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Rügen-Märchen

Ernst Moritz Arndt: Rügen-Märchen - Kapitel 18
Quellenangabe
typefairy
authorErnst Moritz Arndt
titleRügen-Märchen
publisherVerlag Dr. Karl Moninger
seriesDenkmäler pommerscher Geschichte, Dichtung und Mundart
volume3. Band
illustratorHermann Kupferschmid
year1931
editorErich Gülzow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150619
projectida030b533
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14. Der eiserne Pflug.

Ein anderer Bauer hatte es klüger gemacht als dieser. Der ward einmal Herr eines der kleinen Schwarzen, welche die Grobschmiede und Waffenschmiede sind. Es hatte sich dies auf eine sehr sonderbare Weise begeben. Vor dem Felde des Bauers stand am Wege ein steinernes Kreuz. Vor diesem Kreuze pflegte er, wenn er des Morgens an seine Arbeit ging, immer niederzuknien und einige Minuten zu beten. Einmal sah er auf dem Kreuze einen schönen, blanken Wurm von solchem Glanze, als er sich nicht entsann, je einen Wurm gesehen zu haben. Er wunderte sich darüber, doch ließ er ihn ruhig sitzen; aber der Wurm blieb nicht lange still, sondern lief immer hin und her auf dem Kreuze, als ob er fort wolle und Angst habe. Der Bauer sah denselben Wurm auch den folgenden Morgen und wieder in derselben Unruhe hin und her laufend, und es fing an ihm dabei unheimlich zu werden, und er dachte bei sich: »Sollte dies auch einer von den kleinen Hexenmeistern sein? Richtig ist es nun einmal nicht mit dem Wurm; er läuft wie einer, der ein böses Gewissen hat, wie einer, der weg will und nicht weg kann.« Und er kam auf allerlei Gedanken, denn er hatte oft von seinem Vater gehört und von andern alten Leuten, daß, wenn die Unterirdischen zufällig an etwas Geweihtes geraten, sie festgehalten werden und nicht von der Stelle können, und daß sie sich deswegen sehr davor in acht nehmen. Er dachte aber auch: »Es mag wohl auch was anderes sein, und du tust vielleicht Sünde, wenn du das Würmchen störst oder wegnimmst.« So ließ er es denn sitzen. Als er es aber noch zweimal ebenso wiedergefunden hatte und in derselben Angst herumlaufend, sprach er: »Nein, es ist nicht richtig! Und nun darauf in Gottes Namen!« Und er griff nach dem Wurm, der sich wehrte und festklebte. Er aber hielt ihn sicher und riß ihn mit Gewalt los und hatte mit einem Male einen kleinen, häßlichen, schwarzen Kerl sechs Daumen hoch beim Schopfe, der erbärmlich schrie und zappelte. Dem Bauer schauderte ob der plötzlichen Verwandlung, doch hielt er seine Beute fest und rief ihm zu, indem er ihm einige Klapse vor den Hintern gab: »Geduld, Geduld, mein Bürschchen! Wäre es mit dem Schreien getan, so müßte man die Helden in der Wiege suchen. Wir wollen dich einstweilen ein wenig mitnehmen und sehen, wozu du gut bist.« Der kleine Kerl zitterte und bebte an allen Gliedern und fing dann an erbärmlich zu wimmern und den Bauern zu flehen, daß er ihn losließe. Der Bauer sagte aber: »Nein, Gesell, ich lasse dich nicht los, bis du mir sagst, wer du bist, und wie du hieher gekommen, und was du für Künste kannst, womit du in der Welt dein Brot verdienst.« Da grinsete und kopfschüttelte das Männchen und sagte kein Wort; er bat und flehete auch nicht mehr, und der Bauer mußte nun anfangen zu bitten, wenn er etwas aus ihm herauslocken wollte. Aber das half ihm nichts. Da ergriff er das andere und prügelte und geißelte ihn, bis das Blut danach floß; aber das half auch nicht; der kleine Schwarze blieb stumm wie das Grab, denn diese Art ist die allertückischeste und allereigensinnigste von den Unterirdischen. Da ergrimmte der Bauer und sprach: »Nur Geduld, mein Kind! Ich wäre ein Tor, wenn ich mich an einem solchen Knirps ärgern wollte; du sollst mir schon kirr werden.« Und der Bauer lief flugs mit ihm nach Hause und steckte ihn in einen schwarzen und rußigen Eisengrapen und stieß den eisernen Deckel drauf und legte auf den Deckel einen großen, schweren Stein und setzte ihn in eine dunkle, kalte Kammer und sprach: »Steh du hier und friere, bis du schwarz wirst! Du sollst mir zuletzt schon gute Worte geben.« Und der Bauer ging jede Woche zweimal in die Kammer und fragte seinen schwarzen Gefangenen, ob er nun Ton geben wolle; der Kleine aber war und blieb stumm. Das hatte der Bauer wohl sechs Wochen vergeblich getan; da kroch sein Gefangener endlich zu Kreuz. Er rief, als der Bauer die Kammertür öffnete, ihn nun von selbst an, er möge kommen und ihn aus seinem garstigen und stinkenden Kerker nehmen; er wolle nun gerne alles tun, was er von ihm haben wolle.

Der Bauer gebot ihm zuerst, ihm die Geschichte zu erzählen. Der Schwarze antwortete: »Lieber, die weißt du so gut als ich; sonst hättest du mich nicht hier. Siehe, ich bin dem Kreuze von ungefähr zu nahe gekommen, und das dürfen wir kleinen Leute nicht, und da bin ich fest geworden und mußte dem Leibe nach sogleich sichtbar werden; da habe ich mich, damit sie mich nicht erkenneten, in einen Wurm verwandelt. Du aber hast es erraten. Denn wenn wir an heiligen und geweiheten Dingen fest werden, kommen wir nimmer dannen, es nehme uns denn ein Mensch weg. Das geht aber nie ohne Plage und Not ab; doch auch das Festsitzen ist nicht lustig. Und so habe ich mich denn auch gegen dich gewehrt, denn wir haben ein natürliches Grauen, uns von Menschenhänden fassen zu lassen.« »Ei! Ei! Klingst du mir da hinaus?« rief der Bauer, »also ein natürliches Grauen? O glaube mir, ich hab' es vor dir auch, mein schwarzer Freund! Und deswegen sollst du geschwind weg, und wir wollen unsern Handel miteinander kurz abmachen; aber erst mußt du mir was schenken.« »Was du willst, begehre nur«, sprach der Kleine, »Silber und Gold und Edelsteine und kostbares Gerät – alles soll im Augenblick dein sein.« »Silber und Gold und Edelsteine und andere solche blanke Herrlichkeiten will ich nicht«, sprach der Bauer; »die haben schon manchem das Herz verschoben und den Hals gebrochen, und wenige werden darüber des Lebens froh. Ich weiß, ihr seid künstliche Schmiede und habt so manches Besondere für euch, was andere Schmiede nicht wissen. So schwöre mir denn, du willst mir einen eisernen Pflug schmieden, den das kleinste Füllen ziehen kann, ohne müde zu werden – und dann laufe, soweit deine Beine dich tragen!« Und der Schwarze schwur, und der Bauer rief: »Nun mit Gott! Du bist frei!« Und der Kleine verschwand in einem Hui.

Und den andern Morgen, ehe noch die Sonne aufging, stand ein neuer, eiserner Pflug auf dem Hofe des Bauers, und er spannte seinen Hund Wasser davor, und der Hund zog den Pflug, der wie ein gewöhnlicher Pflug von Größe war, durch das schwerste Kleiland, und der Pflug riß mächtige Furchen. Diesen Pflug hat der Bauer viele Jahre gebraucht, und das kleinste Füllen und magerste Pferdchen konnte ihn zur Verwunderung aller Leute durch den Acker ziehen und legte kein Haar dabei. Und der Pflug hat den Bauer zu einem wohlhabenden Mann gemacht, denn er kostete kein Pferdefleisch: und der Bauer hat ein lustiges und vergnügtes Leben dabei geführt. Hieraus sieht man, daß mäßig am längsten aushält, und daß es nicht gut ist, zuviel zu begehren.

Diese schwarzen Unterirdischen sind meistens an ihre Berge gebunden, viel mehr als die Braunen und Weißen, und dürfen bei Tage selten aus ihren Behausungen heraus und nicht weit weg davon. Das sagt man von ihnen, daß sie des Sommers viel unter Holunderbäumen sitzen, deren Duft sie sehr lieben, und daß, wer etwas von ihnen will, sie da suchen und anrufen muß. Das tun aber wenige Menschen; man gibt sich nicht gern mit ihnen ab, weil sie hinterlistig und von Natur mehr böse als gut sind. In Rügen, sagt man, wohnen sie meist in den Uferbergen, die zwischen der Aalbeck und Mönchgut sich am Strande hinziehen, und halten da ihre Versammlungen und nächtlichen Spiele.

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