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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 30
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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29. Kapitel

So still Eldara am Abend zuvor gewesen war, so lebhaft ging es heute dort zu, als die beiden spät in der Nacht dort anlangten. Sie trennten sich: Kilrain ritt zu Doktor Young, während Nash den Richter Glendin aufsuchte, bei dem sie sich nachher wieder treffen wollten.

Das Haus des Richters war völlig unbeleuchtet. Nash klopfte laut und ungeniert an die Tür, zog sich dann aber auf die gegenüberliegende Straßenseite zurück und wartete ab. Bald erschien ein Licht an einem Fenster des Obergeschosses. Kurz darauf hörte er, wie die Hintertür leise ging. Einige dunkle Gestalten kamen vorsichtig die Treppe herunter und verschwanden in der Nacht.

Nash, der stillvergnügt in sich hineinkichernd den Vorgang beobachtet hatte, ging jetzt wieder hinüber und klopfte nochmals an die Tür. Jetzt wurde oben ein Fenster geöffnet und eine verschlafene Stimme fragte:

»Was gibt's denn?«

»Allerhand gibt's!« antwortete Nash. »Wenn aber der Herr Richter bei abgeblendeten Lichtern im Hinterzimmer sitzt und Poker spielt, ist's ja kein Wunder, daß in Eldara alles drunter und drüber geht!«

Ein unterdrückter Fluch traf das Ohr des Cowboys. Dann folgte scharf die Frage:

»Wer ist denn da?«

»Nash – alter Dummkopf!«

»Nash?!« rief erleichtert die Stimme. »Kommen Sie herein, mein Sohn! ... Ich dachte schon – gar nicht auszudenken ist, was ich dachte! ... Kommen Sie 'rein!«

Nash öffnete die Tür und trat ein. Der Richter eilte ihm auf der Treppe entgegen. Er hatte einen Bademantel übergenommen – unter dem er jedoch vollkommen angezogen war.

»Sie dachten wohl schon, Ihr Spielchen sei verraten worden?« fragte mit schadenfrohem Grinsen der Cowboy.

»Natürlich! Man kann ja den Jungens nie trauen, wenn sie mal stark verloren haben! ... Wozu eigentlich der Scherz? Sie hätten doch einfach mitmachen können!«

»Nee – heut komm' ich in Geschäften!«

»Na – dann treten Sie mal näher.«

Damit führte er ihn in ein Hinterzimmer und setzte die Lampe, die er trug, auf den Tisch, auf dem noch die Karten lagen. Auch eine große Branntweinflasche stand halb geleert darauf.

»Wie ist's: wollen Sie'n Schluck trinken?«

»Nein – ich hab' doch schon mal gesagt, daß ich geschäftlich hier bin.«

»Und worum handelt es sich?«

»Um Bard.«

»Hab' ich mir fast gedacht!«

»Ich will einen Haftbefehl haben – will die Männer gegen ihn aufbieten.«

»Was hat er denn ausgefressen?«

»Er hat Ben, ›die Trauerweide‹, umgebracht, Feuer an Drews Haus gelegt und ihm ein Pferd gestohlen.«

»Das ist ja ganz nett für den Anfang!«

»Allerdings – und es ist sicher nur der Anfang!«

»Da werd' ich mal zu Drew 'rüberreiten müssen und mir die Sache ansehen.«

»Und dann das Aufgebot gegen ihn mobil machen?«

»Natürlich.«

»In der Zwischenzeit ist er aber doch längst über alle Berge.«

»Was soll man da tun?«

»Übertragen Sie mir die Geschichte! Ich rufe die Leute zusammen, Sie vereidigen sie und übergeben mir die Führung. Ich bürge dafür, daß wir ihn haben, ehe der Morgen graut.«

Glendin schüttelte den Kopf.

»Das entspricht dem Gesetz nicht – das wissen Sie doch selbst, Stephan!«

»Ich pfeif' auf das Gesetz!«

»Das sagen Sie so – aber mich würde es meine Stellung kosten!«

»Sie können ja ruhig mit Doktor Young, der gleich hier sein wird, zu Drew 'rüber ...«

»Und Sie inzwischen hinter Bard herlaufen lassen?«

»Gewiß!«

»Wie ich Sie kenne, werden Sie ihn von hinten niederknallen und dann behaupten, er hätte sich der Verhaftung widersetzt.«

»Nun – und wennschon?!«

»Sie geben also zu – daß das Ihre Absicht ist?«

»Natürlich!«

»Nee, mein Freund – dazu kann ich meine Hand nicht bieten! Das heißt doch nicht, einen Beschuldigten vor Gericht fordern – das wäre ja glatter Mord.«

»Bilden Sie sich etwa ein, Sie könnten diesen Vogel lebend fangen?«

»Das weiß ich nicht – versuchen werd' ich's jedenfalls.«

»Nie wird Ihnen das gelingen!«

»Wieso?! ... Er kennt doch die Gegend nicht – wird also im Kreis herumreiten und uns irgendwo in die Arme laufen!«

»Er hat aber jemand bei sich, der die Gegend besser kennt als Sie und ich zusammen!«

»Und wer wäre das?«

Nash verzog wütend das Gesicht.

»Cilly Fortune!«

»Verdammt noch mal!«

»Na, sehen Sie!«

»Jetzt versteh' ich erst, warum ich Ihnen durchaus die Führung des Aufgebotes übertragen soll! ... Aber das ist nicht zu machen – ein für allemal!«

»Na, na – nur nicht so schroff! ... Man kann sich doch verständigen, zumal, wenn man so viel voneinander weiß!«

Der andere maß Nash verächtlich mit den Augen, ließ aber schnell den Blick wieder sinken. Er holte Tabak und Papier aus der Tasche, rollte sich schweigend eine Zigarette und zündete sie sich an.

»So, so – aus der Luke weht der Wind?!« sagte er dann, eine mächtige Rauchwolke ausstoßend.

»Gern mach' ich ja solche Andeutungen nicht!«

»Übrigens verfangen sie bei mir auch nicht im geringsten!«

»Glendin – treiben Sie mich nicht zum Äußersten! ... Vergessen Sie nicht, was der Bursche mir angetan hat!«

Der Richter ging mit langen Schritten auf und ab. Mit einem Ruck blieb er plötzlich vor Nash stehen.

»Eigentlich nehmen Sie mir ja nur eine Arbeit ab, die ich ein paar Stunden später selbst zu leisten hätte, und ein gewisses Recht auf diesen Bard kann man Ihnen wirklich nicht absprechen.«

»Na also! Ich wußte ja, daß Sie ein Einsehen haben würden ... Warten Sie hier, Kilrain und Doktor Young müssen gleich kommen ... Ich hol' mir nur ein paar Leute und bin sofort wieder da.«

»Wen wollen Sie denn mitnehmen?«

»In erster Linie natürlich Kilrain, weil er Bens bester Freund war, und dann Conklin und seine Bande.«

Glendin lachte laut auf.

»Sind Sie denn ganz und gar verrückt?! ... Kinder, Kinder – der vernünftigste Mann verliert doch den Verstand, wenn ein Weibsbild im Spiele ist!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ja, Menschenskind, bilden Sie sich denn wirklich ein, daß ich dem Kerl einen so ehrenhaften Auftrag erteilen kann, ohne mich in aller Augen lächerlich zu machen?!«

»Es gibt Fälle, wo ›sich lächerlich machen‹ das kleinere Übel ist! So etwas vergessen die Menschen rasch, während sie für andere Dinge ein verdammt gutes Gedächtnis haben.«

Glendin wand sich wie ein Aal. Daß dieser Schurke ihn so in der Hand haben mußte! ...

»Aber ganz abgesehen davon: Sie haben doch selbst gestern mit Conklin was gehabt!«

»Ach – das war nur Notwehr, Conklin weiß das ganz genau! Ich werde mich schon mit ihm verständigen, zumal er selbst noch eine Rechnung mit dem Greenhorn zu bereinigen hat.«

»Na, schön, dann versuchen Sie Ihr Heil!«

Nashs Augen funkelten triumphierend, als er jetzt aufsprang.

»Vielen Dank einstweilen! In zehn Minuten bin ich wieder zurück!«

Es dauerte nicht einmal solange, bis die Treppen unter den schweren Schritten des »Aufgebotes« knarrten. Glendin, der mit Doktor Young und Kilrain im Gespräch war, erhob sich unwillkürlich, als Nash, gefolgt von Conklin und vier seiner berüchtigten Kumpane, hereintrat.

Der riesige Bandit trug noch einen blutdurchtränkten Verband um den Kopf, der etwas verrutscht war. Hinter ihm kam Lovel, der mit seinem gebleichten Haar und seinen stumpfen, farblosen Augen wie ein Albino aussah. Das leere Lächeln, das seine Lippen dauernd umspielte, wirkte etwas idiotisch.

Gefürchteter und gehaßter fast als Conklin selbst war Isaacs, in dessen zinnoberrotem Halstuch eine mächtige Brillantnadel glitzerte, die zweifellos von einem noch nicht gesühnten Raubüberfall herrührte. Der nächste war McNamara, einst ein braver, arbeitsamer Farmer, der seine ganze Familie innerhalb weniger Tage an einem Fieber verloren hatte. Damals hatte er zu trinken angefangen – in rasendem Tempo war es dann mit ihm bergab gegangen. Heute war er einer der Verzweifeltsten unter Conklins Desperados ...

Den Schluß machte Ufert, ein pausbäckiger Bursche von knapp neunzehn Jahren, der ungeheuer stolz darauf war, in diesen Verbrecherkreis aufgenommen zu sein. Er war ein charakterschwacher, haltloser Mensch, der in anderer Gesellschaft vielleicht ein ganz anständiger, brauchbarer Kerl geworden wäre – jetzt aber seinen Ehrgeiz darein setzte, es den anderen Mitgliedern der Bande gleichzutun oder sie gar zu übertreffen.

Obwohl Glendin seine Gäste auf den zu erwartenden Besuch vorbereitet hatte, wirkte das Eintreten dieser Männer doch so verblüffend auf Doktor Young, daß er sich zum Hausherrn hinüberbeugte und ihm ins Ohr flüsterte:

»Aber, lieber Glendin, das ist doch eine bare Unmöglichkeit! Sie können doch diese Burschen nicht ...«

»Was soll man machen?« erwiderte der Richter leise. »Man muß diplomatisch sein und einen Gauner gegen den anderen ausspielen.«

Der Arzt zuckte die Achsel. Glendin, dem die Sache begreiflicherweise mehr als peinlich war, suchte sie nach Möglichkeit abzukürzen und begann sofort mit den nötigen Formalitäten.

»Ihr wißt!« sagte er anfangs etwas stockend, »zu welchem Zweck ich euch hierher gebeten habe. Es soll euch die Gelegenheit geboten werden, zu beweisen, daß ihr von nun an ehrliche Bürger unserer Stadt sein wollt. Es handelt sich zwar um eine Affäre, in der ihr zu sieben gegen einen einzelnen Mann vorgehen werdet – trotzdem aber wird euch dieser Mensch, wie Freund Nash mir berichtet, allerhand zu schaffen machen ... Wenn ihr diese Sache zu einem guten Ende führt, soll unter das, was gewesen ist, endgültig ein Schlußstrich gezogen werden, die Vergangenheit vergessen sein! ... Und nun erhebt eure rechte Hand und sprecht mir die Eidesworte nach!«

Als dies erledigt war, wandte er sich an Nash:

»Ihnen also übergebe ich hiermit das Kommando über dies Aufgebot. Tun Sie Ihre Pflicht und bedenken Sie, daß dem Gesetz daran liegt, den Verbrecher – in diesem Fall also besagten Bard – ohne körperlichen Schaden und, solange er nicht überführt ist, ungekränkt in die Hand zu bekommen. Von diesem Standpunkt aus haben Sie Ihre Maßregeln zu treffen!«

Conklin und seine Bande grinsten – offenbar hatte Nash sie über diesen Punkt schon aufgeklärt. Stolz, im Bewußtsein ihrer neuen Würde, stapften sie die ächzenden Stiegen hinab.

Unten auf der Straße hielt Nash eine kurze Musterung seiner Mannen ab und gab ihnen dann die nötigen Anweisungen.

»Ich weiß natürlich nicht, wohin der Verbrecher sich gewandt hat«, begann er. »Zumal er das Mädel bei sich hat, die die Gegend genau kennt. Ich nehme jedoch bestimmt an, daß er versucht, Drews altes Haus jenseits des Gebirges zu erreichen. Dorthin kenne ich einen Pfad über die Berge, auf dem wir ein großes Stück abschneiden, so daß wir ihm wahrscheinlich zuvorkommen und ihn dort in Empfang nehmen können. Diesen Weg werden Kilrain und ich wählen.

»Nun gibt's noch einen anderen Platz, wo er sich verstecken könnte: Jerry Woods Haus, das etwa fünf Meilen nördlich von Drews alter Bude liegt. Dorthin reiten Sie, Conklin, mit Ihren Leuten. Wenn keiner von uns ihn faßt, treffen wir uns hier in Patridges Restaurant und beginnen von dort aus eine neue Aktion. Dann halte ich es nämlich für sicher, daß er irgendwo in der Stadt selbst untergekrochen ist ... Also denn: Aufgesessen! Und schont eure Gäule nicht!«

Die Reiterschar teilte sich und jagte in verschiedenen Richtungen davon ...

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