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Ruf in die Nacht

Max Brand: Ruf in die Nacht - Kapitel 21
Quellenangabe
authorMax Brand
titleRuf in die Nacht
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf.
yearo.J.
translatorFranz Eckstein
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180402
projectid01cda543
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20. Kapitel

»Die Sache liegt also, wie gesagt, schon weit zurück. Sie spielt in der guten, alten Zeit, als die Ortsrichter noch froh waren, wenn sie Hand in Hand mit den ›Langstreckenreitern‹ arbeiten konnten.«

»Langstreckenreiter?« fragte Bard. »Was waren denn das für Leute?«

»Ganze Kerle jedenfalls! Man nannte sie so, weil sie immer im Sattel waren, heute in Eldara einritten und den Geldschrank der Bank aufknackten, und übermorgen schon irgendwo, ein paar hundert Meilen entfernt, einen Zug zum Halten brachten. Sie klebten nie an einer Gegend, zumal sie die besten Pferde hatten, die für Geld zu kaufen waren. Gewöhnlich arbeiteten sie in kleinen Banden von fünf, sechs Männern, manchmal aber schlossen sich auch mehrere zu größeren Verbänden zusammen. Dann aber gab's meist bald Krach – ein paar Mitglieder schlugen sich gegenseitig tot und der Rest lief auseinander. Wie's halt so geht im Leben ...

Hielt aber mal eine Bande längere Zeit zusammen, dann war sie bald bekannt und gefürchtet von einem Ende des Gebirges bis zum anderen ... Was sie aneinanderkettete, war gewöhnlich ein Führer, eine überragende Persönlichkeit, die sie richtig zu behandeln wußte und sie unter ihren Willen zwang.

So war's auch mit dem alten Piotto. Der hatte nur fünf Mann unter sich – aber jeder einzelne war ein Bursche, der barfuß durch die Hölle spaziert wäre. Jeder für sich hätte bestimmt allerlei geleistet – aber, von Piottos Faust zusammengehalten, wurden sie einfach unüberwindlich. Der Alte war ein glänzender Schütze und verstand außerdem meisterhaft, dem Gesetz ein Schnippchen zu schlagen, alle Dinge für sich zum besten zu kehren ... Außer seinen fünf Leuten hatte er noch seine Tochter Juana bei sich, die allein zwei Mann wert war.

Drei Jahre blieb die Bande zusammen und wurde dabei reich, richtiggehend reich. An die tausend Male wurde die Gegend gegen Piotto aufgeboten, aber niemals kamen die Leutchen auch nur auf Schußweite an ihn heran. Meist kehrten sie zurück, ohne eine Spur von ihnen entdeckt zu haben. Schließlich wurde Piotto seiner Sache so sicher, daß er einfach auf die Farmen der wohlhabenden Ansiedler ritt, sich die Leute herausholte und nur gegen ein tüchtiges Lösegeld wieder freiließ. Das ist natürlich ein sehr bequemer Weg, zu etwas zu kommen – nur ein verdammt gefährlicher.

Einmal hatte er auf diese Weise zwei junge Leute ausgehoben, die eben erst aus dem Osten gekommen waren, um ihr Glück im Viehhandel zu probieren. Sie waren noch sehr grün, sahen noch aus wie Stadtfräcke, taten aber sehr groß. Piotto nahm sie mit in die Berge und legte ihnen nahe, an ihre Angehörigen im Osten um Geld zu telegraphieren, damit er sie wieder freilassen könne. Ein leichter Verdienst für den alten Schnapphahn – aber der Anfang vom Ende. Während die beiden jungen Burschen auf den Eingang des Lösegeldes warten mußten, bekamen sie nämlich Juana zu Gesicht. Und sie sahen sie sich richtig an ...

Ich habe schon gesagt, daß Juana mehr als zwei Männer wert war – mehr als zehn Durchschnittsmädels war sie außerdem wert! Noch heute erzählt man sich bei uns Geschichten über die Schönheit von Juana Piotto. Schlank war sie und hochgewachsen, hatte große, schwarze Augen ... Höllisch geschickt verstand sie mit ihrem Revolver umzugehen, jeden Gaul konnte sie reiten, und Furcht kannte sie nicht einmal vom Hörensagen ...

Na – die beiden jungen Leute sahen sie also. Der eine war William Drew, der andere hieß John Bard.«

Er richtete sich auf und sah, einigermaßen enttäuscht, daß Anthonys Gesicht keinerlei Bewegung verriet. Offenbar war seine Pointe verpufft! ...

»Der zweite hatte genau denselben Namen wie Sie!« sagte er, um sein Aufrichten zu motivieren.

»Gott ja – der ist ja nicht gerade selten!« meinte Bard und gähnte.

»Stimmt auch wieder ... Na, jedenfalls verliebten sich die beiden prompt in Juana, wie man sich ja denken kann. Als sie dann wieder frei wurden, kriegten sie sich aber nicht an den Köpfen, wie sonst wohl zwei Freunde getan hätten, die für dasselbe Mädel entflammt sind! Klug, wie beide waren, setzten sie sich zusammen und überlegten. Jeder allein hätte keinerlei Chance, Juana aus ihres Vaters Bande herauszuholen, wenn sie aber zusammen vorgingen, bestände der Schatten einer Möglichkeit – sagten sie sich. Also beschlossen sie, Piottos Spur zu suchen und nicht zu ruhen, bis sie Juana geraubt hätten. Dann sollte sie zwischen ihnen frei wählen – der aber, auf den ihre Wahl nicht fiele, habe einfach zu verduften ...

Was sie beschlossen hatten, führten sie denn auch aus. Sechs Monate lang waren sie hinter dem alten Piotto her, ohne auch nur auf Rufweite an ihn heranzukommen. Schließlich aber überraschten sie die Bande in einem verlassenen Ansiedlerhaus, wo sie Rast hielt.

Es klingt wie ein Märchen – aber ich kenne alte Burschen, die sich für die Wahrheit der Sache verbürgen. Drew und Bard erschossen drei von den Kerlen, einen brachten sie mit dem Messer um und den letzten mit der nackten Hand. Es muß nicht gerade heiter ausgesehen haben, damals in dem Haus ... Schließlich war nur der alte Piotto übrig, der sich wie ein Wildkater wehrte, und seine Tochter. Sie hatten ihn in einen Winkel getrieben. William Drew nahm ihn einfach in die Arme und legte ihn auf den Rücken. Daß ihm das möglich war, werden Sie begreifen, wenn Sie William Drew erst mal gesehen haben.

Das Mädel war ohnmächtig geworden, bevor das geschah. So konnten denn Bard und Drew, während sie dasaßen und sich gegenseitig die Wunden verbanden – sie hatten nämlich auch ein paar Treffer bekommen –, die Sache ruhig besprechen. Sie waren sich klar darüber, daß das Mädchen auf keinen Fall den Mann würde heiraten wollen, der ihren Vater getötet hatte.

Nun war es ja William Drew gewesen, der den Alten umgebracht hatte, aber sie meinten, daß das ein reiner Zufall gewesen sei und darum kaum Grund für ihn vorläge, diese ›Schuld‹ so ohne weiteres auf sich zu nehmen. Mitten unter den Toten, die herumlagen, warfen sie eine Münze: ›Kopf oder Schrift‹. Der Verlierer sollte sich zu der Tat bekennen – den anderen würde das Mädel dann schon nehmen ... Weiß Gott, was hätt' ich darum gegeben, die Szene mit ansehen zu können! Sie müssen nämlich wissen, daß Bard nicht etwa kleiner oder schwächlicher war als William Drew.

Sie warfen also – und Bard verlor. Er bat dann seinen Kameraden, ihm noch eine Chance zu geben. Er wolle selbstverständlich dem Mädel gegenüber die Sache auf sich nehmen, trotzdem aber versuchen, sie zu gewinnen. Drew ging darauf ein, doch dem anderen nutzte das nichts. Während er dem jungen Mädchen seine Liebe erklärte, zog dieses ein Messer und versuchte ihn zu erstechen. Drew hatte alle Hände voll zu tun, die beiden auseinanderzubringen ...

Sie schwor bei allem, was ihr heilig war, den Tod ihres Vaters an Bard zu rächen – und wenn sie ihn bis ans Ende der Welt verfolgen müsse. Sie war eben eine von der ganz wilden Sorte.

Das war auch der Grund, warum Drew, den sie schließlich doch noch heiratete, sie auf die andere Seite des Gebirges brachte, wo er das Haus für sie baute, das Sie ja kennen. Bard aber verließ die Gegend und hat sich niemals wieder hier blicken lassen.«

Jetzt wurde Anthony auf einmal manches klar, was er sich bisher nicht hatte erklären können. Offenbar hatte es zwischen seinem Vater und diesem Drew noch einmal eine sehr stürmische Auseinandersetzung gegeben, bevor er von hier fortgegangen war und die ganze Breite des Kontinents zwischen sich und ihn gelegt hatte. In den Oststaaten hatte er dann jenes dunkeläugige Mädchen getroffen, das er liebte, weil sie der wilden Tochter des alten Piotto ähnlich sah und die darum seine Mutter geworden war. Juana aber hatte offenbar ihrem Mann das Versprechen abgenommen, den einstigen Kameraden zu töten. Diesem Versprechen war sein Vater zum Opfer gefallen ...

»Juana ist dann gestorben?« fragte er leichthin.

»Ja – und unter den beiden Bäumen vor dem alten Haus liegt sie begraben. Wie lange sie nach der Hochzeit noch gelebt hat, weiß kein Mensch. Nur, daß Drew wahnsinnig unter ihrem Tod gelitten hat und noch leidet, das wissen wir alle. Jeden Monat geht er auch heute noch einmal an ihr Grab, säubert es von Gras und den Stein von Moos.«

Die Kerze war fast völlig herabgebrannt. Bard gähnte laut und vernehmlich, griff aber heimlich nach dem Kolben seines Revolvers, denn jeden Augenblick mußte der flackernde Docht verlöschen und tiefes Dunkel sie umhüllen.

»Wirklich, eine sehr interessante Geschichte, die Sie da erzählt haben: ich hab' schon lange nichts so Spannendes gehört – aber trotzdem hat sie mich müde gemacht«, sagte er und drehte sich auf die andere Seite.

Nash traute seinen Augen nicht. Er richtete sich langsam ein wenig auf. Seine Hand faßte verstohlen nach dem Lasso. Ein leichter Schnarchlaut traf sein Ohr – weniger eigentlich ein Schnarchen als das ruhige, tiefe Atmen eines Mannes, der, sehr ermüdet, vom Schlaf überrascht worden ist.

»Ich laß mich hängen!« murmelte Nash vor sich hin, »wenn der Junge wirklich eingeschlafen ist!«

Seine ausgestreckte Hand rührte sich nicht. Der Docht der Kerze flackerte noch einmal auf, dann neigte er sich zur Seite und erlosch ...

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