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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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5. Kapitel

John Woodbury hatte schweigend den Bericht des Sohnes angehört. Manche Einzelheit, die der immer lebhafter werdende Erzähler in seiner drastisch-derben Weise wiedergab, lockte wohl ein mattes Lächeln auf die festgeschlossenen Lippen des Vaters. Seit der Erwähnung des Alten jedoch, der Anthony nach dem Mädchennamen seiner Mutter gefragt hatte, blieb das strenge Gesicht unbeweglich.

»Bitte, laß mich jetzt allein!« sagte er plötzlich.

Anthony, an unbedingten Gehorsam gewöhnt, sprang sofort auf.

»Dann – gute Nacht, Vater!«

»Gute Nacht, mein Junge!«

Anthony hatte die Tür noch nicht erreicht, als ihm der Vater kategorisch zurief:

»Ehe du das Haus wieder verläßt, melde dich bei mir!«

»Gewiß, Papa!«

Nachdem er leise die Tür hinter sich geschlossen hatte, blieb er, in tiefes Nachdenken versunken, eine Weile stehen. Er konnte es nicht fassen, was den Vater zu diesem seltsamen und ungewohnten Befehl veranlaßte. Nur, daß zwischen ihm und der Frage des Fremden nach seiner Mutter ein Zusammenhang bestehen müsse, begriff er instinktiv ...

Während er noch so grübelnd stand, hörte er, wie drinnen in der Bibliothek eine Tür aufgeschlossen wurde. Er kannte dies Geräusch: jetzt war John Woodbury wieder in das mysteriöse Geheimzimmer gegangen! ...

Oben, in seinen Privaträumen, zog Anthony sich langsam aus, ging unter die Dusche, rieb und massierte sich, um die Schmerzen loszuwerden, die der scharfe Ritt in seinen Muskeln zurückgelassen hatte. Er besaß eine ausgezeichnete, sehnige, straffe Figur, die er seinem systematischen Training besonders im Ringkampf, auf der Aschenbahn und auf dem Fußballplatz verdankte. Während er sich mit einem rauhen Handtuch frottierte, das ihm das Blut in die Haut trieb, stellte er unwillkürlich Vergleiche zwischen seinen eigenen geschmeidigen Gliedern und denen des herkulisch gebauten Vaters an, der in jüngster Zeit sogar etwas zum Dickwerden neigte.

In seinen Bademantel gehüllt, setzte er sich dann auf den Bettrand und versuchte sich Zug um Zug ein Bild von seiner toten Mutter zu machen, einem Maler gleich, der nach einer flüchtigen Skizze ein Gemälde anlegt. Da sein Vater auffallend breit und groß, blond und grauäugig war, hatte er ihm offenbar nur sehr wenig von seinem Äußeren vererbt. Demnach mußte er, wie das ja häufig vorkam, seiner Mutter ähneln, die folglich wohl dunkel und schlank gewesen war – jedenfalls zart und zerbrechlich im Vergleich zu einem Riesen wie der Vater. Offenbar hatte sie ihn aber durch überlegene Geisteskräfte bis zu einem gewissen Grad beherrscht ...

Immer festere Formen nahm dies Phantasiebild in seinem Inneren an. Schließlich seufzte er tief auf, erhob sich, trat ans Fenster, öffnete es und lehnte sich hinaus. Fast gierig sog er die unbewegte, feuchte und kühle Nachtluft ein.

Zu seiner Linken reckte eine Gruppe junger Bäume ihre zarten Kronen wie Speerspitzen gegen den dunklen Himmel. Von dort her drang der Geruch feuchter Blätter und nassen Grases zu ihm empor. Da sein Zimmer in einem Seitenflügel lag, so zog sich zu seiner Rechten die graue Masse des Hauptgebäudes hin, dicht übersponnen von den Ranken wilden Weines. In der ganzen Mauerflucht waren nur zwei Fenster erleuchtet, die, wie er wußte, zum Schlafzimmer seines Vaters gehörten. Er hatte also den Geheimraum schon wieder verlassen.

Plötzlich zeichnete sich ein Schatten von dem einen gelbverhangenen Fenster ab, wanderte langsam nach dem zweiten hinüber und kehrte dann wieder zurück. Hin und her glitt dieser Schatten, hin und her. Deutlich erkannte Anthony die breiten Schultern und den gesenkten Kopf des Vaters.

Es war das erstemal, daß Anthony sich klar darüber wurde: das ruhelose Aufundabwandern, das er schon öfters beobachtet hatte, war der Ausdruck irgendeiner drückenden Furcht, die auf diesem Riesen lastete. Er wußte sich allerdings nicht die mindeste Vorstellung davon zu machen, was wohl der Grund zu dieser Furcht sein könne ... Plötzlich befiel ihn ein Gefühl unbestimmter Scham. Er kam sich vor wie einer, der ein fremdes Geheimnis belauscht. Rasch trat er vom Fenster zurück, schaltete das Licht aus und schlüpfte ins Bett.

Doch der Schlaf wollte nicht kommen. Immer wieder rollten die Bilder des Tages vor seinen geschlossenen Augen ab wie ein Film. Allmählich verblaßten sie, doch eines hob sich dafür immer deutlicher aus ihnen heraus: der Moment, da der stämmige, breitschultrige Fremde durch die Menschenmenge, die sich vor ihm teilte, auf ihn zusteuerte, um die seltsame Frage an ihn zu richten ...

Schließlich sprang Anthony aus dem Bett und warf einen Blick durchs Fenster. Der Schatten im Schlafzimmer seines Vaters wanderte immer noch hin und her, hin und her ...

Ohne sich lange zu bedenken, fuhr er in Bademantel und Pantoffel und eilte in die Diele hinab.

Er war viel zu erregt, um erst lange an die Tür zu klopfen, er riß sie sofort auf. Was dann geschah, ging so rasch vor sich, daß er sich später nicht einmal entsinnen konnte, was er in diesem Moment gesehen hatte. Er wußte nur, daß im Augenblick des Öffnens das Licht noch gebrannt hatte, es jedoch sofort erlosch, noch ehe er eintreten konnte.

Beklommen starrte er in die dunkle Leere. Die Finsternis legte sich wie etwas Greifbares um ihn, als er einen Schritt vorwärts ging. Er glaubte ein hastiges Atmen zu hören, das immer näher kam. Erschrocken sah er über die Schulter zurück – doch er konnte in dem ungewissen Licht der Diele nichts erkennen. Er wandte den Blick dem schweigenden Zimmer zu, öffnete schon die Lippen – doch im letzten Moment besann er sich anders. Rasch ging er hinaus und schloß hinter sich die Tür.

Als er oben in seinem Schlafzimmer ans Fenster stürzte, brannte unten wieder das Licht. Er sah den Schatten seines Vaters, der von neuem zu wandern begann, ruhelos, hin und her ...

Er wandte den Blick ab, den jungen Bäumen zu, den mattschimmernden Rasenflächen, deren feuchten Duft er verspürte. Alles da draußen kam ihm mit einemmal so feindlich vor, als nahe von dorther dem friedlichen Hause ein Unheil ...

Noch einmal suchten seine Augen den wandernden Schatten des Vaters, dann trat er wieder zurück. Ohne es selbst gewahr zu werden, fing er an, im gleichen Rhythmus auf und nieder zu gehen, vor und zurück, hin und her ...

Plötzlich blieb er stehen. Als ob er mit diesem sinnlosen Gelaufe die Gefahr bannen könne, die dem Vater drohe! ... Herr Gott im Himmel – welche Gefahr denn?! ... War er denn wahnsinnig?! ... Litt er an krankhaften Einbildungen? ...

Als Antwort auf seine Fragen trat er ans Fenster und ließ die Jalousien herab. Er wollte allein sein ...

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