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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 33
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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32. Kapitel

Logan hatte ihm erzählt, daß der nächste Nachbar Jerry Wood sei und daß dessen Haus ungefähr fünf Meilen nördlich zwischen den Bergen läge. Dorthin wandte er sich und zwang sein Pferd mitleidlos zu größter Eile.

Während er in gestrecktem Galopp dahinjagte, daß Felsen und Bäume wie Gespenster an ihm vorüberflogen, überlegte er.

Die Nachricht von den Vorgängen auf Drews Farm konnten unmöglich schon bis zu Jerry Wood gelangt sein. Morgen aber würde man sich bestimmt auch dort nach ihm erkundigen, und dann konnte Wood bestätigen, daß er heute nacht bei ihm gewesen sei, und zwar – allein!

Vor dem Haus angekommen, klopfte er laut gegen die Tür. Endlich wurde es hinter einem der oberen Fenster hell, und eine Stimme rief:

»Wer ist da?«

»Anthony Bard!«

»Wer, in drei Teufels Namen, ist Anthony Bard?«

»Ich hab' mich in den Bergen verirrt. Können Sie mir vielleicht Nachtquartier geben?«

»Warten Sie einen Moment!«

Oben im Haus wurden Stimmen laut, das Licht am Fenster verschwand. Schritte kamen die Stiege herunter, der Riegel wurde zurückgezogen und die Tür vorsichtig einen Spalt breit geöffnet. Der Schein einer erhobenen Laterne traf Bards Gesicht. Offenbar fiel die rasche Prüfung, die Wood anstellte, günstig für Anthony aus, denn jener stieß die Tür auf, trat einen Schritt zurück und sagte:

»Kommen Sie 'rein!«

Bard trat ein und nahm den Hut ab.

»Wieso haben Sie sich verirrt?«

»Ich bin fremd hier in der Gegend.«

Jerry Wood lächelte.

»Das sieht man! ... Na, dann ruhen Sie sich mal aus. Wo haben Sie denn Ihr Pferd?«

Er hob die Laterne und leuchtete hinaus.

»Der Graue kommt mir so bekannt vor!« meinte er zu Bard.

»Das ist schon möglich, er stammt aus Herrn Drews Stall.«

»Ach, Sie sind ein Freund von Herrn Drew?«

Es lag unverkennbar Respekt in dem Ton, mit dem er diesen Namen aussprach.

»Freund ist vielleicht zuviel gesagt ...«

»Na – mir genügt's auch, wenn Sie nur ein Bekannter von ihm sind ... Zunächst wollen wir mal den Gaul in den Stall bringen.«

Während Bard dem Tier den Sattel abnahm, betrachtete ihn Wood genauer, richtete aber keinerlei weitere Fragen an ihn.

Im Obergeschoß seines Hauses führte er ihn dann in ein leeres Zimmer, brachte eine Schütte Stroh und ein paar Wolldecken herbei und wünschte seinem Gast gute Nacht.

Alleingeblieben legte sich Anthony sofort nieder, fand aber keinen Schlaf. Seine Gedanken kehrten immer wieder zu den Ereignissen dieses Tages zurück – und zu Cilly Fortune ...

Er hatte keine Vorstellung davon, wie lange er so vor sich hingeträumt hatte, als er deutlich hörte, daß unten an die Haustür geklopft wurde. Im angrenzenden Zimmer vernahm er ein unterdrücktes Fluchen und ein vielsagendes Knarren der Sprungfedern im Bett seines Gastgebers. Zweifellos wurde er abermals aus den Federn gejagt.

Anthony richtete sich auf und sah nach dem Fenster. Draußen, über den Bergspitzen, dämmerte schon das Frührot auf.

Jetzt wurde nebenan ein Fenster geöffnet.

»Als ob man Hotelbesitzer wär'!« brummte Jerry Wood ärgerlich. »Wer, zum Teufel, ist denn nun schon wieder da?«

Eine gedämpfte Stimme antwortete – was, vermochte Bard nicht zu verstehen.

Jerry änderte sofort seinen Tonfall.

»Natürlich – ich komme gleich!«

Seine hastigen Schritte verklangen auf der Treppe, die Tür knarrte. Unten sprachen mehrere Leute leise durcheinander, ein lauter Aufschrei folgte.

Anthony lauschte. Jetzt kam jemand die Stiege herauf, offenbar bemüht, möglichst geräuschlos zu sein. Rasch verriegelte er die Tür und trat ans Fenster. Vor ihm lag das schrägabfallende Dach eines Schuppens. Vorsichtig schob er die Scheiben hoch und lauschte.

»Hier ist das Zimmer!« flüsterte draußen die Stimme Woods.

Die Klinke wurde niedergedrückt.

»Verdammt – zugeriegelt!«

»Hol mal 'ne Axt, Jerry!«

»Blödsinn, Conklin, damit weckst du ihn ja!«

Bard hielt es für geraten, die weitere Entwicklung nicht abzuwarten. Er schwang sich auf das Schuppendach, kroch vorsichtig bis an dessen Rand, und sprang herab.

Der Graue legte die Ohren an, als er in den Stall trat. In rasender Eile sattelte er ihn, zog ihn heraus, saß auf und jagte aufs Geratewohl in den Wald hinein.

Nach einer Weile hielt er an, um sich zu orientieren. Nach Westen mußte er, wenn er nach Drews Farm wollte. Dort würden ihn auch seine Verfolger nicht suchen – vielleicht gelang es ihm sogar, ihnen zu entgehen. Erst mußte er ja mit dem Alten ins reine kommen – nachher mochte geschehen, was wollte ...

Noch immer zögerte er. Wenn er sich südlich wandte, traf er wieder mit Cilly Fortune zusammen. War es nicht doch besser, auf ihren Rat zu hören? ...

Ein Gefühl unsäglicher Verlassenheit überkam ihn. Er riß den Grauen herum und trabte davon – mit gesenktem Kopf – in südlicher Richtung ...

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