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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Siebzehntes Kapitel.
Das Citissime!

»Scheint doch einem Staatsmann auch kein Augenblick ruhiger Naturgenuß vergönnt!« seufzte der Minister, als der Kanzleibote mit seinem Citissime ihnen wieder entgegenkam. – Zugleich meldete ein Diener den Kammerherrn von St. Real. Man hörte den Wagen in den Hof fahren.

»Unterzeichnen Sie für mich, lieber Bovillard, hier gleich in der Laube. Im Auftrag, es wird genügen –«

»In welcher Angelegenheit?«

»Ich weiß es wirklich nicht. Der Kammerherr versprach mir, im Vorüberfahren vom Palais anzusprechen, wenn etwas Neues passiert. Auf Wiedersehen im Pavillon – bei der Straßburgerin.«

Der Geheimrat ließ die schon eingetauchte Feder fallen, als er einen Blick in die Reinschrift geworfen. Er durchlas sie mit gekniffenen Lippen – ein Bericht des Ministeriums auf Spezialanfrage in Belang des den Königlichen Geheimrat Lupinus betreffenden Amtsvergehens. Der Minister erteilte sein Gutachten dahin, daß nach seinem besten Ermessen der Fall mit unnachsichtiger Strenge zu behandeln sei und daß jede Schonung zum unverwindlichen Schaden des königlichen Dienstes ausschlagen müsse. Er drang selbst im Interesse des Staatsdienstes auf eine strenge Ahndung und augenblickliche Suspension des Angeschuldigten.

Es war nicht in Bovillards Art, alles, was er unterschrieb, durchzulesen. Er las diese Schrift zweimal und murmelte: »Sieh da, die feine Feder meines jungen Freundes. Nicht zu verkennen. Ei, ei, Herr von Fuchsius, wollen Sie sich schon so wichtig machen und unentbehrlich! Und auch diese feinen Anspielungen auf uns! Daran wollen wir uns gelegentlich erinnern.«

Der Kanzleidiener hätte noch lange auf die Unterschrift warten müssen, wenn ihm der Geheimrat nicht die Weisung gab, die Sache bedürfe noch einer Regulierung mit Seiner Exzellenz. Die Regulierung schien aber dem Geheimrat selbst einige Sorge zu machen, denn den Kopf im Arm, stierte er lange in die Luft, bis allmählich ein sardonisches Lächeln über seine Lippen spielte und er mit einem ganz eigentümlichen Blick ausrief: »Wenn es denn doch einmal sein muß, wollen wir etwas gründlicher anfassen.«

Er schrieb sehr schnell. Zwei Seiten waren gefüllt, mit Schmunzeln überlas er das Konzept: »Hätte ich doch selbst kaum gedacht, daß der Mensch so verworfen ist! Und dieser Schluß: ›Demnächst kann ich nicht umhin, es gerade in diesem Augenblick als eine dringendste Pflicht Eurer Königlichen Majestät zu Füßen zu legen, die Angelegenheit nur von dem angegebenen höheren Gesichtspunkte zu betrachten und den Rücksichten der Humanität und Gnade, denen höchst Ihr Herz so gern sich erschließt, diesmal nicht nachzugeben. Ja, ich muß für strengste Handhabung der Gerechtigkeit nicht allein im Interesse des allgemeinen Staatswohles und zur Erhaltung der Moralität unter Dero Dienern stimmen, sondern auch in spezieller Rücksicht auf die Männer und erprobten Staatsdiener, denen Eure Majestät höchst Ihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht. Leider steht die betreffende pflichtvergessene Person durch entfernte Verwandtschafts- und frühere gesellschaftliche Bande mit einem oder einigen dieser gedachten Männer in einer gewissen Relation, und es ist gewissen ihrer Feinde und Neider eine willkommene Aufgabe, aus diesem zufälligen Annex Verdächtigungsgründe zu schöpfen, ich wiederhole es, gegen Männer, die der Verdacht nicht berühren kann, weil ihr Charakter und ihr Verdienst von Euer Majestät gewürdigt sind. Desto mehr wird es zur Pflicht, gerade im Interesse des Thrones, auch vor dem Publikum diese Männer zu schützen. Eure Majestät können ihnen keine willkommenere Rechtfertigung gewähren, als wenn Sie das Recht und nur das Recht walten lassen. Was ist ein Staat ohne Moralität seiner Bürger, was eine Monarchie, wo der Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern strebt dem erhabenen Exempel, welches sein Oberhaupt dem Lande und Volke täglich gibt.‹«

»Wunderschön!« Es entfuhr unwillkürlich den Lippen des Geheimrats, und er steckte das Konzept in die Brusttasche. »Die Exzellenz wird sich wenigstens eingestehen müssen, daß sie Räte um sich hat, die auf ihre Ideen einzugehen wissen. Das kann man auch dem Herrn vom Stein unter die Nase halten.«

Welcher Glanz leuchtete auf der Stirn des Ministers. St. Real stand hinter dem Lehnsessel und wiegte sich in Wohlbehagen, während der Hausherr auf und ab ging. Als er den Geheimrat eintreten sah, hielt er ihm die Hand entgegen: »Wissen Sie schon, Bovillard?«

»Nichts, Exzellenz, als daß Ihre Ansichten mich überführt haben.«

»Lassen Sie sich's von St. Real sagen.« Er warf sich in den Fauteuil, überschlug die Beine und rieb die Hände.

»Seine Majestät haben in Gnaden die Anstellung des Herrn vom Stein abgelehnt.«

»Stein wird nicht Finanzminister«, wiederholte der Minister.

»Da fällt uns also ein Stein vom Herzen!«

Bovillards Bonmot, so leicht es war, fand empfängliche Herzen. Gut, daß kein Lauscherauge in den Pavillon drang. Es hätte Mienen, Bewegungen und Gesten gesehen, schwer verträglich mit der ministeriellen Autorität eines Großstaates. Nur der Geheimrat hatte rasch eine Flasche entkorkt, um ein Glas hinunterzustürzen, aber die Physiognomien erinnerten einen Augenblick an die faunischen Gesichter, welche Rubens' Pinsel so unvergleichlich auf die Leinwand warf. Belauschte Augenblicke der kannibalischen Natur im Menschen, die nun ewig geworden sind durch die Kunst. Wenn jemandem, wem darf man es weniger verargen als einem Staatsmann, wenn er im unbelauschten Augenblick die geglättete Maske fallen läßt, um einmal wenigstens in der ursprünglichen sich vor sich selbst zu sehen.

»Nun heraus! Wie war's?« rief der Geheimrat am Tische, indem er einen tief aushöhlenden Schnitt in die Leberpastete tat. Ich vergaß zu sagen, daß man die Türen vorher verschlossen und auch noch die Gardinen vor die mit Weinreben fest umrankten Fenster gezogen – der Kühlung wegen, hieß es. Es war allerdings ein sehr heißer Tag geworden! Vorher aber war der Haushofmeister auf besondere Order des Ministers selbst in die Keller gestiegen, und ein Korb mit Flaschen, staubig, kalkicht, mit Spinneweben umwoben, stand infolgedessen am Tische. Auf demselben hatten sich aber neben der Straßburgerin noch Schüsseln des verschiedensten Inhalts aus verschiedenen Weltgegenden eingefunden, »ein Frühstück, wie's ein schlichter Mann guten Freunden eben vorsetzt, die nach dem Herzen sehen, nicht auf den Wert«, hatte der Minister gesagt. Was bedurfte es der Aufwartung unter ein paar traulich beisammensitzenden Freunden! Darum sollte niemand gemeldet, niemand eingelassen werden, und der gütige Wirt selbst nahm den Pfropfenzieher zur Hand.

»Die Geschichte ist eigentlich sehr einfach«, sagte St. Real. »Gestern abend war der König noch dafür gestimmt. So nahmen wir's wenigstens an. Sie mögen sich das Geflüster in den Vorzimmern denken, die Fragen, die man hören mußte. Die Damen wollten wissen, ob der Herr vom Stein noch ein junger Mann wäre? Ob er ein Haus mache. Ob er ästhetisch ist. Ob er lieber Jean Paul liest oder Lafontaine und Schiller und Goethe vorzieht. Die Herren steckten die Köpfe zusammen. Es wußte eigentlich niemand, woher der Wind blies, denn wenn man auch sagte, Beyme hat Lombards Abwesenheit benutzt, so erklärte das wieder nicht, warum Beyme gegen seinen Freund intrigieren sollte. Andre kalkulierten gar, die ganze Sache ginge von Lombard selbst aus, er wünsche solchen Mauerbrecher in das Königs Nähe, entweder, um andre damit aus dem Weg zu räumen, oder er wünsche, daß die höchste Person es einmal empfinde, wie unangenehm der Umgang mit einem deutschen Degenknopf ist.«

»Torheit!« sagte der Minister.

»Und doch vielleicht nicht übel spekuliert.«

»Nichts, meine Freunde«, entgegnete jener, »lernt sich leichter an Höfen, als das Vergessen ehemaliger Freunde. Nur die Kränkungen vergißt man dort nie.«

»Die alte Voß ließ für mich keinen Zweifel«, fuhr St. Real fort. »Sie rühmte gegen Komteß Laura die alte Familie der Stein; von Männern solcher Abkunft könne man sich versprechen, daß sie wieder die nötigen Dehors auch an den Hof bringen werden.«

»Charmant!« Man ließ bei Gläserklang die alte Voß leben. Der weiße, prickelnde Burgunder schärft die Zunge, man schärfte die Darstellung von Anekdoten, die jeder kannte, aber jeder gern wiederhörte, bis sie für den Hautgout appretiert waren und unter allen guten Eigenschaften ihnen nur eine abging, die Wahrheit.

»Aber wir kommen von der Sache ab. Was erfuhren Sie von ihr?«

»Nicht mehr, als sie mich erraten ließ und ich eigentlich schon wußte, daß die Königin dahintersteckte. ›Geben Sie nur acht‹, flüsterte sie mir zu, ›wenn Ihro Majestät herauskommt.‹«

»Und?«

»Ihro Majestät kamen bald heraus.«

»Und?«

»'s ist doch eine wunderschöne Frau! Ihr schwarzes Atlaskleid rauschte über die Schwelle, und, war's Zufall oder Absicht, die Tür klappte hinter ihr, daß mir's noch ins Ohr gellt. Die Oberlippe ein bißchen eingekniffen, keinen von uns ansehend, raus war sie, und winkte nur der Berg, ihr zu folgen.«

»Und das ist alles?«

»Mich dünkt, genug.«

»Man kann sich täuschen.«

»Meine Ohren, Exzellenz, sind sehr scharf. Wenn ich im blauen Saal die Stiefel Seiner Majestät im roten Zimmer knarren höre, weiß ich, was die Glocke geschlagen hat.«

»Ging also unruhig auf und ab!«

»Wir sahen uns an und dankten Gott, daß nur ein Stein gefallen war.«

»Er ist also?«

»Ist! Bald kam Beyme heraus, dann auch Köckeritz. Beyme fragte nach der Berg. Da sie fort war, wandte er sich an die Voß und zuckte die Achseln: ›Madame, j'ai fait mon possible!‹ Zwischen den Zähnen murmelte er: ›ultra posse nemo obligatur.‹ Nachher schenkte uns Köckeritz reinen Wein.«

»Exzellenz«, rief Bovillard bei einer neuen Flasche, »dieser St. Perray ist gewiß reiner.«

»Hatte die Radziwill zu stark urgiert, ein neuer Geniestreich des Prinzen sie verdrossen?«

Der Minister setzte hinzu: »Ehe ich die Motive nicht kenne, bezweifle ich doch das Faktum.«

»Was bedarf es noch der Motive! Natur, rien que de la nature! Er hatte sich beschmeicheln lassen, unter Händedrücken das halbe Versprechen gegeben. Dann gereute es ihn. War schon gestern abend umhergegangen, die Hände auf dem Rücken. Die Berg hatte ein Selbstgespräch belauscht: ›Man will mir auch meine Minister machen!‹ Leider hatte sie nicht mehr Gelegenheit, die Königin davon zu avertieren. Heute morgen muß ihm ein Blatt in die Hände fallen, worin die Kindesmörderin eine irrende Schwester genannt wird, ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse. Es war etwas mit Emphase ihre Geschichte erzählt. Resultat: Sie waren ägriert, sehr ägriert. Ob die gelehrten Herren auch die expressen Worte Gottes fortkorrigieren wollten: wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden? Man antwortete, der Verfasser sei kein Gelehrter, sondern eines von den jungen Genies. – ›Die eine verkehrte Welt machen wollen!‹ brach es nun heraus. ›Will aber keine verkehrte Welt aus meinem Reiche machen; soll alles in der Ordnung bleiben. Leute waren doch sonst mit zufrieden. Sollen zufrieden bleiben. Schöne Wirtschaft würden die Herren Genies anfangen, alles auf den Kopf stellen. Kindermörderinnen am Ende noch belohnen!‹ Während sie sich nun noch so expektorierten, kommt Beyme zum Vortrag, der wirklich nichts davon wußte, und indem er die Gründe für Steins Anstellung resümiert, entfährt ihm unglücklicherweise der Ausdruck: vor seinem Genie würden auch die und die Vorurteile sich beugen. Da war's um ihn geschehen! Der König sagte, er brauche keine Genies, er wolle keine Genies und – das übrige können Sie sich selbst erzählen.«

Bovillard goß den Rest der zweiten Flasche in das Glas und erhob es: »Angestoßen, Freunde! Auf das Andenken der Kindesmörderin! Selige verirrte Schwester, dieser Tropfen sei dir geweiht, daß du Preußen vor Ministern bewahrt hast, die Genies sind! – Was stiert Exzellenz Christian ins Glas und trinkt nicht? Suchst du im Wein nach einem untergegangenen Genie? Verlorene Müh. Ertrunknes lebt nicht wieder auf«

»Mir kommt nur der Gedanke«, sagte der Minister nach einer Pause, »ob eine Regierung denn überhaupt der Genies bedarf. Unser Minos vom Kammergericht fertigte neulich einen Bekannten, der ihm einen genialen Juristen für das Kollegium empfahl, mit den Worten ab: ›Ich brauche nur zwei für die knifflichen Sachen, für die andern sind Ochsen ausreichend.‹«

»Ochsen mögen eine Weile die Tretmühle treiben, wie Exzellenz das selbst am besten wissen, im übrigen meine ich, daß Ochsen noch nie eine Mühle in Gang gebracht haben.«

»Woran ging Josephs II. Schöpfung unter«, fuhr die Exzellenz fort. »Und was meint Ihr, daß aus unserm Staat würde, wenn irgendein Zufall Prinz Louis Ferdinand auf den Thron brächte?«

Nach einer kleinen Pause hub der Geheimrat an, den Weinrest in seinem Glase schüttelnd:

»Ich meine, zuerst würde er unsern verehrten Wirt zur Tür hinauskomplimentieren. Dann ging's an Lombard, Beyme, Lucchesini, an uns alle. Es würde aufbrausen wie tausend auf einmal entkorkte Champagnerflaschen. Da man sie aber nicht alle mit einemmal austrinken kann, würde der Wein bald schal werden. Und wie er seiner Mätressen satt wird, würde er's auch der Genies. Dann kämen die unermüdlichen Geschöpfe dran, die man nun Zuträger nennen mag oder Sykophanten oder Gelegenheitsmacher, Kuppler oder auch Ochsen, wie man will, die immer für neue Stoffe in Wein, Ideen und Liebe sorgen. Diese bleiben endlich seine Gesellschaft, eben weil sie sich zur Tür hinauswerfen lassen und immer wiederkommen. Endlich gewöhnt man sich an sie, weil man ihrer bedarf, weil sie zu allem zu brauchen, man verachtet sie, aber sie bleiben doch unser Umgang, weil sie immer gefällig, unsre Freunde, weil wir keine besseren finden, und schließlich – es bliebe auch unter Louis Ferdinand alles beim alten. Christian, wir blieben auch!«

Der Minister drohte mit dem Finger:

»Ach was! wir sind unter uns. Wein und Wahrheit. Betrachten wir hier unsern würdigen Kammerherrn. Verzog er die Miene, ward er nur einmal rot, als ich von Kupplern sprach?«

»St. Real kann ja nicht mehr rot werden.«

»Exzellenz! Dieser echte Philosoph beschämt uns. Sein purpurn Antlitz brennt, wenn er so viel Flaschen aussticht wie nur Fleck und der Prinz, nicht röter, als wenn er eine Tasse Tee nippt. Wenn wir wankend aufstehen, sagen sie: Er hinkt ja immer. Er kennt die Liebe nicht mehr, aber sein liebebedürftiges Gemüt schafft sie für andre. Wir kamen überein, daß er, ohne Schmeichelei, unter uns das Minimum von Verstand hat, aber wie weiß er den Überfluß an Mangel zu kaschieren, daß jemand, der jetzt durchs Fenster sähe, doch schwören könnte, er hätte die meiste Räson. Und, Exzellenz, sehn Sie seine Lippen und Manschetten, er hat immer noch etwas in petto, uns zu überraschen.«

»Nein; er scheint mir melancholisch, weil er die Laura beim Prinzen nicht anbringen kann.«

»Apropos, St. Real, wie ist's mit der junonischen Gans?«

»Aha, der schönen Eitelbach«, sagte der Minister.

Der Kammerherr schüttelte den Kopf: »Geben Sie die Hoffnung auf, meine Herren. Königliche Hoheit exprimierten sich in drastischer Kürze: ich sollte die Tugend nicht der Versuchung aussetzen. Übrigens wisse ich ja, daß Sie Gänsebraten nicht liebten.«

Glich der muntere Frühstückstisch doch auf Augenblicke einem Seziertisch. Alle Qualitäten der schönen Frau wurden von Experten zergliedert und abgewogen, wobei der Witz die leichte Vergleichung mit den Ingredienzien der Pastete nicht verschmähte. Das Resultat war, daß man alles an ihr fand, nur keine Seele, keinen Verstand und keine Passionen. Ja, es sei Hopfen und Malz verloren, erklärte der Kammerherr, ihr eine Inklination beizubringen.

»Es ist nichts unmöglich«, trumpfte Bovillard.

Der Minister bemerkte, daß seine Augen von einem eignen Feuer strahlten. Das konnte allerdings vom Weine sein, er goß schon die fünfte Flasche an, als er die Stimme erhob:

»Jeder Humanitätsbürger hat die Pflicht, das Seine zu tun zur Vervollkommnung des Menschengeschlechts, und ist ein Weib, meine Freunde, vollkommen, hat es eine andre Bestimmung als die Liebe? Seid ihr denn Kannibalen, oder habt ihr Herzen von Stein, daß euch das schöne Weib nicht rührt, das in ungeheurer Langenweile mit ihrer bête noire von Mann ihre Rosentage verträumt? Christian, und Sie, St. Real, waren unsere Vorfahren nicht Ritter, die ihre Lanze für die gefangene Schönheit einlegten! Und ist sie nicht gefangen, gleichviel, ob von einem brutalen Ungeheuer oder einem Alp von Apathie! Welche Schätze liegen da wüst in dem schönen Tempel, und ihr wollt zaudern, Hand anzulegen! Nein, ihr Ritter, Schatzgräber, Maurer, sinnt auf ein Zauberwort, das ihren Bann löst. Angefaßt, gehämmert, Funken geschlagen, bis wir das innere Feuer in der schönen Bildsäule entzündet. Seht doch den dicken Iffland auf der Szene, wenn er als Pygmalion Leben in seine Galatee schwatzt und klopft. Was, sollen wir ungeschickter sein? Glut soll durch ihre Adern strömen, sterblich soll sie sich verlieben, interessant werden, rührend, sie soll uns Tränen entlocken! Kinder, könnt ihr euch denn ein pikanteres Schauspiel vorstellen als die Eitelkeit in rasender Leidenschaft!«

»Bovillard rast!«

»Du willst sie doch nicht selbst in dich verliebt machen?« sagte der Minister.

»Nichts davon, es muß etwas ganz Absonderliches dabei sein.« Er zog den Rock aus und warf ihn auf die Erde. Auch das Halstuch folgte. Die Toilette des Ministers entsprach allenfalls diesem Negligé, nur der Kammerherr blieb zugeknöpft.

»Unser Geheimrat ist im Zustande der Divination.«

»Etwas Frappantes«, rief Bovillard, »daß man drei Tage vor lautem Gelächter die Glocken nicht hört. – Wenn's irgendeinen berühmten Kanzelredner gäbe –«

»Warum nicht gar!«

»Du hast recht! Da machte man sie zu einer Schwärmerin. Es muß gar keine Erklärung für die Neigung geben. Etwas Originelles, ein Flügelmann von der Garde oder ein Zwerg. Ein grundhäßlicher Kerl, ein Bucklichter, ein Weiberfeind. Ein Trunkenbold, ein Weiser. Wenn der alte Gundling noch lebte, oder Moses Mendelssohn.«

»Ich schlage Johannes Müller vor.«

»Er müßte sich doch auch in sie verlieben können.«

»Und am Ende hieße es, sie hätte sich nur in seine Schweizergeschichte verliebt«, sagte der Minister, und mit niedergeschlagenen Augen flüsterte er: »Ich wüßte schon jemand –«

Das stille Gelächter, die verkniffenen Lippen, die blinzelnden Augen der andern bekundeten, daß der Minister verstanden war. In jovialen Kreisen solcher Freunde versteht man sich an Zeichen. Ein »Schade, schade!« ging wie der Hauch des Abendwindes über ein Ährenfeld.

»Da uns hier eine höhere Magie entgegenarbeitet, bescheide ich mich, wiewohl ich das Verdienstliche des Vorschlags vollkommen würdige«, schmunzelte Bovillard.

St. Real schüttelte den Kopf: »Es kann doch nicht immer so dauern.«

»Das Reich der Tugend! Hört den grauen Sünder, der es nicht mal von dem göttlichen Schiller weiß: ›Und die Tugend, sie ist kein leerer Wahn!‹ Sein Himmel hängt nicht voll Geigen, sondern voll lauter Pompadoure. Er ist ein Kryptokatholik, sein Heiligenkalender fängt an mit der Sankt Agnes Sorel und hört auf mit der heiligen Baranius.«

»Bovillard merkt nicht, daß St. Real einen Einfall hat.«

»Wenn wir den Witz ausgeschüttet, kraucht ihn immer einer an. Heraus damit! Sollten wir etwa Namen aufschreiben und würfeln? Auch das; ich pariere jede Wette, wen das Los trifft, in den will ich die Eitelbach verliebt machen.«

Der Kammerherr spiegelte sich im Glase, das er dicht ans Gesicht hielt: »Herr von Bovillard, ich zweifle, wenn ich den nenne, der mir eben einfiel.«

»Nenne den Namen, ich will ihn beschwören.«

»Daß er davonläuft, das will ich glauben, er hat mehr Schulden als Haare auf dem Kopf.«

»Nein, auch er soll kleben wie eine Klette. Und sie verliebt sein, wie – na, wie denn? – wie ein verliebter Maikäfer. Das ist das einzige, was mir aus einer tollen Tragödie klebenblieb, aus der Iffland uns neulich zum Jokus vorlas, von dem verrückten Kleist.«

»Auch in den Herrn Rittmeister Stier von Dohleneck? Getrauen Sie sich, auch mit dem eine Liaison zustande zu bringen?«

Der Geheimrat sprang auf: »Was gilt die Wette!«

»Bovillard, sein Sie nicht unsinnig«, sagte der Minister.

»Ich frage, wer wettet!« fuhr der Erhitzte fort. »Aber dazu andern Wein, feurigern!« Er schleuderte das Glas hinter sich. »Vom spanischen her, einen Pedro Ximenes! Die Eitelbach und Dohleneck, eine Liaison tragique, eine Liaison dangereuse, ein Turtelpärchen, was ihr wollt! Wer hält die Wette, auf was es sei! Christian pariere!«

»Bovillard weiß nicht –«

»Alles weiß ich, daß sie wie Katze und Hund sind, eine Aversion fühlen, eine gegenseitige Idiosynkrasie, die stadtkundig ist. Desto besser; je schwieriger die Aufgabe, so ehrenvoller der Sukzeß. Va-t-en, Christian, wettest du?«

»Meinethalben.«

»Auf was? Nicht Geld, nicht Champagner, etwas Abnormes, was den Appetit reizt.«

»Exzellenz könnten eine Geliebte abtreten«, kicherte der Kammerherr.

»Ich und eine Geliebte!«

»So sinne etwas Sinnreiches aus, was du gegen dein Gewissen tust.«

»Ich will Gentz' hinterlassene Schulden bezahlen.«

»Accedo! Und ich eine Abhandlung schreiben zum Lobe des Herrn vom Stein. Daß er uns unentbehrlich ist, laß ich drucken. Ein Schelm gibt nur, was er kann. Ich habe mehr eingesetzt. Topp, eingeschlagen.«

Der Kammerherr hielt seinen Arm dazwischen. »Wozu Krieg, meine Herren, Depensen, die keinen Vorteil bringen? Warum denn überhaupt eine Wette, warum nicht eine Allianz?«

»Was meinst du, Christian?«

»Ich bin doch immer ein Mann des Friedens.«

»Topp! Alle drei eingeschlagen, Männer des Friedens, einen Rütlibund! Wir alle gemeinschaftlich an das Werk. Aber Teilung der Arbeit. Du nimmst den Rittmeister auf dich, und sträubt sich die Exzellenz dagegen, wird der Kammerherr zum Diensttuenden. Ich weiß schon meinen Helfershelfer für die Baronin, übrigens, jeder hilft dem andern, und bei dem erhabenen Geiste, der aus diesen Flaschenmündungen noch duftet, geloben wir Todesverschwiegenheit!«

Während sie sich die Hände reichten, klopfte es. »'s ist nichts; ein Hund schlug an die Tür«, beruhigte der Wirt.

»Wer würde sich auch unterstehen, wenn wir in Staatsangelegenheiten beisammen, Exzellenz zu stören! Oder ist's keine Staatsangelegenheit! Womit sollten wir uns amüsieren, da nun Friede bleibt? Das Leben muß einen Zweck haben. Auch die besten Kräfte ermatten ohne ein Ziel. Mit Hindernissen zu kämpfen ist unsre Bestimmung. Je schwieriger, um so elastischer streckt sich unser Geist. Darum, gerade im Staatsinteresse, wir müssen unsre Kräfte an subtilen Aufgaben üben, um zuverlässig zu sein in der Stunde, die kommt.«

Es klopfte wieder: »Laß die Geister pochen, wir antworten mit diesem Gläserklang. Auf den Amandus und die Amanda.«

»Bravo, einer, der da lieben soll und muß!«

»Noch etwas: Wenn etwa infolge dieses schönen Seelenbundes ein Weltbürger das Licht dieser Welt erblicken sollte, so –«

Ein klirrender Schall unterbrach sie. Es pochte jemand mit Heftigkeit ans Fenster. »Es brennt!«

Alle waren aufgesprungen. Der Kammerherr schien am festesten auf seiner Krücke zu stehen. Der Geheimrat machte eine Bewegung nach seinem Rocke, die damit endete, daß er auf den Stuhl zurücksank. Der Minister hatte seinen zurückgeschleudert, und mit der Hand am Tische machte er die Geste des Riechens. Aber die wohlbekannte Stimme seines Privatsekretärs rief draußen: »Halten zu Gnaden, Exzellenz, das Citissime! – Das Citissime, das Gutachten des Ministeriums an Seine Majestät den König. Herr Geheime Kabinettsrat Beyme haben schon zwei Expressen geschickt. Heute abend um sechs ist Vortrag bei Seiner Majestät; sämtliche Gutachten der Ministerien sind in des Herrn Kabinettsrats Händen, nur unseres fehlt noch. Der Bote steht auf Kohlen.«

Bovillard hatte mit einem glücklichen Griff seinen Rock erfaßt und warf die Papiere auf den Tisch: »Da, Exzellenz – ein bißchen schmutzig. Schadet nichts, die Sache ist's auch. Unterschreibe –«

»Zwei Papiere?«

»Ist gleichgültig, er muß doch springen.«

»Muß er absolut!«

»Ist sehr gesund für sein Podagra.«

Der Minister war in einen Sessel gesunken: »Muß er denn! Wir sitzen so fröhlich beisammen – und Stein kommt ja nicht.«

»Hätte's beinahe vergessen! Mais, c'est bon!«

»Wozu Rigorosität gegen einen Mitmenschen, der uns nichts getan hat«, sprach St. Real.

»Also

Allen Sündern soll vergeben
Und die Hölle nicht mehr sein!«

»Bovillard, Ihnen fließt es ja von den Fingern. Da an der Ecke auf dem Schreibtisch ein anderes Gutachten. Kurz nur. Wegen der Förmlichkeit weiß ja Beyme, wie wir's halten. Trinken Sie ein Glas Champagner, um sich aufzuheitern.«

»Nicht nötig, Exzellenz. Hier das Konzept, brauche nur ein paar Striche zu ändern!«

Mit Sekretär und Bote war man in Ordnung, natürlich, nachdem man es einigermaßen mit der Toilette geworden, zwei Kristallflaschen mit frischem Brunnenwasser standen auf dem Tische, und der Geheimrat schrieb an der Ecke, während der Minister ein Gespräch mit dem Kammerherrn führte. St. Real hatte sichtlich am wenigsten von dem süßen Traubensaft genossen oder es darin zu einer Virtuosität gebracht, daß man die Wirkungen nicht merkte. Der Minister hörte ihn, im Armstuhl zurückgesunken, mit einiger Anstrengung an, während der Kammerherr halb vor ihm stand, halb auf dem Tische saß. Wir hören, da das Gespräch halblaut geführt wird, nur einiges heraus.

»Malchen – Malchen? Der Name kommt mir bekannt vor.«

»Erinnern sich Exzellenz vielleicht des Waldkindes, das der Höchstselige auf einer Promenade finden mußte?«

»Das ist lange her – spielte sie nicht die Gurly? Die war freilich noch nicht geschrieben.«

»Einer der hübschesten Züge von der Lichtenau; wie überhaupt, es war doch eine seltene Frau. Der Höchstselige hatte die ersten Brustbeklemmungen und empfand eine Sehnsucht nach etwas Natürlichem und Frischem. Die Gräfin wußte auf der Stelle Rat. – Im roten Friesröckchen, bis an die Knie aufgeschürzt, barfuß huckte das Kind im Revier und pflückte Erdbeeren, ohne sich umzusehen. Der König winkte uns Stille zu, er wollte sie überraschen. Er fuhr sie an, was sie in dem Walde zu tun, und drohte, sie zu pfänden, denn das sei verboten. Das Mädchen spielte prächtig. Zuerst erschrak sie und bedeckte ihr Körbchen, dann lag sie auf den Knien, der gestrenge Herr möchte sie nur diesmal noch gehen lassen. Der König befahl ihr barsch, die Erdbeeren und den Korb zurückzulassen. Da stürzten ihr die Tränen aus den Augen, und sie bat, um Gottes willen, die möchte er ihr lassen für ihre arme Mutter, sie wollte es lieber dem gnädigen Herrn Förster abarbeiten, was sie Schaden getan. Das befremdete ihn doch von solchen Leuten. ›Ißt denn deine Mutter so gern Erdbeeren?‹ Und er sprach von Abkaufen. Die Kleine wehrte schnell mit der Hand: ›Nichts verkaufen! Meine Mutter hat mir aufgetragen, die schönsten und reifsten Erdbeeren zu sammeln. Alles für den guten Herrn König.‹ – ›Den König!‹ rief der König, ›wie kommt der dazu? Für den König werden wohl andere denken und sorgen, die ihm näherstehen.‹ – ›Das ist's eben, was Mutter sagt‹, fiel das Mädchen ein, ›die denken und sorgen nicht so für ihn, wie er's verdient, und er ist so sehr gut und jetzt krank. Die frischen Walderdbeeren werden ihn wenigstens einen Augenblick erquicken, und jeder Augenblick, der dem guten König einige Erquickung schafft, sagt Mutter, das ist ein gesegneter vor dem Herrn.‹«

»Oh weh!« zuckte der Minister auf. »Da hätte er etwas merken können!«

»Nein, Exzellenz, er merkte nichts. Er drückte die Träne aus dem Auge: ›Lichtenau, ich werde doch geliebt!‹ Die Lichtenau hatte ihm etwas den Rücken gedreht.«

»Richtig, ich sehe sie noch stehen.«

»Und wischte auch am Auge. Er streichelte sie sanft am Arm und sagte in seiner Herzensgüte: ›Das Kind versteht es nicht. Es sind viele um den König, die für ihn sorgen und ihn liebhaben!‹ – Wie das Kind ihn da groß und unschuldig ansah – ›Der König hat jeden lieb, sagt Mutter, und das wäre ein schlechter Mensch, der nicht sein alles für ihn gibt.‹ – Er mußte schnell weitergehen, er fühlte sich erleichtert: ›Ich habe mal eine Stimme aus dem Volke gehört!‹ Die Lichtenau sagte plötzlich: ›Ich wünschte, Euer Majestät hörten einmal die Stimme Ihres ganzen Volkes.‹ – ›Ach, die ist wohl anders!‹ – ›Nein, Sire« sagte die Gräfin, das Tuch vor ihren geröteten Augen. ›Überall dieselbe Liebe und Verehrung; nur uns traut man nicht zu, daß wir sie teilen. Es ist vielleicht recht gut so‹. – Ach, es war ein kapitales Weib!«

»Es brachte ihr auch die Schenkung ein von dem Gute – wie heißt es doch gleich? –, über das noch der Prozeß ist. Aber die Malchen, jetzt entsinne ich mich ihrer ganz deutlich. Ein anstelliges Ding, leichtsinnig, aber wohl zu leiden. War sie nicht schon früher zu den Genien gebraucht worden, auch in den Kinderballetts?«

»Und später bei den Geistererscheinungen. Sie war viel bei Bischoffwerder und Hermes. Vielleicht erinnern sich Exzellenz auch, daß sie nachher einen Unteroffizier von Larischs Musketieren heiratete. Im Anfang ging's ihnen gut, aber der Mann trank, es gab Unrichtigkeiten mit dem Montierungsgeschäft im Lagerhause, die Frau konnte es nicht mehr ausgleichen, sie ward doch auch älter, und eines Nachts waren sie über Hals und Kopf verschwunden. Sonst ein braver Mann, auch sehr zu brauchen, und soll jetzt holländischer Werbeoffizier sein oder schon drüben in Ostindien. Genug, sie hat ihn avancieren lassen, was uns nichts angeht, und ist seit einigen Monaten als Frau Obristin in Berlin. Ich versichere, Exzellenz, sie ist ein wahrer Trüffelhund.«

Der Minister griff tief in seine Spanioldose: »Wenn nur keine Klagen bei der Polizei eingehen! Sie wissen nicht, lieber St. Real, was uns diese Bagatellen oben zu schaffen machen.«

»Man sucht ihr ein gewisses Lüster zu erhalten.«

»Der Name der neuen Schönheit?«

St. Real sprach leise ins Ohr des Ministers.

»Wie gesagt, durchaus keine beauté du diable, eine, wie gemacht, um auf die Dauer zu fesseln, und eine Fraicheur, Exzellenz, wie er es liebt.«

»Und ein halbes Kind!«

»Weil sie noch nicht erzogen ist. Aber mit einem Elan, einer Vivacité für alle neue Eindrücke.«

»Languissant

»Au contraire, eher un peu romantique, etwas Spirituelles, soit disant Schwärmerisches. Es kommt nur darauf an, ihrer Phantasie eine Richtung zu geben.«

»Hoffen Sie eine Maintenon oder eine Pompadour zu erziehen?«

»Warum nicht eine Lavallière!«

»Tugendhafte Mätressen helfen uns nichts. Übrigens wünsche ich, daß Ihnen kein Querstrich kommt.«

Der Kammerherr drückte mit einiger Heftigkeit seine Krücke: »Das ist es eben. Zwar tun wir alles, die Dehors zu beobachten, auch ist es nur ein ganz kleiner, höchst anständiger Sozietätskreis, der sich da zur Erholung zusammenfindet. Ganz anders als bei der Schubitz; un petit circle von Gewählten. Aber sie ist noch immer die alte; gutmütig, leichtsinnig, unbesonnen zum Rasendwerden. Ihre Zunge geht mit ihr durch, und um einen witzigen Einfall setzt sie ihre Existenz aufs Spiel. Habe ich das Wunderkind erst in andre Kreise entrückt, mag sie der Teufel holen, aber sie ist jetzt meine einzige Brücke. Stellen sich Exzellenz vor, da hat sie den frommen Pfaffen, den Seine Majestät jetzt nach Berlin zieht, irgendwo auf einer Reise kennengelernt, ihn zu sich invitiert, und jetzt hat sie die Unverschämtheit, ihn und seine Töchter bei sich einzulogieren. Bei sich in ihrem Hause! Ich erfuhr es erst beim Herfahren. Wenn das ruchbar wird, das gibt einen Skandal, und ich zittere vor den Folgen.«

»So eilen Sie, St. Real, den Ruf des frommen Mannes zu retten.«

»Er ist gerettet!« rief Bovillard aufstehend, »da hören Sie nur den Schluß: ›Demnächst kann ich nicht umhin, es grade in diesem Augenblick als eine dringendste Pflicht Euer Königlichen Majestät zu Füßen zu legen, den Rücksichten der Humanität und Gnade, denen Ihr Herz so gern sich erschließt, auch diesmal nachzugeben. Ja, ich muß darauf dringen, in spezieller Rücksicht auf die Männer und erprobten Staatsdiener, denen Euer Majestät höchst Ihr Vertrauen besonders zuzuwenden geruht. Weil der unglückliche Mann, der vielleicht in einem Augenblick aus zu großer Güte des Herzens gegen den Buchstaben des Gesetzes gefehlt – was aber noch keineswegs ermittelt ist –, mit einem oder einigen jener gedachten Männer in einer gewissen Relation gestanden, ist es eine willkommene Gelegenheit für deren Feinde und Neider, Verdächtigungsgründe auch gegen sie, diese Männer, zu schöpfen, die freilich über den Verdacht hinaus sind, weil ihr Charakter und ihr Verdienst von Euer Majestät gewürdigt sind, die aber eben um ihrer Pflichttreue und dieser besondern Verdienste willen auch vor dem Publikum gerechtfertigt zu erscheinen Anspruch haben. Euer Majestät können ihnen keine willkommenere Rechtfertigung gewähren, als indem Sie, über die Anschuldigungen des Hasses und des Neides mit stummer Verachtung weggehend, Ihre Gnade walten lassen.‹«

»Bravo, bravo!« riefen die Zuhörer.

»Oh, es kommt noch besser, dieser Schluß muß sein Herz erweichen: ›Was ist ein Staat ohne Moralität seiner Bürger, was eine Monarchie, wo der Untertan und der Beamte nicht in Unbescholtenheit und sittlicher Würde wenigstens nachzueifern strebt dem erhabenen Exempel, das sein Oberhaupt dem Lande und dem Volke täglich gibt.‹«

»Bravissimo! Er ist gerettet!« Noch einmal wurden die Gläser gefüllt und erklangen auf den edlen Menschenfreund, der über die Kabale gesiegt. Das Konzept wanderte in die Kanzlei, wo man ein Citissime mit mehr Respekt behandelte, und die Reinschrift kam, wie wir aus dem Erfolg annehmen, noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle. Der Kammerherr wollte abfahren, der Minister aber Lomber spielen. Der Kammerherr hatte Bedenken wegen des Predigers, alle drei aber bedachten, daß man nach der Arbeit ausruhen muß. Erst in der Nacht wurden die Karten weggelegt. Der Minister und sein Geheimrat warfen sich in Surtouts, um die Kühlung der Abendluft in den Straßen zu genießen.

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