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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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2. Kapitel

Es würde natürlich die Spannung und die Wirkung wesentlich erhöht haben, wenn er unterwegs einmal zaudernd stehengeblieben wäre. Er trat jedoch unbekümmert und ohne sich auch nur einen Augenblick zu bedenken, an die beiden Männer, die den sich aufbäumenden Hengst hielten, heran und sagte:

»Legt ihm 'nen Sattel auf, Jungens – ich will mal mein Heil versuchen!«

Sie konnten nicht sofort antworten, denn Werthers »Pferdchen« machte, als ob es den Ankömmling wiedererkenne, einen plötzlichen Ausfall gegen ihn. Wild riß es die beiden Stalleute, denen schon der Schweiß von der Stirn rann, hin und her, ehe es ihnen endlich gelang, es wieder zum Stehen zu bringen. Werther, platt vor Verwunderung, kam eilig herbei.

»Söhnchen!« sagte er heftig. »Ich möchte nicht daran schuld sein, daß Sie hier zu Schaden kommen. Meine Herausforderung hat ja auch nur den bluffenden Prahlhänsen da gegolten!«

Der schlanke, junge Mensch, der sich in aller Gemütsruhe die Hemdärmel bis über die Ellbogen aufrollte, sagte nur:

»Lassen Sie das Tier satteln!«

Werther sah ihn besorgt an. Plötzlich leuchtete in seinen Augen ein Entschluß auf. Er trat ganz dicht an den Jüngling heran, legte ihm die Hand auf die Schulter und flüsterte ihm zu:

»Hören Sie mal, mein Sohn, wenn Sie klamm sind und der Preis Sie lockt – sagen Sie einen Ton, dann pump' ich Ihnen gern ein paar Lappen. Ich bin selbst mal jung und mehr als einmal abgebrannt gewesen – ich kann das verstehen ... Aber lassen Sie die Finger von meinem Pferd – das ist nämlich nicht so ein Zirkusgaul wie die da drüben, sondern wirklich gefährlich, junger Mann! ... Außerdem ist der Boden hier, wenn auch Sägespäne daraufliegen, nicht so weich, wie Sie vielleicht denken!« schloß er grinsend.

Der andere, der währenddessen den Hengst mit Kennermiene betrachtet hatte, erwiderte gelassen:

»Ich bin durchaus nicht in Geldverlegenheit – ich hab' mich einfach in Ihr Pferd verliebt und will's mal ausprobieren. Schließlich mußten Sie doch damit rechnen, Ihr Geld zu verlieren, wenn Sie so ein Tierchen hier vor Zehntausenden vorführen!«

Er lachte ein frisches, gesundes Jungenlachen.

»Wie heißen Sie eigentlich?« fragte Werther, der seine gekniffenen Augen weit aufriß.

»Anthony Woodbury.«

»Mein Name ist Werther.«

Sie schüttelten sich kräftig die Hände.

»Und Sie sind hier in der Stadt groß geworden?«

»Gewiß!«

»Ich dachte, solche Exemplare wie Sie gedeihen nur im Westen ... Na – hoffentlich verliere ich meinen Tausender! Allerdings, wenn's hier ein Wettbüro gäbe, würd' ich Ihnen das Gegenteil zehn zu eins legen.«

Während dieses Gespräches hatten zwei Cowboys dem Hengst einen Rock über den Kopf geworfen und ihm, während er in ohnmächtiger Wut zitternd dastand, rasch einen Sattel aufgelegt, dessen Riemen sie jetzt straff anzogen.

Anthony Woodbury lächelte und sagte dann:

»Spaßeshalber will ich ein paar hundert Dollar bei Ihnen wetten, Herr Werther – nur kann ich natürlich so gute Odds von Ihnen nicht annehmen!«

Werther fuhr mit dem Finger in seinen Kragen, um besser atmen zu können. Seine Augen schweiften über all die weißen Gesichter, die erwartungsvoll in die Arena herabstarrten, ruhte einen Moment auf der breitschultrigen Gestalt von Drew, der hochaufgerichtet in seiner Loge stand, und kehrten schließlich zu Woodbury zurück, den er mit finstergerunzelten Brauen musterte. Etwas in dem scharfen, kühlen Blick des jungen Mannes schien ihn maßlos zu verwundern.

»Ich laß mich hängen, wenn das aus dem zahmen Osten stammt!« murmelte er. Und laut fuhr er fort:

»Na also – da ist das Pferd gesattelt und hier ist der Boden, auf dem Sie bald liegen werden ... Vorwärts – hoffentlich brechen Sie sich nicht das Genick!«

Der andere nahm die Schultern zurück und ging auf das Pferd zu mit dem eigentümlichen, halb befangenen Lächeln, das man auf dem Gesicht eines Boxers beobachten kann, wenn er aus seiner Ecke hervorkommt und sich einem Gegner stellt, dessen Kampftechnik er noch nicht kennt.

»Nehmt die Halfter weg!« sagte er bestimmt.

Einer der Leute rief ihm ärgerlich über die Schulter zu:

»Laß das Bluffen, Kamerad! Kletter' 'rauf, solang wir die Bestie halten!«

Das Lächeln auf Woodburys Lippen erstarb.

»Nehmt die Halfter weg!« wiederholte er scharf.

Der Angefahrene starrte ihn einen Moment an, griff aber dann rasch unter den Rock, der dem Tier über den Kopf geworfen war. Er konnte nicht gleich die Schnallen finden, und es dauerte eine Weile, die schweren Halfterriemen zu entfernen, ohne den Rock dabei zu verrutschen. Woodbury nahm die Zügel fest in die eine, den Steigbügelriemen in die andere Hand und hob schon den Fuß, als er sich die Sache anders überlegte.

»Nehmt auch den Rock noch fort!« befahl er.

Jetzt intervenierte aber Werther selbst.

»Das wollen wir lieber nicht tun, mein Sohn! Ich kenne den Gaul: im Moment, wo der Rock fortgenommen wird, hebt sich das Tier auf die Hinterhand und schmettert Sie mit den Vorderhufen zu Boden.«

»So laßt ihn doch!« knurrte einer der Cowboys. »Gönnt doch in Teufels Namen der Galerie das Schauspiel!«

Woodbury machte der Debatte dadurch ein Ende, daß er den Rock vom Kopfe des Hengstes herunterriß, der wildschnaubend um sich blickte und die Ohren zurücklegte. Der junge Mann stieß einen Schrei aus – nicht einen Schreckenslaut, sondern einen gellenden Kriegsruf, wie einst ein Berserker, der die Schwerter im Kampf aufblitzen sah. Er machte einen Sprung vorwärts, wobei er sein ganzes Körpergewicht in die Zügel legte. Das hochaufgebäumte Pferd wurde dadurch niedergerissen, und bevor es eine weitere Bewegung machen konnte, hatte Woodbury sich schon mit einem Satz in den Sattel geschwungen. Die Zuschauer, die sich schweigend von ihren Sitzen erhoben, quittierten diese kühne Tat mit einem Beifallsgemurmel.

Was dann folgte, benahm allen den Atem und hielt sie in wortloser Spannung. Schon als er das Gewicht seines Reiters verspürte, war der Hengst offenbar wahnsinnig geworden. Er ging jedoch nicht, wie die meisten Pferde, in blinder, sinnloser Wut vor, sondern mit einer geradezu satanischen Überlegung und Schlauheit – was man ja übrigens auch häufig an irrsinnigen Menschen beobachten kann. Einen Moment stand er bebend da – es dauerte augenscheinlich eine gewisse Zeit, bis sein Tierverstand die Wahrheit dessen, was geschehen war, begriff. Dann aber sprengte er geradeswegs auf die Barrieren zu. Woodbury spannte alle Muskeln an, um ihn mit den Zügeln zurückzureißen. Ebensogut hätte er versuchen können, einen ausfahrenden Ozeandampfer an der Ankerkette zurückzuhalten. Das Biest hatte die Gebißstange zwischen die Zähne genommen ...

Ein merkwürdiges Geräusch traf das Ohr des Reiters. Es war das stumme Atmen all der Tausenden, die erschreckt und keuchend der Entwicklung dieses Zweikampfes folgten. Im Geist sahen sie schon Roß und Mann an der Barriere zerschmettert. Ganz so wahnsinnig war der Hengst jedoch nicht.

Im letzten Moment schwenkte er plötzlich ab und raste an der geschlossenen Bretterwand entlang. Irgendein vorstehender Nagel oder Splitter hakte sich in Woodburys Hosenbein und riß den dicken Stoff von oben bis unten auf.

Mit einem Ruck blieb der Hengst plötzlich steifbeinig stehen, so daß der Reiter das Gleichgewicht verlor und nach vorn auf den Hals des Tieres rutschte. Bevor er sich wieder in den Sattel zurücksetzen konnte, ließ es sich laut wiehernd mit ausgestreckten Vorderbeinen auf den Boden nieder. Wie durch ein Wunder stürzte Woodbury nicht ab, sondern lag, der Länge nach ausgestreckt, auf dem Pferdehals.

Ein zweiter Versuch in derselben Richtung würde den Hengst zweifellos von seinem Reiter befreit haben. Er wählte jedoch eine andere Taktik: er sprang unerwartet auf und galoppierte die Arena in ihrer ganzen Länge hinab. Trotz seiner Verblüfftheit gelang es Woodbury, wieder in den Sattel zu kommen. Der rasende Galopp endete in einem mächtigen Luftsprung, aus dem das Pferd wieder mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden landete. Woodburys Kinn flog gegen seine Brust, als hätte ein schwerer Schlag seinen Kopf von hinten getroffen. Obwohl ihm der Schädel brummte, verließ ihn sein kämpferischer Instinkt nicht einen Augenblick. Bevor der Hengst sich schnaubend auf die Seite legen konnte, glitt er rechtzeitig geschickt aus dem Sattel.

Die riesige Masse des gewaltigen Tieres – es wog über vierzehnhundert Pfund! – wälzte sich krachend in den Sägespänen. Als es wie eine Katze wieder auf die Füße sprang, sprang auch Woodbury in einem eleganten Satz wieder in den Sattel. Ein dumpfer Schrei ging durch die Zuschauermenge, denn von seinem Mund tröpfelte Blut herab.

Es folgte jetzt eine so aufregende Szene, daß die Cowboys, die sich durch Woodburys tollkühnen Versuch doch etwas beschämt gefühlt hatten, alles um sich her vergaßen und in fachmännische Jubelrufe ausbrachen. Der Hengst bäumte sich, schlug aus, sprang mit gekrümmtem Rücken und mit allen vieren zugleich in die Luft, hob sich auf die Hinterhand und wirbelte wie ein Tänzer um seine eigene Achse, warf sich nieder und sprang wieder auf – doch immer noch saß der Reiter fest im Sattel ...

Er warf, ununterbrochen leichte Schreie ausstoßend, den Kopf hin und her. Die blutigen Lippen hatte er emporgezogen, so daß man die fest aufeinandergebissenen Zähne sehen konnte. Jetzt ließ er, als ob er die Kampfmethoden des Hengstes verachte, die schwere Peitsche spielen, die man ihm zu Beginn eingehändigt hatte. Über Hals und Schultern, über die weichen Flanken tanzte klatschend der Riemen. Das war nicht gerade sehr klug und geeignet, die Kraft des Tieres zu brechen – es war mehr eine Reflexbewegung in der wilden Freude am Kampf.

Das Pferd antwortete auf diese Herausforderung in seiner wütenden Art. Doch immer wieder sauste die Peitsche nieder. Das Bocken wurde raffinierter und überlegter, aber zusehends kraftloser. Trotzdem schien den tobenden und beifallbrüllenden Zuschauern der Ausgang der Sache noch reichlich unsicher. Plötzlich blieb der Hengst fast genau in der Mitte der Arena mit bebenden Flanken und gesenktem Kopf stehen. Kraft hatte er wohl noch genügend, aber sein kluger Instinkt fühlte das Nutzlose seiner Bemühung.

Noch einmal pfiff die Peitsche durch die Luft und traf klatschend das feuchtgewordene Fell. Doch das Pferd schlug nur noch mit dem Schweif – dann stolperte es vorwärts und fiel in einen gemächlichen Trab.

Der Beifallsjubel der Menge, so prasselnd und orkanartig er auch die Wände erschütterte, klang doch ein klein wenig enttäuscht. Man hatte zwar einen schönen Sieg und eine vollkommene Niederlage miterlebt, aber eigentlich hatte man auf Blut und Tod gehofft ...

Woodbury stieg aus dem Sattel und übergab Werther die Zügel. Sofort wurden sie von einer Schar Neugieriger umringt, die über die Brüstung gesprungen waren. Alles wollte den Sieger begrüßen, der so unwiderleglich die Überlegenheit des Ostens vor dem fernen Westen dargetan. Jungens kreischten begeistert, Männer stießen und drängelten sich, um ihm anerkennend auf die Schulter zu klopfen.

Werther hielt ihm stumm seine Handvoll Dollarnoten entgegen, doch Woodbury wies sie kopfschüttelnd zurück.

»Behalten Sie nur!« sagte er. »Im Gegenteil – eigentlich müßte ich Ihnen noch bezahlen ... Die Sache hat mir viel Spaß gemacht. Übrigens: dagegen ist Polo tatsächlich ein Kinderspiel!«

»Ach so!« meinte ein Zuhörer. »Sie sind Poloreiter – das erklärt ja manches!«

»Dann nehmen Sie wenigstens das Pferd!« sagte Werther eifrig. »Es kann ja doch kein anderer reiten!«

»Jetzt kann jeder es reiten!« antwortete Woodbury. »Behalten Sie's nur!«

Werther schmunzelte grinsend.

»Sie sind ein famoser Bengel! Aber recht haben Sie – ich werd's einem Hippodrom vermachen!«

William Drew, der große, grauhaarige Mann, tauchte über den Köpfen der Gruppe auf. Die Menge teilte sich vor ihm wie die Wogen vor dem Bug eines Dampfschiffes.

»Helfen Sie mir, daß ich hier durch und zu meiner Loge zurückkomme!« bat Woodbury Werther. »Teufel noch mal, den Schaden an meinen Hosen kann ich nicht mal mit meinem Mantel verdecken!«

Plötzlich fiel der Schatten des breitschultrigen, grauhaarigen Mannes über ihn. Er sah auf, sein Blick traf ein Paar scharfe Augen, die ihn durchdringend musterten.

»Hören Sie, mein Sohn!« sagte Drew bedächtig. »Sie sehen jemandem ähnlich, den ich kenne! Verzeihen Sie die indiskrete Frage: was war Ihre Mutter für eine Geborene?«

Einen langen Moment betrachteten sich die beiden prüfend, dann antwortete Woodbury ablehnend:

»Ich kann mich nicht entsinnen – ich habe sie nie gekannt!«

Schnell wandte er sich ab und bahnte sich einen Weg durch das Gewühl.

Der große Mann zögerte einen Augenblick. Als er sich anschicken wollte, ihm zu folgen, war der andere schon in der Menge untergetaucht. Er wandte sich darum an Werther.

»Hat er dir seinen Namen genannt?« fragte er erregt.

»Was – der Junge kann reiten!« antwortete der Kleine ganz außer sich. »Und meine tausend Dollar hat er mir auch noch gelassen, als ob das gar nichts wäre! Ich sage dir, Drew, an den Leuten im Osten ist doch was dran!«

»Zum Henker mit deinen Ostmenschen – seinen Namen will ich wissen!«

»Ach so ... Woodbury heißt er – Anthony Woodbury!«

»Woodbury?! ...«

»Ja – paßt dir vielleicht der Name nicht?«

»Das schon – nur ein bißchen überrascht hat er mich!« antwortete er, nachdenklich den Kopf schüttelnd.

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