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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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3. Kapitel

In seiner Loge hielt sich Woodbury nur einen Moment auf, um seinen Rock und Mantel überzuziehen. Den Hut tief ins Gesicht gedrückt, eilte er dann dem Ausgang zu.

So kurz diese Verzögerung gewesen, sie hatte doch genügt, ihm eine Schar von Reportern auf den Hals zu laden. Wie Geier schon aus der Ferne die Beute, so witterten sie einen interessanten Artikel. Anthony floh vor ihren aufdringlichen Fragen, doch sie verfolgten ihn hartnäckig, und gerade an der Tür holte einer von ihnen ihn ein.

»Habe ich nicht das Vergnügen mit Herrn Woodbury vom Westfall-Poloklub? ... Ich kenne Ihren Herrn Vater ...«

Anthony knurrte bestürzt etwas Unverständliches, dann packte er den liebenswürdig grinsenden Reporter am Arm und sagte hastig:

»Kommen Sie mit!«

Die Aussicht, Material für ein lohnendes Feuilleton zu ergattern, ließ die Augen des tüchtigen Journalisten freudig aufleuchten. Die anderen Neuigkeitsjäger, einem ungeschriebenen Gesetz ihrer Kaste folgend, blieben zurück und blickten dem Davoneilenden murrend und neidvoll nach.

In der Sechsundzwanzigsten Straße, kurz hinter deren Kreuzung mit der Madison-Allee, stand ein starker Tourenwagen, auf dessen Vordersitz ein Chauffeur wartete. Woodbury sprang auf den Rücksitz, zog den Reporter in das Auto hinein und rief:

»Fahren Sie los, Maclaren – aber ein bißchen Tempo, wenn ich bitten darf!«

Als der Motor zu brummen anfing, wandte er sich dann an seinen Begleiter:

»Also – mein Lieber! ... Wie war doch Ihr Name?«

»Bantry!«

»Sehr erfreut!«

Sie schüttelten sich die Hände.

»Sie kennen mich, Herr Bantry?«

»Selbstverständlich! Ich bearbeite ja alle Sportzweige – da muß ich doch wohl Anthony Woodbury kennen und wissen, was er im Polo, Tennis und Tontaubenschießen leistet, was er für den Golf bedeutet ...«

»Um Gottes willen, hören Sie auf! Und vor allem: machen Sie's gnädig, lieber Bantry – ich weiß ja, daß Sie mich völlig in der Hand haben!«

»Jedenfalls war das eine großartige Sache – ich bringe sie ganz groß auf der ersten Seite.«

Das arme Opfer seufzte.

»Kann ich mir denken – mit neckisch fetten Schlagzeilen: ›Sohn eines bekannten Millionärs reitet bei einer Wild-West-Schau noch nicht gebrochenes Pferd‹, und solches Zeug ... Aber, Mann Gottes, überlegen Sie sich nur mal, was das für mich bedeutet!«

»Sie brauchen sich doch wahrhaftig nicht zu schämen! Im Gegenteil: Ihr Vater wird stolz auf Sie sein.«

»Haben Sie eine Ahnung!«

»Jeder Vater würde es sein!«

»Meiner aber nicht ... Und ganz abgesehen davon: ich schätze es ebensowenig wie er, auch nur vorübergehend eine stadtbekannte Persönlichkeit zu werden ... Schon allein die vielen Menschen, die mich überlaufen werden! ... Nee – lieber schieß' ich mir gleich eine Kugel vor den Kopf!«

»Wäre jedenfalls ein originelles Selbstmordmotiv! ... Aber ernsthaft gesprochen, Herr Woodbury – ich kann es vor meinem Verleger nicht verantworten, eine so sensationelle Sache unter den Tisch fallen zu lassen.«

»Der braucht davon ja gar nichts zu erfahren! Da Ihre Kollegen mich nicht kennen ...«

»Einige kennen Sie doch vielleicht.«

»Hören Sie mal, alter Freund, ich will Ihnen einen Vorschlag machen.«

Bantry schnitt eine ablehnende Grimasse.

»Aber bedenken Sie doch, was ich angestellt habe, Mensch!« fuhr Woodbury ärgerlich fort. »Im Madison-Square-Garden, vor Zehntausenden von Zuschauern – das ist doch fürchterlich!«

»Ja – warum haben Sie's denn überhaupt getan?!«

»Ich konnt' einfach nicht anders, lieber Bantry! Bei Gott – wie dieser verdammte Satan von Gaul auf meine Loge zukam und ich seine rotunterlaufenen Augen funkeln sah – da mußt ich in die Arena gehen und mein Heil versuchen ... Haben Sie mal Fußball gespielt?«

»Allerdings – aber das ist schon eine Weile her.«

»Na, aber trotzdem werden Sie noch wissen, wie es einem zumute ist, wenn man auf dem Spielfeld steht und die Pfeife das Zeichen zum Beginn gibt ... Genau diese Empfindung hatte ich ... Und als ich erst einmal unten in den Sägespänen stand, da konnt' ich doch nicht mehr kneifen – das werden Sie als Sportsmann verstehen! Ich hatte A gesagt und mußte nun auch B sagen, mußte mich zum Gaudium des süßen Pöbels auf die Bestie setzen ... Aber, hören Sie, lieber Bantry – ich appelliere an Ihr kollegiales Empfinden: tun Sie mir den Gefallen und unterschlagen Sie meinen Namen!«

»Ich möchte ja gern, zumal Ihnen so verdammt viel daran liegt – aber einen solchen fetten Bissen ...«

Anthony Woodbury betrachtete seinen Begleiter wütend von der Seite. Am liebsten wäre er ihm an die Kehle gefahren. Wenn der Kerl wenigstens ein anständiges Motiv für seine Ablehnung gehabt hätte! ...

Schließlich griff er in die Innentasche seines Rockes und sagte:

»Ich weiß, die Zeiten sind schwer, und schließlich ist das ja Ihr Beruf. Vielleicht darf ich mir erlauben, Sie für den Ausfall zu entschädigen, mein werter Herr Bantry? Zufälligerweise bin ich gerade gut bei Kasse ...«

Er holte ein dickes Paket Banknoten hervor. Doch Bantry fiel ihm lächelnd in den Arm.

»Das ist ganz ausgeschlossen!«

Er überlegte einen Augenblick und fuhr dann fort:

»Die Sache ist für uns beide ein bißchen peinlich, nicht? ... Ich schlage vor, wir erledigen sie so: ich verschweige Ihren Namen, und Sie geben mir ab und zu mal ein paar sportliche Tips, Poloneuigkeiten und solche interne Geschichten. Gemacht?«

»Hier meine Hand! Sie sind ein famoser Mensch ... Sie ahnen ja gar nicht, welche Zentnerlast Sie mir von der Brust genommen haben!«

»Bitte, gern geschehen! ... Übrigens sind wir ja jetzt weit genug vom Ort der Tat entfernt – vielleicht können Sie mich hier absetzen?«

Woodbury ließ den Wagen halten. Als der Reporter ausstieg, sagte er lachend:

»Also – ich habe die ganze Chose schon vergessen!«

»Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Sie kennenzulernen. Guten Abend!«

Zum Chauffeur gewandt, sagte er dann:

»Nach Hause – aber flott!«

Maclaren gab Gas, und es ging tatsächlich sehr »flott«. Der starke Wagen überholte unter fortwährendem Hupen alle Maschinen, die vor ihm lagen. Bei der Neunundfünfzigsten Straße bog der Chauffeur nach der Brücke ab, und man passierte mit leise brummendem Motor das dunkelschimmernde Wasser des East-Rivers. Gerade, als sie Brooklyn erreichten, fing ein leichter Nebel zu fallen an, der die Windschutzscheiben beschlug. Maclaren, der an der Aussicht behindert war, sah sich gezwungen, das Tempo zu mäßigen. Noch bevor sie die Mitte der Stadt hinter sich hatten, beugte Woodbury sich vor und fragte:

»Was ist denn los, Maclaren?«

»Die Straßen sind so feucht – und durch die Scheibe kann man kaum sehen.«

»Na – dann halt mal an! Ich werd' selbst das Endchen fahren!«

Der Chauffeur, der diesen Vorschlag wohl hatte kommen sehen, versuchte gar nicht zu widersprechen. Einen Moment später saß Woodbury am Volant, und der Motor begann in einem beträchtlich ansteigenden Krescendo zu summen. Wiederholt blickten Motorradpolizisten mißbilligend hinter dem Auto her, wenn es knirschend und schleudernd um die Ecken preschte. Entweder war ihr Tagesbedarf an Anzeigen für heute schon gedeckt, oder sie hatten keine Lust, in dem kalten Nebel hinter einer so starken Maschine herzusausen ...

Hinter Brooklyn, als sich die Chaussee endlos vor ihm dehnte, schaltete Woodbury den Kompressor ein, so daß der Wagen mit einem Sprung vorwärts schoß. Maclaren auf dem Hintersitz bekam einen tollen Wind ins Gesicht, denn Anthony hatte die Schutzscheibe hochgestellt, um nicht durch das beschlagene Glas am Ausblick behindert zu sein.

Der Chauffeur umklammerte ängstlich die Seitenlehnen seines Sitzes und suchte die Stöße abzufangen, die ihm fast die Kinnlade zerschmetterten, wenn es über Löcher in der unebenen Straße ging. Mit einem warnenden Aufheulen des Hornes bogen sie jetzt unter lebensgefährlichem Schleudern um eine scharfe Kurve, haarscharf an einem Auto, das ihnen entgegenkam, vorbei. Maclaren wischte sich verstohlen den Schweiß von der Stirn, aber schon griff er wieder fest in die Lehnen. Sein unterdrückter Angstschrei ging im Dröhnen des Motors und in dem Geräusch des geöffneten Auspuffs unter. Wie ein Steepler ein Hindernis, nahm der Wagen die Steigung, die zu einer Brücke hinanführte und jagte auf der anderen Seite mit noch beschleunigter Geschwindigkeit weiter. Der Chauffeur beugte sich vor, um einen Blick auf den Tachometer zu werfen, fand aber nicht den Mut dazu. Er wußte ja doch, daß der Zeiger unerbittlich vorwärts sprang ...

Endlich verlangsamte sich das Tempo ein wenig. Im Licht der mächtigen Scheinwerfer tauchte ein hohes, offenstehendes Gittertor auf. Noch immer mit unvernünftiger Schnelligkeit sauste der Wagen zwischen den Pfeilern hindurch und hielt dann mit einem kurzen Ruck vor der Garage.

»Maclaren, mein Sohn!« sagte Woodbury anerkennend. »Mit einem so beherzten Passagier, wie Sie einer sind, macht das Ausfahren wenigstens Spaß ... Aber gegen ein Pferd kann so eine Maschine doch nicht an, weil sie sich nicht wehrt, weil kein Kampf dabei ist!«

Damit wandte er sich dem Hause zu. Der Chauffeur aber, der dem Entschwindenden kopfschüttelnd nachblickte, murmelte vor sich hin:

»Es gibt doch nur eine Sorte, die schlimmer ist als komplette Narren, und das ist – ein junger kompletter Narr!«

Durch die offenstehende Verandatür schlich Anthony sich ins Haus, heimlich wie ein Einbrecher und sicher auch in der gleichen nervösen Spannung wie ein solcher. Vor ihm öffnete sich eine hohe, große Diele, die nur durch eine einzige Stehlampe matt erleuchtet war. Die breite Treppe mit dem schöngeschnitzten Geländer, die in das obere Stockwerk hinaufführte, war sein Ziel. Ihr näherte er sich vorsichtig auf den Fußspitzen, sich behutsam an der Wand entlang tastend. Kurz bevor er sie erreicht hatte, hörte er gedämpfte Schritte. Behend wie eine Katze sprang er ins Dunkel zurück – doch er hatte nicht das Glück, unbemerkt zu bleiben.

Ein ältlicher Diener von sehr feierlichem Aussehen, mit einem würdevollen Doppelkinn und kahlem Kopf, war die Treppe herabgekommen und stehengeblieben, um einen kritischen Blick über den Raum zu werfen. Er wollte sich offenbar vergewissern, ob auch alles, wie es sich gehöre, in Ordnung sei. Plötzlich stutzte er und musterte mit dem gleichen kritischen Ausdruck Anthony von Kopf bis zu Fuß. Seine Augen blieben auf dem Weiß haften, das durch die zerrissenen Hosen schimmerte.

Was er sich dabei dachte, würde selbst ein so gewandter Rätsellöser wie der selige Ödipus nicht erraten haben. Da jedoch augenscheinlich sein junger Herr nicht bemerkt zu werden wünschte, war Peters, wie immer in solchen Fällen, blinder als eine Fledermaus am Mittag und verschwiegener als das Grab. Ohne jede Hast wandte er sich ab, das Doppelkinn fest gegen den tadellosen Kragen gepreßt.

Ein zischender Laut ertönte hinter seinem Rücken. Wieder blieb er stehen und drehte sich behutsam nach Anthony zurück, jedoch nicht direkt ihm zu, sondern etwas abseits, in einem diskreten Winkel, wobei er scheinbar sehr interessiert die Dielendecke fixierte ...

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