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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 25
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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24. Kapitel

Die Bühne für die Komödie war in allen Einzelheiten fertig, alle Darsteller warteten nur noch auf das Zeichen zum Aufgehen des Vorhangs – nur das Publikum, für das man spielen wollte, kam und kam nicht. Schon senkten sich die abendlichen Schatten über das Arbeitszimmer Drews, in dem der dicke Lawlor ungeduldig auf und ab ging, seine Rolle memorierend.

Die Lampen wurden angezündet. Als wäre dies das Zeichen, auf das der Gast gewartet hatte, klopfte es jetzt an die Tür. Sie wurde aufgerissen, ein Cowboy steckte den Kopf herein und rief erregt:

»Er kommt!«

Der Kopf verschwand, die Tür flog ins Schloß. Lawlor reckte sich, schob seinen Gürtel zurecht, lockerte den Revolver im Halfter und holte tief Atem. Wieder wurde die Tür geöffnet. Diesmal war es das unangenehm grinsende Gesicht von Nash, der schadenfroh meldete:

»Er ist schon da!«

Als sich die Tür wieder geschlossen hatte, wurde es Lawlor entsetzlich klar, daß er so das Greenhorn unmöglich empfangen könne. Sein bleiches Gesicht, sein starrer Blick und das lächerliche Zittern seiner Hände müßten ihn ja unbedingt sofort verraten ...

Er ließ sich also in den bequemen Lehnstuhl seines Herrn fallen, nahm ein Buch, öffnete es und tat, als ob er lese. Aber die Zeilen tanzten vor seinen Augen.

Draußen wurden jetzt Stimmen vernehmbar.

»Natürlich können Sie ihn sprechen!« sagte Ben, »die Trauerweide«. »Und wenn Sie über Nacht bleiben wollen – es gibt keinen gastfreieren Menschen als unseren Herrn ... Hier rechts, bitte!«

Die Tür wurde abermals geöffnet – Lawlor konnte das nicht sehen, da er ihr krampfhaft den Rücken zugewandt hielt und in sein Buch vertieft tat – er fühlte nur den kalten Luftzug, der drohend aus der Vorhalle hereindrang.

»Hallo!« rief Ben ihn an.

»Was gibt's?« brummte Lawlor.

»Sie haben Besuch bekommen, Herr Drew.«

»Dann lassen Sie ihn eintreten!«

»Hier ist er schon!«

Die Tür wurde geschlossen, Lawlor klappte sein Buch zu.

»Drew!« rief eine leise Stimme hinter ihm.

Der Cowboy drehte sich im Stuhl um. Er hatte ursprünglich aufstehen wollen, doch das Drohende in der fremden Stimme hatte diese gute Absicht zuschanden gemacht. Der junge Bursche stand mit etwas vorgeneigtem Kopf und gespreizten Beinen, die Hände leicht auf die Hüften gestützt, vor ihm. Es war das Bild eines Menschen, der im Begriff ist, einen Gegner anzuspringen.

Lawlor, der unter seinem mächtigen Schnurrbart die Zähne fest zusammenbiß, wurde plötzlich Herr der Situation, da der Fremde in mehr als einem Sinne die Haltung vollkommen verlor. Seine Hände glitten von den Hüften, die Spannung seiner Glieder ließ nach, sein Blick bekam etwas Hilfloses. Lawlor erhob sich und streckte dem Besucher seine breite Rechte mit einem nicht minder breiten Lächeln entgegen. Er war ordentlich stolz darauf, wie beweglich sein Geist und sein Körper mit einemmal geworden waren.

»Guten Abend! ... Mit wem habe ich das Vergnügen?«

Der andere griff wie im Traum mechanisch nach der dargebotenen Hand.

»Sind Sie Herr Drew?« fragte er.

»Allerdings!«

»William Drew?«

Er hielt noch immer die Hand fest, als fürchte er, die Erscheinung da vor ihm könne sich plötzlich in Nichts verflüchtigen.

»Gewiß – William Drew ist mein Name ... Aber nehmen Sie doch Platz – tun Sie ganz, als ob Sie zu Hause wären.«

»Vielen Dank!« sagte der Fremde tief atmend, ließ sich, wie erschöpft, auf einen Stuhl fallen und starrte entgeistert den Hausherrn an. Der fand inzwischen Zeit, sich sein Gegenüber einmal genauer anzusehen. Er hatte offenbar einen langen Ritt hinter sich, denn er war von Kopf bis zu Fuß schmutzbespritzt. Sein Gesicht zeigte trotz der Verblüfftheit etwas unglaublich Entschlossenes. Lawlor dankte im stillen dem Himmel, daß er nicht in Wirklichkeit William Drew war.

»Entschuldigen Sie, daß ich mich Ihnen noch nicht vorgestellt habe!« sagte jetzt der Gast, der nur ganz allmählich wieder zu sich selbst zurückfand. »Ich heiße Bard – Anthony Bard.«

Lawlor, getreu seiner Rolle, mimte größte Überraschung.

»Bard?!«

»Ja gewiß – Anthony Bard.«

»Sehr erfreut! Sind Sie zufällig mit einem gewissen John Bard verwandt?«

»Warum?«

»War ein guter, alter Freund von mir, der John Bard!«

Er tat dabei, als ob die Erinnerung ihn überwältige.

»Ich habe schon von Ihnen und Ihrem Freund gehört, Herr Drew.«

»Wirklich?«

»Ja – eine sehr ungewöhnliche Geschichte!«

»Das war sie vielleicht ... Aber ein ganzer Kerl war mein alter Kamerad, das können Sie mir glauben!«

»Das weiß ich.«

»Wieso?«

»Nun – aus allem, was man mir erzählt hat!« antwortete Anthony. »Mich interessiert alles, was ich von ihm erfahren kann. Das ist ja begreiflich, wenn man den gleichen Namen führt – nicht wahr?«

»Allerdings ... Sie haben sicher lange nichts gegessen?«

»Gestern abend hab' ich zum letztenmal was zu mir genommen.«

»Zum Teufel – da müssen Sie ja ganz ausgehungert sein!«

»Es geht.«

»Es ist glücklicherweise bald Essenszeit. Wollen Sie so lange warten oder darf ich Ihnen gleich was anbieten?«

»Ich danke, ich warte lieber.«

»Aber ein Gläschen müssen Sie vorher mit mir trinken!«

Lawlor erhob sich und öffnete die Tür.

»He! Kilrain!«

Es dauerte eine Weile, ehe der ehemalige Matrose, den man draußen in der Küche singen hörte, auf die wiederholten Rufe reagierte. Endlich erschien er und fragte, die Hand militärisch an die Mütze legend, nach dem Begehr seines »Herrn«.

»Ich bitte mir aus, daß Sie in Zukunft etwas schneller kommen!« sagte Lawlor mit großer Würde. »Besorgen Sie uns was zu trinken!«

Kilrain japste nach Luft. Er war nahe daran, aus der Rolle zu fallen. Er würde sich sicher verraten haben, wenn Lawlor ihm nicht die Antwort, die er auf der Zunge hatte, abgeschnitten hätte.

»Zum Teufel noch mal!« schnob er ihn an. »Was glotzen Sie denn? Soll ich vielleicht noch lange warten?!«

Kilrain riß unwillkürlich die Knochen zusammen und verschwand.

»Man hat schon seine liebe Not mit den Leuten!« sagte Lawlor zu seinem etwas erstaunt dreinblickenden Gast. »Am liebsten würd' ich den Kerl sofort 'rausschmeißen – aber man kriegt so schwer Personal, besonders für die Küche!«

Als Kilrain endlich den bestellten Whisky brachte, gab es um ein Haar wieder eine Katastrophe. Der ehemalige Matrose, dem der alte »Schottische« lieblich in die Nase stieg, hielt es mit der Komödie, die man dem Fremden vorspielte, durchaus vereinbar, sich selbst ein Glas vollzuschenken, das er fürsorglich mitgebracht hatte. Die Worte, mit denen der angebliche Hausherr ihm diese Entgleisung vorhielt, waren so grob und gewöhnlich, daß sie Bard mehr als stutzig machten. Der ganze Ton paßte so gar nicht zu dem Bild, das er sich von dem Mann gemacht hatte, der auf den Grabstein seiner Frau hatte schreiben lassen: »Hier ruht Juana, das Weib von William Drew – Sie selbst hat sich diesen Platz für den ewigen Schlaf erwählt ...«

Lawlor mochte merken, daß er etwas zu dick aufgetragen hatte. Als sie wieder allein waren, suchte er seinen Fehler, wenn möglich, wieder gutzumachen.

»Man muß einen verdammt rauhen Ton anschlagen«, sagte er seufzend, »wenn man mit der Rasselbande auskommen will!«

»Zweifellos ist das nicht leicht!« antwortete Anthony. »Aber Sie treffen den Ton meisterlich.«

Lawlor schmeckte mit einemmal der herrliche Whisky gar nicht mehr. Es hatte etwas so Spöttisches in Bards Worten gelegen, daß ihm ganz angst und bange wurde. Um seiner Verstimmung Herr zu werden, griff er mit wahrem Feuereifer die Frage seines Gastes auf, der sich bescheiden nach Näherem über den berühmten Kampf mit der Piottoschen Bande erkundigte.

Jede Phase dieses denkwürdigen Ereignisses, die Lawlor auf seine primitive Weise in den glühendsten Farben schilderte, machte es Anthony klarer, daß er das Opfer einer Mystifikation sein müsse.

»Ja, ja – das waren noch Zeiten!« schloß der Cowboy seinen langen Bericht. – »Damals hat man doch gespürt, daß man lebt, aber heute ...«

»Bleibt einem nur die Erinnerung – und die Lektüre!« meinte Bard philosophisch und hob das Buch auf, das der »Hausherr« im Eifer der Erzählung von der Sessellehne herabgefegt hatte.

Lawlor verstand nicht gleich.

»Ach so? ... Ja freilich!« sagte er, während Anthony erstaunt auf dem vom häufigen Lesen ziemlich abgegriffenen Band las: »Die Kritik der reinen Vernunft« von Immanuel Kant. »Lesen ist meine liebste Beschäftigung, und das Buch da ist meine Lieblingslektüre.«

Er schielte dabei zu Bard hinüber, um eventuell noch schnell den Titel des Buches erhaschen zu können. Anthony, dem dieses Bemühen nicht entging, wagte einen entscheidenden Vorstoß.

»Das ist ja begreiflich«, sagte er vollkommen ernsthaft. »Der Autor versteht es doch meisterhaft, die amerikanische Landschaft in seinem Roman zu schildern.«

»Na – und die Charaktere?! ... Besonders die Frauen sind doch glänzend gezeichnet!«

Bard fühlte eine ungeheuere Erleichterung, während er bedächtig nickte. Er war ordentlich froh, daß dieser lächerliche Schwätzer nicht jener William Drew war, der die Grabschrift der Juana Piotto verfaßt hatte ... Man spielte ihm also hier eine Komödie vor, hinter der ohne Zweifel der wahre Drew, der Mann aus dem Madison-Square-Garden, stand ...

Während er noch überlegte, was er nun zu tun habe, klang Kilrains Stimme durch das Haus, der melodisch zum Essen rief und eine Glocke dabei schwang.

»Jetzt gibt's was zu futtern!« sagte Lawlor froh, daß das Schlimmste überstanden war. »Ich kann mir denken, daß auch Sie nicht gerade böse darüber sind!«

»Gewiß nicht!« antwortete Bard. »Obwohl mir's direkt leid tut, daß wir unsere interessante Unterredung abbrechen müssen – sie war außerordentlich lehrreich für mich!«

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