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Rügen-Märchen

Ernst Moritz Arndt: Rügen-Märchen - Kapitel 10
Quellenangabe
typefairy
authorErnst Moritz Arndt
titleRügen-Märchen
publisherVerlag Dr. Karl Moninger
seriesDenkmäler pommerscher Geschichte, Dichtung und Mundart
volume3. Band
illustratorHermann Kupferschmid
year1931
editorErich Gülzow
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150619
projectida030b533
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6. Hinrich Vierk.

Hinrich Vierk war eines Bauern Sohn aus dem Dorfe Giesendorf bei Rambin, dessen Bauern an Grabitz damals den Hofdienst leisteten. Mein Vater hatte die stralsundischen Klostergüter Grabitz und Breesen nebst zwei zugehörenden Bauerdörfern, die nämlich Hofdienst leisteten, einem Oberst von Schlagenteuffel abgenommen, der sie von dem Kloster Sankt Jürgen vor Rambin in Pacht trug, und hatte mit anderm Gesinde und Vieh auch den Hinrich Vierk als Statthalter oder Großknecht mit überkommen. Hinrich war um das Jahr 1780 ein Fünfzigjähriger, ein kurzer, breiter, freundlicher Mensch mit blondem Haar und großen blauen Augen, in seiner Vierschrötigkeit und stillen Freundlichkeit stark und mutig wie ein Löwe, fromm und redlich im Herzen, in Heiliger Schrift wohl belesen, mit Aug' und Hand geschickt, so daß seine Hände machen konnten, was seine Augen sahen. Er war Statthalter (ein stolzer Name) und Großknecht, das heißt Aufseher und Anführer bei der Arbeit, aber auch Stellmacher und Wagner, so daß er Wagen, Pflüge und alle Ackergeräte und vielen kleinen Hausrat mit großer Nettigkeit, ja manches mit zierlicher Feinheit fertigte. Ich habe dergleichen hübsche Handfertigkeit oft an Bauersleuten bewundern müssen, nirgends mehr als in Skandinavien, wo die Bauern an Kirchen, Häusern und allen möglichen Geräten häufig sehr feine und fast künstlerische Arbeiten vollenden. So etwas hatte die Natur in meinen guten Hinrich Vierk mit den großen, freundlichen blauen Augen gelegt. Wer weiß, ob er nicht ein berühmter Name geworden wäre, wenn das Schicksal ihn in der Jugend zu einem Meister in Holz- und Stein-Werk gebracht hätte. Mit Recht ward er bei den Eltern bald so beliebt, daß der freundliche, treue Knecht für den sichersten, redlichsten Freund des Hauses galt.

Der gute alte Kerl hatte gleichsam sein eignes Betkapellchen für sich, ein kleines Häuschen, das aus einem einzigen Zimmer bestand. Ursprünglich war es wohl ein Gartenhäuschen gewesen, war aber nun zu einem heizbaren Schlafstübchen eingerichtet. Es stand an der Grenze des Blumengartens und der Hofmauer, von hohen Weiden, Syringenbüschen und Holunder beschattet, einsam, still und schauerlich. Vorn an der Türe war darin noch wie zu einer kleinen Werkstatt Raum gemacht, in dem Hinterteil stand in der einen Ecke ein Bett, in der andern ein Ofen; in dem kleinen Fenster ein Spiegelchen für das Barbieren, und daneben lagen Bibel und Gesangbuch. Der Alte sagte: Die gebrauche ich hier eigentlich nicht, denn ich bete, wann ich zu Bett gehe, aus dem Kopfe; aber sie sind gut, wann mal schlimme und schabernackische Geister kommen und mich necken wollen. In diesem seinem Häuschen besprach er sich denn viel mit den Abgeschiedenen, mit seinem alten Vater und seiner Braut, welche ihm in jungen Jahren weggestorben war, und erzählte, wie sie mitternächtlicherweile oft an sein Bett träten und ihm freundliche Winke und Warnungen gäben.

Er blieb meines Vaters rechte Hand, solange der zu Grabitz im Lande Rügen wohnte, und lebte darauf seine letzten Lebensjahre als Prövener (Pfründer, Praebendarius) im Kloster vor Rambin, welches die schöne, christliche Einrichtung hat, daß alte, lebens- und arbeitsmüde Bauern und Landleute der Klostergüter darin für das Alter eine nette und anständige Versorgung finden. Als Prövener kam er jeden Sommer auf acht oder vierzehn Tage zum Besuch zu meinen Eltern nach Löbnitz und ward dann auf einem wohlbeladenen Wagen, dessen Fracht aus Schinken, Käse, Weizen, Erbsen usw. bestand, nach Stralsund zurückgefahren.

Dieser gute alte Hinrich Vierk und ein Knecht namens Papier und ein Schäfer namens Studier – Namen, welche hier einen seltsamen Zusammenklang machen – waren für uns Knaben sehr wichtige und merkwürdige Leute, da sie uns wirklich mit allerlei Geschichten und Märchen fütterten, vorzüglich der Schäfer, ein stattlicher, langer Mann, der in seiner Jugend Soldat gewesen und in vieler Herren Landen herumgetummelt worden war, und Hinrich, bei welchem es von Sagen und Geschichten aus der kleinen Insel wimmelte. Besonders wußte er viel von den Unterirdischen der Neun Berge vor Rambin und von Abenteuern der Edelleute und Pastöre der umliegenden Kirchspiele.

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