Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Max Brand >

Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
Schließen

Navigation:

4. Kapitel

Das Zischen verdichtete sich schließlich zu artikulierten Worten, die etwa klangen wie:

»Peters, alter Trottel, komm doch mal her!«

Das Näherkommen von Peters erinnerte an das Vorwärtskrabbeln eines betagten Taschenkrebses. Er blickte dabei nach Norden, doch seine Füße trugen ihn ostwärts. Wie sehr er sich dabei anstrengte, bewies die Röte, die in seine prachtvoll polierte Glatze stieg.

»Der junge Herr wünschen?« fragte er mit niedergeschlagenen Augen.

»Sie können mich ruhig ansehen, Peters – zum Donnerwetter, ich habe doch niemand umgebracht!«

Es dauerte eine ganze Weile, bevor der Blick des Dieners Anthony traf.

»Na also! ... Haben Sie momentan was zu tun?«

Schon schlug Peters die Augen wieder verschämt nieder. Das Weiße, das da das Schwarz der Beinkleider störend durchbrach, war doch aber auch zu genant! ...

»Nein, junger Herr!«

»Dann kommen Sie mit nach oben und helfen Sie mir beim Umziehen! Dalli!«

Er drehte sich um und flitzte geräuschlos die Treppe hinauf. Peters schlingerte hinter ihm drein. Anthony hatte den Mantel schon abgelegt, ehe er endlich eintrat, und Rock und Weste flogen gerade durch die Luft, als er die Tür behutsam hinter sich schloß. Was dem alten Diener an Fixigkeit abging, ersetzte er durch eine gewisse Bedachtsamkeit, mit der er das Erforderliche zurechtlegte. Jedenfalls zog sich Anthony in Rekordzeit von Kopf bis zu Fuß um. Die Unterhaltung, die dabei geführt wurde, hielt das gleiche Tempo.

»Wo ist mein Vater?«

»In der Bibliothek.«

»Wartet er auf mich?«

»Ja, junger Herr – er liest!«

»Bin leider aufgehalten worden ... Verdammt noch mal – einen anderen Kragen! ... Sehn Sie mal zu, was mit der Hose anzufangen ist, die muß ein bißchen kaputt sein!«

Endlich stand Anthony fix und fertig da, und Peters warf einen letzten prüfenden Blick auf ihn.

»Na – kann ich so vor meinem Vater erscheinen?«

»Ich denke schon!«

»Dann gehen Sie leise die Treppe 'runter. Ich komme nach und klopfe an die Tür. Sie sagen möglichst laut ›Guten Abend!‹, und ich trete dann direkt in die Bibliothek ein ... Was ist denn noch?«

»Hier, den Überzieher müßten der junge Herr ja noch über den Arm nehmen ... Ein bißchen die Haare zu glätten würde sich vielleicht auch empfehlen ... So – nun ist alles in Ordnung!«

An der Tür flüsterte Anthony ihm noch zu:

»Vorwärts, gehen Sie zuerst! Tempo – Tempo! Und ja keinen Krach gemacht mit Ihren Plattbeinen – sonst kriegen Sie's mit mir zu tun!«

Die Füße des ehrlichen Alten waren verhältnismäßig geräuschlos bei dem Abstieg – nur leider bekam er vor Aufregung einen Schlucken, der wie ferner Donner durch die schweigende Diele rollte.

Anthony öffnete die Eingangstür und warf sie zu.

»Guten Abend, junger Herr!« sagte Peters – natürlich viel zu laut.

»'n Abend, Peters! ... Wo ist Vater?«

»In der Bibliothek, junger Herr ... Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?«

»Lassen Sie nur, ich nehm' ihn nachher selbst mit, wenn ich in mein Zimmer 'rauf gehe – danke schön!«

Er öffnete die Tür zur Bibliothek und trat in der stillen Hoffnung ein, daß sein Vater ihn nicht gleich ansehen möge. Doch John Woodbury las nicht mehr, sondern saß rauchend neben dem mächtigen Kamin. Langsam nahm er die Pfeife aus dem Mund und rief:

»Hallo – da bist du ja, Anthony!«

Er hatte sich erhoben, um dem Sohn die Hand zu schütteln. Es wirkte, als ob zwei gute Freunde sich nach einer sehr langen Trennung wiedersehen und im ersten Moment ein wenig förmlich miteinander sind. Während Anthony sich umwandte, um Hut und Mantel fortzulegen, fühlte er, daß die durchdringenden Augen des Vaters ihn von Kopf bis zu Fuß genau musterten.

»Nimm den Sessel hier, mein Junge!«

»Warum, Vater? Ich möcht' dich in deiner Träumerei nicht stören.«

»Das tust du nicht ... Versuch ihn ruhig einmal – mir ist er ein bißchen zu klein!«

John Woodbury wies auf den Sessel, in dem er bisher gesessen hatte. Anthony zögerte noch ein wenig, dann setzte er sich.

»Verdammt bequem ist das Möbel!« sagte er, sich zurücklehnend.

Der breitschultrige Vater stand, die Hände auf dem Rücken zusammengelegt, vor ihm und blickte unter seinen buschigen, eisgrauen Brauen zu ihm nieder.

»Das freut mich – ich hab' ihn nämlich extra für dich anfertigen lassen!«

»Das ist ja rührend von dir! Hab' vielen Dank! ... Mächtig bequem ist er.«

John Woodbury lächelte und sah sich um wie einer, der etwas vergessen hat.

»Wie wär's mit 'nem Schluck Schottischen?«

»Nein, danke! Ehrlich gesagt: ich mag das Zeug nicht.«

Der ältere Woodbury hatte inzwischen geklingelt und ließ sich dann in einen Sessel fallen, der trotz der äußerst soliden Bauart unter seinem Gewicht in allen Fugen ächzte. Bei dem eintretenden Diener bestellte er sich Selterwasser und Whisky.

Als sie dann wieder allein waren, sagte der Vater ohne jede Einleitung zu Anthony:

»Ich glaube, es wird jetzt Zeit, daß ich in New York ein nettes Haus einrichten lasse.«

»Wieso? Langweilst du dich hier draußen?«

» Ich will ja nicht in die Stadt ziehen, sondern um dich handelt es sich!«

»Und was soll ich da anfangen?«

»Ein junger Mensch wie du braucht sich nicht Schwielen an die Hände zu arbeiten. Ich habe mein Leben lang nur Geld gemacht – dafür kannst du es jetzt auf noble Weise wieder unter die Leute bringen ... Jedenfalls will ich auf keinen Fall, daß du noch länger hier draußen deine Zeit damit verbringst, die wildesten Pferde zu reiten und mit Revolvern 'rumzuknallen! Was, zum Teufel, denkst du dir eigentlich bei diesem Blödsinn?«

»Das weiß ich selber nicht!« antwortete Anthony nachdenklich. »Natürlich, die Tage des Revolvers sind vorbei – aber, ich kann mir nicht helfen, ich muß einen Kolben in der Hand fühlen, um froh zu sein. Komisch – was? ... Wenn ich die Wahrheit sagen darf: ich würde viel lieber in einer Gegend wohnen, wo die Menschen noch Gewehre brauchen, wo der Himmel nicht von Rauch und Ruß verdeckt ist, mit weiten Horizonten, unter denen man frei atmen kann und höchstens ein knappes Gespräch unter Männern hört, aber nicht das verdammte Weibergewäsch am Teetisch.«

»Das sind alberne Jungensideale! Es wird wahrhaftig höchste Zeit, daß du dich wie ein Erwachsener benimmst und dir in der Gesellschaft eine Stellung schaffst!«

Einen Moment trafen sich ihre Blicke wie Rapiere, die geübte Gegner gegeneinander blitzen lassen. Anthony hatte eine ziemlich scharfe Entgegnung auf der Zunge – doch er schluckte sie heroisch hinunter. Gewohnt, dem Vater unbedingt zu gehorchen, sagte er nur:

»Wenn du meinst, Papa ...«

Der Vater blickte finster vor sich hin.

»Du machst mir ernstliche Sorgen, mein Junge!«

Das war zuviel für Anthony. Er sprang auf, ging zu dem Vater hinüber und schlang seine Arme um dessen Hals.

»Geh – sei nicht böse, Papa!« sagte er zärtlich. »Ich könnte mich selbst ohrfeigen, daß ich dem besten und famosesten Vater, den die Erde trägt, Kummer mache!«

Die Augen des ergrauten Mannes schlossen sich halb, ein leichtes Lächeln spielte um den festgeschlossenen Mund. Seine große, verarbeitete Hand ergriff die des Sohnes.

»Willst du mir versprechen, diesen ganzen Wild-West-Unsinn zu lassen? Dieses Reiten und Schießen und all das dumme Zeug?«

»Ich will's versuchen!« antwortete Anthony gepreßt.

»Schön – ich danke dir! ... Komm, setz dich wieder und erzähl mir, wie du deinen Nachmittag verbracht hast!«

Der Sohn gehorchte. Widerwillig begann er:

»Ich bin nicht in der Gesellschaft bei Morrisons gewesen ...«

»Aber ich hatte dich doch gebeten ...«

»War denn das so wichtig? Das wußte ich ja gar nicht ... Sieh mal, es war so schönes Wetter, und da bin ich lieber zu der Wild-West-Vorstellung gegangen. Natürlich war das kindisch – aber ich konnt' einfach nicht anders! Wie ich die riesigen Plakate sah mit den Reitern und Gäulen, mit Lassowerfern und Schützen – da mußt' ich einfach hingehen! ... Bist du mir sehr böse deshalb, Vater?«

Es war mehr als »Bösesein«, was das hartgewordene Gesicht des alten Woodbury verriet. Schließlich jedoch fand er die Selbstbeherrschung wieder und sagte:

»Jetzt habe ich aber dein Wort, daß du an all das Zeug nicht mehr denken willst – nicht wahr?«

»Gewiß, Papa!« antwortete Anthony ganz verzweifelt. »Ich will es ja tun, aber ...«

»Wieso ›aber‹? Ist sonst noch was passiert?«

»Nichts von Bedeutung.«

»Warum hast du übrigens den Anzug gewechselt, als du nach Hause gekommen bist?«

»Du merkst aber doch auch alles, Papa!« sagte Anthony rasch und fügte, um von dem unbequemen Thema abzulenken, hastig hinzu: »Sag mal, soll ich wirklich niemals sehen, was du da in dem Zimmer, zu dem du den Schlüssel immer bei dir trägst, versteckt hältst?«

Er wies mit dem Kopf nach einer angrenzenden Tür.

»Hoffentlich nicht!«

»Du sagst das in so merkwürdig feierlichem Ton! ... Weißt du, eigentlich ist diese Geheimniskrämerei zwischen zwei Leuten, die so zueinander stehen wie wir, nicht richtig.«

Da der Vater nicht antwortete, sondern finster den Blick gesenkt hielt, benutzte Anthony die Gelegenheit, etwas anderes zur Sprache zu bringen, woran der heutige Nachmittag ihn gleichfalls erinnert hatte.

»Ich finde, du bist überhaupt so ... verschlossen gegen mich ... Warum sprichst du zum Beispiel niemals von meiner Mutter?«

Betroffen sah Woodbury auf.

»Weil es mich quält, von ihr zu reden!« sagte er mit heiserer Stimme.

»Ich will dich gewiß nicht quälen, Vater! ... Aber, sieh mal, eigentlich hab' ich doch ein Recht darauf, zu wissen, was mit ihr ist.«

Der breitschultrige Mann war aufgesprungen und ging mit schweren Schritten zum Fenster, schob den Vorhang zur Seite und starrte eine Weile in den nächtlichen Garten hinaus.

Anthony hatte ein recht böses Gewissen. Gerade dadurch, daß er dem Vater den Ärger über seinen Dummejungenstreich vom heutigen Nachmittag ersparen wollte, machte er ihm nun so ernstlichen Kummer! Wenn er das gewußt hätte ...

Er war aufgestanden, um zum Vater hinüberzugehen, als dieser sich unvermittelt umdrehte.

»Deine Mutter ist gestorben, als sie dir das Leben gab, Anthony!« sagte er merkwürdig ruhig.

»Allmächtiger – dann bin ich also an ihrem Tode schuld?!«

Diesem Aufschrei folgte eine tiefe Stille. John Woodbury trat an den Kamin, wo er mit gesenktem Kopf stehenblieb. Anthony, der wie versteinert vor sich hin gestarrt hatte, schielte nach ihm hinüber. Langsam ging er zu ihm, nahm seine Hand und sagte zärtlich:

»Ich bin trauriger, als ich es dir sagen kann, Papa! ... Komm, setz dich – ich will dir erzählen, wie ich dazu gekommen bin, diese Frage an dich zu richten.«

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.