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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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6. Kapitel

Es gibt kein besseres Mittel, einen klaren Kopf zu bekommen, als ein Morgenbad mit nachfolgender kalter Dusche. Der kühle Strahl, der die Haut peitscht und das Blut rascher durch die Adern jagt, reinigt auch das Gehirn, spült alle trüben Gedanken und quälenden Erinnerungen fort.

Anthony jedenfalls fühlte sich nach dieser ausgiebigen Prozedur wie neugeboren. Der Spuk der Nacht war mit den glitzernden Wassertropfen von ihm abgeglitten. Als er zum Frühstück hinunterging, war er bereit, das hinzunehmen, was das Heute ihm bringen würde, und entschlossen, das Gestern zu vergessen.

Er traf seinen Vater bereits an dem nach englischem Vorbild reichgedeckten Tisch, tauschte mit ihm den üblichen Morgengruß und nahm dann Platz.

Ein vorsichtiger Blick in das gefurchte Gesicht seines Vaters zeigte ihm, daß die schlaflose Nacht keinerlei Spuren auf ihm hinterlassen hatte. Was konnte auch schließlich eine Nacht ohne Ausruhen diesem Körper aus Stahl anhaben?! ...

Da er sich des Befehls, vorläufig das Haus nicht zu verlassen, entsann, wagte Anthony schüchtern zu fragen:

»Bezog sich dein Wunsch, daß ich mich bei dir melden solle, ehe ich fortgehe, auch auf meinen Morgenritt, Papa? Ich hatte nämlich die Absicht ...«

»Du ruinierst schließlich noch deine Gäule ganz!« antwortete John Woodbury in einem Ton, der jeden Widerspruch unmöglich machte. »Gönn ihnen heute mal lieber einen Ruhetag!«

Damit war die Sache abgetan – doch all der Spuk, der auf und ab wandernde Schatten am erleuchteten Fenster, war wieder lebendig geworden.

Anthony, dem es schwer genug wurde, im Zimmer zu bleiben, während draußen die Sonne lockte, vertrödelte den Vormittag. Zum Lunch ließ sich sein Vater nicht sehen. Peters, den er befragte, meldete ihm geheimnisvoll, der gnädige Herr sei in seinem Arbeitszimmer »mit Papieren beschäftigt«.

Am Nachmittag suchte sich Anthony einen gemütlichen Winkel in der Bibliothek, um zu lesen. Das Gefühl aber, wie ein Schuljunge zu Hausarrest verurteilt zu sein, verbitterte ihn mehr, als er es sich eingestehen wollte. Schließlich fesselte ihn aber doch sein Buch, und die Hauptmahlzeit war herangekommen, ehe er sich's versah. Auch sie mußte er allein einnehmen – der Vater war noch immer »beschäftigt«.

Erst gegen Abend, als er, in sein Buch vertieft, am Kamin in der Bibliothek saß, erschien unvermutet der Vater und zog sich ruhig einen Sessel an das flackernde Feuer heran. Das wäre nun ein geradezu idealer Platz und auch die geeignete Zeit für eine vertrauliche Unterhaltung gewesen, doch sie kam leider nicht in Gang. Das einzige, was sich bewegte, waren die tanzenden Reflexe des Feuers auf dem Teppich.

John Woodbury hatte sich Zeitungen mitgebracht, in denen er eifrig las, nachdem er den Sohn freundlich, aber kurz begrüßt hatte. Er vermied offenbar absichtlich eine Aussprache.

Anthony hatte sein Buch beendet und zugeklappt. Nachdenklich blickte er auf die Terrasse und den Garten hinaus, den der Vollmond mit seinem silbernen Licht übergoß. Unendliche Stille herrschte. Nur das gleichmäßige Ticken der alten holländischen Standuhr war zu vernehmen. Die Zeit schien stillzustehen.

Wie in einen Traum hinein tönte plötzlich von draußen eine Stimme, undeutlich, fern, als komme sie aus einer anderen Welt. Anthony hätte geglaubt, wirklich zu träumen, hätte nicht sein Vater plötzlich den Kopf gehoben, die Zeitungen fallen lassen und mit einem seltsam gespannten Ausdruck in das Dunkel hinaus gelauscht.

Jetzt erklang die Stimme wieder, diesmal näher und klar. Jede Silbe war zu verstehen:

»John Bard! ... Komm heraus zu mir, John Bard!«

Der breitschultrige Mann am Kamin sprang auf, als ob dieser Ruf ihm gälte, starrte mit weitaufgerissenen Augen hinaus und ging dann zögernd nach der Tür zu dem Geheimzimmer. Er schloß sie auf, trat einen Moment ein, kam aber sehr bald wieder zurück und verschloß sie sorgfältig. Den Schlüssel, an dem eine dünne Silberkette hing, behielt er in der Hand, ging auf Anthony zu und übergab ihn ihm mit einer gewissen Feierlichkeit. Wie ein Knappe, der zum Ritter geschlagen wird und das erste Schwert erhält, wirkte es ...

Dann trat Woodbury an die Verandatür, öffnete sie und rief hinaus:

»Ich komme – erwarte mich!«

Bevor er hinausging, wandte er sich noch einmal an Anthony zurück:

»Bleib ruhig da sitzen, wo du bist!« rief er ihm in gebieterischem Ton zu. »Nur für den Fall, daß ich nicht zurückkomme, gab ich dir den Schlüssel!«

Festen Schrittes ging er die Treppen hinunter. Seine breiten Schultern verschwanden im Dunkeln.

Anthony lehnte sich gehorsam in den Sessel zurück. Zum erstenmal in seinem Leben war er in Versuchung, einen ausdrücklichen Befehl seines Vaters zu mißachten. Der ganze Vorgang hatte etwas so Seltsames, Unwahrscheinliches gehabt! ... Und wie kam der Vater John Woodbury dazu, auf den fremden Namen John Bard, den er noch nie gehört hatte, so prompt zu reagieren? ...

Anthony sann und sann. Dann warf er einen Blick auf die holländische Uhr: fünf Minuten wollte er hier noch sitzenbleiben, bevor er etwas tat – länger auf keinen Fall! ...

Langsam, unendlich langsam kroch der große Zeiger von einem schwarzen Strich auf den nächsten. Man sollte nicht glauben, wie lange eine Minute dauert ...

Erschrocken fuhr Anthony zusammen und blickte sich um. Er hatte deutlich ein merkwürdiges Rascheln gehört. Doch es war nur der Nachtwind, der vom Garten hereindrang und mit den Zeitungen spielte, die der Vater hatte achtlos zu Boden gleiten lassen.

Anthony trat an die Verandatür und sah nach der Uhr zurück. Noch eine Minute! ... Endlich war auch die vorüber. Langsam ging er die Stufen hinab.

Die frische Luft und die feuchte Kühle, die seine Stirn traf, beruhigten ihn etwas. Trotzdem ließ ihn jedes fallende Blatt, jedes geknickte Ästchen zusammenschauern. Er blieb tiefatmend stehen wie ein Läufer am Start. Dann ging er weiter, langsam erst, dann immer schneller, den Pfad an der flüsternden Pappelgruppe vorbei, quer über die Wiese, dem Obstgarten zu, dessen alte Äpfelbäume sich gespenstig vom Himmel abhoben. Hier bog er ab und lief wie ein aufgeschreckter Rothirsch die terrassenförmig abfallenden Wiesengründe hinab.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen, gerade im tiefen Schatten einer weitästigen Ulme.

Mitten auf dem gut gehaltenen, kurz geschorenen Rasen, über den er wohl tausendmal als Kind mit seinen Gespielen getollt war, sah er zwei große, hochgewachsene Männer Rücken an Rücken stehen. Jetzt trennten sie sich mit gemessenen Schritten. Trotz dem ungewissen Mondlicht erkannte Anthony sie: der eine war sein Vater, der andere der grauhaarige, breitschultrige Mann, der ihn tags zuvor im Madison-Square-Garden angesprochen hatte. Ehe er sich von seinem Staunen erholt hatte fuhren die beiden gleichzeitig herum und hoben den rechten Arm. In ihren Händen schimmerte etwas Metallisches – zwei Schüsse rollten dumpf über die Wiese.

Der eine Mann blieb, den Revolver noch im Anschlag, stehen, der andere taumelte nach vorn und fiel dann der Länge nach ins Gras. Der Sieger lief auf den Gefallenen zu – doch da er jetzt den wilden, heiseren Schrei vernahm, den Anthony unbewußt ausgestoßen hatte, blieb er stehen, wandte den Kopf und floh dann der Baumgruppe am anderen Ende der Wiese zu. Anthony rannte hinter ihm her, mit geballten Fäusten, in einem Tempo, das er nie auf der Aschenbahn erreicht hatte. Sicher würde er die Gestalt, die längst im Schatten der Bäume verschwunden war, eingeholt haben, wenn nicht ein scharfer Ruf sein Ohr getroffen hätte. Deutlich vernahm er:

»Anthony!«

Er stoppte ab und wandte den Kopf. Er sah, daß sich der Vater mühsam auf den Ellbogen aufgerichtet hatte. Er eilte auf ihn zu. Bevor er ihn aber erreichte, sank jener bereits wieder zusammen.

Anthony kniete neben ihm nieder, der Schwerverwundete faßte nach seiner Hand und hielt sie fest.

»Laß ihn laufen, Anthony!« sagte er mühsam.

»Deinen Mörder?! ... Ich hol' ihn noch ein!«

»Bleib, Junge – mir zuliebe! ... Er ist kein Mörder ... Gott hat ihn gesandt!«

»Aber – wer ist's?! ... So sag mir wenigstens seinen Namen!«

»Nein ... Du mußt ... mir schwören ...«

»Nichts schwöre ich! ... Vater, ich bitt' dich – sei ruhig, beweg dich nicht, sprich nicht soviel!«

»Laß nur ... John Bards Zeit ist vorbei ...«

»Ist Bard denn unser richtiger Name?«

»Ja! ... Hör ... mich an, Anthony ... Ich war ... damals ...«

Der riesige Körper streckte sich, der Kopf sank ins Gras zurück. Anthony schnitt mit dem Taschenmesser Weste und Hemd über der breiten Brust auf. Verzweifelt suchte er das Blut zu stillen, das unaufhaltsam aus dem kleinen Einschuß rann. John Bard öffnete noch einmal die schweren Lider.

»Ver ... zeih mir ... Junge!«

»Was, Vater?! ... Um Gottes willen – was soll ich dir verzeihen?!«

»Dann ... wird ... auch sie ... mir verzeihen!«

Und damit starb er.

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