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Ruhe ist die erste Bürgerpflicht

Willibald Alexis: Ruhe ist die erste Bürgerpflicht - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleRuhe ist die erste Bürgerpflicht / I. Band
authorWillibald Alexis
year1996
publisherManuscriptum Verlagsbuchhandlung Thomas Hoof KG
address45611 Recklinghausen
titleRuhe ist die erste Bürgerpflicht
pages3-6
created19991228
sendergerd.bouillon
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Vierzehntes Kapitel.
Wie es im Hause aussieht.

Weshalb der Kriegsrat endlich nachgab, war, daß er in der Ferne die Gendarmerieoffiziere galoppieren hörte. Aber die Wagentür klappte noch in der Luft, sie hatten sich noch keinen Abschied zugerufen, als die Räder schon durch den flutenden Gießbach rollten.

Entweder wollte er die Wagentür zuschlagen, oder war es, um seiner Tochter Anweisungen zu geben, weshalb der Vater nachstürzte. »Der Herr Kriegsrat ertrinken!« schrie die Jette; aus der Kutsche wehten sie, er möge zurückbleiben.

»An den Tag werden wir lange denken!« entfuhr es dem Kriegsrat. Seine Frau drückte verstohlen seine Hand, er drückte sie wieder. »Und Mamsell Adelheid werden auch bald warm werden«, tröstete die Jette, »sie sitzen so eng zusammen.«

Die Offiziere ritten vorüber, ohne von der Familie Notiz zu nehmen. Das Wasser war schon im Ablaufen, und man versuchte die Passage. Sie gelang endlich nach der richtigen strategischen Maßregel, daß ein Fluß leichter an der Quelle als am Ausströmen zu forcieren ist. Forciert mußte er aber doch werden; und man versank nicht allein im Moor und Wasser, sondern auch im trocknen Sande, da ein Platzregen in sandigen Gegenden das Eigene hat, daß er nur die Oberfläche durchnäßt.

Die Sterne schienen wieder auf einen langen und sauren Weg. Der Kriegsrat ging, Arme und Stock auf dem Rücken, vorauf; er schien in die Sterne zu sehen.

Auf dem Berge erwartete er Frau und Magd. Sie gingen eine Weile nebeneinander, ohne zu sprechen; ihre Gedanken schienen sich zu begegnen:

»Wir kennen sie eigentlich nicht.« – »Wenn du nur gefragt hättest, wo sie wohnt«, sagte nach einer Pause die Frau. »Aber die Adelheid weiß, wo wir wohnen, und sie ist ja kein Kind mehr.«

Eine neue Pause. Sie näherten sich schon dem Tore: »Wenn wir sie nun nicht zu Hause finden!«

Die Kriegsrätin hatte keine Antwort darauf. Es preßte sie etwas auf der Brust. Sie strengte sich an, mit ihrem Manne Schritt zu halten. Da mußte am Tor noch die Schildwacht ihnen Stillstand gebieten und der Torschreiber den Korb der Jette untersuchen. Der Kriegsrat mußte seine Börse ziehen, um einige Groschen Akzise zu zahlen, und die Sohlen brannten ihnen unter den Füßen. Selbst über den schönen Stern in der Mitte des Platzes, der seine Strahlen von großen und kleinen Pflastersteinen ausgießt, eilten sie, ohne einen Blick dahin zu werfen, was der Jette unbegreiflich schien, denn es war doch die größte Merkwürdigkeit von Berlin, die jeder Handwerksbursche gesehen haben mußte; sonst war er nicht in Berlin gewesen.

Der schöne Stern ist längst verschwunden. Auf seinem Kernpunkt steht die Friedensgöttin, die man aufgerichtet, als der Friede anfing aufzuhören. Auf einer spitzen Säule flattert sie in der Luft wie der Vogel, der mit einem Fuß auf der Dachfirste Posto gefaßt und sich umschaut, ob es drüben geheuer ist.

Die große Friedrichstraße war ihnen nie so lang vorgekommen; und doch eilten sie, daß der Kriegsrätin der Atem verging. Die Jette dachte mit dem schweren Korb: ›Ich bin doch auch ein Mensch!‹ – An den Fenstern zählten sie die Lichter. Würden sie ihre Wohnung dunkel finden? »Wenn's um diese Ecke, das Haus da, hell ist«, sagte sich die Mutter, »dann finden wir's auch bei uns hell.« Einmal war es dunkel, dann wieder hell. Man muß an ein Orakel nicht zu oft dieselbe Frage stellen. Der Vater dachte an die Schwalben, die Schüsse gehört und Brannstgeruch gerochen und mit gestreckten Flügeln schießen, ob sie ihr Nest noch finden. Aber er hatte keinen Schuß gehört und keinen Brannstgeruch empfunden. Die Frau Kriegsrätin beruhigte sich auch: wie schrecklich hatte nicht die Obristin die Angst und das Unglück der armen Eltern gemalt, denen die Seiltänzer ihre Kinder stehlen.

Beide sagten sich, sie wären beruhigt, aber beider Herz klopfte, daß jeder das des andern hätte können schlagen hören, als sie um die letzte Ecke zum Gendarmenmarkt bogen. – Zwei Herzen und ein Schlag, ein freudiges Ah! Ihre Fenster waren hell, sehr hell. – Die Haustür offen. Die Magd des Wirtes kam ihnen entgegen: »Na, Gott sei Dank, daß Sie da sind. Die Mamsell und die Kinder haben sich schon zu Tode geängstigt.« – Auf der halben Treppe sprang ihnen Adelheid entgegen: »Ach, mein lieber Vater, meine liebe Mutter! Gott sei Dank.« – Der Vater drückte sie an seine Brust, die Mutter riß sie an sich. »Ach, und ihr seid ganz durchnäßt. Schnell, schnell, oben liegt alles schon bereit.« – Die Kleinen waren schon umgezogen in trocknen Kleidern. »Das hat alles die Adelheid getan!« –

»Nicht alles, Mütterchen, die Jülli und die Karoline halfen, ach, und die gute Frau Obristin hat für uns gesorgt wie eine Mutter.«

»Hat euch im Wagen hergebracht?«

»Und war auch so naß und müde von der Reise. Aber Gott bewahre! ›Anvertrautes Gut muß man eher zurückliefern, als man an seines denkt‹, sagte sie. ›Und euer Vater ist ein guter Diener seines Königs. Und der König geht vor allem, und heut ist sein Geburtstag.‹ Denkt euch, als wir ausgestiegen waren, wollte sie die Kutsche zurückschicken, um euch holen zu lassen. Aber der Kutscher war ein garstiger Mensch. Er fluchte, um solches Rackerzeug sollte er auch wohl noch seine Pferde ruinieren. Die gute Obristin wurde ganz erschrocken und steckte ihm noch Geld zu, daß er nur ruhig wäre, denn es wäre ja des Königs Geburtstag, und darauf solle er trinken.«

»Unverschämtes Volk!« rief der Kriegsrat, seinen Stock erhebend.

»Oh, das ist noch nicht alles«, sagte Adelheid, »kommt nur herein und seht!«

Sie traten in das helle Zimmer. Eine Punschbowle dampfte über einem Kohlenbecken.

»Das hat alles die Obristin für euch besorgt, damit euch die Erkältung nichts schadet. Die Karoline mußte selbst zum Kaufmann, die Zitronen und den Rum kaufen, und die Gustel unten kochte das Wasser, und dann erst gingen sie und wollten nicht bleiben, um euch nicht zu stören. Und so herzliche Grüße haben sie mir aufgetragen, daß ich sie gar nicht bestellen kann.«

Mann und Frau saßen noch um Mitternacht am Tisch sich gegenüber, der Kriegsrat in seinem geblümten Schlafrock und Pantoffeln, die Kriegsrätin in ihrer Dormeuse. Die Kinder waren längst im Bett, die Bowle bis auf einen kleinen Rest geleert. Den goß der Kriegsrat, redlich teilend, in die Gläser: »Es wird zuviel, Alter!« sagte die Frau.

»Wir müssen doch auf ihre Gesundheit anstoßen!«

Der Mann setzte die Pfeife fort.

»Mann, da sieht man, wie man sich täuschen kann.«

»Aber's ist gut, wenn man's wieder gutmachen kann.«

Gläser mit Punsch klingen nicht so hell wie mit Wein, aber die Herzen klangen. Der Kriegsrat ging sehr vergnügt, aber nicht so kerzengrad wie am Tage, nach seinem Bett. Die Kriegsrätin leerte noch den Rest ihres Glases im stillen. Sie trank auf das Glück ihrer Familie und auf die Aussichten, die sich mit einem Male ihr so reich und wunderbar eröffneten. »Uns kommt alles unverhofft!« sagte sie und wischte eine Träne der Rührung aus dem Auge. Im Bette hatten die Eheleute sich besprechen wollen, was sie tun müßten, um es der Obristin zu vergelten. Es hatten sich darüber Ansichtsverschiedenheiten gezeigt, die in Güte beigelegt werden sollten, aber man hörte bald nur eine vollkommene Harmonie – im Schnarchen.

Die Gefühle der Dankbarkeit waren am andern Morgen nicht erloschen, aber etwas abgekühlt. Gestern wollte der Kriegsrat, sobald er aufgestanden, der Obristin seine Aufwartung machen. Heute fand die Frau, daß eine Visite so früh am Tage bei einer vornehmen Dame sich nicht schicke. Der Mann aber dachte, daß er ja ins Bureau müsse, und Herrendienst geht sogar dem Gottesdienst vor, sagen die Geschäftsmänner. Es war aber noch ein Grund, weshalb es nicht ging; sie wußten ja nicht, wo die Obristin wohnte. Wohnungsanzeiger gab es noch nicht. Der Kriegsrat wollte sich im Bureau danach erkundigen.

Der Kriegsrat kam heute spät nach Hause. Seine Nachforschungen nach der Obristin waren nicht glücklich gewesen. Man glaubte wohl den Namen gehört zu haben, wußte aber nichts Gewisses. Übrigens hatte das nichts Auffallendes, denn es hielten sich jetzt viele vornehme Familien aus der Fremde in Berlin auf. Da wäre eine russische Fürstin hier, und Damen und Herren vom höchsten Stande aus Frankreich und England, von denen man wohl wisse, daß sie andere Namen führten, als ihnen zukämen, aber die Polizei kümmere sich nicht um ihr Inkognito oder drücke ein Auge zu, weil sie mit dem Hofe und den Ministern insgeheim verkehrten, damit andre Mächte nicht aufmerksam würden, und plötzlich würde aus einem oder dem andern, der in einer Winkelgasse wohnt, der außerordentliche Ambassadeur eines hohen Potentaten. Denn ganz Europa blickte jetzt erwartungsvoll auf Preußen, »und wie es sich jetzt entscheidet, das gibt den Ausschlag.«

Die Kriegsrätin hatte mit sichtlicher Ungeduld, ihm auch etwas mitzuteilen, zugehört, aber die Nachricht schien sie einzuschüchtern: »Ach Gott, das wäre ja viel zu vornehm für uns!«

»Die Allervornehmsten sind oft die Allerleutseligsten.«

»Ja, und das war sie«, brach es heraus, ihr Gesicht strahlte vor Freude.

»Männchen, wir sind glücklicher gewesen als du. Als wir eben dasaßen, die Adelheid und ich, und überlegten, was wir anziehen sollten, wenn wir sie besuchten, klingelte es, und wer trat ein? – Sie selbst. Wir waren beide, daß wir uns nicht sehen lassen konnten, aber sie sagte, sie müßte uns sehen, und sie hätte die ganze Nacht keine Ruhe gehabt, ob's uns auch bekommen wäre. Ich sage dir, nein, es war eine Liebenswürdigkeit, als wenn wir alte Freunde wären.«

»Da seid ihr gewiß schon heut zum Kaffee invitiert!«

»Nein, das bedauerte sie ebensosehr, daß sie uns in den ersten Tagen nicht bei sich sehen könnte, denn sie hätte das Haus voll Unruhe gefunden. Nichts wäre gemacht, wie sie's bestellt, und sie müßte Tapeten runterreißen lassen und Gott weiß was.«

»Aber wo wohnt sie?«

»Wir sollen's gar nicht jetzt wissen, bis sie in Ordnung ist. Aber bei uns wird sie einmal ansprechen und mit 'ner Tasse Kaffee vorliebnehmen. Doch ganz unter uns, wie wir sind, ohne Umstände, und wir sollten niemand dazubitten. Oder sie wird auch mal vorfahren und anfragen, ob einer von uns mit ihnen spazierenfahren will. Alter, weißt du, sie meint, du säßest zuviel, du müßtest dir mehr Bewegung machen. Solche gute Staatsdiener wie du müßten sich ihrem Könige erhalten, das wäre ihre Pflicht und Schuldigkeit, und sie hätte so viel zu deinem Lobe gehört, was sie in der Seele erfreut, und sie wisse auch schon, daß dein Avancement vor der Tür steht.«

»Da hat sie zuviel gehört«, unterbrach der Kriegsrat und ging auf und ab. »Damit ist es vorbei. Ich hörte –«

»Hat sie auch gehört, du sollst dir aber keine grauen Haare darum wachsen lassen. Ein vornehmer Graf aus Schwaben oder Schweiz, oder was er ist, der möchte den Geheimrat Lupinus aus der Patsche ziehen, und es soll ihm schon gelungen sein, daß er die andern Gefangenen dazu rumgekriegt, eine Schrift zu unterschreiben, daß sie schuld wären und nicht er

»Die Frau Obristin weiß sehr viel.«

»Aber wenn's mit dem einen Posten nicht wäre, so wär's ein anderer, und wenn's nicht so, ginge es so. Und wenn ein vornehmer Herr einmal sich was in den Kopf gesetzt, da ließe er nicht nach, bis er's durchgesetzt. Aber du tätest doch nicht recht, daß du dich gar nicht um Konnexionen bekümmertest, denn die Welt wäre nun mal so, die gebratenen Tauben kämen uns nicht in den Mund geflogen, und Konnexionen und Freundschaften machten am Ende alles. Eine Hand wäscht die andere, und eine Hand drückt der andern das Auge zu, sagte sie. Und wenn du nur wolltest, so würde sie dir Konnexionen verschaffen, daß du dich wundern solltest, denn sie kennt viele Herren vom Hofe, die bei ihr aus und ein gehen, und jeder hätte seine Schwächen, und wenn jeder dem andern seine aufmutzen wollte, wär's in der Welt nicht zum Aushalten. Wir alle sollten brüderlich und christlich nur die guten Seiten der andern uns merken, dann wär's eine Welt voll Liebe und Freundschaft.«

»Und im Grunde soll's mir auch lieb sein«, sagte der Ehemann, der nicht genau zugehört, »von wegen seines Bruders in der Jägerstraße. Die Brüder Lupinus lieben sich zwar nicht sehr, es wäre aber doch immer häßlich, wenn es hieße, daß ich ihn aus dem Dienst verdrängt. – Und wegen des Lehrers habe ich auch heut mit dem Herrn Geheimrat gesprochen. – Er ist ein junger Mann, aber wir sollten uns daran nicht stoßen, sagte der Geheimrat. Er kennt ihn seit Jahren, und er hilft ihm bei seiner Bibliothek. Ein Mann von admirablen Kenntnissen, und treibe gerade das, was ein junges Mädchen braucht, um in den Gesellschaften nicht den Mund zuzuhalten. Und wir würden schon zufrieden sein. Er wird sich heute nachmittag uns präsentieren.«

Diese Erwartung gab in der stillen Häuslichkeit wieder einige Unruhe. Adelheid hatte die meiste Besorgnis, sie fürchtete das erste Examen, und daß sie der Lehrer doch gar zu dumm finden würde.

Die Unruhe nahm mit Verlauf des Tages zu. »Die Adelheid stellt sich wirklich vor«, sagte die Mutter, »als würde er sie mit dem Lineal auf die Finger klopfen.«

Endlich klingelte es, kurz vor der Dämmerstunde, der Lehrer trat ein. Der Eindruck, den er auf den Vater machte, war ein guter. Er hatte sich einen exzentrischen jungen Mann gedacht, laut und viel sprechend, wie ihm die jungen Männer von der Schule geschildert worden, zu der er gehören sollte. Aber er war von bescheidenem, ernstem, gehaltenem Wesen. An seinem Benehmen sah man, daß er die Welt kannte. Seine Anrede war bestimmt, fest und kurz. Auch der Mutter mißfiel er nicht, aber die Frau Kriegsrätin glaubte sich doch einem solchen bloßen Privatlehrer gegenüber ein Air geben zu müssen, und sie fragte ihn, womit er seine Lektionen anzufangen denke.

»Dazu gehört, daß ich meine künftige Schülerin kenne«, entgegnete er, die Handschuhe leicht in den Hut werfend, um den Stuhl einzunehmen, den der Vater ihm präsentiert.

Aber die Schülerin präsentierte sich schon selbst. Adelheid, die bei seinem Eintritt abwärts gestanden, war unbefangen vorgetreten, und ohne die Vorstellung der Mutter abzuwarten, sprach sie, sich leicht neigend: »Ihre Schülerin ist schon hier, ich bin es.«

Die Mutter wunderte sich über die plötzliche Dreistigkeit ihrer Tochter; aber sie bemerkte, daß der Lehrer erschrak. Er wich einen halben Schritt zurück und errötete. Adelheid meinte später, die Mutter könne sich wohl getäuscht haben, da es schon anfing dunkel zu werden. Als die Jette das Licht gebracht, setzte man sich, und Herr van Asten schien so unbefangen als beim Eintritt. Man sprach über dies und jenes, Tagesereignisse und Naturerscheinungen, man ward über die Stunden einig, über die Bedingungen war man es schon vorher durch den Geheimrat. Er hatte gar nicht examiniert, und doch sagte er beim Abschied zur Mutter: er wisse nun genau, wo er anfangen solle. Adelheid nahm das Licht vom Tisch und leuchtete ihm hinaus. Vom Treppengeländer aus wünschte sie ihm eine gute Nacht.

Die Mutter begriff ihre Tochter nicht; noch eben so bang und plötzlich so unbefangen. Adelheid erklärte, der Herr van Asten komme ihr gar nicht wie ein Lehrer vor, sondern wie ein gewöhnlicher Mensch. Er spräche ja so, daß ein Kind ihn verstehen könnte. – Das aber grade machte die Mutter bedenklich, ob ihr Mann auch an den rechten geraten. Sie hatte Achtung gegeben, ob er nicht einmal einen Dichter oder einen berühmten Schriftsteller zitieren werde. Aber wenn sie das Gespräch darauf lenkte, brach er ab, oder vielmehr, er lenkte es auf Dinge, die jedem geläufig, und wenn nicht, gab er solche Erklärungen davon, daß sie jedem verständlich wurden. Ein Lehrer muß doch da sein, um zu belehren, und doch wenigstens zuweilen in schönen Redensarten sprechen, dachte sie, die nicht jedermann versteht, die aber so schön klingen, daß man neugierig wird und zum Lernen Lust bekommt. Ihr Mann meinte, wenn die Stunden anfingen, werde er wohl gelehrter sprechen. Die Kriegsrätin aber wollte ihre Freundin, die Obristin, bitten, einmal bei dem Unterricht zugegen zu sein, um ihr aufrichtig zu sagen, ob der neue Lehrer was tauge.

Nur über eins war sie beruhigt. Bei diesem Manne war für ihre Tochter keine Gefahr, auch wenn sie einmal nicht in der Stunde zugegen wäre. Er war ja viel älter, als sie gedacht, und blaß und hatte auch einige Pockennarben, und tanzen konnte er gewiß nicht. Sie meinte, es ginge ihm wohl kümmerlich, obschon sie sich entsann, daß er einen feinen Rock trug; und um ihm etwas Gutes zu erzeigen, dachte sie daran, ihm einen Freitisch anzubieten.

»Das würde sich nun nicht schicken«, sagte der Kriegsrat, der anderntags von Erkundigungen heimkam, die er im Interesse seines Kindes eingezogen. Zuerst hatten ihn die gescheitesten Leute versichert, der Herr van Asten wisse mehr, als in tausend Büchern steht, aber er habe den Tick, daß er das Sprichwort zuschanden machen wolle: Der spricht ja wie ein Buch. Das wäre überhaupt jetzt Mode, daß die gelehrten Leute nicht merken lassen wollten, daß sie gelehrt wären.

Aber weit mehr verwunderte sich die Kriegsrätin, als sie erfuhr, Herr van Asten habe einen angesehenen Vater, den Prinzipal des alten Handlungshauses in der Spandauer Straße. Weil er jedoch zu der jungen ästhetischen Schule halte, die man Romantiker nennt, habe er sich mit seinem Vater überworfen und sei aus dessen Hause gezogen und nehme keine Unterstützung von ihm an, sondern er habe sich vorgesetzt, sich selbst fortzuhelfen. So knapp es ihm gehe, schlage er sich durch, und es könne ihm niemand etwas nachsagen, als daß er stolz sei und andere nicht in seine Angelegenheiten blicken lasse.

Die Kriegsrätin sah den jungen Mann schon ganz anders an, als er zur ersten Stunde kam. Er hatte neben dem feinen Rock auch ein feines Wesen. Nur gefiel es ihr auch heute nicht, daß er die Adelheid so viel sprechen ließ und selbst wenig sprach. Sie nahm sich vor, nachher ihre Tochter zu rügen, daß sie ihre Unwissenheit so bloßgegeben, aber wie war sie verwundert, als van Asten sie beim Fortgehen versicherte, daß Adelheid weit mehr aus sich heraus wisse, als er geglaubt, und daß sie sich selbst am besten unterrichten werde. Der Lehrer brauche nur wenig hinzuzutun.

Und wie unbefangen reichte sie ihm beim Abschied die Hand: »Auf Wiedersehn, Herr van Asten.« Das schien der Mutter gegen den Respekt und nicht schicklich. Adelheid sah sie aber groß an: »Wenn ich ihm nun gut bin, soll es sich nicht schicken, daß ich ihm die Hand schüttele!«

Die Stunden hatten ihren Fortgang, und Adelheid reichte jedesmal beim Abschied dem Lehrer die Hand, als an einem schönen Tage die Obristin mit ihren Nichten vorfuhr und die Mutter oder Adelheid auffordern ließ, mit ihnen einen kleinen Abstecher ins Freie zu machen. Die Kriegsrätin entschied auf der Stelle für Adelheid. Mutter und Tochter wechselten jetzt die Rollen, indem die letzte fragte, ob es sich auch schicke, während die erste sagte, wenn ihre Tochter ein Vergnügen habe, sei es, als ob sie selbst es genossen, und was sie denn für Bedenken haben könne.

Als Adelheid am Abend zurückkehrte, waren alle Bedenken verschwunden. In der Aufregung der Freude flossen ihre Lippen über. Liebenswürdiger konnten Nichten und Tante nicht sein. Wie anmutig war die Unterhaltung geflossen während der Spazierfahrt, wie rasch der Wagen dahingerollt durch den Tiergarten. Als sie nach Hause fuhren, hatten die Nichten sie so dringend gebeten, einen Augenblick bei ihnen hinaufzuspringen. Die Tante meinte, es sei noch nicht alles eingerichtet. Aber die Nichten sagten: »Chère tante, sie muß doch dein rotes Shawl sehen.« Und oben die Zimmerchen, es war so niedlich und fein, wie sie es nie gesehen, man fühlte den Fußboden nicht, solche weichen Decken lagen, und Sofas an allen Wänden, und schwere bunte Gardinen machten die Stuben dunkel, daß sie vor der Zeit Licht anzünden mußten. Keine Talglichte, sondern eine Lampe mit gedämpftem Glase, die an der Decke hing. Da hätte das Zimmer erst wunderbar schön ausgesehen. Leider war der Schlüssel verlegt zum Kasten, wo das rote Tuch lag, und die Tante hatte gemeint, sie müsse es zuerst einmal bei Tage sehen, weil die Farben bei Licht ganz andere würden. Auch war ein Besuch gerade eingetreten, ein vornehmer Herr, vor dem es doch nicht schicklich war, Toilette zu machen. Der Herr hatte ihr zuerst nicht sehr gefallen, er war klein und hüftenlahm und ging an einem Stock, der ihm als Krücke diente. Auch sein gerötetes Gesicht mit vielen Pickeln war häßlich. Aber sie hätte bald auch da eingesehen, wie der Schein trügen kann. Er war ein Kammerherr vom Hofe, der Herr von St. Real, den sie schon nennen gehört, der eine gelegentliche Vorfuhrvisite bei der Obristin machte. Er war die Artigkeit selbst gegen die Damen und auch gegen sie. Er sprach so fein und verbindlich, wie sie noch keinen Herrn sprechen gehört, und schien alles zu wissen, denn er lächelte fein zu allem, was sie sagte, und machte dann eine Bemerkung, woraus sie sah, daß er die Sache kannte. Sie hatte nie geglaubt, daß die vornehmen Herren so freundlich gegen Bürgerliche wären.

Er hatte sich erkundigt, ob sie Klavier spiele und singen könne und was ihre Lektüre sei, was sie zuerst nicht verstanden. Dann hätte er ihre Eltern sehr gelobt, daß sie ihr keine Romane in die Hände gäben, denn das sei alles nicht wahr, was darin stehe, und verwirre die Phantasie.

»Und denkt euch«, fuhr sie auf, »er kennt auch Herrn van Asten! Denn er fragte, bei wem ich Unterricht hätte. Und als ich ihn nannte, sagte er, er hätte von ihm gehört, daß er ein sehr verständiger junger Mann wäre. Und den Beweis sähe er jetzt vor Augen. Ich wurde rot. Aber er fuhr fort, das Gute kommt doch wohl nicht alles vom Lehrer, sondern das Beste von den Eltern. Ich war wie übergossen, als er deinen Namen nannte, Väterchen, und in meiner Verlegenheit fragte ich ihn, ob er dich denn kennte. ›Ich selbst habe nicht die Ehre‹, antwortete er, ‹aber der Name Ihres Herrn Vaters ist bei Hofe wohlbekannt und sehr gut angeschrieben.‹«

Sie sprang auf und fiel dem Vater um den Hals: »Väterchen, man kennt dich bei Hofe!«

Die Mutter wischte eine Träne aus dem Auge. Der Vater meinte, man müsse auch nicht alles glauben, was die Leute uns ins Gesicht sagen.

Nachdem hatte sich der Kammerherr empfohlen, so höflich und fast respektvoll, daß sie sich wieder geschämt, denn gegen die Nichten war er gar nicht so fein. Er hoffe sie ein andermal wiederzusehen, und die Obristin hatte gesagt, das solle nächstens geschehen, auf eine Tasse Schokolade, wenn ihre Wohnung erst ganz in Ordnung sei, und darauf war sie mit dem Kammerherrn fortgefahren, in die Oper. Ein Bedienter sollte Adelheid nach Hause bringen, aber die Nichten hätten es sich nicht nehmen lassen, sie selbst zu begleiten. Der Rückweg sei nun nicht so angenehm gewesen, denn sie wären oft angesprochen worden von unverschämten jungen Männern. Aber die Nichten hätten sie schön zurechtgewiesen: »Schämen Sie sich nicht, anständige Damen zu attackieren!« Da hätten die Herren gelacht, aber die Nichten hätten sie um Gottes willen gebeten, es der Tante nicht wiederzusagen, denn sie würde sehr böse sein, weil sie die Adelheid wie ihren Augapfel liebte, aber sie hätten es ja auch nur getan, weil sie sie noch mehr liebhätten.

Die Adelheid hatte in ihrer Aufregung und ihrer Freude, daß ihr Vater bei Hofe bekannt sei, das Haus und die Straße vergessen. So wußte man noch immer nicht, wo die Frau Obristin wohnte.

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