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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 29
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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28. Kapitel

Die Cowboys waren kopflos vor den emporschlagenden Flammen aus den Fenstern und zur Tür hinaus geflohen. Nur Kilrain hatte daran gedacht, Bens schmächtigen Körper in Sicherheit zu bringen. Als er jetzt mit ihm in den Armen heraustaumelte, trat William Drew ihm entgegen.

»Was ist mit ihm? Hat er Brandwunden?«

»Erschossen ist er!« antwortete Kilrain bitter. »Das Greenhorn hat ihn umgebracht.«

»Was?! ... Um Gottes willen, zeig her!«

Die sonst so tiefe Stimme des Riesen klang schrill und überschlug sich fast.

Kilrain legte seine Last vorsichtig zu Boden.

»Hat sich gelohnt, die Komödie, die wir haben aufführen müssen!« sagte er vorwurfsvoll.

Drew stieß ihn beiseite und kniete neben dem ausgestreckten Körper nieder.

»Um ihn werd' ich mich kümmern!« sagte er dann barsch. »Rufen Sie die Leute zusammen, sie sollen Eimer holen und eine Kette nach der Pumpe bilden, damit das Feuer gelöscht wird.«

Einen Moment stand Kilrain unentschlossen da. Es kam ihm schwer an, den Sterbenden, der sein bester Freund gewesen war, jetzt zu verlassen. Dann aber siegte die Gewohnheit. Sein Leben lang hatte er den Befehlen anderer gehorchen müssen ...

Er rannte nach der Küche, um Eimer zu holen. Zwei Mann setzten den schweren Schwengel der Pumpe in Bewegung, und bald zischten Wasserfluten, in den großen Eimern von Hand zu Hand gereicht, in das prasselnde Feuer. Die Sache sah schlimmer aus, als sie war. Der Tisch war von dem brennenden Öl natürlich ergriffen worden, und die Dielen brannten, aber das Fachwerk des Hauses war nur leicht angekohlt.

Drew hatte inzwischen dem Verwundeten Rock und Hemd aufgeschnitten und ihm einen Notverband angelegt. Trotz der großen Vorsicht ächzte und stöhnte Ben bei jeder Berührung.

Kilrain stahl sich vom Löschen fort und kniete neben dem leidenden Kameraden nieder.

»Wie fühlst du dich denn, Jungchen?« fragte er mit fast mütterlicher Besorgnis.

Ben wollte antworten, doch rötlich verfärbter Schaum quoll ihm auf die Lippen.

Nash trat mit seiner Laterne in der Hand an die Gruppe.

»Laß den Blödsinn!« sagte er hart. »Du siehst doch, daß es mit dem armen Kerl zu Ende geht ... Na, da kann sich das Greenhorn ja gratulieren!«

Drew, der inzwischen mit dem Verband fertig geworden war, fuhr ihn bös an.

»Sie könnten auch etwas Besseres tun, als solche Drohungen ausstoßen! ... Vorwärts – angefaßt!«

Mit unendlicher Vorsicht hob Drew den Verletzten hoch, Nash nahm gehorsam die Füße, und schrittweise ging es in das Schlafzimmer des Hausherrn, wo der Kranke auf dessen breites Bett gelegt wurde. Die anderen waren schweigend dem traurigen Zuge gefolgt.

»Wer hat gesehen, wie auf Ben geschossen wurde?« fragte Drew.

»Ich!« antwortete Kilrain, der an der Tür stand.

»Und Sie sind sicher, daß der Fremde den unglücklichen Schuß abgegeben hat?«

»Selbstverständlich! Wer denn sonst?!«

»Es wäre doch immerhin möglich, daß einer von unseren Leuten ihn versehentlich getroffen hätte.«

Nash brummte vor sich hin; man konnte nicht verstehen, was er sagte, aber es klang ziemlich bedrohlich. Das gab Kilrain den Mut, Drew zu erwidern:

»Es sieht ja fast so aus, als ob Sie das Greenhorn in Schutz nehmen wollten?«

Der Alte zuckte zusammen, zwang sich aber zur Ruhe.

»Daran hab' ich keinerlei Interesse – nur, daß wir Ben durchkriegen, darauf kommt's an! ... Ich denke, Sie, Kilrain, als sein bester Freund, sind der richtige Mann dazu, sofort nach Eldara zu reiten und Doktor Young zu holen.«

»Ist ja verlorene Liebesmüh'!« knurrte Nash. »Sieht doch ein Blinder, daß der nicht zu retten ist.«

»Halten Sie den Mund, Nash! ... Wie ist's, wollen Sie hinreiten, Kilrain?«

»Versuchen müßt' man's ja wohl ...«

»Na, dann also schnell!«

»Ich komme mit!« rief Nash und wollte dem anderen folgen.

»Halt!« rief Drew ihm zu. »Ich weiß ja, was Sie vorhaben – aber Sie müssen bedenken, daß das Gesetz auf seiten des jungen Bard steht. Wenn's hier einen Schuldigen gibt, bin ich es! Er ist ganz ruhig in mein Haus gekommen, ich hab' ihn zurückhalten wollen und folglich war er der Angegriffene.«

»Na – in Eldara weiß man glücklicherweise Bescheid über ihn!« meinte Nash giftig. »Ich glaube nicht, daß Richter Glendin Ihre Ansicht über den Fall teilt.«

»Mit Glendin werde ich sprechen! Ihr zwei laßt jedenfalls die Finger von diesem Bard, sonst bekommt ihr's mit mir zu tun! Verstanden?«

Kilrain und Nash sahen sich einen Moment betroffen an, hielten es aber doch für geraten, den Alten jetzt nicht weiter zu reizen. Wortlos zogen sie sich zurück.

Während sie dem Stall zueilten, fragte Kilrain:

»Wie kommt's denn nur, daß der Chef sich so für diesen Teufelsbraten einsetzt?«

»Das ist doch ganz einfach: er hat selbst mit ihm eine Rechnung ins reine zu bringen und will natürlich nicht, daß wir ihm zuvorkommen!«

»Das werden wir aber doch tun – was, Stephan?«

»Wenn Glendin auf unserer Seite ist – ich will nämlich versuchen, daß er uns offiziell den Auftrag gibt, den Galgenvogel zu fassen.«

»Du hast doch ein feines Köpfchen, Nash! ... Aber wird Glendin drauf eingehen?«

»Das laß mal meine Sorge sein!«

Kilrain war so aufgeregt, daß er das Fehlen eines Pferdes im Stall gar nicht bemerkte. Nash war dies natürlich nicht entgangen.

»Auch noch ein Pferdediebstahl?!« murmelte er zufrieden vor sich hin, während sie sattelten. »Das ist ein hübscher Posten auf Herrn Bards Schuldkonto! ... Zweifellos: die Sache macht sich!«

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