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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 24
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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23. Kapitel

Nash war plötzlich sehr gesprächig geworden. Wortreich entwickelte er seinen Plan, wie man den gefährlichen Gegner in einen Hinterhalt locken und durch einen wohlgezielten Büchsenschuß abtun solle. Anders als tot war dieser Bard, seiner Meinung nach, niemals unschädlich ...

Drew winkte sehr entschieden ab.

»Geschossen darf bei der Geschichte überhaupt nicht werden – merken Sie sich das ein für allemal! Kein Haar darf ihm gekrümmt werden!«

»Na – dann möchte ich wissen, wie Sie ihn unschädlich machen wollen.«

»Das lassen Sie ruhig meine Sorge sein! ... Sagen Sie mal, wie heißt doch der dicke Kerl unter unseren Leuten?«

»Meinen Sie Lawlor? Den mit dem grauen Bart?«

»Das wird er wohl sein. Sieht er mir nicht ein bißchen ähnlich?«

Nash mußte lachen.

»Grau sind Sie ja allerdings beide – aber Sie sind doch kräftig und er nur aufgeschwemmt.«

»Das schadet nichts – die Hauptsache ist, daß er grau und breit ist ... Dann übernehmen Sie jetzt mal Ihr Amt als Vormann und trommeln Sie die Jungens zusammen. Sie sollen sofort alle hierherkommen – aber beeilen Sie sich ein bißchen!«

Nash war dunkelrot vor Freude geworden, daß er trotz seinem bisherigen Mißerfolg avanciert war, und stürzte davon. Immerhin dauerte es zehn Minuten, bis er seine Leute zusammen hatte und an ihrer Spitze wieder ins Zimmer trat. Es war eine seltsame Schar – große und kleine, dicke und magere Männer – aber jeder einzelne ein bewährter Cowboy und mit allen Wassern des Westens gewaschen.

»Jungens!« sagte Drew, als alle um ihn herumstanden. »Heute abend kommt ein Greenhorn zu uns hier auf die Farm, und dem möcht' ich eine kleine Komödie vorspielen. Zu diesem Zweck soll, solange der Fremde hier ist, Lawlor meinen Platz einnehmen. Er soll für Drew gelten – habt ihr das verstanden?«

»Lawlor?« fragten einige erstaunt und sahen sich nach einem dicken, vergnügt dreinblickenden Alten mit einem unheimlich langen, grauen Backenbart um.

»Ja – weil er ungefähr so aussieht wie ich!«

Jetzt lachten alle.

»Na ja – dem Alter nach! ... Allerdings müßten Sie sich den Bart abnehmen lassen, Lawlor!«

Der faßte entsetzt nach seinem bedrohten Gesichtsschmuck.

»Abnehmen lassen? Sie scherzen wohl, Herr?«

»Nein, nein!« antwortete Drew lächelnd. »Ich werde Sie selbstverständlich dafür entschädigen.«

»Dreißig Jahre hab' ich gebraucht, ihn so weit zu bringen!« sagte der Cowboy vorwurfsvoll. »Glauben Sie, ich bin so charakterlos, ihn mir abkaufen zu lassen?! ... Geradesogut könnt' ich mich selbst verkaufen!«

»Na – dann lassen Sie's gut sein! Schließlich können Sie Ihre Rolle auch mit Bart spielen ... Also merkt euch, für heute ist Lawlor euer Herr!«

»Prägt euch das ordentlich ein!« grollte Lawlor augenrollend – schon ganz im Geist seiner Rolle.

Die anderen lachten.

»Ich bitte mir Ruhe aus!« rief Drew. »Lawlor macht seine Sache sehr gut – nehmt euch ein Beispiel daran! Was ihr im einzelnen zu tun habt, sag' ich euch noch nachher. Wir haben nicht viel Zeit mehr und ich muß erst mal Lawlor instruieren ... Aber merkt euch: wer sich einfallen läßt, zu grinsen, wenn Lawlor etwas befiehlt – den knöpf ich mir vor! Verstanden?«

Sie nickten und verließen mit todernsten Gesichtern das Zimmer.

Drew wandte sich, sobald sich die Türe hinter ihnen geschlossen hatte, an Lawlor, der ihnen überlegen schmunzelnd nachsah.

»Das Ganze hört sich wie ein Spaß an – ist es jedoch keineswegs!« begann er. »Wenn alles klappt, bekommen Sie einen Hunderter – schmeißen Sie mir die Geschichte, schmeiß' ich Sie 'raus!«

Der dicke Cowboy sah ganz verängstigt seinen Herrn an und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Mit so tragischen Eventualitäten hatte er allerdings nicht gerechnet.

»Das Greenhorn, das ich erwarte, ist alles andere als grün! Im Gegenteil: ein glänzender Reiter, ein sicherer Schütze und vor allem eine Kämpfernatur ... Mit so einem Menschen anzubinden, ist selbstverständlich nicht ungefährlich – auch für Sie nicht!«

Lawlor zauste nervös seinen Bart.

»Ich glaube, Sie lassen besser einen anderen die Rolle spielen, Herr ... Hundert Dollar findet man ja allerdings nicht alle Tage – aber lieber verzicht' ich drauf. Ich hab' immer ruhig meine Pflicht getan und leiste auch heute noch, was man von mir verlangt – bin aber zu alt und steif geworden, um mich jetzt vielleicht noch nach einer anderen Stelle umzusehen ... Nehmen Sie doch Nash statt meiner, der wird besser mit dem Burschen fertig werden.«

»Nein – mit dem wird nicht einmal Nash fertig!«

»Dann kann ich's doch erst recht nicht!« erklärte Lawlor überzeugt. »Auf Wiedersehen!«

»Halt! ... So schlimm, wie Sie denken, liegt der Fall nicht! Sie wird der junge Mensch nicht umbringen – sein Besuch gilt mir. Er hat mich mal gesehen, damals aber kannte er meinen Namen noch nicht. Wenn er nun Sie als angeblichen Drew hier findet, wird er denken, er hat sich geirrt und wird ein Haus weiterziehen.«

Lawlor nickte bedächtig.

»Ach – jetzt geht mir ein Licht auf!«

Drew erzählte ihm nun, soweit er es für nötig hielt, kurz den Zusammenhang, deutete auch die Geschichte an, die Nash in der einsamen Hütte Bard mitgeteilt.

»Vor allen Dingen kommt es darauf an, diesen Herrn Bard nicht mißtrauisch zu machen!« schloß er seinen Bericht. »Je weniger Sie ihm vorlügen, um so besser. Nur in einem Punkt müssen Sie unbedingt die Unwahrheit sagen: wenn er sich nach Nash erkundigt! Dann sagen Sie einfach, Sie hätten ihn fortgeschickt – er darf nämlich nicht damit rechnen, hier mit Nash zusammenzutreffen!«

Lawlor rieb sich die Hände, wie einer; der aus der kalten Winternacht ans wärmende Feuer tritt.

»Ich bin vollkommen im Bilde, Herr!« sagte er selbstzufrieden. »Lassen Sie das Bürschchen nur kommen – die Sache fängt an, mir direkt Spaß zu machen.«

»Um so besser! ... Vergessen Sie nur nicht, daß Sie sie durchaus ernst behandeln müssen.«

»Aber selbstverständlich – wenn's not tut, kann ich sogar auf Kommando heulen!«

Drew war jetzt völlig davon überzeugt, daß Lawlor schon den richtigen Ton treffen werde. Beruhigt überließ er es ihm, die weiteren Vorbereitungen selbst zu treffen. Dazu gehörte, daß man dem Ankömmling natürlich etwas zu essen anbieten mußte, und hierbei entstand schon eine Schwierigkeit. Das Hauspersonal des Farmhauses bestand nämlich aus zwei jungen Chinesen, die absolut Lawlors neue Stellung nicht begreifen konnten. Schließlich mußte Drew die Sache selbst in die Hand nehmen und sie durch zwei seiner Leute ersetzen, durch den »kleinen« Kilrain und Ben, »die Trauerweide«. Diesen Spitznamen verdankte Ben, dessen Vatersnamen kein Mensch auf der ganzen Farm kannte, seinem traurigen Gesicht, dem melancholischsten, das man sich denken konnte, obwohl er ein ganz lustiger, gewitzter Bursche war.

Kilrain, der früher einmal Seemann gewesen war, besaß ungewöhnlich geschickte Hände, die ihn für den von Drew zugedachten Posten als Küchenchef prädestinierten. Überraschenderweise weigerte er sich aber entschieden, ihn anzunehmen, da er es für unter seiner Würde hielt, ein »windiges« Greenhorn zu bedienen.

»Sie bekommen einen Monatslohn extra!« erklärte ihm Drew feierlich.

»Da pfeif' ich drauf!«

Eingedenk des alten Wortes, daß jeder Mensch seinen Preis habe, fragte ihn der Alte:

»Na – und was verlangen Sie dafür?«

Der frühere Matrose kratzte sich verlegen hinter dem Ohr. Ein seliges Lächeln ging über sein Gesicht, als ihm Drew zuredete, seine Forderung ruhig zu nennen. Wenn sie zu unbescheiden sei, könne er sie ja immer noch ablehnen.

»Unbescheiden ist sie schon – aber drunter kann ich's nicht machen! Einen ganzen Monat lang soll jeden Morgen ein anderer mir meinen Gaul satteln!«

»Abgemacht! Und was wollen Sie währenddessen tun?«

»Ich setz' mich mit einer Zigarette vor die Haustür und seh' zu!«

»Und was bekomme ich?« fragte Ben, die »Trauerweide«.

»Du bekommst deine Anweisungen von mir!« antwortete Kilrain stolz. »Vorwärts – scher dich an deine Arbeit in die Küche!«

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