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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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21. Kapitel

Kalt und feucht legte sich die Dunkelheit auf Nashs Gesicht, kalt und schwer das Gefühl seines Mißerfolges sich ihm aufs Herz. Doch die Leute des Westens hat das Leben etwas gelehrt, was mehr wert ist als alle Kraft: Geduld ...

Geräuschlos, wie er sich aufgerichtet hatte, ließ er sich wieder niedergleiten und wickelte sich resigniert in seine Decke. Er wußte genau, daß er beim ersten Aufdämmern des Morgens erwachen würde, während sein Gefährte, den der lange, ungewohnte Ritt sicher sehr mitgenommen hatte, dann bestimmt noch fest schliefe. Er brauchte ja nur so wenig Licht, das Versäumte nachzuholen ...

Als das erste Grauen des nahenden Tages die Dinge um ihn her wie durch einen dichten Nebel erkennbar machten, richtete er sich vorsichtig auf. Doch da fand er Bard schon auf dem Rand seines Lagers sitzen und sich die Stiefel anziehen.

»Na, wie haben Sie geschlafen?« knurrte er enttäuscht und folgte dem Beispiel Anthonys.

»Nicht besonders!« antwortete der munter. »Wissen Sie, Ihre Geschichte hat mich etwas erregt – ich hab' die ganze Nacht darüber nachgrübeln müssen!«

Ich hab' mir's doch gedacht – sagte Nash zu sich selbst – er ist die ganze Zeit über wach gewesen! ... Trotzdem hätte ich's versuchen sollen ... Allerdings, die Sache mit dem Papierfetzen war reichlich instruktiv gewesen ... Nun – er würde schon noch eine Gelegenheit finden ...

Wenige Minuten später waren sie bereits im Sattel und machten sich, ohne gefrühstückt zu haben, auf den Weg. Der Regen hatte aufgehört. Über den braunen Hügeln rings lagerte ein feierliches Schweigen, das ab und zu nur ein leises, eigentümliches Geräusch unterbrach. Es klang, als ob die verdurstete Erde den Regen einsauge. Es mußte ganz außergewöhnlich viel gefallen sein – das zeigten schon die kleinen Rinnsale, die sonst kaum die Hufe der Pferde netzten, während sie ihnen jetzt fast bis an die Schultern reichten.

»Der Saverack ist glatt unpassierbar!« meinte Nash. »Wir tun besser, gleich nach der Furt zu reiten.«

»Wie lange würde denn das in Anspruch nehmen?«

»Na – um drei Stunden wird es die Sache verlängern.«

»Dann kommt's für mich nicht in Frage! Sie wissen ja: meine Verabredung in Eldara!«

»Den Blödsinn müssen Sie aber gefälligst allein machen!« sagte Nash wütend.

Als sie den Gipfel des nächsten Hügels erreichten, sahen sie vor sich eine breite, schäumende Wassermasse, die das ganze Tal wild überflutete. Die Strömung war so reißend, daß sich weiße Wogenkämme auf dem schmutzigen Gelb zeigten.

»Das ist der Saverack!« sagte Nash ein wenig spöttisch. »Wie denken Sie jetzt darüber, ihn zu durchqueren?«

»Wenn wir ihn nicht überqueren können, werden wir eben hinüberschwimmen!« erklärte Bard eigensinnig. »Vorwärts, mein Sohn!«

Damit meinte er seinen Hengst, dem er den stolzgetragenen Hals klopfte.

»Wollen Sie wirklich den Unfug wagen?« fragte Nash ungläubig. »Ist Ihnen die Verabredung soviel wert?«

»Es handelt sich weniger um die Verabredung als um ein Versprechen, das ich gegeben habe! ... Abgesehen davon – solche Sachen hab' ich schon als ganz junger Bursche nur zum Vergnügen gemacht.«

Er ritt den Abhang hinunter.

»Na, wie ist's, Nash – kommen Sie mit?«

»Versuchen Sie's erst mal allein!« rief der. »Ich werd' vorläufig hier am Ufer bleiben. Wenn die Geschichte schief geht, werf ich Ihnen mein Seil zu. Schaffen Sie's aber, komme ich nach.«

Bard schien mit einemmal bedenklich – oder mißtrauisch zu werden.

»Wie weit ist's nach der Furt?« fragte er.

»Gegen acht Meilen!« antwortete Nash, die Entfernung plötzlich verdoppelnd.

»Acht Meilen?« wiederholte Anthony, seine Frage schon bereuend. »Nein, das ist zu weit! Es muß hier gehen!«

Seitlich, um dem Cowboy, der seinen Lasso für alle Fälle wurffertig machte, nicht den Rücken zuzuwenden, trieb Bard seine Schecke in die Flut hinein. Der Hengst fing schon zu straucheln an, als ihm das Wasser bis zu den Knien reichte. Der Boden war nämlich durch Steine und große Felsblöcke, die die Strömung mit sich gerissen hatte, uneben, locker und unsicher geworden. Trotzdem gab Anthony dem Tier die Sporen. Unwillig ging es vorwärts und verlor bald den Grund unter den Füßen. Um ihm das Schwimmen zu erleichtern, schwang er sich aus dem Sattel, hielt sich mit der Linken am Schweif des Hengstes und ließ sich so mitziehen.

Wiederholt schlugen ihm jetzt die Wogen, deren Brausen ihm merkwürdig gedämpft vorkam, über dem Kopf zusammen. Er hatte das Gefühl, als ob tausend unsichtbare Hände ihn in die Tiefe zerren wollten. Wenn er nur die Stiefel ausgezogen hätte – dachte er. Ein tapferes Tier war doch sein prächtiger Gaul! ... Nur der Kopf guckte noch aus der schlammigen Flut, aber die gespitzten Ohren waren immer nach dem jenseitigen, nicht nach dem diesseitigen Ufer gerichtet, das doch näher und darum leichter zu erreichen wäre ...

Bis jetzt waren sie ganz gut vorwärtsgekommen. Je mehr sie sich aber der Mitte des Flusses näherten, um so weiter wurden sie abgetrieben. Zweimal schon wären sie um ein Haar gegen scharf zackige Felstrümmer geschleudert worden, von denen nur die Spitzen aus dem Wasser herausragten. Eine Zeitlang kamen sie auch nicht einen Zoll breit vorwärts ...

Anthony sah, als er den Kopf etwas seitlich bog, Nash, den Lasso in der Hand, im Sattel sitzen und sich vor Lachen schütteln. Schon im nächsten Augenblick aber entschwand er seinem Blick, da sich eine große Steinmasse zwischen ihn und das Ufer geschoben hatte. Gegen diesen Felsen riß ihn jetzt der Lasso, dessen Schlinge ihm über die Schulter gesaust war. Er dachte sofort daran, die Fessel zu zerschneiden, doch es war ihm völlig unmöglich, das Messer zu fassen. Mit den Zähnen hätte er es ja öffnen können, ohne den Schweif des schwimmenden Pferdes loszulassen. Endlich bekam er seinen Revolver zu fassen. Er zielte vorsichtig nach der Stelle, wo sich das straffgespannte Seil an der scharfen Felszacke scheuerte. Das Geschoß zerriß den Lasso – er konnte sich wieder frei bewegen.

Ohne nach Nash zurückzublicken, schwamm er vorwärts, nachdem er den Revolver mit größter Mühe wieder in den Halfter zurückgesteckt hatte.

Mit lauten Rufen feuerte er das Pferd an, dessen Kräfte fast ausgepumpt waren. Die brave Schecke spitzte die Ohren, legte sie aber schnell wieder an. Aus Leibeskräften mit den Füßen ausstoßend, schob Bard sie vorwärts. Endlich fühlte das Tier wieder Grund unter den Hufen, doch die Strömung war so stark, daß es immer wieder zurückgetrieben wurde. Mit einem letzten Einsatz aller Kräfte gelang es, auch diesen Wirbel zu überwinden, dann ging es langsam, fast zentimeterweise, dem ersehnten Ufer zu. Zitternd vor Erregung und Erschöpfung erreichten sie es ...

Als Bard jetzt zu Nash hinüberblickte, sah er, wie dieser, tobend vor Wut, den Rest seines Lassos fortwarf. Ehe er diesen Temperamentsausbruch über ein ruiniertes Seil noch recht begreifen konnte, riß der Cowboy das Gewehr aus der Satteltasche. Ein Schuß blitzte auf, und die Schecke, die Ohren wie voller Neugier gespitzt, sank zu Boden. Die Schnelligkeit, mit der das geschah, raubte Anthony für einen Moment jede Entschlußkraft. Wie vor den Kopf geschlagen, stand er da und starrte auf das verendete Tier. Als er den Blick hob, sah er auf dem jenseitigen Ufer Nash in der Richtung nach der Furt in gestrecktem Galopp davonjagen ...

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