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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 23
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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22. Kapitel

Als der Cowboy den Lasso in seiner Hand plötzlich schlaff werden spürte, hatte er nicht sofort begriffen, was geschehen war, denn das Geräusch des Schusses war natürlich im Rauschen des wildschäumenden Flusses fast völlig untergegangen. Erst, als er das Seil zurückgezogen und die Bruchstelle untersucht hatte, war ihm klargeworden, daß nicht eine zufällig besonders scharfe Felsecke den Lasso zerscheuert, sondern, daß Bards Überlegenheit sich wieder einmal sehr drastisch dokumentiert hatte. Daher seine sinnlose Wut!

Als er nun gar seinen Gegner das jenseitige Ufer gesund erreichen sah, fühlte er, daß er das Spiel endgültig verloren habe, da Bard die Farm um volle zwei Stunden vor ihm erreichen würde. Wenn das Greenhorn auch den Weg nicht kannte, war es doch sehr wahrscheinlich, daß er jemand treffen würde, der ihn ihm wies. Da er keinerlei Lust verspürte, ihm das Wagnis, den Fluß zu durchschwimmen, nachzumachen, blieb ihm nur übrig, die Schecke zu erschießen ...

Sein eignes Pferd schonte Nash nicht einen Moment, denn es bestand ja immerhin noch die Möglichkeit, daß Bard auf irgendeine Weise einen anderen Gaul auftrieb und ihm doch noch zuvorkam. Drew mußte unbedingt gewarnt werden, denn für ihn bedeutete das Zusammentreffen mit dem Jungen eine große Gefahr – das fühlte Nash immer deutlicher.

Es war bereits Nachmittag, als er zu Haus ankam und direkt zu seinem Herrn eilte. Bis unter die Augen mit Kot bespritzt von dem langen Ritt, die Wangen grau von einem drei Tage alten Stoppelbart, machte er gerade keine allzu glückliche Figur, als er in Drews Arbeitszimmer eintrat, wo er diesen in ein Buch vertieft fand. Während er noch nach Atem rang, musterte ihn der Farmer lächelnd.

»Na – Sie sehen gerade nicht aus, als ob die Sache gut gegangen wäre!« sagte er schließlich.

»Alle Teufel der Hölle kämpfen auf seiner Seite!« antwortete Nash zähneknirschend. »Ich hatte ihn schon fest, an Händen und Füßen gefesselt – und trotzdem ist er mir durch die Lappen gegangen!«

»Wie ist das möglich!«

»Er hat einfach meinen Lasso entzweigeschossen!«

Drew legte ein Lesezeichen in sein Buch, klappte es zu und sagte dann mit unerschütterlichem Gleichmut:

»Dann müssen Sie's eben noch einmal versuchen! Nehmen Sie sich ein halbes Dutzend Leute und überraschen sie ihn im Schlaf ...«

»Geradesogut kann man einen Wolf überrumpeln wollen.«

Die buschigen Augenbrauen des Alten zogen sich finster zusammen.

»Wie weit ist er wohl noch von hier entfernt?«

»Zwei, drei Meilen – ich weiß nicht ... Auf alle Fälle wird er vor Anbruch der Nacht hier sein.«

Der riesige Mann wechselte die Farbe und faßte nach der Tischkante, um nicht umzusinken. Nash wurde angst und bange unter seinem drohenden Blick.

»Er kommt hierher?!«

»Ja – gewiß.«

»Nash, Sie Satansnarr – sind Sie etwa so kreuzdämlich gewesen, ihn merken zu lassen, daß Sie ihn hierherbringen sollen?!«

»Aber nein – er war ja schon allein hierher unterwegs!«

Drew sprang auf und durchmaß mit großen Schritten das Zimmer. Plötzlich blieb er vor Nash stehen und fragte, sich zur Ruhe zwingend:

»Wissen Sie, was er hier will?«

»Nein – denn, daß er Sie um die Erlaubnis bitten will, drüben zu jagen und zu angeln, ist bestimmt ein Schwindel. Er weiß längst, daß Sie nichts dagegen haben.«

»Kennt er mich?«

»Nur dem Namen nach.«

»Hat er sich näher nach mir bei Ihnen erkundigt?«

»Er hat nur gefragt, wie Sie aussähen.«

»Und das haben Sie ihm gesagt?«

»Sollt' ich etwa nicht? Ich hab' ihm nur beschrieben, wie Sie wären: groß, breitschultrig – mit grauen Haaren ... Dann hab' ich ihm allerdings noch die Geschichte von Ihnen und John Bard erzählt.«

Drew ließ sich in einen Sessel fallen und stützte das Kinn in die Hand.

»Was für eine Geschichte?«

»Na, die alte – wie es gekommen ist, daß Sie Juana Piotto heirateten und John Bard aus der Gegend hier verschwunden ist.«

»Was noch?«

»Weiter nichts – mehr weiß ich ja selbst nicht.«

Einen Moment starrte Drew vor sich hin, dann ließ er sich das Zusammentreffen von Nash und Anthony Bard in allen Einzelheiten berichten. Als Nash die Schlußepisode, das Erschießen der Schecke erzählte, fuhr Drew wütend auf.

»Das war eine Rieseneselei – jetzt weiß er also doch, daß Sie was gegen ihn vorhaben.«

»Aber keine Spur – er denkt, es ist nur wegen eines Mädels gewesen.«

»Wieso? ... Ist er in eine Weibergeschichte verwickelt?«

»Und ob – er will mir Cilly Fortune ausspannen, der Schweinehund!«

Nashs Augen funkelten vor Wut, er war direkt blaß geworden unter seinem Stoppelbart. Drew lächelte.

»Er fängt ja recht früh an – was?«

»Bei Pferden und Weibern hält er sich jedenfalls nicht lange bei der Vorrede auf.«

Drew nickte.

»Na – und mit euch Kerlen macht er offenbar auch nicht viel Federlesens? ... Wenn man so denkt: Sandy Ferguson, der ›blutige‹ Conklin – eine ganz hübsche Strecke für zwei Tage! Jetzt wollen Sie natürlich mit ihm anbinden wegen Cilly Fortune – was?«

»Ich krieg' ihn schon klein!« meinte der Cowboy, wieder ruhig geworden. »Im Spiel hab' ich immer Glück – letzten Endes gewinn' ich doch!«

»Aber nicht Cilly Fortune!«

»Wieso das?« fragte Nash verblüfft.

»Weil Ihr Konkurrent von besseren Eltern stammt als Sie – ich kenne sein Blut, verlassen Sie sich darauf! ... Aber darum handelt es sich jetzt nicht. Der Junge wird längstens in ein, zwei Stunden hier sein – wir haben noch allerlei zu tun bis dahin!«

»Lassen Sie ihn lieber nicht ins Haus!« antwortete Nash ängstlich. »Man soll den Teufel nicht unter seinem Dach empfangen ... Außerdem, wenn er mich hier wittert ...«

»Er soll ruhig kommen – aber er wird weder Sie noch mich zu Gesicht bekommen, ehe ich ihn nicht unschädlich gemacht habe!«

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