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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 31
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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30. Kapitel

Der Morgen dämmerte schon grau auf, als Glendin und Doktor Young vor William Drews Haus ankamen. Trotz der frühen Stunde war noch hinter mehreren Fenstern Licht.

An der Tür seines Schlafzimmers empfing sie der Hausherr, den Finger, als Zeichen, daß sie still seien möchten, auf den Mund gelegt.

»Er ist eingeschlafen!« flüsterte er.

Sie lauschten. Aus dem Zimmer drang ein eigentümlich rasselndes Geräusch.

»Aha – Lungenschuß!« sagte der Arzt.

Auf den Zehenspitzen traten sie näher. Der Cowboy war bis an den Hals zugedeckt, nur die riesigen Schuhe ragten aus dem weißen Bettzeug, auf dem sie schwarze Spuren hinterlassen hatten, heraus.

»Ich hab' versucht, sie ihm auszuziehen«, erklärte Drew leise. »Sie sehen, die Schnürbänder sind schon aufgebunden. Der arme Kerl ist aber dabei zum Bewußtsein gekommen und hat sich verzweifelt dagegen gewehrt. Er wolle in den Stiefeln sterben – hat er gesagt.«

»Haben Sie schon die Temperatur gemessen?«

»Gewiß – die ist nicht sehr erhöht, aber sein Puls geht außerordentlich rasch und dabei schwach. Ist das ein schlechtes Zeichen?«

»Ein sehr schlechtes sogar!«

Drew fuhr zurück und atmete so schwer, daß die beiden Männer ihn erstaunt anstarrten. Es wirkte, als hätte er sein eignes Todesurteil vernommen.

Er fühlte, daß er dies merkwürdige Verhalten irgendwie erklären müsse.

»Der arme Bursche ist seit langen Jahren in meinen Diensten«, sagte er. »Es geht mir unendlich nah, wenn ich ihn auf so schreckliche Art verlieren müßte.«

Der Arzt hatte inzwischen ganz vorsichtig nach dem Puls des Kranken gefühlt, ohne ihn dabei zu wecken. Jetzt legte er ihm seine Hand auf die Stirn.

»Nun?« fragte Drew erregt.

»Die Möglichkeit, daß er durchkommt, ist sehr gering: etwa zehn zu eins.«

»Aber etwas Hoffnung ist also vorhanden?«

Der Arzt zuckte die Achseln und ging daran, den Verband zu lösen, um die Wunde genauer zu untersuchen.

»Das Geschoß scheint glatt durch den Körper geschlagen zu sein ... Haben Sie den Ausschuß gesehen? ...«

»Ja.«

»Merkwürdig! ... Theoretisch müßte er eigentlich längst tot sein – aber, da er die ersten Stunden nach dem Transport hierauf überlebt hat, ist immerhin einige Hoffnung.«

Drews Gesicht hellte sich auf.

»Ein gewöhnlicher Mensch wäre bestimmt schon tot – aber diese Bergbewohner scheinen Lungen aus Leder zu haben ... Na ja – der dauernde Aufenthalt im Freien ... Also, wie gesagt, hoffen wir das Beste!«

»Doktor, wenn Sie ihn durchbringen, mach' ich Sie zum reichen Mann!«

»Mein lieber Herr – ich kann dazu herzlich wenig tun! Wenn er überhaupt gerettet wird, dann verdankt er's nur Ihrer Umsicht, mit der Sie ihm die erste Hilfe geleistet haben ... Ich werde Ihnen genaue Instruktionen geben, was weiter zu machen ist – alles andere müssen wir der Natur überlassen.«

Er sah nach der Uhr.

»Ich habe noch eine Viertelstunde Zeit, das wird ja genügen, alles Nötige zu besprechen.«

»Ich lasse Sie nicht fort, bevor er nicht tot oder endgültig gerettet ist.«

»Nun, nun, mein lieber Herr Drew – ich habe ja auch noch andere Patienten.«

»Aber keinen, der Sie so nötig braucht wie der arme Bursche da! ... Es ist mein vollkommener Ernst: ich lasse Sie nicht aus diesem Zimmer, bevor die Entscheidung so oder so gefallen ist.«

»Ich verstehe ja Ihre Besorgnis – aber Sie gehen darin entschieden zu weit!«

»Ich wiederhole: es ist mein absoluter Ernst! Sie kennen mich offenbar noch nicht genügend!«

Doktor Young versuchte, sich mit einem Scherz aus der Affäre zu ziehen.

»Sie werden ja wohl keine ungesetzliche Handlung begehen und Gewalt gegen mich anwenden wollen – zumal ich einen Mann des Gesetzes gleich mitgebracht habe?!«

Glendin war es bei der Wendung, die diese Dinge zu nehmen drohten, offenbar ziemlich ungemütlich zumute.

»Es ist schon besser, Doktor, Sie tun ihm den Gefallen!« sagte er. »Drew ist zwar sonst kein Dickkopf, aber Sie sehen doch, wie großen Wert er darauf legt!«

Ein Blick in das entschlossene Gesicht des Hausherrn sagte dem Arzt, daß vorläufig jeder Widerstand vergeblich sein würde.

»Das gibt natürlich eine ganz gehörige Rechnung, wie Sie sich denken können!« murmelte er resigniert.

»Ich bezahle Ihnen freiwillig das Doppelte!«

»Ist Ihnen denn das Leben dieses Mannes soviel wert?«

»Es ist für mich unbezahlbar – er darf unter keinen Umständen sterben!«

»Na – ich werde sehen, was ich machen kann.«

»Sie müssen mehr tun, als Sie können, Sie müssen das Unmögliche tun!«

Damit drückte er dem verblüfften Arzt die Hand, nahm ihm den Mantel ab und zwang ihn auf einen Stuhl neben dem Krankenlager nieder.

»Ich bin sofort wieder da!« flüsterte er hastig. »Ich will nur schnell mit diesem Mann des Gesetzes, wie Sie so schön sagten, ein paar Töne reden!«

Er führte den Richter in das angrenzende Zimmer, wo er die Lampe anzündete. Als ihr Schein voll auf sein abgehärmtes Gesicht fiel, erschrak Glendin, so tiefe Furchen hatten die letzten Stunden auf ihm hinterlassen.

»Sie sollten sich lieber ein bißchen hinlegen, Herr Drew!« sagte er besorgt. »Sie sehen tatsächlich recht angegriffen aus.«

Der Alte wehrte lächelnd ab. Ruhig und besonnen erzählte er dem Richter den Sachverhalt, wobei er immer wieder betonte, der Fall sei ein Schulbeispiel für eine Handlung in Notwehr.

Glendin wurde angst und bange. Da hatte er sich ja schön in die Nesseln gesetzt! ...

Schüchtern versuchte er, Drew zu widersprechen, Anthonys Tat in ein andres Licht zu rücken.

»Seine Zusammenstöße mit Ferguson und Conklin sprechen doch eigentlich sehr dafür, daß er eine gewalttätige Natur ist!« meinte er vorsichtig.

Erstaunt sah Drew ihn an.

»Sie scheinen gegen den jungen Menschen voreingenommen zu sein, Glendin?«

»Aber ganz und gar nicht ... Sehen Sie mal, mein Lieber – selbst wenn ich mir Ihre Auffassung des Falles zu eigen machen wollte – der Pferdediebstahl bleibt doch bestehen!«

»Was sagen Sie da? Pferdediebstahl? ... Davon kann doch überhaupt keine Rede sein!«

»Bedaure sehr – die Anzeige ist bereits erstattet worden: er hat hier auf der Farm ein Pferd gestohlen, und Sie wissen ja ebensogut wie ich, was eine solche Anklage bei uns bedeutet.«

»Wer hat diese Anzeige gemacht?«

»Einer Ihrer Leute.«

»Wer?!«

Die Stimme klang, trotzdem Drew sie aus Rücksicht auf den Kranken nebenan dämpfte, so bedrohlich, daß Glendin sich unwillkürlich zur Tür zurückzog.

»Nash war bei mir in Eldara!« sagte er sichtlich verschüchtert.

Drew lachte verächtlich auf.

»Das wußt' ich natürlich! ... Aber jetzt hören Sie mich an: ich verlange von Ihnen, daß Sie sich vorerst einmal aller Maßnahmen gegen diesen Bard enthalten, bis Sie wissen, wie die Sache mit Ben ausgeht. Wollen Sie mir das versprechen?«

Glendin hatte schon die Tür geöffnet.

»Ich muß jetzt leider gehen. Jedenfalls werde ich vorläufig keine neuen Schritte gegen den Beschuldigten unternehmen.«

Damit huschte er hinaus. Drew folgte ihm rasch, als er jedoch den Hof erreichte, hatte Glendin sich schon auf sein Pferd geworfen und jagte wie gehetzt davon.

Drew überlegte einen Moment, ob er ihn verfolgen solle – dann aber machte er kurz kehrt und ging zu dem Kranken zurück ...

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