in so köstlichem duftenden Rot, daß Adelheid selbst ein unwillkürliches Ach! ausrief

Man hing es ihr um, man zog sie vor den Spiegel. Zuerst als wallenden Talar. Die Obristin schien darin wirklich geschickt: »Du meine Güte, wie eine Opferpriesterin!« – »Wie eine Königin!«

Der Lärm draußen wurde lauter; kein Aufruhr, aber ein wüstes Gelächter. Man rief Spottnamen hinauf; es schien, als ob von oben geantwortet würde. Darauf ein noch ausgelasseneres Gelächter und einzelnes gellendes Pfeifen. Die Tante beschwor die Nichten, sich vom Fenster fernzuhalten. Sie nahm das Tuch wieder ab, um es anders zu drapieren, als man jemand die obere Treppe hastig herabkommen hörte und die Tür aufklinkte. Die Obristin schien ein anderes Gesicht zu erwarten als das etwas ängstliche, welches zur halbaufgestoßenen Tür hereinsah. Die Beffchen über der schwarzen Weste verrieten einen Geistlichen. Der geblümte Schlafrock und die lange Pfeife, welche die halbzugehaltene Tür verbergen sollte und doch nicht verbarg, hätten sich auch zu jedem guten Bürger geschickt, dem häusliche Behaglichkeit über alles geht.

»Haben Sie gehört, verehrteste Frau Obristin?«

»Ach, mein allerbester Herr Prediger!«

»Bitte tausendmal um Vergebung, wenn ich derangiere, insonders wegen meiner Toilette. Aber das ist ja nicht zum Aushalten!«

»Ist Ihnen was arriviert

»Ich sehe ja nur zum Fenster hinaus, und meine Töchter neben mir, und rauche ganz in Frieden mein Pfeifchen, als einer der Herren Offiziere mit dem Arm nach mir weist, ich weiß noch nicht warum, und darauf strecken alle die Hälse und heben mit einem Aha! ein schallendes Gelächter an. Sagen Sie mir, was man da zu tun hat. Ich habe zwar einige Worte an sie gerichtet, sehr freundlich und zurechtweisend, sie antworten mir aber nur durch unartikulierte Laute, nachahmend den Gesang der Hühner durch ein Kikeriki! oder, noch unbegreiflicher, durch ein sogenanntes Kuckucksgeschrei.«

»Ist's die Möglichkeit!« rief die Obristin.

»Ja, von einem der Herren Offiziere, bei denen man doch Bildung annehmen sollte, hörte ich den unanständigen Ausdruck: ›Pfaff und Pfäffchen!‹ Und einer rief: ›Gefällt's dir im Kuckucksneste?‹ Wird mir doch in der Tat bange, denn der Pöbel fängt auch schon an, mitzukrähen, und die Nachbarn reißen die Fenster auf. Soll ich nun zur Polizei schicken, oder erlauben Sie mir, daß ich hier ans Fenster trete, wo sie mich besser hören können, und ihnen recht eindringlich ins Herz rede, wie ihr Betragen sich besser zu Sodom und Gomorrha schickt als für die Residenzstadt unseres Königs?«

»Sodom und Gomorrha! Da haben Sie recht, das ist das richtige Wort!« rief die Obristin, erfreut, an ein Wort sich klammern zu können, das sie für den Augenblick aus einer Verlegenheit riß, die, wie man an ihrem Zittern wahrnehmen konnte, schon peinlich geworden. Wie sie sich herausriß, war ihr gleichgültig. »Sodom und Gomorrha, Herr Prediger. Oh, Sie werden unsere Stadt noch anders kennenlernen. Aber um Gottes willen nicht die Polizei! Nicht zehn rechtschaffene Menschen unter tausend. Aber nicht die Polizei. Wer sich die auf den Hals ladet, sehen Sie –« Sie hatte in ihrer Angst das Tuch hin und her gewickelt, bis sie's Jülli zuwarf mit dem Befehl, es ordentlich zu legen, daß es das Fräulein umschlagen könne, und hatte damit schnell einen neuen Ausweg gefunden. – »Sehen Sie, Herr Prediger, das ist's, ein reines pures Mißverständnis. Sehn Sie, das Tuch hier, weil's so koklikorot ist – hier gibt's nicht solche –, müssen die Mädchen damit rumschmeißen gegens Fenster – das haben sie für 'nen Affront angesehen, die Herren Kavalleristen – warum, das weiß der liebe Himmel! Was sehn die nicht für 'nen Affront an, wenn ein ehrlicher Bürgersmann was tut – Sie wissen ja vom Lande, man darf kein rot Tuch aufhalten, dann fliegt das Federvieh – und rote Federbüsche haben sie –, alles, lieber Herr Prediger, nur nicht die Polizei! Und die Herren Offiziere sind, im Grunde genommen, seelensgute Menschen. Nur Jugend! Jugend muß man austoben lassen. Aber nur nicht die Polizei! Soll Ihnen auch keiner ein Haar krümmen, lieber Herr Prediger, jetzt erlauben Sie, will Sie in ein Dachstübchen schaffen, hinten raus, und Ihre Mamsell Töchter, die lieben Mädchen, wie mögen sich die erschrocken haben, da soll Sie auch keine Seele finden. Denn das Soldatenvolk ist grausam, boshaft oft gegen die Herren Geistlichen, ach, und die Herren Offiziere auch, aber unser herzensguter König wird sie schon besser machen. Und heut abend kommen sehr vornehme Herren vom Hofe her; da wollen wir alles arrangieren, ganz nach Ihrem Belieben! Nur nicht die Polizei!«

Der Herr Prediger fand sich von der Frau Obristin hinauskomplimentiert, er wußte so wenig warum, als Adelheid den Zusammenhang verstand, und noch weniger, warum die beiden Nichten, die mit ihr allein geblieben, in ein Kichern ausbrachen. Sie fragte nach dem Grunde. Karoline wollte vor Lachen platzen und drehte sich auf dem Hacken. Jülli aber umarmte von hinten Adelheid und drückte einen Kuß auf ihre Schulter: »Ach, 's ist besser für dich, daß du das nie erfährst.« – Adelheid schlang den Arm um ihren Nacken und sagte leise: »Das mußt du mir das nächste Mal sagen, wenn wir uns wiedersehen.« – Jülli drückte hastig einen Kuß auf die schönen Lippen: »Du darfst uns nie wiedersehen. Adieu auf immer!«

Im selben Augenblick hatte Karoline das Tuch um Adelheids Nacken geschlungen. Sie mußte eine besondere Geschicklichkeit darin besitzen. In antikem Faltenwurf fiel es von der einen Schulter, während die Kleine mit verstohlener Schnelligkeit ihr das Kleid von der andern herabzog: »Nun sieh dich in dem Spiegel! Das ist Venus, wie sie leibt und lebt, da auf dem Bilde!«

Adelheid sah in den Spiegel und errötete, als sie den kleinen Betrug entdeckte. Es war ein schöner Anblick, sie mußte es sich selbst sagen. Sie hob eben die Hand, um ihren Anzug zu ordnen, als – sie noch etwas anderes im Spiegel sah.

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